Münster, GOP Varieté – Theater, Das Programm 2019 – Artistik zum Schmunzeln, IOCO Aktuell, 12.12.2018

Dezember 13, 2018  
Veröffentlicht unter GOP Variete Theater, IOCO Aktuell, Portraits, Revue

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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP.-Varieté stellt vor – Humor und Artistik – 2019

– Keine halben Sachen –

Von Hanns Butterhof

Keine halben Sachen – das ist nicht nur der Titel einer GOP.-Show im kommenden Jahr. Das ist auch das Motto, unter das Werner Buss, der künstlerische Direktor des GOP., seinen Ausblick auf die Spielzeit 2019 stellt, die kunstvoll, artistisch, humorvoll und spektakulär werden soll.

Auf der Jahrespressekonferenz im intimen Rahmen des GOP.- Restaurants in Münster verweisen Werner Buss und Sandra Wawer, Leiterin der hauseigenen Künstleragentur, stolz auf 24 Produktionen, die in 7 GOP.- Häusern gezeigt werden. Jede Show residiert etwa zwei Monate in einer Spielstätte.

impulse  –  Show des GOP Varieté-Theaters
Youtube Trailer des GOP Varieté-Theater
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Werner Buss erläutert die GOP-Philosophie, dass Qualität sowieso und grundsätzlich höchstes Gut für jede Show sei. Aber nicht höher, schneller, weiter, sondern überraschend anders soll jede Produktion sein. So werde in jeder Show eine eigene Geschichte erzählt, eine Mischung von verbalen und rein artistischen Elementen hergestellt und unbedingt darauf geachtet, dass die Persönlichkeit der Moderatoren und der Artisten zusammenpassen.

Gewöhnlich geht die Konzeption einer Show vom GOP. aus. Eine Ausnahme macht „Bang Bang“, mit der das neue Jahr in Münster am 17. Januar eingeläutet wird. Für „Bang Bang“ hat sich die kanadische Cyr-Artistin Anna Ward den Regisseur und Comedian Anthony Venisse ausgesucht und ihre liebsten Kollegen aus den Artistenschulen von Québec und Montreal um sich versammelt. Sie verspricht einen artistischen Urknall mit viel Humor.

Auf ganz neues Gebiet begibt sich das GOP. mit „Sông Träng“, womit am 18. Januar die neue Spielzeit in Essen startet. Zum ersten Mal hat das GOP. mit der Vietnam Circus Federation zusammengearbeitet und kündigt mit dreizehn Künstlern einen Blick in die vietnamesische Seele an.

GOP Varieté Theater in Muenster / Werner Buss - Sandra Wawer und die GOP 2019 © Hanns Butterhof

GOP Varieté Theater in Muenster / Werner Buss – Sandra Wawer und die GOP 2019 © Hanns Butterhof

Auch in Essen wird eine Uraufführung zu sehen sein. „Sombra“ spielt ab 8. März mit Gegensätzen wie Licht und Schatten, Mann und Frau, laut und leise, und verspricht mit Bildern, Körperkunst und Live-Musik eine poetische, fast schon lyrische Show.

Eine Uraufführung wird es auch in Münster geben, wenn „Der Kleine Prinz auf Station 7“ landet. Erzählt wird die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Krankenhausclown und dem kleinen Moritz, der im Krankenhaus auf Station 7 liegt. Regisseur Markus Pabst hat sich von Antoine de Saint-Exupérys Klassiker zu einer lebensbejahenden Reise in die Welt der Poesie und Artistik inspirieren lassen, die sich vom 30. August an im GOP. Münster dreht.

Zudem verweist Buss auf die Show „Appartement“, in der eine derart lustige und skurrile Wohngemeinschaft zusamengekommen ist, dass man selber gerne einziehen möchte, und das artistische „Elektro“-Konzert.

Zum Jahresende gibt es in jeder Spielstätte eine Moderations-Show; gerade in der dunklen Jahreszeit legt das GOP. Wert darauf, sein Publikum direkt anzusprechen. In Hannover wird vom 7.November bis 12.Januar erstmals „Thielke“ zur Schau bitten, in Bad Oenhausen wird es vom 24. Oktober bis 12. Januar zum ersten Mal „Zauberhaft“. In Essen wird vom 7. November bis 5. Januar „Grand Hotel“ gegeben, eine Geschichte mit klassischen Hotelfiguren um Betrug und große Gefühle. München schaltet vom 7. November bis 12. Januar auf „Slow“, während Bremen vom 31. Oktober bis 12. Januar mit „Trust Me“ zuversichtlich Vertrauen einfordert. Bonn geht mit „Sông Tr?ng“ vom 7. November bis 12.Januar ins neue Jahr, wie es Essen begonnen hat. In Münster steht Marcel Köstling mit seiner Mischung aus Zauberei, Comedy und Kabarett ab dem 6. November bis 5. Januar auf der Bühne. Mit handverlesenen Akrobaten hat er das Motto des GOP. „Keine Halben Sachen“ zum Programm gemacht.

—| IOCO Aktuell GOP Variete Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Premiere Tanzabend EINE WINTERREISE, 19.01.2019

Dezember 12, 2018  
Veröffentlicht unter Ballett, Pressemeldung, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

EINE WINTERREISE
Tanzabend von Hans Henning Paar zu Musik von Hans Zender

Eine komponierte Interpretation für Tenor und Kammerorchester
von Franz Schuberts Winterreise

Premiere: Samstag, 19. Januar 2019, 19.30 Uhr
Großes Haus des Theaters Münster
»Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus…«

Mit diesen Worten beginnt einer der bekanntesten Liederzyklen der Romantik, die WINTERREISE, mit dem Franz Schubert (1797–1828) eine Kette von Rückblicken und Stimmungen eines von der Liebe enttäuschten Mannes auf seiner ziellosen Reise durch eine erstarrte Winterlandschaft beschreibt – eine Reise, die keine Rückkehr kennt. Die 24 Lieder zu Gedichten Wilhelm Müllers wirkten für die Ohren der Zeitgenossen im biedermeierlichen Wien um 1827 allzu hoffnungslos und depressiv – der Komponist selbst nannte sie einen »Kranz schauerlicher Lieder«.

Hans Zender sucht in seiner komponierten Interpretation nicht nach einer neuen expressiven Deutung des Liederzyklus‘, sondern nach der eigentlichen Intention, die auch im politischen und gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehungszeit betrachtet werden muss. Er zeigt Brüche auf, vergrößert Kontraste und verschärft Akzentuierungen. Mittels Dissonanzen, Montagen, Abbrüchen, Wiederholungen und verfremdeten Klangeffekten durchbricht der Komponist die ästhetische Routine der Klassiker-Rezeption, sodass die WINTERREISE (für uns heute) wieder so ungewohnt klingt wie das Original für die Hörer zur Zeit ihrer  Entstehung.

Fasziniert von der Synthese aus Tradition und Moderne, übersetzt Hans Henning Paar die Metaphern des Stückes in eine klare, auf das Wesentliche reduzierte Bewegungssprache. Durch die Integration des Sängers in das Tanzgeschehen entsteht ein unvergleichlich bildhaft-dramatisches Gesamtwerk.

Musikalische Leitung: Thorsten Schmid-Kapfenburg
Inszenierung & Choreografie: Hans Henning Paar
Bühne: Bernhard Niechotz
Kostüme: Isabel Kork
Dramaturgie: Esther von der Fuhr

Mitwirkende:
Maria Bayarri Pérez, Adam Dembczy?ski, Jason Franklin a.G., Fátima López García, Angela Guaccio a.G., Andrea Landolfi a.G., Kana Mabuchi , Matteo Mersi , Ako Nakanome , Tarah Malaika Pfeiffer , Adrián Plá Cerdán, Elizabeth Towles , Holly Vallis a.G., Leander Veizi, Keelan Whitmore, Gesang:  Robert Sellier a.G. und dem Sinfonieorchester Münster

Öffenliche Probe
Donnerstag, 10. Januar, 19.00 Uhr, Großes Haus

Weitere Vorstellung im Januar:
Samstag, 26. Januar, 19.30 Uhr, Großes Haus

Vernissage BEHIND THE CURTAIN
»Seit Ende 2016 begleitet der Fotograf Michael Johann Dedeke für seine neue Ausstellung BEHIND THE CURTAIN das Tanztheater Münster. Abseits der großen Bühne – von Bauproben über unzählige Stunden im Ballettsaal bis zu Generalproben – hat er sich dem Universum TanzTheaterMünster und seinen Protagonisten vorsichtig angenähert und die unterschiedlichen Facetten festgehalten. Über 30.000 Fotos sind so innerhalb der letzten drei Jahre entstanden, außerdem zahlreiche Interviews sowie der gleichnamige Film zur Fotoausstellung« (Martina Cwojdzinski in: Stylus 3/18)

Samstag, 19. Januar, 22.00 Uhr, Oberes Foyer

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, UNKNOWN TERRITORIES – Tanz-Theater, IOCO Kritik, 27.11.2018

November 28, 2018  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Hans Henning Paar – Pathetisch düster – Unknown Territories

Von Hanns Butterhof

Bald sind es 100 Jahre, dass das Staatliche Bauhaus in Weimar am 12. April 1919 mit Walter Gropius als erstem Direktor gegründet wurde. Unter politischem Druck wurde es 1933 zur Selbstauflösung gezwungen, viele Bauhäusler emigrierten, vorzüglich nach Amerika. Das Landesmuseum Münster, das vom 9.11. bis 10.3.2019 die Ausstellung „Bauhaus und Amerika“ zeigt, regte Hans Henning Paar, Chef des TanzTheatersMünster, zu dem Stück Unknown Territories an, das Grundintentionen des Bauhauses aufnimmt und Fremdheit sowie Migration thematisiert.

UNKNOWN TERRITORIES –  Hans Henning Paar
Youtube Trailer des Theater Münster
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Paar trägt vor allem der Maxime des Bauhauses Rechnung, die herkömmlichen Gattungsgrenzen der Kunst zu sprengen. Er integriert mit zwei Schauspielern die Sprache und räumt dem variablen Bühnenbild von Luis Crespo mit den quirligen Videoeinspielungen Sven Stratmanns und dem manchmal dominanten Soundtrack von Fabian Kuss nahezu gleichen Rang wir dem Tanz ein.

100 Jahre BAUHAUS – Westfälisches Landesmuseum – IOCO Bericht HIER!

Auch bezieht sich Paar mit seinem 12-köpfigen Ensemble auf die Bauhaus-Tendenz, den Tanz zu entindividualisieren und die Wahrnehmung vom Tänzer weg auf die Bewegung in Licht und Raum zu lenken. So tragen die Tänzer, wenn sie Migranten darstellen, einheitlich weiße Overalls aus Ballonseide, die den Körper bei Gegenlicht durchscheinen lassen. In blickdicht schwarzen, die Körper modellierenden Ganzkörpertrikots und zusätzlich vereinheitlichenden Glatzkopf-Masken (Kostüme: Bernd Niechotz) stellen sie Bürokraten dar.

Die Szenen von Unknown Territories werfen Schlaglichter auf Migration und Fremdheit, nennen Gründe und zeigen nicht ohne Pathos Wege und Situationen von Flüchtlingen.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater - hier : Bálint Tóth und Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater – hier : Bálint Tóth und Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Die Migranten sind unter uns. Schon vor dem offiziellen Beginn der Aufführung wandeln Ensemblemitglieder weißgewandet, stumm und etwas merkwürdig wie Aliens zu sphärischer Musik durch Foyer und Zuschauerraum. Die Begründung für ihr Hiersein trägt aus dem Rang Simon Mantei – er ist mit Bálint Tóth der in die Aufführung eingebundene Schauspieler – mit Zeilen aus dem Gedicht „Folter“ von Wislawa Szymborska vor: “Geändert hat sich nichts, der Körper ist schmerzempfindlich …“ Dazu verbiegt sich Tarah Malaika Pfeiffer dramatisch wie gemartert mit zitternden Händen.

Die Folgeszene zeigt, dass die Migranten nach ihrer Flucht in fremdes Land nicht willkommen sind. Nachdem das Ensemble mit schmerzverzerrten Mienen nach vorn gerollt, dann aufgesprungen und dicht an die Zuschauer herangestürmt ist, prallen alle, wie von einer unsichtbaren Wand gestoppt, zurück.

Was geschieht, wenn man es doch ins Land geschafft hat, zeigt die nächste Szene. Zu dem entspannt plauderndes Grüppchen, das sich gebildet hat, möchte Elizabeth Towles gehören, die als einzige abseits geblieben war. Mehrere ihrer kraftvoll verzweifelten Versuche, in die sich zuerst bloß abwendende Gruppe aufgenommen zu werden, scheitern. Schließlich wird sie von allen gepackt und brutal gegen die Wand geknallt.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater - hier : Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater – hier : Ensemble © Oliver Berg

Selbst unter den Migranten herrscht keine Harmonie. Alle kämpfen gegen einander und jeder für sich. Wenn die Tänzer neben den Kampfsport-Figuren auch die traditionelle japanische Harakiri-Geste, den Stich in den Bauch und der Schnitt hinauf in den Brustkorb wiederholen, wird das Selbstmörderische dieser Selbstbezogenheit deutlich.

Zentral ist dann eine an das Stück „Fremdkörper“ von Aiat Fayez angelehnte bittere, nahezu kabarettistische Szene. In einem Ausländeramt bemühen sich Migranten darum, ein notwendiges Aufenthalts- und Arbeitsdokument zu erlangen. Bálint Tóth versucht es mit Unterwürfigkeit, Elizabeth Towles, indem sie auf ihrem Anspruch besteht, und Kana  Mabuchi mit lächelnder Verführungskunst. Doch Simon Mantei, der durch eine Glatzkopf-Gesichtsmaske als entpersönlichter Bürokrat gezeichnet ist, und seine ihm gleichenden, sich spinnen- , affen- und krakenartig bewegenden Kollegen weisen alle hämisch und kalt zurück.

Nur einmal, als Fátima López Garcia die Maske von Keelan Whitmore herunterzieht, scheint eine zaghaft von der Musik melodisch gestützte Beziehung zwischen der Weißgekleideten und dem Schwarzkostümierten möglich. Doch rasch zieht er sich hinter seine Maske zurück.

Die Schluss-Szene zeigt zu harten Perkussions-Schlägen die Aufnehmergesellschaft als einen Insektenstaat, in dem das Ensemble in seinen schwarzen Ganzkörpertrikots grotesk krabbelnd, aber wohlorganisiert durcheinander wimmelt. Organisation ist hier alles, das Individuelle, Menschliche ist ausgeschaltet. Und so endet der Abend, wie er begonnen hat, mit der bitteren Feststellung, dass sich nichts geändert hat an den Ursachen für Folter und Flucht.

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater - hier : Balint Toth und Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / UNKNOWN TERRITORIES TanzTheater – hier : Balint Toth und Ensemble © Oliver Berg

Unknown Territories mahnt daran, dass wir von Alters her Kains Abkömmlinge und somit Mörder und Folterer sind. Aber die pathetische Ästhetisierung des Schreckens der Migration wird ihr als ganzer nicht wirklich gerecht wie auch nicht der Parallele zum Bauhaus. Wenn die Bauhäusler auch wegen politischer Repression emigrierten, so versanken sie doch nicht in Ablehnung und Depression; zumindest zeigt die Ausstellung im Museum deren spielerisch-heitere Seite nicht nur bei der experimentellen Produktion, sondern auch in den Werken.

Nach achtzig durchgetanzten Minuten und einer kurzen Pause der Betroffenheit starker, von Bravos und Trampeln begleiteter Beifall für das beeindruckend tanzende Ensemble und Paars Choreographie, die starke musikalische und Bühnen-Gestaltung von Fabian Kuss und Luis Crespo mit den ausdrucksstarken Videos von Sven Stratmann. Ob der Bauhaus-Bezug so zwingend war, steht dahin.

UNKNOWN TERRITORIES – TanzTheater am Theater Münster; die nächsten Termine: 7. und 22.12., 6.2., 3. und 23.3. 2019, jeweils 19.30 Uhr

 —| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Westfälisches Landesmuseum, Bauhaus – Als die Bilder tanzen lernten, IOCO Kritik, 27.11.2018

November 28, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, ioco-art, Münster-Land

 Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene. © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster

Westfälisches Landesmuseum feiert – 100 Jahre Bauhaus

– Als die Bilder tanzen lernten –

Von Hanns Butterhof

Bauhaus, das sind weiße kubische Häuser, funktionale Möbel und schickes Design. Dass das nicht alles ist, sondern dass Bauhaus ein interdisziplinäres Labor für Licht- und Bewegungs-Experimente war und auch in diesem Sinne heute noch weiter wirkt, lässt die Ausstellung Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung im Westfälischen Landesmuseum Münster eindrucksvoll sinnfällig werden.

Die Ausstellung kommt etwas früh, entstand doch das Staatliche Bauhaus in Weimar erst am 12. April 1919 mit Walter Gropius (1883 – 1969) als erstem Direktor und Namensgeber der Schule. Unter politischem Druck zog es 1925 nach Dessau um, wo die NSDAP nach gewonnener Gemeindewahl 1932 seine Schließung durchsetzte. Im gleichen Jahr wurde das Bauhaus als private Einrichtung nach Berlin verlegt, aber schon 1933 endgültig zur Selbstauflösung gezwungen.

In sechs Räumen im zweiten Stock des Museums ermöglicht die Ausstellung nun mit 150 Objekten von 50 Künstlern einen umfassenden Blick auf die wechselseitigen Beziehungen der nach Amerika emigrierten Bauhäusler zu amerikanischen Künstlern. Der formale Schwerpunkt liegt auf den Licht- und Bewegungs-Experimenten. Die ergaben sich aus dem programmatischen Anspruch des Bauhauses, die herkömmlichen Gattungsgrenzen zwischen der bildenden, der angewandten und der darstellenden Kunst zu sprengen. Damit öffnete sich der Weg für Licht- und kinetische Kunst, für den Experimental-Film wie auch für Tanz und Performance mit unübersehbaren Wirkungen bis ins Heute.

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus hier Marcel Dzama und Merry go round © Hanns Butterhof

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus hier Marcel Dzama und Merry go round #2 © Hanns Butterhof

Ein Beleg für diese fortdauernde Wirkung empfängt die Besucher bereits beim Eintritt in die Ausstellung. Den ersten Raum beherrscht leise klappernd ein Karussell mit bunten Blechfiguren, das wie eine Kombination von Blechspielzeug und Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge anmutet. Dieses von Marcel Dzama 2018 geschaffene Werk Merry go round #2 (Foto) ist kein unmittelbares Bauhaus-Produkt, bezieht sich aber direkt auf Entwurfszeichnungen für Figuren von Oskar Schlemmer (1888 – 1943) zum Ballett Spielzeug von 1928 und von Wassily Kandinsky (1866 – 1944) für Szenen zu dem Klavierstück Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski (1839 – 1881), die im gleichen Raum zu sehen sind. Als charakteristisch erweisen sich die geometrischen Formen und damit die Entindividualisierung sowie das Spiel mit den je nach Beleuchtung wechselnden Farben. Die Lust, statt Bilder anderes zu gestalten, ist unübersehbar.

Andor Weininger (1899 – 1986) trieb diese Gedanken weiter und entwarf eine mechanische Bühnenrevue, in der die menschlichen Akteure ganz durch mechanisch bewegte Farbflächen ersetzt wurden. Die theoretische Voraussetzung dafür war die Annahme, dass das Zusammenspiel von Bewegung, Licht, Farbe, Form und Ton auf die Zuschauer ohne jedes spezielle Vorwissen wirken würde – und um die ging es ja unmittelbar nach dem Zusammenbruch der feudalen, auch ästhetischen Vorherrschaft.

UNKNOWN TERRITORIES – Tanz-Theater am Theater Münster mit den Grundintentionen des Baushaus – IOCO-Bericht HIER!

Von daher ist es nur ein kleiner Schritt zu einer das klassische Ballett ablösenden Tanz-Kunst, die im zweiten Raum der Ausstellung mit Schwarzweiß-Fotografien und Videos dokumentiert wird. Auch hier ist die Tendenz deutlich, den Tanz zu entindividualisieren und die Wahrnehmung vom Tänzer weg auf die Bewegung in Licht und Raum zu lenken. Am Black Mountain College in North Carolina, an dem der 1933 nach Amerika emigrierte Bauhäusler Josef Albers (1888 – 1976) das Programm der künstlerischen Ausbildung verantwortete, setzte vor allem Xanti Schawinsky (1904 – 1979) die Bühnenarbeit des Bauhauses fort. Er inspirierte Merce Cunningham (1919 – 2009) und Robert Rauschenberg (1925 – 2008), die mit dem experimentellen Komponisten John Cage (1912 – 1992) dem Tanz wesentliche Impulse zur Entwicklung der Performance gaben; in ihr wird auf die Wiedergabe einer Erzählung verzichtet und stattdessen auf vorgefundene Materialien und Alltagsgegenstände in der Umwelt reagiert. Auf fünf Monitoren kreiseln nun abstrakte kubische Figuren, führen Taxis ein Ballett auf und kontrastieren Musik-Tanz-Collagen von Merce Cunningham und John Cage mit der ernsthaft konventionellen Präsentation durch den Fernseh-Ansager.

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus - hier : Robert Rauschenberg / Susan Weil: Blueprint © Hanns Butterhof

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus – hier : Robert Rauschenberg / Susan Weil: Blueprint © Hanns Butterhof

Auf verschiedene Weisen zeigt sich so die allgemeine Tendenz des Bauhauses, sich auf möglichst keine traditionellen Bildungs-Inhalte einzulassen und voraussetzungslose ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen. Ideal erwies sich dazu das populäre Medium Film, in dem etwa Walter Ruttmann (1887 – 1941) und Viking Eggeling (1888 – 1976) abstrakte Linien und Formen in Bewegung setzten. Völlig mechanisch arbeitet das in einem eigenen Raum aufgestellte Prunkstück der Ausstellung, der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy (1895 – 1946). Die automatisierte Skulptur dreht sich, von einem Motor bewegt, um sich selbst und wirft bewegte Licht- und Schattenprojektionen ihrer Einzelteile an die Wand; Licht und Bewegung werden zum alleinigen, etwas merkwürdig selbstgenügsamen Inhalt.

Ähnlich, aber in der Verwendung von Motiven aus Bildern von Paul Klee (1879 -1940) populärer, sind Farbenlichtspiele von Ludwig Hirschfeld-Mack (1893 – 1965), für deren Projektionen auf die Leinwand eine erstaunlich detaillierte Reihe von Partituren zu sehen ist.

Die Beschäftigung mit der experimentellen Fotografie und dem absoluten, abstrakten Film, denen weitere Räume gewidmet sind, dürfte für die Produzenten interessanter als das Resultat für die Betrachter gewesen sein. So zeigt der Film von Oskar Fischinger (1900 – 1967) Komposition in Blau das Ballett ein- und mehrfarbiger Klötzchen, Platten und Kugeln zu einer erstaunlich unmodernen Operettenmusik.

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus - hier : Der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy © President and Fellows of Harvard College

Westfälisches Museum Münster / Bauhaus – hier : Der Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy © President and Fellows of Harvard College

Ein Raum ist Josef Albers und seiner Wirkung auf die Op-Art gewidmet. Die ausgestellten Werke sind meist stark leuchtende, geometrische Figuren, die zu flimmern und sich kaleidoskopisch zu bewegen scheinen. Was sich hier noch meistens im Rahmen hält, entgrenzt sich im Folgeraum. Da modellieren Hannes Beckmann (1909 – 1977) oder Lillian Florsheim (1896 – 1988) feinstofflich mit Licht wie es Bildhauer handfester mit Ton tun. Die Bilder tanzen schließlich selbst aus dem Rahmen.

Die Ausstellung feiert das Bauhaus, und das ist für eine Jubiläumsausstellung nicht ungewöhnlich. Doch hätte der wissenschaftlich aufwendige, sorgfältig die Schwerpunkte beschreibende Katalog die Grundannahmen der Bauhaustheorie auch kritisch befragen können, statt sie nur billigend hinzunehmen. Welchen Gewinn hat die Entgrenzung der künstlerischen Gattungen erbracht und wie wäre er messbar? Welchen Beitrag hat das Bauhaus zu dem geleistet, was als Unwirtlichkeit unserer Städte beschrieben wird? Und wie steht es mit dem Anspruch, ein nicht ästhetisch vorgebildetes Publikum unmittelbar anzusprechen, angesichts der breiten Kluft zwischen einer Elite der Vor- und den Nicht-Vorgebildeten?

Dass das Bauhaus auch heute noch seine Fruchtbarkeit entfaltet, zeigt eine durch das Landesmuseum angeregte Tanzaufführung im Theater Münster. Dort hat Hans Henning Paar, der das TanzTheaterMünster leitet, in seinem Stück Unknown Territories vor allem der Maxime des Bauhauses Rechnung getragen, die herkömmlichen Gattungsgrenzen der Kunst zu sprengen. Der Sprache, dem Bühnenbild mit Videoeinspielungen und Sound räumt er nahezu gleichen Rang wie dem Tanz seines 12-köpfigen Ensembles ein. Paar bezieht sich zudem auf die Bauhaus-Tendenz, den Tanz zu entindividualisieren und die Wahrnehmung vom Tänzer weg auf die Bewegung in Licht und Raum zu lenken.

In kleinerem Rahmen führen die Choreographen Matthias Markstein und Isaak Spencer die eigens zur Ausstellung entworfene Tanzperformance MESH an acht Terminen im Foyer des Landesmuseums auf.

Der Katalog zur Ausstellung (deutsch oder englisch) ist im Kerber Verlag Bielefeld erschienen. Die Museumsausgabe kostet 27 €.

Die Ausstellung Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung endet am 10.3.2019 im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz 10, 48143 Münster. Weitere Informationen unter www.bauhaus-amerika.de

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Mitteilung des LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, 28.11.2019:  Aufgrund der großen Nachfrage werden ab sofort mehr öffentliche Kunstgespräche in der Ausstellung Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung (bis 10.3.2019) angeboten. Von Donnerstag bis Sonntag können Kunstinteressierte nun zwischen verschiedenen Angeboten wählen.

„Wir kommen den Wünschen der Besucherinnen und Besuchern sehr gern nach“, äußert sich Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold und betont: „Gemeinsam sieht man einfach mehr.“ Deshalb bietet das Museum samstags ab 16 Uhr und sonntags ab 11 Uhr auch kurze Spotlight-Rundgänge zur Bauhausbühne, zur Lichtkunst und zu den Fotoexperimenten an. Zudem gibt es regelmäßig einstündige Überblicke über das experimentelle Schaffen von den über 50 Künstlerinnen und Künstlern, zu denen Josef und Anni Albers, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Xanti Schawinsky und László Moholy-Nagy zählen. Die einstündigen Rundgänge finden donnerstags um 16.30 Uhr, freitags um 16.00 und um 17.00 Uhr sowie samstags und sonntags um 14.00 und um 15.15 Uhr statt. Die Teilnahme ist mit einer gültigen Eintrittskarte kostenfrei. Die Teilnahmetickets sind 30 Minuten vor Beginn der Veranstaltung an der Museumskasse erhältlich.

Kinder von sechs bis zehn Jahren können darüber hinaus beim Bildschönen Samstag einen kreativen Zugang zum Bauhaus entdecken. Neben dem Ausstellungsbesuch steht hier die eigene künstlerische Praxis im Atelier im Fokus. Hier geht es beispielsweise um die bewegte Bühne, das Schwarzlichttheater oder analoge Fotoverfahren. Die Inhalte wechseln wöchentlich. Eine Anmeldung im Besucherservice ist immer bis zum vorherigen Freitag um 12 Uhr möglich.

Alle Themen und Zeiten sind unter http://www.bauhaus-amerika.de aufgeführt. Für telefonische Fragen steht der Besucherservice unter Telefon 0251 5907-201 zur Verfügung.

—| IOCO Kritik Landesmuseum Münster |—

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