Münster, Theater Münster, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 11.10.2018

Oktober 13, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

 Madama Butterfly  –  Giacomo Puccini

 In psychologisch konstruierter Täter-Opfer-Kette

Von Hanns Butterhof

Schon zur Ouvertüre von Giacomo Puccinis Oper Madama Butterfly von 1904 bricht eine Welt zusammen. Der Vater eines Mädchens, das mit verbundenen Augen am Bühnenrand unter einem Kirschbäumchen kniet (Foto), begeht im Bühnenhintergrund rituell Selbstmord. Was diese Erfahrung mit und aus dem Kind macht, erzählt Regisseur Hans Walter Richter im Großen Haus des Theaters Münster mit feinsinniger Psychologie.

Madama Butterfly – Giacomo Puccini
Youtube Trailer  des Theater Münster
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Alles ist in dieser sehr jetzigen Madama Butterfly kaputt. Das leichtgebaute Japanhaus mit seinen Schiebetüren, das den ganzen Bühnenraum umschließt, mutet wie ein Gefängnis an (Bühne und Kostüme: Bernhard Niechotz). Der grüne Blechcontainer mittendrin mit dem roten Leuchtschriftzug „home sweet home“  ist ein freudlos kalter Fremdkörper.

Die 15-jährige Geisha Cio-Cio-San, auch Butterfly genannt, ist das Kind mit den verbundenen Augen. Kristi Anna Isene gibt sie, nach der harten Erfahrung, mit dem Vater die soziale Stellung verloren zu haben, realistisch ohne kindliche Naivität. Ihrem dramatischen Sopran ist ein Grundton von Traurigkeit auch in den Arien des Glücks eingeschrieben. Wer ihr blindes Vertrauen in das Treueversprechen ihres amerikanischen Ehemanns zu erschüttern versucht, muss ihren Zorn ertragen wie ihre klarsichtige Dienerin Suzuki (Judith Gennrich). Erschütternd tritt sie aus der eigenen heimatlichen Tradition heraus, ohne in einer neuen anzukommen; am Ende tötet sie sich gemäß dem Ehrencodex ihres Vaters.

Theater Muenster / Madama Butterfly - hier : Cio-Cio-San erlebt den Selbstmord ihres Vaters © Oliver Berg

Theater Muenster / Madama Butterfly – hier : Cio-Cio-San erlebt den Selbstmord ihres Vaters © Oliver Berg

Garrie Davislim als der amerikanische Marineoffizier Pinkerton, der sie von dem mafiosen Goro (Pascal Herington) mitsamt Container gekauft hat, lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er ein gewissenloser, selbstbezogener Zyniker ist. Schon bei seiner Hochzeit mit Cio-Cio-San stimmt er mit unbekümmertem Tenor ein Hoch auf seine künftige amerikanische Ehefrau an. Die Warnungen des Konsuls Sharpless (Filippo Bettoschi) vor solchem Leichtsinn nimmt er nicht ernst; verantwortungslos verlässt er Cio-Cio-San. Am Ende erfrecht er sich zwar, ihr den gemeinsamen Sohn zu nehmen, ist aber zu feige, ihr selber gegenüberzutreten.

Die Regie Hans Walter Richters zeichnet die Charaktere und ihre Welt eindringlich. Dass er aber den aus Amerika zurückkehrenden Sohn erfindet, der sich ebenfalls umbringt, dimmt Cio-Cio-San auf ein Glied in einer zu psychologisch konstruierten Täter-Opfer-Kette herunter. Das wird ihr als tragischer Figur der absoluten Heimatlosigkeit nicht gerecht.

Theater Muenster / Madama Butterfly - hier : Braut und Container hat Pinkerton gekauft (Kristi Anna Isene, Garrie Davislim) © Oliver Berg

Theater Muenster / Madama Butterfly – hier : Braut und Container hat Pinkerton gekauft (Kristi Anna Isene, Garrie Davislim) © Oliver Berg

In der musikalisch überzeugenden Aufführung sind die Stimmen ausgewogen gut besetzt und klingen hervorragend zusammen. GMD Golo Berg und das Sinfonieorchester Münster können trotz unsentimental zupackendem, die Dissonanzen und Intervallsprünge betonenden Dirigats nicht verhindern, dass es spätestens beim Summchor (Choreinstudierung: Inna Batyuk) Cio-Cio-San ist, die auch als Schuldige zutiefst ergreift.

Madama Butterfly im Theater Münster: Die nächsten Termine: 14.10.; 10.11; 27.11.und 29.12. 2018

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Caligula – Albert Camus, IOCO Kritik, 11.10.2018

Oktober 12, 2018  
Veröffentlicht unter Kritiken, Schauspiel, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Muenster © Oliver Berg

Theater Muenster © Oliver Berg

  Caligula  –  Albert Camus

– Im Dschungelcamp des Kaisers –

Von Hanns Butterhof

Kaiser Caligula, der vom Jahr 37 bis 41 das Römische Reich regierte, war ein Tyrann von hohen Graden. Mit dem 1945 uraufgeführten Caligula, dem ersten  Bühnenstück des algerisch-französischen Literatur-Nobelpreisträgers Albert Camus, eröffnet das Schauspiel am Theater Münster passend die neue Saison, die Ego-Monstern, Machtmenschen und Tyrannen gewidmet ist.

In Caligula spielt Camus die Frage durch, ob die Möglichkeit, alles infrage zu stellen, die Konventionen und selbst die Vernunft zu verneinen, zur Freiheit und Wahrhaftigkeit im Leben führt.

Caligula – Albert Camus
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Durch den Tod seiner inzestuös geliebten Schwester ist Caligula (Joachim Foerster) nervlich zerrüttet und in seinem Glauben an die vernünftige Einrichtung der Welt fundamental erschüttert. In seiner unbeschränkten kaiserlichen Freiheit erprobt er an seinem Staatsrat, was von einer Persönlichkeit übrig bleibt, wenn man ihr den stabilisierenden sozialen Rahmen mit all seinen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zertrümmert.

Sein Hof, den Ausstatterin Žana Bošnjak wie den Befehlsstand eines Raumschiffs mit zentralem Steuerpult angelegt hat, entwickelt sich zum kaiserlichen Dschungelcamp. Mit der ihn liebenden, bedingungslos getreuen Caesonia (Sandra Schreiber) irritiert er sein Umfeld mit absurden Anordnungen; er demütigt, vergewaltigt, tötet, und je unterwürfiger sich die beständig von ihm mit dem Tod bedrohten Menschen verhalten, desto mehr verachtet er sie.

Joachim Foerster als Caligula taumelt hochtourig zwischen weinerlicher Desorientierung und kalter Durchführung seiner Ideologie. Ein Gastmahl mit dem genötigten Staatsrat verwandelt er nackt in eine Orgie von  lustvollem Sado-Masochismus, nur um die verdrängten animalischen Lüste in seinen Räten aufzudecken.

Theater Muenster / Caligula von Albert Camus -  hier : Orgie der Gewalt_ Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster © Oliver Berg

Theater Muenster / Caligula von Albert Camus – hier : Orgie der Gewalt_ Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster © Oliver Berg

Seine kalkulierte Willkür verschont niemanden, den alle Erniedrigung erduldenden Mucius (Gerhard Mohr) ebenso wenig wie Lepida (Sandra Bezler), die  Caligula anhimmelt, nachdem er sie die Lust hat erfahren lassen, von ihm vergewaltigt zu werden; selbst vor Caesonia macht er nicht Halt. Der sensible Dichter Scipio (Frédéric Brossier) erhängt sich. Dass Cherea (Christian Bo Salle), der intellektuelle Gegenpart Caligulas, mit dem Leben davonkommt, erscheint auch als einer der Willkürakte Caligulas.

Das ist mit Dauer-Hochdruck gespielt, wobei oft Lautstärke für Emotionalität und Nacktheit für Authentizität steht. Für differenzierteres Spiel und die Verdeutlichung der verschiedenen inhaltlichen Positionen, vor allem Chereas Beharren auf Sinn, bleibt da wenig Raum. Nerlichs Inszenierung stellt Caligulas konsequent kaiserliche Anarchie mehr lustvoll aus, als dass sie deren fehlgehenden Impuls auf Wahrhaftigkeit ins Zentrum stellte. Damit lenkt sie weitgehend den Blick von der Aktualität des Stücks in einer Welt ab, deren „Rationalität“ eine Katastrophe nach der anderen hervorruft. Die von Camus gestellte, wenn auch absurde Aufgabe geht unter, gegen wachsende Empfindungslosigkeit an menschlicher Sinnstiftung zu arbeiten.

Nach 2 Stunden pausenlosen Spiels großer Applaus des Premierenpublikums für alle Beteiligten, v.a. für Joachim Foerster als Caligula.

Caligula von Albert Camus; die nächsten Termine: 11., 13., 25. und 26.10.2018

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Premiere MADAMA BUTTERFLY, 15.09.2018

August 15, 2018  
Veröffentlicht unter Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

 

MADAMA BUTTERFLY
Premiere: Samstag, 15. September 2018, 19.30 Uhr

Großes Haus des Theaters Münster
Japanische Tragödie von Giacomo Puccini
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Nagasaki in »unserer Zeit«. Der amerikanische Marineleutnant Pinkerton geht während eines längeren Aufenthaltes die Ehe mit der Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, ein. Was für ihn kaum mehr als ein Zeitvertreib ist, bedeutet für sie die große Liebe. Drei Jahre wartet Butterfly, die ihm einen Sohn geboren hat, auf die Wiederkehr ihres Mannes. Als Kanonenschüsse die Rückkehr Pinkertons ankündigen, erkennt Butterfly den wahren Umstand seines Besuches: Er und seine Frau Kate sind gekommen, um ihr das Kind zu nehmen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf…

Giacomo Puccini (1858–1924) besuchte in London eine Vorstellung des Schauspiels MADAME BUTTERFLY von David Belasco. Das japanische Drama hatte ihn sofort in seinen Bann gezogen, so dass er diesen Stoff als Vorlage für seine neue Oper verwendete. Am 17. Februar 1904 fand die Uraufführung von Puccinis MADAMA BUTTERFLY im Teatro alla Scala in Mailand statt, mit der der Komponist sein einziges Fiasko erlebte. Puccini zog die Oper umgehend zurück, um sie umzuarbeiten. Dieser Tatsache verdankt die Nachwelt eine der genialsten Opernszenen, wenn Cio-Cio-San eine ganze Nacht lang auf Pinkerton wartet.

Musikalische Leitung: Golo Berg
Inszenierung: Hans Walter Richter
Bühne & Kostüme: Bernhard Niechotz
Choreinstudierung: Inna Batyuk
Dramaturgie: Ronny Scholz

Mitwirkende:
Cio-Cio-San (Kristi Anna Isene), Suzuki (Judith Gennrich/ Chrysanthi Spitadi), Pinkerton (Garrie Davislim), Sharpless (Filippo Bettoschi), Goro (Pascal Herington),

Yamadori (Youn-Seong Shim), Onkel Bonze (Christoph Stegemann), Kate Pinkerton (Christina Holzinger), Mutter Cio-Cio-Sans (Barbara Bräckelmann/ Simona Maestrini), Tante Cio-Cio-Sans (Ute Hopp/ Katarina Michaelli), Cousine (Katarzyna Grabosz/ Melanie Spitau), Yakusidé (Jin-Chul Jung), Standesbeamter (Jae Joon Pak), Kommissar (Kiyotaka Mizuno), Opernchor des Theaters Münster, Sinfonieorchester Münster

Matinée:
Sonntag, 2. September, 11.30 Uhr, Oberes Foyer
Öffentliche Probe (im Rahmen des Theaterfests):
Samstag, 8. September, 11.15 Uhr, Großes Haus

Weitere Vorstellungen im September:
Donnerstag, 20. September, 19.30 Uhr, Großes Haus
Dienstag, 25. September, 19.30 Uhr, Großes Haus
Sonntag, 30. September, 15.00 Uhr, Großes Haus

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 10.07.2018

Juli 10, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Münster

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Theater Münster © Rüdiger Wölk

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DON GIOVANNI – Wolfgang Amadeus Mozart

Münsteraner Puppenkiste

Von Hanns Butterhof

An Münsters Großem Haus hat Christian von Götz Mozarts als Dramma goicoso bezeichnete Oper Don Giovanni als barockes Puppenspiel nahe am Kasperletheater inszeniert. Er orientiert sich bei der Personenzeichnung, den Kostümen und der Spielweise an der italienischen Commedia dell‘ arte, wobei das singende Personal zwar glänzen, die orchestrale Seite der Oper sich aber erst spät zur Geltung bringen kann.

   – Don Giovanni als barockes Puppenspiel –

Schon zur Ouvertüre scheint es von Götz darum zu gehen, dass erst einmal viel für das Auge und das Spaßbedürfnis geboten wird. In den überbordend phantasievollen Kostümen Sarah Mittenbühlers nehmen die Sängerinnen und Sänger auf einem Laufsteg vor dem Orchestergraben Platz. Sie plaudern und winken ihren Bekannten im Publikum zu, während das Bühnenbild Giorgiones „Schlummernde Venus“ zitiert (Bühne: Lukas Noll), die sich weder von dem hinter ihr aufziehenden, videogestützten Gewitter mit Blitz und Starkregen noch von der dicken Spinne beunruhigen lässt, die über sie hinwegkriecht. Schon hier in der auf ein Naturereignis heruntergedimmten Ouvertüre kommt das Orchester unter Golo Bergs flottem Dirigat gegen die optische Überwältigung kaum zur Geltung.

Theater Münster / Don Giovanni - hier : Versammelt in und vor der Puppenkiste Anna, Ottavio, Don Giovanni und Elvira mit Nina Koufochristou, Youn-Seong Shim, Filippo Bettoschi, Kristi Anna Isene © Jörg Landsberg

Theater Münster / Don Giovanni – hier : Versammelt in und vor der Puppenkiste Anna, Ottavio, Don Giovanni und Elvira mit Nina Koufochristou, Youn-Seong Shim, Filippo Bettoschi, Kristi Anna Isene © Jörg Landsberg

Das geht auch über lange Strecken der im Stil eines Puppenspiels erzählten Geschichte vom wüsten Wirken des Womanizers Don Giovanni so weiter. Die Figuren sind ironisch gebrochen und kokettieren beständig mit dem Publikum. Don Giovanni (Filippo Bettoschi) ist mit elegantem Bariton ein dauerlächelnder Luftikus, der die Damen schon mit einem Handkuss in Ohnmacht fallen lässt. Mitunter betritt er sportlich am Seil schwingend die Szene oder flüchtet von ihr. Ihn verfolgt die von ihm verlassene Donna Elvira (Kristi Anna Isene). Rachedurstig mit einem Gewehr ausgestattet tritt sie mit ihrer Zerrissenheit zwischen Enttäuschung und Hoffnung mit perlenden Koloraturen zunehmend ins Zentrum. Die riesige rote Schleife, aus der Donna Elviras wohl aus dem Stoff des Venus-Kopfkissens genähtes Kleid besteht, offenbart als Geschenkverpackung überdeutlich, dass ihr tiefes Rachebedürfnis von ihrer tieferen Hingabewilligkeit an Giovanni locker überspielt wird. Sie ist so blind vor Liebe, dass sie nicht einmal bemerkt, dass Don Giovanni sie, allerdings mit seiner wunderbar ehrlich klingenden verlogenen Arie Elvira, idole mio! erst ans Fenster lockt, und sie dann seinem Diener Leporello (Gregor Dalal) an seiner Statt unterjubelt. Auch kann sie ihre wie aus der Klimbim-Familie stammende kleine Zofe (Verena Hierholzer) nicht davor schützen, zu Don Giovannis Beute zu werden.

Auch Donna Anna (Nina Koufochristou) ist hinter Don Giovanni her, vorgeblich um ihren von diesem versehentlich getöteten Vater (Stephan Klemm) zu rächen. Aber zu lange hatte sie mit Giovanni in einer Kiste mit der Aufschrift Finger weg! gesteckt, zu theatralisch beweint und streichelt sie den aus eben dieser Kiste herausragenden Fuß des toten Komturs – der kurz darauf mit dem Schild „tot“ aus der Kiste herauskrabbelt – ,  als dass ihre Erzählung von der vereitelten Verführung glaubhaft wäre. Immerhin gelingt ihr, ihren Verlobten Don Ottavio (Youn-Song Shim) mit spitzem Racheruf und virtuoser Leidensgeste zu bewegen, die Suche nach dem Verführer aufzunehmen. Für seine Folgsamkeit belohnt sie ihn mit selbstgestrickten gelben Kniestrümpfen mit rotem Herzchen-Muster.

Der Detail-Reichtum der Szenen zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. So kommt die bäuerliche Hochzeitsgesellschaft sackhüpfend auf die Bühne. Die Braut Zerlina (Kathrin Filip) wirft sich ziemlich umstandslos Don Giovanni an den Hals, nachdem er sie auf sein Schloss eingeladen hat, und der tumbe Bräutigam Masetto (Christoph Stegemann) ist für seine Strafexpedition gegen Don Giovanni neben einer Kalaschnikow auch noch mit Panzerfäusten, Schwert und einem Sparschäler bewaffnet.

 Theater Münster / Don Giovanni - hier : Filippo Bettoschi als Don Giovanni und Kathrin Filip © Jörg Landsberg

Theater Münster / Don Giovanni – hier : Filippo Bettoschi als Don Giovanni und Kathrin Filip © Jörg Landsberg

Erst gegen das ruhiger inszenierte Ende, wenn Youn-Song Shim mit allem tenoralen Schmelz seine Arie Il mio tesoro auf einem Podestchen wie in der Londoner Speakers Corner singt, kommt die tragische Seite der Oper zur Geltung. Da wird deutlich, dass die barocken Figuren tatsächlich den Charakter von Puppen haben, nicht Herr und nicht Frau ihrer blind verfolgten Handlungsmuster sind. Sie können daran leiden, aber nichts dagegen tun, wie es exemplarisch bei Donna Elvira der Fall ist. Wo sie dagegen aufbegehren, nicht mehr das sein wollen, was sie sind, scheitern sie komisch; nicht ohne Grund ist Leporello, der mit warmem Bariton äußerst einnehmende Gregor Dalal, der Harlekin. Wer gar nicht anders will, als er muss, wie Don Giovanni, fährt nicht als Strafe in die Hölle; konsequent hat von Götz die  finale Genugtuung über die gerechte Bestrafung des Bösewichts gestrichen. Zerlina und Masetto droht unweigerlich die Ehe-Hölle.

Gesanglich ist dieser Don Giovanni auf allen Positionen richtig gut besetzt, auch der von Inna Batyuk einstudierte Chor singt und spielt im Sinne der Regie engagiert.

Theater Münster / Don Giovanni - hier : Ensemble in Spielfreude © Jörg Landsberg

Theater Münster / Don Giovanni – hier : Ensemble in Spielfreude © Jörg Landsberg

Spät, zu spät kann sich das Orchester in Übereinstimmung mit der Bühne zur Geltung bringen. Was bislang an differenziert kommentierendem Ausdruck verloren ging, lässt Golo Berg im Sinfonieorchester Münster nun vernehmlich aufleuchten. Der Farbenreichtum der Partitur, der Ernst und die Tragik werden hörbar, die auch den Menschen zukommen, die den Ausgang aus der vielleicht gar nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit nicht finden.

Man kann an der Richtigkeit des optimistisch auf mündiger Selbstbestimmung bauenden Menschenbildes der Aufklärung durchaus seine Zweifel haben. Ob es ein Gewinn ist, diesen Zweifel im Don Giovanni barock zu inszenieren, darf mit einem großen Fragezeichen versehen werden. Das Publikum spendete großen, aber nicht ungeteilten Beifall für alle Beteiligten nach gut drei Stunden italienisch gesungener, in der Felsenstein-Übersetzung übertitelter Arien und deutscher, von Boris Cepeda am Hammerklavier virtuos begleiteter Rezitative.

Don Giovanni am Theater Münster; der nächste Termin: 13.7. 2018 um 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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