Plauen, Vogtlandtheater, Ballett Happy Birthday von Annett Göhre, IOCO Kritik, 05.05.2017

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Theater Plauen Zwickau

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Ballettpremiere Happy Birthday von Annett Göhre

„Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Happy Birthday: Weitere Vorstellungen: 7.5.2017, 3.6.2017, 9.6.2017, 16.6.2017

Vorspann: Im Vogtlandtheater zu Plauen erlebten wir zu Spielzeitbeginn im Ballett die Premiere der Goldfisch-Variationen und nun, als zweites Tanztheaterstück Annett Göhre, die Uraufführung von Happy Birthday. Diesen Titel kann heute jeder trällern, doch heiter war es nur bedingt.

Von Lutz Behrens

Theater Plauen-Zwickau / Ballett Happy Birthday - Es wird gestorben © zenna.de

Theater Plauen-Zwickau / Ballett Happy Birthday – Es wird gestorben © zenna.de

Die Kleine Bühne schien wie geschaffen für die schlichte, schwarze Schwermut, deren trostlose Unausweichlichkeit selbst durch ein vehementes Anrennen gegen Wände nicht aufzubrechen war. An der Decke warteten Luftballons, die aber wohl nur der Dekoration dienten oder doch einem höheren Zweck?, dazwischen blitzten hin und wieder Lampen auf, auch um Rhythmus sichtbar werden zu lassen. Überhaupt gingen bei dieser Uraufführung drei Künste: Tanz, Musik und das gesprochene Wort eine Synthese ein, die Abwechslung und Bereicherung versprach und zudem die Möglichkeiten des Tanztheaters erfreulich erweiterte.

Zuerst jedoch wurde gestorben. Sieben Mal. Sieben Schwarzgekleidete reckten sich nacheinander an gleicher Stelle theatralisch empor, um dann zusammenzusinken. Still rollend querten sie die Bühne, um, im Jenseits?, aufzuerstehen und sich nach allen Regeln der Kunst durch reichlich Schminke in Clowns zu verwandeln. Auch die mit hellem Kleid bekleidete Frau (Maki Taketa) demonstrierte ihr Sterben. Damit waren die thematischen Grundzüge gesetzt: das Sterben; was erwartet uns nach dem Tod? und die Ambivalenz der Figur des Clowns.

Locker aus dem Publikum kommt der Mann (Michael Günther a.G.), mit beeindruckender Bühnenpräsenz und großartiger Stimme. Seine Texte: ein Ausschnitt aus Heiner Müllers Todesanzeige, vom Dramatiker geschrieben nach dem Selbstmord seiner ersten Frau Inge; ein Abschnitt aus Oliver Sacks Dankbarkeit, ein naturwissenschaftliches Phänomen thematisierend, und das Brecht-Gedicht „Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité“, in dem der kranke Brecht über seine Todesfurcht nachdenkt. Zudem eine Menge Statistik über Selbstmorde, ohne das Wort auszusprechen, und mit der Erkenntnis, dass es die Männer sind, die dafür überdurchschnittliche Anfälligkeit zeigen. Schließlich Jorge Luís Borges: Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte. Dessen Quintessenz: im zweiten Leben mehr Fehler machen, sich um die wahren Probleme sorgen und öfters mal barfuß gehen, wenigstens im Sommer.

Theater Plauen-Zwickau / Ballett Happy Birthday - Es wird gestorben © zenna.de

Theater Plauen-Zwickau / Ballett Happy Birthday – Es wird gestorben © zenna.de

Musikalisches gab es auch handgemacht. Katharina S. Müller a.G. spielte Selbstkomponiertes auf ihrer Violine, sogar im Liegen. Köstlich die Einspielung der Arie Der Hölle Rache aus Mozarts Zauberflöte, mit Verve gekrächzt von Florence Forster Jenkins, „Königin der Dissonanzen“. Ergänzt durch das Zitat ihrer Grabsteininschrift: „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“

Das Tanzstück dauerte, wie angegeben, 70 Minuten. Nicht immer fesselte es uneingeschränkt. Doch ein sehr gut agierendes, wenn auch dezimiertes Ensemble (neun Clowns waren angegeben), vermochte es immer wieder, die Spannung wiederherzustellen und mit den geschickt eingesetzten Texten und der Musik auch aufrechtzuerhalten. Viel Applaus am Ende, auch begeistertes Füßetrappeln. Und obwohl der  variationsreiche Umgang mit den Themen Tod, Selbstmord, Jenseits eher zu finalem Schwermut Anlass gegeben hätte, vermochte es ein kleines Kinderlied, das hierzulande jeder etwas Ältere kennt und vielleicht sogar selbst gesungen hat, den Abend heiter zu beschließen: Wer möchte nicht im Leben bleiben…

Happy Birthday: Weitere Vorstellungen: 7.5.2017, 3.6.2017, 9.6.2017, 16.6.2017

—| IOCO Kritik Theater Plauen Zwickau |—

Plauen, Vogtlandtheater, Ballett der Feuervogel von Igor Strawinsky, IOCO Kritik, 09.07.2016

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Theater Plauen Zwickau

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Ballett  Der Feuervogel von Igor Strawinsky

 San Michele / Das Grab von Igor Stravinsky © IOCO

San Michele / Das Grab von Igor Stravinsky © IOCO

Der Feuervogel, ein Ballettklassiker der Moderne mit Musik von Igor Strawinsky, feierte am Samstag in Plauen Premiere. Choreografin Annett Göhre inszenierte mit hohem Anspruch, dabei emotional und intellektuell überzeugend. Dieses Ballett wird Furore machen.  Von Lutz Behrens

Zwei Wege führen, wie so oft, zum Glück. Ich kann mich einmal dem Ballett Der Feuervogel frei von aller Vorbelastung hingeben und es genießen. Hinschauen, hinhören, mich emotional berühren lassen, mit allen Sinnen offen sein. Für eine auf der Bühne faszinierend demonstrierte und jedem Anspruch standhaltende Tanzkunst. Mich dabei immer wieder fragen, welch großartige Talente eine junge Frau oder ein Mann mitbringen muss, um bei immensem, nie nachlassendem Trainingsaufwand derartige körperliche Höchstleistungen an Kraft, Beweglichkeit und Grazie zeigen zu können. Ich kann hören, was da an Strawinskys kongenialer Musik auf mich einwirkt.  Synkopisch hart, in diatonischer Melodik oder dem musikalischen Impressionismus verpflichtet und chromatisch erweitert; hervorragend intoniert von den Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters am Theater Plauen-Zwickau und dirigiert von Maxim Böckelmann. Diesem wiederum verdankt das Ballett die eigenständige Klangcollage „Spacevogel“, die die Eingangsszene erfüllt und in eine märchenhafte Welt hineinführt, über die noch zu reden sein wird.

Plauen / Theater_Der Feuervogel © Peter Awtukowitsch

Plauen / Theater_Der Feuervogel © Peter Awtukowitsch

Ich kann intuitiv und mit aller Kraft meiner Phantasie versuchen zu begreifen, was ich sehe. Ragt ein Thron im Zentrum des Bühnenbildes (Miriam Braunstein) auf? Oder ist das ein Baum? Von Gras umgeben und weißen Luftballons gekrönt. Wer aber wird sich auf die Schaukel schwingen, die lockend zwischen den Zweigen hängt? Eine herrisch auf hochhakigen Schuhen daherkommende Dame (Louisa Poletti) im schwarzen Mantel, dominiert den Auftakt. Dreimal umkreist sie den Baum. Aus dem Orchestergraben winden sich unwirkliche Gestalten. Ein junges Mädchen (Nicole Stroh) betritt die Szene, modern gekleidet, suchend. Dann, der Feuervogel (Federico Politano), in unterschiedlicher Verkleidung. Das Spiel kann beginnen. Es werden, auch wie so oft, die stets die Künstler inspirierenden, uralten Themen verhandelt: die Suche nach Liebe, der Kampf zwischen Gut und Böse, Tod und Erfüllung.

 Plauen / Theater_Der Feuervogel_Poletti und Politano © Peter Awtukowitsch

Plauen / Theater_Der Feuervogel_Poletti und Politano © Peter Awtukowitsch

Oder ich nähere mich zum anderen dem Gegenstand mit wissenschaftlicher Akribie. Erfahre, dass Der Feuervogel bereits seit über 100 Jahren Furore macht, Ballettgeschichte geschrieben hat. Dass Strawinsky mit seiner Feuervogel-Musik zum weltbekannten Komponisten avancierte. Dass sich die Handlung speist aus russischen Märchenmotiven; dem des Feuervogels und des Märchenhelden Iwan Zarewitsch und dem vom unsterblichen Zauberer Kaschtschej, was schon verwirrend genug ist. Lese dann im schönen Programmheft (Ulrike Cordula Berger) nach, dass Ballettdirektorin Göhre dieses Ballett sehr heutig begreift und sein Wesen darin erkennt, „dass ein junger Mensch erwachsen werden muss und … sich zwischen der Traumwelt und der Realität entscheidet.“ Dass sie zudem einen Geschlechterwechsel riskiert hat. So wird der Feuervogel von einem Mann getanzt, und selbst ein knallrotes Tutu tut dem keinen Abbruch. Iwan hat sich in Iwanka verwandelt, die schöne Zarewna in einen Zarewitsch (Keigo Nozaki), und der Zauberer Kaschtschej betört –  endlich des Lackledermantels ledig – als sehr erotische Dame im transparenten Ganzkörpergewand (Kostüme: Leah Lichtwitz). –

Einprägsame Bilder bestimmen die herausragende Inszenierung. Ein Glücksgefühl entsteht, wenn die Tänzerinnen und Tänzer, die mit eckigen Bewegungen als mechanisch reagierende Schaufensterpuppen zu Automaten mutiert sind, sich – nun auch bekleidet – in harmonische Menschen verwandeln und unbedingt genannt sein müssen: Maki Taketa, Ekaterina Tumanova, Elena Tumanova, Michele Ciacci, Sebastian Uske und Keigo Nozaki.  

Viele theatralischen Register werden gezogen: So blitzt und donnert es gewaltig, Lichteffekte (Beleuchtung Jan Parthey) tun ein Übriges, die Kunstwelt wird zum sehr wirklichen Ort. Da in den russischen Volksmärchen, die ursprünglich das Ballett inhaltlich strukturieren, das Ei eine wichtige Rolle spielt (als Sitz der unsterblichen Seele Kaschtschejs), ermöglichen die zahllosen eiförmigen und hellen Luftballons, die wirkungsvoll auf die Bühne fallen, entsprechende Assoziationen. Schließlich haucht die böse Zauberin ihre Seele aus und endet in Ketten geschlagen. Die Liebenden finden sich.

Nach gut einer Stunde geht das furiose Ballett mit versöhnenden Szenen voller Hoffnung zu Ende. Ob ich es mit heiterem, naivem Herzen genieße oder mich vor allem in kunsttheoretische Überlegungen vertiefe, immer bleibt mir ein Kunsterlebnis, das alle meine Sinne anspricht und auf meine Ratio nicht verzichtet. Sehr empfehlenswert. IOCO / Lutz Behrens / 07.07.2016

Der Feuervogel:  Weitere Vorstellungen in Plauen am 16.12.2016 und 26.3.2017;  in der Lukaskirche Zwickau am 17.3.2017, 18.3.2017, 19.3.2017, 22.3.2017.

—| IOCO Kritik Theater Plauen Zwickau |—

Plauen, Vogtlandtheater, Kiss me, Kate Musical von Cole Porter, IOCO Kritik, 12.05.2016

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Theater Plauen Zwickau

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Kiss me, Kate  –  Musical von Cole Porter

Donald Trump schafft Sprung ins Vogtlandtheater

Großartige Bilder, mitreißende Musik, überraschende Choreografie, schöne, auch laute Stimmen bündelten sich zu einem heiteren, frischen Premierenabend von Kiss me, Kate. Den vielen, hoch motivieren Akteuren dankte das Publikum mit Bravo-Rufen, starkem Applaus und Blumen.   Von Lutz Behrens

Plauen / Theater Plauen - Kiss me Kate- Ensemble © Peter Awtukowitsch

Plauen / Theater Plauen – Kiss me Kate- Ensemble © Peter Awtukowitsch

Da bleibt zumindest die Hoffnung, dass Donald Trump nur den Sprung auf die Bühne des Vogtlandtheaters und nicht bis ins Weiße Haus schafft. Ein bis ins platte Blondhaar echter Trump-Verschnitt (Holger Rieck) langweilte mit rhetorischen Versatzstücken und eitlen Politikerposen. Darunter litt nicht nur seine Braut. Der Auftritt sorgte zur Musical-Premiere für amüsante Aktualisierung, die zudem bigotte Lebensart entlarvte. Einmal die ewigen Werte der Ehe preisen, um im gleichen Atemzug der Ex-Geliebten Lois Lane (Maria Mucha a.G.) Visitenkarte und Geld zuzustecken für ein Date „nach der Wahl“. Ansonsten blieben die Bemühungen, das Musical ins Heute zu hieven, erfreulich dezent; von Handys abgesehen und der einen oder anderen Anspielung setzte die Inszenierung auf den vorgegeben Rahmen.

Plauen / Theater Plauen - Kiss me Kate - Sonja Westermann als Lilli Vanessi © Peter Awtukowitsch

Plauen / Theater Plauen – Kiss me Kate – Sonja Westermann als Lilli Vanessi © Peter Awtukowitsch

Und der hatte es in sich. Drei, vier Ebenen, die sich auch optisch im Bühnenbild (Tilo Staudte) abgrenzten, mischten sich flott in turbulenter Handlung. Da wird einmal vor dem perfekt gestalteten Vorhang agiert. Hier haben die beiden Geld eintreibenden Ganoven, optisch als Blues-Broth er auftrumpfende Gangster (Marcus Sandmann und Georg Streuber, als Gäste), ihren schmierig-charmanten Auftritt. Zudem ohne Ende, um stets aufs Neue Szenenbeifall einzuheimsen. Ihr unverwüstliches „Schlag nach bei Shakespeare“ bewies mit frivolem Text den mannigfaltigen erotischen Mehrwert kultureller Bildung. Wir wussten längst, dass Lesen nicht nur schlau macht.

Da sehen wir zudem mitten hinein in das farbkräftige Bühnenbild von Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung. Präsentiert als Musical „Zähmung“ und im Musical Kiss me, Kate  durch die Figuren verknüpft mit der Rahmenhandlung. Deren Verwicklungen wiederum verfolgen wir in der intimen Atmosphäre zweier Künstlergarderoben oder im sachlich-dunklen Interieur einer Hinterbühne. Dort werden wir voyeuristischer Zeuge der erotisch aufgeladenen Atmosphäre einer Vorstellungspause mit schwitzenden, ermatteten Sängerinnen und Sängern, Ballettdamen oder Bühnenpersonal und einem auch sonst überzeugenden Shin Taniguchi als Interpreten von „`s ist viel zu heiß“. Das alles mag verwirrend klingen, ist es aber nicht.

Plauen / TheaterPlauen - Kiss me Kate - Ballett-Ensemble © Peter Awtukowitsch

Plauen / TheaterPlauen – Kiss me Kate – Ballett-Ensemble © Peter Awtukowitsch

Denn im Kern geht es, wie in aller Kunst, selbst der schillerndsten, immer um wenige, existentielle Themen. Zum Beispiel Liebe. In unserem Falle also um die Frage, ob Lilli Vanessi (Sonja Westermann) noch Gefühle hegt für ihren Ex-Ehemann Fred Graham (Hinrich Horn) und umgekehrt. Obwohl Lilli längst auf eine triste Ehe mit Mr. Howell zutreibt und Fred der Sängerin Lois Lane zweideutige Komplimente macht und Blumen nebst Kärtchen schickt. Und wie in „Zähmung“ Petruchio am Ende sehr drastisch Katharina bändigt, so lässt die Rückkehr Lillis auf die Bühne Fred aufs Happy End hoffen.

Damit ist es an der Zeit, Hinrich Horn zu würdigen, der mit großer Stimme und alles beherrschender physischer Präsenz dominiert. Ein Glücksfall, ihn mit dieser Rolle betrauen zu können. Ihm ist Sonja Westermann eine ebenbürtige Partnerin. Maria Mucha, John Pumphrey und Maximilian Nowka hingegen haben es nicht leicht, gegen so viel elementare Wucht anzukommen. Maria Mucha trumpft mit leichtbekleidetem Sexappeal auf. Dem in Plauen nicht vergessenen Maximilian Nowka gelingt dies auch durch choreografische Eleganz. Schön war es, wieder einmal Jens Herrmann (als Baptista) auf der Bühne zu sehen.

Choreografin Amy Share-Kisslov trägt immens zum Gelingen des Stücks bei. Sie verstand es, alle Akteure in ständiger Bewegung zu halten und in den komplizierten Massenszenen bis zur letzten Reihe ästhetisch gelungen agieren zu lassen. Großes Lob gebührt den Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters unter Thomas Peuschel. Die musikalische Qualität war der intelligenten, mit überraschenden Einfällen, Spielwitz und stringenter Handlungsführung überzeugenden Inszenierung von Christian Poewe ebenbürtig.

So gelingt im Vogtlandtheater Plauen das seltene Kunststück, mit einem Publikumsrenner fast auf den Tag genau Shakespeares 400. Todestag zu würdigen, dies mit populärer Musik zu würzen und alles in einem Musical von Weltrang genussvoll zu verpacken. Chapeau!  IOCO /  Lutz Behrens / 12.06.2016

Kiss me, Kate:   Weitere Vorstellungen 15.5.2016; 22.5.2016; 07.6.2016,

—| IOCO Kritik Theater Plauen Zwickau |—

Plauen, Vogtlandtheater Plauen, Ritter Blaubart von Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 15.03.2016

März 15, 2016  
Veröffentlicht unter Kritiken, Theater Plauen Zwickau

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Theater Plauen Zwickau

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Blaubärtiger Ritter auf doppeltem Boden

Der Dauererfolg (30 Jahre!) der Komischen Oper Berlin und zuletzt Ende 1994 auf der Bühne in Plauen: Jaques Offenbachs Ritter Blaubart  forderte am Samstag 12.03.2016 im Vogtlandtheater seine weiblichen Opfer. Mit Witz, Ironie und großartigem Ensemble zeigte Jürgen Pöckel eine mitreißende Fassung der Operette und freute sich über stehende Ovationen.

 Plauen / Vogtlandtheater Ritter Blaubart © Peter Awtukowitsch

Plauen / Vogtlandtheater Ritter Blaubart © Peter Awtukowitsch

Plauen: Doppelter Boden, wohin das Auge blickt. Eine Bühne auf der Bühne, Figuren, die auch als Puppen agieren, Tote zuhauf, die nie wirklich gestorben sind und ein im Duell Gefallener, der sich als scheintot erweist. Die Aufzählung der teils absurden Doppelbödigkeiten ließe sich fortsetzen. So bestimmen Ironie und Parodie die Handlung und setzen sich fort im Musikalischen, dem zuzuhören eine Freude war. Mit Ritter Blaubart  gelingt Opern-direktor Jürgen Pöckel  eine Inszenierung, über die wir uns in Plauen sehr freuen und deren Qualität überregionalen Maßstäben standhält. Das schlüssige Konzept wurde kongenial umgesetzt von Bühnen- und Kostümbildnerin Andrea Hölzl. Mit (nur) einem Bühnenbild, das, wie gesagt, eine Bühne auf der Bühne präsentiert und mit knappen Mitteln einprägsame ästhetische Lösungen bietet. Großes Lob für die Kostüme. Stilsicher und nicht ohne Witz die zahlreichen Uniformen, aufwendigen Frisuren und skurrilen Kopfbedeckungen. Gleich zu Anfang wird der heiter-satirische Grundton angeschlagen und selbstironisch in Szene gesetzt: die spätere Königin startet als Putzfrau.

Jaques Offenbachs Opéra bouffe nach einem Märchen von Charles Perrault entstand in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Ihre sarkastischen Untertöne, die mit beißender Zeitkritik und politisch unkorrekt den Mächtigen am Leder flicken, wirken bis heute. Behutsame Aktualisierung, fast ein wenig zu zurückhaltend, tat ein Übriges. In einer großen Szene sehen wir devotes Verhalten serviler Höflinge, die dem Stuhl („Regie“!) eines nichtvorhandenen Herrschers kratzfüßig die Reverenz erweisen. Es erinnert an Gebaren aus den frühen Fünfzigern, als in hiesigen Versammlungen dem im fernen Moskau herrschenden Genossen Stalin stets ein Platz freigehalten wurde. Doch selbst heute soll Buckeln nach oben, meist in Kombination mit Tritt nach unten, der Karriere dienlich und nicht aus dem Repertoire des Erfolgsmenschen gekommen sein. An Chaplins „Großen Diktator“ erinnern die Allmachtsfantasien König Bobèches bei herabschwebendem Universum, wobei wohltuend auf ein Jonglieren mit einer Erdkugel verzichtet wird.

Plauen / Vogtlandtheater Ritter Blaubart © Peter Awtukowitsch

Plauen / Vogtlandtheater Ritter Blaubart © Peter Awtukowitsch

So erfährt der Zuschauer ein Panorama unterschiedlichster Welten. Er sieht ein bukolisches Schäferstück, nimmt Teil an der eher komischen Wahl einer Rosenjungfrau auf dörflichem Anger, blickt in die wallende Knochenwerkstatt eines Alchimisten und wird mitgenommen auf die Königsebene mit ihren Fallstricken und kuriosen Anspielungen. Dazu Offenbachs Musik: frisch, elegant, locker und heiter, stets der Handlung verpflichtet und auch das Pathos nicht scheuend. Dies verbindet der Meister mit beispielhaft theatralischer Wirkung. Rhythmisch ist Offenbach unerreicht. Wir erleben das Philharmonische Orchester, geleitet von Thomas Peuschel, auf der Höhe seiner Aufgabe. Da gibt es nichts auszusetzen.

Paris / Grabmal Jacques Offenbach © IOCO

Paris / Grabmal Jacques Offenbach © IOCO

  Auch auf das Musikensemble können wir stolz sein. Wen zuerst nennen? Und kurz und treffend soll es auch sein … Vergeben wir die Krone an Jason Kim (Blaubart) und Johanna Brault (Boulotte). Ihr schien die Rolle auf den Leib geschrieben. Er, dessen Auftrittsarie wir schon einige Male hörten, zeigt zur Premiere, dass er mit Kraft und Leidenschaft und nicht ohne ironische Geste zu singen vermag. Shin Taniguchi (König) gab nicht nur stimmlich der Rolle die staatsmännische „Größe“, von deren Hohlheit wir wussten. Judith Schubert als Königin: teils schelmisch, immer liebenswert und mit schönem Gesang. Julia Ebert als Fleurette, später Hermina, und John Pumphrey als Daphnis und dann Prinz Saphir, beide überzeugen. Dies galt auch für die Helfershelfer der mörderischen Ambitionen ihrer Herren, für Karsten Schröter als Alchimist und Hinrich Horn als Graf Oscar. Sie dienen dem Stück und erfreuen mit ihren Stimmen. Die Damen und Herren des Opernchores (Einstudierung Friedemann Schulz) werden im Stück stark gefordert, gesanglich und choreografisch. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen und sie zu hören. Genannt werden soll Niklas Rennwanz (ein Kind), der seine Sache gut macht und viel Beifall bekommt.

So bleibt die märchenhaft-blutrünstige Geschichte eines – aus Gründen der Moral! – frauenverschlingenden Ritters und seines Königs, der den vielfachen Mord an scheinbaren Nebenbuhlern nicht scheut. Am Ende ist eine glückliche, operettenhafte Auferstehung nebst mehrfacher Heirat dem Genre geschuldet. Jürgen Pöckels Ritter Blaubart  in Plauen ist sehenswert, kurzweilig und musikalisch grandios.
Im Übrigen wusste schon Peter Hacks Offenbach zu schätzen. Ernannte ihn schlicht: ein Genie.  

Lutz Behrens / 13.03.2016

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