Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Der Freischütz – Video-on-Demand, November 2020

November 9, 2020  
Veröffentlicht unter Oper, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Der Freischütz – Carl Maria von Weber
6. – 13. November 2020  als Video-on-Demand

Achim Freyers legendäre Inszenierung von Carl Maria von Webers Der Freischütz ist wieder da – pünktlich zu ihrem 40. Geburtstag! Gezeigt wird eine selten zu sehende Aufzeichnung des ZDF aus dem Jahr 1981, die längst vergriffen ist und nun endlich wieder dem Publikum zugänglich gemacht werden kann.

#OpertrotzCorona: Der Freischütz
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„Oh mein herrliches deutsches Vaterland, wie muss ich dich lieben, wie muss ich für dich schwärmen, wäre es nur, weil auf deinem Boden der Freischütz entstand“, schrieb Richard Wagner 1841 in Paris und arbeitete damit kräftig am Mythos vom Freischütz als deutscher Nationaloper. Achim Freyers mittlerweile legendäre Skandalinszenierung von 1980 legt das Albtraumhafte frei, das sich so oft unter dem verharmlosend Volkstümlichen verbirgt – damals wie heute.

Das Stück in Kürze
Am Tag vor der Hochzeit muss der Jäger Max einen Probeschuss absolvieren, um seine geliebte Agathe heiraten zu dürfen. Aus Angst zu versagen, trifft er seit Tagen überhaupt nicht mehr. Sein Kamerad Kaspar, Agathes Ex-Freund und erst vor kurzem aus dem Dreißigjährigen Krieg zurückgekehrt, verhilft ihm zu Zauberkugeln, die man in der Wolfsschlucht gießen muss – im Zentrum der Angst.

Besetzung

Musikalische Leitung: Dennis Russell Davies • Regie, Bühnenbild und Kostüme: Achim Freyer • Licht: Hans-Joachim Haas • Dramaturgie: Klaus-Peter Kehr • Chor: Ulrich Eistert

Ottokar: Wolfgang Schöne • Kuno: Fritz Linke • Agathe: Catarina Ligendza • Ännchen: Raili Viljakainen • Kaspar: Wolfgang Probst • Max: Toni Krämer • Kilian: Helmut Holzapfel • Eremit: Roland Bracht • Samiel: Wolfram Raub • Jäger: Raimund Ade, Kurt Zeiher • Brautjungfer: Astrid Burden, Nicole Schneider, Alexandra Turni, Christina Wächtler, Margot Wohlers, Heidi Brunig, Petra Kollakowsky

Orchester und Chor der Württembergischen Staatsoper Stuttgart

Digitalpartner der Staatsoper Stuttgart


Ihre Spende für Künstler*innen
Viele Sänger*innen und Musiker*innen sind von der Corona-Krise existentiell bedroht: Auch freie Künstler*innen, die eng mit der Staatsoper Stuttgart und dem Staatsorchester Stuttgart verbunden sind, haben durch die Absage aller Aufführungen und Konzerte bis zum 19. April ihre Einkünfte verloren. Die Mitarbeiter*innen der Staatstheater Stuttgart engagieren sich bereits in verschiedenen Initiativen zur Förderung von Künstler*innen, die derzeit keine Einkünfte haben.

Seien auch Sie dabei und helfen Sie, die Kulturlandschaft nach Ende der Corona-Krise wieder erstrahlen zu lassen wie zuvor! Die folgenden Initiativen empfehlen wir, um einen Beitrag zu leisten:

Künstler*innen Soforthilfe Stuttgart
Spendenkonto: Kultig e. V
GLS Bank
IBAN: DE21 4306 0967 7005 4549 00
Betreff: „Künstlersoforthilfe“

Deutsche Orchester-Stiftung
Spendenkonto: Deutsche Orchester-Stiftung
Kennwort: Nothilfefonds
IBAN: DE35 1004 0000 0114 1514 05
BIC: COBADEFFXXX

Förderverein der Staatstheater Stuttgart e.V.
Der Förderverein unterstützt verschiedene Projekte der Staatstheater Stuttgart – und fördert auch die jungen Sänger*innen des Opernstudios.

Vereinskonto Nr. 2 413 004
Verwendungszweck: Zu Gunsten des Opernstudios
IBAN: DE66 6005 0101 0002 4130 04
BIC: SOLADEST600

DAS STAATSORCHESTER FOLGT DEM AUFRUF!

„Die Musikerinnen und Musiker des Staatsorchesters Stuttgart haben in den letzten Wochen bereits vielfach in den Nothilfefonds des Deutschen Orchesterverbands eingezahlt – als Privatpersonen. Als Zeichen der Solidarität haben wir uns als Vorstand nun dazu entschieden, die Orchesterkasse als Ganzes aufzulösen und im Namen des gesamten Staatsorchesters einen Betrag i.H.v. insgesamt 15.000 € für den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung zu spenden. Diese Summe soll allen freischaffenden Kolleg*innen zu Gute kommen, die in ihrer Existenz bedroht sind. Wir schließen uns damit der Initiative anderer Orchester an und hoffen, damit auch andere Institutionen zur Nachahmung motivieren zu können, auf dass wir auch in Zukunft gemeinsam Musik machen können!“

Der Orchestervorstand des Staatsorchester Stuttgart

 

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Keine Vorstellungen, 02. bis 30. 11.2020

November 2, 2020  
Veröffentlicht unter Livestream, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Keine Vorstellungen von 2. bis 30. November


Liebes Publikum,

vermutlich haben Sie es mitbekommen – uns allen steht ein kulturloser Monat November bevor. Von 2.–30.11. sind alle Vorstellungen der Staatstheater Stuttgart abgesagt. Natürlich: Das Corona-Virus muss an seiner Ausbreitung gehindert werden, unser aller Gesundheit ist ein sehr hohes, schützenswertes Gut. Was mich irritiert, ist, dass wir in der politischen Rhetorik im gleichen Atemzug genannt werden mit Vergnügungseinrichtungen und Spaßbädern – aus meiner Sicht sind wir eine kulturelle Bildungseinrichtung und damit hätten wir eine differenziertere Betrachtung im Umgang mit der Pandemie verdient. Unsere Aufgabe ist es, im Theater demokratische Prozesse zu reflektieren, zu spiegeln, zu hinterfragen, zu bestätigen; nicht ohne Spaß zwar (nur in Ausnahmefällen in Badehose), aber als ernste Partner einer demokratischen ausbalancierten Gesellschaft. Was nun folgt? Wir halten Sie auf dem Laufenden. Digital – und hoffentlich bald auch wieder live!

Herzliche Grüße
Viktor Schoner    Intendant


Keine Vorstellungen von 2. bis 30. November!
Serviceinformationen

Aufgrund der vom Land Baden-Württemberg geplanten Anordnungen im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion mit dem Corona-Virus werden alle Vorstellungen der Staatstheater Stuttgart vom 2. bis zum 30. November 2020 in allen Spielstätten abgesagt. Das gilt auch für Führungen und Begleitprogramme. Die Aufführungen bis einschließlich 1. November finden wie geplant statt.

Die Staatstheater Stuttgart haben für ihren Spielbetrieb ein ausgefeiltes und mit dem Gesundheitsamt der Landeshauptstadt abgestimmtes Hygiene-Konzept umgesetzt, das seinesgleichen sucht. Kein einziger Infektionsfall ist bislang auf den Besuch einer Opern-, Ballett- oder Schauspielvorstellung oder eines Konzerts des Staatsorchesters zurückzuführen. Wir bedauern es sehr, dass die politischen Entscheidungsträger keinen anderen Weg gesehen haben, die weitere Ausbreitung der Corona-Pandemie einzudämmen, als zunächst bis 30. November befristet u.a. Gastronomie, Theater, Konzerthäuser, Kinos und Museen zu schließen. Gleichzeitig gehen die Staatstheater Stuttgart davon aus, ab 1. Dezember unter den bislang gültigen Auflagen wieder für ihr Publikum spielen zu dürfen.

Rückerstattung
Alle Karten für die abgesagten Vorstellungen werden kostenfrei storniert. Bereits erworbene Karten werden automatisch storniert, wenn sie unter Angabe persönlicher Kontaktdaten gebucht wurden. Der Betrag wird auf die hinterlegte Bankverbindung erstattet.

Für Fragen steht Ihnen der Kartenservice gerne zur Verfügung:
Telefon: 0711.20 20 90, E-Mail: tickets@staatstheater-stuttgart.de.

Die Rücküberweisungen werden nach zeitlicher Vorstellungsreihenfolge bearbeitet. Das kann einige Wochen dauern.

Abonnements
Abonnent*innen werden hinsichtlich der ausgefallenen Vorstellungen in Kürze durch das Abonnementbüro informiert.


 

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici, IOCO Kritik, 21.10.2020

Oktober 21, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Cavalleria rusticana  –  Luci mie traditrici

 Oper in Zeiten von Corona – unter Pandemie-Bedingungen

von Peter Schlang

Die Stuttgarter Staatsoper ist ja als äußerst empfangsbereites, offenes Haus bekannt, aber so viele und lange geöffnete Türen sah man am Haus am Eckensee noch nie: Der maximale Zufluss von Frischluft ist eben eine der Bedingungen, die von den Verantwortlichen für öffentliche Veranstaltungen unbedingt einzuhalten sind. Aber auch sonst sind die Angst vor Corona bzw. die Maßnahmen gegen seine Verbreitung am Abend des 11. Oktober im Stuttgarter Opernhaus allgegenwärtig – vor, während und nach der zweiten Opernpremiere der aktuellen, als Ganzes stark von Corona geprägten und eingeschränkten Spielzeit. Dies zeigt sich u. a. an dem in großer Zahl aufgebotenen Personal, welches die Premierengäste durch das Haus und an ihr vorgesehenen Plätze lotst, den mit Tüchern in der Trauerfarbe Schwarz verhüllten jeweils zwei Theatersitzen zwischen den freigegebenen Sesseln und einer pointierten, nicht einmal Spitzen gegen die politischen Entscheider scheuenden Ansprache des Opernintendanten Viktor Schoner vor Beginn der Aufführung. In dieser beklagte der Hausherr u. a. die für die Staatstheater angemeldete Kurzarbeit, die dazu führe, dass Mitglieder des Chores und Orchesters nur eine begrenzte Zeit aktiv sein dürfen, wodurch nur eine stark eingeschränkte Zahl von Aufführungen möglich sei, was wiederum die Einnahmen an Eintrittsgeldern beträchtlich drücke. Genüsslich verwendete der Intendant für solche und andere Corona-Kollateralschäden die Begriffe Milchmädchenrechnung und Schildbürgerstreich!

Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici
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Diese die Pandemie an ihrer Ausweitung hindernden Maßnahmen beschränken sich aber nicht auf Äußerlichkeiten und organisatorische Abläufe und die Einhaltung der Abstandsregeln vor der Bühne, sondern sie ergriffen auch den innersten Bereich einer Opernaufführung, also deren musikalisches und dramaturgisches Gerüst bzw. dessen Umsetzung. So hatte man für die den Abend eröffnende Cavalleria rusticana des italienischen Verismo-Komponisten Pietro Mascagni bei dessen zeitgenössischem deutschen Kollegen Sebastian Schwab extra eine Kammermusikfassung in Auftrag gegeben und diese zusammen mit dem den Abend auch leitenden Generalmusikdirektor Cornelius Meister parallel zu den Proben erarbeiten lassen, die im Graben ein gerade neun Streicher umfassendes Kammerorchester und den von Cornelius Meister gespielten Flügel vorsieht.

Dazu kommt ein an die südeuropäische Banda-Tradition angelehntes Blasorchester, das hinter der Bühne agiert. Der gerade wieder zum Opernchor des Jahres gekürte Staatsopernchor wird in dieser Corona-Version auf ganze 18 Mitglieder „eingedampft“, die natürlich nicht auf der Bühne agieren, sondern, rein konzertant, im dritten Rang platziert sind. Höchst wahrscheinlich ermöglichen nur diese harten musikalischen Eingriffe in die beiden im Original recht groß besetzten musikalischen Kollektive die ursprünglich schon für die vergangene Spielzeit geplante Aufführung dieser glutvollen, rassigen und musikalisch wie inhaltlich berauschenden Oper unter den einschneidenden Corona-Bedingungen. Allerdings führen sie zu einer weitgehenden Entzauberung und nehmen dem sonst so mitreißenden Werk einen Großteil seiner musikalischen Wirkung und Anziehungskraft. So schleppen sich Musik und Handlung relativ zäh dahin, und die sonst die Handlung so plastisch und glutvoll illustrierende Musik wird vieler ihrer Klangfarben und Ausdrucksmittel beraubt, so sehr sich Cornelius Meister und seine Musikerinnen und Musiker auch bemühen, dem Ganzen Drive und Farbe zu geben.

Staatsoper Stuttgart / Cavalleria rusticana - hier : Auf dem Bild Eva-Maria Westbroek als Santuzza, Ida Ränzlöv als Lola, Arnold Rutkowski als Turiddu © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Cavalleria rusticana – hier : Auf dem Bild Eva-Maria Westbroek als Santuzza, Ida Ränzlöv als Lola, Arnold Rutkowski als Turiddu © Matthias Baus

Die die Handlung tragenden drei Sängerinnen und zwei Sänger machen ihre Sache durchweg recht gut, wobei die nach etlichen Jahren erstmals an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrte Eva-Maria Westbroek als Santuzza mit ihrem mühelos alle Höhen meisternden und dabei jegliche Schärfe vermeidenden Sopran erfreulich an ihre Stuttgarter Zeit anknüpft. Allerdings wird dieser positive Eindruck etwas durch die manchmal flackernde, weil einem zu starken Vibrato anhängende Stimme getrübt.

Rosalind Plowright gibt der Lucia viel Würde und Stolz, aber auch Verletzlichkeit. Den besten Eindruck unter den drei Sängerinnen hinterlässt bei ihrem Rollendebüt als Lola die grandiose Ida Ränzlöv, die in allen Stimm- und Ausdruckslagen zu begeistern vermag und auch darstellerisch etwas Leben in die ansonsten dramaturgisch eher statische Anordnung bringt. Arnold Rutkowski als Turridu überzeugt mit viel tenoraler Italianitá und hat im profunden Bariton von Dimitrios Tiliakos als Alfio einen ebenbürtigen Gegenspieler. Alle fünf Sänger auf der Bühne sorgen indessen für das zumal in der italienischen Oper sehr seltene Phänomen, an manchen Stellen das Streichorchester im Graben zu übertönen.

Die Regisseurin des Abends, Barbara Frey, kann bei ihrer ersten Stuttgarter Produktion leider nur wenig von ihrer großen Erfahrung als Theaterregisseurin und -intendantin zeigen, sie leitete von 2009 bis 2019 das Schauspielhaus in Zürich, was man ihr aber nicht unbedingt und schon gar nicht allein anlasten darf. Auch ihre Regie und die daraus resultierende Personenführung stehen deutlich sichtbar unter „Corona-Verdacht“ und sind über die gesamte Aufführungsdauer von knapp 90 Minuten voll darauf konzentriert, dass sich die Protagonisten ja nicht zu nahe kommen. Aber wie will man so Nähe, Leidenschaft und sonstige Gefühle glaubhaft auf die Bühne bringen, wenn die Darsteller dazu verdammt sind, vorwiegend – und das allein – an einem Ort zu stehen oder zu kauern, wo sie bevorzugt in der Ära vor dem Regietheater postiert waren – am vorderen Bühnenrand, also an der viel geschmähten Rampe?!

Nicht auszudenken, welch grandiose Möglichkeiten das schon vor dem ersten Höhepunkt der Corona-Pandemie fertiggestellte beeindruckende Bühnenbild Martin Zehetgrubers der Regisseurin und ihren Sängerdarstellern ohne die verordneten Pandemie-Einschränkungen geboten hätte. Zehetgruber, der schon mehrfach an der Stuttgarter Oper gebaut hat, entwarf dazu einen ziemlich heruntergekommenen mächtigen Beton-Brutalbau, besser dessen Ruine, der aus einer umlaufenden Galerie mit einem dahinterliegenden Obergeschoss und einer zur Hälfte eingestürzten, nach rechts geneigten riesigen Treppe besteht. Mit ihrem abgerissenen Äußeren und kalten, morbiden, nur entfernt an verblichenen Glanz erinnernde Tristesse bietet diese Installation allerdings die perfekte Szene für diese wegen einer Seuche so sehr an Fesseln gelegte und in ihrer Dynamik gebremste Operninterpretation.

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici - hier : vl Rachael Wilson als Gräfin Malaspina, Ida Ränzlöv als Der Gast © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici – hier : vl Rachael Wilson als Gräfin Malaspina, Ida Ränzlöv als Der Gast © Matthias Baus

Der Zweite Teil des Abends, Salvatore Sciarrinos für die Schwetzinger SWR-Festspiele 1998 geschaffene Oper Luci mie traditrici (Meine trügerischen Augen), spielt sich überwiegend unter der nun gedrehten großen Treppe ab, die sich dabei als eingestürzte Decke eines klassizistischen Saales entpuppt, die fast völlig von verwelkendem Farn überwuchert ist. Diesen musikalisch wie darstellerisch absolut spannenderen Teil der Stuttgarter Neuproduktion sahen leider weniger Zuschauer als die sicherlich populärere und bekanntere Oper Mascagnis. Ob dies an der noch immer verbreiteten Angst vor neuer Musik oder an der Ermüdung durch das bis dahin Gesehene und vor allem Gehörte lag, entzieht sich der Kenntnis und dem Beurteilungsvermögen des Rezensenten.

Auf jeden Fall dürfte diesen „Verweigerern der zweiten Halbzeit“ der interessantere, aufregendere und in jeder Hinsicht überzeugendere Teil des Abends entgangen sein. Er bot nicht nur die zweifellos leisere, ja, stillere Darbietung des mit Mascagnis Stoff sehr verwandten und absolut gleichwertigen Themas, also der Eifersucht und verletzten Ehre und der daraus folgenden gnadenlosen Rachsucht, sondern auch die stimmigere, schlüssigere Umsetzung. Die wesentlichen Bedingungen für diesen Umstand und die Zutaten für eine fesselnde Stunde sind vier überzeugende, ja herausragende Sängerdarsteller*innen, eine jetzt stringente Personenführung, eine diese gekonnt unterstützende Beleuchtungsregie, vor allem aber die fragile, verletzliche und oft bis ans Nichts verhauchende Partitur Sciarrinos. Sein Stil und die diesem entspringende Musik gehören wohl zum Leisesten, Filigransten, Zartesten und Transparentesten der Musikgeschichte.

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici - hier : vl Auf dem Bild Christian Miedl als Graf Malaspina, Rachael Wilson als Gräfin Malaspina © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici – hier : vl Auf dem Bild Christian Miedl als Graf Malaspina, Rachael Wilson als Gräfin Malaspina © Matthias Baus

Was die 21 Musikerinnen und Musiker daraus machen, lässt dennoch keine Langeweile aufkommen. Dabei profitiert die musikalische Umsetzung jetzt tatsächlich sogar von der Pandemie und den auf sie reagierenden Abstandsregeln. Meister platziert nämlich wiederum nur das Streichorchester im Graben und findet in Abstimmung mit der Regisseurin und dem Bühnenbildner für die anderen Orchestermitglieder Plätze, welche ganz neue klangliche Möglichkeiten bieten und Sciaririnos Intentionen in idealer Weise unterstreichen. So spielen die Bläser nun auf der Galerie von Zehetgrubers Cavalleria-Ruine, während die beiden Schlagzeuger Christoph Wiedmann und Thomas Höfs in den beiden Proszeniumslogen agieren dürfen. Alle zusammen schaffen es in bewundernswerter Weise, Sciarrinos Musik und Klangsprache, die aus zahlreichen Quellen und Epochen der Musikgeschichte schöpft, sinnlich berührend, ja unter die Haut gehend zum Leben zu erwecken. Kongenial wird dies von den Darstellern – als Gräfin Rachael Wilson, als Graf Christian Miedl und als Diener, Elmar Gilbertsson umgesetzt. Die Krone in diesem Solistenquartett gebührt aber wiederum der phänomenalen Ida Ränzlöv als Gast bzw. Stimme hinter dem Vorhang, die mit ihrem Wispern, Grummeln, Schnalzen und Glisando-Betören alle Register der Gesangstechnik zieht.

Als Fazit dieser Doppelpremiere dürften mir, dem IOCO-Korrespondenten und vielen anderen Zeugen dieses Opernabends vor allem Zweierlei in Erinnerung bleiben:

Die Stuttgarter Oper will unbedingt wieder vor Publikum spielen und dieses für seine sonst mit höchster Leidenschaft ausgeübte Arbeit zurückgewinnen oder wenigstens bei der Stange halten. Dabei möchte, ja muss man um Gottes Willen coronamäßig jedes Risiko vermeiden, weshalb man in allen Bereichen einen ungeheuren Aufwand betreibt, um jegliche gesundheitliche Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Das ist angesichts eines sonst drohenden erneuten Aufführungsverbotes durchaus verständlich und bei der Altersstruktur unseres Opernpublikums auch lobenswert. Allerdings bedauert es der zugegeben kritische Beobachter und Hörer, dass man damit – zumindest in der ersten Hälfte – auch die musikalische und dramatische Ansteckungsgefahr ziemlich ausschaltet und sich damit die entsprechende Begeisterungsfähigkeit in Grenzen halten dürfte. Der zweite Teil dieser Corona-Versuchsordnung gleicht dann aber Vieles wieder aus, wie man ja überhaupt den musikalisch, dramaturgisch und organisatorisch Verantwortlichen der Stuttgarter Oper bescheinigen muss, dass sie sich mit großer Verantwortung, viel Fantasie und sichtbarer Begeisterung an die Bewältigung dieser ja nicht alltäglichen Herausforderung wagten. So darf man durchaus gespannt sein, wie sich die nächsten Neu-Produktionen, Mahlers Lied von der Erde am 27. Oktober und Massenets Werther am 15. November 2020 zu diesem Thema äußern und verhalten werden.

Cavalleria rusticana  –  Luci mie traditrici an der Staatsoper Stuttgart;  weitere Vorstellungen am 18., 20. und 24. Oktober 2020, jeweils 19 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Gustav Mahler – Elfriede Jelinek, 27.10.2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Gustav Mahler  –  Elfriede Jelinek

Lieder von Abschied und Endlichkeit

Musikalische Leitung von Generalmusikdirektor Cornelius Meister; Inszenierung von David Hermann; Es singen Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Thomas Blondelle und Martin Gantner; Katja Bürkle kehrt mit Elfriede Jelineks Text zurück an die Staatstheater Stuttgart

Die Staatsoper Stuttgart zeigt Gustav Mahlers Liedsymphonie Das Lied von der Erde kombiniert mit Elfriede Jelineks Prosatext Die Bienenkönige in einer szenischen Fassung. Am 27. Oktober 2020 um 19 Uhr feiert die Produktion Premiere unter der Regie von David Hermann, der damit an der Stuttgarter Staatsoper debütiert. Die Lieder aus Mahlers Zyklus werden dabei durch die Solist*innen Simone Schneider (Sopran), Evelyn Herlitzius (Sopran), Thomas Blondelle (Tenor) und Martin Gantner (Bariton) interpretiert. Katja Bürkle, langjähriges Ensemblemitglied des Schauspiels Stuttgart und der Münchner Kammerspiele, sowie bekannt aus Film- und Fernsehproduktionen, übernimmt den Text von Elfriede Jelinek. Generalmusikdirektor Cornelius Meister hat die musikalische Leitung. Die Inszenierung greift dabei auf Teile des Bühnenbilds von Jo Schramm und der Kostüme von Claudia Irro und Bettina Werner für die ursprünglich für diesen Zeitraum geplante Neuproduktion von Richard Strauss‘ Die Frau ohne Schatten zurück, welche durch David Hermann realisiert werden sollte.

Mahler begann die Komposition des Lieds von der Erde nach einer Reihe von persönlichen Schicksalsschlägen: Im Frühjahr 1907 hatte er im Streit die Direktion der Wiener Hofoper niedergelegt, im Sommer erlag seine ältere Tochter einer Krankheit und bei ihm selbst wurde ein Herzklappenfehler diagnostiziert. Passend zu seiner persönlichen Situation begann Mahler mit der Vertonung von sieben Texten aus Hans Bethges Gedichtsammlung Die chinesische Flöte, die sich mit der Endlichkeit des Lebens und mit Abschied beschäftigen. Für die Aufführung in Stuttgart spielen Musiker*innen des Staatsorchesters die kammermusikalische Fassung von Arnold Schönberg und Rainer Riehn. Die Todesnähe, die aus den Texten und der Musik Mahlers spricht, findet eine Entsprechung in Elfriede Jelineks Die Bienenkönige. In diesem Prosatext von 1976, der Mahlers Komposition vorangestellt wird, geht es um Stillstand und eine hochtechnisierte Zivilisation, die als Folge ihrer patriarchalen und ausbeuterischen Mechanismen an sich selbst erstickt.

Der Regisseur David Hermann ist Gründungsmitglied der „Akademie Musiktheater heute“ gemeinsam mit dem Intendanten der Staatsoper Stuttgart Viktor Schoner sowie dem Dirigenten Titus Engel. Hermann inszenierte u.a. an der Deutschen Oper am Rhein, bei der Ruhrtriennale, an der Oper Frankfurt, am Theater Basel sowie bei den Salzburger Festspielen. Für seine Inszenierung einer Trilogie von Opern-Einaktern Ernst Kreneks an der Oper Frankfurt gewann er 2018 den International Opera Award in der Kategorie „Beste Wiederentdeckung“. An der Staatsoper Stuttgart feiert David Hermann in der Saison 2020/21 mit der Neuinszenierung von Das Lied von der Erde sein Debüt.

PREMIERE Dienstag, 27. Oktober 2020, 19 Uhr

Weitere Vorstellungen
29. Oktober 2020, 19:30 Uhr
7. / 14. November 2020, 19:30 Uhr

Das Lied von der Erde
Gustav Mahler / Arnold Schönberg: Das Lied von der Erde
Elfriede Jelinek: Die Bienenkönige
Eine Symphonie nach Hans Bethges Die chinesische Flöte
Kammerorchesterfassung von Arnold Schönberg, vollendet von Rainer Riehn
Musikalische Leitung Cornelius Meister
Regie David Hermann
Bühne, Licht Jo Schramm
Kostüme Claudia Irro, Bettina Werner
Dramaturgie Ingo Gerlach
Mit Simone Schneider Evelyn Herlitzius, Thomas Blondelle, Martin Gantner sowie Katja Bürkle | Staatsorchester Stuttgart

DIE NÄCHSTEN PREMIEREN

15. November 2020
Jules Massenet: Werther
Musikalische Leitung: Marc Piollet, Regie: Felix Rothenhäusler

19. Dezember 2020
Maurice Ravel, Schorsch Kamerun: Die verzauberte Welt
Musikalische Leitung: Dennis Russel Davies, Regie: Schorsch Kamerun

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

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