Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Jenufa – Leos Janácek , 29.11.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Jenufa – Leos Janácek (1854 – 1928)

Premiere Donnerstag, 29. November 2018 19.30 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 2. & 6. Dezember 2018, jeweils 19.30 Uhr

Mit Jenufa erlebte Leos Janácek seinen späten internationalen Durchbruch als Opernkomponist. Der expressive Orchesterklang erzählt die ländlichen Weiten, während die konzentrierte Geschichte von in die Enge Getriebenen handelt. Die Neuinszenierung von Ingo Kerkhof entsteht unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange.

In der Titelpartie gibt Sabina Cvilak ihr Rollendebüt in Wiesbaden, die hier zuletzt als Elisabeth in Wagners Tannhäuser große Erfolge feierte und bereits in der Janácek-Oper Katja Kabanowa in der Titelpartie überzeugte. Die zweite große Frauenrolle hat Dalia Schaechter als Küsterin, die schon Klytämnestra in Elektra und Kabanicha in Katja Kabanowa am Hessischen Staatstheater Wiesbaden sang. Die beiden Tenöre Paul McNamara und Aron Cawley debütieren als Laca Klemen und Steva Buryja. Die weiteren Rollen in dem Ensemblestück haben Anna Maria Dur (Alte Burja), Daniel Carison (Altgesell), Hans-Otto Weiß (Dorfrichter), Annette Luig (Seine Frau), Shira Patchornik (Karolka), Stella An (Jano), Anna McDougall (Schäferin) und Ekaterina Kuridze (Barena).

Musikalische Leitung GMD Patrick Lange Inszenierung Ingo Kerkhof Bühne Gisbert Jäkel Kostüme Sonja Albartus Chor Albert Horne Dramaturgie Katja Leclerc

Mit:  Jenufa Sabina Cvilak,  Die Küsterin Dalia Schaechter, Laca Klemen Paul McNamara,  Steva Buryja Aaron Cawley,  Die alte Buryja Anna Maria Dur, Altgesell Daniel Carison, Dorfrichter Hans-Otto Weiß Seine Frau Annette Luig Karolka Shira Patchornik. Jano Stella An Schäferin Anna McDougall Barena Ekaterina Kuridze
Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Zu allen Folgevorstellungen gibt es eine halbe Stunde vor Beginn eine Einführung im Foyer. Im Anschluss an die zweite Vorstellung am Mittwoch, den 2. Dezember 2018 findet ein Nachgespräch mit Mitwirkenden der Produktion im Theaterfoyer statt. Der Eintritt ist frei.

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Wiederaufnahme Eugen Onegin, 10.11.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

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»Eugen Onegin« wieder im Großen Haus
Wiederaufnahme am 10. November 2018

Ab Samstag, den 10. November 2018, um 19.30 Uhr, ist die Oper »Eugen Onegin« von Peter Tschaikowski, in der Inszenierung von Vasily Barkhatov, wieder im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zu sehen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Eugen Onegin - Christopher Bolduc, Silvia Hauer, Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden © KarlMonika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Eugen Onegin – Christopher Bolduc, Silvia Hauer, Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden © Karl Monika Forster

»Eugen Onegin« ist die schönste, berührendste und meistgespielte russische Oper. Zwischen Verdi und Wagner, zwischen dramatischer und epischer Gestaltung führen die »Lyrischen Szenen« in gegensätzliche Welten von russischem Landleben und städtischem Geldadel.

Neu ist die russische Sopranistin Olesya Golovneva als Tatjana zu erleben. Sie sang in Wiesbaden zuletzt Adina in »Der Liebestrank« und Desdemona in »Otello«. Christopher Bolduc übernimmt wieder die Titelpartie, zuletzt war er in Wiesbaden u.a. in der Titelpartie in »Don Giovanni«, als Lescaut in »Manon« und als Wolfram in »Tannhäuser« zu sehen. Silvia Hauer übernimmt die Partie der Olga und Aaron Cawley ist Lenski. Young Doo Park singt Fürst Gremin, Romina Boscolo ist Larina und Erik Biegel ist Triquet. In der Partie der Filipjewna singt Anna Maria Dur. Die Musikalische Leitung übernimmt neu GMD Patrick Lange, der Tschaikowskis Oper zuletzt an der Wiener Staatsoper dirigierte

Musikalische Leitung GMD Patrick Lange Inszenierung Vasily Barkhatov Bühne Zinovy Margolin Kostüme Olga Shaishmelashvili Chor Albert Horne Dramaturgie Regine Palmai
Eugen Onegin Christopher Bolduc Tatjana Olesya Golovneva Olga Silvia Hauer
Lenski Aaron Cawley Fürst Gremin Young Doo Park Filipjewna Anna Maria Dur
Larina Romina Boscolo Triquet Erik Biegel Saretzki / Ein Hauptmann Christian Balzer, Leonid Firstov Vorsänger Jochen Elbert
Chor & Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, My Fair Lady – Frederick Loewe, IOCO Kritik, 30.10.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

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  My Fair Lady  – Musical von Frederick Loewe

– Uwe Eric Laufenberg ist Higgins – Mira Benser ist Eliza Doolittle –

von Ingrid Freiberg

My Fair Lady ist die Urmutter, das Schmuckstück aller Musicals – ein Dauerbrenner voller Evergreens, den fast jeder mindestens einmal gesehen hat. Es soll eines der meistgespielten Stücke aller Zeiten sein. Insbesondere im deutschsprachigen Raum bedeutete sein Erfolg den Durchbruch dieser Musikgattung. Die Songs wurden zu Ohrwürmern und sind unverwechselbare musikalische Charakterporträts der Figuren. Der Sprachwitz des Stückes hat an szenischer Schwungkraft und pointiertem Humor wenig eingebüßt.

Nobelpreisträger erhält Oscar 

Für den Dramatiker und Nobelpreisträger George Bernard Shaw war Professor Henry Higgins ein Zyniker und Frauenfeind. Das 1913 mit großem Erfolg in London uraufgeführte Stück verursachte allerdings einen Skandal, weil Eliza exzessive Schimpfwörter benutzte. Für die Verfilmung Pygmalion – Der Roman eines Blumenmädchens mit Leslie Howard und Wendy Hiller in den Hauptrollen wurde Shaw als Drehbuchautor mit dem Oscar ausgezeichnet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster

Doch hat die erst nach seinem Tod entstandene Musical-Version My Fair Lady von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner, mit gesellschaftssatirischem Grundton und menschlicheren Zügen, hat den Stoff weltberühmt gemacht. Grundlage ist ein alter Mythos: Ein Mann schafft sich ein weibliches Idealbild nach seinen Vorstellungen…  Die Uraufführung von My Fair Lady fand 1956 in einer Produktion von Herman Levin unter der Regie von Moss Hart in New York statt und brachte es auf insgesamt 2.717 Vorstellungen in den ersten sechs Jahren. Die unvergessene deutschsprachige Erstaufführung fand 1961 im Theater des Westens in Berlin statt.

Vorzüglich gelungene Regiearbeit

Die 30er Jahre-Inszenierung von Beka Savic lässt das England der literarischen Vorlage aufleben und wählt für das Londoner Cockney den bewährten Berliner Dialekt. Das lässt das breitgefächerte Großstadtmilieu mit Proletariat, Mittel- und Oberschicht aufleben. Tänzer als Straßenartisten und Gaukler verstärken die Emotionen und bilden einen bezaubernden Farbtupfer.

Während Professor Higgins seine Logier-Schülerin Eliza stundenlang mit Vokal-Konsonant-Übungen und Grammatik-Drill quält, ist Oberst Pickering Ruhepol und vollendeter Gentleman im Dauer-Tornado. Die Rinnstein-Göre Eliza reift zu einem zauberhaften Geschöpf, zu einer Dame mit korrekter Ausdrucksweise und Selbstvertrauen. Erst als sie sich enttäuscht und tränenüberströmt entschließt, ihren selbstverliebten Lehrer zu verlassen, erkennt dieser seine Zuneigung zu ihr und versucht, sie zurückzugewinnen. Das Zauberwesen  kommt zurück, nicht ganz nachvollziehbar, und erhört den eitlen Schnösel.

Wenn Eliza in Ascot der feinen Gesellschaft erzählt, dass ihre Tante abgemurkst worden sei, und sie einem lahmen Gaul Pfeffer in’nen Arsch streuen will, flieht die blasierte Hautevolee schockiert über Bühne und Zuschauerraum dem Ausgang entgegen… Die gelungene Regiearbeit  lässt der Musik Raum und trägt liebevoll die DarstellerInnen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster

Finessenreiches Bühnenbild mit genre-genauen Kostümen

Die Bühnenbilder von Bettina Neuhaus greifen mit allen Finessen der Bühnenkunst fugenlos ineinander – prachtvoll die Variationen der sich schnell wandelnden Bühne. Statisten in Livree verändern völlig unaufgeregt die Szenerie. Wie selbstverständlich werden sie in die Handlung mit einbezogen. Gelungene Farbvariationen, ein romantischer Sternenhimmel, Häuser, die nach oben entschwinden, Bibliothekswände, die nach unten zu schweben scheinen, die Kneipe Mad Rabbit – mit einem hessisch babbelnden Wirt Thomas Braun und ein wunderschön ausgeleuchtetes Straßenbild ergänzen kongenial die Inszenierung. Selbst das Kino am Blumenmarkt wechselt im Verlauf des Abends sein Programm: von Secret Agent zu Pygmalion Cinema bis hin zu Gone With The Wind. Besonders eindrucksvoll gelungen sind das Pferderennen in Ascot und der Diplomatenball im Buckingham Palace mit schwungvollen Tanzeinlagen des Chores, die durch die fast scherenschnittartig gestalteten Videos von Gerard Naziri zu The Embassy Waltz eindrucksvoll ergänzt und von der Choreografin Myriam Lifka bezaubernd arrangiert werden.

Die genre-genauen herrlichen Kostüme von Claudia Jenatsch – schmutzstarrende Lumpen der Unterschicht und farbenfrohe bis üppige Garderobe der Upper Class – beleben das klassische Bühnenbild. Zusammen mit den außergewöhnlichen Hutkreationen für die Damen in Ascot sind sie auch eine hervorragende Referenz der Theater-Werkstätten.

Musikalisch hält Christoph Stiller die Fäden zusammen. Mit dynamischer, dabei äußerst differenzierter Klangsprache, gleicht er Fallhöhen aus. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden pariert das vorzüglich. Die Schauspieler-Sänger werden mit viel Einfühlungsvermögen bisweilen nur von  einer Geige begleitet. Dabei kommt auch das Hochpulsige der Partitur nicht zu kurz. Souverän und mit Schmiss gelingt ihm eine sehr persönliche Interpretation.

Der Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden Uwe Eric Laufenberg schenkt sich die Rolle des kauzigen Professor Henry Higgins. Dem Schauspieler-Sänger gelingt es nicht immer, dessen vielschichtigen Charakter herauszuschälen. Seiner Interpretation fehlt es an der arroganten, britischen Blasiertheit der englischen Oberschicht. Stattdessen gibt er den Choleriker. Nicht zu überzeugen wissen seine sprachlichen und gesanglichen Unverfrorenheiten, beispielsweise in Sie ist so entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig…. Besser gelingen Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann, kann eine Frau nicht sein wie ich? und Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht… Wenn sich seine sprachlastige Weltanschauung süffisant über Oberst Pickering, Eliza oder seine Bediensteten ergießt, gewinnt seine Figur mehr an Kontur. Fast liebenswert sind sein Versprecher Lohengrün und der Hilfeschrei nach seiner Mutter…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster

Die junge aparte Schauspielerin Mira Benser als Eliza Doolittle entwickelt sich zu einer selbstbewussten Frau, die Higgins schließlich den Marsch bläst. Eine linguistisch schier unlösbare Aufgabe und nicht leicht auf einer deutschen Bühne darzustellen. Als Zuschauer hat man immer noch Audrey Hepburn und Karin Hübner im Ohr. Sie kämpft sich mutig durch den Berliner Slang und interpretiert die Evergreens von Frederick Loewe auf ihre ganz eigene Weise. Darstellerisch überzeugt sie. Es bleibt dennoch zwiespältig, die Rolle einer Schauspielerin anzuvertrauen. Gesanglich kann Mira Benser nur in den leisen Partien, in denen sie ihre zarte empfindsame Seele offenbart, gewinnen, in hohen Lagen vermag sie nicht sauber zu intonieren.

Der singspielende Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle ist eine grundsympathische Rampensau, aufgedreht und übervoll mit Energie. Als arbeitsscheuer trinkfreudiger Vater von Eliza begeistert er sinnlich Gin-trinkend mit elastischen Hüften – ansteckend zum Mitsingen vorgetragen: Mit ’nem kleenen Stückchen Glück… und Bringt mich pünktlich zum Altar… Hier springt der musikalische Funke über!

Uwe Kraus als Oberst Pickering ist der distinguiert altmodische Kollege und Freund Higgins. Köstlich eloquent sind seine Bemerkungen über den Charakter von Beziehungen zwischen Mann und Frau und die moralischen Verpflichtungen eines Vaters. Von Anfang an behandelt er Eliza als liebenswertes Geschöpf, ist sogar ein wenig verliebt in sie. Der tüchtigen Hausdame Mrs. Pearce macht er den Hof und spricht sie ab und zu – recht verräterisch – mit Eleanor an, was an seiner vorgegebenen Diskretion ein wenig zweifeln lässt.

Der smarte strahlende Björn Breckheimer singt Freddy Eynsford-Hill. Jugendfrisch, verzaubert von der jungen Frau mit dem unkonventionellen Auftreten, mit Schwüren voller Schmelz schreibt er täglich Liebesbriefe, schickt Blumen und wartet auf der Straße vor dem Haus in der Hoffnung, seine Angebetete zu treffen: In der Straße, mein Schatz, wo du lebst (Dabei bewährt sich der Einsatz eines Mikroports mit natürlichem Klang, der in diesem großen Opernhaus auch für die schwierigen Gesangspartien der Hauptprotagonisten ratsam wäre. Hier ist etwas Luft nach oben…)

Die zarte Margit Schulte-Tigges ist eine resolute Mrs. Higgins, unkonventionell und aufgeschlossen. Mit ausgleichender Diplomatie repräsentiert sie während der Ascot Gavotte. Ihren Sohn hält sie für einen Stoffel und unterstützt mit Augenzwinkern Elizas Bestrebungen zur Eigenständigkeit. Contenance in allen Lebenslagen bewahrt Petra Weiteroth als Mrs. Pearce. Liebevoll-streng umsorgt sie Eliza, managt bravourös den Junggesellen-Haushalt und steht der Dienerschaft vor. Ab und zu versüßt ihr das heimliche Techtelmechtel mit Oberst Pickering diese turbulente Aufgabe. Klaus Krückemeyer spielt den Phonetik-Detektiv Zoltan Karpathy als öligen windigen Meisterschüler von Higgins und versucht vergeblich, die Herkunft von Eliza herauszufinden. Zur Erbauung aller lautet – im Hinblick auf ihre gewählte Aussprache – seine Diagnose, sie sei eine ungarische Prinzessin.

Chor und Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden trägt es nie aus der Kurve, obwohl ihnen eine Menge abverlangt wird. Von Albert Horne gesangs- und spielfreudig einstudiert entsteht temporeiche Unterhaltung. Als Proletenvölkchen, das ausgelassen Blumenmarkt und Straßen bevölkert, als Mitglieder der Gesellschaft beim Pferderennen und als Popcorn-naschende, Wettschein-schwenkende Kleinbürger sowie in Higgins Haus – The Servant’s Chorus -spielen sie sich in die Herzen des Publikums.

Das Premierenpublikum feiert die Ensembleleistung mit herzlichem Applaus

My fair Lady am Hessischen Staatstheater Wiesbaden: die weiteren Termine 2.11.; 11.11.; 16.11.; 17.11.; 24.11.; 30.11.; 5.12.; 7.12.; 9.12.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 02.10.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

In höchster finanzieller Bedrängnis

von Ingrid Freiberg

Die erste Skizze zur Oper Die Meistersinger von Nürnberg verfasste Richard Wagner 1845 während eines Kuraufenthaltes in Marienbad. Der Entwurf blieb zunächst unverarbeitet liegen. Erst 1861 verpflichtete er sich – wieder einmal in höchster finanzieller Bedrängnis – gegenüber dem Verleger Franz Schott, diese Oper zu komponieren. In völliger Zurückgezogenheit schrieb er in nur 30 Tagen das Libretto in Paris. Anfang 1862 reiste er nach Mainz und erhielt vom Verlagshaus Schott den Kompositionsauftrag und einen ansehnlichen Vorschuss.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Wiesbaden, Kettenhund Leo und das Heckelphon

Daraufhin mietete Wagner zwei Räume in der stattlichen Villa Annika, nahe des Biebricher Schlosses  – wie immer nobel und in fürstlicher Umgebung... Diesen Ort wählte er nicht nur wegen der reizenden Lage direkt am Rhein, sondern auch wegen der Möglichkeit, in kurzer Zeit die Theater von Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Mannheim erreichen zu können. In Biebrich schrieb er – noch vor der Komposition der eigentlichen Oper – das hinreißende Vorspiel und begann mit der ersten Szene. In dieser Zeit spielte Wagner sogar mit dem Gedanken, auf der Adolfshöhe sein eigenes Festspielhaus zu errichten. Seine Arbeit geriet jedoch ins Stocken! Die Bulldogge des Vermieters, der Kettenhund Leo, biss ihn in den Daumen, so dass er nicht mehr schreiben und komponieren konnte. Das hatte fundamentale Auswirkungen: Der Hund erhielt nach seiner Abreise einen Teppich zum Schutz gegen frostiges Wetter… und Wiesbaden verlor die geplanten Wagner Festspiele!!! Nach dem Biss reiste Wagner nach Wien ab, wo er Hans Richter kennenlernte. Eine schicksalhafte Begegnung: Richter erstellte für ihn die Druckvorlage der Meistersinger-Partitur und wurde zum unverzichtbaren Assistenten, der u.a. die ersten Aufführungen des Ring des Nibelungen in Bayreuth dirigierte.

Erst nachdem Wagner in König Ludwig II. einen großzügigen Förderer gefunden hatte, konnte er die Komposition seiner Meistersinger beenden, die schließlich am 21. Juni 1868 in München zur Uraufführung kamen. Geblieben ist Wiesbaden eine Erfindung: Mit seinem Schaffen beeinflusste Richard Wagner einen ansässigen Holzblasinstrumentenmacher, Wilhelm Heckel, der den Wünschen des Komponisten folgend eine Bariton-Oboe, das so genannte Heckelphon, erfand.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :Ensemble © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier :Ensemble © Monika Forster

Genial, poetisch, peinlich und umstritten

Tradition oder Veränderung, jung oder alt, Regeln und Gesetze oder Chaos und Anarchie, Eigeninteressen oder Gemeinschaftswohl, national oder global – ein Balanceakt, der eine Gesellschaft auf Gedeih und Verderb prägt. Die Meistersinger-Welt zeigt ein Künstlerdrama und eine Liebesgeschichte als treibende Kräfte und schließlich das Volk als Zünglein an der Waage. Der Grat, der hier das Komische vom Tragischen unterscheidet, ist schmal. Wagners Zauberwort heißt Poesie. Ein Meister wie Hans Sachs, mit Klugheit, Menschlichkeit, Mut und List, Einsicht und Verzicht ausgestattet, muss, um das Chaos abzuwenden, Wege in eine Zukunft aufzeigen.

Jedoch ist das Geniale in den Meistersingern auch mit dem Peinlichen untrennbar verquickt und verwoben. Und jene Elemente, die uns in diesem Werk stören oder abstoßen – Deutschtümelei, Chauvinismus und Brutalität – sind immanente Bestandteile des Librettos wie der Partitur: Sie lassen sich mehr oder weniger akzentuieren, aber niemals eliminieren. Wagner bleibt der umstrittenste Künstler der deutschen Musikgeschichte und die Frage des antisemitischen Gehalts seines Werkes bildet den harten Kern einer weltweiten Kontroverse.

In seiner detailverliebten Wiesbadener Inszenierung geht es Bernd Mottl um Regeln für die Kunst und um eine Feinzeichnung des menschlichen Miteinanders. Er sieht unsere Gesellschaft am Scheideweg, wie auch Richard Wagner im Nürnberg des 16. Jahrhunderts, zeichnet er  eine Stadt zwischen Mittelalter und Neuzeit. Wer hat darüber zu entscheiden? Was ist erhaltenswert und was muss neuen Entwicklungen angepasst werden? Seine Meistersinger sind ein Club alter von Krankenpflegern begleiteten Herren, die ihre angestaubten Ideale bewahren wollen. Sie haben keinen Bezug zur Gegenwart. Hans Sachs, von eigenen Niederschlägen geprägt – in einem Video wird seine verstorbene Frau und die Geschäftsaufgabe seiner Schusterwerkstatt gezeigt – sucht lebensweise den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt.

Stolzing unterscheidet sich deutlich von der traditionell altfränkischen Butzenscheiben-romantik  mit seiner (Motorrad-)Kluft und unterstreicht damit von Anfang an seine Zugehörigkeit zur rasenden Moderne. Erst als Sachs ihm hilft, das Lied zu schaffen, mit dem er das Wettsingen und damit seine geliebte Eva gewinnen wird, und ihm einen Trachtenjanker „zuordnet“, wird aus dem jungen liebestollen Feuerkopf, der die Nürnberger Jugend in seinen Bann zieht, zumindest optisch ein Meistersinger.

Wenn er sich mit allen anderen auf der Festwiese, hier ein Festsaal, zum Sängerwettstreit trifft, wird die sich beschleunigende oberflächliche Zeit deutlich: Selfies nutzend beschäftigt sich das Volk mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Motivationen. Fast unbeachtet beschwört sie Hans SachsVerachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst …“ Seine Worte finden keine Beachtung. Er kann den zerstörerischen Wahn des Volkes nicht bremsen, es vor ihrem sinnlosen Übereifer nicht schützen. Und er gewinnt auch Stolzing nicht, der die Meisterwürde ablehnt und mit Eva, Motorradhelme in der Hand schwingend, in ein neues modernes Leben entschwindet.

Mit Bühnenausstattung und Kostümen parodiert Friedrich Eggert die hausbackene konservative Kleinbürgerlichkeit mit leisem Strich: Ein 50er-Jahre Mehrfamilienhaus, in dem die Meister wohnen, und wo sich auch ihr Treffpunkt, die Gaststätte Alt-Nürnberg, mit Eichenmöbeln, Bleiglasfenstern und bunten städtischen Wimpeln befindet, unterstützt – auf mehreren Ebenen bespielbar –  den Gesang der Akteure; ihr Aktionsradius ist allerdings eingeschränkt. Die mit Samt und Pelz historisch aufgepufften Kostüme unterstreichen die Behäbigkeit der in die Jahre gekommenen Meister. Besonders Veit Pogner wird durch Kostüm und dunkle Brille so gehemmt, dass er schon deshalb auf die Hilfe seines Lehrbuben /Krankenpflegers angewiesen ist.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Auf Festspielhausniveau

Patrick Lange, in der Nähe von Nürnberg geboren, ehemaliges Mitglied der Regensburger Domspatzen, ist geradezu prädestiniert, die Meistersinger zu dirigieren. Unter seiner Leitung ist dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden ein starker Saisonauftakt gelungen, den das Publikum bereits vor Beginn des 3. Aktes feierte.

Der heitere musikalische Grundcharakter der Oper wird überschäumend vor Kraft, zart und transparent in allen Stimmen, überreich an verzaubernder Kontrapunktik und Klangfarben bedient. Ein herrlich perlender Klangfluss verwöhnt das Publikum. Die SängerInnen bewegen sich spielerisch auf einem zeitweise seidenleichten Klangteppich. Im Morgentraum-Quintett, in dem alle vom Glück träumen, aber auch um dessen Zerbrechlichkeit wissen, umgarnt das Orchester die Träumer einfühlsam und zärtlich. Christina Kuhn spielt die Beckmesser-Harfe, eine kleine Harfe mit Stahlsaiten, für alle sichtbar in der Proszeniumsloge. Dabei begleitet sie meisterhaft die stummen von Beckmesser gezupften Lautentöne auf der Bühne.

Das Rollendebüt von Oliver Zwarg als Hans Sachs ist gelungen. Mit einer in der Mittellage wohlklingenden, in der Höhe durch einen fast tenoralen Glanz ausgezeichneten Stimme mit gewaltiger stimmlicher Ausdauer bewältigt er diese Riesenaufgabe. Glaubhaft gelingt es ihm, das Hadern zwischen Schuster- und Komponistenleben, zwischen Autorität, Selbstsucht, Sehnsucht und Triebverzicht zu zeigen – auch, dass er am Schluss, im großen Jubel, einsam ist. Weder das Zarte (Flieder-Monolog), noch polternde Wut kommen zu kurz. Zwarg singt textverständlich, ermüdungsfrei verschwenderisch.

Der scheinbar mühelose Strahletenor von Marco Jentzsch als Walther von Stolzing schmeichelt den Ohren. Sein kristallklar mit süffigen piani gestaltetes Preislied Morgenlich leuchtend im rosigen Schein…, mit Innigkeit und Anmut vorgetragen, gehört zu den anrührendsten Momenten. Seine Präsenz und Kondition sind bewunderndswert.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Thomas de Vries debütiert in der Partie des verknöcherten Stadtschreibers Sixtus Beckmesser, mal charismatisch brillierend, mal nervend selbstgerecht. Gekonnt gelingen ihm die verschlagenen Beckmesser-Koloraturen, die technisch eine Herausforderung voller tückischer Stolpersteine sind. Er zeigt sich streng regelkonform denkend, akademisch konservativ, als an den Buchstaben der Vorschriften klebender Charakter. In der entsetzlich schwierigen Prügelfuge überzeugt er. Tragisch komisch sein Vortrag im Festsaal – anstatt „Morgenlich leuchtend“ singt er „Morgen ich leuchte“, oder „Wonnig entragend“ „Wohn‘ ich erträglich“ oder gar herrlich ein Baum“ „häng‘ ich am Baum“. Hier beweist Thomas de Vries sein feines Gefühl für Nuancen und erheitert gekonnt das Publikum.

Betsy Horne verkörpert Eva mit Empathie. Mit ihrem betörend leuchtenden samtweichen und klaren Sopran weiß sie sehr wohl, wie sie zu ihrem Willen kommt. Mit viel Temperament, nicht das naiv-fromme Mädchen, ist sie eine junge zielstrebige Frau, die das Objekt ihrer Begierde wild knutschend ins Nebenzimmer zieht. Es gelingt ihr, sich von den alten Meistern zu emanzipieren, sich zu befreien. Ihre Eröffnung des Quintetts im 3. Akt ist bewegend.

Erik Biegel ist ein charmant-frecher David mit hellem lyrischen Tenor. Er überzeugt darstellerisch und diktionsfreudig mit vortrefflicher Bühnenpräsenz. Fast eine Luxusbesetzung ist Margarete Joswig als Magdalena. Weich timbriert lässt ihr in der Höhe leuchtender Mezzosopran aufhorchen. Als stark sehbehinderter Veit Pogner ist der junge Young Doo Park kaum wiederzuerkennen. Mit seinem sonoren warmen Bass ist er ein souveräner, aber auch zögernder Vater, der seine Tochter – fernab von selbstgefälliger Protzigkeit – als Preis anbietet. Benjamin Russell als eifriger Organisator Fritz Kothner beeindruckt mit klangschön kräftigem Bariton und eloquenter Deklamation.

Richard Wagner - bewundert © IOCO

Richard Wagner – wird bewundert © IOCO

Die alten Meister Ralf Rachbauer (Kunz Vogelgesang), Florian Kontschak (Konrad Nachtigal), Rouwen Huther (Balthasar Zorn), Reiner Goldberg (Ulrich Eisslinger), Andreas Karasiak (Augustin Moser), Daniel Carison (Hermann Ortel), Philipp Mayer (Hans Schwarz) und Wolfgang Vater (Hans Foltz) tragen beeindruckend differenziert, bis hin zur geifernden Kakophonie in der Prügelfuge, zum Erfolg bei.

Hervorzuheben ist der profunde Nachtwächter von Tuncay Kurtoglu. Als Lehrbuben /Pflegekräfte agieren ausgezeichnete, bereits etablierte, Nachwuchssänger, die ohne Zweifel bald Meister-sängerniveau haben werden.

Der von Albert Horne einstudierte hellwache, mit viel Verve und Eindringlichkeit agierende Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden beeindruckt durch Spielfreude. Sicher und präzise profilieren sich die SängerInnen besonders in den Massenszenen, bei der Prügelfuge und im Festsaal. Eindrücklich gelingt  „Die Geister, die ich rief…“  zu einem vortrefflichen Schluss.

Der Jubel  am Ende des Abends ist groß. Das gutgelaunte Publikum hatte anschließend die einmalige Gelegenheit, statt eines Festsaals eine natürliche Festwiese vor dem Theater zu betreten. Stadtfest und Erntedankfest sei Dank…

Die Meistersinger von Nürnberg am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 3.10.2018; 14.10.2018; 4.11.2018; 22.4.2019; 30.5.2019

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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