Stuttgart, Oper Stuttgart, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 10.05.2018

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Der Freischütz von Carl Maria von Weber

 38 Jahre alte Inszenierung  – Doch zu schade fürs Museum

Von Peter Schlang

Am 12. Oktober 1980 erlebte an der Stuttgarter Staatsoper Carl Maria von Webers berühmteste und wohl auch die „deutschteste romantische Oper“ überhaupt, Der Freischütz, unter der konzeptionellen „Rundumbetreuung“ Achim Freyers ihre durchaus widersprüchlich aufgenommene Premiere. Dessen ungeachtet erlangte diese Inszenierung, für die wie angedeutet der damals 46-jährige Regisseur auch das Bühnenbild und  die Kostüme schuf, im Laufe der seitdem vergangenen fast vier Jahrzehnte in der Schwabenmetropole und darüber hinaus Kultstatus und wurde nun am 2. Mai – zum wiederholten Male – wieder ins Repertoire der Stuttgarter Oper genommen. So erlebte sie an diesem Mittwochabend ihre inzwischen 161. Vorstellung, was vermutlich rekordverdächtig sein dürfte.

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Michael Wilmering als Kilian, Daniel Kluge als Max, Karl-Friedrich Dürr als Kuno, Simon Bailey als Kaspar, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Michael Wilmering als Kilian, Daniel Kluge als Max, Karl-Friedrich Dürr als Kuno, Simon Bailey als Kaspar, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Um es vorweg zu  nehmen: Die Inszenierung hat seit ihrer ersten Vorstellung nichts an Frische, Faszination und Kraft verloren, und es bleibt nach wie vor einsichtig, dass und warum Freyers Arbeit damals die Anhänger der „reinen deutschen romantischen Operntradition“ erzürnt und auf die Barrikaden getrieben hatte, wie die in den Abend einführende Dramaturgin des Hauses an Hand von Zuschriften und Leserbriefen der damaligen Zeit anschaulich belegte: Mit gnadenloser Schärfe, grenzenloser Ironie, ja beißendem Spott entlarvt Freyer in allen Mitteln und Bereichen seiner Arbeit die angeblich heile Welt des romantischen deutschen Waldes und Wesens als Märchen und legt die Wunden einer Gesellschaft offen, die alles andere als vorbildlich, rein, heil und tugendhaft gewesen ist. So stellt der Künstler, dessen Herkunft von der Malerei man nach wie vor an allen Stellen der Inszenierung mit Händen greifen kann, zum einen die in der Oper angelegten und zweifellos vorhandenen, aber von den gesellschaftlich und politisch Verantwortlichen nicht wahrgenommenen und auch von der späteren Rezeption der Oper tapfer unterdrückten und verdrängten Konfliktfelder schonungslos bloß: Die Verquickung eines Teils der Dorfbevölkerung in frühere Gewalttaten und deren bisherige Verdrängung  wird genauso thematisiert wie der Konflikt zwischen Jägern und Bauern, der allenthalben herrschende Alkoholmissbrauch oder die vorhandene Brutalität und Gewaltanwendung der Dorfgemeinschaft – die beiden letzteren Missstände gerne getarnt als Folklore oder besondere Form des  fröhlichen Zusammenlebens.

Oper Stuttgart / Der Freischütz - hier : Lauryna Bendžiunaite als Ännchen © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Lauryna Bendžiunaite als Ännchen © Martin Sigmund

Die Entlarvung von Scheinwelten
Verzerrend geschmickte Gesichter – Verfremdete Kostüme

Zum anderen benutzt  Freyer zur Verdeutlichung seiner Kritik und zur Entlarvung der Idylle als Scheinwelt so eindeutige theatralische Mittel, dass auch dem letzten Theaterbesucher schon damals klar gewesen sein muss, was Freyer von solcher Traditionspflege hielt, nämlich rein gar nichts. Dazu tragen etwa die übertriebenen, deutlich verfremdeten Kostüme und die unwirklich, wie dem Kasperletheater entlehnten, verzerrend geschminkten Gesichter der Mitwirkenden genauso bei wie deren stark hervor gehobene Komik oder etwa die deutlich kommentierend eingesetzten Accessoires und zahlreiche andere theatralische Mittel.  Dabei muss man sich immer wieder klarmachen, wie neu und frech Ende der siebziger Jahre Vieles von dem war, was wir im zeitgenössischen en Regietheater der letzten 30 Jahre als normal, alltäglich und nicht mehr provokant hinzunehmen gelernt haben und dass dies nicht wenige Opernbesucher als zumindest befremdlich, wenn nicht sogar als  Unverschämtheit angesehen haben.

Eine solche Provokation empfindet in der Oper Stuttgart heute und vermutlich schon lange niemand mehr, obwohl der Regieansatz Freyers noch immer höchst aktuell ist, etwa wenn man die jüngsten politischen Entwicklungen bei uns und die durch rechte Politiker angeheizte Diskussion um den Begriff der Heimat  betrachtet. Ansonsten ist der Abend von großer Freude und Begeisterung geprägt und besitzt einen enormen Unterhaltungswert, etwa wenn der in seinen Szenen noch immer grandiose Männerchor der Staatsoper den Jägerchor zwar herrlich singt, aber darstellerisch und gestisch-mimisch gnadenlos parodiert oder wenn sieben Sängerinnen den Chor der Brautjungfern als längst überkommene Traditionspflege entzaubern. Solche und viele andere Stilmittel Achim Freyers zeugen noch immer von seiner großen Meisterschaft  und seiner Weigerung, Opernstoffe naturalistisch zu übernehmen und auszumalen. Vielmehr verfremdet er, wo es nur geht und hinterfragt auch so den Topos  einer deutschen Nationaloper. Dabei werden auch immer wieder die (damaligen oder heutigen?) Schwächen von Freyers Regie deutlich, etwa was seine Personenführung betrifft.  Die bewegt sich längt nicht auf dem Niveau, das für heutige Regisseure selbstverständlich ist, denn manche Bewegungen und Gesten der Protagonisten wirken recht hölzern, und die eine oder andere Szene gerät gar zur peinlichen  „Rampensteherei“. Dies mag allerdings auch daran liegen, dass sich  eine Wiedereinstudierung mit immer neuem Personal und nach so langer Zeit notgedrungen von der Originalvorlage entfernen muss.

Oper Stuttgart / Der Freischütz - hier : Simon Bailey als Kaspar, Daniel Kluge als Max, Ashley David Prewett als Ottokar, Mandy Fredrich als Agathe, Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Simon Bailey als Kaspar, Daniel Kluge als Max, Ashley David Prewett als Ottokar, Mandy Fredrich als Agathe, Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Musikalisch besitzt die Aufführung noch immer recht hohes Niveau, auch wenn sich der Rezensent zu erinnern glaubt, dass die kurz nach der seinerzeitigen Premiere von ihm besuchten Vorstellungen musikalisch fesselnder und ansprechender waren.

Die Hauptschuld daran ist dem musikalischen Leiter des Abends, dem jungen italienischen Dirigenten Daniele Rustioni zuzuschreiben, der das Staatsorchester an manchen Stellen mit allzu vibrato-sattem Streicherklang und zu undifferenziert durch die romantischen Klangfluten schaukelt. Hier wünschte man sich mehr Dynamik und Phrasierung und damit eine durchgehend einfühlsamere und differenziertere Begleitung der Sängerinnen und Sänger, deren Durchhörbarkeit an manchen Stellen  ziemlich zu wünschen lässt. Aber nicht nur deswegen, sondern auch wegen der nicht immer klaren Aussprache mancher Protagonisten vermisst man den sonst üblichen Bildschirm mit den Obertiteln schmerzhaft, der bei dieser Inszenierung wegen des großflächigen, in den Zuschauerraum hineinragenden Bühnenbildes nicht einsetzbar ist.

Gesungen wird bei dieser xten Wiederaufnahme und damit auch wiederholten Neubesetzung der Rollen sehr ansprechend, auch wenn einigen der Sängerinnen und Sänger, von denen fast die Hälfte ihr Rollendebüt geben, zu Beginn eine gewisse Nervosität anzumerken ist. Diese legt sich jedoch im Verlauf des Abends, so dass die verschiedenen Mitglieder der Solistenriege ihre jeweiligen Partien mit Sicherheit und stimmlicher Überzeugungskraft meistern.

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mandy Fredrich als Agathe, Mitglieder des Staatsopernchor, Kinderchor © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mandy Fredrich als Agathe, Mitglieder des Staatsopernchor, Kinderchor © Martin Sigmund

Mandy Friedrich singt die Agathe mit viel Sinnlichkeit und Schmelz, ohne mit ihrer Interpretation in die Nähe von Rührseligkeit oder gar Kitsch zu geraten. Ihre gemeinsamen Szenen mit ihrer Zofe sind hübsche Bilder einer Mädchenfreundschaft und bezaubern durch die Verschmelzung zweier sehr angenehmer Stimmen. Dabei hinterlässt Lauryna Bendziunaite als Ännchen  sowohl darstellerisch als auch stimmlich den nachhaltigeren Eindruck und betört durch ihren klaren, auch in höchsten Lagen sicher und weich geführten schönen Sopran.

Daniel Kluge als Max deutet an vielen Stellen an, welch enormes Potential seine schöne Tenorstimme besitzt, auch wenn ihr, vor allem in der Höhe, noch etwas Glanz und Leichtigkeit fehlt. Der stimmlich souveräne Simon Bailey verleiht seinem Kaspar die nötige tiefe Grundierung und lässt mit stets sicher geführter Stimme das Dämonische, aber auch Zerrissene dieser Rolle spürbar werden, auch wenn wegen gewisser Ausspracheprobleme –  siehe oben – manch Gesungenes etwas unklar bleibt.

Für viel Begeisterung sorgen beim Publikum auch die drei weiteren männlichen  Darsteller: David Steffens als Eremit, Ashley David Prewett als Ottokar und Karl-Friedrich Dürr als Erbförster Kuno, deren Erfahrung in ihrer jeweiligen Rolle deutlich anzumerken ist.

Am Ende gab es großen Beifall, ja Jubel für alle Mitwirkenden, die wie das Publikum im ausverkauften Opernhaus die Gewissheit erhielten, dass der Kultstatus dieser alles anderen als musealen Stuttgarter Freischütz-Inszenierung ungebrochen ist Man kann daher wohl davon ausgehen, dass auch die künftige Leitung der Oper Stuttgart auf diesen Erfolgsgaranten setzen wird.

Der Freischütz an der Oper Stuttgart, weitere Vorstellungen am 12., 18., 22. und 30. Mai sowie am 8. und 14. Juni 2018

 

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Der Gefangene – Das Gehege, IOCO Kritik, 02.05.2018

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Der Gefangene – Das Gehege

– Die Freiheit im Leben – Die Wahrheit in der Kunst –

Von Peter Schlang

Mit einem  aufrüttelnden wie bedrückenden Doppelabend, an dem die Regisseurin Andrea Breth erstmals Luigi Dallapiccolas Der Gefangene aus dem Jahr 1949 und Wolfgang Rihms Das Gehege aus dem Jahr 2006 zusammenspannt, setzte die Staatsoper Stuttgart  mit der vorletzten Neu-Inszenierung dieser Spielzeit für die große Opernbühne ihr bewundernswertes Engagement für die zeitgenössische Oper fort und eindrucksvoll unter Beweis. Nachdem diese Koproduktion mit dem Théâtre Royal de la Monnaie bereits im Januar in Brüssel begeistert gefeiert worden war, läutete die Stuttgarter Premiere am 26. April nun den Reigen der letzten Premieren und Wiederaufnahmen in Jossi Wielers drei abschließenden Monaten als Intendant der Stuttgarter Oper ein. Und obwohl zwischen der Entstehung von Dallapiccolas zweiteiligem Werk und Rihms Einakter nach der Finalszene von Botho Strauß‘ „Schlusschor“ beinahe 60 Jahre liegen, ist deren Koppelung musikalisch wie dramaturgisch durchaus sinnvoll und offenbart viele interessante Einsichten. So wohnt nicht nur beiden Werken ein gewisser musikalischer Modellcharakter inne, sie besitzen bzw. besaßen auch große gesellschaftspolitische Aktualität und eindringliche ästhetische und künstlerische Symbolkraft.

Oper Stuttgart / Der Gefangene - hier : Georg Nigl als Der Gefangene © Bernd Uhlig

Oper Stuttgart / Der Gefangene – hier : Georg Nigl als Der Gefangene © Bernd Uhlig

Im Werk des 1904 im damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Istrien geborenen Luigi Dallapiccolas, das zwar unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkriegs entstand, aber  im auf zwei Quellen beruhenden Libretto zur Zeit der spanischen Besetzung der Niederlande  und der Inquisition im 16. Jahrhundert angesiedelt ist,  geht es um das Streben nach persönlicher Freiheit und Souveränität in einem Umfeld totalitärer Unterdrückung:  Ein zum Tode verurteilter politischer Gefangener schöpft aus dem Umstand, dass ihn sein Aufseher mehrmals als „Bruder“ bezeichnet und gar nach der letzten Begegnung die Tür seines Kerkers offen lässt, Hoffnung auf Überleben und Freiheit. Doch der Gefängniswärter ist keineswegs ein heimlicher Unterstützer des flämischen Freiheitskampfes, sondern steht voll hinter dessen Unterdrückung durch die spanische Besatzungsmacht. Ja, auf unheimliche, geheimnisvolle Weise ist er sogar mit dem spanischen Großinquisitor identisch, in dessen Armen sich der vermeintlich seiner Freiheit zustrebende Häftling am Ende wiederfindet und von dort geradewegs zum Scheiterhaufen geführt wird.

Für die zeitlose  und alle Ländergrenzen überschreitende Metapher auf das hoffnungslose Ausgeliefertsein des Individuums an eine autoritäre Staatsgewalt und die Ohnmacht gegenüber politischer Willkür finden die Regisseurin und ihr Bühnenbildner Martin Zehetgruber bedrückende, ja geradezu trostlose Bilder. Auf der schwarzen Bühne, auf der nur schwach Konturen von Wänden zu erkennen sind, kauert der Gefangene zu Beginn in einem rostigen Käfig, der sich bei der  eingebildeten Flucht zu einem wahren Labyrinth  aus vergitterten Boxen multipliziert.

Oper Stuttgart / Der Gefangene - hier : John Graham-Hall als Kerkermeister und Georg Nigl als Der Gefangene © Bernd Uhlig

Oper Stuttgart / Der Gefangene – hier : John Graham-Hall als Kerkermeister und Georg Nigl als Der Gefangene © Bernd Uhlig

In der zentralen, das gesamte fünfzigminütige Werk beherrschenden Figur des Gefangenen ist Georg Nigl, der schon mehrfach in zeitgenössischen Opern in Stuttgart überzeugende österreichische Bariton, der Star nicht nur dieses ersten Teils, sondern (als stumm Mitspielender in dessen zweitem Teil) des gesamten unter die Haut gehenden Opernabends. Wie er sich durch diese auf der Zwölftontechnik basierenden, aber auch von früheren musikalischen Epochen und Stilen beeinflussten äußerst farbigen, sinnlichen und höchst expressiven Partitur und Rolle stammelt, stöhnt, haucht und klagt – gerade auch im imaginären Zwiegespräch mit seiner Mutter – hat nicht nur etwas höchst Berührendes, sondern ist von so großer musikalischer Eindringlichkeit und darstellerischer Unmittelbarkeit und Wucht, dass dieser begnadete Sänger-Darsteller am Ende zu Recht mit Ovationen und Jubel überschüttet wird.

Großen Anteil am überragenden Erfolg dieser ersten Hälfte des Premierenabends  haben aber auch nicht nur die erstmals an der Stuttgarter Oper agierende spanische Sopranistin Ángeles Blancas Gulín als Mutter und der schon in zwei hiesigen Produktionen erfolgreiche englische Tenor John Graham-Hall in den ineinander verschmelzenden Rollen des Kerkermeisters und Großinquisitors, sondern auch die raffinierte und jedes Detail  betonende  Lichtregie Alexander Koppelmanns.

Diese setzt nicht nur gleich zu Beginn einen unvergesslichen Akzent, wenn sie einzig das Gesicht der Mutter in helles Licht taucht, während alles andere im undurchdringlichen Dunkel bleibt, sondern lässt auch am Ende des Stücks durch einen zwar schmalen, aber das Dunkel zerteilenden Lichtstrahl zumindest  ein wenig die Hoffnung auf die dem Gefangenen noch versagte Freiheit und eine hellere, menschlichere Zukunft aufblitzen.

Oper Stuttgart / Das Gehege - hier : Angeles Blancas Gulin als Frau und Julian Hubbard © Bernd Uhlig

Oper Stuttgart / Das Gehege – hier : Angeles Blancas Gulin als Frau und Julian Hubbard © Bernd Uhlig

Dass der zweite Teil des verdienstvollen Abends in seiner dramaturgischen Spannung und Dichte nicht ganz an dessen erster Hälfte heranreicht, liegt weder an den Ausführenden noch an der Musik des 1952 in Karlsruhe geborenen Wolfgang Rihm, sondern ist vor allem der eher schmalen Aussage und begrenzten dramaturgischen Tragfähigkeit des Finales von Botho Strauss‘ 1991 uraufgeführtem  Wendedrama Schlusschor zuzuschreiben. In dieser vom Komponisten eins zu eins übernommenen Szene schleicht in der Nacht des Mauerfalls eine Frau in das Gehege eines Adlers im Berliner Zoo und versucht, das Tier in die Freiheit zu locken, wobei diese Absicht deutlich verführerisch-erotische Züge trägt. Da aber weder die Versprechungen der offenbar schwer traumatisierten und triebgestörten Frau noch ihre Provokationen und Beleidigungen  den Adler aus seiner Apathie und Trägheit zu verlocken vermögen, tötet die Frau das Tier mit einem mitgebrachten Messer. Sicherlich kann man diese Sequenz als Unbehagen an der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, als Enttäuschung über deren unbefriedigende Umsetzung oder gar als insgesamt gescheitertes Unterfangen deuten. (Die Vereinigung der konservativ denkenden Frau mit dem – bundesdeutschen – Adler findet ebenso wenig statt wie „der Zusammenschluss von Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Macht sowie Körper und Sprache.“) Auch der Bedeutungsverlust von Kategorien wie Pathos, Heimat und Nationalbewusstsein, von Botho Strauss immerhin schon 1991 und damit eine Generation vor den national-konservativen Demagogen der AfD beklagt, können  als Zugang zum Verständnis der Textvorlage in Betracht gezogen werden. Gemessen am existenziellen Thema der Zerstörung der Freiheit bedarf es dann aber doch vor allem des überspannten und eher symbolischen Bindeglieds der Häftling-Wärter-Beziehung, um die beiden Teile des Abends inhaltlich und dramaturgisch  miteinander zu verknüpfen. Dazu dienen Regisseurin und Bühnenbildner auch das Zitat des Käfigs aus Dallapiccolas Oper, der nun als verschachtelte Voliere des Adlers den gesamten Bühnenraum einnimmt.

Dafür, dass die Allianz der beiden Stücke aber letztendlich doch funktioniert und den zuhörenden Betrachter an die Stuhlkante zieht, sorgen ohne Einschränkung  die Partitur Rihms, dieses universal gebildeten, höchst empathischen und sensiblen Künstlers, und die darin angelegte äußerst expressive, oszillierende, packende Musik, die den Hörer vom ersten Takt in ihren Bann zieht. Neben dem satten, sich aus vielen Quellen speisenden, sehr kantablen Orchestersatz, der nicht nur Beethovens „Ode an die Freude“ paraphrasiert, sondern auch Tristan-Anklänge aufblitzen lässt, ist es auch hier wieder die Protagonistin, welche das Stück musikalisch und auch darstellerisch zu einem Ereignis macht.  Ángeles Blancas Gulín in der Rolle der sprachlich wie letzten Endes auch handelnd übergriffigen Frau – bei Botho Strauss heißt sie Anita Schastorf – erfüllt die immensen Anforderungen an diese fast mörderische Partie von Anfang an und in jedem Moment. Mit betörenden Glissandi sucht sie Zugang zum von ihr beschriebenen und  während des Stücks von den fünf männlichen Darstellern aus dem „Gefangenen“ stumm gespielten Adler. Und als  ihre Annäherungs- und Überzeugungsversuche zu scheitern drohen, balzt sie geradezu stimmlich vor dem Objekt ihrer Begierde und girrt und gurrt dieses förmlich an, wobei sie die unglaublichsten Körperstellungen einnimmt und damit ihrer gesamten Darstellung artistische Züge verleiht. Der ihr dafür am Schluss zuteilwerdende Applaus ist kaum weniger stürmisch als bei ihrem Kollegen Nigl.

Oper Stuttgart / Das Gehege - hier : Angeles Blancas Gulin die Frau und Julian Hubbard © Bernd Uhlig

Oper Stuttgart / Das Gehege – hier : Angeles Blancas Gulin die Frau und Julian Hubbard © Bernd Uhlig

Völlig zu Recht begeistert gefeiert werden aber auch das Staatsorchester Stuttgart und der diesem an diesem denkwürdigen Abend vorstehende Frank Ollu. Er steuert das Orchester jederzeit sicher und aufmerksam durch die beiden höchst anspruchsvollen Partituren, legt deren Klangschichten frei und führt sie zu einem machtvollen Ganzen, wo dies notwendig ist. So lässt er die Musik ungehindert fließen und von Visionen, Träumen und Enttäuschungen erzählen, was der Sängerin und ihren Kollegen auch deshalb problemlos gelingt, weil sie vom Orchester jederzeit mehr stützend und tragend begleitet als zugedeckt und übertöntt werden.

So bleibt am Ende dieses gut zweistündigen, äußerst spannenden und stets kurzweiligen Opernereignisses die Erkenntnis, dass die zeitgenössische Oper ihren festen Platz im Repertoire unserer Opernhäuser haben muss, ja hat und  dass ihre Realisierung, zumindest wenn sie so hoch professionell dargeboten wird wie in Brüssel und Stuttgart, die Menschen zu fesseln und ihnen neue Zugänge zum Verständnis der Welt und zum Suchen der Wahrheit zu erschließen vermag.

Der Gefangene – Das Gehege an der Staatsoper Suttgart;  weitere Vorstellungen 21. und 26. Mai sowie 09., 16. und 25. Juni 2018

Stuttgart, Oper Stuttgart, Petersburger Liederbuch mit Ana Durlovski , 03.05.2018

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Petersburger Liederbuch
5. Liedkonzert mit Ana Durlovski (Sopran) und Stefan Schreiber (Klavier) am Donnerstag, 03. Mai 2018, im Opernhaus, Foyer I. Rang

Ana Durlovski (Sopran) aus dem Solistenensemble der Oper Stuttgart gestaltet das 5. Liedkonzert am Donnerstag, 03. Mai 2018, um 20 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang, gemeinsam mit Stefan Schreiber am Klavier und Musikern des Staatsorchesters Stuttgart. Das Konzertprogramm umfasst Werke von Alexander Aljabjev, Peter Tschaikowsky, Sergej Rachmaninov, Anton Arensky und Reinhold Glière.

Oper Stuttgart / Ana Durlovski © Martin-Sigmund

Oper Stuttgart / Ana Durlovski © Martin-Sigmund

Für dieses Programm hat Ana Durlovski eine Auswahl klassischer Romanzen – so lautet der Begriff für das russische Kunstlied – zusammengestellt. Die Lieder von Alexander Aljabjev, Peter Tschaikowsky und Sergej Rachmaninov werden interpunktiert durch Anton Arenskys Streichquartett op. 35, das Gesänge aus der russisch-orthodoxen Liturgie, aber auch Melodien russischer Volkslieder sowie ein Kinderlied Tschaikowskys verarbeitet, dessen Andenken das Werk gewidmet ist. Eine Bearbeitung des langsamen Satzes aus Reinhold Glières Konzert für Koloratursopran op. 82 führt die Mitwirkenden am Ende zusammen.

Einführung : von Rafael Rennicke, Dramaturg der Oper Stuttgart, um 19.30 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang

Mit : Ana Durlovski (Sopran),
Stefan Schreiber (Klavier)
sowie Evgeny Popov (Violine), Bertram Jung (Viola), Michael Groß (Violoncello) und Joachim Hess (Violoncello)

Karten : Das Konzert ist bereits ausverkauft. Restkarten sind eventuell an der Abendkasse erhältlich.

In Zusammenarbeit mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart

Pressemldung Oper Stuttgart

Stuttgart, Oper Stuttgart, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, 02.05.2018

April 20, 2018  
Veröffentlicht unter Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 Der Freischütz – Carl Maria von Weber

Ab 2.5.2018  –  In der Kultinszenierung von Achim Freyer

Am Mittwoch, 02. Mai 2018, kehrt Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz in der Kultinszenierung von Achim Freyer auf die Stuttgarter Opernbühne zurück. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Daniele Rustioni, der bereits mit Verdis Falstaff und Nabucco das Stuttgarter Publikum begeisterte.

Bei der Wiederaufnahme debütieren die Ensemblemitglieder Mandy Fredrich als Agathe und Daniel Kluge als Max. Lauryna Bendžiunaite, ebenfalls aus dem Stuttgarter Solistenensemble, ist als Ännchen zu erleben. Simon Bailey ist in der Partie des Kaspar erneut zu Gast an der Oper Stuttgart.

Um die Hand seiner geliebten Agathe zu gewinnen, muss der Jägerbursche Max einen Volltreffer landen. Aus Angst, zu versagen, lässt er sich in der Wolfsschlucht mit „finsteren Mächten“ auf einen Pakt ein: Sechs todsichere „Freikugeln“ für ihn, mit der siebten darf der Teufel ein beliebiges Menschenopfer dahinraffen.

Carl Maria von Webers 1821 uraufgeführter Freischütz ist der Inbegriff der deutschen romantischen Oper. Niemand zuvor hat den Einbruch des Übersinnlichen und Unheimlichen so suggestiv Klang werden lassen. Weber konfrontiert die Anmut seiner Frauengestalten mit der selbstquälerischen Unbehaustheit der schwarzen Romantik und den Phantomen einer geschlossenen Gesellschaft. PMOSt

 

Nächste Seite »