Osnabrück, Theater am Domhof, Bauhaus / Bolero – Tanztheater, IOCO Kritik, 17.02.2019

Februar 17, 2019  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Bauhaus  /  Bolero – Tanztheater – Uraufführung

– Die dunkle Seite der Moderne –

von Hanns Butterhof

Allerorten wird gegenwärtig gefeiert, dass vor 100 Jahren das Staatliche Bauhaus in Weimar am 12. April 1919 als deutscher Beitrag zur internationalen Moderne gegründet wurde. Bauhaus steht nicht nur für weiße, kubische Häuser und funktionale Möbel in schickem Design. Das Bauhaus war auch ein Labor für Bewegungs-Experimente mit eigener Bühne. In Osnabrücks Theater am Domhof schlägt der dreiteilige Tanzabend Bauhaus / Bolero  mit Stücken von Mary Wigman, Edward Clug und Mauro de Candia in jedem seiner begeisternden Teile einen Bogen vom revolutionären Anfang des Bauhaus´ bis heute.

Bauhaus / Bolero  –  Tanztheater
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Den Tanzabend eröffnet Mary Wigmans Gruppenstück Die Feier von 1927/28. Henrietta Horn und Susan Barnett haben das Stück aus wenigen erhaltenen Dokumenten mehr rekreiert als rekonstruiert. Das Zusammenstimmen von Farbe, Form und Linie, von Körper- und Raumrhythmus in der Feier ist reines Bauhaus-Programm.

Es ist ein tolles Bild, wenn das Ensemble, Gongs und Triangel schlagend, in schräg hereinfallendem Licht vor schwarzem Hintergrund auf die Bühne schreitet, wo es geometrische Figuren bildet. Zur wesentlich vom Gong getragenen Musik von Martin Räpple reiht es sich wie auf einem ägyptischen Relief in Linien, die Köpfe im Profil, und formt Kreise, die sich organisch wie die Blüte einer Blume in Zeitlupe öffnen. Ein begeisterndes Solo beschließt den ersten Teil der Feier, ein rauschhafter Derwisch-Drehtanz wie in Trance.

Der zweite Teil ist nicht mehr reiner Tanz, sondern erzählt in den farbigen Kostümen von Elis Griebel vom Ringen einer Frau in Weiß mit dem rotgewandeten Tod. In ihrer Expressivität heute die Grenze zur Komik streifenden Bilder erinnern sehr an Wigmans Totentanz II, der auf dieser Bühne schon 2017 zu sehen war.

Theater Osnabrueck / Bauhaus - Bolero - hier : Feier mit dem Ensemble der Dance Company © Joerg Landsberg

Theater Osnabrueck / Bauhaus – Bolero – hier : Feier mit dem Ensemble der Dance Company © Joerg Landsberg

Völlig zeitgemäß ist das folgende Stück Handman, das der Tanzchef am Slowenischen Nationaltheater in Maribor, Edward Clug, 2016 für das Nederlands Dans Theater 2 choreographiert hat. Die Tendenz des Bauhauses, die Tänzer zu entindividualisieren, nimmt Clug kritisch auf. Zur minimalistischen Musik von Milko Lazar für Klavier und Trommel, bei der harter Jazz mit anheimelnder Klassik wechselt, bewegt sich das uniform in dunkle Hosen und körperfarbene Oberteile gekleidete  Ensemble mit bewundernswerter Präzision wesentlich mechanisch. Chorisch rucken die Köpfe, wie bei Puppen oder Maschinen werden Gliedmaßen abgewinkelt, komisch und anrührend finden Begegnungen wie von Insekten statt. Clug weist so ohne Pathos rein tänzerisch, am Ende sogar überraschend witzig auf das Ende der Menschlichkeit bei zunehmender Technisierung und Rationalisierung der Beziehungen hin.

Theater Osnabrueck / Bauhaus - Bolero - hier : Bolero mit dem Ensemble der Dance Company © Joerg Landsberg

Theater Osnabrueck / Bauhaus – Bolero – hier : Bolero mit dem Ensemble der Dance Company © Joerg Landsberg

Diese dem Bauhaus – Rationalismus immanente Tendenz nimmt zum Abschluss des Tanzabends Mauro de Candia, der  künstlerische Leiter und Choreograph der Dance Company Theater Osnabrück,  mit der Uraufführung von Bolero verstärkt auf. Zu Ravels gleichnamiger Komposition tanzt das in feldgraue Ganzkörper-Trikots gekleidete Ensemble in einem Quadrat, das von einem leuchtenden Band eingeengt wird. Dumpfe Explosionen und der aus Ravels Musik herausgehörte Marschtritt, parallele Bewegungen und Kampfsport-Gesten weisen eindringlich auf die dunkle Seite der Moderne hin, die Tendenz, Rationalismus und Humanismus zu entkoppeln und auf der Suche nach dem Ideal das Individuum formend zu übergehen.

Ovationen für dreiteiligen Tanz-Theater-Abend Bauhaus / Bolero

Die fantastische Leistung des Ensembles, an einem Abend die Stücke dreier Choreographen mit eindrucksvoller Präzision ausdrucksstark zu tanzen, honorierte das Premierenpublikum nach gut zwei Stunden mit anhaltenden Ovationen und vielfachen Bravos.

Bauhaus / Bolero – Tanztheater am Theater am Domhof, Osnabrück; die weiteren Termine: 28.2., 7.3., 12.3. 30.3.2019 19.30 Uhr;  17.2.2019 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Das Lied der Nacht – CD-Einspielung, IOCO Rezension, 09.12.2018

Dezember 8, 2018  
Veröffentlicht unter IOCO - CD-Rezension, Musical, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

  Das Lied der Nacht  – Oper von Hans Gál

 Theater Osnabrück präsentiert Welt-Ersteinspielung auf CD

Von Hanns Butterhof

Seit 1933 hatte niemand mehr Hans Gáls 1926 uraufgeführte Oper Das Lied der Nacht gehört. Dann hatte das Musiktheater Osnabrück 2017 die wegen der jüdischen Herkunft Gáls mit Aufführungsverbot belegte Oper mit dem Text Karl Michael von Levetzows wiederentdeckt und im Theater am Domhof begeisternd aufgeführt.

Das Lied der Nacht am Theater Osnabrück  – IOCO Rezension HIER!

Jetzt präsentierte Intendant Ralf Waldschmidt stolz die Weltersteinspielung der Oper auf CD, von musikalischen Kostproben umrahmt, im Foyer des Theaters am Domhof. Rhys Jenkins und Lina Liu sangen, am Klavier begleitet von Markus Lafleur, ausgewählte Partien aus der Oper. Ulrike Schumann, jetzt Operndirektorin am Theater Heidelberg, seinerzeit noch das Projekt begleitende Osnabrücker Musikdramaturgin, moderierte ein Podiumsgespräch zwischen Eva Fox-Gál, der Tochter des Komponisten, und Generalmusikdirektor Andreas Hotz, dem künstlerischem Leiter der Produktion.

Eva Fox-Gál schilderte berührend ihre Freude über das wiedererwachte Interesse am Werk ihres Vaters seit der Aufführung in Osnabrück. Mit Andreas Hotz war sie sich einig, dass die CD-Einspielung mit dem Osnabrücker Ensemble und den Symphonikern äußerst gelungen sei und in diesem Format noch einmal eine andere Qualität als die Aufführung im Theater aufweise.

Theater Osnabrück / Eva Fox-Gál, Ulrike Schumann und Andreas Hotz erläutern die CD zu der Oper "Das Lied der Nacht" © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Eva Fox-Gál, Ulrike Schumann und Andreas Hotz erläutern die CD zu der Oper „Das Lied der Nacht“ © Hanns Butterhof

Identität ist das große Thema der Oper, in der die Prinzessin Lianora zu sich selber kommen muss. Sie hat Angst vor der Welt, will sich nicht mit Politik oder einer Beziehung die Finger schmutzig machen. Erst als sie wagt, auf das Lied ihrer unterbewussten weiblichen Triebe, ihrer inneren Nacht zu hören, lässt sie schließlich die Liebe zu.

Es sind die Frauen, die die Opernhandlung tragen. Lina Liu ist mit ihrem makellos reinen Sopran eine ideale Besetzung für die Prinzessin. Als zweiter Sopran fesselt Susann Vent-Wunderlich als untreu-treue Hofdame Hämone, Mezzosopranistin Gritt Gnauck beeindruckt als Fürst-Äbtissin, und der von Markus Lafleur Damenchor einstudierte singt hinreißend.

Die Männer spielen eine geringere Rolle. Bariton Rhys Jenkins ist als zwielichtiger Bewerber um Prinzessin und Thron auf der CD von der alten Besetzung dabei, Bass Oliver Weidinger als amtsmüder Kanzler und Tenor Ralph Ertel als der namenlos Sänger des nächtlichen Liedes konnten für die Aufnahme gewonnen werden.

Andreas Hotz am Pult des Osnabrücker Symphonieorchesters fesselt mit der wellenartig rauschenden, drängend schwellenden Musik Gáls. Die lotet im Rahmen der Tonalität immer auch deren Grenzen aus und trifft den richtigen Ton für das vielschichtige, tief in der Gefühlswelt spielende Geschehen. Das Lied der Nacht in Osnabrück ist auch als CD ein beglückendes Opernerlebnis.

Hans Gáls Oper Das Lied der Nacht ist auf der Doppel-CD des labels cpo erschienen. In der Box ist ein 87-seitiges booklett mit dem Libretto in Deutsch und Englisch sowie den Künstlerportraits enthalten.

 Eva Fox-Gál, Ulrike Schumann und Andreas Hotz erläutern die CD-Produktion der Oper „Das Lied der Nacht“ Foto: Hanns Butterhof

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Kaiserslautern, Pfalzpreis für Musik 2018 – Sidney Corbett, IOCO Aktuell, 03.12.2018

Theater Osnabrück / San Paolo - Uraufführung - hier : Die Wohlstandsgesellschaft hört nicht auf Paulus, Jan Friedrich Eggers und Opernchor © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / San Paolo – Uraufführung – hier : Die Wohlstandsgesellschaft hört nicht auf Paulus, Jan Friedrich Eggers und Opernchor © Jörg Landsberg

Pfalzpreis für Musik 2018
Sidney Corbett – Komponist der Oper – San Paolo

Von Hanns Butterhof

Für die Oper San Paolo, die im April 2018 am Theater Osnabrück uraufgeführt wurde, erhält der in Mannheim ansässige Komponist Sidney Corbett den Hauptpreis des Pfalzpreises für Musik 2018. Seit 2010 lobt der Bezirksverband Pfalz den Pfalzpreis für Musik aus und zeichnet Kompositionen in den Sparten Musiktheater, Vokal- und Instrumentalmusik sowie Popular- und Filmmusik aus.

Theater Osnabrück / San Paolo - Uraufführung - hier : Komponist Sidney Corbett und Librettist Ralf Waldschmidt © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / San Paolo – Uraufführung – hier : Komponist Sidney Corbett und Librettist Ralf Waldschmidt © Hanns Butterhof

Geboren 1960 in Chicago, studierte Sidney Corbett Musik und Philosophie an der University of California, San Diego, der Yale University, wo er 1989 promovierte, sowie 1985 bis 1988 an der Hamburger Musikhochschule bei György Ligeti. Seit 2006 ist Corbett Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Mannheim und Leiter des dortigen Forums für Neue Musik. Seit 2006 ist Corbett Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Mannheim und Leiter des dortigen Forums für Neue Musik.

San Paolo – Uraufgeführt am Theater Osnabrück – HIER die Rezension 

Die Oper San Paolo basiert auf einem nie realisierten Filmskript des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini über den Apostel Paulus. Pasolini versetzt Paulus in das 20. Jahrhunderts und macht deutlich, welche politisch-moralische Sprengkraft das entstehende Christentum enthielt. Die Textfassung stammt von Ralf Waldschmidt, Intendant des Theaters Osnabrück. In der Begründung der Jury heißt es: „Das Werk |…] ist ein emotional gut geführtes, stringentes Werk mit formaler Klarheit.“ Nach dem großen Erfolg von Das große Heft komponierte Sidney Corbett zum zweiten Mal ein neues Werk für Osnabrück.

—| IOCO Aktuell Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Wilhelm Tell – Friedrich Schiller, IOCO Kritik, 25.09.2018

September 25, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Wilhelm Tell  –  Friedrich Schiller

– Absage an jede rückwärts gewandte Revolution –

Von Hanns Butterhof

Friedrich Schillers Revolutionsdrama Wilhelm Tell von 1804 ist heute wieder brandaktuell. Deutlich stellt es vor Augen, wann und aus welchen Gründen eine Revolution legitim ist. Und es entwirft die Utopie der Gesellschaft, zu der dieser Aufstand führen soll. Zum Auftakt der Spielzeit hat Robert Teufel das Stück in Osnabrücks Großem Haus, dem Theater am Domhof, als kargen Bilderbogen inszeniert.

Kein still ruhender See, keine verschneiten schweizer Gipfel. Vielmehr vermittelt ein gemauerter Rahmen um die Bühne von Friederike Meisel den Eindruck von Enge, irgendwo und irgendwann. Die kurzen Szenen, zu denen Regisseur Robert Teufel den ausufernden Text eingestrichen hat, spielen hauptsächlich an der Rampe innerhalb des Rahmens.

Theater am Domhof Osnabrück /  Wilhelm Tell - von Friedrich Schiller  - hier : Tell distanziert sich von den Rebellen; v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast, Philippe Thelen, Mick Riesbeck, Matthias Unruh © Kerstin Schomburg

Theater am Domhof Osnabrück /  Wilhelm Tell – von Friedrich Schiller  – hier : Tell distanziert sich von den Rebellen; v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast, Philippe Thelen, Mick Riesbeck, Matthias Unruh © Kerstin Schomburg

Seltsam reglos wird dort von ungeheuerlichen Übergriffen der Obrigkeit berichtet, nahezu stocksteif planen in Tracht gewandete besorgte Bürger (Kostüme: Rebekka Zimlich) den Aufstand. Die Schauspieler stehen dazu meist nebeneinander, wenden sich beim Reden kaum einander zu. In den von elektronischem Donnergrollen und Dunkelheit von einander getrennten Szenen sprechen sie meist direkt ins Publikum als dem unmittelbar betroffenen Adressaten. Das treibt dem Stück das szenische Leben weitgehend aus; noch nie hat das Osnabrücker Ensemble so deutlich artikuliert und so hölzern gespielt.

Eine Ausnahme machen Andreas Möckel als Tell und Oliver Meskendahl als dessen Gegenspieler, Landvogt Hermann Gessler. Möckel zeichnet den in Lederhose und Felljacke gekleideten Tell überzeugend als in sich ruhenden Individualisten, der alles andere als ein Revoluzzer ist. Er wird erst durch das von Meskendahl schaurig schön gezeigte Übermaß an zynischer Unmenschlichkeit zum Mörder des in Stiefeln und im schwarzen Uniform-Mantel auftretenden Tyrannen. Die Szene, in der ihn Gessler nötigt, auf sein Kind (Greta Kemper) zu schießen, ist der packende Höhepunkt der Aufführung, nach der man Tell das Recht auf Notwehr unbedingt zubilligen möchte

Theater am Domhof Osnabrück / Wilhelm Tell - von Friedrich Schiller - hier : Tell lässt sich von Stauffacher nicht in den Aufstand hineinziehen, v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast © Kerstin Schomburg

Theater am Domhof Osnabrück / Wilhelm Tell – von Friedrich Schiller – hier : Tell lässt sich von Stauffacher nicht in den Aufstand hineinziehen, v.l.: Andreas Möckel, Thomas Kienast © Kerstin Schomburg

Den Verschwörern um Werner Stauffacher (Thomas Kienast) und ihren Zielen gibt die Regie weniger Recht. Sie treten nicht wagemutig, von ihren revolutionären Zielen begeistert auf und sprechen von ihnen wie auswendig gelernt. Vielleicht werden sie dadurch gehemmt, dass sie alle durchaus persönliche Motive haben und ihr politisches Streben rückwärtsgewandt einen Zustand wieder herstellen soll, wie er früher war: ein fremdenfeindlicher Nationalismus, in dem das alte Recht nur für die geborenen Volksangehörigen gilt. In der letzten, in das blutige Rot des geglückten Aufstands getauchten Szene, zieht sich Tell von diesem Volk und seinen Zielen zurück.

Das politische Statement, das Regisseur Teufel Schillers Revolutionsdrama so aufsetzt, gilt der aktuellen deutschen Situation. Mit Blick auf die ganze Welt und Schillers allgemein gestellte Menschheits-Frage, wie man leben soll, greift es zu kurz.

Wilhelm Tell im Theater am Domhof:  Die nächsten Termine: 30.9., 31.10., 18. und 24.11. jeweils 19.30 Uhr, am 7.10.2018 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

 

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