München, Residenztheater, Niemand wartet auf Dich – Schauspiel Lot Vekemans, IOCO Kritik, 04.02.2021

Februar 3, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Vorwort von Intendant Andreas Beck

Vor 70 Jahren wurde das Residenztheater wiedereröffnet.Das war am 28. Januar 1951, begonnen hatte man mit den Bauarbeiten im Jahr 1948. Es ist fast schon eine Ironie des Schicksals, dass dieser Geburtstag mit einem anderen Jahrestag zusammenfällt: Vor einem Jahr gab es im Schwabinger Krankenhaus den ersten Patienten in Deutschland, der an COVID19 erkrankt war. Nun ist schon die zweite Schließung innerhalb eines Jahres unsere Realität.

Aber wie das nach Hause gelieferte Essen keinen Restaurantbesuch ersetzt, so warten wir auf bessere, glücklichere Tage. Oder wie wir in großen Lettern an unser Theater geschrieben haben: Wir vermissen Sie – denn was wären wir ohne Sie «Freund Publikum. All mein Empfinden Selbstgespräch, all meine Freude stumm». Goethe bringt es auf den Punkt.

Wir haben für Februar viele neue Online-Projekte (wie unten das von H-G Melchior beschriebene Live-Stream Schauspiel „Niemand wartet auf Dich“ Live-Stream für Sie erdacht und bieten noch mehr Publikumsgespräche. Klicken Sie durch, empfehlen Sie uns weiter und vor allem bleiben Sie uns gewogen. Wir freuen uns schon heute auf Sie in Ihrem Residenztheater.  Bleiben Sie gesund, alles Gute, Ihr Andreas Beck  

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Niemand wartet auf dich  –  Schauspiel von Lot Vekemans

Live-Stream im Resi Zoom  –  Regie: Daniela Kranz

 von Hans-Günter Melchior

Betrachtungen einer einsamen Frau

Juliane Köhler spielt drei Rollen und sie verwandelt sich vor aller Augen auf der Bühne. Sie ist die 85-jährige Gerda Ackermann, danach eine Politikerin, die ihren Rücktritt vom Parteivorsitz erklärt, schließlich sie selbst als Schauspielerin oder auch nur als Bürgerin, die sich so ihre Ge-danken über alles Mögliche macht.

Jedesmal verändert die Protagonistin auf der Bühne eigenhändig ihr Äußeres. Verwandelt sich mit kurzen Handgriffen, die vor allem der Haartracht gelten, in die andere Frau. Die alte, resignierte Dame schminkt sich zur smarten, langhaarigen Politikerin um und diese wird zur Schau-spielerin Juliane Köhler.

Es handelt sich im Grunde nicht um ein Theaterstück. Weder formal noch inhaltlich. Eine eigentliche Handlung gibt es nicht. Der 85-Jährigen geht es um die Verantwortung in der Welt. Sie unterscheidet die eigenen Angelegenheiten von denjenigen anderer und von den Angelegenheiten Gottes (was immer das auch sein mag). Sie empört sich über einen Ju-gendlichen, der eine Zigarettenschachtel auf die Straße wirft. Sie berichtet: als sie ihn zur Rede stellen wollte, postierte er sich vor ihr auf, ging gleichsam auf Tuchfühlung und erklärte, er diene der Arbeitsbeschaffung. Denn ohne Müll keine Müllabfuhr. Na dann… Ohne Verbrechen keine Polizei, keine Staatsanwälte und keine Richter. Ohne Krankheiten keine Ärzte. Und so weiter. Ohne Krieg keine Soldaten. So hat jedes Schlechte sein Gutes. Die alte Dame scheint irritiert zu sein. Jedenfalls widerspricht sie nicht ausdrücklich der schwierigen Welt, sondern wirkt ratlos.

Sie weiß nicht, was sie machen soll gegen die Umstände, die sich im Raum stoßen. Sie erzählt von ihrer unglücklichen ältesten Tochter und fragt sich, ob deren Unglück ihre Angelegenheit ist. Sie verneint das. Warum eigentlich? Sie könnte der Tochter doch helfen.

Niemand wartet auf dich – Residenztheater
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Und so weiter. Das Stück holpert über Pseudotiefsinn zu Allgemeinplätzen und manche Schlüsse sind nicht überzeugend. Schon die Trennung von persönlichen und allgemeinen Angelegenheiten ist falsch, weil die Trennlinien unscharf sind und das Persönliche oft ins Allgemei-ne/Öffentliche übergeht. Das ist sogar im Beruflichen nahezu regelmäßig so. Aber um derlei Unschärfen kümmert sich das Stückchen, das keines ist, wenig. Die Dame räsoniert über Gott und die Welt und lässt alles an seinem Platz stehen..

Die Politikerin schmeißt hin. Sie hat genug von dem Parteiengeklüngel, dem Taktieren und dem allenthalben zur Gewohnheit gewordenen Selbst-lob. Warum geben Politiker eigentlich Fehler erst zu, wenn sie nicht mehr politisch tätig sind?, fragt sie sich.

Fragen wir uns eigentlich selbst schon lange. Besonders jetzt in der Corona-Krise, in der wider besseres Wissen behauptet wird, alles „Menschenmögliche! getan zu haben“ (Merkel). Dass man Politiker mit dem Wahlzettel zum Teufel jagen kann, darauf kommt die enttäuschte Dame nicht.

Lieber zieht sie, die Schauspielerin, der Mensch, der keine Kunstfigur mehr ist, sich auf sich selbst zurück. Redet über Schlaflosigkeit und die Mühen des Alltags. Irgendwie so dahin.

Nein –, das alles ist nicht gerade eine Offenbarung. Es sind keine „Aphorismen zur Lebensweisheit“ (Schopenhauer), eher ziemlich populäre Ansichten und Betrachtungen, einfach mal so dahingeredet.

Dennoch ist es keine verlorene Stunde. Das liegt an Juliane Köhler. Eine wunderbare Schauspielerin. Sie wirkt so menschlich und authentisch, dass man sich wünscht, sie möge aus Bildschirm heraustreten und einen in den Arm nehmen. Man kann sich an ihrem bald nachdenklichen, bald grüblerischen, bald hilflosen Gesicht nicht sattsehen. Sie ist im Moment des Spielens das, was sie spielt. Das ist mehr als Glaubwürdigkeit. Es ist das Ereignis selbst.

So macht allein die Schauspielkunst aus dem harmlosen „Stückchen“ eben doch ein erhebendes Erlebnis.

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—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Das Erdbeben in Chili – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 21.10.2020

Oktober 20, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Das Erdbeben in Chili   –   nach Heinrich von Kleist

– Die „schöne Blume“ des „menschlichen Geistes“? –

von Hans-Günter Melchior

„Ach, Heinrich. Wäre er nicht um so Vieles größer, man wagte die Hybris, ihm das Du anzubieten.“  —–  Was hatte Heinrich von Kleist nicht alles uns vorausgelitten. In keinem Fach, in keinem Beruf hielt er es aus. Und bei keiner Philosophie und Überzeugung. Wie wir Heutigen im Dickicht der Meinungen herumirrend.

Was hat man ihm nicht alles angedichtet – und dichtet ihm immer noch an. Die sogenannte „Kant-Krise“. Als ob es bei seiner, Kleists, Zweifelsnatur überhaupt Kants bedurft hätte. Es ist ja richtig: wer bei Kant auf der Suche nach der Wahrheit ist, verirrt sich leicht in der Wüste der Ratlosigkeit. Da gibt es die analytischen Urteile und die synthetischen Urteile a priori und a posteriori, die zwar einen empirischen Halt haben, sich letztlich sich aber doch nur darauf stützen können, wie die Dinge uns erscheinen. Während uns die Erkenntnis, wie die Dinge an sich, wirklich, sind, verschlossen bleibt. Und die Ideen nun ja, die Ideen sind schön und gut, aber sie taugen allenfalls als gewisse Ordnungsprinzipien, mühsam windet sich Kant um die Frage herum, ob er sie für reine Hirngespinste hält.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili - hier:  vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili – hier: vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Und die Anhänger der Dekonstruktion reklamieren Kleist als einen ihrer Vorläufer. „Kein Sein ohne Seiendes“ hat Adorno in der „Negative Dialektik“ postuliert. Und Lyotard und Derrida teilen mit ihm das Misstrauen gegen die diktatorischen Begriffe/Ideale und rekurrieren auf das „Heterogene“, sie preisen die „Deligitimation des Universellen“ als Befreiung.

Und das alles soll Kleist vorbedacht haben. Mag sein, mag auch nicht sein. Was ihn zum Bruder uns Heutiger macht, ist das Oszillierende seines Denkens, das Hin- und Hergerissensein zwischen menschlicher Größe und menschlicher Niedertracht, zwischen einfacher, mitleidiger Zuwendung und fanatischer Geistesverbohrtheit, die vor Mord- und Totschlag nicht Halt macht.

Und damit hat unsere brüderliche Verbundenheit zu tun. Da wollen wir in einer freien und von mitmenschlicher Verbundenheit geprägten Gesellschaft leben und müssen es ertragen, dass ein Lehrer, der mit seinen Schülern über Meinungsfreiheit diskutiert und dabei Karikaturen der französischen Satirezeitschrift Charlie-Hebdo verwendet, von einem muslimischen Fanatiker enthauptet wird.

Und da muss es bei Kleist in der Novelle Das Erdbeben in Chili politisch, religiös und menschlich verarbeitet werden, dass ein Paar, welches sich wider die Konvention und die religiöse Doktrin in einem „zärtlichen Einverständnis“ befand und ein Kind hatte, am Ende der Lynchjustiz religiöser Eiferer zum Opfer fällt.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Nur kurz – der Inhalt wird im Wesentlichen vorausgesetzt, Kleist gehört nunmal zum Bildungskanon: Josephe liebt ihren Hauslehrer Jeronimo. Ihr Vater steckt sie zur Strafe in ein Kloster. Jeronimo findet durch einen Zufall dort Eingang, er wird Vater eines gemeinsamen Kindes. Josephe wird der Prozess gemacht, sie wird zum Tod durch Enthaupten verurteilt. Kurz vor der Exekution bricht das Erdbeben aus, die Klostermauern werden eingerissen, Josephe ist frei. Sie irrt mit dem Kind durch die unversehrt gebliebene, idyllische Landschaft (auch so ein Gegensatz zum Chaos), Jeronimo findet sie. Das Paar wird von einer hilfsbereiten Gesellschaft aufgenommen, die Don Fernando anführt. Josephe reicht dessen Sohn, einem Säugling, die Brust, da die Mutter, Fernandos Frau Donna Elvire, schwer verletzt ist. Man kommt im Laufe des Tages überein, die Dankesmesse in der Kirche der Dominikaner zu besuchen. Der Prediger, der älteste Domherr, prangert die „Sünden“ Josephes und Jeronimos an und macht die beiden für das Erdbeben, Gottes Strafe, verantwortlich. Die aufgeputschte Menge geht gegen die beiden vor, tötet sie und Fernandos Sohn Juan. Der Sohn von Josephe und Jeronimo wird gerettet und von Fernando und seiner Frau – ein Akt menschlicher Größe – an Kindes Statt aufgenommen…

Kleist feiert einerseits die Solidarität der durch das Erdbeben ihres Eigentums und ihrer Heimat beraubten Menschen („und in der Tat schien…, der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn“), schildet aber das Pogrom in der Kirche in drastischen Farben –; der religiöse Fanatismus, die andere der Gesellschaft als hässliche Ausdrucksform des menschlichen Geistes. Das ist es wieder, das schlechte Allgemeine, das sich am guten Besonderen vergeht.

Ulrich Rasche macht aus der Novelle ein höchst eindrucksvolles, ja zuweilen in seiner Intensität und Dynamik erschütterndes Theaterstück. Er hält sich dabei streng an den kleist´schen Text. Die Protagonisten (Mareike Beykirch, Linda Blümchen, Pia Händler, Barbara Horvath, Thomas Lettow, Nicola Mastroberardino, Antonia Münchow, Johannes Nussbaum, Noah Saavedra) stehn auf einer Scheibe, die mit geradezu unerbittlicher, marternder Stetigkeit den Weltenlauf andeutend rotiert, sich dreht und dreht, die Agierenden heranträgt und entfernt und die kreishafte Schicksalhaftigkeit des Geschehens symbolisierend nicht stillstehen will. Ein wunderbarer Einfall, hier mehr als angebracht und noch einmal neu, auch für den, der mit Rasches Stil bereits aus anderen Inszenierungen (Die Räuber u.a.) vertraut ist.

Gesprochen wird überwiegend im Chor, im abgehackten, die Prosa gleichsam in Strophen und Verse aufteilenden Stil einer griechischen Tragödie. Das hat etwas überwältigend Eindringliches, zumal die Sprechstimmen über einer zuweilen dröhnend lauten Musik– eher einer Geräuschkulisse – liegen und im wörtlichen Sinne unter die Haut gehen. Man beginnt vor Aufregung und Teilnahme zu schwitzen, freilich ohne dem Vorgetragenen auch nur ungefähr etwas „Verschwitztes“ anzulasten.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Mit der Zeit ist man ganz im Kosmos dieses Geschehens aufgenommen, verliert fast die Distanz zur Bühne, ist mittendrin, nicht eigentlich nur oberflächlich und geschmäcklerisch fasziniert (was Distanz voraussetzen würde), sondern man ist gefesselt, wird nicht losgelassen von dem, was da geschieht, wie wenn es einen selbst anginge. Wobei der besondere Duktus des Sprechens, dieses Deklamatorische, das die Prosa so gut wie verschwinden lässt, das Bühnengeschehen ins Unmittelbare des Mitdenkens und Mitfühlens zu transponiert, die Zuschauer nicht nur überredet, sondern hineinzieht in eine Kunst-Realität des Lebensvorgangs (Brecht hätte sich wohl im Hinblick auf sein Distanzpostulat die Haare gerauft, oder?). Hier wird das Tragische – und auch das reflektierte, gewollt in sich Widersprüchliche der Kleist´schen Erzählung (Feier des menschlichen Geistes einerseits, Verzweiflung an genau diesem Geist, dem Un-Geist des Fanatischen, andererseits) zum Ereignis. Nach etwas mehr als zwei Stunden wird man aus der Klammer dieser Inszenierung entlassen, nachdenklich und irgendwie um eine Last des Schicksalhaften erleichtert zugleich.

Ein großer Abend. Leider von der Pandemie beschädigt. Man hätte sich ein volles Haus gewünscht. So aber waren viel zu wenige Zuschauer da, die freilich begeistert Beifall spendeten.

Das Erdbeben in Chili – Residenztheater München; die weiteren Vorstellungen am 22.11.; 5.12.; 13.12.; 14.12.2020 und mehr ..

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Medea – nach Euripides, IOCO Kritik, 26.02.2020

Februar 25, 2020  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Medea – nach Euripides – aus dem Griechischen von Peter Krumme

„Mutter Medea“  –  Karin Henkels beeindruckende Interpretation eines psychologisch schwer zu verkraftenden Stoffes

von Hans-Günter Melchior

Viel ist schon über Medea geschrieben worden. Viel wurde gedeutet und ideologisch ausgebeutet, was Euripides (480 – 406 v.Chr.), einer der großen drei antiken Dramatiker neben Sophokles und Aischylos, sich wohl gedacht haben könnte, als er die Mörderin der eigenen Kinder zur Heldin seines Dramas erhob.

Ein bis heute faszinierender und zugleich psychologisch schwer zugänglicher Stoff. Christa Wolf hat einen Roman darüber geschrieben (Stimmen). Sie wurde im Westen von der Kritik gescholten. Es hieß, sie wolle den nicht emanzipierten, sich der Männerwelt anpassenden Westfrauen die Überlegenheit der selbständigen DDR-Frauen vorhalten. Ihre Medea, der in Korinth der Prozess gemacht wird, hält ihrer Zeit den Spiegel vor. Sie macht für die Leiden ihrer Zeit den ausbeuterischen Materialismus, das Festhalten an inhaltsleeren Hierarchien und den Fremdenhass  verantwortlich.

Heiner Müller hat in seinem Stück Zement einen Medeakommentar eingebaut. Bei ihm ist die weibliche Hauptfigur Dascha freilich keine Kindsmörderin, sondern im Gegenteil eine Kämpferin gegen die Not und Zustände, denen Kinder durch Hunger und Verelendung zum Opfer fallen.

Residenztheater München / MEDEA - hier : v.l. Carolin Conrad, Sandra Julia Reils, Nicola Mastroberardino, Aurel Manthei, Thekla Hartmann, Almut Kohnle © Sandra Then

Residenztheater München / MEDEA – hier : v.l. Carolin Conrad, Sandra Julia Reils, Nicola Mastroberardino, Aurel Manthei, Thekla Hartmann, Almut Kohnle © Sandra Then

Nun kann man es sich als Regisseurin oder Regisseur relativ einfach machen, in dem man das Geschehen als Ränkespiel der Götter, die die Menschen nach Belieben wie Schachfiguren hin und her schieben, darstellt. Der Zuschauer „beruhigt“ sich bei der Vorstellung, alles sei nunmal Schicksal, unbeeinflussbar, die auf der Bühne agierenden Figuren seien nur Beispiele für das grundsätzliche menschliche Drama, befänden sich in der Hand überirdischer Mächte: in ebenso undurchschaubare wie abgründige Pläne verstrickt.

Die dem Stück zugrundeliegende Mythologie gäbe für eine solche Interpretation Anlass genug. Reichen doch die Ursprünge des Dramas letztlich bis zu den kosmologischen Absichten Heras, der Gattin des Zeus´, zurück, die sich – so der Mythos – in der Schuld Jasons wähnt und diesen bei Medea zum Erfolg führt, wobei sie eine spontane Liebe zu diesem Mann in Medeas Herz senkte. Man verlässt das Stück, das sich beim Mythos beruhigt, letztlich ohne Folgen. Es geht nicht unter die Haut.

So leicht macht es sich freilich die Regisseurin Karin Henkel weder sich noch den Zuschauern. Sie veranlasst die Zuschauer zu bedenken, wer sie sind: böse, voller Vernichtungswillen und unglücklich. Oder gibt es etwa in der Menschheitsgeschichte krisenfreie, nur glückliche Zeiten?

Henkels Medea ist eine widersprüchliche, tragische Figur, liebende Mutter und Mörderin ihrer Kinder zugleich. Eine Verzweifelte und Unglückliche. „Der Trieb ist stärker doch als meine Einsichten. Der ja die Ursache der größten Übel ist für Sterbliche.“ (Medea in der Übersetzung von Paul Dräger, Reclamausgabe 2011)

Residenztheater München / MEDEA - hier : v.l. Aurel Manthei, Carolin Conrad, Paul Wressnig, Adam Boushib, Franziska Hackl, Nicola Mastroberardino, Michael Goldberg © Sandra Then

Residenztheater München / MEDEA – hier : v.l. Aurel Manthei, Carolin Conrad, Paul Wressnig, Adam Boushib, Franziska Hackl, Nicola Mastroberardino, Michael Goldberg © Sandra Then

Nun ist die Medea des Euripides – zugegeben – selbst bei größtem Pessimismus gegenüber dem Menschengeschlecht eine schwer begreifliche und psychologisch wie moralisch nicht leicht annehmbare Figur. Und eine widersprüchliche zumal. Sie liebt die Kinder, die sie tötet. Weil ihr Ehemann Jason, dem sie in Kolchis, ihrer Heimat, das Goldene Vlies durch eine Raubtat verschafft und den Tod des Bruders dabei in Kauf nimmt, dessen Leichnam sie zerstückelt und die Körperteile ins Meer wirft, weil also eben dieser Jason, für den sie aus ihrer Sicht nahezu übermenschliche Opfer brachte, sie verlässt. Als die Gefahr vorbei ist und Medea ihre Schuldigkeit getan hat.

Dabei hat sie mit Jason zwei Söhne. Auf der Flucht aus Kolchis (das heutige Georgien; „Barbarenland“ für die kultivierten Griechen der Antike) gelangen die beiden zunächst nach Thessalien, der Heimat Jasons, wo Jason, im Besitz des Reichtum verheißenden Goldenen Vlieses (im Widderfell bleiben angeblich die Goldstücke aus dem Meer hängen), den versprochenen Königsthron von Pelias beansprucht. Als dieser sich weigerte, tötet ihn Medea. Sie flieht mit Jason und den beiden Kindern nach Korinth, das von dem König Kreon beherrscht wird. Dort wendet sich Jason, der „für die Ehe überreifen“ Königstocher Kreusa zu –, aus politischem Kalkül, wie er geltend macht, nämlich der Sicherheit und des Wohlergehens der Familie wegen.

König Kreon will Ruhe im Land haben. Er weist die kritische und unbequeme Medea aus seinem Königreich, weil er in ihr eine Gefahr für den inneren Frieden sieht. Medea erbittet einen Tag Aufschub, der ihr von Kreon gewährt wird.

Unterdessen rechnet sie mit ihrem Mann ab. Sie wirft ihm Verrat vor. Als sie jedoch einen Racheplan schmiedet, in den die offene Feindschaft mit Jason nicht passt, ändert sie zum Schein ihre Meinung. Listig spiegelt sie Jason vor, ihre anfänglichen Vorwürfe gegen ihn nehme sie zurück, die Festigung seiner und seiner Familie Stellung in Korinth durch eine Heirat mit Kreusa erscheine ihr im Nachhinein als eine überzeugendes Gebot der Vernunft. Zum Beweis ihres Sinneswandels schickt sie ihre beiden Söhne mit einem Hochzeitsgeschenk zu Kreusa. Es handelt sich dabei um ein prächtiges Gewand. Medea hat es freilich zu einem todbringenden Kleid präpariert. Als Kreusa es begeistert anzieht, verbrennt sie. Auch der König Kreon, der der Tochter zu Hilfe eilt, erleidet den Tod.

Anschließend erdolcht Medea ihre beiden minderjährigen Söhne. Sie begreift die abgründige Tat als Teil ihrer Rache an Jason.  Er soll weder eine neue Frau noch Kinder aus der Verbindung mit Medea haben. Dabei ist für sie offenbar die Erwägung, durch die Tötung der geliebten Kinder sich am meisten selbst zu schädigen, nicht tathemmend.

(An diesen Umstand –, dies nur nebenbei –, schließen sich gewagte Theorien an. Medea erhält nämlich Besuch von dem auf der Durchreise befindlichen Aigeus, der seine Kinderlosigkeit beklagt. An seinem Beispiel soll Medea erst bewusst geworden sein, wie schwer ein Mann an der Kinderlosigkeit zu tragen hat. Jason soll es wie Aigeus ergehen)

Residenztheater München / MEDEA - hier : Carolin Conrad als Medea © Sandra Then

Residenztheater München / MEDEA – hier : Carolin Conrad als Medea © Sandra Then

Karin Henkel holt den Text von der göttlichen Höhe auf die Erde zurück. Es agieren normale Menschen, weder Halbgötter noch Götter. Ganz großartig gelungen bereits der Anfang. Die Kinder spielen auf der großen Bühne. Danach unterhalten sich die beiden Buben (Niklas Lorenzen und Moritz Reitenbach) im Kinderjargon mit der Amme (großartig komödiantisch Nicola Mastroberardino, der auch den etwas flatterhaften Aigeus schlaksig verkörpert), wie das am Anfang so war mit den Eltern. Die Mutter war total verliebt in den Vater, der Vater dann auch in die Mutter. Dann haben sie das goldene Vlies an sich gebracht und sind geflohen. Wie das eben so ist, bei den Erwachsenen, klauen und schnell abhauen.

Die Amme holt zum Beweis das Fell heraus und schüttelt den staubigen Lumpen, dass sie ständig niesen muss. Keine Spur von Mythos und unausweichlichem Schicksal. Vielmehr die Entmythologisierung des Mammons. Nicht mehr haben sie ergattert, die beiden Eltern, als ein stinkiges Fell, das, wie sich herausstellen wird, nur Unglück bringt. Die Buben begeben sich nach dem Gespräch mit der Amme auf eine kleine, in die eigentliche Bühne erhöht integrierte, Bühne und beschäftigen sich vor einem Gemälde oder Fresko mit antiken Darstellungen mit ihrem Spielzeug. Eine größere Kinderschar stellt sich danach auf der Bühne nebeneinander und führt knapp die Einführung in den Stoff weiter. Das alles ist sehr anrührend und lustig, besonders wenn sich das kleinste Mädchen mit einem Piepston einschaltet.

Das Drama entwickelt sich danach wie ein alltäglicher Streitfall. In der Folge postiert sich der Chor, bestehend aus lauter Kindern und Jugendlichen und ausschließlich aus Mädchen (Dominanz des Weiblichen?) im Zuschauerraum zu beiden Seiten auf und spricht zur Bühne hinauf. So erscheint rein von der örtlichen Anordnung her die ruhige, immer wieder die Vernunft und die Bedachtsamkeit anmahnende Rolle des Chors wie ein Zuruf aus dem Volk, hinauf zu den sich in Hass, Eifersucht und Mordlust verrennenden angeblich Großen, die ihr Geschick zum Weltschicksal erhöhen/aufbauschen. Ein sehr einleuchtender Gedanke.

Der Jason Aurel Mantheys agiert mit ruhiger, sich diplomatisch gebender und auf Ausgleich bedachter Argumentation. Insgeheim auf seinen Vorteil bedacht, die Sorge um Medea und die Kinder erscheint als Vorwand. Ein Politiker, der mit allen Wassern gewaschen ist. Der Typ des modernen Profitschacheres. Wobei er, das kommt erschwerend hinzu, der neuen Frau keinerlei Neigung entgegenbringt. Nicht die geringste Lust auf sie verspürt er: die Lust vergeht ihm, sagt er, wenn er sie nur anschaut.

Die Kreusa Fanziska Hackls gibt sich als lebenslustige, eben „zur Ehe überreife“ junge Frau, die sich wenig um die Sorgen und Gefühle Medeas kümmert. Keine Nachdenklichkeit trübt den Heiratswillen. Egoismus pur, Bedenkenlosigkeit. Während Michael Goldberg als Kreon eiskalt die Sorge um sein Königreich und den inneren Frieden im Land im Auge hat. Da ist für Mitleid oder Rücksichtnahme kein Platz.

Residenztheater München / MEDEA - hier : Carolin Conrad, Aurel Manthei als Jason © Sandra Then

Residenztheater München / MEDEA – hier : Carolin Conrad, Aurel Manthei als Jason © Sandra Then

Carolin Conrad ist indessen als Medea keine rachedurstige Megäre. Zuweilen wirkt sie nachdenklich und zögernd, keineswegs auftrumpfend und geifernd, eine liebende – und liebenswerte – Mutter und mehr dies, nämlich Mutter, als Rächerin. Sie streicht ihren Buben über die Köpfe und ihren Entschluss, die Kinder zu töten, muss sie sich aus dem Herzen reißen. Erst muss ich Rache an Jason üben, sagt sie sinngemäß, getrauert wird morgen. Man merkt ihr den Widerspruch an. Sie schadet sich mehr als dem Verräter Jason. Ein Frau, die jedoch außer sich ist, nicht mehr sie selbst. Vielleicht ist dies der einzige, die Zweifel beschwichtigende Zugang zu einer solchen Person.

Dass die Inszenierung diese Erwägung nahelegt, ist ihr Verdienst. Sollte sie freilich die Darstellung der Dominanz des Weiblichen im Auge gehabt haben, gar einen Protest gegen die Männerwelt, hätte es größeren Nachdrucks bedurft. Doch dies hätte den Eindruck von einer innerlich zerrissenen Frau, die in jeder Hinsicht psychologisch nachvollziehbare Ambivalenz ihrer Haltung beeinträchtigt.

Das elende Leben. Die ihrem Geschick ausgelieferten, ruhelos umherwandernden Personen waten in Gummistiefeln durch eine große Pfütze, die sich fast bis zum Bühnenrand erstreckt.

Was für eine Verarmung des Erdendaseins im Königshaus. Nässe. Nirgends ein Platz zum Ausruhen und zur freudigen Begegnung. Zuweilen gähnt im Hintergrund der Bühne eine Art unendlich langer, schwarzer Tunnel, an dessen Ende ein schwaches Licht flimmert. Ein eindrucksvoller fototechnischer Trick. In so einer Welt kann man sich nur verlieren: sich selbst und die anderen.

Getränkt mit Pessimismus ist dieses Stück. Die Inszenierung verheimlicht es nicht. Aber sie macht die wahren Schuldigen aus: die Menschen selbst. Die Frage nach der Heilung bleibt freilich offen. Wen wundert es?    –    Anhaltender und einhelliger Beifall

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Cuvilliés-Theater, Die drei Musketiere – ein wenig Alexandre Dumas, IOCO Kritik,

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Die Drei Musketiere – ziemlich frei nach Alexandre Dumas

 –   nicht „Alle für Einen“ und „Einer für Alle“, sondern „Eine für Alle“…-

von Hans Günter Melchior

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Da stehen sie also da auf der völlig leeren Bühne, die ihr Skelett zeigt, Heizung, Schalter, Vier stehen da statt Drei, Nicola Mastroberardino (D´ Artagnan), Michael Wächter (Athos, Grimaud). Max Rothbart (Porthos, Mousqueton) und Vincent Glander (Aramis, Bazin) und labern was das Zeug hält. Hin und her geht die Rede, Fetzen aus Dumas Roman, manchmal kaum verständlich, so schnell wird geredet, die ganze krude Geschichte in irgendwie danebengeredeter Kurzform –, und es sind halt nunmal Vier statt Drei, weil sie sich im Prügeln / Duellieren zusammengerauft haben wie die randalierenden Fußballfans zuweilen in den Stadien, wenn es gegen die Polizei geht, Solidarität der Unterdrückten gegen die Staatsmacht – oder so, die Assoziationen haben freien Lauf und sie laufen so schnell wie das ganze Stücke, hoppladihopp, was für ein Tempo.

Stepptanz perfekt. Die Burschen können das.

Die drei Musketiere – ein wenig nach Alexandre Dumas
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Das Genaue, überhaupt der hohe Ton, spielt keine Rolle, geboten wird Slapstick, Performance, Commedia dell arte, Witz und Unterhaltung – und dazwischen auch mal furchtbarer Tiefsinn, der aus dem Grundsätzlichen schöpft.

Die Zuschauer gehen mit, die Mäuler sind offen und kaum noch zuzukriegen vor Lachen und Begeisterung, vor allem die jungen Leute im Publikum – sie sind in der Mehrzahl – ergötzen sich an diesem leicht dahingeworfenen Sprach- und Bewegungsspiel, das durchaus gekonnt ist und nach anfänglichem halbliterarischem Dünnschiss langsam auf Touren kommt und sich zu einer Komik steigert, die auf ihre Art Format hat.

Kein Bühnenbild also, ein quasi-leerer Raum, gefüllt mit Gelaber bis unter die Rokoko-Decke…, ach ja, sowas halt auch: zwei Zuschauer kommen zu spät, einer der Vier unterbricht seine Rede, aha, ihr kommt zu spät, nehmt nur Platz, braucht nicht zu stehen, sollen wir nochmal anfangen? –, so geht es dahin, dass einem die Wörter nur so um die Ohren fliegen und man höllisch aufpassen muss, alle Anspielungen mitzukriegen. Du hast ja da und dort mitgespielt, sagt der eine zum anderen, im Amphitryon (Insider wissen das), und der andere: ach so, und dann kommt wieder ein Stückchen Dumas, diese Geschichte von der Königin Anna von Österreich, die sich mit einem gewissen Engländer namens Buckingham auf eine Nacht einlässt und dem Geliebten zwölf Diamanten zum Andenken schenkt.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und hinter allem steht der gewiefte Kardinal Richelieu, ein gelernter Intrigant und religiöser Spitzenpolitiker – Sie erinnern sich?, nein?, dann lesen Sie schleunigst in dem Schinken von Duma nach –, und dann, wollte ich sagen, droht die ganze Chose aufzufliegen, als Richelieu nämlich dem König ein Fest einredet und ihm dringend empfiehlt, von seiner Gattin zu verlangen, sie möge mit ihren Diamanten erscheinen. Die sich, die Diamanten natürlich, in Händen von Buckingham befinden. Was die vier Musketiere oder Muske-Tiere, drei in Clownsblau, der Hinzugekommene D´Ártagnan in einem Clownsgelb in ein Beratungsdilemma stürzt, wer fährt oder: wer bleibt da?, da alle fahren wollen. Wahrscheinlich wegen der Dame. Egal, einer fährt, Buckingham lässt zwei Diamantenspangen nachmachen, die Sache hat ihre manipulierte Ordnung, man kennt ja von ungefähr die Geschichte, die Königin ist gerettet. Musketiere braucht die Welt, Raufbolde ohne eigentliche Weltanschauung…

Und weiter geht es im Galopp, Radetzky-Marsch, die Vier spielen Pferd, reiten auf der Bühne auf imaginären Lippizanern, ein urkomischer Höhepunkt, commedia dell arte comme il faut, man hält sich den Bauch vor Lachen, wie die Vier taktgerecht über die Bühne traben und sich gestisch in Pferde verwandeln, vorgereckte Hälse, stilgerechter Trab –, als ob das mit echten Pferden nicht schon komisch genug wäre.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und dann wieder eine Runde Tiefsinn, die schwerwiegende Frage, wer von Euch –, so dem Publikum wie Lebenssinn in die lachbereiten Köpfe so ganz von Ungefähr eingeträufelt –,  also: wer von Euch würde um einer Idee oder einer Liebe willen sein Leben opfern? Worauf natürlich Schweigen antwortet, wer zu schwierig fragt, bekommt keine Antwort, zu sowas braucht man doch Zeit, oder?…, kommt drauf an, könnte man zur Bühne hinaufrufen, aber das ist ja gerade die Frage, ob es sowas gibt, wo man sagen könnte: kommt drauf an. Der Schiller wusste da eine Antwort „das Leben ist der Güter höchstes nicht“, aber die Vier Musketiere doch nicht und schon gar nicht die Pferde. Und erst die Zuschauer –, also bitte, gerade hat man sich doch zurückgelehnt und muss jetzt den Lachreiz zähmen.

Und dann noch die allfällige existentielle Verdoppelung, schizophren, die schwierigste aller Situationen, „ich besteige das Pferd, das ich bin“, alles so nebenbei und dahingesagt im Stehgreif-Theater, dass man mit dem Nachdenken nicht nachkommt. Und dann entdecken zwei der drei Muske-Tiere auch noch, dass sie mit derselben Frau zusammen waren. Da kehrt sich der Wahlspruch flugs um: nicht Alle für Einen und Einer für Alle, sondern Eine für Alle…

So ein Abend muss ja auch mal sein, also ehrlich, man sollte zuvor ein und zwei Gläser Sekt trinken, um so richtig reinzukommen. Auch wenn man schon älter ist und nicht versteht, wer mit Pacman, dem Früchtefresser, gemeint ist –, aber da hilft einem der Enkel aus, der einem ins Ohr flüstert, weiß du denn das nicht, was bist du nur für ein Mensch. Cool.

Der Schluss verzögert sich leicht, die Vier schleppen in den Beifall hinein alles, was halbwegs nach Requisiten aussehen könnte, auf die Bühne, eine Absperrung, ein Gitter, Körbe oder so, und sie springen mit leichtathletischer Behendigkeit (überhaupt: das sind echte Sportler!) in der Schlussphase herum „wollt ihr nochmal das Pferd sehen“, und die Zuschauer: jaaa, und wieder der Radetzky-Marsch und die Pferdenummer.

Ach ja, und gefochten wird ja auch noch, recht meisterhaft, wie das aussieht, richtig gefährlich, als flögen die Fetzen, man hat richtig Angst, dass sie sich die Augen ausstechen, die vier Teufelskerle da auf der Bühne, die ihren Spaß haben, man sieht es ihnen an –, und wer weiß, ob sie überhaupt über einen Text verfügen, vermutlich nicht im strengen Sinn, und wenn ja, fragt es sich, ob sie sich daran halten, commedia dell arte eben.

Und anschließend ist noch ein Glas Sekt fällig, ist doch klar, um die Pointen herunterzuspülen, während der Enkel eine Cola bekommt und die Anleihen aus den Computerspielen erklärt. Prost!

Die drei Musketiere des Residenztheaters; aufgeführt im Cuvilliéstheater; die weiteren Vorstellungen 5.2.; 6.2.; 24.2.; 1.3.2020

Bearbeitung  Antonio Latella und Federico Bellini, Inszenierung, Raum und Musik Antonio Latella, Kostüme Simona D´Amico, Choreografie und Kampftraining Francesco Manetti

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