Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, BORIS – Der Blick zurück nach vorn, IOCO Kritik, 08.02.2020

Februar 8, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

BORIS  –  Modest Mussorgski / Sergej Newski

Ereignis – Wahrnehmung – Erinnerung – Überlieferung – Geschichte(n):  Was wirkt am Nachhaltigsten? 

von Peter Schlang

Nachdem sich die Stuttgarter Staatsoper in ihrem ersten Frühjahrsfestival im vergangenen Jahr mit der Frage nach der Bedeutung und Wahrnehmung der  Wirklichkeit befasst hat, treibt sie in diesem Jahr das Spiel mit den Zeitebenen und ihrer Vermischung auf die Spitze. Unter dem experimentell anmutenden Motto „Wer wollen wir gewesen sein?“ beschäftigt sich das aktuelle Frühjahrsfestival nämlich mit dem Futur II, jener Zeitform also, die Zukunft und Vergangenheit nicht nur grammatikalisch fasst, sondern auch Möglichkeiten für Entwürfe bietet, die sich aus verschiedenen epochalen Perspektiven betrachten lassen.

BORIS – Mussorgski / Newski
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die „vollendete Zukunft“, wie das Futur II in seiner deutschen Fassung heißt, wirft einen mindestens doppelten zeitlichen Blick auf Subjekte (und Objekte) der Geschichte und frägt, wieviel und welche Gestaltungsideen – auch für die Zukunft – wir Gegenwärtigen aus der  Vergangenheit gewinnen können und wieviel Zukunft es in der Vergangenheit (wieder) zu finden gibt.

Die Staatsoper Stuttgart mit dem Opernprojekt „BORIS“
Frühjahrsfestival 2020 „Wer wollen wir gewesen sein?“

Als Auftakt und wohl ambitioniertestes Projekt dieser Überlegungen gelangte am Sonntag, dem 2. Februar 2020 im Stuttgarter Opernhaus BORIS zur (Ur-) Aufführung, bei dem die Urfassung von  Modest Mussorgskis Oper Boris Godunow (1869) und die Musiktheater-Szenen Secondhand-Zeit des zeitgenössischen russischen Komponisten Sergej Newski, miteinander verschränkt werden.

Diese Auftragskomposition der Stuttgarter Oper basiert auf Texten der weißrussischen Autorin und Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die für ihren gleichnamigen Roman der Stimmen während und  nach der Perestroika unter Präsident Gorbatschow die Lebenserfahrungen zahlreicher sowjetischer Bürger erfragte und zu Literatur formte. Für die in Stuttgart uraufgeführte musikalische Fassung von „Secondhand-Zeit“ wählten die Autorin, der Komponist und der verantwortliche Dramaturg Miron Hagenbeck die Erinnerungen von sechs Zeitzeuginnen und -zeugen aus, denen das Schicksal in der Sowjetunion und in den Jahren des Umbruchs gegen Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts besonders viel abverlangt hatte. Da die Darsteller dieser vier Frauen und zwei Männer auch in Mussorgskis ohne Striche gespielter Oper wichtige Rollen innehaben und die zehn Szenen der Secondhand-Zeit direkt und zwischen die Bilder der Mussorgski-Oper und an deren Ende gestellt werden, verschränken sich die verschiedenen Zeitebenen auf der Bühne zu einem geheimnisvollen Mix mit überraschenden Wirkungen, Kontrasten und Überlagerungen. So bespielt die Kunstform Oper im Spiel mit Trugbilden, Fantasien, Utopien und deren zerstörerischem, pessimistischem Gegenteil, der Dystopie, äußerst eindrucksvoll ihre angestammte Bühne und unterstreicht so ihre besonderen, ureigenen Stärken.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Zu dieser durchaus fesselnden theatralischen Wirkung trägt auch die sprachlich-dramaturgische Entscheidung bei, den Boris Godunow in seiner russischen Originalsprache und  Newskis / Alexijewitschs „Erinnerungssplitter“ in deutscher Sprache (Übersetzung Ganna-Maria Braungardt) singen zu lassen, so dass sich zur grammatikalischen Ebene des Festivalthemas eine weitere interessante Spielform der Duplizität gesellt.

Bei allen möglichen Zweifeln und der Berechtigung der Frage, ob Mussorgskis  „Original-Boris einer solchen modernen Fortschreibung und Ergänzung bedarf, sprechen neben den genannten aufführungspraktischen und dramaturgischen Aspekten auch die thematischen Parallelen der beiden Teile des „Stuttgarter BORIS“ für das hier umgesetzte Konzept.

So erzählt Mussorgskis Oper von Aufstieg und Fall eines Mächtigen, ja Gewaltherrschers, dem im 16. Jahrhundert regierenden Zaren Boris Godunow, die direkte Auswirkungen auf das Volk und dessen Situation haben, aber auch selbst von „unten“ beeinflusst werden. In Newskis Beitrag werden nun aus der anonymen Masse sechs Menschen  ausgewählt, deren Schicksal wie durch ein Zoom oder Mikroskop näher betrachtet wird. So wird erfahrbar, wie Geschichte und Geschichten miteinander verbunden sind und sich unterschiedliche Zeitebenen gegenseitig durchdringen. In beiden Darstellungen wird auch gezeigt, welche Brüche sich in einer Gesellschaft ergeben können und wie Menschen mit ihrem dadurch ebenfalls gebrochenen eigenen Schicksal umgehen und einen Neuanfang versuchen.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Die Zusammenschau beider Epochen und ihrer Verhältnisse lässt auch  gut erkennen, dass und wie sich politische und gesellschaftliche Bedingungen gleichen, ja wiederholen – völlig  unabhängig von Epochen, zwischen denen, in diesen zwei  russischen Fällen, fast vierhundert Jahre liegen. So beschreibt BORIS das Modell für die Wiederkehr ähnlicher Machtmechanismen und veranschaulicht dieses in der individuellen Erinnerung (in)direkt Betroffener. Vergangenheit wird so zur – polyphonen – Gegenwart und ermöglicht die „Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen“.

Das Team um den Regisseur Paul-Georg Dittrich setzt alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein, um diese Zusammenhänge plastisch und theaterwirksam darzustellen. Ja Dittrich und seine Ausstatterinnen, die Bühnenbildnerinnen Joki Tews und Jana Findeklee, die Kostümbildnerinnen Pia Dederichs und Lena Schmid sowie die von diesen bestens beschäftigten Mitarbeiter*innen der Gewandmeisterei, Schuhmacherei und Modisterei, ziehen alle Register und zeigen umfassend die Kunstfertigkeit ihrer jeweiligen Zünfte.

Dies beginnt schon beim Öffnen der Türen zum Zuschauerraum, wenn aus dem Off Geräusche und musikalische Versatzstücke erklingen und über eine vor den Bühnenrahmen gespannte Projektionsfläche Filmszenen eines mit Öl verschmierten, sterbenden Pelikans flimmern, wobei diese Szenen immer wieder in ein menschliches Auge projiziert werden.

Wenn sich dann der Vorhang hebt bzw. die Bühne langsam aus dem Dunkel auftaucht, kehrt dort das Bild der schon vertrauten Ölpest ganz real wieder. Der in BORIS  in voller Größe aufgebotene Chor der Staatsoper kauert, in ölverschmierten körperfarbenen Bodys  und ebenso verschmutzten Kappen, als von der Katastrophe gezeichnete, eingeschüchterte, demoralisierte Masse auf dem Boden und beklagt im Prolog aus der Secondhand-Zeit den Verlust einer vertrauten, scheinbar besseren Welt. Im Hintergrund erhebt sich der von den beiden Bühnenbildnerinnen  geschaffene, ebenfalls von dem vorausgegangenen Unglück stark in Mitleidenschaft gezogene und mit Öl und Teer verschmutzte zentrale Bühnenbau. Dieser erinnert an die Ruine eines sozialistischen Verwaltungs- oder Kulturbaus und wird im weiteren Verlauf der Handlungen, geschickt und mehrfach verändert, zum höchst flexiblen Multi-Funktionsort. Durch seine Drehbarkeit, seine Treppen und zahlreichen versteckten Türen entfaltet er dabei nicht nur ein überraschendes Innenleben, sondern erhält auch großen Anteil an der erwähnten theatralischen Opulenz  und Lebendigkeit der Inszenierung. Außerdem erlaubt er je nach Zustand die Assoziation mit staatlichen (monarchischen wie kommunistischen) und kultisch-religiösen Symbolen und Handlungen und bietet diesen einen schlüssig-passenden Rahmen.

BORIS – hier „Der Obdachlose“ und sein Schicksal
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Diese treffende Zu- und Einordnung wird auch durch eine unglaubliche Vielfalt an Kostümen erleichtert, die in ihrer Genauigkeit und Pracht so in der letzten Zeit höchstens in Produktionen klassischer Ballette zu sehen waren und – zumindest für jüngere Stuttgarter Opern-Neuinszenierungen – den reinen Luxus darstellen. Allein wegen dieser Ausstattung sei dringend zu einem Besuch des BORIS geraten.

Zum Problem für den Betrachter wird allerdings die Schrankenlosigkeit, mit der Regie und Ausstatterinnen streckenweise zu Werke gehen.  Da ist nicht nur manch ein theatralisches Mittel oder technisches Detail zu viel des Guten oder bringen einen die vielfachen Anspielungen und Assoziationsmöglichkeiten ins Schleudern. Zur regelrechten Übersättigung führen vor allem die fast pausenlos über eine runde Projektionsfläche oberhalb des zentralen Bühnenbaus flimmernden Video-Sequenzen. Sie bestehen nicht nur aus jeder Menge dokumentarischer Aufnahmen, Passagen aus Natur und Kultur, Zeichentrickfilmen und  Comic-Streifen, sondern werden zeitgleich auch in der an diesem Abend für das Publik geschlossenen Königsloge live produziert. Dort spielen Doppelgängerinnen und Doppelgänger der eingangs erwähnten sechs Darsteller wichtiger Rollen des Boris- und Secondhand-Zeit-Teils einzelne Szenen nach und verändern, ja verwandeln sich permanent. Das mag für die dafür nötige Videoregie und -technik eine dankbare Aufgabe und Herausforderung sein, lenkt aber mehr und mehr vom direkten Bühnengeschehen ab, zumal sich dieses nicht nur auf der Opernbühne abspielt, sondern die Regie dafür auch die beiden Proszeniumslogen und teilweise sogar den Zuschauerraum und die seitlichen Foyers bespielen lässt. Außerdem ermüdet dieser mediale Overkill  auf Dauer die Betrachter und verschiebt auch die Gewichte der Darstellung und Interpretation vom Realen zum zu sehr Fiktiven.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : das Ensemble © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : das Ensemble © Matthias Baus

Solche Einwände lassen sich für die Musik  dieses so ambitionierten wie ausgefallenen Projektes beim schlechtesten Willen nicht formulieren.  Das gilt zunächst ganz generell für das Zusammenspannen der beiden Partituren und die daraus hervorgehenden Klänge. So bereitet der für seine Zeit ungeheuer moderne Stil von Mussorgskis Boris Godunow mit seinen parlandohaften, meist rezitativischen und liedhaften Gesangsnummern, die sich aus der klassischen Oper höchstens einen schwach an ein Arioso erinnernden Solo- oder Ensemblegesang entlehnen, sehr gut den Boden für Newskis (gemäßigt) moderne Klangsprache. Deren zentrales Stilmittel ist die Polyphonie, die das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen zur musikalischen Parallele von deren thematisch-inhaltlichen Zitaten werden lässt. Sergej  Newski Secondhand-Zeit ist dabei in vielen Epochen und Stilen der Musikgeschichte unterwegs und macht  u. a. Anleihen bei Jazz, Kirchen- und Tanzmusik (Tango und andere lateinamerikanische Rhythmen), wobei er auch ältere und traditionellere Elemente einsetzt, als Mussorgski dies getan hat. Das passt sehr gut zum Nebeneinander so unterschiedlicher Gesangs- und Ausdruckweisen im originalen Boris Godunow wie Chorälen und anderen religiösen Gesängen, derben, volksliedhaften Liedern, politischen Reden sowie Jubel- und dicht folgenden Protest-Gesängen und ergibt im Zusammenklang und im Ablauf der beiden Werkteile eine eigentümliche, rätselhafte Melange. Diese lässt den Hörer an etlichen Übergangstellen zum jeweils nächsten musikalischen Abschnitt raten, welchem Komponisten man das gerade zu Hörende nun verdankt.

Dieses anerkennende Fazit für das Harmonieren der beiden Kompositionen leitet ohne Bruch zur Würdigung der Leistungen des musikalischen Personals über.

Fordert die Länge der Oper mit über 180 Minuten reiner Spielzeit und der Umfang vieler Rollen und Chorszenen generell den Solisten und dem Chor ungeheure Konzentration, Kraft und Ausdauer ab, so gilt dies in besonderer Weise für die sechs Solisten, welche in beiden Werkteilen je eine tragende Rolle innehaben, also Doppelrollen singen und spielen. So nehmen Alexandra Urquiola als Fjodor und Aktivistin, Carina Schmieger als Xenia und Geflüchtete, Maria Theresa Ullrich als Xenias Amme bzw. Mutter des Selbstmörders,  Stine Marie Fischer als Schenkwirtin und Frau des Kollaborateurs, Elmar Gilbertsson als Grigori und jüdischer Partisan und Petr Nekoranec als Gottesnarr bzw. Obdachloser nicht nur in Secondhand-Zeit die zentralen und das ganze Werk tragenden Rollen ein, sie müssen dazu auch im Boris Godunow teils anstrengende und lange Partien stemmen. Die Qualität und Intensität, mit der sie das tun, sei es als Solisten oder in verschiedenen Ensembleszenen, zeugt wieder einmal von der großen Klasse des Stuttgarter Solistenensembles. Aus diesem ragen  am Premierenabend dennoch zwei Sänger mit ihren herausragenden gesanglichen Leistungen und ihrer großen schauspielerischen Präsenz besonders hervor:  die sich immer mehr zu Publikumslieblingen entwickelnden Adam Palka als despotisch-dämonischer wie als verletzlich-schwacher Boris Godunow und der ebenfalls in jeder Nuance überzeugende Matthias Klink als mit allen Wassern gewaschener, schmieriger Strippenzieher Wassili Schulski.

BORIS – hier „Die Aktivistin“ und ihr Schicksal
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In weiteren Rollen, die für alle Sängerinnen und Sänger übrigens  ihr Debüt darstellten, gefielen Goran Juric als bös geschundener Schreiber Pimen, Pawel Konik als Schtschelkalow, Ramina Abdulla-zade als  jüdischer Partisan im Kindesalter und Urban Malmberg als dessen Greisen-Darsteller sowie Charles Sy, Ricardo Llamas Márquez und Matthias Nenner.

Erneut einen überaus starken Auftritt hatte der von Manuel Pujol bestens vorbereitete Stuttgarter Opernchor, der den berühmten Massenszenen im Boris Godunow, aber auch den zwei Chören in Prolog und Finale der Secondhand-Zeit sowohl als Stimm- als auch als Darsteller-Kollektiv ungeheure Präzision und Überwältigungsmacht verlieh. Gleiches gilt für den für diese Chorszenen unverzichtbaren Extrachor und den von Bernhard Moncado betreuten Kinderchor der Staatsoper.

In sehr guter Verfassung zeigte sich am Premierenabend auch das Staatsorchester Stuttgart, in dem es keinerlei Schwachstellen gab, aus dem aber dennoch die exzellenten Bläser einmal besonders erwähnt werden sollen.

Als ruhender Pol in all diesen Klangmassen und souveräner Organisator wie übersichtsvoller und umsichtiger Taktgeber bestand Titus Engel nach seiner beeindruckenden Leistung in Bartoks Herzog Blaubarts Burg zu Beginn der letzten Spielzeit auch seine nächste Bewährungsprobe als Sachwalter neuer Musik.

Die Mehrheit der Zuschauer im ausverkauften Premierensaal dürfte ähnlich und überwiegend positive Eindrücke wie der IOCO-Korrespondent gesammelt haben, denn die nicht gerade wenigen mutigen Buh-Rufer wurden alsbald vom großen, ja frenetischen Beifall und Jubel überstimmt. Er galt nicht nur herausragenden musikalischen Leistungen und einer über weite Strecken auch schlüssig-stringenten Regie, sondern auch einem  bewegenden Plädoyer für mehr Menschlichkeit und die Wahrung der Menschenwürde.

BORIS an der Staatsoper Stuttgart, die weiteren Vorstellungen 07., 16., 23. Februar, 2. März, 10.; 13. April 2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Uraufführung – BORIS – Mussorgski / Newski, 02.02.2020

Januar 31, 2020  
Veröffentlicht unter Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

BORIS – Mussorgski / Newski

Ein schuldbeladener Herrscher und sein Volk…

Uraufführung 2. Februar 2020

Ein schuldbeladener Herrscher und sein Volk – in seinem 1869 komponierten Boris Godunow setzt Modest Mussorgski eine krisenerschütterte Zeit der russischen Geschichte in Szene und wechselt dabei zwischen Panorama und Nahaufnahme. Die Staatsoper Stuttgart hat den Komponisten Sergej Newski dazu eingeladen, mit einem neuen Werk aus eigener Gegenwartsperspektive auf Mussorgkis Oper zu reagieren. Newski stellt der großen Historie sechs scheinbar unheroische Lebensläufe des 20. Jahrhunderts gegenüber, die Swetlana Alexijewitsch in ihrem Roman Secondhand-Zeit aufgezeichnet hat. Sie erklingen nicht vor oder nach Mussorgskis Oper, sondern in den Zwischenräumen ihrer sieben Tableaus. Zwei Kompositionen verzahnen sich zu einem Abend: BORIS – ein Opernprojekt über das Multiversum der Geschichte und über das Zukünftige im Vergangenen.

BORIS von Modest Mussorgsky/Sergej Newski
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Sergej Newski & Swetlana Alexijewitsch

Der russische Komponist Sergej Newski hat Texte aus Swetlana Alexijewitschs Roman Secondhand-Zeit vertont – das daraus resultierende gleichnamige Werk, Secondhand-Zeit, wird in Kombination mit Boris Godunow von Mussorgski in der Oper BORIS am 2. Februar uraufgeführt. Im Magazin lesen Sie mehr über den Komponisten Sergej Newski und die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

Über die Figuren in BORIS

  • In der Oper BORIS, die am 2. Februar Premiere feiert, treffen zwei Geschichten aufeinander – Boris Godunow von Modest Mussorgskis und Secondhand-Zeit nach Swetlana Alexijewitsch. So kommt es, dass einige Sänger*innen je zwei verschiedene Figuren verkörpern. In den Video-Interviews erzählen sie über ihre beiden Figuren, und wie diese zusammenspielen

BORIS
von Modest Mussorgski / Sergej Newski

So 2. Februar 18.00 Uhr PREMIERE,  Fr 7. Februar 19.00 Uhr, Do 16. Februar 16.00 Uhr
So 23. Februar 18.00 Uhr, Mo 2. März 19.00 Uhr, Fr 10. April 18.00 Uhr, Mo 13. April 18.00 Uhr   –   Die Premiere am 02.02.2020 wird von SWR2 mitgeschnitten, am Premierentag um 20.03 Uhr auf SWR2 gesendet.

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die schöne Müllerin – 3. Liedkonzert, IOCO Kritik, 13.01.2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Die schöne Müllerin – Franz Schubert

Das Kunstlied als Mysterium

von Peter Schlang

Das 3. Liedkonzert der Staatsoper Stuttgart in dieser Spielzeit am Abend des 8. Januar 2020 wurde mit großem Interesse erwartet und im bis auf den letzten Platz besetzten  Foyer des 1. Rangs der Stuttgarter Staatsoper von einem aufmerksamen Publikum gespannt und höchst konzentriert verfolgt.

Der Stuttgarter Kammersänger Matthias Klink und GMD Cornelius Meister am Flügel interpretieren Franz Schuberts Liederzyklus

Die Gründe dafür waren vielfältig: Zum einen war mit Franz Schuberts Die schöne Müllerin einer der berühmtesten Liederzyklen der Musikgeschichte überhaupt zu hören, zum anderen bot die Stuttgarter Oper in ihrem Kammersänger Matthias Klink und ihrem Generalmusikdirektor Cornelius Meister ein so illustres wie höchst qualifiziertes und als Tenor bzw. als Dirigent international gefragtes Duo auf. Und schließlich war es das erste Mal, dass diese beiden Ausnahmekünstler gemeinsam in der seit 2009 von der Stuttgarter Staatsoper und der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie getragenen Liedkonzertreihe zu hören waren.

Oper Stuttgart / Kammersänger Matthias Klink © Matthias Baus

Oper Stuttgart / Kammersänger Matthias Klink © Matthias Baus

Apropos Hören: Schon die ersten Takte ließen erahnen, welch außerordentliches Kammermusik-Erlebnis den Zuhörerinnen und Zuhörern vergönnt sein und in welche Richtung die „Müllerin-Interpretation“ dieses auf Wunsch Matthias Klinks gebildeten Duos gehen würde: Hier der auf ausgefeilten Ausdruck, höchste Einfühlsamkeit wie Dramatik setzende Operntenor, der aber von Anfang an auch seine unbestreitbare Qualifikation und große Erfahrung als Liedinterpret  unter Beweis stellte; dort der höchst sensible, Stimme und Gesang wie ein kostbares Gut achtende, ja behutsam umschmeichelnde Operndirigent, der dem Sänger mehr Ermöglicher und Wegbereiter als auftrumpfender, donnernder Begleiter sein will.

So wurde man im ersten Lied sinnenhaft der Wanderlust gewahr, hörte das frische und muntere Wasser perlen und plätschern und erlebte äußerst lebendig selbst die Imagination  tanzender Steine. Mit größter Körperlichkeit, höchst lebendiger Mimik und ausgefeilter Gestik, kurz: sehr opernhaft, unterstrich und betonte Matthias Klink seine kunstvolle Gesangstechnik und höchste stimmliche Ausdrucksfertigkeit, die nahezu jedes Wort mit Bedeutung versah und durch eine vorbildliche und mitreißende Dynamik bestach. Diese erreichte  ihre fast berauschenden Höhepunkte in einem betörenden Messa di Voce, aber auch in längeren dynamischen Passagen, die der Sänger von einem Ende der Lautstärkenskala ans andere stürzen oder emporschnellen ließ. Dabei vernachlässigte er trotz aller erforderlichen und passenden gesanglichen Exaltiertheit aber nie die Wortverständlichkeit, sondern artikulierte jederzeit so klar, dass die im für einen Liederabend vorzüglich und aufwändig gestalteten Programmheft abgedruckten Liedtexte nur für die häusliche Nacharbeit studiert werden mussten.

Als weiteres Merkmal von Klinks hoher Interpretationskunst ist die bild- und sinnenhafte  Gestaltung der verschiedenen von und in Wilhelm Müllers Lyrik und Franz Schuberts Musik geschaffenen Charaktere zu würdigen, seien es Personen, Naturgeschehen, Gegenstände oder Eigenschaften. Wie in direkter Ansprache und geradezu plastisch werden die Rollen der erzählenden oder angesprochenen Figuren des Müllermeisters, des Müllerburschen, der von ihm angebeteten Müllerstochter und des von dieser vorgezogenen Jägers ausgestaltet und lebendig. So  mochte etwa manch  Zuhörer ob der Eindringlichkeit, mit der Klink und Meister die Bedeutungsschwere der Farbe Grün unterstrichen, den Atem angehalten haben.

Franz Schubert 1797 - 1828 © IOCO

Franz Schubert 1797 – 1828 © IOCO

In großen und äußerst dichten Spannungsbögen, mit schwerelos wirkender Stimmführung und makelloser Klangfärbung schildert der Sänger in dieser und vielen anderen Passagen die hochfliegenden und abgründigen Empfindungen des anfangs euphorischen und am Ende nur noch seinen Tod im Bach herbeisehnenden Protagonisten.

Bewundernswert ist dabei auch die große Palette von Ausdrucksmitteln, die von  heiterer Leichtigkeit und Freude in „Des Müllers Blumen“ über kaum unterdrückte Feindseligkeit im „Jäger“ bis zu feiner, aber auch beißender Ironie beim „Morgengruß“ reichen. Gerade bei diesen enormen Stimmungsschwankungen sind die  auffallend differenzierten und durchdachten Übergänge besonders hervorzuheben, mit denen Klink  die einzelnen Lieder miteinander verbindet, ja verknüpft. Dies alles erreicht das Auditorium mit einer schier unfassbaren Direktheit und Intensität, ja, Matthias Klink vermittelt dem Zuhörer geradezu das Empfinden, er sänge einzig und allein für ihn.

Wie schon angedeutet, geht Cornelius Meister diesen in die Höhen der Liedkunst  führenden Weg uneigennützig und kongenial mit und liefert dazu völlig unaufdringlich, zurückhaltend und leicht, dennoch aber sehr engagiert und hintergründig den musikalischen Sub- und Begleittext. Ja, an nicht wenigen Stellen gestaltet der GMD seinen Klavierbeitrag so zart und behutsam, als streichle eine Mutter ihr gerade aufwachendes Kind.

So wird dieser wahrhaft außergewöhnliche Liederabend dem Berichterstatter nicht nur als wunderbares Mysterium und große Verneigung vor der Kunst in lebendiger Erinnerung bleiben. Er darf auch als große Verheißung auf die am 1. März im Stuttgarter Opernhaus anstehende szenische Premiere von Hans Zenders Orchesterfassung von Schuberts anderem großen Liederzyklus, „Die Winterreise“, verstanden werden, in dessen Zentrum wiederum Matthias Klink stehen wird – dann als echter Operninterpret in angestammter und vertrauter Umgebung.

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Neujahrskonzert: Midnight in Vienna, 01.01.2020

Dezember 31, 2019  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Neujahrskonzert: Midnight in Vienna

Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert das Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 1. Januar 2020 im Opernhaus; Beate Ritter (Sopran) singt den Frühlingsstimmen-Walzer von Johann Strauss (Sohn)

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert - Cornelius Meister © Marco Borggreve

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert – Cornelius Meister © Marco Borggreve

Willkommen 2020: Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert erstmals das festliche Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart im Opernhaus am Mittwoch, 1. Januar 2020, um 17 Uhr mit Werken von Johann Strauss (Vater und Sohn) und Josef Strauss. Die aus Österreich stammende Sopranistin Beate Ritter, seit der vergangenen Spielzeit Mitglied des Solistenensembles der Staatsoper Stuttgart, wirkt als Solistin mit. In dieser Spielzeit sang sie an der Staatsoper Stuttgart Musetta (La Bohème) und wird als Norina (Don Pasquale), Olympia (Les Contes d?Hoffmann), Gilda (Rigoletto) und als Königin der Nacht (Die Zauberflöte) zu erleben sein.

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert - Beate Ritter © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert – Beate Ritter © Matthias Baus

Das Konzert ist bereits ausverkauft. Restkarten sind eventuell an der Abendkasse erhältlich.

Programm
Johann Strauss (Sohn): Ouvertüre zur Operette Die Fledermaus
Johann Strauss (Sohn): Im Krapfenwaldl Polka française op. 336
Johann Strauss (Sohn): Accelerationen Walzer op. 234
Josef Strauss: Moulinet-Polka Polka française op. 57
Johann Strauss (Sohn): Éljen a Magyár! Polka schnell op. 332
Johann Strauss (Sohn): Bauern-Polka Polka française op. 276
Josef Strauss: Die Libelle Polka Mazur op. 204
Johann Strauss (Sohn): Frühlingsstimmen Walzer für Sopran und Orchester op. 410
Johann Strauss (Sohn) und Josef Strauss: Pizzicato-Polka Polka française
Josef Strauss: Plappermäulchen Polka schnell op. 245

Musikalische Leitung Cornelius Meister
Sopran Beate Ritter
Staatsorchester Stuttgart

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Nächste Seite »