Münster, Museum für Lackkunst, Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung, IOCO Aktuell, 04.12.2019

Dezember 3, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Ausstellungen, Museen Münster

Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst

Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung im Lackmuseum

– Männer machen Mode –

von Hanns Butterhof

Das Museum für Lackkunst ist eine der glänzendsten Perlen in der Kette der Münsterschen Museen. Das klassizistische, um die vorletzte Jahrhundertwende errichtete Stadtpalais an der Windthorststraße enthält eine weltweit einzigartige Sammlung von Lackkunst aus zwei Jahrtausenden aus Ostasien, Europa und der islamischen Welt. Unter Lackkunst sollte man sich nicht etwas derart Unspektakuläres wie lackierte Kotflügel vorstellen, wie es die 2015 nicht unproblematisch von dem Künstler Christian Ring angeregte Rot-Lackierung der Freitreppe zum Haupteingang des Museums nahelegt. Vielmehr besteht die Sammlung aus äußerst kunstvoll mit Lack überzogenen Gegenständen, die vom mächtigen Schreibsekretär, den eine Landschaft mit Blumen und Vögeln ziert,  bis zur kleinen Schnupftabakdose mit Schwarzlack reichen.

Über 100 bewundernswerte  „Inro“ im Museum für Lackkunst Münster

Der Grundstock des Museums stammt aus dem ehemaligen Kölner Herbig-Haarhaus-Lackmuseum, das 1968 mit der Übernahme der Lackfabrik Herbig-Haarhaus in den Besitz der BASF überging; 1982 wurde als wertvolle Ergänzung die Lackkunst-Sammlung aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Herberts dazugekauft. Die nun mehr als 2000 Objekte fanden 1993 im Gebäude an der Windthorststraße 26 mit einer Bücherei von über 4500 Büchern zur Lackkunst ihr Zuhause. Träger des Museums ist der Unternehmensbereich Coastings der BASF in Münster.

Museum für Lackkunst Münster / Inro - Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Museum für Lackkunst Münster / Inro – Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Die aktuelle Ausstellung Männer machen Mode. Inro aus der Sammlung des Museums für Lackkunst, zeigt über 100 Stapelkästchen mit bewundernswerter Lack-Kunst aus Japan.

In sechs Räumen seines Untergeschosses  zeigt das Museum für Lackkunst 108 Inro, meist handygroße lackierte Behältnisse, in denen der bessergestellte japanische Mann voriger Jahrhunderte sein persönliches Siegel und gegebenenfalls Arzneimittel bei sich trug. Es sind Stapelkästchen mit einer unterschiedlichen Zahl von  Fächern, die eine Schnur seitlich miteinander verbindet. Ein kleiner Schieber strafft die Schnur und verhindert so, dass sich das Inro ungewollt öffnet. Ein Knebel an ihrem Ende, das phantasievoll geschnitzte netsuke, liegt oberhalb des Kimono-Gürtels auf, wirkt als Gegengewicht zum Inro und hindert es am Herunterrutschten.

Das Inro war aus der Not geboren, da der traditionelle Kimono keine Taschen hatte, um die Gegenstände des täglichen Gebrauchs zur Hand zu haben. Aus der Not machten die Männer rasch eine modische Tugend, und zwischen dem 16. bis 19. Jahrhundert avancierte das Inro, gut sichtbar am Gürtel des Kimonos getragen, in den gehobenen Kreisen zum Statussymbol.

Möglich wurde das durch ein symbiotisches Zusammenspiel von Kunden und Künstlern. Das Inro bot darauf spezialisierten Künstlern und Werkstätten Gelegenheit, auf seiner kleinen Oberfläche ihr ganzes Können zu zeigen. Die mit großer Virtuosität eingesetzten komplizierten Lack-Ziertechniken trieben nicht nur einen modischen Wettkampf voran. Mit der Wahl des Dekors präsentierte der Träger auch eine Art intellektueller Visitenkarte, die sein Wissen um den nationalen kulturellen Kanon zum Ausdruck brachte; kleinste Hinweise wie die Kopfbedeckung einer Frau oder der Fächer vor einem Gesicht riefen gedanklich ganze Erzählungen hervor. Die künstlerische Umsetzung dieser bekannten Geschichten, der Symbole und die Qualität der Ausführung waren Gegenstand gepflegter Gespräche.

In der Ausstellung Männer machen Mode ergreift noch heute die kulturelle Aura, die um die  Inro herrscht. Die Kunstfertigkeit der Ausführung, die Vielfalt der Motive und ihrer symbolischen Bedeutung, die inspirierende Anregung, die davon  ausgeht, ist einfach bewundernswert. In das Staunen über diesen intakten kulturellen Kosmos mischt sich leise die Trauer um seinen Verlust  wie auch den des europäischen Gedankenkreises durch die aufkommende Moderne im Beginn des 20. Jahrhunderts.

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung - Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung – Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Die Ausstellung zeigt thematisch gruppiert Inro verschiedener Größe, Materialität und Oberflächengestaltung bis hin zu Imitationen von Stein oder Metall. Sie führt zu Dynastien von Kunsthandwerkern und einzelnen Meistern wie Koma Yasutada (+ 1715), die ihre Werke sogar signierten. Und sie zeigt und erläutert umfassend die Bildsprache der  Inro. So steht etwa die häufige Chrysantheme nicht nur für den Herbst, sie ist auch mit Unsterblichkeit und Vollkommenheit verbunden, da sie blüht, wenn die anderen Blumen schon welken; ein Inro mit diesem Motiv wurde gerne verschenkt, um damit dem Träger ein langes Leben zu wünschen. Oder ein alltägliches Gatter beschwört das ganze damals zum kulturellen Bestand gehörende „Gedicht von der Heimkehr“ des chinesischen Dichters Tao Yuanming (365 – 427) herauf. Für die Besucher ist es hilfreich, dass ein kleines Büchlein zur Ausstellung detailliert jedes einzelne Exponat erläutert.

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Die beglückende Ausstellung Männer machen Mode im Museum für Lackkunst Münster dauert noch bis 2. Februar 2020.

Ein reich bebilderter, 232 Seiten starker englischsprachiger Katalog, Japan in miniature, kostet an der Museumskasse 29.00 €.

Öffnungszeiten: Dienstags 12.00 – 20.00 Uhr, Mitttwochs bis Sonntags, sowie an gesetzlichen Feiertagen 12.00 – 18.00 Uhr.

Eintrittspreis: 3,00 €, darin ist die Sonderausstellung enthalten. Dienstags freier Eintritt, der auch den Zutritt zur Sonderausstellung einschließt. Eine Führung durch die Sonderausstellung wird dienstags um 17.30 Uhr zum Preis von 5,00 € angeboten.

—| IOCO Kritik Museum für Lackkunst Münster |—

Münster, LWL-Museum Kunst und Kultur, Turner – Horror and Delight, IOCO Aktuell, 08.11.2019

November 7, 2019  
Veröffentlicht unter ioco-art, Museen Münster

 Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene. © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster

William Turner-Ausstellung – Landesmuseum Münster

Turner – Horror and Delight  – Farbenpracht und Atmosphäre

von Hanns Butterhof

 William Turner (1775 – 1851) gilt als der bedeutendste britische Landschaftsmaler. Ihm widmet das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster die eindrucksvolle Ausstellung „Turner – Horror and Delight“. In 6 Sälen sind 75 seiner Werke aus dem riesigen Fundus der Londoner Tate zu sehen, in der Hauptsache Aquarelle und Ölgemälde. Kuratorin Judith Claus präsentiert sie aufschlussreich unter thematischen und biographischen Gesichtspunkten, so dass Turners Entwicklung auch im Vergleich mit 30 Leihgaben zu themengleichen Werken von Vorläufern und Zeitgenossen von seinen Anfängen bis zum Spätwerk verfolgt werden kann.

Turner, mit vollem Namen Joseph Mallord William Turner, hat in den 60 Jahren seines künstlerischen Schaffens ein ungeheures Werk hervorgebracht. Die Tate hütet etwa 1.600 Gemälde und 20.000 Aquarelle. In 280 Skizzenbüchern hielt Turner die flüchtigen Eindrücke in der Natur fest, die er dann in seinem Atelier auch aquarellistisch detailliert ausführte; Freilichtmalerei war noch nicht Mode. Schon als 14-Jähriger wurde Turner als frühreifes Wunderkind Stipendiat der Royal Academy in London, mit 32 erhielt er dort eine Professur für Perspektive. Das ist insofern bemerkenswert, als in dem Werk, dem er heute seine Berühmtheit verdankt, die Form zugunsten der Farbe, den Gegenstand zugunsten der Atmosphäre zurücktritt.

William Turner Ausstellung Münster / hier Fischer auf See von Wiolliam Turner © Tate 2019

William Turner Ausstellung LWL – Münster / hier Fischer auf See von Wiolliam Turner © Tate 2019

Die Auflösung der Form lag in Turners Anfängen so wenig im Trend wie seine entschiedene Hinwendung zur Landschaftsmalerei, die als untergeordnete Kunstgattung und eher tauglich als Hintergrund für die hochgeschätzte Historienmalerei galt. An Claude Lorrain (1600 – 1682) und dessen lichtdurchfluteten Landschaften fand Turner einen Leitstern, an dem er sich zeitlebens orientierte und maß; testamentarisch verfügte er, dass 2 seiner Gemälde in die Sammlung der National Gallery übergehen und dort neben 2 Werken Lorrains ausgestellt werden sollten – ein schönes Zeugnis von tiefer Verehrung und hohem Selbstbewusstsein gleichermaßen.

Bis das Publikum der Ausstellung auf das titelgebende Horror and Delight eingestimmt wird,  findet es im ersten Saal der Ausstellung die recht akademisch gemalten Anfänge Turners und seiner Zeitgenossen, etwa seinem Lehrer Philippe Jacques Loutherbourg (1740 – 1812), der mit dem „Schiffswrack“ von 1793 vertreten ist. Als Blickfang prangt hier Turners erstes Ölgemälde „Fischer auf See“ von 1796, ein düsteres Nachtbild, auf dem Fischerboote bei fahlem Mondlicht mit der unruhigen See kämpfen.

Was Horror and Delight meint – der englische Titel der Ausstellung ist wohl dem Umstand geschuldet, dass sie, von Luzern kommend, nach Münster über Nashville nach Quebec weiterwandern wird – könnten im zweiten Saal zwei Bilder durch ihre Hängung an einer Stellwand verdeutlichen. Den Blick fesselt zunächst Turners gegen 1810 entstandenes Gemälde „Abgang einer Lawine in Graubünden“, als wäre es programmatisch für den Schrecken zuständig. In seinem Vordergrund wird eine winzige Holzhütte von riesigem Lawinenmaterial zerschmettert, während im Mittelgrund die Schneemassen eines Bergmassivs sich mit dem unwetterlich düsteren Himmel verbinden. Auf der Rückseite der Stellwand dagegen findet sich als absoluter Kontrast Turners um 1840 gemalter „Sonnenuntergang über einem See“, ein nahezu gegenstandslos lichtes Farbenspiel in Gelb- und Rottönen, als wäre es beispielhaft für das ersprießliche Ergötzen, für das Turners Werk gängigerweise steht.

LWL Münster / William Turmer Ausstellung © Tate 2019

LWL Münster / William Turmer Ausstellung © Tate 2019

Die tiefere Bedeutung des  Begriffpaars Schrecken und ersprießliches Ergötzen weist auf den Begriff des „Erhabenen“ in der Ästhetik des englischen Philosophen Edmund Burke (1729 – 1797) hin. Er beschreibt einen Naturgegenstand, der so gewaltig ist, dass der Mensch seiner Macht nichts entgegensetzen kann. Im Kunstwerk ist sein Schrecken umso anziehender und ergötzlicher, je furchteinflößender er ist und je mehr sich der Betrachter in Sicherheit weiß. Diese Idee der Erhabenheit liegt vielen Bildern Turners zugrunde und mag ihn an den Alpen mit ihren engen Schluchten und zerklüfteten Bergen immer wieder gereizt haben wie die anderen gezeigten Attraktionen der Schweiz; mehrfach aquarelliert Turner die Rigi, den Luzerner Hausberg über dem Vierwaldstättersee, zu verschiedenen Tageszeiten und Stimmungen und studiert dabei hauptsächlich die veränderliche Atmosphäre.

In einem weiteren Saal bricht dann das Licht Italiens aus Turners Bildern. Bis auf das 1840 sehr  gegenständlich gemalte Bild „Venedig, Die Seufzerbrücke“, das an den großartigen Postkartenstil des italienischen Malers Canaletto (1697 – 1768) erinnert, zeigen die Venedig-Aquarelle viel morgend- und abendliche Atmosphäre. Die Kirche Maria della Salute am Canale Grande löst sich auf dem Gemälde von 1844 nahezu in Licht und Dunst auf. In Rom lässt der reisefreudige Turner nicht nur den Konstantinbogen oder Tivoli in Farbigkeit aufgehen, sondern entwirft auch ideale Landschaften im Stil seines Vorbilds Lorrain wie die um 1828 entstandene „Südliche Landschaft mit Aquädukt und Wasserfall“.

Wie beliebt Seestücke zu Turners Zeit waren, zeigt ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung. Von den akademisch gemalten Schiffbrüchen seiner Vorläufer wie Willem van de Velde d.J. (1633 – 1707) oder Zeitgenossen wie Francis Danby (1793 – 1861) heben sich Turners nahezu abstrakte Aquarelle deutlich ab. Der zwischen 1827 und 1843 entstandene „Strand von Brighton“ oder die um 1838 entstandene Studie „Dampfer und Feuerschiff“ sind fast pures Licht, während der 1842 gemalte „Schneesturm“ ein Dampfboot nur ahnen lässt, das in einem Wirbel von Schnee und  aufgepeitschten Wellen um die Einfahrt in einen Hafen ringt. Das Gemälde zieht den Betrachter gewaltig wie durch einem Strudel in sich hinein und vermittelt rein atmosphärisch mit dem Erhabenen des Geschehens sowohl dessen Schrecknis wie auch das erleichterte Ergötzen dabei, sich selber nicht an Bord zu befinden und alles aus sicherer Position betrachten zu können.

Wie deutlich Turner ein Vorläufer unserer Moderne ist, zeigt ein dem Spätwerk gewidmeter Raum. Er enthält im wesentlichen lichte, abstrakte Seestücke in suggestiver Farbgebung aus dem Nachlass, bei denen nicht eindeutig geklärt ist, ob sie nicht bloß unvollendet sind. Die einzige Ausnahme macht das düstere, 1842 entstandene Bild „Friede – Seebestattung“, mit dem Turner seinem verstorbenen Freund David Wilkie mit einem tiefschwarzen Segelschiff vor kaltem, graublauem Himmel ein Denkmal setzte.

 William Turner Ausstellung - LWL Münster / hier William Turner: Dampfer und Feuerschiff © Hanns Butterhof

William Turner Ausstellung – LWL Münster / hier William Turner: Dampfer und Feuerschiff © Hanns Butterhof

Der letzte Raum der Ausstellung gilt Visionen von Untergang und Auferstehung. Hier misst sich Turners Sintflut von 1805 mit dem selben 1834 von John Martin (1789 – 1854) eindrucksvoll gemalten Motiv. An Turners Bild zeigt sich, dass die Darstellung von Menschen nicht seine starke Seite ist. Im Vordergrund wirken sie wie steife Staffage zum bewegten Naturgeschehen, das sich hinter ihnen dramatisch abspielt. Jahre später, 1843, findet Turner dann mit den beiden Gemälden „Schatten und Dunkelheit – Der Abend der Sintflut“ sowie „Licht und Farbe (Goethes Farbenlehre) – Der Morgen nach der Sintflut“ dazu einen eigenständigeren Ausdruck. Hier geht es nicht mehr um den Schrecken für die Menschen, sondern der abstrakte Farbenwirbel  enthält das optimistisch aufgeklärte und wohl noch heute gültige Versprechen, dass selbst nach Katastrophen, an denen auch Turners Zeit nicht arm war, das Leben weitergeht.

Die von Judith Claus in Kooperation mit der Tate London klug kuratierte Ausstellung im Münsteraner Landesmuseum ist atmosphärisch dicht und farbenprächtig. Sie zeigt aspektreich William Turner in seiner Entwicklung und kann kaum anders, als mit ihrer relativ kurzen Laufzeit von nicht ganz drei Monaten ein Publikumsmagnet zu werden.

Mit einem Digitorial ® bietet das Landesmuseum die Möglichkeit, sich auf den Ausstellungsbesuch vorzubereiten und multimedial die Welt Turners zu erkunden: www.turner2019.de   Die Ausstellung Turner – Horror and Delight dauert vom 8.11.2019 bis 26.1.2020.

Öffnungszeiten:  Wegen der erwarteten großen Nachfrage öffnet das Museum Dienstag bis Donnerstag von 9.00 bis 18.00 Uhr, Freitag bis Sonntag von 10.00 bis 20.00 Uhr, am 2. Freitag im Monat bis 24.00 Uhr.

Besucherservice:  0251 5907 201 oder besucherbuero@lwl.org,  Eintritt: 13,00 €, ermäßigt 6,50 €. Am 2. Freitag im Monat ab 18.00 Uhr frei.

Der im Sandstein Verlag erschienene, 264 Seiten starke, ausführlich bebilderte Katalog zur Ausstellung kostet im Museumsladen 27,00 €, im Buchhandel 39.80 €.

—| IOCO Kritik Landesmuseum Münster |—

Münster, Picasso Museum, „Im Rausch der Farben“ – Ausstellung, IOCO Aktuell, 16.10.2019

Oktober 15, 2019  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, Museen Münster

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

„Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“

  Französische Moderne  –  Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

von Hanns Butterhof

Dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster ist wieder ein Glücksgriff gelungen. In seiner Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ zeigt es sehenswert über sechzig Meisterwerke aus dem Musée d’Art moderne de Troyes, die bisher außerhalb ihres Stammhauses nur in Seoul zu sehen waren. Aus eigenen Beständen würdigt es den Namensgeber mit der Sonderausstellung „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“.

Die Ausstellung positioniert sich gleich zu Anfang mit einem kurzen schwarz-weiß-Film auf der Gewinnerseite der Kunstgeschichte. Der Reihe nach präsentieren sich die Künstler der „Fauves“, die Wilden, mit einschlägigen Kunst-Parolen, um dann in Boxkämpfen ihren Gegnern punktgenau den knock out zu versetzen. Warum sich die Fauves als Sieger im Kampf gegen die akademische und Salon-Malerei fühlen durften, zeigt die Ausstellung dann mit ihrem Farbrausch eindringlich.

 Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben - hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben – hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Werke entstammen dem Teil der Sammlung, die das Textilindustriellen-Paar Denise und Pierre Lévy dem französischen Staat für das  Musée d’Art moderne von Troyes, der Stadt in der Champagne, vermacht haben. Freund und künstlerischer Anreger der Lévys war André Derain (1880 – 1954), deren „Hausgott“, wie ihn der Direktor des Picasso-Museums, Dr. Markus Müller, im Gespräch nennt. Derain hatte mit seinen Künstlerfreunden um Henri Matisse (1869 – 1954) auf dem Pariser Salon d’Automne 1905 den Skandalerfolg gefeiert, der die lose Maler-Gruppe als „Les Fauves“ etablierte.

Entsprechend bildet Derain einen Schwerpunkt der mit Gemälden, Grafiken und Skulpturen bestens bestückten Ausstellung. Einen besonderen Blickfang im großen Ausstellungsraum bildet sein an Monet erinnerndes Gemälde „Big Ben“, und sein „Hafen von Collioure“ trägt deutliche Spuren seines Zusammenseins mit Matisse 1904 in der katalonischen Hafenstadt nahe der Kapitale Perpignan. Von der Erfindung ihrer völlig neue Bildsprache aus dem Licht Südfrankreichs spricht auch Chaim Soutinés (1893 – 1943) „Das Kapuzinerkloster von Céret“, das auf ein unweit von Collioure gelegenes Städtchen verweist, dessen Musée d’art moderne Céret noch viele Zeugnisse aus der frühen französischen Moderne und eine Vielzahl von Keramiken Pablo Picassos mit Stierkampfszenen besitzt.

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben - hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben – hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Der Ausstellung im westfälisch verregneten Münster eignet ein Hauch von Leichtigkeit, als atme sie die helle Luft des französischen Südens, und vermittelt jenseits von systematischem Sammlertum etwas von den sympathisch persönlichen Neigungen der Lévys. So fallen Werke von Jean Metzinger (1883 – 1956) wie seine  sanft kubistische „Frau von vorne und im Profil“ oder von Robert Delaunay (1885 – 1941) „Die Läufer“ ins Auge, daneben von Amado Modigliani (1884 – 1020) das Portrait „Jeanne Hébuterne“, von Max Ernst (1891 – 1976) eine Landschaft, und dazwischen überrascht die nahezu fotorealistisch gemalte „Afrikanerin“ von Félix Valloton (1865 – 1925). Im Kontrast dazu steht das Portrait “Junge Kreolin“ von Paul Gauguin (1848 – 1903), und wieder anders strahlen die Pointilisten Paul Signac (1863 – 1935) mit dem lichten Aquarell „Venedig“ oder Georges Seurat (1859 – 1891) mit dem „Vorort“.

Erstaunlich sind auch Sujet-Ähnlichkeiten zu entdecken. Atelierszenen oder Blicke aus dem Fenster auf die Straße wie von Maurice Marinot (1882 – 1960) erinnern frappant an Bilder der Ausstellung „Raoul Dufy – Les Ateliers de Perpignan 1940 – 1950“,  wie sie letztes Jahr im Musée d’art moderne Hyacinthe Rigaud in Perpignan zu sehen waren. Dort läuft gegenwärtig noch die sehenswerte Ausstellung „Rodin – Maillol – face à face“ mit charakteristischen Skulpturen der beiden Bildhauer, die auch in der Ausstellung im Picasso-Museum zu sehen sind. Auguste Rodin (1840 – 1917) etwa ist mit dem stolzen Kopf „Balzac“, Aristide Maillol (1861 – 1944) mit der hübschen „Krabbenfrau“ vertreten. Weitere Skulpturen finden sich verstreut in der Ausstellung, darunter Pferde- und Frauen-Motive von Edgar Degas (1834 – 1917).

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben - hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben – hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

In der Sonderausstellung  „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“ würdigt das Picasso-Museum in der 2. Etage aus eigenen Beständen Pablo Picasso (1881 – 1973) mit Linolschnitten, Lithografien, Keramiken und Gemälden rund um das Thema Essen und Trinken. Frisch gefangener Fisch, Artischocken und Wein lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Manche Bilder vermitteln aber auch eine Ahnung von den Phantasien, die von der Lebensmittelknappheit in Frankreich zur Zeit der deutschen Besatzung angeregt wurden.

In beiden Ausstellungen kommt den Besuchern eine außerordentlich nahe Moderne entgegen, bei der erstaunen lässt, vor wie langer Zeit ihre Protagonisten gewirkt haben. Und dazu gesellt sich das Erschrecken, wie vorbei diese Epoche ist.

Die Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster läuft noch bis zum 19.1.2020.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag und Feiertage: 10.00 bis 18.00 Uhr. Freitag: 10.00 bis 20.00 Uhr.  Der ausführliche, umfassend bebilderte Katalog zur Ausstellung kostet an der Museumskasse 29,80 €, im Buchhandel 38,00 €.

—| ioco-art Kunstmuseum Pablo Picasso Münster |—

Münster, Picasso Museum, Ausstellung: Exoten und Moderne im Dialog, IOCO Aktuell, 06.02.2019

Februar 6, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, ioco-art, Museen Münster, Portraits

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Lutz Oppermann

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Lutz Oppermann

Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Kunstmuseum Pablo Picasso – Münster

Exoten und Moderne im Dialog – Ausstellung 2.2. bis  28.4. 2019

von Hanns Butterhof

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, das bis September 2010 noch Graphikmuseum Pablo Picasso Münster hieß, ist eines der Museums-Kleinodien im westfälischen Münster. Es wurde im Jahr 2000 eröffnet und beherbergt über 800 Lithografien Pablo Picassos. 1997  hatte der Lengericher Sammler Gert Huizinga, der am 9. 12. 2018 im Alter von 91 Jahren verstorben ist,  722 Lithographien in eine von den Sparkassen in Westfalen-Lippe, der Westdeutschen Landesbank Girozentrale, den Westfälischen Provinzial-Versicherungen sowie von ihm und seiner Frau gegründete Stiftung eingebracht und damit den Grundstein für das münsterische Picasso-Museum gelegt.

Das Kunstmuseum Pablo Picasso liegt am Picassoplatz 1 in der Königsstraße. Seine Ausstellungsräume befinden sich in zwei historischen Gebäuden, dem von 1784 bis 1788 erbauten Druffel’schen Hof, einem der bedeutendsten Bauten des Klassizismus‘ der Stadt, und dem benachbarten Hensenbau, die im Zuge des Umbaus zum Museum Ende der 1990er Jahre miteinander verbunden wurden.

Die Sammlung des Picasso-Museums umfasst bis auf wenige Blätter das komplette lithografische Schaffen des Spaniers, darunter Abzüge von Zwischenzuständen und Probedrucke. Thematisch spannen die Werke den Bogen von Porträts über Stillleben bis hin zu bewegten Stierkampfszenen und antiken Fabelwesen.

Das Museum verfügt darüber hinaus über einen repräsentativen Querschnitt durch das gesamte grafische Schaffen von George Braque von 1926 bis zu seinem Todesjahr 1963. Die Kollektion zeichnet sich durch eine Vielzahl von Unikaten und Künstlervorzugsdrucken aus und ähnelt in ihrem Ateliercharakter der Picasso-Lithografien-Sammlung.

Seit 2008 besitzt das Museum 137 Grafiken des Malers Marc Chagall, maßgeblich aus den 50er und 60er Jahren, seit 2015 auch eine deutschlandweit einzigartige Grafik-Sammlung mit 121  Lithografien, Linolschnitte und Radierungen von Henri Matisse als Dauerleihgabe.

Lithographie von Honoré Daumier © Pablo Picasso Museum[

Lithographie von Honoré Daumier © Pablo Picasso Museum[

Für die große Ausstellung Marc Chagall – Der wache Träumer standen die Besucher Schlange. Mehr als 58.000 Kunstinteressierte kamen seit Oktober 2018 nach Münster, um die 120 Gemälde, Zeichnungen und farbigen Grafiken des französischen Ausnahmekünstlers zu bewundern.

 Aktuelle Ausstellungen: Daumier-Karikaturen,  Exotisches und Moderne im Dialog

(Kunst) zwischen Kult und Kritik

Vom 2. Februar bis 28. April 2019 zeigt das Picasso-Museum zwei neue Ausstellungen. In den Räumen des ersten Stocks wird unter dem Titel  Ein Fest für die Augen  erstmalig die Kollektion eines ungenannt gebliebenen Münsteraner Privatsammlers präsentiert. Im zweiten Stock sind unter dem Titel Honoré Daumier Die menschliche Komödie Lithographien des französischen Meisters der Karikatur zu sehen.

Dass des Sammlers weites Herz für zeitgenössische in Deutschland lebende Künstler schlägt, zeigt   ein Raum der Ausstellung Ein Fest für die Augen mit Arbeiten von Tony Cragg, Carsten Gliese, Christoph Worringer und Milo Köpp. Doch das wahre Fest für die Augen sind 85 Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die dazu herausfordern, dem Einfluss der Volkskunst Afrikas und Asiens auf die europäische und außereuropäische Avantgarde nachzugehen. Ausdrucksstarke afrikanische Masken und Skulpturen stehen Vertretern der Moderne gegenüber, darunter auch Picasso, in dessen Werk sich deutliche Bezüge zu den vereinfachenden Geometrisierungen finden. Dabei ist durchgängig erkennbar, wie zwar die Formen der zentralafrikanischer Vorbilder übernommen wurden, nicht aber deren kultischer Gehalt.

Pablo Picasso Museum Münster / Khmer Kunst © Pablo Picasso Museum

Pablo Picasso Museum Münster / Khmer Kunst © Pablo Picasso Museum

Den markanten Schwerpunkt der Ausstellung bildet eine Gruppe von eindrucksvollen Khmer-Statuen, denen zwölf Bilder Mark Tobeys, einem Vertreter des Abstrakten Expressionismus in Amerika, gegenübergestellt sind. Während die Statuen den ganzen Raum mit nahezu sakraler Ruhe füllen,  lädt jedes einzelne der Werke Tobeys dazu ein, sich in ihm zu verlieren, wenn man sich in seine filigrane Linien- und Farbstruktur vertieft.

Wenn der Sammler mit dieser Ausstellung etwas von sich preisgibt, das nicht nur privater Natur ist, dann ist es ein Bedürfnis nach der Ruhe und Seinsgewissheit, die in den kultischen Figuren zu finden ist und die von der Moderne gesucht, aber kaum mehr gefunden wird.

Im zweiten Stock breitet sich mit etwa 100 Litographien die witzige Ausstellung  Honoré Daumier – Die menschliche Komödie aus. Mit ihr nutzt das Picasso-Museum die erste Gelegenheit, seine im Spätsommer 2018 als Schenkung erhaltene Daumier-Sammlung zu präsentieren. Eine lose Verbindung zum Picasso-Museum besteht darin, dass neben vielen Modernen wie Vincent van Gogh oder Edgar Degas auch Pablo Picasso ein großer Bewunderer und Sammler von Werken Daumiers war. Honoré Daumier beschreibt in seinen teils farbigen Grafiken überzeitliche menschliche Schwächen, die heute ebenso aktuell sind wie im 19. Jahrhundert; viele seiner Typen meint man persönlich zu kennen. Die Ausstellung zeigt Szenen zum politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen sowie Blätter aus den beliebten Serien der Bankiers, Ärzte und Juristen, die Daumier wie kaum einen anderen Berufsstand regelmäßig kritisch unter die Lupe nahm.

 Pablo Picasso Museum Muenster / Privatsammlung Tony Cragg "Eichelhäher - Skulptur" © Pablo Picasso Museum

Pablo Picasso Museum Muenster /  Privatsammlung Tony Cragg „Eichelhäher – Skulptur“ © Pablo Picasso Museum

Beide Ausstellungen lassen sich auf verschiedenste Weise auf einander beziehen. Offensichtlich haben die exotischen Figuren und die karikierten Personen Daumiers ganz ähnliche Proportionen, überdimensionierte Köpfe bei reduziertem Körper. Doch ist ihre Funktion völlig gegensätzlich. Beschwören die einen konservativ den traditionellen Kultus, haben die anderen nichts weniger im Sinn als dies. Beide sehenswerte Ausstellungen zusammen stellen die Besucher vor die aktuelle Frage, wo sie heute zwischen Daumiers aufklärerischem Entlarven und dem kultischen Anspruch von Gewissheiten stehen. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt der Raum mit den Arbeiten der in Deutschland lebenden Künstler ein vertieftes Interesse, formulieren sie doch eine aktuell mögliche Position zwischen Kultus und Kritik.

Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10.00 – 18.00 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen finden Samstag, Sonntag und an Feiertagen um 15.00 Uhr und 16:30 Uhr statt.

Der Eintritt beträgt 10 €, ermäßigt 8 €, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre 4 €. Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt.

Kontakt: www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

—| ioco-art Kunstmuseum Pablo Picasso Münster |—

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