Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden, Das Lied von der Erde – Gustav Mahler, IOCO Kritik, 07.07.2020

 Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Das Lied von der Erde – Gustav Mahler

Symphonischer Liederzyklus für Soli und Kammerorchester

bearbeitet von Arnold Schönberg, vollendet von Rainer Riehn 1983 –  aus dem Chinesischen übertragen  von Hans Bethge

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1. Das Trinklied vom Jammer der Erde – nach Li-Tai-Po (Tenor)

2. Der Einsame im Herbst – nach Chang Tsi (Bariton)

3. Von der Jugend – nach Li-Tai-Po (Tenor)

4. Von der Schönheit – nach Li-Tai-Po (Bariton)

5. Der Trunkene im Frühling – nach Li-Tai-Po (Tenor)

6. Der Abschied – Textneuschöpfung von Gustav Mahler  (Bariton)

von  Ingrid Freiberg

Wehmütige Gedanken im schönsten Kurhaus der Welt

In dem Corona-bedingt schon mit nur wenigen Zuhörer*innen ausverkauften Saal sitzend, das prächtige Ambiente bewundernd und sinnend, dass Kaiser Wilhelm II. im Mai 1907 der Einweihung des Kurhauses Wiesbaden beiwohnte, welches als Nachfolger des 1810 fertiggestellten kleineren Cursaals von Friedrich von Thiersch erbaut wurde, enden in wehmütigen Gedanken. Wenig hilfreich ist dabei, dass der Kaiser das Haus überschwänglich als das „schönste Kurhaus der Welt“ würdigte.

Yin und Yang in Gustav Mahlers Musik

Gustav Mahler Grabstätte in Wien © IOCO

Gustav Mahler Grabmal Wien © IOCO

1907 gelang das Insel-Bändchen Die chinesische Flöte in Gustav Mahlers Hände. Alma Mahler erinnert sich: Die Gedichte entzückten mich so sehr, dass ich sie meinem Ehemann vorlas. Hans Bethge, ein Orientalist, hatte die altchinesische Lyrik – knapp 70 Gedichte – ins Deutsche übertragen. Mahler war emotional sehr berührt und entdeckte sich in ihr wieder. Die Lyrik ist gezeichnet von Yin und Yang: vom Tag, der Nacht, dem Frühling, dem Herbst, von hell und dunkel. Jedes Stück wechselt sich im Charakter ab. Der Tenor singt das Lebensbejahende, das Exzessive, die Freude am Leben, der Bariton den Herbst, die Ruhe, den Frieden und zum Schluss den Abschied.

Der Abschied ist eine Textneuschöpfung Mahlers, der zwei Gedichte verschiedener Autoren mit eigenen Verszeilen kombinierte – in der Verbindung von rezitativischen und ariosen Elementen und der gattungsübergreifenden Formanlage eine Mittelposition einräumte. Die Musik gehört zum Berührendsten was Gustav Mahler geschrieben hat: Es ist ein Abschiednehmen von der Erde, ein Wandern in die Berge, wo das einsame Herz Ruhe findet… Damit hat er seinen Abschied vorbereitet. Der Komponist mag in den von ihm ausgewählten Gedichten des 8. und 9. Jahrhunderts, die die Entfaltung und Neige des menschlichen Lebens durch die Abfolge der Jahreszeiten symbolisieren, manches von der Ursprünglichkeit der Wunderhorn-Lyrik wiedergefunden haben.

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Kurhaus Wiesbaden / Friedrich von Thiersch Saal © Ingrid Freiberg

Schicksalhafte Einrbüche

Das Jahr 1907 brachte dem Komponisten schicksalhafte Einbrüche: beruflich die Aufgabe der Wiener Direktorenposition und der Weggang nach New York, privat der plötzliche Tod seiner Tochter Maria Anna und die Diagnose des eigenen schweren Herzleidens. Alma hielt fest: …jetzt überfielen ihn diese maßlos traurigen Gedichte! Er skizzierte auf weiten einsamen Spaziergängen die Orchesterlieder, aus denen ein Jahr später Das Lied von der Erde werden sollte. Mahler war ein sogenannter Sommerkomponist, der sich in jedem Jahr ein Sommerhaus mietete, ein Klavier hineinstellte, um dort seine Symphonien zu schreiben. Das war ihm in seinem Schicksalsjahr 1907 nicht möglich… Während seiner Hauptarbeitsphase im darauffolgenden Sommer 1908 wandelte sich das ursprüngliche Lied-Konzept. Die Arbeit vergrößerte sich. Mahler verband die einzelnen Texte, komponierte Zwischenspiele. Die Lieder trugen der im Jugendstil verbreiteten Asiatica-Mode Rechnung.

Das außerordentliche Werk ließe sich doppelt definieren: als eine zum Symphonischen hin verdichtete Liederfolge oder als eine großangelegte Symphonie mit Singstimmen. Nach Abschluss der ins Oratorische sich öffnenden Achten und vor dem Entschluss zu weiteren, nun wieder rein instrumentalen Symphonie-Projekten, sah Mahler in der Mischgattung Lied von der Erde eine reizvolle Möglichkeit. Die nachfolgende Neunte konnte er vollenden, während es ihm bei der Zehnten nicht mehr möglich war.

 Kurhaus Wiesbaden / vl Klaus Florian Vogt, GMD Patrick Lange, Michael Volle © Ingrid Freiberg,

Kurhaus Wiesbaden / vl Klaus Florian Vogt, GMD Patrick Lange, Michael Volle © Ingrid Freiberg,

Es gelangen mehrere Fassungen des Liedes von der Erde zur Aufführung: neben der großen Orchesterfassung, eine von Mahler selbst stammende Klavierfassung (statt Orchester), die über den Rang eines Klavierauszugs zu Studienzwecken hinausgehend für konzertmäßige Aufführungen gedacht ist, oder die später von Arnold Schönberg und Rainer Riehn erarbeitete kammermusikalische Fassung für 14 Instrumentalisten. Die Idee, in Wiesbaden eine kammermusikalische Fassung zur Aufführung zu bringen, kam von Klaus Florian Vogt. (Juraj Cizmarovic 1. Violine, Maryna Veremeeva, 2. Violine Irene Baiter Viola, Christoph Lambrecht Violoncello, Nicolà von Goetze Kontrabass, Mátyás Bicsák Flöte, André van Daalen Oboe, Franz-Josef Wahle Englischhorn, der sich mit diesem Konzert nach 37 Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet, Adrian Krämer Klarinette, Dörte Sehrer Es-Klarinette, Charlotte Gombert Bassklarinette, Peter Brechtel Fagott, Jens Hentschel Horn, Edzard Locher, Martin Lorenz, Ferdinand Reitberger Schlagwerk, Joachim Enders Klavier, Tim Hawken Harmonium / Celesta).

 Kurhaus Wiesbaden / Klaus Florian Vogt © Ingrid Freiberg,

Kurhaus Wiesbaden / Klaus Florian Vogt © Ingrid Freiberg

Arnold Schönberg und der Verein für musikalische Privataufführungen

Diese Fassung ist hochinteressant und hat eine Vorgeschichte: In Wien gab es in den Jahren 1918 – 1923 einen Verein für musikalische Privataufführungen, den Arnold Schönberg gegründet hat. Ziel des Vereins war es, Musik der Zeit aufzuführen. Damals gab es noch keine Tonträger und damit auch keine Möglichkeit, Musik außerhalb eines Konzertsaales zu hören. So haben Schönberg und Kollegen für Freunde große Stücke klein arrangiert. Leider ist der Verein 1923 Pleite gegangen. Das ist auch der Grund, warum Schönberg Das Lied von der Erde nicht fertig arrangiert hat. Für ein Toblacher Mahler-Festival  im Jahre 1983 führte Riehn Schönbergs Arbeit am Lied von der Erde fort. An der vorgegebenen Besetzung änderte Riehn mit Ausnahme der fakultativen Hinzufügung einer Celesta für den Schluss des Abschieds, die das Ewig… begleitet und deren Kaskaden den Übergang zum Göttlichen herzergreifend beschreiben, nur den Verzicht auf eine 3. Violine. Schönberg hatte bereits die Fülle eines ganzen Orchesters in diese zwei Instrumente mit aufgeteilt und damit einen erstaunlich vollen Klang erreicht. Das ist insofern zu erwähnen, da Mahlers Musik meist als bombastisch gilt. Eine kammermusikalische Fassung kann eigentlich nur eine Essenz von diesem Riesenwerk sein und wird doch durch den höchst virtuosen Klavierpart, ein Harmonium vom Ende des 19. Jahrhunderts, die Celesta und das über die Maßen präzise und mit glühendem Engagement aufspielende Hessische Staatsorchester Wiesbaden zu einem Klangrausch.

Eine bedrückende Zeit wird für Wiesbaden zum Glücksfall

Es ist eine bedrückende Zeit, Corona hat die Kulturszene stark verändert: Die beiden Weltstars Klaus Florian Vogt und Michael Volle wären längst zu Proben in Bayreuth, wo sie als Stolzing und Sachs in der Wiederaufnahme der Meistersinger engagiert waren. Vogt wäre zudem der Siegmund im neuen Ring gewesen. Für Wiesbaden wird dieser für die beiden Künstler schmerzhafte Umstand allerdings zum Glücksfall.

Im Trinklied vom Jammer der Erde begeistert Klaus Florian Vogt mit seinem lyrischen Tenor, indem er wunderbar den Bogen zwischen …einem vollen Becher Weins zur rechten Zeit… und  …dunkel ist das Leben, ist der Tod… spannt. Der Textdichter Li-Tai-Po war, wie sein Übersetzer Hans Bethge schreibt, ein Abenteurer und Trinker. Der Trunkene im Frühling ist auch eine Verbindung mit Mahlers Zeitgenossen Friedrich Nietzsche: Welterkenntnis durch Rauschzustand und Einflüsterungen der Natur. Der Scherzocharakter wird durch die burleske Instrumentation mit Trillern, Pizzicati und lustigen Vorschlägen unterstrichen. Mit Leidenschaft, Seele und Zärtlichkeit verzaubert Vogt mit seiner prachtvollen Stimme das Publikum.

Kurhaus Wiesbaden / Michael Volle © Ingrid Freiberg

Kurhaus Wiesbaden / Michael Volle © Ingrid Freiberg

Mit hingebungsvoller Virtuosität berührt Michael Volle – bis zu Tränen – im Bekenntniswerk über Leben und Tod, über Jugend und Schönheit, über Sehnsucht und Vergänglichkeit. Der Einsame im Herbst ist ein Gleichnis für den Seelenzustand: Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange. Der Tod wird als Stätte von Frieden und Heimat herbeigesehnt. Der leidenschaftliche Ausbruch: Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen ergreift. Einfühlsam gelingt Volle die Interpretation Von der Schönheit der anmutigen jungen Mädchen. Sie wird nur durch einen atemlosen, marschartigen Mittelteil unterbrochen. Der Abschied ist das weitaus längste Lied – ein überwältigender Abgesang, ein zeit- und raumloser Abschied von der Liebe und dem Leben. Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht danach umbringen?, fragte sich Mahler. Alle vorhergehenden Distanzierungen durch Burleske, Ironie oder Exotismus werden aufgehoben. Es ist eine musikalische Erzählung vom Sterben, die sich viel Zeit nimmt. Immer wieder gerät sie ins Stocken, unterbrochen von dem Tam-Tam-Schlägen des Todes: Die Welt schläft ein. Der Komponist fügte Zeilen aus einem eigenen Jugendgedicht ein: Die müden Menschen gehn heimwärts, um im Schlaf vergess‘nes Glück und Jugend neu zu lernen. Die kaum zu ertragende Sehnsucht nach dem Gefährten mündet in einen Trauermarsch. Danach antwortet der Freund sehr weich und ausdrucksvoll. Die erstarrte Trauer weicht einem warm strömenden Gesang, der die Gewissheit des Todes ruhig akzeptiert. Die Farben des Harmoniums und der Celesta kommen hinzu, für Mahler Klangsymbole der Weltentrücktheit. Das mehrfach wiederholte Wort Ewig… steht am Schluss, sich ins Unhörbare auflösend, gänzlich ersterbend. Volle gelingen sensible, privat anmutende Empfindungen.

Gustav Mahler HH © IOCO

Gustav Mahler HH © IOCO

Haben Sie eine Ahnung wie man das dirigieren soll? Ich nicht!, fragte der Dirigent und Mahler-Vertraute Bruno Walter den Komponisten, nachdem er die soeben fertiggestellte Partitur von dem mit Der Abschied betitelten letzten Satz studiert hatte. Mahlers Antwort darauf ist nicht überliefert – Walters Reaktion jedoch ist im Hinblick auf die emotionale Tiefe des Werkes nachvollziehbar. GMD Patrick Lange gelingt der enorme Kraftaufwand. Klangzauberisch entlockt er fein ausdifferenziert und nuanciert dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden innigste Soli – zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlsausbrüchen verbindend. Die Grenze zwischen Klang und Stille verwischt sich. Leben geht in Tod auf.

Äußerst berührend ist die minutenlange Stille am Schluss – bis sich das Publikum, teilweise mit Tränen in den Augen, spontan zu Standing Ovations erhebt, die fast dreißig Minuten andauern.

—| Pressemeldung Hessisches Staatsorchester Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Hochzeit des Figaro – Premiere, 06.09.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Die Hochzeit des Figaro  –   Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere Sonntag, 6. September 2020, um 18 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 12. & 17. September,2020  jeweils um 19.30 Uhr

Die Termine werden unter Vorbehalt der vom Land Hessen verfügten Corona-Verordnungen veröffentlicht.

Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart spinnt die Geschichte von Rossinis »Barbier von Sevilla« fort. Basierend auf dem zweiten Teil von Beaumarchais’ gesellschaftskritischer Figaro-Trilogie, thematisiert sie die Wege und Irrwege zwischenmenschlicher Bedürfnisse. Mit dieser Oper schuf Mozart – vielleicht zum ersten Mal in der Operngeschichte – ein Stück wirklichen Musiktheaters. Sie ist in einer

Neuinszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel zu erleben.

Die Titelpartie übernimmt Bariton Konstantin Kimmel, der sich dem Wiesbadener Publikum bereits in der vergangenen Spielzeit als Jesus in Bachs Matthäus-Passion vorgestellt hat. Benjamin Russell debütiert als Graf Almaviva, die slowakische Sopranistin Slávka Zámecníková interpretiert die Gräfin Almaviva. Anna El-Khashem singt die Partie der Susanna. Heather Engebretson, in Wiesbaden u. a. bereits als Donna Elvira in »Don Giovanni« und Gilda in »Rigoletto« zu hören, singt Cherubino. Franziska Gottwald, die zuletzt die Alt-Partie in der »Matthäus-Passion« interpretierte, übernimmt die Partie der Marcellina.

Musikalische Leitung Konrad Junghänel Inszenierung Uwe Eric Laufenberg Bühne Gisbert Jäkel Kostüme Jessica Karge Chor Albert Horne

MIT:  Graf Almaviva – Benjamin Russell, Gräfin Almaviva – Slávka Zámecníková,  Susanna – Anna El-Khashem, Figaro – Konstantin Krimmel, Cherubino – Heather Engebretson, Marcellina – Franziska Gottwald, Basilio – Erik Biegel,  Don Curzio – Osvaldo Navarro-Turres Bartolo Wolf Matthias Friedrich Antonio Wolfgang Vater Barbarina Stella An

Chor & Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2020 – Tristan und Isolde, IOCO Kritik, 03.06.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Hessisches Staatstheater  –  Internationale Maifestspiele 2020

Tristan und Isolde  –  Richard Wagner

von Ingrid Freiberg

O sink hernieder, Nacht der Liebe…

ist das Motto der diesjährigen Internationalen Maifestspiele 2020. Wie kein anderes Werk der Opernliteratur führt Richard Wagners Tristan und Isolde die Liebe zwischen zwei Menschen in ihrer ekstatischsten Form vor. Der Komponist bemächtigt sich Schopenhauers Philosophie mit ihrer Verneinung des Willens zum Leben und beschwört volle Bewusstlosigkeit, gänzliches Nichtsein, Verschwinden aller Träume. Wagner schrieb an Liszt: Da ich nun aber im Leben nie das eigentliche Glück der Liebe genossen habe, so will ich diesem schönsten aller Träume noch ein Denkmal setzen, in dem vom Anfang bis zum Ende diese Liebe sich so recht sättigen soll. Und sättigen wollten sich auch die Festspielbesucher. Insgesamt drei Opernabende waren geplant. Dann kam Corona… und die Hoffnung schwand, sich dem Liebesrausch hingeben zu können. Zuweilen fordert Hoffnung, aber auch die Bereitschaft, im Scheitern eine Chance zu sehen, in der Niederlage eine neue Möglichkeit. Die Verantwortlichen, und hier im Besonderen der Intendant Uwe Erich Laufenberg, fanden unter strengen Vorgaben eine Möglichkeit, das Hessische Staatstheater Wiesbaden ab dem 18. Mai 2020 wieder zu öffnen, was sogar in einem Artikel der New York Times Erwähnung fand.

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Andreas Schager als Trsitan und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Andreas Schager als Trsitan und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Als Richard Wagner zum ersten Mal eine Fidelio-Aufführung besuchte, stand für ihn fest, Musiker zu werden. Zeit seines Lebens bewunderte er die Werke seines Komponistenkollegen… Da war es nur folgerichtig, dass anlässlich des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven der Kopfsatz der Kreutzer-Sonate auf dem Programm stand, vorgetragen von Lidia Baich und Alexandra Goloubitskaia.

Betörendes, einfühlsames Spiel

Bewundernswert sind der unbändige Ausdruckswillen beider Künstlerinnen, ihre technische Meisterschaft, die sich gerade in einem ausgesprochen leichtfüßigen und gelenkigen Phrasieren offenbart, ihr absolut präzises Miteinander und die Kunst des gegenseitigen Einfühlens. Für den Konzertsaal hat Wagner viele Albumblätter komponiert. Daneben gibt es einige Bearbeitungen durch andere Komponisten, gespielt wird die von August Wilhelmj. Er galt als einer der größten Violinen-Virtuosen seiner Zeit, erlangte als gefeierter Geigerkönig und Konzertmeister Weltruhm und sah sich Zeit seines Lebens aufs engste mit Wiesbaden verbunden. Die Romanze von Richard Wagner betört durch den zarten Klang der Guarneri von Lidia Baisch und das einfühlsame Spiel von Alexandra Goloubitskaia.

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier :  Rene Pape @ Katzer Media Group

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier : Rene Pape @ Katzer Media Group

Das Vorspiel zu Tristan und Isolde erklingt – bei geschlossenem Vorhang – überraschenderweise vom Tonband in einer Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Marek Janowski. Es ist magisch, an den Tristan-Akkord zu rühren, seine unbeugsame Kraft zu entfachen, aus der das Drama keimt, es am Leben erhält, bis Isolde das ihre aushaucht. Die Musik des Tristan nimmt vom Gesang her ihren Ausgang, erfüllt sich aber im Orchester, das symphonische Ausmaße hat. Die Sprache der Instrumente ist wie ein zusätzliches Organ der Personen auf der Bühne. Was eine Figur fühlt, denkt und tut, findet in Melodien, Harmonien und Rhythmen seinen Ausdruck. Das ließ befürchten, dass die Reduzierung auf Klavierbegleitung die Wirkung der Oper entzaubern könnte. Doch weit gefehlt! Alexandra Goloubitskaia versteht es mit Bravour, das Fehlen des Orchesters vergessen zu lassen und begleitet mit unbeschreiblicher Verve:

  1. Aufzug, 3. Szene Weh, ach wehe! Dies zu dulden!  –  Isolde, Brangäne
  1. Aufzug, 2. Szene O sink‘ hernieder, Nacht der Liebe  –  Tristan, Isolde
  1. Aufzug, 3. Szene Rette dich, Tristan – Tatest du’s wirklich  –  Kurwenal, Tristan, Melot, König Marke, Isolde
  1. Aufzug, 1.  Szene Wo ich erwacht  –  Tristan, Kurwenal

     3. Aufzug, 3.  Szene Mild und leise wie er lächelt  –  Isolde

Stimmen mit außerordentlicher Strahlkraft

Andreas Schager kehrt nach Wiesbaden zurück, wo ihm Fans – mit seinem Konterfei – einen tonnenschweren Findling platziert haben, in dem Nothung das Schwert der Hoffnung steckt. Freude und Erwartungen waren dementsprechend groß. Trotz vorgegebener Einschränkungen präsentiert sich einer der besten Heldentenöre im Liebesduett und in den Fieberträumen mit seiner alles überstrahlenden Stimme, in der Dramatik berührend, in der Lyrik überzeugend, mit leiser, attraktiv zurückgenommener Mittellage, sorgfältig und sinnvoll phrasiert. Schager versteht sich wie kaum ein anderer auf die Schmerzens- und Verrücktheits-Akzente mit wunderbarer Textverständlichkeit. Dabei ist ihm anzumerken, dass er das Bühnenspiel vermisst…

Der Filme (Pocahontas-Film The New World von Terrence Malick, Endzeitparabel Children of Men von Alfonso Cuarón, Die letzte Frau von Marco Ferreri), die Gérard Naziri während des Liebestraums auf eine Leinwand brachte, bedarf es bei diesen Weltklassesängern nicht; sie sind eher störend, schon deshalb, weil ein enger Bezug nicht erkennbar ist.

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Margarete Joswig, als Brangäne und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Margarete Joswig, als Brangäne und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Klar artikulierend, mit Strahlkraft weiß Catherine Foster Isolde mit Weh, ach wehe! Dies zu dulden! zu überzeugen, sie steigert sich kraftvoll glühend im Liebesduett O sink‘ hernieder, Nacht der Liebe… und mit dicht gestalteten Gesangsbögen und mühelosem Abschwellen der Spitzentöne zum Innigsten bei Mild und leise wie er lächelt… spontan, berührend, aufrichtig, mit viel Farbe, in ihr brennt ein heftige lyrische Flamme. …in des Welt-Atems wehendem All – ertrinken, versinken, unbewusst – höchste Lust! sind Isoldes letzte Worte.

René Pape gehört zu den besten lyrischen Bässen und ist einer der größten König Marke-Interpreten aller Zeiten. Mit eleganter Ausdrucksweise gelingt es seiner unverwechselbaren Stimme, Gänsehaut zu erzeugen… Er lebt König Marke, ist die Verkörperung eines stimmlich hochsouveränen und darstellerisch vergeistigten Königs, zeigt die Erschütterung über den Verrat Tristans. Die Stimme hat enormes Gewicht und elementare Kraft. Immer wieder überraschend: die tiefsinnige Phrasierung, die plastische Textdeutung. Mit opulentem Klang und Würde, samtiger Pracht entfaltet er den schmerzenden Monolog des Königs.

Der Dialog Wo ich erwacht zwischen Tristan und Kurwenal wird auch dank Thomas de Vries zu einem sängerischen Höhepunkt. Völlig unangestrengt, wunderbar leicht und sauber, doch voller Ausdrucksstärke ist er Tristans Getreuer, kein Untergebener, er ist ein Partner auf Augenhöhe. Brangäne Margarete Joswig, Isoldes Freundin, ist von der wild trotzenden Isolde mehr als einmal genervt. Sie vermag, zu explodieren… Die Mezzosopranistin singt dramatisch aufbrausend in ihrer fürsorglichen Liebe zu Isolde. Ihre Stimme hat ein unverwechselbares Timbre.  Die Violinistin Lidia Baich überzeugt bei Brangänes Warnrufen mit sehr sinnlichem und intensivem Spiel.  Aaron Cawley Melot verrät die Liebenden und gestaltet den Intriganten mit kräftigem Tenor.

Nicht enden wollende Standing Ovations! Noch nie haben sich Publikum und Künstler so verbunden gefühlt – es war eine Befreiung von einem langen Leiden…

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele: Fliegende Holländer – Arabella, IOCO Kritik, 26.05.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Internationale Maifestspiele 2020

Der fliegende Holländer – Arabella

  Gabriela Scherer, Michael Volle, Julia Okruashvili 

 

von Ingrid Freiberg

Die Aufregung ist riesig!

Seit 14. März 2020 hatte das Hessische Staatstheater Wiesbaden Corona bedingt schließen müssen. Die Internationalen Maifestspiele 2020 schienen nicht mehr realisierbar! Doch durch das Engagement der Verantwortlichen, hier ist im besonderen Intendant Uwe Eric Laufenberg zu erwähnen, und strenge Einhaltung der Hygienevorschriften geschah ein Wunder, an das niemand mehr geglaubt hatte. Dementsprechend klopften die Herzen des ausgehungerten Publikums, Phantasien waren angeregt: Richard Wagner und Richard Strauss nur mit Klavierbegleitung? Wie werden die Akteure, auf die sich alle gefreut haben, agieren? Wie werden sich die Einschränkungen auswirken? Die Opernbesucher sitzen nur in jeder zweiten Reihe, in der belegten Reihe werden je drei Plätze freigelassen. Ist überhaupt ein Theatererlebnis möglich?

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der fliegende Hollaender - Arabella hier Gabriela Scherer und Michael Volle © Andreas Etter

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der fliegende Hollaender – Arabella hier Gabriela Scherer und Michael Volle © Andreas Etter

Der Abend beginnt überraschend: Die Ouvertüre des Fliegenden Holländer erklingt vom Band – mit guter Tonqualität – eine Einspielung des Sächsischen Staatsorchesters Dresden. Nach einigen Sekunden gelingt es, sich auf die Musik des großen Meisters einzulassen, sich ihr hinzugeben, die Anspannung lässt nach, man ist wieder im Theater angekommen! Der Vorhang, auf dem Meereswellen zu erkennen sind, öffnet sich und das schon legendäre blutrote Segelschiff, das in der Inszenierung von Michiel Dijkema (2020) während des Matrosenchors „Steuermann, lass die Wacht! Steuermann, her zu uns! Ho! He! Je! Ha…“ als Geisterschiff über die ersten sechs Zuschauerreihen hinwegsegelt, steht nun querseits auf der Bühne, Kanonen und Kanonenkugeln sind zu sehen, die Segel ändern situationsbedingt ihre Farbe.

Ewige Qual bis hin zu einem heißen Kuss

Die Frist ist um“, wenn auch nicht nach sieben Jahren wie für den Holländer, sondern nach unerträglich langen 70 Tagen für das Publikum. Die Stimme von Michael Volle, dessen umfangreiches Repertoire von Mozart, Bach, Carl Maria von Weber, Tschaikowski, Humperdinck über Wagner, Verdi, Puccini, Strauss, Pfitzner, Debussy, Lehár zu Britten, Berg und Henze reicht, ist mit dieser Arie zu hören. Vom ersten Ton an lässt seine Stimme aufhorchen und zieht alle in ihren Bann. Sein warmer dunkler Bariton erzählt von der ewigen Qual, der Sehnsucht eines Untoten: „nirgends findet er ein Grab! Niemals den Tod!“

„Johohohe! Johohohe! Johohohe! Johohe!“ Gabriela Scherer singt „Sentas Ballade“ souverän, anrührend mit Seele in der Stimme. Sie begeistert mit der Reinheit ihrer Gesangslinie, einer herrlich samtenen Tiefe, warmer, expressiver Mittellage und mühelos erreichten Spitzentönen. Das nachfolgende „Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten“ überzeugt und überrascht durch intensives Spiel – bis hin zu einem heißen Kuss – zwischen den unglücklich Liebenden. Möglich wird das, weil die beiden Sänger miteinander verheiratet sind… Ihre Vertrautheit ist spürbar, ihre verzweifelte Hinneigung zueinander wird in kultivierten Tönen schmerzhaft erzählt. Michael Volles markanter Bariton ist völlig unangestrengt, wunderbar leicht, sauber in der Diktion und voller Hingabe. Eindrucksvoll und überzeugend sein „Welch‘ holder Klang im nächtigen Gewühl! Du bist ein Engel! Eines Engel’s Liebe Verworf’ne selbst zu trösten weiss! Ach, wenn Erlösung mir zu hoffen bliebe, All-Ewiger, durch diese sei’s!“

Was diese wunderbaren Künstler zu leisten vermögen, zeigt die Programmgestaltung: Nach Holländer ist die lyrische Komödie Arabella, die den Glanz des nostalgischen Wien einfängt und einen Hauch Operette ins 21. Jahrhundert hinüberweht, zu vernehmen.  Der Schwierigkeitsgrad könnte kaum höher sein… Als der Vorhang sich hebt, ist eine riesige weiße Freitreppe und ein großes champagnerfarben glitzerndes Sofa zu sehen, Requisiten aus der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg aus dem Jahre 2018. „Sie woll’n mich heiraten“ – mit dieser Arie haben viele weltberühmte Sopranistinnen wie Elisabeth Schwarzkopf, Anneliese Rothenberg und Lisa della Casa brilliert. Gabriela Scherer reiht sich als Arabella in diesen illustren Kreis ein. Mit Nuancenreichtum und leidenschaftlicher Hingabe singt Michael Volle den Mandryka. Noch spürbarer als zuvor überzeugen die beiden Ausnahmestimmen im Duett „Kann Ihr Diener im Hof zum Brunnen gehen und mir ein Glas recht frisches Wasser bringen dort hinauf? Sie agieren, ohne den Spannungsbogen der Melodie auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen, nur Stimme, jedes Wort mit seiner Bedeutung, warm und leidenschaftlich. Und dass sie auch ungebremst agieren können, sich umarmen und küssen dürfen, erhöht den Genuss! Es ist eine wahre Wonne…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der fliegende Hollaender - Arabella hier Pianistin Julia Okruashvili © Andreas Etter

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Der fliegende Hollaender – Arabella hier Pianistin Julia Okruashvili © Andreas Etter

Schier unglaublich  – die Pianistin Julia Okruashvili

Ihr Spiel ist voller Lebendigkeit, Hingabe und Emotion. Gekonnt weiß Julia Okruashvili die klanglichen Fähigkeiten ihres Instruments einzusetzen, jeder Ton ist durchleuchtet, der Tastendruck differenziert gestaltet. Sensibel, aufmerksam und mit großer Energie begleitet sie die Sänger.

Das Publikum seufzt vor Wonne

Obwohl nur 200 Personen ins Theater durften, erreicht der frenetische Applaus eine ungeheure Dezibelzahl. Nach zahlreichen Vorhängen und nicht nachlassenden Beifallsbekundungen entschließen sich Gabriela Scherer und Michael Volle dazu, eine Zugabe zu geben. Schon bei den ersten Takten seufzt das Publikum vor Wonne: „Lippen schweigen“ aus der Operette „Die Lustige Witwe“ von Franz Lehár rundet den historischen Abend ab.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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