Münster, Picasso Museum, Ausstellung: Exoten und Moderne im Dialog, IOCO Aktuell, 06.02.2019

Februar 6, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, ioco-art, Museen Münster, Portraits

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Lutz Oppermann

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Lutz Oppermann

Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Kunstmuseum Pablo Picasso – Münster

Exoten und Moderne im Dialog – Ausstellung 2.2. bis  28.4. 2019

von Hanns Butterhof

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, das bis September 2010 noch Graphikmuseum Pablo Picasso Münster hieß, ist eines der Museums-Kleinodien im westfälischen Münster. Es wurde im Jahr 2000 eröffnet und beherbergt über 800 Lithografien Pablo Picassos. 1997  hatte der Lengericher Sammler Gert Huizinga, der am 9. 12. 2018 im Alter von 91 Jahren verstorben ist,  722 Lithographien in eine von den Sparkassen in Westfalen-Lippe, der Westdeutschen Landesbank Girozentrale, den Westfälischen Provinzial-Versicherungen sowie von ihm und seiner Frau gegründete Stiftung eingebracht und damit den Grundstein für das münsterische Picasso-Museum gelegt.

Das Kunstmuseum Pablo Picasso liegt am Picassoplatz 1 in der Königsstraße. Seine Ausstellungsräume befinden sich in zwei historischen Gebäuden, dem von 1784 bis 1788 erbauten Druffel’schen Hof, einem der bedeutendsten Bauten des Klassizismus‘ der Stadt, und dem benachbarten Hensenbau, die im Zuge des Umbaus zum Museum Ende der 1990er Jahre miteinander verbunden wurden.

Die Sammlung des Picasso-Museums umfasst bis auf wenige Blätter das komplette lithografische Schaffen des Spaniers, darunter Abzüge von Zwischenzuständen und Probedrucke. Thematisch spannen die Werke den Bogen von Porträts über Stillleben bis hin zu bewegten Stierkampfszenen und antiken Fabelwesen.

Das Museum verfügt darüber hinaus über einen repräsentativen Querschnitt durch das gesamte grafische Schaffen von George Braque von 1926 bis zu seinem Todesjahr 1963. Die Kollektion zeichnet sich durch eine Vielzahl von Unikaten und Künstlervorzugsdrucken aus und ähnelt in ihrem Ateliercharakter der Picasso-Lithografien-Sammlung.

Seit 2008 besitzt das Museum 137 Grafiken des Malers Marc Chagall, maßgeblich aus den 50er und 60er Jahren, seit 2015 auch eine deutschlandweit einzigartige Grafik-Sammlung mit 121  Lithografien, Linolschnitte und Radierungen von Henri Matisse als Dauerleihgabe.

Lithographie von Honoré Daumier © Pablo Picasso Museum[

Lithographie von Honoré Daumier © Pablo Picasso Museum[

Für die große Ausstellung Marc Chagall – Der wache Träumer standen die Besucher Schlange. Mehr als 58.000 Kunstinteressierte kamen seit Oktober 2018 nach Münster, um die 120 Gemälde, Zeichnungen und farbigen Grafiken des französischen Ausnahmekünstlers zu bewundern.

 Aktuelle Ausstellungen: Daumier-Karikaturen,  Exotisches und Moderne im Dialog

(Kunst) zwischen Kult und Kritik

Vom 2. Februar bis 28. April 2019 zeigt das Picasso-Museum zwei neue Ausstellungen. In den Räumen des ersten Stocks wird unter dem Titel  Ein Fest für die Augen  erstmalig die Kollektion eines ungenannt gebliebenen Münsteraner Privatsammlers präsentiert. Im zweiten Stock sind unter dem Titel Honoré Daumier Die menschliche Komödie Lithographien des französischen Meisters der Karikatur zu sehen.

Dass des Sammlers weites Herz für zeitgenössische in Deutschland lebende Künstler schlägt, zeigt   ein Raum der Ausstellung Ein Fest für die Augen mit Arbeiten von Tony Cragg, Carsten Gliese, Christoph Worringer und Milo Köpp. Doch das wahre Fest für die Augen sind 85 Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die dazu herausfordern, dem Einfluss der Volkskunst Afrikas und Asiens auf die europäische und außereuropäische Avantgarde nachzugehen. Ausdrucksstarke afrikanische Masken und Skulpturen stehen Vertretern der Moderne gegenüber, darunter auch Picasso, in dessen Werk sich deutliche Bezüge zu den vereinfachenden Geometrisierungen finden. Dabei ist durchgängig erkennbar, wie zwar die Formen der zentralafrikanischer Vorbilder übernommen wurden, nicht aber deren kultischer Gehalt.

Pablo Picasso Museum Münster / Khmer Kunst © Pablo Picasso Museum

Pablo Picasso Museum Münster / Khmer Kunst © Pablo Picasso Museum

Den markanten Schwerpunkt der Ausstellung bildet eine Gruppe von eindrucksvollen Khmer-Statuen, denen zwölf Bilder Mark Tobeys, einem Vertreter des Abstrakten Expressionismus in Amerika, gegenübergestellt sind. Während die Statuen den ganzen Raum mit nahezu sakraler Ruhe füllen,  lädt jedes einzelne der Werke Tobeys dazu ein, sich in ihm zu verlieren, wenn man sich in seine filigrane Linien- und Farbstruktur vertieft.

Wenn der Sammler mit dieser Ausstellung etwas von sich preisgibt, das nicht nur privater Natur ist, dann ist es ein Bedürfnis nach der Ruhe und Seinsgewissheit, die in den kultischen Figuren zu finden ist und die von der Moderne gesucht, aber kaum mehr gefunden wird.

Im zweiten Stock breitet sich mit etwa 100 Litographien die witzige Ausstellung  Honoré Daumier – Die menschliche Komödie aus. Mit ihr nutzt das Picasso-Museum die erste Gelegenheit, seine im Spätsommer 2018 als Schenkung erhaltene Daumier-Sammlung zu präsentieren. Eine lose Verbindung zum Picasso-Museum besteht darin, dass neben vielen Modernen wie Vincent van Gogh oder Edgar Degas auch Pablo Picasso ein großer Bewunderer und Sammler von Werken Daumiers war. Honoré Daumier beschreibt in seinen teils farbigen Grafiken überzeitliche menschliche Schwächen, die heute ebenso aktuell sind wie im 19. Jahrhundert; viele seiner Typen meint man persönlich zu kennen. Die Ausstellung zeigt Szenen zum politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen sowie Blätter aus den beliebten Serien der Bankiers, Ärzte und Juristen, die Daumier wie kaum einen anderen Berufsstand regelmäßig kritisch unter die Lupe nahm.

 Pablo Picasso Museum Muenster / Privatsammlung Tony Cragg "Eichelhäher - Skulptur" © Pablo Picasso Museum

Pablo Picasso Museum Muenster /  Privatsammlung Tony Cragg „Eichelhäher – Skulptur“ © Pablo Picasso Museum

Beide Ausstellungen lassen sich auf verschiedenste Weise auf einander beziehen. Offensichtlich haben die exotischen Figuren und die karikierten Personen Daumiers ganz ähnliche Proportionen, überdimensionierte Köpfe bei reduziertem Körper. Doch ist ihre Funktion völlig gegensätzlich. Beschwören die einen konservativ den traditionellen Kultus, haben die anderen nichts weniger im Sinn als dies. Beide sehenswerte Ausstellungen zusammen stellen die Besucher vor die aktuelle Frage, wo sie heute zwischen Daumiers aufklärerischem Entlarven und dem kultischen Anspruch von Gewissheiten stehen. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt der Raum mit den Arbeiten der in Deutschland lebenden Künstler ein vertieftes Interesse, formulieren sie doch eine aktuell mögliche Position zwischen Kultus und Kritik.

Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10.00 – 18.00 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen finden Samstag, Sonntag und an Feiertagen um 15.00 Uhr und 16:30 Uhr statt.

Der Eintritt beträgt 10 €, ermäßigt 8 €, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre 4 €. Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt.

Kontakt: www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

—| ioco-art Kunstmuseum Pablo Picasso Münster |—

Münster, Westfälisches Landesmuseum, Bauhaus – Als die Bilder tanzen lernten, IOCO Kritik, 27.11.2018

November 28, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, ioco-art, Museen Münster

 Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene. © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster

Westfälisches Landesmuseum feiert – 100 Jahre Bauhaus

– Als die Bilder tanzen lernten –

Von Hanns Butterhof

Bauhaus, das sind weiße kubische Häuser, funktionale Möbel und schickes Design. Dass das nicht alles ist, sondern dass Bauhaus ein interdisziplinäres Labor für Licht- und Bewegungs-Experimente war und auch in diesem Sinne heute noch weiter wirkt, lässt die Ausstellung Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung im Westfälischen Landesmuseum Münster eindrucksvoll sinnfällig werden.

Die Ausstellung kommt etwas früh, entstand doch das Staatliche Bauhaus in Weimar erst am 12. April 1919 mit Walter Gropius (1883 – 1969) als erstem Direktor und Namensgeber der Schule. Unter politischem Druck zog es 1925 nach Dessau um, wo die NSDAP nach gewonnener Gemeindewahl 1932 seine Schließung durchsetzte. Im gleichen Jahr wurde das Bauhaus als private Einrichtung nach Berlin verlegt, aber schon 1933 endgültig zur Selbstauflösung gezwungen.

In sechs Räumen im zweiten Stock des Museums ermöglicht die Ausstellung nun mit 150 Objekten von 50 Künstlern einen umfassenden Blick auf die wechselseitigen Beziehungen der nach Amerika emigrierten Bauhäusler zu amerikanischen Künstlern. Der formale Schwerpunkt liegt auf den Licht- und Bewegungs-Experimenten. Die ergaben sich aus dem programmatischen Anspruch des Bauhauses, die herkömmlichen Gattungsgrenzen zwischen der bildenden, der angewandten und der darstellenden Kunst zu sprengen. Damit öffnete sich der Weg für Licht- und kinetische Kunst, für den Experimental-Film wie auch für Tanz und Performance mit unübersehbaren Wirkungen bis ins Heute.

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus hier Marcel Dzama und Merry go round © Hanns Butterhof

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus hier Marcel Dzama und Merry go round #2 © Hanns Butterhof

Ein Beleg für diese fortdauernde Wirkung empfängt die Besucher bereits beim Eintritt in die Ausstellung. Den ersten Raum beherrscht leise klappernd ein Karussell mit bunten Blechfiguren, das wie eine Kombination von Blechspielzeug und Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge anmutet. Dieses von Marcel Dzama 2018 geschaffene Werk Merry go round #2 (Foto) ist kein unmittelbares Bauhaus-Produkt, bezieht sich aber direkt auf Entwurfszeichnungen für Figuren von Oskar Schlemmer (1888 – 1943) zum Ballett Spielzeug von 1928 und von Wassily Kandinsky (1866 – 1944) für Szenen zu dem Klavierstück Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski (1839 – 1881), die im gleichen Raum zu sehen sind. Als charakteristisch erweisen sich die geometrischen Formen und damit die Entindividualisierung sowie das Spiel mit den je nach Beleuchtung wechselnden Farben. Die Lust, statt Bilder anderes zu gestalten, ist unübersehbar.

Andor Weininger (1899 – 1986) trieb diese Gedanken weiter und entwarf eine mechanische Bühnenrevue, in der die menschlichen Akteure ganz durch mechanisch bewegte Farbflächen ersetzt wurden. Die theoretische Voraussetzung dafür war die Annahme, dass das Zusammenspiel von Bewegung, Licht, Farbe, Form und Ton auf die Zuschauer ohne jedes spezielle Vorwissen wirken würde – und um die ging es ja unmittelbar nach dem Zusammenbruch der feudalen, auch ästhetischen Vorherrschaft.

UNKNOWN TERRITORIES – Tanz-Theater am Theater Münster mit den Grundintentionen des Baushaus – IOCO-Bericht HIER!

Von daher ist es nur ein kleiner Schritt zu einer das klassische Ballett ablösenden Tanz-Kunst, die im zweiten Raum der Ausstellung mit Schwarzweiß-Fotografien und Videos dokumentiert wird. Auch hier ist die Tendenz deutlich, den Tanz zu entindividualisieren und die Wahrnehmung vom Tänzer weg auf die Bewegung in Licht und Raum zu lenken. Am Black Mountain College in North Carolina, an dem der 1933 nach Amerika emigrierte Bauhäusler Josef Albers (1888 – 1976) das Programm der künstlerischen Ausbildung verantwortete, setzte vor allem Xanti Schawinsky (1904 – 1979) die Bühnenarbeit des Bauhauses fort. Er inspirierte Merce Cunningham (1919 – 2009) und Robert Rauschenberg (1925 – 2008), die mit dem experimentellen Komponisten John Cage (1912 – 1992) dem Tanz wesentliche Impulse zur Entwicklung der Performance gaben; in ihr wird auf die Wiedergabe einer Erzählung verzichtet und stattdessen auf vorgefundene Materialien und Alltagsgegenstände in der Umwelt reagiert. Auf fünf Monitoren kreiseln nun abstrakte kubische Figuren, führen Taxis ein Ballett auf und kontrastieren Musik-Tanz-Collagen von Merce Cunningham und John Cage mit der ernsthaft konventionellen Präsentation durch den Fernseh-Ansager.

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus - hier : Robert Rauschenberg / Susan Weil: Blueprint © Hanns Butterhof

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus – hier : Robert Rauschenberg / Susan Weil: Blueprint © Hanns Butterhof

Auf verschiedene Weisen zeigt sich so die allgemeine Tendenz des Bauhauses, sich auf möglichst keine traditionellen Bildungs-Inhalte einzulassen und voraussetzungslose ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen. Ideal erwies sich dazu das populäre Medium Film, in dem etwa Walter Ruttmann (1887 – 1941) und Viking Eggeling (1888 – 1976) abstrakte Linien und Formen in Bewegung setzten. Völlig mechanisch arbeitet das in einem eigenen Raum aufgestellte Prunkstück der Ausstellung, der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy (1895 – 1946). Die automatisierte Skulptur dreht sich, von einem Motor bewegt, um sich selbst und wirft bewegte Licht- und Schattenprojektionen ihrer Einzelteile an die Wand; Licht und Bewegung werden zum alleinigen, etwas merkwürdig selbstgenügsamen Inhalt.

Ähnlich, aber in der Verwendung von Motiven aus Bildern von Paul Klee (1879 -1940) populärer, sind Farbenlichtspiele von Ludwig Hirschfeld-Mack (1893 – 1965), für deren Projektionen auf die Leinwand eine erstaunlich detaillierte Reihe von Partituren zu sehen ist.

Die Beschäftigung mit der experimentellen Fotografie und dem absoluten, abstrakten Film, denen weitere Räume gewidmet sind, dürfte für die Produzenten interessanter als das Resultat für die Betrachter gewesen sein. So zeigt der Film von Oskar Fischinger (1900 – 1967) Komposition in Blau das Ballett ein- und mehrfarbiger Klötzchen, Platten und Kugeln zu einer erstaunlich unmodernen Operettenmusik.

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus - hier : Der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy © President and Fellows of Harvard College

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus – hier : Der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy © President and Fellows of Harvard College

Ein Raum ist Josef Albers und seiner Wirkung auf die Op-Art gewidmet. Die ausgestellten Werke sind meist stark leuchtende, geometrische Figuren, die zu flimmern und sich kaleidoskopisch zu bewegen scheinen. Was sich hier noch meistens im Rahmen hält, entgrenzt sich im Folgeraum. Da modellieren Hannes Beckmann (1909 – 1977) oder Lillian Florsheim (1896 – 1988) feinstofflich mit Licht wie es Bildhauer handfester mit Ton tun. Die Bilder tanzen schließlich selbst aus dem Rahmen.

Die Ausstellung feiert das Bauhaus, und das ist für eine Jubiläumsausstellung nicht ungewöhnlich. Doch hätte der wissenschaftlich aufwendige, sorgfältig die Schwerpunkte beschreibende Katalog die Grundannahmen der Bauhaustheorie auch kritisch befragen können, statt sie nur billigend hinzunehmen. Welchen Gewinn hat die Entgrenzung der künstlerischen Gattungen erbracht und wie wäre er messbar? Welchen Beitrag hat das Bauhaus zu dem geleistet, was als Unwirtlichkeit unserer Städte beschrieben wird? Und wie steht es mit dem Anspruch, ein nicht ästhetisch vorgebildetes Publikum unmittelbar anzusprechen, angesichts der breiten Kluft zwischen einer Elite der Vor- und den Nicht-Vorgebildeten?

Dass das Bauhaus auch heute noch seine Fruchtbarkeit entfaltet, zeigt eine durch das Landesmuseum angeregte Tanzaufführung im Theater Münster. Dort hat Hans Henning Paar, der das TanzTheaterMünster leitet, in seinem Stück Unknown Territories vor allem der Maxime des Bauhauses Rechnung getragen, die herkömmlichen Gattungsgrenzen der Kunst zu sprengen. Der Sprache, dem Bühnenbild mit Videoeinspielungen und Sound räumt er nahezu gleichen Rang wie dem Tanz seines 12-köpfigen Ensembles ein. Paar bezieht sich zudem auf die Bauhaus-Tendenz, den Tanz zu entindividualisieren und die Wahrnehmung vom Tänzer weg auf die Bewegung in Licht und Raum zu lenken.

In kleinerem Rahmen führen die Choreographen Matthias Markstein und Isaak Spencer die eigens zur Ausstellung entworfene Tanzperformance MESH an acht Terminen im Foyer des Landesmuseums auf.

Der Katalog zur Ausstellung (deutsch oder englisch) ist im Kerber Verlag Bielefeld erschienen. Die Museumsausgabe kostet 27 €.

Die Ausstellung Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung endet am 10.3.2019 im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz 10, 48143 Münster. Weitere Informationen unter www.bauhaus-amerika.de

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Mitteilung des LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, 28.11.2019:  Aufgrund der großen Nachfrage werden ab sofort mehr öffentliche Kunstgespräche in der Ausstellung Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung (bis 10.3.2019) angeboten. Von Donnerstag bis Sonntag können Kunstinteressierte nun zwischen verschiedenen Angeboten wählen.

„Wir kommen den Wünschen der Besucherinnen und Besuchern sehr gern nach“, äußert sich Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold und betont: „Gemeinsam sieht man einfach mehr.“ Deshalb bietet das Museum samstags ab 16 Uhr und sonntags ab 11 Uhr auch kurze Spotlight-Rundgänge zur Bauhausbühne, zur Lichtkunst und zu den Fotoexperimenten an. Zudem gibt es regelmäßig einstündige Überblicke über das experimentelle Schaffen von den über 50 Künstlerinnen und Künstlern, zu denen Josef und Anni Albers, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Xanti Schawinsky und László Moholy-Nagy zählen. Die einstündigen Rundgänge finden donnerstags um 16.30 Uhr, freitags um 16.00 und um 17.00 Uhr sowie samstags und sonntags um 14.00 und um 15.15 Uhr statt. Die Teilnahme ist mit einer gültigen Eintrittskarte kostenfrei. Die Teilnahmetickets sind 30 Minuten vor Beginn der Veranstaltung an der Museumskasse erhältlich.

Kinder von sechs bis zehn Jahren können darüber hinaus beim Bildschönen Samstag einen kreativen Zugang zum Bauhaus entdecken. Neben dem Ausstellungsbesuch steht hier die eigene künstlerische Praxis im Atelier im Fokus. Hier geht es beispielsweise um die bewegte Bühne, das Schwarzlichttheater oder analoge Fotoverfahren. Die Inhalte wechseln wöchentlich. Eine Anmeldung im Besucherservice ist immer bis zum vorherigen Freitag um 12 Uhr möglich.

Alle Themen und Zeiten sind unter http://www.bauhaus-amerika.de aufgeführt. Für telefonische Fragen steht der Besucherservice unter Telefon 0251 5907-201 zur Verfügung.

—| IOCO Kritik Landesmuseum Münster |—

Münster, „Skulptur Projekte 2017“ – Kunst-Hochsommer in Westfalen, IOCO Aktuell, 13.06.2017

Juni 14, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, ioco-art, Museen Münster

Münster / Skulptur Projekte 2017 - Künftige Ikone: „On Water“ von Ayse Erkmen © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – Künftige Ikone: „On Water“ von Ayse Erkmen © Hanns Butterhof

Skulptur Projekte 2017

Der Kunst-Hochsommer in Westfalen

 „Skulptur Projekte 2017“ in Münster –  Eine entspannte Schau

Von Hanns Butterhof

Am Turm der Stadtkirche St. Ludgeri in Münster hängen in luftiger Höhe drei Eisenkäfige. In ihnen wurden 1535 die Leichen der Anführer der Wiedertäufer ausgestellt, die in der westfälischen Stadt ihr neues, am Ende terroristisches Jerusalem errichten wollten. Seitdem, heißt es, ducken sich die Münsteraner im Schatten der Käfige unter dem restaurierten Katholizismus. Doch wenn man von der Kasseler documenta 14 zu den Münsteraner Skulptur Projekten 2017 kommt, atmet man frei durch, geht in eine liberale, für Auseinandersetzung eher als für Bekundungen der richtigen Gesinnung offene Welt über.

Münster / Skulptur Projekte 2017 - Kaspar Koenig © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – Kaspar Koenig © Hanns Butterhof

Seit 1977 gibt es die Skulptur Projekte in Münster, die sich zu einer festen Größe im Kultur-Tourismus entwickelt haben: Für 2017 werden 600.000 Besucher erwartet. Sie sind, wie ihr Kurator Kaspar König bei der Eröffnungs-Konferenz betont, eine Idee Klaus Bussmanns, der damals das Westfälische Landesmuseum leitete und die Skulptur Projekte bis 1997 mit König zusammen verantwortete. Seit ihrem Beginn geht es im westfälischen Zehnjahres-Rhythmus um ein kritisches Verhältnis von zeitgenössischer Kunst und Öffentlichkeit, gebunden an die Auseinandersetzung mit dem konkret umgebenden Raum. Wie König betont, ist es dieses Konzept und seine absolute Autonomie, um deren Verteidigung willen er als 73-Jähriger die Skulptur Projekte 2017 noch einmal kuratiert, diesmal mit Britta Peters und Marianne Wagner. Es ist dieses Konzept, das die Ausstellung so entspannt wirken lässt, weil alle, auch die politische Kritik der Künstler*innen immer über die Bande des öffentlichen Raums gespielt werden muss. Das bremst plakativen Dogmatismus ebenso wie hohle Beliebigkeit weitgehend aus.

Die Skulptur Projekte 2017 sind recht überschaubar. 35 Künstler*innen positionieren an verschiedenen Orten im engeren oder weiteren Stadtgebiet ihre Werke oder Performances; etwa ein Drittel der Arbeiten sind dem eher performativen Bereich zuzurechnen.

Münster / Skulptur Projekte 2017 - _Leaking Territories © Hanns Butterhof

Münster / Skulptur Projekte 2017 – _Leaking Territories © Hanns Butterhof

Ein prägnantes Beispiel ist die zweistündige Performance „Leaking Territories“ von Alexandra Pirici. Sie findet im Friedenssaal im Rathaus statt, Münsters historisch und politisch am stärksten aufgeladenem Raum; hier wurde 1648 der Westfälische Frieden geschlossen, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Sechs Performer*innen vergewissern sich singend und tanzend immer ihres Hierseins, ehe sie meist katastrophale Stationen der Geschichte in nahe oder distanzierte Beziehung zu den Betrachtern setzen. Für manche historische Szene posieren sie stumm oder formen sie nach wie den Zeitlupengang Armstrongs beim ersten Gang eines Menschen auf dem Mond. Der getäfelte Saal mit seinen würdigen Patrizierbildern, der Friedensaura und dem Kreuz ist der beständig irritierende Bezugspunkt.

Dem klassischen Skulpturbegriff näher sind Arbeiten wie die von Peles Empire. Das Werkstück der beiden Künstlerinnen Barbara Wolf und Kathrina Stöver steht in direkter Nähe zur Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg nahezu völlig zerstört und dann mit historisierenden Fassaden wieder aufgebaut wurde. Es besteht aus einem hohen Giebel, der die Durchschnittslinie der Altstadt-Giebel aufnimmt. Auf der Fassade ist wie mit Schwarz-Weiß-Kopien die marode Terrasse des Münsterschen Schlosses mit den Stützen zu sehen, die verhindern, dass diese Terrasse einstürzt. Zudem ist die Skulptur hohl, innen begehbar, und stellt mit ihren Verweisen sehr pointiert eine steile These zu Münsters vielleicht zu betulichem Umgang mit seinem architektonischen Erbe auf.

Ein weiterer Schwerpunkt der Skulptur Projekte 2017 sind Fragen an die zunehmende Digitalisierung, Globalisierung und die Rolle der Ökonomie. So zeigt Hito Steyerl in der ehemaligen Westdeutschen Landesbank, für deren Bau 1970 der Zoo weichen musste, die Arbeit „HellYeahWeFuckDie“. Der Titel ist aus den Wörtern gebildet, die in den englischen Musikcharts der letzten Dekade am häufigsten vorkamen und unsere Zeit treffend charakterisieren sollen. Sie leiten ihre Video-Sequenzen auf mehreren Monitoren ein, in denen getestet wird, wie viel Gewalt menschenähnliche Roboter und computergenerierte, Dinosauriern ähnelnden Wesen aushalten. Ein weiteres Video über die Zerstörung der kurdischen Stadt Dyarbakir fragt nach der Rolle von Ökonomie und Computer-Technologien im Krieg, punktgenau, aber kaum erschütternd, in den Räumen einer Bank.

Die Kuratoren wehren sich zwar dagegen, die Arbeiten ihrer Künstler*innen als Stadtmöblierung und die Skulptur Projekte als unterhaltsames Festival zu sehen. Aber sie können nichts gegen eine Rezeption unternehmen, die auf Freizeitgestaltung ausgerichtet ist. Der öffnet sich sperrangelweit die Arbeit On Water von Ayse Erkmen, die wohl auch den bleibendsten Eindruck dieser Skulptur Projekte hinterlassen und zur Ikone der Schau werden wird. Sie verbindet die beiden Ufer des stillgelegten Binnenhafens knapp unter der Wasseroberfläche mit einem Steg. Auf der einen Seite befindet sich ein bunt umtriebiges Szeneviertel, auf der anderen lasten graue Industrieanlagen. Wer sich auf den an Strandgang im Sommerurlaub erinnernden Weg eher durch als über das Wasser gemacht hat, dürfte sich über die Rückkehr auf die Seite der Vergnügungen freuen.

 Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 - Fahrradständer © Hanns Butterhof

Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 – Fahrradständer © Hanns Butterhof

Die Skulptur Projekte Münster verbindet ein Heißer Draht mit der Stadt Marl

Ähnlich wie sich die beiden Seiten des Münsteraner Binnenhafens widersprüchlich aufeinander beziehen, bezieht sich das saturierte Münster auf Marl, eine vom Strukturwandel arg gebeutelte Stadt im Norden des Ruhrgebiets. Das war für Kaspar König ein guter Anlass, eine Kooperation der Skulptur Projekte und des Marler Museums Glaskasten unter dem Titel „Hot Wire“ anzubahnen. Dabei versteht Georg Elben, Direktor des Glaskastens,Hot Wire“ selbstbewusst nicht als Dependance von Münster; man hat selbst einiges zu bieten und hat etwa Ludger Gerdes‘ Neon-Schriftzug „Angst“ nach Münster ausgeliehen. Im Gegenzug hat man Richard Artschwangers „Fahrradständer“- Monument aus den 1987er Skulptur Projekten erhalten und am Rathaus plaziert; dort wirkt es wie hingehörend, bestehen beide doch aus dem gleichen grauen Beton. Extra für Marl hat Thomas Schütte eine monumentale „Melonensäule“ hergestellt. Sie prunkt auf hoher Säule mit drei bunten Melonenscheiben, stellt eine geistige Verbindung zu Schüttes „Kirschensäule“ in Münster her und wird, auch das kann prognostiziert werden, die Ikone der durchaus interessanten Marler Ausstellung werden.

 Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 - Melonensäule © Hanns Butterhof

Marl / Hot Wire _ Skulptur Projekte 2017 – Melonensäule © Hanns Butterhof

Die Skulptur Projekte 2017, Münster, dauern noch bis 1.10.2017,  Geöffnet Montag bis Sonntag 10 bis 20 Uhr, Freitag 10 bis 22 Uhr; freier Eintritt. Für manche Projekte ist die Besucherzahl beschränkt.

Viele Objekte der skulptur projekte 2017 sind gut zu Fuß zu erreichen. Für die am Stadtrand gelegenen empfiehlt es sich, die Tour mit dem Fahrrad zu unternehmen.

Touren und workshops: +49 (0)251 203 182 00,  service@skulptur-projeke.de,  Online-Buchung unter www.skulptur-projekte.de,  Fahrradverleih: Online-Buchung unter: skulptur-projekte-bybike.de,  Eine Navigations-App (kostenlos für IOS und Android) zu den Werken: apps.skulptur-projekte.de.

Die Ausstellung Hot Wire im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl dauert bis 1.10.2017, Geöffnet Dienstag bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Freier Eintritt.

Ein kostenloser Bus-Shuttle von Münster nach Marl besteht jeden Sonntag während der gesamten Laufzeit der Ausstellungen. Abfahrt ist in Münster um 10 Uhr am LWL-Museum für Kunst und Kultur, Rückfahrt von Marl um 14 Uhr vom Skulpturenmuseum Glaskasten, Creiler Platz 1.

—| IOCO Aktuell Skulptur Projekte 2017 |—

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