Wiesbaden, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, WIESBADEN BIENNALE mischt auf – BAD NEWS, IOCO Kritik, August 2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Ganz Normal © Martin Kaufhold

  WIESBADEN BIENNALE 2018

 Verstörung garantiert! – Erdogan Statue erzeugt Aufruhr

von Ingrid Freiberg

 WIESBADEN BIENNALE mischt auf – Mit BAD NEWS

Erdogan Statue auf Wiesbaden Biennale Wiesbaden Biennale © IFreiberg

Erdogan Statue auf Wiesbaden Biennale Wiesbaden Biennale © IFreiberg

Die Kuratoren der WIESBADEN BIENNALE (vom 23.08. – 02.09.2018), Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, wollen mit ihrem Konzept bewusst verstören und Fragen aufwerfen: Wie gehen wir damit um, dass die Dinge, die uns eigentlich immer undenkbar erschienen, passieren können, dass der Konsens, der über Jahrhunderte galt, nicht mehr selbstverständlich ist? Damit wird die Institution Theater infrage gestellt, eine Vision entwickelt, was das Theater sein könnte, wenn es nicht mehr als solches betrieben wird.

Transformation einer repräsentativen Kulturstätte

Im Rahmen WIESBADEN BIENNALE erhalten repräsentative Kulturstätten eine zynische Transformation: Als spekulative Zukunftsvision wird das Hessische  Staatstheater Wiesbaden, ein imposanter Repräsentationsbau des 19. Jahrhunderts, einer Nachnutzung als Parkhaus, Shopping-Arcade und Autokino unterworfen. Dazu gehört auch ein neu eröffneter REWE-Markt im neo-barocken Kaiserfoyer mit einem umfangreichen Frische-Angebot.

HINTERLAND – eine schwierige Lage

Herzstück der Gesamtinszenierung ist die ehemalige City Passage, ein prekärer Leerstand, der von akutem Notstand kündet. Ein Schandfleck, an dem sich nur ein paar knutschende Teenager und qualmende Schulschwänzer herumdrücken. Doch genau diese stillgelegte, heruntergekommene Ladengalerie ist das kreative Kraftfeld von HINTERLAND. So heißt das zweite Motto des Festivals.
Hier zeigen vierzehn internationale Künstlerinnen und Künstler einen theatral verdichteten Parcours. Eine verloren gedachte Welt feiert ihr Auferstehen – und winkt schon von weitem bedrohlich mit dem Geruch des Verfalls und der Verwesung. Öffentliche Räume wandeln sich – funktionale Zuschreibungen werden unterminiert. Alles, was sich dort abspielt, ist nur für Zuschauer ab 16 Jahren zugänglich.

Wiesbaden Biennale / Hessisches Staatstheater als Parkhaus © BTrost

Wiesbaden Biennale / Hessisches Staatstheater als Parkhaus © BTrost

City Passage – Besucher treffen auf Urängste der Menschheit

Einkaufen wird zur Horrorshow. Kleine Laternen erinnern an ein Dorf. Es ist die Vorhölle der Erinnerung, die Reinkarnation traumatischer Abgründe. Die Klaviatur reicht von minimalistischer Performance mit einer Hommage an die Wiesbadener und japanische Badekultur über romantische Klavierklänge in steril weißem Ikea-Einrichtungsterror, die das Inferno hässlich-häuslicher Gewalt untermalt, bis zu den zarten butoh-inspirierten Solo-Performances. Flankiert wird das Panoptikum durch fragile Zeichnungen, die wie Juwelen drapiert brutalste Szenerien zeigen. Danach der Durchgang in eine Welt energetisch aufgeladenen Horrors: Räume erzählen, theatral und zugleich mit dem Blick eines Fotografen, die Geschichte des Kleinwarenhändlers als Bankrotteur. In den Relikten seiner Läden hat er sich eingenistet zwischen zur Funktionslosigkeit verdammten alten Fotoapparaten, die ihn immer wieder auf die Bilder seiner Vergangenheit stoßen lassen. Dieser eindrucksvoll ausgebreitete Kontrollverlust findet sein Pendant in der ins Chaos der Graffiti-Welten versetzten Primaballerina, die mit choreografischer Disziplin und Spitzentanz die perfekte Schönheit zelebriert. Versteckt in der alten Spielhalle befindet sich ein Filmset, das 24 Stunden am Tag Betreutes Leben – Ezzelino Live Cams in die Welt übertragen. In einem ehemaligen Schlecker-Laden wird die Arbeitswelt der Zukunft imaginiert, in der selbst die Drohnen arbeitslos geworden sind. Im einzigen Pornokino in Wiesbaden ist die Videoarbeit „Sex is Sentimental“, das Selbstporträt eines schamlos Liebenden, inmitten von ungehemmter Pornografie zu sehen.

Radikal unterhaltsame Parallelgesellschaften

Die Wartburg wird zum Migrantenstadl. Für elf Tage ist sie Unterhaltungs-Mehrzweckhalle im Westend mit täglich wechselndem Programm von und für radikal unterhaltsame Parallelgesellschaften aus Kanak-Stars, Comedy auf Islam, Textterroristen, Rap-Ladies, Chill-Out mit Backgammon, Boxkampf und Kinosaal. Eine charmant brachiale Übernahme aus der Peripherie mit unbedingtem Integrationswillen… Ein riesiger Runder Tisch lädt täglich geladene Gäste und spontane Besucher zu Tischgesprächen voll unerwarteter Begegnungen und hitzigen Debatten ein. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen!

 Wiesbaden Biennale / Kaiserfoyer als REWE - Markt © BTrost

Wiesbaden Biennale / Kaiserfoyer als REWE – Markt © BTrost

Es gibt auch Good News!

KOI ist ein von Studierenden organisierter Raum für geteilte Festivalreflexion: Interessierte, Künstler oder Ladeninhaber in der ehemaligen City Passage haben die Möglichkeit, an unterschiedlichen Orten miteinander ins Gespräch zu kommen. Mit Esel, Bus oder als Wanderverein bewegt sich die Gruppe spielerisch In den Straßen Wiesbadens. Aus regionaler Perspektive berichtet KOI von den Begegnungen im hessischen Hinterland.

Auf welcher Seite soll man stehen? Eine Wand teilt die Reisinger-Anlagen!

Um Grenzen zu überschreiten, muss man sie erst sichtbar machen: Eine grüne 333 Meter lange Wand auf Gitterhintergrund teilt herausfordernd die Grünfläche der Reisinger-Anlage. Die Parkanlage liegt direkt vor dem Hauptbahnhof. Wasser und Blümchen gibt es nur noch auf der einen, schattengebende Bäume nur noch auf der anderen Seite. Ein verwirrter Mann setzt sich vor den Traktor und will verhindern, dass hier eine Grenze entsteht: Ich will auf die andere Seite! Sicherheitsleute greifen ruppig ein, Festivalbesucher beruhigen ihn. Wenn der Verwirrte ein Schauspieler ist, dann ist es ein guter. Schmerzhaft wird einem bewusst, wie einladend und weiträumig das „grüne Entree“ der Stadt ohne diese Begrenzung ist.

Viel Ärger um  Recep Tayyip Erdogan

Eine über vier Meter hohe Statue des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan mitten in der Wiesbadener Innenstadt sorgte für reichlich Aufsehen und Irritationen. Hierzu meldeten sich die Verantwortlichen zu Wort: Uwe Eric Laufenberg, Intendant der Wiesbaden Biennale, verteidigte die Aktion als ein Statement für freie Meinungsäußerung: Wir haben die Statue aufgestellt, um über Erdogan zu diskutieren. Das geht überall. Die Kunst ist dazu da, zu zeigen, wie es ist.  Das sei nicht immer leicht zu verstehen. Aber in einer Demokratie muss man alle Meinungen aushalten

Vor der Statue diskutierten er und die beiden Kuratoren, Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, angeregt mit den Anwesenden über die Aktion. Einige warfen ihnen dabei vor, es handele sich um eine bewusste Provokation, um die schon bestehenden Konflikte und das Verhältnis zur Türkei sowie zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern weiter zu schüren. „Wenn hier Blut fließt, sind Sie Schuld daran“, erregte sich ein aufgebrachter Mann.

Türkische Passanten knieten vor der Statue nieder, hoben vier Finger in die Höhe, den Daumen in den Handballen gedrückt, der R4bia-Gruß, oder jubelten ihm zu und stimmten evet an. Eine Frau legte eine rote Rose nieder. Ein junger türkischer Mann demonstrierte mit einer umgehängten Deutschland-Flagge seine eindeutige Zugehörigkeit. Daraufhin stellte sich ein Deutscher mit Hitlergruß vor die Gruppe. In solchen Situationen könnte der von den Kuratoren gewünschte kulturelle Austausch in eine gefährliche Konfrontation umkippen. Beamte von Stadt- und Landespolizei beobachteten die Situation vor Ort…. 

Auch die Stadtverwaltung zeigte sich überrascht. Im Vorfeld der Wiesbaden Biennale sei zwar das Aufstellen einer menschenähnlichen Statue genehmigt worden, teilte sie mit. Es sei aber nicht klar gewesen, dass es sich um eine Erdogan-Statue handeln wird. Einschreiten wolle die Stadt trotz der Proteste nicht, solange von der Kunstaktion keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgehe. Der Magistrat, bekenne sich zur im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit, erklärten die Verantwortlichen. Dennoch wurde die Erdogan Statue nach  einem Tag entfernt; aufgrund der Unruhen unter den Besuchern.

Hessisches Staatstheater / Wiebaden Biennale - hier : Guilty landscapes © Kevin McElvaney

Hessisches Staatstheater / Wiebaden Biennale – hier : Guilty landscapes © Kevin McElvaney

Herausforderungen der Zeit meistern! Werte anstoßen und begleiten!

Mit Festivalzentrum, Club und Sonnendeck auf dem Parkhaus der City Passage lädt die WIESBADEN BIENNALE ihre Besucher zu hitzigen Debatten, aber auch zum lustvollen Verweilen, zu durchtanzten Nächten und Konzerten unter freiem Himmel ein.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Freies Theater Wiesbaden, Dorian Gray – Nach Oscar Wilde, IOCO Aktuell, 02.08.2018

Freies Theater Wiesbaden

Freies Theater Wiesbaden / Sommertheater im Nerotal im WHCT © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freies Theater Wiesbaden / Sommertheater im Nerotal im WHCT © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

 Dorian Gray – Adaption nach Oscar Wilde

Freies Theater Wiesbaden – Sommertheater 2018 im Nerotal

Von Ingrid Freiberg

Mit einer eigenen exklusiv geschriebenen Bühnenfassung zeigt das Freie Theater Wiesbaden – Sommertheater im Nerotal im August (Mi, 22.08. – So, 26.08.2018 / Mi, 29.08. – 01.09.2018 / jeweils um 20.15 Uhr) Oscar Wildes großartigen Dorian Gray.

Jan-Markus Dieckmann ist Kopf, Regisseur, Leiter und Organisator des Theaters. Neben dem Freien Theater Wiesbaden, dem er sich vor fünf Jahren anschloss, ist er auf den verschiedensten Bühnen aktiv, sei es als Ensemblemitglied in der Schmiere in Frankfurt, deutschlandweit im Gruseldinner als Graf Dracula, im Museumstheater des Hessenpark oder bei der Fliegenden Volksbühne Frankfurt. Als Sprecher ist er vor allem in Dokumentationen auf arte, ZDF und NRW-TV zu hören.

 Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 - Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 – Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Das Bildnis des Dorian Gray

Jan-Markus Dieckmann bringt buchstäblich das Ganzkörper-Porträt des schönen Jünglings mit in die Galerie Kunst-Schäfer: Lord Henry Wotton, ein gebildeter Dandy, und Basil Hallward, ein erfolgreicher Maler, setzen sich mit Kunst und Selbstinszenierung auseinander. Dorian Gray verleite ihn zu einer neuen Kunstrichtung, die alle Leidenschaft der romantischen, alle Vollkommenheit des griechischen Geistes in sich einschließen soll, so Hallward zu seinem Freund.

Beim Besuch eines drittklassigen Theaters verliebt sich Dorian Gray in die anscheinend talentierte Schauspielerin Sibyl Vane. Er ist fasziniert von ihr und schwört, aus ihr eine berühmte Schauspielerin zu machen. Ein gemeinsamer Theaterbesuch mit Lord Henry und Hallward, bei dem sie Sibyl auf der Bühne sehen, wird zur Enttäuschung. Sibyl entpuppt sich als eine so schlechte Schauspielerin, dass das Publikum den Saal vorzeitig verlässt. Die Angebetete gesteht Dorian, dass sie seit sie ihn traf nicht mehr spielen könne. Brüsk verlässt er Sibyl. Nach durchwachter Nacht bemerkt Dorian eine bestürzende Veränderung an seinem Porträt. Fassungslos erkennt er Züge von Grausamkeit. Er beschließt, seinen Fehler rückgängig zu machen und Sibyl zu heiraten. Doch diese bringt sich noch in der Nacht um…

Auf die August-Aufführungen des Sommertheaters im Nerotal darf man gespannt sein!

Theater ist so viel realistischer als das Leben

Produktionen des Freien Theaters Wiesbaden verfolgen unkonventionelle Konzepte: Schauspielen erzählt von Menschen, von Beziehungen und vom Leben. Es berührt unsere Sinne und weckt unsere Aufmerksamkeit, denn auf dem Weg zur verkörperten Bühnenrolle entdecken wir auch immer einen Teil von uns selbst.

Ein verlockender Einstieg in die Produktion Das Bildnis des Dorian Gray ist der erfolgreiche literarische Streifzug Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Ein gut gewählter Titel der Theatermacher: Oscar Wilde starb mit nur 46 Jahren. Er hinterließ bedeutende Meisterwerke, die nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. So konnte mit dieser Lesung auch an einem lauen Sommerabend eine Wilde-affine Abendgesellschaft in die Galerie Kunst-Schäfer in Wiesbaden  gelockt werden.

Dandyhaft mit Flanierstock und gegelten Locken, in Pelzmantel, Samtjacke, mit auffallenden Preziosen  und einer gut gebundenen Krawatte – Sie ist der erste ernste Schritt im Leben, so Oscar Wilde –  trifft Jan-Markus Dieckmann eine kluge mutige Auswahl aus dem Œuvre des irischen Dichters:

 Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 - Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 – Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Nutzen der Kunstkritik

In einer Zeit, in der Kunst- und Literaturkritik vor allem als eine Art Serviceleistung wahrgenommen wurde, war das Essay mit dem Titel Der Kritiker als Künstler – Tischgespräche  eine Provokation. Es richtete sich gegen ein Rezensionswesen, in dem Rezensenten zu Gerichtsreportern herabgestuft wurden, die über die Taten der Gewohnheitsverbrecher im Reich der Kunst berichten mussten. Für jeden, der eine Kritik über eine Vorstellung oder ein Kunstwerk schreibt, sollte die Abhandlung zur Pflichtlektüre werden. Dieser zweifellos gewagte Auszug verführt hoffentlich dazu, sie vollumfänglich zu lesen:

Gilbert: Ja, das Publikum ist erstaunlich tolerant. Es verzeiht alles – außer Genie[…]

Ernest: Warum sollten Leute, die selbst nicht imstande sind, etwas zu schaffen, sich anmaßen, den Wert eines schöpferischen Werkes zu beurteilen? Was können sie darüber wissen? Und ist eines Mannes Werk leicht zu verstehen, so ist eine Erklärung unnötig[…]

Gilbert: Aber ohne Zweifel ist die Kritik selbst eine Kunst. Und genauso, wie die künstlerische Schöpfung die Arbeit des kritischen Geistes mit einschließt,[…] so ist die Kritik schöpferisch in der höchsten Bedeutung des Wortes. Denn die Kritik verletzt uns nicht. Die Tränen, die wir bei einem Theaterstück vergießen, haben mit jenen köstlich nutzlosen Gefühlen zu tun, die zu erwecken Aufgabe der Kunst ist. Wir weinen, aber wir sind nicht verwundet. Wir grämen uns, aber unser Gram ist nicht bitter[…] Und wiederum macht nur die Kritik durch ihre Konzentration die Kultur möglich. Sie destilliert aus der riesigen Menge der schöpferischen Werke einen schärferen Extrakt[…]

Moral, das ist, wenn man unmoralisch ist

Verschmitzt, aber mit Tiefgang, trägt Jan-Markus Dieckmann die Kriminalerzählung Lord Arthur Saviles Verbrechen vor. Die Ironisierung von Pflicht und Moral entfaltet in dieser Erzählung eine groteske unheimliche Wirkung, die erschütternder nicht sein könnte, aber auch nicht humorvoller. Schönheit ist die größte Meisterin der Verführung. Für Lord Arthur Savile ist sie Mordmotiv! Spießbürgerlich stellt er sein Verbrechen in ein paradoxes Licht. Er hatte sein Bestes versucht, diesen Mord zu begehen, doch beide Male war er gescheitert, und das ohne sein Verschulden. Er hatte versucht, seine Pflicht zu tun, doch es schien, als sei ihm das Schicksal selbst in den Rücken gefallen. Ihn bedrückte das Gefühl der Fruchtlosigkeit guter Absichten, der Vergeblichkeit des Versuchs, gut zu sein. Die satirische Mischung aus Moralumkehr und rein ästhetischer Mord-Motivation lässt die Zuhörer genau dort lachen, wo sie erschaudern sollten.

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 - Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 – Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Mit Inbrunst gesungen

Dass Jan-Markus Dieckmann nicht nur ein guter Schauspieler ist, zeigt sich am Ende des ersten Teils: Anrührend singt er The Ash Grove. Das Lied erzählt von einem Eschenhain: Mit leisem Flüstern rauschen die Blätter über mich, der Eschenhain ist mein Zuhause[…] Die Freunde aus meiner Kindheit sind wieder vor mir[…] Die Lieben, nach denen ich mich sehne, versammeln sich hier. Aus jedem dunklen Winkel drücken sie sich vorwärts, um mich zu treffen[…]

 Sozialismus, Kommunismus oder wie immer man die Sache nennen will

 In seinem Essay Der Sozialismus und die Seele des Menschen erörtert Wilde zunächst die Vorteile, die die Menschen seiner Ansicht nach von der Einführung des Sozialismus bzw. Kommunismus zu erwarten haben. Er entwirft das Bild einer Gesellschaft, in der der Mensch erkennt, dass nicht das Wichtigste ist, zu haben, sondern zu sein. Für ihn steht der Sozialismus im Dienste des Individualismus: Die Abschaffung des Privateigentums werde zum wahren, schönen und gesunden Individualismus führen.

 Gleich zu Beginn spricht sich Wilde gegen die philanthropische Linderung der Armut aus: Heilmittel bekämpften die Krankheit nicht, sondern verlängerten sie nur. Barmherzigkeit, Fürsorge und dergleichen erniedrige und demoralisiere die Armen. Geradezu utopisch ist Wildes Erwartung, Menschen sollten keine erniedrigenden Arbeiten leisten müssen. Der Mensch sei zu Besserem geschaffen, als im Dreck zu wühlen. Alle Arbeiten dieser Art sollten von Maschinen verrichtet werden. Dem gesellschaftlichen Konformismus, der Unterwerfung unter die Autorität, stellt Oscar Wilde die individuelle Kreativität des Künstlers gegenüber.

Das Persönlichste, was Oscar Wilde hinterließ

Wilde wurde wegen homosexueller Praktiken zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer körperlicher Zwangsarbeit verurteilt. Wegen des Skandals verließ ihn seine Frau mit den gemeinsamen Kindern. Während seiner Inhaftierung starb auch seine Mutter. Er wurde für bankrott erklärt, und die schweren Haftbedingungen schädigten seine Gesundheit so sehr, dass er sich nie mehr vollständig erholte.

Aus dem Zuchthaus zu Reading  schrieb  Oscar Wilde seinem früheren Freund und Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas einen Brief. Es wurde ihm aber nicht gestattet, diesen abzusenden. Erst nach Verbüßung seiner Strafe überließ er ihn seinem Freund und Lektor Robert Baldwin Ross mit der Bitte, Douglas eine Kopie zukommen zu lassen. Douglas bestritt, den Brief je erhalten zu haben.

Durch Kunst und nur durch Kunst erreichen wir Vollkommenheit
Nur durch Kunst entgehen wir den grauenhaften Gefahren des Alltags

Behutsam führt Jan-Markus Dieckmann die Gäste vom  privaten, sehr  verzweifelten, Wilde hin zu einem Wilde, der sich in seinem Ästhetischen Manifest mit dem Ästhetizismus als Flucht vor einer dekadenten Gesellschaft  befasst. Wilde hinterfragt darin das Wirklichkeitsverständnis von Religion, Wissenschaft, der Natur und des Lebens und schuf damit erste Ansätze einer neuen Kunst- und Weltauffassung. Unter den Widersprüchen und der Hohlheit seiner Zeit leidend, empfand er diese als Zeichen einer niedergehenden Welt. Seine Reaktion als Ästhet war die Flucht aus der bedrückenden Wirklichkeit in das Reich der Kunst. Dabei ersetzte Ästhetik die Moral. Aus gut und böse wurde schön und hässlich.

Oscar Wildes Märchen gehören zu den schönsten der Weltliteratur. Die bedeutsame Rakete bildet den heiteren Schluss der geistreichen Lesung: Anlässlich der Hochzeit eines Prinzen mit einer Prinzessin soll ein großes Feuerwerk veranstaltet werden. Kurz vor ihrem großen Auftritt unterhalten sich die Feuerwerkskörper über das Leben, die Liebe, Gott und die Welt. Am meisten zu erzählen hat eine schlanke, hochgewachsene Rakete. Ihr einziges Thema ist sie selbst: Die bedeutsame Rakete

Sie ist allen Ernstes der Ansicht, der Prinz hätte ihr zu Ehren seinen Hochzeitstag auf den Tag gelegt, an dem sie zum Himmel aufsteigen soll. Darauf bildet sie sich besonders viel ein. Es gelingt ihr sogar, sich in Tränen hineinzusteigern, in dem sie sich vorstellt, der Prinz und die Prinzessin hätten ihren einzigen – noch nicht geborenen! – Sohn durch einen Unfall verloren. Die anderen Feuerwerkskörper geben pragmatisch zu bedenken, dass es vor allem darauf ankäme, trocken zu bleiben. Was der Rakete lediglich beweist, wie fantasielos die gewöhnlichen Knaller sind. Schließlich steigt einer nach dem anderen zum Himmel auf und wird von der Hochzeitsgesellschaft bestaunt – nur die bedeutsame, aber nasse, Rakete nicht. Als am nächsten Tag der königliche Garten aufgeräumt wird, wird sie in hohem Bogen über die Mauer in einen Graben geworfen. Schließlich kommen zwei Jungen, die sie für einen gewöhnlichen Stock halten und ins Feuer werfen. Und so macht die bedeutsame Rakete doch noch peng. Aber sehr sehr bescheiden…

Das irische Poem Down by the Salley Gardens, das an eine Jugendliebe erinnert und bedauert, dass daraus nichts wurde, ist der berührende Ausklang des abwechslungsreichen Abends.

Der von der Galerie Kunst-Schäfer Wiesbaden kunstvoll ausgestattete Raum erlaubte – bei einem guten Glas Wein – ein stilsicheres Eintauchen in das Werk des Dichters. Von herzlichem Applaus begleitet, forderte Jan-Markus Dieckmann die Zuhörer auf, die von ihm an die Wände gepinnten Aphorismen als Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. Die Erwartungen des Publikums wurden mehr als erfüllt.

—| IOCO Kritik Freies Theater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Biennale und Theater- & Biennalefest, 23.08. – 02.09.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden startet in die

Spielzeit 2018.2019: Wiesbaden Biennale und Theater- & Biennalefest

Mit der Wiesbaden Biennale, die vom 23. August bis 2. September 2018 stattfindet, eröffnet das Hessische Staatstheater Wiesbaden die neue Spielzeit.

Für Fans und Neugierige bietet das Theater- und Biennalefest am Samstag, den 1. September 2018 ab 14 Uhr besondere Einblicke hinter die Kulissen mit offenen Bühnen und Werkstätten sowie  vielfältigem Programm für die ganze Familie: Mit der beliebten Kostümversteigerung, Chor- und Kammerkonzerten und Ausschnitten aus dem Programm der Spielzeit 2018.2019 aller Sparten bietet das Theater- und Biennalefest ein Programm für Groß und Klein. Die Werkstätten gewähren Einblicke in ihre Arbeit und es gibt Führungen durch die Kostüm- und Maskenabteilungen. Ein Meet & Greet mit der Theaterleitung und der Leitung der Wiesbaden Biennale gibt Gelegenheit ins Gespräch zu kommen. Ein Rahmenprogramm in den Kolonnaden und Warmen Damm runden das Fest ab. Für viele attraktive und ausgewählte Vorstellungen in der kommenden Spielzeit gewährt die Theaterkasse spezielle Ticketangebote zum Spielzeitstart.

Auf dem Programm der Wiesbaden Biennale stehen an diesem besonderen Tag einerseits die international erfolgreiche Produktion »Five Easy Pieces« von Milo Rau, um 19 Uhr im Malsaal,  sowie die schräg-komisch und gleichzeitig melancholisch-traurige Performance »You are not alone« des englischen Performers Kim Noble im Studio an. Im Anschluss klingt der Abend mit einer Autokino-Vorstellung des Road-Movie-Klassikes »Fear and Loathing in Las Vegas« auf der Bühne im Großen Haus aus.

Für die Wiesbaden Biennale verwandeln über 30 internationale Künstlerinnen und Künstler sowie Kollektive Wiesbaden elf Tage lang in ein pulsierendes Herz zeitgenössischer Kunst. Die City Passage an der Schwalbacher Straße wird als interdisziplinärer Ausstellungsparcours wiedereröffnet, das Staatstheater erlebt eine Nachnutzung als Parkhaus und Shoppingarcade. Zahlreiche Arbeiten überraschen die Besucherinnen und Besucher im Stadtraum.

Mehr Infos zum Theater- und Biennalefest und zum Programm der Wiesbaden Biennale gibt es – auch in den Theaterferien – am Publikumshandy der Wiesbaden Biennale: +49. 151 700 444 22.

Wegen des Taunusstraßenfestes und des City Biathlons, der am 1. September rund um das Theater ausgetragen wird, werden die Besucher des Theater- & Biennalefestes gebeten ausreichend Zeit für die Anreise einzuplanen. Es kann zu Verkehrsbehinderungen und erschwerten Zufahrt zu Parkplätzen kommen.

Theater- und Biennalefest
Samstag, 1. September 2018
Beginn: 14 Uhr, darüber hinaus weitere Veranstaltungen der Wiesbaden Biennale
Kolonnaden & verschiedene Orte in & um das Hessische Staatstheater Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Zauberflöte für Kinder nach W.A. Mozart, 22.08.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER
nach Wolfgang Amadeus Mozart

Ab Mittwoch, den 22. August 2018, um 18 Uhr ist die Kinderoper Die Zauberflöte für Kinder nach Wolfgang Amadeus Mozart in einer Bearbeitung von GMD Patrick Lange und Carsten Kochan wieder im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zu sehen.

In der Zauberflöte für Kinder kämpfen der Vogelfänger Papageno, der mutige Prinz Tamino und seine geliebte Pamina gegen die Mächte der Finsternis und entführen das Publikum in eine Welt mit verzauberten Musikinstrumenten, bedrohlichen Schlangen und tanzenden Tieren.

Aus nächster Nähe können Kinder und Familien die fantastisch­märchenhafe Handlung der Zauberflöte erleben. Manche der kleinen und großen Zuschauer dürfen sogar aktiv mitspielen. GMD Patrick Lange und Carsten Kochan haben eine gut einstündige gekürzte Fassung erarbeitet und mit Schauspielerin Sophie Pompe eine zusätzliche, charmante Erzählfigur hinzugefügt. Die originale Musik von Mozart spielt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden.

Inszenierung Carsten Kochan,  Musikalische Leitung GMD Patrick Lange

Putzfrau Erna Sophie Pompe, Sarastro Young Doo Park, Tamino Joel Scott, Königin Jimin Hwang Pamina Stella An Papageno Christopher Bolduc Papagena Sarah Jones

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Nächste Seite »