Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Puritaner – Oper am See, 24.-25.07.2018

Juli 19, 2018  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund


Oper am See – Oberer Schlossgarten – Die Puritaner


1. Live-Übertragung aus der Oper Stuttgart auf die Großbildwand am Eckensee

Die Puritaner von Vincenzo Bellini: Dienstag, 24. Juli 2018, um 18.30 Uhr

Vorprogramm ab 16.30 Uhr: Im Spielbetrieb! Spannende Einblicke in die Arbeit der Regieassistenten

Moderation: Maria Theresa Ullrich und Kammersänger Matthias Klink

2. Rückblick auf sieben Jahre Intendanz Jossi Wieler am Mittwoch, 25. Juli 2018, 15 bis 17 Uhr

Oper Stuttgart / Oper am See (von der Live-Übertragung von Don Giovanni im Juli 2012) © SWR/Alexander Kluge.

Oper Stuttgart / Oper am See (von der Live-Übertragung von Don Giovanni im Juli 2012) © SWR/Alexander Kluge

Live-Gespräche mit prominenten Gästen auf der Bühne an der LED-Großbildwand am Eckensee zu Szenen aus Aufzeichnungen besonderer Produktionen Die Oper Stuttgart schließt die Hochsaisonmit zwei Oper am See-Veranstaltungen im Oberen Schlossgarten ab:

24. Juli 2018: ie Oper Stuttgart überträgt ab 18.30 Uhr Vincenzo Bellinis  Die Puritaner live auf eine LED-Großbildwand am Eckensee. Bereits ab 16.30 Uhr stimmen die Regieassistentinnen und Regieassistenten mit spannenden Einblicken in ihre Arbeit auf die Vorstellung ein.

Maria Theresa Ullrich und Kammersänger Matthias Klink, beide Mitglieder des Solistenensembles der Oper Stuttgart, werden die Veranstaltung moderieren.

Am Mittwoch, 25. Juli 2018, hat man noch einmal Gelegenheit, zwischen 15 und 17 Uhr außergewöhnliche Momente besonderer Inszenierungen im Film auf der LED-Großbildwand am Eckensee zu erleben.  Intendant Jossi Wieler, Chefdramaturg Sergio Morabito und Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling sprechen mit prominenten Gästen über deren Lieblingsszenen.

Ermöglicht wird Oper am See durch die BW-Bank. Als Teil des LBBW-Konzerns feiert sie 2018 ihr 200-jähriges Bestehen. Die BW-Bank nimmt dies zum Anlass, durch Oper am See die langjährige Partnerschaft mit der Oper Stuttgart und ihr gesellschaftliches und kulturelles Engagement einer breiten Öffentlichkeit erlebbar zu machen.


Programm


Dienstag, 24. Juli 2018

OPER AM SEE
16.30 Uhr, Bühne, Liegewiese am Eckensee
IM SPIELBETRIEB!
Wir stemmen das Repertoire
Spannende Einblicke in den Alltag der RegieassistentInnen.
Eintritt frei

OPER AM SEE
18.30 Uhr, Bühne, Liegewiese am Eckensee
Vincenzo Bellini: DIE PURITANER
Live-Übertragung auf die LED-Videogroßbildwand im Schlossgarten
Eintritt frei.


Mittwoch, 25. Juli 2018

OPER AM SEE
15.00 – 17.00 Uhr, Bühne, Liegewiese am Eckensee
ADDIO!
Höhepunkte der der Intendanz von Jossi Wieler im Film

Jossi Wieler, Sergio Morabito und Sylvain Cambreling sprechen mit prominenten Gästen über deren Lieblingsopern. Dazu werden Ausschnitte besonderer Szenen von Opernaufzeichnungen auf der LED-Großbildwand gezeigt.
Eintritt frei

SICHERHEITSHINWEISE
Auf dem Veranstaltungsgelände von OPER AM SEE wird keine Bestuhlung bereitgestellt. Decken und kleine, weiche Sitzgelegenheiten sind erlaubt. Sperrige und harte Möbel sowie gefährliche Gegenstände, Glasflaschen, Gläser und Dosen sind auf der Liegewiese nicht gestattet.

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Puritaner – Vincenco Bellini, 12.07.2018

Juli 9, 2018  
Veröffentlicht unter Oper, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

DIE PURITANER –  Vincenzo Bellini

Vincenzo Bellinis 1835 in Paris uraufgeführte letzte Oper Die Puritaner (I Puritani) kehrt am Donnerstag, 12. Juli 2018, um 19 Uhr in der von Publikum und Kritik gefeierten Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito auf die Stuttgarter Opernbühne zurück. Es dirigiert Manlio Benzi. Ensemblemitglied Ana Durlovski interpretiert die Partie der Elvira, die über den vermeintlichen Liebesverrat ihres Bräutigams Arturo den Verstand verliert. In den weiteren Hauptpartien sind erneut Diana Haller (Enrichetta von Frankreich), Adam Palka (Sir Giorgio) und Gezim Myshketa (Sir Riccardo) zu erleben. Der aus den USA stammende Tenor René Barbera (Lord Arturo) gastiert erstmals an der Oper Stuttgart.

Oper Stúttgart / Die Puritaner - Ana Durlovski (Elvira), Gezim Myshketa (Sir Riccardo) und Mitgliedern des Staatsopernchors Stuttgart. © A.T. Schaefer

Oper Stúttgart / Die Puritaner – Ana Durlovski (Elvira), Gezim Myshketa (Sir Riccardo) und Mitgliedern des Staatsopernchors Stuttgart. © A.T. Schaefer

England im Bürgerkrieg. Die Botschaft der puritanischen Pilgerväter, die noch eine Generation zuvor zum Exodus nach Amerika gezwungen waren, hat das Land erfasst. Mit der Hinrichtung des mit den Katholiken paktierenden Königs Karl I. macht Oliver Cromwell den Weg frei für eine protestantische Republik. Doch noch zerfleischt sich das Land im Bruderkrieg. Auf der von Katholiken belagerten Puritaner-Feste Plymouth beginnt der Tag mit der Feier des Sonnenaufgangs – eine Hochzeit soll ihn krönen. Elvira, Tochter des puritanischen Generalgouverneurs, erfährt, dass der für sie ausgesuchte Bräutigam kein anderer als ihr geliebter Ritter Arturo ist. Doch Arturo ist Royalist und missbraucht die Gunst der Stunde, um mit Enrichetta, der Witwe des enthaupteten Stuart-Königs, aus der Burg zu fliehen und sie so vor dem Schafott zu retten. Mit der in ihrem Brautschleier flüchtenden Königin entflieht Elvira ihr eigenes Selbst: Sie wird wahnsinnig.

Die Puritaner –  Vorstellungen –  12. | 15. (nm) | 17. | 24. Juli 2018

Einführung:  45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang

Nach(t)gespräch
Donnerstag, 12. Juli 2018,    Das Produktionsteam beantwortet im Anschluss an die Vorstellung Fragen der Zuschauer.

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Erdbeben.Träume – Toshio Hosokawa, IOCO Kritik, 08.08.2018

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 ERDBEBEN.TRÄUME – Uraufführung

Oper – Toshio Hosokawa, Libretto – Büchner- und Kleist-Preisträger Marcel Beyer, nach Heinrich von Kleists Novelle   Das Erdbeben in Chili

Von Peter Schlang

Wer die sieben Jahre Intendanz Jossi Wielers an der Stuttgarter Staatsoper aufmerksam verfolgt hat, durfte wenig erstaunt gewesen sein, dass sich der zusammen mit seinem langjährigen Regiepartner Sergio Morabito auch Regie führenden Opernchef 2018 nicht mit einem der gängigen Kassenschlager von seinem Amt und dem in sieben starken Jahren von seinem sensibel und wählerisch erzogenen Opernpublikum verabschieden wollte.

– Die Macht von Bildern und Musik, aber auch der Demagogen –

Stattdessen forderte das anspruchsvolle wie erfahrene Regie-Duo die Stuttgarter Musikfreunde – und die Opernwelt – mit einer mit Spannung erwarteten Uraufführung, welche Folge und Gegenstand eines Werkauftrages der Stuttgarter Oper an ein höchst prominentes Autorengespann war: Der aktuell  wohl berühmteste japanische Komponist Toshio Hosokawa lieferte für Erdbeben.Träume die Musik, für welche der Büchner- und Kleist-Preisträger Marcel Beyer auf der Basis von Heinrich von Kleists, 1807 bzw. 1810 erschienener Novelle Das Erdbeben in Chili, die wiederum implizit auf das für das vor-industrielle Europa zum Unglücks-Topos gewordene Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 verweist, ein stark lyrisch geprägtes, wortmächtiges, höchst zeitbezogenes und in sich schon fast musikalisches Libretto verfasst hat.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Schiko Hara als Philipp © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Schiko Hara als Philipp © A.T. Schaefer

Der Titel Erdbeben.Träume erklärt sich u. a. damit, dass das Autorenduo die Handlung der Kleist‘schen Novelle nicht eins zu eins und damit chronologisch auf die Bühne stellt, sondern von deren Ende her erzählt. Zudem fügen Komponist und Librettist als Erzählmedium die stumme Rolle des wie bei Kleist vor einem aufgehetzten und aufgebrachten Mob geretteten Sohnes des von eben dieser Volksmenge gelynchten Elternpaares Josephe und Jeronimo ein.

Dieser inzwischen achtjährige Philipp verlangt von seinen Adoptiv-Eltern Elvire und Fernando Auskunft über seine Herkunft und das Schicksal seiner leiblichen Eltern. Die so entstehende Schilderung bzw. Aufklärung erlebt Philipp nun in seinen Träumen quasi nach, wobei der so informierte Junge das neu Erfahrene unermüdlich kommentiert, erläutert, bricht und spiegelt.  Die phantastische japanische, am Schauspielhaus Hamburg engagierte Schauspielerin Sachiko Hara übernimmt dies mit nie nachlassender körperlicher und mimischer Präsenz und in einer Eindrücklichkeit und Dichte,  dass das Premierenpublikum wie gebannt dieser  „Life-Handlung im Rückblick“ auf der Opernbühne folgt.

Dieser phänomenale, wie andere Stilmittel dieser Oper aus dem traditionellen japanischen No-Theater entlehnte Rollenkniff entpuppt sich nicht nur als mitreißendes dramaturgisches Element, sondern verstärkt sowohl die literarische als auch die musikalische Vorlage in einer unter die Haut gehenden, ja fast bedrohlichen Weise und rückt die Aufführung in die Nähe des Dokumentarischen. Mitunter wird daraus gar beinahe ein realer, äußerst medientauglicher Plot, der die Dimensionen und Folgen dieses gesellschaftlichen (Erd-)Bebens so drastisch schildert, dass man versucht ist, dem zweiten Teil des Operntitels die Vorsilbe „Alb“ voranzustellen.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Sachiko Hara als Philipp, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Josefin Feiler als Constanze, Ensemble © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Sachiko Hara als Philipp, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Josefin Feiler als Constanze, Ensemble © A.T. Schaefer

Der 1955 im damals noch viel stärker atomar verseuchten Hiroshima geborene  Toshio Hosokawa und der erfahrene Gegenwarts-Chronist Marcel Beyer belassen es jedoch nicht bei einer sanften thematischen und dramaturgischen Anpassung des Kleist‘schen Novellenstoffes an die Gegenwart, sondern arbeiten ganz bewusst starke Aktualitätsbezüge wie die durch den Tsunami 2011 ausgelöste Atomkatastrophe von Fukushima, nationalistische und populistische Ausgrenzungs- und Verurteilungsversuche in vielen Ländern der Erde oder gar die jüngeren Völkermord-Szenarien in Ruanda, Bosnien-Herzegowina oder Myanmar in ihre Handlung ein. Und am Premierenabend stellte sich beim Rezensenten zusätzlich ein ganz flaues Gefühl in der Magengegend ein,  wenn er an die zur selben Zeit laufenden aberwitzigen Versuche bayrischer Provinzfürsten dachte, bei uns Schutz und Hilfe suchende Flüchtlinge zu kriminalisieren und genau solch demagogisch-populistischen Kleinst-Gehirnen auszuliefern, deren krankes Gedankengut sich eben auf der Opernbühne so realitätsnah ausbreiten und Hilflose zum Opfer machen durfte. Damit lassen uns die  Schöpfer von Erdbeben.Träume in einen Spiegel schauen, in dem wir alle Urängste und Albträume der Menschen entdecken. Es ist ein Spiegel, in dem die zerstörerische Ur-Gewalt der Natur ebenso sichtbar wird wie jene den Menschen innewohnende  Gewalt.  Und in einigen, allerdings sehr seltenen Stellen kann man sogar eine Spur von Hoffnung an eine der Menschheit immerhin mögliche friedliche Zukunft erkennen – auch wenn dieser Glaube bei Wieler/Morabito eher ein Fünkchen als ein Feuer zu sein scheint.

Dass dies alles so beängstigend und aufrüttelnd gelingt, ist nicht zuletzt der ungeheuer subtilen und sorgfältigen Personenzeichnung und –führung der beiden Regisseure zu verdanken, die sich hier erneut als unangefochtene Meister der Psychologisierung und Hervorhebung von Charakteren zeigen. Dies gilt nicht nur für die schon erwähnte Rolle des stumm agierenden Philipp und die der anderen Solisten, sondern auch und erst recht für die beiden die Oper entscheidend prägenden Gesangs-Kollektive. Das sind bei dieser ohne Einschränkung erstklassigen Produktion der erneut phänomenal agierende und sich für eine weitere Auszeichnung als Chor des Jahres empfehlende Staatsopernchor und der nicht minder überzeugende, durch Mitglieder des Knabenchors Collegium Iuvenum Stuttgart verstärkte Kinderchor der Stuttgarter Oper.

Beide, von Christoph Heil phänomenal vorbereitet und geleitet, vollbringen nicht nur sängerische Glanztaten, sondern liefern auch  wieder einmal darstellerische Höchstleistungen, die – siehe oben – Furcht und Grauen unausweichlich und greifbar werden lassen. So trägt die von den jungen Sängern verkörperte „Sadistische Gang“ deutliche Züge politischer Jugendorganisationen wie etwa der nationalsozialistischen Hitlerjugend oder der 1994 in Rwanda maßgeblich am  Völkermord an den Tutsi beteiligten Miliz  „Interahamwe“ und lässt einen fast an der positiven zivilisatorischen Prägbarkeit mancher Jugendlicher zweifeln. Solche Assoziationen und  weitere aktuelle Bezüge stellen sich auch durch eine Vielzahl szenischer Zitate und Bilder ein, die wie gewohnt von den beiden Regisseuren gekonnt und subtil in ihre Inszenierung eingestreut werden. So etwa, wenn der künftige Pflegevater Fernando dem toten  Jeronimo dessen die Massaker überlebendes Kind, eben den später stummen, träumenden Philipp, aus den Armen nimmt oder  wenn nach einem pogromartigen Tumult eine einsame Kippa auf dem Boden zurückbleibt.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier : Dominic Große als Jeronimo, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Sachiko Hara als Philipp, Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier : Dominic Große als Jeronimo, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Sachiko Hara als Philipp, Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben © A.T. Schaefer

Kongenial unterstützt werden die beiden Autoren dieses aufrüttelnden Musiktheater-Abends und die zwei Regisseure seiner Uraufführung durch die Ausstatterin Anna Viebrock, die Wieler/Morabito seit vielen Jahren eng verbunden ist und das Stuttgarter Opern-Publikum mit vielen herausragenden Arbeiten auf nicht immer alltägliche Wahrnehmungsspuren geführt hat.

In ihr aktuelles Bühnenbild hat sie einen ebenfalls aus der No-Tradition stammenden,  Hashigakari genannten Steg übernommen, über den die Schauspieler zwischen Haupt- und Nebenbühne wechseln. Er wird so zur Brücke zwischen Traum und Übernatürlichem einerseits  und Alltag und Realität andererseits. In diesem wie immer bei Viebrock äußerst wirkungs- wie eindrucksvollem Bühnenkosmos ist der Steg Teil einer vom Erdbeben verwüsteten Stadtlandschaft, die nicht nur den Orchestergraben weit überragt, sondern selbst zum szenischen-psychologischen Zitat wird und so das Seelenleben der auf und in ihr Lebenden spiegelt.  Auf dieser, sich manchmal hebenden und senkenden kalten Betonwüste leben die Protagonisten ihre zwischen Angst, Verstörung, Einsamkeit, Gewalt, Aggression  und Hass changierenden Gefühle ungehindert aus. So werden das Erdbeben und seine physischen Folgen auch zur Chiffre für die nicht zu bremsenden Kräfteverschiebungen, die auch  eine ganze Gesellschaft und deren bisherige Strukturen zum Einsturz bringen können.

Die musikalische Leitung dieser Produktion liegt in den bewährten Händen des ebenfalls seit langem eng mit dem Regie-Duo  zusammenarbeitenden und sich auch zum Ende dieser Spielzeit aus Stuttgart verabschiedenden Generalmusikdirektors Silvain Cambreling, der am Tag nach der Uraufführung seinen 70. Geburtstag feiern durfte. Ihm gebührt auch das große Verdienst, in seinen sechs Stuttgarter Jahren das Publikum nicht nur behutsam an die zeitgenössische Opernmusik herangeführt zu haben, sondern diesem zusammen mit den anderen Mitgliedern des Regieteams auch etliche unvergessliche  Ur- bzw. Erstaufführungen moderner Opern beschert zu haben. Souverän und gelassen leitet er das an diesem Abend besonders motiviert wie konzentriert agierende Staatsorchester durch die komplexe Partitur Hosokawas, die Musik von höchster Qualität, ja manchmal geradezu auf Delikatess-Niveau bereithält. Orientiert an der Naturmystik und den damit zu assoziierenden Klängen, breiten Komponist wie ausführende Musiker eine faszinierende und jederzeit verständlich-hörbare Klangwelt mit einer farbenreichen, die Situationen und Stimmungen eindrucksvoll unterstreichenden musikalischen Formensprache aus.

So vernimmt der aufmerksame Hörer nicht nur  den Wind und das durch diesen verursachte Rauschen der Bäume und des  Meeres, sondern die Musik vermittelt ihm auch einen Einblick in die (Seelen-)Zustände der Umwelt und der darin angesiedelten Menschen. Dies wird neben anderen modernen wie konventionellen Stilmitteln der Oper vor allem  durch drei längere Orchestermonologe ermöglicht, die der Komponist in sein knapp zweistündiges, ohne Pause aufzuführendes Werk einfügt und  die auf ihre je eigene Art und durch eine sehr differenzierte Klangsprache die Handlung fortführen und kommentieren und so ganz eigene Szenen und Bilder entstehen lassen.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Torsten Hofmann als Pedrillo, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben, Kinderchor der Oper Stuttgart, Mitglieder des Staatsopernchores © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Torsten Hofmann als Pedrillo, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben, Kinderchor der Oper Stuttgart, Mitglieder des Staatsopernchores © A.T. Schaefer

Die drei Sängerinnen und vier Sänger der ihnen vom Komponisten, wie weiland von Wolfgang Amadeus Mozart praktiziert, präzise auf den Leib bzw. auf die Stimme geschriebenen Rollen füllen diese nicht nur mit Bravour, sondern mit einer ungeahnten, unter die Haut gehenden Intensität aus, dass einen – wie bei der Josephe Esther Dierkes‘ der Elvire Sophie Marilleys, der Constanze Josefin Feilers, dem Jeronimo Dominic Großes und dem Fernando André Morschs – offenes Mitleid und äußerste Angst befällt. Umgekehrt steigt im empathischen Beobachter blanke Wut und tiefe Abscheu hoch, wenn er hilflos das Treiben des  von Torsten Hofmann schonungslos gesungenen und gespielten und mit einem Megaphon verstärkten Pedrillo und des von Benjamin Williamson ebenso beängstigend, ja abschreckend  dargestellten Anführers der Jugendgang betrachten muss und dabei nicht weit hergeholte Parallelen zu aktuell weltweit aktiven und Fake-News produzierenden wie diese ausschlachtenden Volksverhetzern feststellt.

Mit all diesen Anspielungen, ja mit ihrer ganzen aufrüttelnden, vorerst letzten Arbeit am Stuttgarter Opernhaus schafft es das Viergestirn Viebrock, Wieler, Morabito und Cambreling, sich in Stuttgart als Vertreter einer  Regie-Theatergeneration in lebendigster und dankbarster Erinnerung zu halten, der nichts ferner liegt, als opulente, aber blutleere Wohlfühloper zu demonstrieren. Stattdessen wird von den scheidenden Stuttgarter Operngrößen erneut der unbequeme, aber unerlässliche und durch viele gegenwärtige Tendenzen  als absolut wichtig und richtig bewiesene Versuch gewagt, die Opernbühne als politisches, mindestens aber gesellschaftskritisches Instrument  und Forum zu benutzen,  um die Zuschauer im Sinne Brechts und der Aufklärung aufzurütteln und Gesellschaft  und Welt ein klein wenig humaner zu gestalten.

Das mit viel Kultur-Prominenz besetzte, ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus, in dem man an diesem Abend aber auch außergewöhnlich vielen jungen sowie asiatischen Besuchern begegnete, quittierte das Gesehene und Gehörte  mit großer Begeisterung und lang anhaltendem stürmischem Applaus, in den sich auch nicht die geringste Spur  von Kritik oder Ablehnung mischte.

Erdbeben.Träume an der Staatsoper Stuttgart; die weiteren Termine:  6., 11., 13., 18. und 23. Juli 2018

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Cambreling Abschied – Haas und Bruckner, 08./09.07.2018

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Jubiläum:  425 Jahre Staatsorchester Stuttgart

7. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart mit Miranda Cuckson (Violine) und der Europäischen Erstaufführung des 2. Violinkonzerts von Georg Friedrich Haas am 08. und 09. Juli 2018 im Beethovensaal der Liederhalle

Im letzten Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in dieser Spielzeit am Sonntag, 08. Juli, um 11 Uhr und am Montag, 09. Juli 2018, um 19.30 Uhr im Beethovensaal der Liederhalle verabschiedet sich Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling mit Werken von Haas und Bruckner von seinem Sinfoniekonzert-Publikum.

Oper Stuttgart / Sylvain Cambreling © Marco Borggreve.

Oper Stuttgart / Sylvain Cambreling © Marco Borggreve.

 Cambreling Abschied  –   Georg Friedrich Haas und Anton Bruckner

Zum Abschluss seiner Amtszeit als Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart setzt Sylvain Cambreling noch einmal einen starken Akzent mit seinem Einsatz für die Aufführung zeitgenössischer Musik, die eines der herausragenden Kennzeichen seiner musikalischen Arbeit ist: Das 2. Violinkonzert des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas – ein Auftragswerk der Suntory Hall Tokio, der Staatstheater Stuttgart und der Casa da Música Porto – wird mit dem Staatsorchester Stuttgart seine Europäische Erstaufführung erleben. Als Solistin gibt Miranda Cuckson (Violine) ihr Debüt beim Staatsorchester. Sie ist international nicht zuletzt als Interpretin zeitgenössischer Musik gefragt und brachte das Werk im September vergangenen Jahres in Tokio zur Uraufführung. Kombiniert wird das Haas-Konzert mit der 7. Sinfonie von Anton Bruckner, die bis heute zu dessen beliebtesten Werken zählt.

Programm  – Georg Friedrich Haas: 2. Konzert für Violine und Orchester (2017), Europäische Erstaufführung  (Auftragswerk der Suntory Hall Tokio, der Staatstheater Stuttgart und der Casa da Música Porto),  Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur (1881-83)

Einführung  – Rafael Rennicke, Dramaturg der Oper Stuttgart, jeweils 45 Minuten vor Konzertbeginn, sonntags im Mozartsaal, montags im Silchersaal der Liederhalle

Komponistenpodium mit Sylvain Cambreling:  Samstag, 07. Juli 2018, Zu Ehren von Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling versammeln sich komponierende Weggefährten und reflektieren über Faszination und Herausforderung von Konzert und Musiktheater.

Mit: Mark Andre, Philippe Boesmans, Georg Friedrich Haas, Toshio Hosokawa und Xaver Paul Thoma

 Samstag, 07. Juli 2018, 15.30 Uhr bis 17 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang (Eintritt frei)

Jubiläums-Filmdokumentation:

„Das Glück erfüllter Gegenwart – 425 Jahre Staatsorchester Stuttgart“

ab Juli 2018 erhältlich – Dramaturg Rafael Rennicke und Filmer Philippe Ohl haben in den vergangenen drei Spielzeiten die Geschichte und die Geschichten der 425-jährigen Staatsorchester-Historie gesammelt und erzählen sie jetzt in einer 90-minütigen Filmdokumentation, die exklusiv zum Orchesterjubiläum entstanden ist. In einer Komposition aus historischen Abbildungen, Archivaufnahmen und aktuellen Konzertmitschnitten kommen auch die Generalmusikdirektoren Dennis Russell Davies, Gabriele Ferro, Lothar Zagrosek, Manfred Honeck, Sylvain Cambreling und Cornelius Meister zu Wort, außerdem Ballettmusikdirektor James Tuggle, die Intendanten Jossi Wieler, Reid Anderson, Marc-Oliver Hendriks, Viktor Schoner und Tamas Detrich sowie Komponist Helmut Lachenmann. Erhältlich ist die Filmdokumentation im Rahmen des Sinfoniekonzerts im Foyer des Beethovensaals sowie im Theatershop in der Theaterpassage (Königstr. 1D) und bei den Opern- und Ballettvorstellungen im Opernhaus-Foyer. (DVD 14,90 EUR, Blu-Ray 19,90 EUR.)

Jubiläums-Broschüre „So klingt Vielfalt!“
Anlässlich des 425-jährigen Bestehens des Staatsorchesters Stuttgart ist die 120 Seiten umfassende Jubiläums-Broschüre „So klingt Vielfalt!“ erschienen. Konzipiert vom Konzertdramaturgen Rafael Rennicke und reich bebildert mit Fotografien des Orchestermitglieds Sebastian Klein, erzählt sie nicht nur die so wechselvolle Geschichte des Staatsorchesters Stuttgart, eines der ältesten und traditionsreichsten Klangkörper Deutschlands, sondern auch dessen Geschichten. Dabei kommen die Musiker selbst sowie bislang unveröffentlichte Stimmen aus dem „Goldenen Buch“ des Orchesters und auch das Publikum zu Wort. Die Vielfalt, die das Staatsorchester Stuttgart als Opern-, Ballett- und Konzertorchester heute auszeichnet, wird als Teil und Ergebnis seiner Geschichte erlebbar. Die Broschüre ist kostenlos bei den Opern- und Ballett-Vorstellungen sowie bei den Konzerten des Staatsorchesters Stuttgart und im Theatershop in der Theaterpassage erhältlich.

Schirmherr der Jubiläums-Spielzeit des Staatsorchesters Stuttgart ist der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Winfried Kretschmann.

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

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