Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Pat To Yan – Hausautor Nationaltheater, IOCO Personalie, 24.07.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Pat To Yan – 2021/22 – Hausautor am Nationaltheater Mannheim

Ab der Spielzeit 2021/22 wird der 1975 in Hongkong geborene Autor Pat To Yan als neuer Hausautor am Nationaltheater Mannheim arbeiten. Während seiner Hausautorschaft ist u. a. die Uraufführung seines Opern-Librettos The Damned and the Saved (Komposition: Malin Bång, Musikalische Leitung: Rei Munakata, Regie: Sandra Strunz) geplant. In dem gerade entstehenden Text verhandelt er die Frage, wie bedingungslos Widerstand sein muss. Die Premiere der Koproduktion von Oper und Schauspiel des Nationaltheaters Mannheim wird am 15. Mai 2022 im Rahmen der »Münchner Biennale« stattfinden, und anschließend am Nationaltheater Mannheim zu sehen sein. Darüber hinaus ist die Uraufführung des dritten Teils seiner Trilogie Posthuman Condition im März 2022 geplant, in dem er die Bedeutung von Leid in der menschlichen Existenz befragt. Pat To Yan wird selbst Regie führen.

Christian Holtzhauer, Schauspielintendant am Nationaltheater Mannheim: »Pat To Yan ist Künstler und Aktivist, der in seinen Texten und in seiner Arbeit als Theatermacher immer wieder mögliche Formen von politischem Widerstand und die vielfältigen Gefährdungen der Demokratie aufgreift. Damit verbunden fragt er zugleich, was den Menschen und vor allem zwischenmenschliche Beziehungen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ausmacht. Ich freue mich sehr auf eine intensive Zusammenarbeit mit Pat To Yan, den wir während seines einjährigen Aufenthalts in Mannheim als Dramatiker, Librettisten und Regisseur kennenlernen dürfen.«

Nationaltheater Mannheim / Pat To Yan, aus Hong Kong stammender Hausautor 2021/22 © Max Zerrahn

Nationaltheater Mannheim / Pat To Yan, aus Hong Kong stammender Hausautor 2021/22 © Max Zerrahn

Pat To Yan studierte Englische Literatur und Soziologie in Hongkong sowie Szenisches Schreiben an der Royal Holloway University of London. Seither arbeitet er als Dramatiker und Lehrbeauftragter sowie Regisseur seiner eigenen aber auch fremder Texte. Er schreibt metaphorisch-gleichnishaft, und verhandelt doch immer konkret die Frage, wie man sich in einem unberechenbaren System behaupten kann. In seinen Texten verschieben sich Realitäts- und Traumebenen und seine Figuren sind Schöpfungen und Variationen von mythologischen Figuren aus Europa und China, wie beispielsweise »die Katze mit einem Loch« oder »der Mann, der Schmerz mitansieht«.

Im Rahmen des 8th Hong Kong Theatre Libre 2015 wurde sein Stück Bis ans Ende ihrer Tage als bestes Stück ausgezeichnet und beim EMW Festival of Hong Kong Repertory Theatre auf Kantonesisch uraufgeführt. 2018 wurde es am Münchner Residenztheater in seiner Europäischen Erstaufführung gezeigt. Seither schreibt Pat To Yan seine Texte überwiegend auf Englisch. 2016 gründete er das freie Produktionslabel »Reframe Theatre«, mit dem er bis heute zusammenarbeitet. 2017/18 realisierte den immersiven Theaterabend »Flow of Time« im Hongkong Fringe Club.

Mit seinem Stück Eine kurze Chronik des künftigen China wurde er 2016 zum Berliner Stückemarkt eingeladen – als bislang erster prämierter chinesischer Theatertext überhaupt: »Das Stück widersetzt sich einer linearen narrativen Dramaturgie und arbeitet in sehr verdichtet poetischen Verflechtungen die grausamen Phantasmen einer gegenwärtigen Gesellschaft der Ungleichzeitigkeiten heraus, die zu jedem Rückfall in die Barbarei bereit ist – ob es nun um staatlich organisierten Organraub geht oder um gedungene Mörder. Ein Stück, in dem die Möglichkeit des Verwechselns von Realität und Traum so naheliegend scheint, dass uns ihre Mächtigkeit schaudern macht. Was, wenn sich diese Albträume längst vernetzt haben und gegen unsere Zukünfte antreten?« (Kathrin Röggla, Jurorin). Der Text wurde als erster Teil einer Trilogie im Frühjahr 2021 am Saarländischen Staatstheater (Regie: Moritz Schönecker) uraufgeführt. Mit Eine posthumane Geschichte hat Pat To Yan mittlerweile sein zweites Stück aus der Serie Posthuman Journey geschrieben, in der er erforscht, was Menschsein heute und in der Zukunft bedeuten kann. Es wurde im April 2021 am Schauspiel Frankfurt (Regie: Jessica Glause) uraufgeführt.

Das beeindruckende Hong Kong Culture Center / Heimat von Pat To Yan © IOCO

Das beeindruckende Hong Kong Culture Center / Heimat von Pat To Yan © IOCO

Lesenswertes von und über Pat To Yan auf der Seite des Suhrkamp Verlags:
Pat To Yan: Widerstand und seine Schatten
Eva Behrendt & Pat To Yan – Ein Gespräch über die Rolle Chinas heute und in naher Zukunft, den Hongkonger Widerstand und ein Theaterstück, das tief in der interkulturellen Tradition Hongkongs wurzelt: »Antigone und die weiße Knochenfrau«

Zur Hausautor*innenschaft am Nationaltheater Mannheim:

Erst im April dieses Jahres setzte der Verein der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim ein wichtiges Signal und erhöhte das jährliche Stipendium für die Hausautor*innen des Nationaltheaters in zwei Schritten. In der aktuellen Spielzeit stieg die Förderung von zuletzt 6.000 € auf 9.000 €. Mit Beginn der Spielzeit 2021/22 wird sie 12.000 € betragen, wodurch sich die ursprüngliche Fördersumme verdoppelt. Zusätzlich zu dem durch den Verein der Freunde und Förderer finanzierten Stipendium, über das der oder die ausgewählte Autor*in frei verfügen kann, stellt das Schauspiel des Nationaltheaters eine Wohnung, übernimmt Reisekosten und finanziert einen Stückauftrag.

Ermöglicht wird der Aufenthalt des Hausautors durch die freundliche Unterstützung der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—


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München, Bayerische Staatsoper, Rusalka – Antonin Dvorak, IOCO Kritik, 22.07.2021

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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Rusalka  –  Antonín Dvorák

– Das verlogene Menschenleben –

von Hans-Günter Melchior

Da sitzt eine Nixe am Rand eines Sees und will ein Mensch werden. Als ob es nicht schon schwer genug wäre, ein Mensch zu sein.

Eine Seele will sie haben und die großartige Rusalka von Kristine Opolais singt so sehnsuchtsvoll die „Mondarie“, dass man ganz ergriffen ist und für einen Moment glaubt, es gebe nichts Schöneres, als vom Nixenleben ins Menschenleben zu wechseln: vom tierhaft-glücklichen Einssein mit sich selbst und der Natur ins Zweifelsüchtige und Bedenkliche, Grausame und Komplex-Komplizierte des höheren Daseins zu wandern, als wäre der Spaziergang in eine höhere Existenzstufe eine einzige Steigerung des Lebensgefühls.

Rusalka – Antonin Dvorak
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Hexe Jezibaba (eindrucksvoll stimmgewaltig Helena Zubanovich) warnt sie vergebens. Eine Zauberin, die der Menschensüchtigen schließlich eine Menschenseele verschafft; freilich um den Preis der Stummheit.

Der Verlust der Sprache als Schicksal – und als Glück zugleich. Die einfachen, unmittelbaren Dinge auf den Begriff zu bringen, ist immer auch ein Teil ihrer Vernichtung. Wie soll das aber eine Nixe wissen.

Rusalka am 20.7.2021 – Bayerische Staatsoper – Inszenierung Martin Kusej, dessen Rusalka Interpretation auf dem YouTube – Video unten

Später wird die Hexe sagen, was sie sich dachte: „Ins verlogene Menschenleben hat dich die Sehnsucht gelockt…“  und: „Der Mensch wird erst dann zum echten Menschen, wenn er sich in fremdem Blut suhlt, wenn er seine schreckliche Leidenschaft durchs Blut seines Nächsten gestillt sieht.“

Rusalka will es und die Hexe ist mit einer gewissen Wollust und naturhaften Schlechtigkeit willfährig.  Ein Prinz (Dmytro Popov) tritt auf, in den sich Rusalka verliebt. Und er erwidert ihre Liebe. Sie heiraten –; und wären glücklich, wäre da nicht die Stummheit der geliebten Frau, die nicht sagen kann, was sie fühlt, dem Prinzen Anlass zu resignativer Trauer. Nicht einmal – wie etwa Goethes Tasso – kann Rusalka sagen, wie sie leidet.

Bayerische Staatsoper / Rusalka - hier : Kristine Opolais als Rusalka, Günther Groisböck als Wassermann © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Rusalka – hier : Kristine Opolais als Rusalka, Günther Groisböck als Wassermann © Wilfried Hoesl

Hätte sie nur auf den Rat des Wassermanns gehört, den Günther Groissböck höchst eindrucksvoll gesanglich und schauspielerisch verkörpert. Der Prinz wendet sich enttäuscht und in seiner Sehnsucht nach weiblicher Zuwendung der Verführerin zu, die als Die fremde Fürstin (Alisa Kolosova) auftritt und den Unglücklichen förmlich in sich hineinzieht.

Und zwar vor den Augen Rusalkas, die als Betrogene so unglücklich ist, dass sie sich ins Nixenreich zurückwünscht.

Wiederum die Hexe. Jezibaba macht das Unmögliche möglich – wir befinden uns in einem Märchen –, freilich hat dies selbst im Märchen wiederum seinen Preis: Rusalkas muss die Isolation in Kauf nehmen, sowohl von den Menschen wie von den heimatlichen Nixen. Nur „warmes Menschenblut“ könnte sie retten, verkündet Jezibaba.

Auch der Prinz ist unglücklich. Die fremde Fürstin verlässt ihn bald. Er irrt umher: direkt in die Arme Rusalkas. Die alte Liebe flammt auf, Rusalka warnt ihn jedoch: ein Kuss von ihr würde ihn töten.

Der Prinz kann nicht auf den Kuss verzichten – und stirbt.

Wie eben das Schicksal im Märchen so seine Kapriolen schlägt und das Wahrscheinliche wahrscheinlich macht. Kusej zwingt es indessen – an einigen Stellen recht gewaltsam – in die Realität. Für ihn stehen Märchen verkörpern Märchen offenbar, das menschliche Schicksal schlechthin. Er benutzt sie als Lehrbeispiele.

Rusalka – das Lied an den Mond – und die Interpretation des Regisseurs
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Im ersten Akt ist die Bühne zweigeteilt. Oben waltet das Menschenreich. Eine Gebirgslandschaft, hohe, zum Teil schneebedeckte Berge, vor denen ein See träumt. Die Landschaft ist freilich gerahmt wie ein Gemälde oder Foto: als ob bei allem Realismus noch Raum für die Illusion übrig bleiben sollte. Oder ob im Gegenteil die Illusion der herrlichen Landschaft Lügen gestraft werden sollte.

Unterhalb der Menschenwelt wabert die Welt der Nixen oder Waldnymphen (Mirjam Mesak, Daria Proszek und Alyona Abramowa). Ein düsterer, feuchter Raum mit dicken Rohren entlang der Wände, der wie ein Maschinenraum, vielleicht auch eine Art Heizkeller anmutet. Wo man im Wasser watet und der Wassermann teils mit Anzüglichkeiten auffällt, teils Ratgeber ist, auf jeden Fall ein Herrscher.

Und auch sonst geschieht Merkwürdiges, zum Teil recht Drastisches. Kusej hat Einfälle. Im zweiten Akt häuten der Förster (Ulrich Reß) und ein Küchenjunge (Yajie Zhang) ein Reh, ein Chor tritt auf, jedes Mitglied hat ein totes, aufgeschlitztes Reh in der Hand, dem die Protagnisten Blutiges entnehmen und sich in die Münder stopfen. Da machen Ästheten runde Augen.

Seltsames ereignet sich. Die sich ins Nixenreich zurücksehnende Rusalka steigt zum Zeichen ihrer elementaren Verbundenheit mit dem Wasser und offenbar in Ermangelung einer anderen Gelegenheit in eine Art Aquarium, in dem sie sich reichlich beengt krümmt.

 Bayerische Staatsoper / Rusalka - hier : Kristine Opolais als Rusalka und die Welt der Nixen und Nymphen © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Rusalka – hier : Kristine Opolais als Rusalka und die Welt der Nixen und Nymphen © Wilfried Hoesl

Und im dritten Akt bewegen sich die Waldnymphen und Rusalka in einem weißen Raum mit Stockbetten, der wohl einen Klinikaufenthalt aufzeigen soll.

Immerhin: der reuige Prinz küsst nicht nur todessüchtig und liebestrunken Rusalka, sondern stößt sich auch einen Dolch in die Brust, damit warmes Menschenblut fließe und die Geliebte erlöst werde.

Man hat verstanden. Über allem waltete indessen eine geradezu sieghafte Musik. Dvoráks Meisterstück. Liedhaftes wechselt mit Arien, eine sparsame Leitmotivik (Anleihen an Wagner) führt in bestimmte Szenen ein, gewaltig herrscht und durchherrscht ein spätromantischer, stellenweise von tragischer Größe bestimmter Grundton das musikalische Geschehen, der den Hörer nicht aus seinem Bann entlässt. Diese Oper steht ebenbürtig neben den großen Sinfonien, insbesondere der 9., von Antonin Dvorák, dem Cellokonzert und den kammermusikalischen Werken.

Robert Jindra gebot mit weit ausholenden und befeuernden Armbewegungen souverän den Klangmassen und dem bekannt hervorragenden Bayerischen Staatsorchester. Da ging keine Nuance verloren, man merkte dem Dirigat die Vertrautheit Jindras mit der Musik des Landsmannes an. Zuweilen steigerte sich die Musik ins geradezu Rauschhafte, um sich dann wieder einer für Dvorák typischen herbsüßen, lyrisch gefärbten Melancholie zu ergeben.

Begeisterter Beifall. Die Oper war nach dem „Schachbrettprinzip“  – versetzt, immer war ein Platz neben einem besetzten frei; ferner bestand Maskenpflicht.

Rusalka an der Bayerischen Staatsoper: zur Zeit sind keine Vorstellungen geplant

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—


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Nürnberg, Meistersingerhalle, Hochromatik in der Meistersingerhalle, IOCO Kritik, 20.07.2021

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Meistersingerhalle in Nürnberg @ Matthias Dengler

Meistersingerhalle in Nürnberg @ Matthias Dengler

Hochromantik – In der Meistersingerhalle zu Nürnberg  – 16.07.2021

Joana Mallwitz und Andrei Ionita interpretieren: Schumann – Cellokonzert a-Moll op.129,  Mendelssohn Bartholdy – Vierte Symphonie a-Dur „Italienische“ op.90

von Thomas Thielemann

Die Nürnberger Meistersingerhalle, in den 1960-Jahren als Konzerthaus erbaut, verfügt im Großen Saal über eine Fläche von 2079 m² sowie ein Raumvolumen von über 20 000 m³ und kann, je nach Bestuhlung, zwischen 944 und 2121 Besuchern Platz bieten. Für den verwöhnten Konzertbesucher wirkt diese zu groß geratene Schuhschachtel zunächst irritierend. Aber es erweist sich auch in Nürnberg: die Schuhschachtel-Struktur ist für die akustischen Bedingungen von Konzertsälen ein Optimum und verzeiht viele Raumgestaltungssünden; aber eben nicht alle Diskrepanzen beim Orchesterspiel. Trotzdem ist man überrascht, im imposanten Flachbau trotz langem Nachhall eine befriedigende Klangentfaltung zu erleben.

Robert Schumann Büste in Düsseldorf @ IOCO

Robert Schumann Büste in Düsseldorf @ IOCO

Nachdem die zweite Bewerbung des Robert Schumann (1810-1856) um die Aufgabe des Leipziger Gewandhauskapellmeisters gescheitert war und seine Bemühung um die Stelle des Dresdner Hofkapellmeisters kaum zu einem Ergebnis zu führen schien, nahm er 1850 das Angebot des Düsseldorfer Stadtrates an, als Nachfolger Ferdinand Hillers (1811-1885) zu wirken. Von den Rheinländern im September des Jahres freundlich empfangen, fand er trotz der vielfältigen Aufgaben als Städtischer Musikdirektor die Zeit, in der Euphorie des Neuanfangs innerhalb kurzer Zeit zwei seiner bedeutsamsten Kompositionen zu schaffen: die Rheinische Symphonie und, bereits im Oktober 1850 das „Konzert für Violoncello und Orchester  a-Moll op. 129“. Innerhalb von sieben Tagen skizzierte er das Werk und hatte es nach weiteren sieben Tagen fertig instrumentiert.

Staatsoper Nürnberg / hier das Staatsorchester @ Ludwig Olah

Tragisch, dass die Zusammenarbeit mit dem für die Uraufführung gewünschten, aber offenbar überschätzten Solisten Robert Emil Bockmühl, nicht funktionierte. Ob der Wirren der weiteren Düsseldorfer Dienstzeit und in der Folge der Erkrankung Schumanns wurde zunächst eine Aufführung des Cello-Konzertes regelrecht vergessen. Nach einem zaghaften Versuch, Cello mit Klavierbegleitung, 1860 in Leipzig, einer Uraufführung 1867 in Breslau, eroberte das Konzert erst im 20. Jahrhundert dank hervorragender Schallplatten- und CD-Einspielungen seinen verdienten Platz in den Repertoires. Inzwischen gilt es „als Traum aller Cellisten“.

Ob Dmitri Schostakowitsch 1963 im Hinblick auf Schumanns dramatische Situation in den Jahren nach der Arbeit am Opus 129 zu seiner etwas unglücklichen Bearbeitung veranlasst worden war, indem er der Orchesterbesetzung eine Piccolo Flöte, eine Harfe und zwei Hörner zufügte, ist unbekannt geblieben.

Andrei Ionita @ Andrei Ionita

Andrei Ionita @ Andrei Ionita

Der aus Rumänien stammende Solist des Abends Andrei Ionita gilt nicht zu Unrecht als einer der führenden Cellisten seiner Generation. Nach dem er mit dem Gewinn des ersten Preises des Moskauer Internationalen Tschaikowski-Wettbewerbs 2015 nach Bad Kissingen gekommen war, um den Luitpold-Preis des Fördervereins Kissinger Sommer für 2016 zu erhalten, begleiten wir, wo immer möglich, sein umfangreiches Wirken. Inzwischen ist er auch als Solist in Klavierkonzerten aufgetreten.

Andrei spielt auf einem Violoncello aus der Brescianischen Werkstatt des Giovanni Battista Rogeri (1642-1710) aus dem Jahre 1671.

Schumanns Konzert bot er ohne Überspitzungen oder Zurschaustellungen mit weitsichtig gestalteter Brillanz, Tonschönheit, gepaart mit Kultiviertheit und Noblesse.

Joana Mallwitz @ Simon Pauly

Joana Mallwitz @ Simon Pauly

Das Orchester der Staatsphilharmonie Nürnberg erwies sich als gleichwertiger Partner des Solisten. Seine Generalmusikdirektorin und Dirigentin des Abends Joana Mallwitz sicherte, dass sich die Musiker nicht in monotonen Begleitfiguren langweilten, sondern rhythmisch-harmonische Facetten hervorbringen konnten. Leider ging sie mit dem Solisten nicht immer partnerschaftlich um, veranlasste ihn gelegentlich zum Forcieren oder überdeckte sein Spiel.

Mit einer Zugabe konnte Andrei Ionita sein überragendes Können unbeeinflusst demonstrieren. Vom ersten Ton der Bach-Komposition war man vom reichen, intensiven Celloklang, seiner Eleganz und sensiblen Gestaltung gefesselt. Das völlig unprätentiöse auf das Nötigste beschränkte, aber mit Farbenreichtum, Zartheit und Kraft gebotene Spiel offenbarte das faszinierte Klanguniversum des aufstrebenden Musikers.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) hat sich mehrfach durch landschaftliche Eindrücke zu großen Kompositionen beeinflussen lassen. So fanden auch Erlebnisse einer Reise mit Goethes „literarischem Italien-Reiseführer“ von 1830/31 ihren Niederschlag in seiner populärsten, der 4. Symphonie, der „Italienischen“.

Mit ausgewogenem Orchesterklang nahm uns Joana Mallwitz in den beschwingt-tänzerischen Einstieg des Kopfsatzes mit und versprach ein heiteres ausgelassenes Hörerlebnis. Mit ihrer Interpretation des zweiten Satzes, Andante con moto, vermied die Dirigentin ein Abgleiten ins Melancholische und konnte damit das filigrane Zarte betonen. Mit den beiden abschließenden Sätzen betonte sie vor allem das Unbeschwerte und Lebensfrohe der italienischen Mentalität.

Mit ihrer Auffassung der Mendelssohnschen Komposition vermittelte uns Joana Mallwitz eine differenzierte Verbindung von klassischem Formsinn mit einer tiefen Wärme und Innigkeit in den Empfindungen vermittelt. Jedes Detail war in eine stimmige Gesamtstrategie integriert, so dass große Spannungsbögen zur Wirkung kamen.

Die uns in den letzten Wochen präsentierten Orchester beherrschten das Musizieren mit den Corona-bedingten Abständen und dass jeder Musiker ein eigenes Podium einnimmt, inzwischen recht gut. Bei den Nürnbergern gab es aber, möglicherweise bedingt vom großflächigen Orchesterpodium, Nachholbedarf.

—| IOCO Aktuell Meistersingerhalle Nürnberg |—


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Mannheim, Musikalische Akademie, 2021/22 – die 243ste Spielzeit, IOCO Aktuell, 19.07.2021

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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

Musikalische Akademie Mannheim – Spielzeit 2021/22 

  –  die Historie –  die Gegenwart – selbst-Erwirtschaftungsgrad – 90%

Die Geschichte:  Die in der Musikalischen Akademie organisierten Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters Mannheim sind Veranstalter einer der ältesten Konzertreihen in Deutschland. Unter den Theater- und Symphonieorchestern sind die demokratische Struktur der Akademie und ihre damit verbundene programmatische sowie finanzielle Eigenständigkeit einzigartig. Sie sind entscheidend für die künstlerische Identität und das Selbstbewusstsein der Musiker. Achtmal im Jahr präsentiert sich heute das Orchester, das sonst im Operngraben erklingt, im Mozartsaal des Rosengartens (Bild).

1778 gründeten Bürger und Musiker Mannheims, orientiert am Pariser Vorbild, eine Académie des amateurs. Sie führte die Konzertreihe der Hofkapelle in eigener Regie weiter, nachdem der Kurfürst Mannheim verlassen hatte. Heute nimmt die Akademie neben den Musikern des Nationaltheater-Orchesters auch Fördermitglieder auf. Ein Kuratorium, besetzt mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, von der Universität und den Hochschulen sowie aus dem musikalischen Leben Mannheims, begleitet und unterstützt die Arbeit des Vorstands der Akademie.

Kulturschaffen in der Eigenverantwortung der Künstler: Das ist in Mannheim Wirklichkeit, und es ist erwiesenermaßen ein erfolgreiches und nachhaltiges Konzept!

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Die Spielzeit 2021/22  –  Die 243ste Spielzeit seit der Gründung

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. veranstaltet in ihrer 243. Saison acht Doppelkonzerte im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens. Generalmusik-direktor Alexander Soddy dirigiert vier Akademiekonzerte und darf sich gemeinsam mit dem Nationaltheater-Orchester auf herausragende Solistinnen und Solisten wie Noa Wildschut, Frank Peter Zimmermann oder Kirill Gerstein freuen. Die Konzerte finden jeweils montags und dienstags um 20 Uhr statt.

»Es liegen eineinhalb fordernde Jahre hinter uns. Auch wenn unser Verein über die Schlief3zeit keinesfalls untätig war -wir hoffen unbedingt, nächste Saison wieder regulär Publikum im grof3en Konzertsaal willkommen heif3en zu dürfen«, kommentierte Fritjof von Gagern, 1. Vorsitzender der Musikalischen Akademie. »Gemeinsam mit dem Mannheimer Rosengarten haben wir ein Hygienekonzept erarbeitet, das -auf wissenschaftlichen Studien basierend -eine gute und sichere Umsetzung unserer Veranstaltungen ermöglicht. Dazu kommt eine kontinuierlich steigende Impfquote in der Bevölkerung. Insbesondere auch mit Blick auf unser Akademiekonzert am 26. und 27. Juli 2021, das bereits mit einer Saalauslastung von 60 % durchgeführt werden kann, sind wir deshalb sehr zuversichtlich, unsere musikalischen Ideen in der kommenden Spielzeit plan-und programmgemäf3 realisieren zu können. Der Austausch mit dem Publikum hat uns Musikerinnen und Musikern ungemein gefehlt -und mit unseren neuen Programmen möchten wir Lust auf die neue Saison wecken.«

Nationaltheater Mannhein / Alexander Soddy © Miina Jung

Nationaltheater Mannhein / Alexander Soddy © Miina Jung

Die Konzertprogramme hat der Vorsitzende von Gagern gemeinsam mit Generalmusikdirektor Alexander Soddy erarbeitet: Im 1. Akademiekonzert 2021/21 erkundet das im Verein organisierte Orchester die satten Landschaften sowie den königlichen Glanz Britanniens. Neben Ralph Vaughan Williams‘ Fantasia on a Theme by Thomas Tallis und Edward Elgars Symphonie Nr.1 vermag dabei auch Max Bruch in der Schottischen Fantasie mithilfe der virtuos arrangierten Klangfarben von Violine und Harfe eine typisch »schottische« Stimmung zu kreieren. Mit von der Partie ist Noa Wildschut, 20 Jahre jung und viel mehr als nur ein Shootingstar der Klassikszene: Gerühmt für Präzision und einen stets beseelten Geigenton, hat sie Bruchs Werk früh für sich entdeckt.

Frank Peter Zimmermann ist im Rahmen des 2. Akademiekonzerts 2021/22 wieder zu Gast in Mannheim, diesmal mit Bohuslav Martinus Suite concertante. Ergänzt wird dieses violinistische Feuerwerk von Bela Bartoks Rhapsodie Nr. 1; beide Werke erklingen zum ersten Mal bei den Akademiekonzerten. Darüber hinaus kann Sidney Corbetts Viofence and Longing, eine Auftragskomposition der Musikalischen Akademie, endlich aus der Taufe gehoben werden, nachdem das Werk 2019/20 situationsbedingt verschoben werden musste. Viofence and Longing kommuniziert auf besondere Weise mit dem letzten Programmpunkt des Abends: Unter anderem Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 4 diente als Inspiration für Corbetts brandneues Opus. Der amerikanische Komponist ist seit 2006 in Mannheim verwurzelt und fördert als Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim Komponistinnen und Komponisten der jungen Generation.

Im 3. Akademiekonzert 2021/22 begibt sich das Nationaltheater-Orchester auf eine Reise nach Russland: Neben Rachmaninows vielgeliebtem Klavierkonzert Nr. 2 erklingt auch Tschaikowskis Symphonie Nr. 4, in der tragische Topoi, von Tschaikowskis Lebensgeschichte inspiriert, gewohnt kunstfertig verarbeitet werden. Die musikalische Leitung unterliegt Jordan de Souza, der als Erster Kapellmeister der Komischen Oper grosses Ansehen erlangt hat. Ihm zur Seite steht ein russischer Kosmopolit: Kirill Gersteins Klavierspiel besticht mit einem unverwechselbar-verjazzten Stil.

Musikalische Akademie – 240 Jahre Konzerte
youtube Trailer mcon Mannheim
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»Mit Worten ihn beschreiben hieße scheitern«, stellte der Künstlerische Beirat der Musikalischen Akademie nach seinem Debüt bei den Akademiekonzerten fest: Rafal Blechacz, zuletzt in der Spielzeit 2017 /18 bei der Musikalischen Akademie zu Gast, kehrt im 4. Akademiekonzert 2021/22 nach Mannheim zurück. Gemeinsam mit dem Dirigenten und Landsmann Michal Nesterowicz widmet er sich dabei einem polnischen Nationalschatz: Frederic Chopins Klavierkonzert Nr. 1. In der Kleinen Suite präsentiert wiederum der Komponist Witold Lutoslawski Polkas und andere Tanzweisen der polnischen Volksfeste. Von diesem Hörabenteuer zum nächsten geht es mit Mendelssohns »schottischer« Symphonie Nr. 3, die den Konzertabend mit wohlgelaunten – und, unter Berücksichtigung der Klarinette, die im Werk einen Dudelsack imitiert, wohl nicht gänzlich ernst gemeinten – Klängen beschließt.

Nicht erst, seitdem die Turangalila-Symphonie vom Mannheimer Publikum im November 2019 mit Begeisterung aufgenommen wurde, steht Olivier Messiaen bei GMD Alexander Soddy hoch im Kurs. Gemeinsam mit dem Nationaltheater-Orchester lässt er die farbenprächtige Musik des Franzosen im 5. Akademiekonzert 2021/22 mit L ‚Ascension doch nun erst recht aufs Neue erstrahlen. Daneben steht Anton Bruckners sechste Symphonie – Klangräume, die einer Kathedrale ähneln.

 Im 6.Akademiekonzert 2021/22 stof3en wiederum glitzernde Zauberwelten und Schauerromantik auf die transparente Musik Mozarts: Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, interpretiert Mozarts elegant ausgestaltetes Konzert für Flöte und Orchester Nr.1 in G-Dur. Seinen Einstand bei der Musikalischen Akademie feiert auch Ivan Repusic, der Carl Maria von Webers Ouvertüre zu Oberon sowie Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique dirigiert.

Endlich kann auch das Dirigat Roberto Rizzi Brignolis nachgeholt werden: Während sein Schwerpunkt insbesondere auf dem italienischen Repertoire liegt – in der Metropolregion Rhein-Neckar hat sich Rizzi Brignoli durch seine Erfolge mit Giuseppe Verdis II Trovatore am Nationaltheater Mannheim profiliert-, bewegt er sich mit großer Stilsicherheit auch durch die klassische und romantische Epoche. Auf dem Programm des 7. Akademiekonzerts 2021/22 stehen daher Franz Schuberts Ouvertüre zu Die Zauberharfe sowie seine »tragische« vierte Symphonie, dazu gesellt sich Beethovens Eroica.

Während er dem Nationaltheater-Orchester bis 2023 als Chefdirigent der Akademiekonzerte verbunden bleibt, neigt sich Alexander Soddys Engagement als Mannheims Generalmusikdirektor dem Ende zu: Das krönende Finale seiner GMD-Zeit feiert die Musikalische Akademie mit Gustav Mahlers Auferstehungssymphonie. Nomen est omen: Zwei Chöre, die beiden Gastsolistinnen Anne Schwanewilms und Okka von der Damerau sowie das riesig besetzte Orchester sorgen für üppig gefüllte Bühnen.

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters

Die in der Musikalischen Akademie organisierten Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. sind seit über 240 Jahren Veranstalter der Konzertreihe „Akademiekonzerte“. Unter den Theater-und Symphonieorchestern sind die demokratische Struktur der Akademie und ihre damit verbundene programmatische sowie finanzielle Eigenständigkeit einzigartig. Sie sind entscheidend für die künstlerische Identität und das Selbstbewusstsein der Musikerinnen und Musiker. In acht Doppelkonzerten pro Spielzeit präsentiert sich heute das Orchester, das sonst im Operngraben erklingt, im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens.

Wirtschaftliche Situation  –  Hoher selbst-Erwirtschaftungsgrad

Ein voller Saal ist überlebenswichtig für die Musikalische Akademie, die sich fast ausschlie~lich über den Verkauf von Eintrittskarten und Abonnements finanziert. Alle laufenden Kosten werden zu 90 % über Ticketeinnahmen gedeckt. Eine direkte Subvention erhält der Verein bislang nicht. Mit diesen Einnahmen müssen u. a. die Miete für den Mozartsaal im Rosengarten sowie Honorare für Gastdirigentinnen und -dirigenten respektive Solistinnen und Solisten bestritten werden. Enorme Anstrengungen der Akademie haben in den letzten Jahren zu einem stetigen Besucheranstieg geführt: Dem Verein gelang es, die Besucherauslastung des Mozartsaals von 71,2 % (Stand Saison 2015/16) auf 88,2 % (Stand nach 4 Konzerten Saison 2019/20)1 zu steigern. Zuletzt durfte die Akademie jährlich 27.000 Besucherinnen und Besucher und 2.700 Abonnentinnen und Abonnenten begrüßen.

—| IOCO Aktuell Musikalische Akademie Mannheim |—


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