Münster, Museum Pablo Picasso, Picasso / Miró – Eine Künstlerfreundschaft – Ausstellung, IOCO Aktuell, 20.03.2021

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Münster-Pablo Picasso

 Picasso-Museum Münster –  „Picasso / Miró – Eine Künstlerfreundschaft

– Der Titan und der Gärtner –

von Hanns Butterhof

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster ist wieder für Besucher geöffnet. Die aktuelle Ausstellung „Picasso / Miró – Eine Künstlerfreundschaft“ wird bis zum 25. April 2021 verlängert. Mit über 100 Gemälden, Skulpturen, Grafiken, Zeichnungen und Keramiken zeigt die Ausstellung auf zwei Etagen des Museums aufschlussreich den unterschiedlichen Umgang der beiden befreundeten katalanischen Künstler Pablo Picasso und Joan Miró mit der Wirklichkeit.

 La Colombe von Pablo Picasso © Hanns Butterhof

La Colombe von Pablo Picasso © Hanns Butterhof

Die einzelnen Räume der Ausstellung sind mit sinnvollen Übertiteln versehen. So weist der erste mit „Bestiarium“ auf Bilder mit Tiermotiven hin. An ihnen werden schon die Gemeinsamkeiten wie auch die Unterschiede der beiden Malerfreunde deutlich. Während Pablo Picassos Friedenstaube „La Colombe“ (Foto oben) nahezu altmeisterlich realistisch das luftig-leichte Gefieder der Taubenfigur aus dunklem Grund herausarbeitet, geht er schon beim nächsten Bild, „Le Crapaud“, von einer noch offenen Form durch realistische Zutaten wie die charakteristischen Glubschaugen der Kröte zur gegenständlichen Bestimmung über. Dabei bleibt er nicht stehen, sondern treibt im nächsten Bild, „Tête de Taureau“,  das Motiv des Stierkopfes bis zur Grenze der Abstraktion weiter.

Bei den gegenüber hängenden Mirós ist soweit von Realismus kaum eine Spur. Joan Miró arbeitet aus einem farbigen, nur durch die Stimmung charakterisierten Grund oft durch breite schwarze Pinselstriche oder Flächen die Möglichkeit heraus, sie mit Gegenständlichem zu verbinden. So bringt er auf der hellen, farbenfrohen Radierung „Village d’oiseaux“, die zwanglos viele Assoziationsmöglichkeiten bietet, am blauen oberen Bildrand zwei unscheinbare Vögelchen an, die den Wirklichkeitsbezug herstellen. Erst der Titel macht aus dem mächtigen schwarzen Fleck auf der Aquatinta „Rat des sables“ eine Sandratte und hebt das Bild so über das rein Dekorative hinaus.

Joan Miro _ Die Sandratte © Bild-Kunst Bonn

Joan Miro _ Die Sandratte © Bild-Kunst Bonn

Im Durchlaufen der Ausstellung bestätigt sich der Eindruck aus dem „Bestiarium“, dass es bei Picasso weniger um eine Entwicklung als um das unbekümmert titanische Arbeiten mit verschiedenen Optionen geht. Bei Miró hingegen bleibt das Verfahren konservativ das eines pflegsamen Gärtners, der mehr oder weniger leichthändig Wirklichkeit an einen ungegenständlichen Grund bindet.

Interessant sind dabei einige Ausnahmen, nahezu Umkehrungen von Mirós Verfahren. Im großen Saal des ersten Obergeschosses mit dem Titel „Picasso, Miró und der Surrealismus“ zeigt Mirós Lithographie „La demoiselle du téléphone“ auf fotorealistischem Grund das ältere Modell eines Wandtelefons. Dass die kräftigen abstrakten Pinselstriche davor das Telefonfräulein vor Augen rufen, ist wieder fast nur die Leistung des Titels. Bei Picasso bleiben solche Überraschungen aus, da er grundsätzlich alle Anregungen undogmatisch als Optionen wahrnimmt. Das zeigt sich wieder deutlich in seriellen Variationen wie der „Femme au fauteuil“, die in allen Gestaltungen immer ein vollendeter Picasso sind. Als Motiv einer Frau im Lehnstuhl jedoch ist es für Picasso nie vollendet gemäß seinem Ausspruch, „ein Bild zu vollenden, heißt es zu töten.“

Im zweiten Obergeschoss reizen vor allem die bei aller Phantasie realitätsprallen Lithographien Picassos zu den Themen Atelier und Bühne neben  Mirós Radierungen zur Commedia del Arte mit kaum figurativen Bildern, in denen das Schwarz dominiert. Es sind Gegensätze, wie sie sich etwa auch bei den Illustrationen Picassos zum Gedichtzyklus „Der Gesang der Toten“ von Pierre Reverdy und den Illustrationen Mirós zu „Parler seul“ von Tristan Tzara zeigen. Während sich Picasso völlig vom Text löst und nur seine Zeilenstruktur mit kräftigem roten Pinselstrich begleitet, setzt Miró zeichenhaft verkürzte Vögel, Gestirne und Figuren in Beziehung zum Text.

 Pablo Picasso _ Fussball 1961 © Bild-Kunst Bonn

Pablo Picasso _ Fußball 1961 © Bild-Kunst Bonn

Die lebenslange Freundschaft zwischen Picasso (1881 – 1973) und dem zwölf Jahre jüngeren Miró (1893 – 1983) begann 1920, als Miró, so wird erzählt, dem katalanischen Landsmann einen Kuchen von der Frau Mama nach Paris mitbrachte. Dass diese Freundschaft über die Jahre hielt, ist neben ihren gemeinsamen heimatlichen Wurzeln wohl vor allem dem Umstand zu danken, dass sie sich künstlerisch nicht ins Gehege kamen. Auch wenn Picasso in recht seltenen Fällen stilistisch an Miró erinnert, so bedient er sich auch hierbei souverän einer der ihm verfügbaren Optionen diesseits der Grenze zum Abstrakten, die beide Künstler nicht überschritten haben. So atmet Picassos farbenfrohe Lithographie „Football“ (Fußball – Foto oben) Miró-Stimmung, ist aber bei aller reduzierten Realität so unmiróisch präzise, dass man erkennt, dass es sich bei den Silhouetten der Sportler um Rugby-Spieler und nicht um Fußballer handelt, wie der deutsche Titel „Fußball“ nahelegt.

Es ist der aufschlussreiche Ausstellung „Picasso / Miró – Eine Künstlerfreundschaft“ zu wünschen, dass sie die sinnvollen Lockerungen des Lockdowns bis zum 25. April nutzen kann und für das Publikum geöffnet bleibt. Über den hier folgenden Online-Ticketshop der Webseite des Museums Pablo Picasso können vorab Zeitfenstertickets für den Ausstellungsbesuch erworben werden.

 www.kunstmusem-picasso-muenster.de

 

—| IOCO Ausstellungen |—

Münster, LWL Museum Kunst und Kultur, Passion und Leidenschaft – Ausstellung, IOCO Ausstellungen, 08.10.2020

 Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene. © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster

  Passion und Leidenschaft : Im Bann der großen Gefühle

Landesmuseum Museum Münster prunkt mit Passion und Leidenschaft in der abendländischen Kunst

von Hanns Butterhof

Münster Kunstmuseum / Ausstellung Passion und Leidenschaft - hier: Laokoon empfängt die Besucher © Hanns Butterhof

Münster Kunstmuseum / Ausstellung Passion und Leidenschaft – hier: Laokoon empfängt die Besucher © Hanns Butterhof

Das LWL – Museum für Kunst und Kultur in Münster widmet sich in seiner neuen Ausstellung Passion Leidenschaft mit zweihundert Exponaten in sechs Sälen umfassend den großen Gefühlen von Liebe und Hass bis Entsetzen und Verzweiflung.

Schon beim Betreten des ersten Saals ist der Besucher überwältigend mit einer Nachbildung der prominenten Laokoon-Gruppe konfrontiert, die in Gestalt und Mimik pure Emotion ist. Allerdings stellt sich auch sofort die Frage, ob der Titel der Ausstellung wohl passt; von Leidenschaft kann bei dem angestrengt und hoffnungslos um sein und das Leben seiner Söhne ringenden Mann nur schwer die Rede sein.

Treffender ist der Untertitel der Ausstellung, die umfassend das Versprechen einlöst, Die Kunst großer Gefühle zu zeigen, etwa Ekstase, Verzückung, Liebe, Begierde, Scham und Trauer.

Münster Kunstmuseum / Ausstellung Passion und Leidenschaft - hier : Der Schmerzensmann des Meisters IPS erzeugt Mitgefühl © Hanns Butterhof

Münster Kunstmuseum / Ausstellung Passion und Leidenschaft – hier : Der Schmerzensmann des Meisters IPS erzeugt Mitgefühl © Hanns Butterhof

Die sechs Säle repräsentieren mit internationalen Leihgaben einen zweitausendjährigen künstlerischen Umgang mit den menschlichen Gefühlen und ihrem gestischen und mimischen Ausdruck. Erstrecken sich die Zeugnisse von der Antike bis zur Gegenwart, so liegt die Keimzelle der Ausstellung im Mittelalter, bei der Passion, den Leiden Christi. In einem violett gehaltenen Saal zielen die Darstellungen des Schmerzensmannes und seiner trauernden Mutter unmittelbar auf das Mitfühlen mit den Leidenden. Nirgends sonst in der Ausstellung ist die Verbindung von Leidenschaft und Leiden so eng und wird die Anmutung an das Publikum so deutlich, selber die großen Gefühle zu empfinden.

Viel aus dem mittelalterlichen Ausdrucksrepertoire hat sich, aus dem christlichen Zusammenhang gelöst, bis in die Kunst der Gegenwart erhalten wie der hoffnungsfroh zum Himmel gerichteten Blick oder der geschundene Mensch. Portraits von blutenden und nach Schlägen verschwollenen Frauen rufen noch immer unmittelbar fraglos das Mitgefühl herauf.

Münster Kunstmuseum / Ausstellung Passion und Leidenschaft - hier : Pauwels Franck zeigt Varianten der Liebe © Hanns Butterhof

Münster Kunstmuseum / Ausstellung Passion und Leidenschaft – hier : Pauwels Franck zeigt Varianten der Liebe © Hanns Butterhof

Als Herzstück der Ausstellung beleuchtet ein rosa-rot gehaltener Saal die weiten Gefilde der Liebe, die nach heutigem Sprachgefühl am engsten mit Leidenschaft verbunden ist. Von Lust und Begehren, von Adam und Eva spannt sich der Bogen in ausdrucksstarken Bildern bis hin zu Eifersucht und Lustmord. Doch auch die entgegengesetzten Emotionen wie Verachtung und Hass, die sich in Krieg und Kampf durch die ganze Menschheits- und Kulturgeschichte bis ins Heute ziehen, finden ihren Platz. Es sind in einem blau gehaltenen Saal eindringliche und verstörende Bilder bis hin zu einem von Donald Trump, das ihn des schamlosen Missbrauchs des Gefühls anklagt.

Am Ende der Ausstellung kann sich das Publikum von einem Gesichts-Erkennungs-Apparat Alter, Geschlecht und Gefühlslage bestimmen lassen, dessen Programmierung vielleicht auf zweitausend Jahre Erforschung der großen Gefühle und ihres Ausdrucks in der abendländischen Kunst zurückgeht.

 Ausstellungsdauer  Passion und Leidenschaft  –  9.10.2020 bis 14.2.2021

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, am 2. Freitag im Monat bis 24.00 Uhr. – Information unter: lwl-museum-kunst-kultur.de

Eintritt: 13,00 €, ermäßigt 6,50 €. Am Eröffnungstag 9.10. von 10.00 bis 24.00 und am zweiten Freitag im Monat ab 18.00 Uhr Eintritt frei.

Im Deutscher Kunstverlag ist ein über 300 Seiten starker, reich bebilderter Katalog zur Ausstellung für 29,00 € erschienen.

—| IOCO Ausstellungen |—

Münster, Museum Pablo Picasso, Simply the Best – Ausstellung, IOCO Aktuell, 04.06.2020

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

 Simply the Best  –  Ausstellung – Picasso-Museum Münster  

– Eine Konkurrenz der Künstlerfürsten –

von Hanns Butterhof

Das zwanzigjährige Bestehen des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster gibt berechtigten Anlass, auf seine Sammlungsgeschichte zurückzublicken und mit seiner Ausstellung Simply the Best – Neuerwerbungen aus zwanzig Jahren seine Schatzkammer der Öffentlichkeit zu präsentieren. Bis zum 6. September zeigt es die nach eigener Einschätzung bedeutendsten und schönsten hauseigenen Werke von Pablo Picasso, Georges Braque, Marc Chagall und Henri Matisse. Die vier Künstlerfürsten der Moderne stehen bei aller gegenseitiger Achtung mehr für Eigenständigkeit und Konkurrenz als für beziehungsreich dialogisches Miteinander.

Die rund 150 Exponate sind, dem Ursprung des Museums entsprechend, hauptsächlich Grafiken; bis September 2010 hieß das Museum noch Grafikmuseum und basierte auf einer über 700 Lithographien umfassenden Stiftung des Lengericher Sammlers Gert Huizinga mit dem Schwerpunkt Pablo Picasso (1881 – 1973).

Museum Pablo Picasso Münster / Museumsdirektor Markus Müller präsentiert Werke von Picasso @ Anne Engelhardt

Museum Pablo Picasso Münster / Museumsdirektor Markus Müller präsentiert Werke von Picasso @ Anne Engelhardt

Diesem Jahrhundertkünstler ist in der Ausstellung Simply the Best der erste Stock des Museums mit großformatigen Lithographien und farbkräftigen Linolschnitten gewidmet. Aus der Bilderfolge von hundert Grafiken aus den Jahren 1930 bis 1937, die nach dem Pariser Verleger und Kunsthändler Ambroise Vollard benannt ist, fesseln unterschiedliche Themen wie Künstler und Modell, Griechische Mythen oder Portraits. Picasso zeigt sich hier wie bei Studien zur Ikone gewordenen Friedenstaube oder zu Stierkämpfe anpreisenden Plakaten als ebenso technisch vielseitiger wie stilistisch beständig auf dem Sprung befindlicher Künstler. Selbst vor der Verbindung klassizistischer Stil-Tendenzen mit surrealen Gestaltungen scheut er nicht zurück.  Museumsdirektor Markus Müller charakterisiert ihn nachgerade als „Spezialist für Zweit- und Drittverwertung“, wenn Picasso Motive aus einem Medium in ein anderes, von einem Stil in den nächsten überträgt, ohne dabei an Qualität und Charakteristik einzubüßen.

Ruhiger geht es mit Georges Braque (1882 – 1963) weiter, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit Picasso als Erfinder des Kubismus die Kunstwelt revolutionierte. Braque zeigt sich in seinen meist farbigen Grafiken im zweiten Stock als behutsamer Reformer und Verwandler vormals kubistischer Gestaltungsmuster. Bei aller Variation hält er an reduzierten Grundformen beharrlich fest; seine Bildarchitektur ist meist nur von wenigen Objekten wie Teekanne und Zitrone bestimmt; am einprägsamsten ist der auf seine Silhouette reduzierte Vogel im Flug.

Von Henri Matisse (1869 – 1954) gefallen neben seinen in klaren, dekorativen Linien ausgeführten Portraits vor allem die als Schablonendrucke ausgeführten Illustrationen zu dem Malerbuch „Jazz“ von 1947, in denen er die Zirkuswelt und ihre Akrobaten darstellt. Darunter ist auch der Ikarus, der bei seiner Karriere zur harmlosen Postkarten-Berühmtheit einiges von seiner geschichtlichen Bedeutung eingebüßt hat. Inspiriert ist er durch nächtliche Fliegerangriffe und den Beschuss von Fallschirmspringern im Zweiten Weltkrieg. Dagegen enttäuschen Matisses zahme Frauenakte mit ihrer fast ausnahmslos uninspirierten Strichführung, für die der ehemalige Fauvist den exotischen Reiz von Haremsdamen bemüht.

Museum Pablo Picasso Münster / Henri Matisse, Ikarus 1947, Schablonendruck @ Succession Henri Matisse, VG Bild-Kunst Bonn 2020 / Picassomuseum

Museum Pablo Picasso Münster / Henri Matisse, Ikarus 1947, Schablonendruck @ Succession Henri Matisse, VG Bild-Kunst Bonn 2020 / Picassomuseum

Marc Chagall (1890 – 1985), von dem das Museum 137 Grafiken besitzt, ist neben Stadtansichten von Paris mit für ihn charakteristischen, Reales und Traumhaftes vermischenden und technisch bestechenden Illustrationen zur Bibel vertreten. In dem 1956 abgeschlossenen Zyklus, den Chagall als sein graphisches Meisterwerk betrachtete, bringt er auf unaufdringlich deutliche Weise durch Spiel mit dem Licht das Verhältnis von Mensch und Gott zum Ausdruck. Vor allem hierbei lohnen sich Innehalten und geduldiges Hinschauen.

Ihrem Anlass gemäß zeigt die Ausstellung Simply the Best, zwar nichts Neues, aber was sie zeigt, ist immer einen Besuch wert. Fotos von David Douglas Duncan (1916 – 2018) lassen Pablo Picasso noch als begnadeten Selbstdarsteller erleben;  ein Schelm, wer denkt, simply the best sei er.

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, 48134 Münster, Picassoplatz 1, Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet,  Eintritt: 10,00 €, ermäßigt 8,00 €

Coronabedingt sind die Besucherzahlen begrenzt, private und öffentliche Führungen sind möglich. Es wird empfohlen, für aktuelle Informationen die Webseite des Museums www.kunstmuseum-picasso-muenster.de   aufzurufen.

—| IOCO Ausstellungen |—

Münster, LWL Museum Kunst und Kultur, Norbert Tadeusz – figurativer Maler der Gegenwart, IOCO Aktuell, 19.05.2020

Landesmuseum Münster / Vorletztes Palio, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz. c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Nic Tenwiggenhorn

Landesmuseum Münster / Vorletztes Palio, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz. c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Nic Tenwiggenhorn

LWL Museum Kunst und Kultur

Norbert Tadeusz – figurativer  Maler der Gegenwart – LWL  Münster

– Mit dem Charme von 70er Jahre Pornos –

von Hanns Butterhof

Mit Norbert Tadeusz (1940 bis 2011) stellt kurz nach dem Kunst-Palast Düsseldorf das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster einen der wenigen figurativen Maler seiner Generation aus. Bekannt ist er durch meist großformatige Bilder, die unter dem Stichwort „provozierend“ den etwas schmuddeligen Charme früher Porno-Fotos versprühen. In sechs Sälen ermöglicht das Landesmuseum mit 66 farbkräftigen Gemälden einen etwas breiteren Blick auf das Werk Norbert Tadeusz‘, ohne ihm dabei spektakuläre Brisanz abzugewinnen.

Im Entree zur Ausstellung läuft der Besucher frontal auf das Gemälde  „Hände“ (2008) von Norbert Tadeusz zu. Es zeigt zwei Hände, die jeweils einen abgetrennten Hühnerkopf wie Handpuppen halten, die aufeinander einreden. Man kann es als kritischen Kommentar zum Kunstbetrieb um seinen Lehrer Josef Beuys, wo die Begriffsarbeit im Vordergrund stand, oder am aufgeblasenen Kuratoren-Kunstsprech verstehen, von dem sich Tadeusz ausdrücklich dadurch distanzierte, dass er sich nicht als Künstler, sondern als Maler definiert hat.

Schon bei diesem Gemälde fällt ein eigenwilliger Umgang mit dem Hintergrund auf. Er wirkt irritierend zufällig, irgendwie zwischen kaltem Schlachthaus und Dusche changierend. Auf die Hintergründe der Bilder zu achten kann während des gesamten Durchgangs durch die Ausstellung eine aufschlussreiche Perspektive abgeben, die von dem Unbehagen am Raum genährt wird.

Neben den „Händen“ befinden sich in zwei Vitrinen frühe Kleinplastiken Norbert Tadeusz‘ aus den 60er Jahren. Darunter sind Frauenfiguren in eindeutigen Posen, die ans Artistische grenzen und schon früh die thematischen Obsessionen des Künstlers  aufweisen: Frauenakte,  Artisten, Verdrehungen.

Mueumsdirektor Dr. Hermann Arnhold stellt Norbert Tadeusz vor
youtube Trailer LWL Landesmuseum Münster
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Auf den ersten Blick völlig unbedeutend erscheinende Exponate in der gleichen Vitrine, Bleiabgüsse von Wegwerfartikeln wie Pappschächtelchen oder Verpackungen von eingeschweißten Lebensmitteln, zeigen bereits früh die grundsätzliche Haltung  Tadeusz‘ zur Welt. Durch ihre Bemalung sind die Abgüsse von ihren Vorlagen nicht zu unterscheiden. Hier manifestiert sich eine Fetischisierung des Objekts, ein objektivierendes Wiedergeben des Vorhandenen, ohne ihm einen weiteren Sinn als seine Gegenständlichkeit zuzusprechen. Diese Haltung in ihrer Absolutheit durchzieht die gesamte Ausstellung.

Selbst in Bildern, die wie etwa „Neon“ (1979) in ihrer Abstraktheit an Ellsworth Kelly erinnern, handelt es sich um die realistische Wiedergabe der Deckenbeleuchtung einer Szene-Kneipe. Und seinen eigenen Charakter bewahrt Tadeusz selbst dann, wenn er, etwa mit den verdrehten Artisten-Figuren in „Drei“ (2005) an Francis Bacon, mit den Schlachttieren in „Carcasse. Florenz. Pistoia“ (1983) an Chaim Soutine oder im „Akt mit Lampe“ (1968) an Edward Hopper erinnert.

Anna Luisa Walter beschreibt das Venus-Motiv von Tadeusz und mehr
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Selten stiehlt sich Humor ins Bild, etwa, wenn Tadeusz im Groß-Format ca. 3 x 6 Meter „Valentano“ abmalt, eine Industriebaustelle, die mit ihren unfertigen Pfeilern aussieht wie eine antike Tempelanlage: „Valentano“ ist die riesige Karikatur einer Postkarte.

Zumeist bleibt es bei der schieren Gegenständlichkeit. Das betrifft die blaugrünen „Swimmingpool“-Bilder aus den 1992er und 1993er Jahren ebenso wie die nahezu altmeisterlich gemalten Pferderennen-Bilder Vorletztes Palio“ (2001) und Cavalli 3“ (1995), durch die deutlich die Fotos des traditionellen Pferderennens im italienischen Siena durchscheinen, die ihnen als Vorlage gedient haben. Sie wirken, als seien sie collagiert wie auch die Großformate „Das große Ei“ (1985) und „Gelbes Atelier“, (1985), auf denen sich noch einmal alle Obsessionen Norbert Tadeusz‘ versammeln: nackte, verdrehte Artisten, Schlachtstücke und ihre Sexualität ausstellende Frauen.

Landesmuseum Münster / Akt auf Flügel I, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz, c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto:Christoph Münstermann

Landesmuseum Münster / Akt auf Flügel I, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz, c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto:Christoph Münstermann

Dass kein Bild eine Geschichte erzählt, dass für  Norbert Tadeusz alles zum nahezu gleichwertigen Objekt wird, zeigt sich besonders schön am „Sakral-Raum mit Flieger“ (1971). Auf einem weißen Küchenstuhl, über dessen Lehne noch eine halb verdeckte Jacke hängt, hält sich eine nackte Frauenfigur mit kreuzförmig ausgestreckten Armen die aufgeschlitzte Strumpfhose vom Leibe, die sie eben noch halb verhüllt hatte, und stellt sich so dem voyeuristischen Blick. Wie auf schmuddeligen Porno-Fotos der siebziger Jahre, auf denen hemmungslos das private Interieur des Fotografen, weil für den Zweck des Fotos völlig unbedeutend, mit im Bild war, bildet eine Wand mit dunklen Fenstern und eine Reihe Heizungsrippen den Hintergrund. Tadeusz‘ Fetischisierung des Objekts ergreift auch die Figur, die in seiner Sicht so die gleiche Wertigkeit erhält wie die sie umgebende Welt.  Anerkennung und Entwertung berühren sich, in der Vergegenständlichung des Menschen und der Vermenschlichung der Gegenstände, die der Frauenakt “Bügeleisen“ (1967) schon im Titel zum Ausdruck bringt, und nicht zuletzt im Verhältnis von Figur und Hintergrund.

Es ist löblich, dass das Westfälische Landesmuseum an Norbert Tadeusz als einen westfälischen Künstler erinnert: Der 1940 in Dortmund Geborene lehrte auch in Münster, von 1973 bis 1988 an der dortigen Abteilung der Kunstakademie Düsseldorf. Es ist kunstgeschichtlich interessant, ihn als gegenständlich malende Ausnahme gegenüber seinen eher minimalistischen akademischen Generationsgenossen zu präsentieren. Und natürlich besetzt auch die Selbstdefinition Tadeusz‘ als „nur Maler“ eine Position im kunsttheoretischen Diskurs, wenn auch keine von spektakulärer Brillianz.

Die Ausstellung Norbert Tadeusz zeigt, dass es ästhetisch schwerlich genügt, nur Maler zu sein.

Die Ausstellung – Norbert Tadeusz  ist bis 2.8.2020 im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster, Domplatz 10, 48143 Münster zu sehen.  Eintritt: 9.00 €, reduziert 4,50 €,  Besucherservice: +49 251 5907 210,,  e-mail: museumkunstkultur@lwl.org

Öffnungszeiten: Di – So 10.00 bis 18.00 Uhr, jeden 2. Freitag im Monat, 10.00 – 24.00 Uhr, ab 18.00 Uhr freier Eintritt.

Der im Verlag Kettler erschienene, mit 141 Seiten umfänglich bebilderte Katalog Norbert Tadeusz kostet 24,90 €. Coronabedingt sind bis auf weiteres nur 180 Personen im Museum zugelassen, in der Ausstellung nur gegen 30,  etwa 4 Personen pro Raum.

HINWEIS:  Das Tanztheater Münster und das LWL-Museum für Kunst und Kultur arbeiten anlässlich der Ausstellung Norbert Tadeusz (bis 2.8.) zusammen. Dafür treten die Tänzerinnen des Theaters vor der Kamera in einen Dialog mit Tadeusz‘ Werken. Der Film wird der Öffentlichkeit am Mittwoch (3.6.2020) um 19 Uhr über die digitalen Museumskanäle auf YouTube, Facebook und Instagram online präsentiert.

 

—| ioco-art LWL Museum Kunst und Kultur |—

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