Wiesbaden, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, WIESBADEN BIENNALE mischt auf – BAD NEWS, IOCO Kritik, August 2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Ganz Normal © Martin Kaufhold

  WIESBADEN BIENNALE 2018

 Verstörung garantiert! – Erdogan Statue erzeugt Aufruhr

von Ingrid Freiberg

 WIESBADEN BIENNALE mischt auf – Mit BAD NEWS

Erdogan Statue auf Wiesbaden Biennale Wiesbaden Biennale © IFreiberg

Erdogan Statue auf Wiesbaden Biennale Wiesbaden Biennale © IFreiberg

Die Kuratoren der WIESBADEN BIENNALE (vom 23.08. – 02.09.2018), Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, wollen mit ihrem Konzept bewusst verstören und Fragen aufwerfen: Wie gehen wir damit um, dass die Dinge, die uns eigentlich immer undenkbar erschienen, passieren können, dass der Konsens, der über Jahrhunderte galt, nicht mehr selbstverständlich ist? Damit wird die Institution Theater infrage gestellt, eine Vision entwickelt, was das Theater sein könnte, wenn es nicht mehr als solches betrieben wird.

Transformation einer repräsentativen Kulturstätte

Im Rahmen WIESBADEN BIENNALE erhalten repräsentative Kulturstätten eine zynische Transformation: Als spekulative Zukunftsvision wird das Hessische  Staatstheater Wiesbaden, ein imposanter Repräsentationsbau des 19. Jahrhunderts, einer Nachnutzung als Parkhaus, Shopping-Arcade und Autokino unterworfen. Dazu gehört auch ein neu eröffneter REWE-Markt im neo-barocken Kaiserfoyer mit einem umfangreichen Frische-Angebot.

HINTERLAND – eine schwierige Lage

Herzstück der Gesamtinszenierung ist die ehemalige City Passage, ein prekärer Leerstand, der von akutem Notstand kündet. Ein Schandfleck, an dem sich nur ein paar knutschende Teenager und qualmende Schulschwänzer herumdrücken. Doch genau diese stillgelegte, heruntergekommene Ladengalerie ist das kreative Kraftfeld von HINTERLAND. So heißt das zweite Motto des Festivals.
Hier zeigen vierzehn internationale Künstlerinnen und Künstler einen theatral verdichteten Parcours. Eine verloren gedachte Welt feiert ihr Auferstehen – und winkt schon von weitem bedrohlich mit dem Geruch des Verfalls und der Verwesung. Öffentliche Räume wandeln sich – funktionale Zuschreibungen werden unterminiert. Alles, was sich dort abspielt, ist nur für Zuschauer ab 16 Jahren zugänglich.

Wiesbaden Biennale / Hessisches Staatstheater als Parkhaus © BTrost

Wiesbaden Biennale / Hessisches Staatstheater als Parkhaus © BTrost

City Passage – Besucher treffen auf Urängste der Menschheit

Einkaufen wird zur Horrorshow. Kleine Laternen erinnern an ein Dorf. Es ist die Vorhölle der Erinnerung, die Reinkarnation traumatischer Abgründe. Die Klaviatur reicht von minimalistischer Performance mit einer Hommage an die Wiesbadener und japanische Badekultur über romantische Klavierklänge in steril weißem Ikea-Einrichtungsterror, die das Inferno hässlich-häuslicher Gewalt untermalt, bis zu den zarten butoh-inspirierten Solo-Performances. Flankiert wird das Panoptikum durch fragile Zeichnungen, die wie Juwelen drapiert brutalste Szenerien zeigen. Danach der Durchgang in eine Welt energetisch aufgeladenen Horrors: Räume erzählen, theatral und zugleich mit dem Blick eines Fotografen, die Geschichte des Kleinwarenhändlers als Bankrotteur. In den Relikten seiner Läden hat er sich eingenistet zwischen zur Funktionslosigkeit verdammten alten Fotoapparaten, die ihn immer wieder auf die Bilder seiner Vergangenheit stoßen lassen. Dieser eindrucksvoll ausgebreitete Kontrollverlust findet sein Pendant in der ins Chaos der Graffiti-Welten versetzten Primaballerina, die mit choreografischer Disziplin und Spitzentanz die perfekte Schönheit zelebriert. Versteckt in der alten Spielhalle befindet sich ein Filmset, das 24 Stunden am Tag Betreutes Leben – Ezzelino Live Cams in die Welt übertragen. In einem ehemaligen Schlecker-Laden wird die Arbeitswelt der Zukunft imaginiert, in der selbst die Drohnen arbeitslos geworden sind. Im einzigen Pornokino in Wiesbaden ist die Videoarbeit „Sex is Sentimental“, das Selbstporträt eines schamlos Liebenden, inmitten von ungehemmter Pornografie zu sehen.

Radikal unterhaltsame Parallelgesellschaften

Die Wartburg wird zum Migrantenstadl. Für elf Tage ist sie Unterhaltungs-Mehrzweckhalle im Westend mit täglich wechselndem Programm von und für radikal unterhaltsame Parallelgesellschaften aus Kanak-Stars, Comedy auf Islam, Textterroristen, Rap-Ladies, Chill-Out mit Backgammon, Boxkampf und Kinosaal. Eine charmant brachiale Übernahme aus der Peripherie mit unbedingtem Integrationswillen… Ein riesiger Runder Tisch lädt täglich geladene Gäste und spontane Besucher zu Tischgesprächen voll unerwarteter Begegnungen und hitzigen Debatten ein. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen!

 Wiesbaden Biennale / Kaiserfoyer als REWE - Markt © BTrost

Wiesbaden Biennale / Kaiserfoyer als REWE – Markt © BTrost

Es gibt auch Good News!

KOI ist ein von Studierenden organisierter Raum für geteilte Festivalreflexion: Interessierte, Künstler oder Ladeninhaber in der ehemaligen City Passage haben die Möglichkeit, an unterschiedlichen Orten miteinander ins Gespräch zu kommen. Mit Esel, Bus oder als Wanderverein bewegt sich die Gruppe spielerisch In den Straßen Wiesbadens. Aus regionaler Perspektive berichtet KOI von den Begegnungen im hessischen Hinterland.

Auf welcher Seite soll man stehen? Eine Wand teilt die Reisinger-Anlagen!

Um Grenzen zu überschreiten, muss man sie erst sichtbar machen: Eine grüne 333 Meter lange Wand auf Gitterhintergrund teilt herausfordernd die Grünfläche der Reisinger-Anlage. Die Parkanlage liegt direkt vor dem Hauptbahnhof. Wasser und Blümchen gibt es nur noch auf der einen, schattengebende Bäume nur noch auf der anderen Seite. Ein verwirrter Mann setzt sich vor den Traktor und will verhindern, dass hier eine Grenze entsteht: Ich will auf die andere Seite! Sicherheitsleute greifen ruppig ein, Festivalbesucher beruhigen ihn. Wenn der Verwirrte ein Schauspieler ist, dann ist es ein guter. Schmerzhaft wird einem bewusst, wie einladend und weiträumig das „grüne Entree“ der Stadt ohne diese Begrenzung ist.

Viel Ärger um  Recep Tayyip Erdogan

Eine über vier Meter hohe Statue des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan mitten in der Wiesbadener Innenstadt sorgte für reichlich Aufsehen und Irritationen. Hierzu meldeten sich die Verantwortlichen zu Wort: Uwe Eric Laufenberg, Intendant der Wiesbaden Biennale, verteidigte die Aktion als ein Statement für freie Meinungsäußerung: Wir haben die Statue aufgestellt, um über Erdogan zu diskutieren. Das geht überall. Die Kunst ist dazu da, zu zeigen, wie es ist.  Das sei nicht immer leicht zu verstehen. Aber in einer Demokratie muss man alle Meinungen aushalten

Vor der Statue diskutierten er und die beiden Kuratoren, Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, angeregt mit den Anwesenden über die Aktion. Einige warfen ihnen dabei vor, es handele sich um eine bewusste Provokation, um die schon bestehenden Konflikte und das Verhältnis zur Türkei sowie zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern weiter zu schüren. „Wenn hier Blut fließt, sind Sie Schuld daran“, erregte sich ein aufgebrachter Mann.

Türkische Passanten knieten vor der Statue nieder, hoben vier Finger in die Höhe, den Daumen in den Handballen gedrückt, der R4bia-Gruß, oder jubelten ihm zu und stimmten evet an. Eine Frau legte eine rote Rose nieder. Ein junger türkischer Mann demonstrierte mit einer umgehängten Deutschland-Flagge seine eindeutige Zugehörigkeit. Daraufhin stellte sich ein Deutscher mit Hitlergruß vor die Gruppe. In solchen Situationen könnte der von den Kuratoren gewünschte kulturelle Austausch in eine gefährliche Konfrontation umkippen. Beamte von Stadt- und Landespolizei beobachteten die Situation vor Ort…. 

Auch die Stadtverwaltung zeigte sich überrascht. Im Vorfeld der Wiesbaden Biennale sei zwar das Aufstellen einer menschenähnlichen Statue genehmigt worden, teilte sie mit. Es sei aber nicht klar gewesen, dass es sich um eine Erdogan-Statue handeln wird. Einschreiten wolle die Stadt trotz der Proteste nicht, solange von der Kunstaktion keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgehe. Der Magistrat, bekenne sich zur im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit, erklärten die Verantwortlichen. Dennoch wurde die Erdogan Statue nach  einem Tag entfernt; aufgrund der Unruhen unter den Besuchern.

Hessisches Staatstheater / Wiebaden Biennale - hier : Guilty landscapes © Kevin McElvaney

Hessisches Staatstheater / Wiebaden Biennale – hier : Guilty landscapes © Kevin McElvaney

Herausforderungen der Zeit meistern! Werte anstoßen und begleiten!

Mit Festivalzentrum, Club und Sonnendeck auf dem Parkhaus der City Passage lädt die WIESBADEN BIENNALE ihre Besucher zu hitzigen Debatten, aber auch zum lustvollen Verweilen, zu durchtanzten Nächten und Konzerten unter freiem Himmel ein.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Biennale und Theater- & Biennalefest, 23.08. – 02.09.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden startet in die

Spielzeit 2018.2019: Wiesbaden Biennale und Theater- & Biennalefest

Mit der Wiesbaden Biennale, die vom 23. August bis 2. September 2018 stattfindet, eröffnet das Hessische Staatstheater Wiesbaden die neue Spielzeit.

Für Fans und Neugierige bietet das Theater- und Biennalefest am Samstag, den 1. September 2018 ab 14 Uhr besondere Einblicke hinter die Kulissen mit offenen Bühnen und Werkstätten sowie  vielfältigem Programm für die ganze Familie: Mit der beliebten Kostümversteigerung, Chor- und Kammerkonzerten und Ausschnitten aus dem Programm der Spielzeit 2018.2019 aller Sparten bietet das Theater- und Biennalefest ein Programm für Groß und Klein. Die Werkstätten gewähren Einblicke in ihre Arbeit und es gibt Führungen durch die Kostüm- und Maskenabteilungen. Ein Meet & Greet mit der Theaterleitung und der Leitung der Wiesbaden Biennale gibt Gelegenheit ins Gespräch zu kommen. Ein Rahmenprogramm in den Kolonnaden und Warmen Damm runden das Fest ab. Für viele attraktive und ausgewählte Vorstellungen in der kommenden Spielzeit gewährt die Theaterkasse spezielle Ticketangebote zum Spielzeitstart.

Auf dem Programm der Wiesbaden Biennale stehen an diesem besonderen Tag einerseits die international erfolgreiche Produktion »Five Easy Pieces« von Milo Rau, um 19 Uhr im Malsaal,  sowie die schräg-komisch und gleichzeitig melancholisch-traurige Performance »You are not alone« des englischen Performers Kim Noble im Studio an. Im Anschluss klingt der Abend mit einer Autokino-Vorstellung des Road-Movie-Klassikes »Fear and Loathing in Las Vegas« auf der Bühne im Großen Haus aus.

Für die Wiesbaden Biennale verwandeln über 30 internationale Künstlerinnen und Künstler sowie Kollektive Wiesbaden elf Tage lang in ein pulsierendes Herz zeitgenössischer Kunst. Die City Passage an der Schwalbacher Straße wird als interdisziplinärer Ausstellungsparcours wiedereröffnet, das Staatstheater erlebt eine Nachnutzung als Parkhaus und Shoppingarcade. Zahlreiche Arbeiten überraschen die Besucherinnen und Besucher im Stadtraum.

Mehr Infos zum Theater- und Biennalefest und zum Programm der Wiesbaden Biennale gibt es – auch in den Theaterferien – am Publikumshandy der Wiesbaden Biennale: +49. 151 700 444 22.

Wegen des Taunusstraßenfestes und des City Biathlons, der am 1. September rund um das Theater ausgetragen wird, werden die Besucher des Theater- & Biennalefestes gebeten ausreichend Zeit für die Anreise einzuplanen. Es kann zu Verkehrsbehinderungen und erschwerten Zufahrt zu Parkplätzen kommen.

Theater- und Biennalefest
Samstag, 1. September 2018
Beginn: 14 Uhr, darüber hinaus weitere Veranstaltungen der Wiesbaden Biennale
Kolonnaden & verschiedene Orte in & um das Hessische Staatstheater Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Zauberflöte für Kinder nach W.A. Mozart, 22.08.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER
nach Wolfgang Amadeus Mozart

Ab Mittwoch, den 22. August 2018, um 18 Uhr ist die Kinderoper Die Zauberflöte für Kinder nach Wolfgang Amadeus Mozart in einer Bearbeitung von GMD Patrick Lange und Carsten Kochan wieder im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zu sehen.

In der Zauberflöte für Kinder kämpfen der Vogelfänger Papageno, der mutige Prinz Tamino und seine geliebte Pamina gegen die Mächte der Finsternis und entführen das Publikum in eine Welt mit verzauberten Musikinstrumenten, bedrohlichen Schlangen und tanzenden Tieren.

Aus nächster Nähe können Kinder und Familien die fantastisch­märchenhafe Handlung der Zauberflöte erleben. Manche der kleinen und großen Zuschauer dürfen sogar aktiv mitspielen. GMD Patrick Lange und Carsten Kochan haben eine gut einstündige gekürzte Fassung erarbeitet und mit Schauspielerin Sophie Pompe eine zusätzliche, charmante Erzählfigur hinzugefügt. Die originale Musik von Mozart spielt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden.

Inszenierung Carsten Kochan,  Musikalische Leitung GMD Patrick Lange

Putzfrau Erna Sophie Pompe, Sarastro Young Doo Park, Tamino Joel Scott, Königin Jimin Hwang Pamina Stella An Papageno Christopher Bolduc Papagena Sarah Jones

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart, IOCO Kritik, 22.06.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 DON GIOVANNI  – Wolfgang Amadeus Mozart

– Scheitern – Als Frucht unbeugsamer Uneinsichtigkeit – 

Von Ingrid Freiberg

Der Prager Impresario Pasquale Bondini beauftragte Mozart, für einhundert Dukaten eine Oper zu schreiben: Don Giovanni, Libretto Lorenzo da Ponte, wurde 1787 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Premiere war ein großer Erfolg und mit dem lautesten Beyfall bedacht (Originalzitat Mozart!). Anders dagegen in Wien, wo die Oper ein halbes Jahr später, im kaiserlich-königlichen National-Hof-Theater Premiere hatte: Sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum wurde der Stoff als vulgär, abstrus und moralisch anrüchig empfunden.

Vor 230 Jahren – Don Giovanni –  Für einhundert Dukaten

Mozart ergründet in seiner Musik hinter der Ebene sexueller Anmache komplexe menschliche Abgründe. Es geht brutal zu, zärtlich, gemein und mitleidvoll. Don Giovanni wurde zum Urbild des skrupellosen Verführers, furchtlosen Atheisten und rebellischen Anarchisten. Rauschhafte Ekstase und seelische Abgründe fließen hier kongenial zusammen. 230 Jahre nach der Premiere ist Don Giovanni eines der großen Werke abendländischer Musikkultur.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni © Karl Monika Forster

Der Regisseur Nicolas Brieger entscheidet sich weder für die Prager- noch für die Wiener-Fassung. Über „seinen“ Don Giovanni sagt er provokativ: Die Aufführung kommt einer Uraufführung gleich. So erklingt die für Wien nachkomponierte Arie des Don Ottavio Dalla sua pace nicht an der üblichen Stelle im ersten Akt, sondern schlüssig als Ottavios Reaktion auf die Zurückweisung durch die Verlobte Donna Anna. Das Regiekonzept betont den Konflikt zwischen Don Giovanni und dem Alter. Brieger entschied sich für eine mahnende Dauerpräsenz des Komturs, den Don Giovanni bereits zu Beginn in einem Handgemenge erschießt.

Don Giovanni – das ist kein Name, das ist ein Bekenntnis! Das Bekenntnis zu totaler Leidenschaft, Sinnlichkeit und Begehren. Er selbst empfindet nichts, setzt aber durch seine Verführungskünste in den Frauen zarte Gefühle frei. Egomanisch lustvoll bricht er Herzen und entehrt Ehemänner und Väter. Don Giovanni verführt, benutzt?  die Frauen. Nicht eine, zwei oder drei, sondern einfach alle Frauen. Er lebt vollkommen frei, ohne Moral, ohne Skrupel und ohne Gesetze, von einem Abenteuer zum nächsten. Nach der Eroberung ist vor der Eroberung. Die Anzahl der betrogenen Frauen zeigt sein Diener Leporello in Form von Tattoos, die er sich jedes Mal schmerzhaft stechen lässt, wenn Don Giovanni wieder ein Opfer gefunden hat. 1003 Spanierinnen stehen auf seinem Gemächt. Leporello trägt im wahrsten Sinne seine Haut für seinen Herrn zu Markte. Schmerzhaft sicherlich auch, wenn Don Giovanni ihm heißen Kaffee überschüttet.

Zerlina und Dügen Masetto – Hochzeit mit Migrationshintergrund

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Katharina Konradi als Zerlina und Benjamin Russell als Masetto und Ensemble Foto Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Katharina Konradi als Zerlina und Benjamin Russell als Masetto und Ensemble Foto Karl Monika Forster

Don Giovanni macht der verschämten türkisch anmutenden, kopftuchtragenden, Braut Zerlina den Hof. Doch bald wandelt sich Zerlina in eine laszive Verführerin, die ihm einen flüchtigen Kuss gibt… Kokett weist sie den aufgeweckt agierenden Masetto zurück, seine Eifersucht ist ihr sichtlich zuwider. Zerlina korrumpiert leichtfertig sein Ehrgefühl, seine kulturelle Herkunft. Sie ist kein Lamm, das devot seine Schläge erwartet, sie ist eine selbstbewusste junge Frau, die sich nichts vormachen lässt. Der vorgegebene Migrationshintergrund verwundert deshalb ein wenig.

Don Giovanni  – In elegantem Reifrock

Don Giovanni legt zum Fest seinen langen schwarzen Mantel ab, der an die Staubmäntel der zwielichtigen Revolvermänner im Spiel mir das Lied vom Tod, das auch kurz zitiert wird, erinnert. Als fürstlicher Gastgeber empfängt er die bäuerliche Hochzeitsgesellschaft mit großer Grandezza in der Andeutung eines Reifrocks (Verdugado = Tugendwächter). Der Ausschnitt am feminin geschnittenen Oberteil zeigt seine muskulöse Männerbrust. Mit dieser Attitüde sprengt dieser Don Giovanni die Regeln der Gesellschaft. Es ist gut nachvollziehbar, dass sein androgyner Reiz die Frauen betört…

Leporello fällt in die strafenden Hände von Zerlina. Sie fesselt ihn, den sie für Don Giovanni hält, mit den roten Bändern ihres Hochzeitskleides nackt ans (Fenster-)Kreuz und stülpt ihm ihren Slip über den Kopf. Sadistisch foltert sie ihn mit einem Skalpell zwischen seinen Beinen. Atemlos befürchtet man seine Kastration… Erst nachdem er glaubhaft versichern kann, Leporello zu sein, schneidet sie ihn wieder ab.

  Frauen zerren Don Giovanni ins Pflegeheim

Don Giovanni ist in Wiesbaden nicht allein Wüstling. Es ist auch seine Geschichte von totaler Konsequenz: Von Unbeugsamkeit, Uneinsichtigkeit bis zum Scheitern, bis zum eigenen Untergang. Nach der Ermordung des Komtur verfällt der „Triebtäter“ Don Giovanni beständig. Der „wiedererstandene“ Komtur verlangt Reue, welche Don Giovanni verweigert. Junge attraktive Frauen, zu Beginn in einem Fitnessstudio geradezu teuflisch gezeigt, zerren ihn in ein Pflegeheim zu alten siechen Männern. Beklemmende Bilder, die das letzte Tabu, die Begegnung mit Alter und Tod, berühren und vermitteln: „ Das Alter ist die Hölle…“

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni am Ende © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni am Ende © Karl Monika Forster

Der Dirigent Konrad Junghänel, Spezialist für historische Aufführungspraxis, präsentiert sich in geschliffener energiegeladener Bestform. Das Orchester spricht eine lebendige, aussagekräftige Sprache. Es entstehen ungewohnte Effekte, auch wenn Mozarts Requiem und Spiel mir das Lied vom Tod anklingt. Wunderbar akzentuiert lässt er höllisch aufdrehend in Abgründe blicken. Auf einem historischen Hammerflügel kommentiert Tim Hawken vortrefflich, bisweilen auch ironisierend, die Rezitative. Einzelne Effekte werden präzise herausgearbeitet, um Worte und Musik zu bereichern: Den Akteuren gelingt es, wie sehr gute Schauspieler ihren Text zu sprechen. Der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden  unter der Leitung von Albert Horne ist auffällig präsent: darstellerisch und mit guter Diktion stimmlisch auf hohem Niveau. Der große Beifall ist hochverdient.

Ideenreich, mit hintergründigem Humor und erotisch saftigen Anspielungen gelingt es Nicolas Brieger das heitere Drama schlüssig zu erzählen. Mit großer Eindringlichkeit und moderner Erzählweise ist ihm eine neue überzeugende Fassung gelungen. Das feine Spiel mit Traum und Wahrheit wird durch Briegers Personenführung vortrefflich unterstützt. Den schauspielernden Sängern zu folgen, ist ein großes Vergnügen. Die vereinzelten Buh-Rufe für seine Regie können die Wirkung des glanzvollen Abends nicht entzaubern.

Die klassischen Handlungsplätze der Oper, dunkle Nacht, einsame Straße und lichtloser Friedhof, werden durch das Bühnenbild von Raimund Bauer ad acta geführt. Die Bühne ist hell ausgeleuchtet, in unterschiedlichen Gelbtönen gehalten – alles ist zu sehen. Schweflig-giftig, zitrusgelb, frühlingshaft grün-changierend erhellt sind Treppen, Bänke, Kammern und allerlei andere Räumlichkeiten zu sehen. Das nicht zu definierende Gebäude erlaubt auf zwei Ebenen rasche handlungsdienliche Wechsel.

Die prächtigen Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer von Barock bis Popart unterstreichen gekonnt die ideale Besetzung. Nur sehr selten ist die Wirkung jeder einzelnen Figur so eindeutig betont.

Das Ensemble lässt Herzen höherschlagen

Christopher Bolduc spielt nicht, er ist Don Giovanni! Facettenreich gibt er den durchtriebenen Draufgänger, der ständig neue Liebesabenteuer sucht, hat Kraft und Chuzpe und verleiht der Verzweiflung des Nimmersatten Gestalt. Er ist ein intellektueller Edelmann, der seine nicht nur weibliche Umwelt berechnend manipuliert. Sein jugendlich-klangschöner Bariton, mal samtig-weich, mal bedrohlich, überzeugt.

Längst hat sich Netta Or international als Spezialistin für dramatische Koloraturrollen etabliert. Leuchtend singt sie die Donna Anna mit glänzender Klarheit bis in die höchste Tonlage. Ihr vibrato-reduzierter inniger Sopran offenbart mit wohldosierter Noblesse die Zerrissenheit zwischen der überstarken Beziehung zu ihrem Vater und der Ambivalenz zu ihrem Geliebten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni -hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni -hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Ioan Hotea Don Ottavio präsentiert mit auf Hochglanz polierter Belcantostimme seine beiden Tenorarien Dalla sua pace und Il mio tesoro mit silberner Glätte, lässt aber auch seine Seelenqualen deutlich werden.

Völlig unangestrengt überzeugt Young Doo Park als profunder Komtur. Unerbittlich ist er ein stets präsenter mahnender Inbegriff von Sitte und Gerechtigkeit. Die kapriziöse Heather Engebretson ist eine intensive und stimmlich über jeden Zweifel erhabene Donna Elvira. Was an Stimme, selbst an Bruststimme, aus diesem zierlichen Körper heraustritt, ist von umwerfender Wirkung. Ihr makelloser Sopran und ihre mitreißende Körpersprache passen bestens zu der facettenreichen Partie der Rächerin.

Der Leporello des substanzreichen Bassbaritons Shavleg Armasi glänzt mit Spielfreude, agilem Ton und dunkelsamtiger Fülle. Sehr souverän beherrscht er mit stimmlicher Natürlichkeit das Bühnengeschehen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Benjamin Russell ist ein ungewöhnlich eleganter Masetto. Mit seinem früh vollendeten Bariton leistet er mit seiner kraftvollen, agilen und farbreichen Stimme Erstaunliches. Weg vom üblichen Rollenverständnis ist er differenziert, ausgereift und nuanciert.

Katharina Konradi spielt Zerlina frech und selbstbewusst. Mit charmanter Naivität und erotischer Ausstrahlung ist sie eine ideale Besetzung: Entzückend keusch und verlockend sexy. Ihr jugendlich strahlender Sopran schlägt jeden optischen Reiz. Mühelos erreicht sie jubilierende Höhen. Anrührend verzaubert sie mit lustvollem Spiel das Publikum.

 Und der Beifall wuchs zu Stürmen

Ein spannend dichter, glanzvoller Abend! Musikalisch ruft die Aufführung zu Recht große Begeisterung hervor. Der erhöhte Orchestergraben zeigt die großartigen Musiker. Das Publikum spendet minutenlangen stürmischen Applaus.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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