München, Residenztheater, Junk – Schauspiel Ayad Akhtar, IOCO Kritik, 27.04.2018

April 27, 2018  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Junk  – Schauspiel von Ayad Akhtar

Die Geldreligion

Von Hans-Günter Melchior

Da wuseln und wimmeln sie im Höchsttempo aus einem meist dunklen Hintergrund und einem aus Stahlverstrebungen, Längs- und Querkonstruktionen wie symbolische Verwirrungen bestehenden Raum, ein aufgebrochenes Schwein hängt von der Decke, die Bühne dreht sich, Wörter fliegen vorbei. Die geschlachtete und ausgeweidete Kreatur (die Opfer der Börse?, des Systems?), quiekt und schreit in der Gestalt von ihrer Gier ausgelieferten Maklern und Managern und Spekulanten, du meine Güte, wer will hier wen betören oder überreden? Wow, möchte man neudeutsch ausrufen, wenn ich da nur irgendwie hinterherkomme, hinter all den Gedankenkonstrukten und Einfällen.

Was läuft hier, was läuft sich hier selbst davon, fragt man sich. Die Handelnden reden und stolpern fast über die eigenen Worte und Gedanken, gestikulieren und argumentieren, verhaspeln sich wie unter Drogeneinfluss und wissen kaum wohin mit der Profitsucht. Selbst ein Gericht brauchte da mehr als zwei Stunden.

Gott ist tot, es lebe der neue Gott, das Geld, das große Geld, das hier auch noch bewusst in Widersprüche verwickelt wird – vom Autor, der Regisseurin, den konstruierten Umständen – und gar nicht mehr herausfinden will aus dem Urwald von Spitzfindigkeiten.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Aber von vorne: Robert Merkin (Till Firit), Jude mit Identitätsproblemen, eine Figur, die an den König der sogenannten Junk-Bonds Michael Milken erinnert, betreibt das zweifelhafte Geschäft der feindlichen Übernahmen (ein Geschäft übrigens, das völlig „legal“ im deutschen Wirtschaftsleben Karriere machte: UniCredit/ HypoVereinsbank, Vadofone/ Mannesmann u.v.a.) Er bietet im Verein mit hektischen Investoren – nicht anders als weiland Michael Milken, der daraus ein System entwickelte und sagenhaft reich wurde – den Aktionären seines Widersachers Thomas Everson Jr. (Oliver Nägele), Firmeneigner mit Familientradition, Traumkurse auf die Aktien und Anleihen an, um sie auf seine Seite zu ziehen. Hat er auf diese Weise die Firma an sich gerissen und ist hochverschuldet, kümmert ihn das wenig, denn Schulden sind gut, weil die Schuldner von den Gläubigern gehätschelt werden, um irgendwann doch noch zahlen zu können. Die Firma wird, ebenso irgendwann, nach bewährtem Rezept verscherbelt, zur Kreditschöpfung verwendet, demontiert, was auch immer. Jedenfalls rentiert es sich am Ende, man braucht nur einen langen Atem, 50 Jahre etwa, irgendwann ermüden selbst die gläubigsten Gläubiger. Flankiert wird die Heuschrecke im Stück von seiner rührigen Frau Any Merkin (Katrin Röver), die noch weniger Skrupel als er hat. Trump hat das angeblich so gemacht und macht es noch immer, und er ist dabei reich und mächtig geworden. Ein bißchen Lieschen Müller, vielleicht Dr. Lieschen Müller ist dabei anwesend, sie flüstert den Zuschauern Märchen ins ungläubige Ohr.

Der Firmeneigner jedoch, ein Konservativer, der an die Verantwortung der Eigentümer und deren Initiative glaubt, bleibt verzweifelt zurück: auf dem Müllhaufen der ökonomischen Vernunft, die sich als neue Religion etabliert hat. Er erschießt sich, von allen guten Geistern der alten ausbeuterischen, kapitalistischen Ordnung verlassen. Mitleid muss man mit ihm nicht haben. Hat er doch seinen Reibach gemacht.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Wie das alles aber ganz genau vor sich geht? So differenziert aufgedröselt, dass man die Methoden etwa zur Grundlage eines Strafprozesses machen könnte? Oder auch nur einigermaßen mit juristischer Akribie verstehen, nachvollziehen könnte? So, dass ein Staatsanwalt einen Akt mit der Überschrift Betrug anlegt?

Ach was. Darum schert sich dieses Stück wenig. Es wird eine beträchtliche Menge an Personal aufgeboten (unter ihnen solche Könner wie Manfred Zapatka als Leo Tresler, als vorteilsanfälliger Finanzfachmann, Philipp Dechamps als Kevin Walsh u.a.), die vom feindlichen Übernehmer angeworbenen oder vom Profit angelockten Investoren und Spekulanten treten in hektischen Diskussionen auf, sie gieren nach Anleihen wie am Verhungern.

Es wird viel geredet in Akhtars und Tina Laniks Stück, furchtbar schnell, die Stimmen überschlagen sich, dass man als Zuhörer und Zuschauer kaum mitkommt vor lauter Geschwurbel und findiger Argumentation. Listen und Finten, die von hinten durch die Brust ins linke Auge gehen sollen, auf Aha-Effekte zielen. Man weiß schließlich nur: da ist etwas faul, furchtbar faul und verdammungswürdig und es kennzeichnet den Zustand einer, unserer, Gesellschaft, eines Systems, das moralisch verkommen dem Untergang zutreiben muss.

Auf der Strecke bleiben dabei – nicht zu Unrecht – die alten und ausbeuterischen Firmeneigentümer, vor allem aber – diese freilich zu Unrecht – die Arbeiter (Arnulf Schumacher, als Gewerkschafter Jerry, der die bittere Klage der Benachteiligten vorträgt), die Malocher, die in die Röhre schauen und schäbig genung scheinentschädigt werden. Dass sich der Everson, Eigentümer des von den Heuschrecken zerfledderten Unternehmens, am Ende erschießt, nimmt man noch hin, nicht aber die Niederlage der unschuldigen Beschäftigten.

Residenztheater München / Junk - hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Junk – hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Ein Staatsanwalt (Michele Cuciuffo als Guiseppe Addesso) greift immerhin den Falles auf, wie ja auch Milken ein lauwarmer Prozess ohne eigentliche Folgen gemacht wurde. Im Stück bleibt höchst unbestimmt die Frage offen, was eigentlich von strafrechtlicher Relevanz sein soll, weswegen genau ermittelt wird, das, was jedenfalls in atemberaubendem Tempo dahergeschwätzt wird, reicht nicht einmal zur Eröffnung irgendeines Hauptverfahrens aus. So ist die Inhaftierung Merkins nicht mehr als eine Behauptung. Herauskommen wird nichts, das weiß man von vornherein.

Die Journalistin Judy Chen (Cynthia Micas) will aus dem turbulenten Geschehen eine spannende und erhellende Geschichte machen. Aber sie wird gekauft, von einem Millionenbetrag korrumpiert, verzichtet sie auf ihre hochfliegenden Pläne.

Leider erkennt man den zu Recht hochgeschätzten Autor von „Geächtet“ kaum wieder. Dieses mehrfach ausgezeichnete Stück entwickelte dramaturgisch überzeugend einen Konflikt mit logischer Konsequenz. In Junk aber hat alles Dahergesagte etwas Deklamatorisches, sich Überschlagendes, es wird so eilig und überhitzt vorgetragen, als fürchteten Autor und Regisseurin die Einwände der Zuschauer, als wollten sie für Nachfragen erst gar keine Zeit lassen, Gegenargumente abwürgen, wo es gar keine gibt. Das Thema ist hochkomplex, es handelt von einem Kapitel der Wirtschaftskriminalität und ist pure Systemkritik, ihm ist nur mit der kalten Analyse einer strafrechtlichen und gesellschaftsrelevanten Beurteilung kompetent beizukommen.

Der Kopf schwirrt einem nach diesem Abend. Aber keine Klarheit vertreibt die Wortwolken. Das Thema ist einfach zu schwierig, man hat sich überhoben. In zwei Stunden lässt sich so ein Thema nicht über die Bühne jagen.

Junk – Residenztheater München, weitere Termine: 28.4.; 2.5.; 13.5.; 22.5.; 3.6.; 17.6.2018

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

 

München, Residenztheater, Richard III von William Shakespeare, IOCO Kritik, 02.02.2018

Februar 2, 2018  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Richard III von William S. Shakespeare

Ich bin ich“

Von Hans-Günter Melchior

Das ist nicht einfach die Nacht. Das ist in sich gefärbtes Schwarz, ein Schwarz wie eine Gemütskrankheit, das von der Bühne aus auf den Zuschauer eindringt und als schwerer Schatten auf seiner Seele zu lasten beginnt. Und ganz hinten, aus der Tiefe des Bühnenraums auftauchend, glimmt näherkommend das Blutrot einer Plastiktüte, mit der Richards Opfer erstickt werden. Dazu eine düstere Musik (Bert Wrede), die Leid ins Leiden träufelt, atonal, dunkel und schwebend das Schwarz grundierend.

Was für ein brillanter Einfall. Man spürt sofort: hier wird das menschlich Abgründige in der Gestalt eines – vor allem seelisch – Verkrüppelten verhandelt, einem Scheusal, das sich am Ende vor sich selbst zu fürchten scheint. Erst als Richard erledigt ist, wird es ein wenig heller.

Residenztheater München / Richard III - hier v.l. Charlotte Schwab als Herzogin von York, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth, Norman Hacker Richard III, Sibylle Canonica als Margaret © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III – hier v.l. Charlotte Schwab als Herzogin von York, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth, Norman Hacker Richard III, Sibylle Canonica als Margaret © Matthias Horn

Shakespeares bluttriefendes Drama. Sein Pessimismus. Der Verstand, so kann man herauslesen, ist moralisch neutral. Nichts weiter als eine Funktion, die sich auf die Methode der Logik stützt. Wenn der Mord aus rationalen Gründen vorteilhaft ist, dann wird eben gemordet, so die beängstigende Lehre, die sich an die Erkenntnisse der vernunftkritischen modernen Philosphie hält.

Unter Michael Thalheimers Regie ist die von Olaf Altmann arrangierte Bühne eine Hauptdarstellerin. Der Boden ist mit einem zerstückelten Material bedeckt, Papierfetzen oder was auch immer, mehr Müll als sicherer Untergrund. Auf ihm wandeln geisterhaft, marionettenähnlich die Darsteller, ihrem Grauen ausgeliefert und wie von den Scheinwerfern aufs Schwarz gezeichnete Lemuren. Zuweilen wirken sie auch wie aus einer schwarzen Folie herausgeschnitten, in Schreckensstarre stehengebliebene Fotografien, eindringlich, symbolhaft…

Ein insgesamt großer Abend. Die negative Kritik der großen Zeitungen wirkt mäkelig, oberflächlich und ist unberechtigt:  Als hätte man sich abgesprochen.

Widerspruch gegen diese Kritik ist veranlasst: Thalheimer ist ein großer Regisseur. Und er hat in Norman Hacker einen großen Schauspieler für die Titelfigur ausgewählt, einen Mimen, der alle Schattierungen der Seelenzustände beherrscht, vom Aufbegehren und Zynismus bis zum Wahnsinn, oft in einem Satz abrupt die Stimmung wechselnd, vom Hochmut in die Depression und von der Depression in das manische Irresein verfallend.

Residenztheater München / Richard III - hier v.l. v.l. Norman Hacker als Richard III und Thomas Schmauser als Herzog von Buckingham © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III – hier v.l. v.l. Norman Hacker als Richard III und Thomas Schmauser als Herzog von Buckingham © Matthias Horn

Vielleicht ist der Ton ein wenig zu forciert, zu hoch angelegt, dass man an einigen – wenigen – Stellen den Text vor Geschrei kaum noch versteht. Die flüsternden und taktierenden und intrigierenden Scheusale sind vielleicht gefährlicher. Jedoch selten. Machten etwa Stalin und Hitler, besonders letzterer ein Schreihals, aus ihrem Machtwahn einen Hehl? Und was ist mit Erdogan und diesem unsäglichen Kim aus Nordkorea? Schreier allesamt, die die eigenen Einwände überschrien bzw. überschreien.

Die Inszenierung hält sich freilich mit aktuellen politischen Anspielungen zurück. Platte Bezugnahmen auf die Tagespolitik sind auch nicht nötig. Ein gedämpfterer Tonfall wäre vielleicht – für den örer – HHHH Hörer – hilfreich gewesen, geboten oder gar von der Thematik erzwungen ist er indessen nicht. Shakespeares Stück ist nunmal eine einzige Allegorie fiebriger Machtbesessenheit und triebhafter Egomanie. So konsequent, dass sie sogar Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt. Welchem Machthaber, mag er noch so unangefochten sein, gelänge es schon, die Frau oder die Schwester der von ihm Ermordeten zu heiraten? Das überstiege selbst die unverschämtesten Erwartungen eines Tyrannen.

In der – insoweit von Thalheimer freilich gekürzten – shakespeare´schen Originalfassung verliert die Realität zum Schluss folgerichtig ihre Konturen, die Linien verwischen sich ins Traumhaft-Irreale: z.B. wenn Richard III und seinem gegen ihn vorrückenden Feind Richmond vor der entscheidenden Schlacht Geister erscheinen, die das Ende, Richards Untergang und Richmonds Sieg, seherisch vorwegnehmen.

Ein Wort des Einwands freilich gegen Schluss der Inszenierung: er ist deren einzig wirkliche Schwäche, einmal abgesehen davon, das die Übersetzung von Thomas Brasch hinter dem tiefsinnigen und literarisch eleganten Deutsch von August Schlegel zurückbleibt. Enttäuschend ist vor allem der Umstand, dass Richard das berühmte Zitat „Ein Pferd! ein Pferd! mein Königreich für´n Pferd!“ ohne Zusammenhang mit dem konkreten Kampfgeschehen herunterleiert, als sage er sich: das muss unbedingt noch kommen, sonst sind die Zuschauer beleidigt. Man versteht zwar den Regisseur: was soll die Zitatenhuberei will er uns sagen. Dennoch steht dieser Ausspruch für die kreatürliche Not eines besiegten Wahnsinnigen, den die Realität wie mit einem Würgegriff überfällt.

Residenztheater München / Richard III © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III © Matthias Horn

Ich bin ich“.  Bin ich denn so?, fragt man sich. In einem irren Wort- und Gedankenwirbel lässt Thalheimer seinen Richard diesen und inhaltlich ähnliche Sätze formelhaft in Kopf und Mund hin und her drehen und herunterrasseln –; und es kommt immer das Selbe heraus: ich bin der, der ich bin. Nichts weiter. Ich bin das nicht erfolgreich gezähmte Tier im Kampf aller gegen alle (Thomas Hobbes: bellum omnium contra omnes).

Eine sehr feine Pointe der Inszenierung. Selbst Richards großspuriges Projekt der – negativen – Charakterbildung ist kläglich gescheitert. Will er doch am Anfang wenigstens dies sein: ein Bösewicht (in Schlegels Übersetzung: „Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter/ Kann kürzen diese fein beredten Tage/ Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden“). Ein Charakter, mit Eigenständigkeit und inhaltlicher Originalität ausgestattet, wenngleich auch ein schlechter, abgründiger Charakter, wäre nach Kant der Freiheit wenigstens näher gewesen als ein Charakterloser. Dieser Richard aber hat nicht einmal einen schlechten Charakter. Er kommt, konzeptionslos, wie er ist, über die Leerformel „Ich bin ich“ nicht hinaus, seine Pläne drehen in sturer Wiederholung, im Ausgeliefertsein an die Bestiennatur durch. So ist er nichts weiter als ein böser Maniker, der sich um die eigene Achse dreht.

Ein hoffnungsloser Befund.

Glaubwürdiger als von Norman Hackers Richard in der Inszenierung von Michael Thalheimer kann das kaum vermittelt werden. Das übrige Ensemble assistiert in gewohnter Bravour, hervozuheben wäre der Catesby von Marcel Heuermann.

Dankbarer Beifall – zu Recht.

Richard III im Residenztheater München, weitere Vorstellungen:  So  25. Feb 18, 19:00 Uhr, Mo 26. Feb 18, 19:00 Uhr, Di 20. Mär 18, 19:00 Uhr, Mi 21. Mär 18, 19:00 Uhr, Di 27. Mär 18, 19:00 Uhr, Mi 28. Mär 18, 19:00 Uhr

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Heilig Abend – Daniel Kehlmann, IOCO Kritik, 27.01.2018

Januar 29, 2018  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn 

Heilig Abend  –  Daniel Kehlmann

 „Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr“

Von Hans-Günter Melchior

Da hat sich Daniel Kehlmann sehr viel vorgenommen. Aber nicht alles eingelöst.

Der Polizist Thomas (Michele Cuciuffo), Opfer und Täter des Systems, dem er dient, nimmt die Philosophieprofessorin Judith (Sophie von Kessel) aus einem Taxi heraus unter dem Verdacht fest, zusammen mit dem von ihr geschiedenen Ehemann Peter einen terroristischen Anschlag zu planen. Er weiß so ziemlich alles über das Paar, insbesondere, dass auf Judiths Computer Baupläne über Bomben gefunden wurden und dass die Beschuldigte, Inhaberin eines Lehrstuhls, sich mit dem Theoretiker der „Entkolonialisierung“ Frantz Fanon beschäftigt. Frantz Fanon (geb. 1925 in Martinique, gest. 1961 in Maryland/USA; „Die Verdammten dieser Erde“ u.a.) rief als Aktivist im Algerienkrieg die kolonisierten Völker zu Befreiungsaktionen auf, wobei er „alle Mittel, die Gewalt natürlich eingeschlossen“ einzusetzen forderte.

Residenztheater München / Heilig Abend - hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thomas Aurin

Residenztheater München / Heilig Abend – hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thomas Aurin

Das von Thomas Birkmeir inszenierte Stück findet auf einer Bühne statt, die einen Raum zeigt, der einer abriss-reifen Baustelle gleicht. Die Wände bestehen aus halb zerrissenen und herabhängenden Plastikplanen. In dem Vernehmungszimmer befinden sich außer einem Waschbecken noch einige Stühle. Über der Bühne hängt eine Digitaluhr, die zu Beginn die Zeit 22:30 Uhr anzeigt. Das Stück spielt an Heilig Abend, es dauert genau 90 Minuten, endet in der gespielten Zeit also um 24.00 Uhr. Nach dem Gesetz soll dies offenbar der vom Autor intendierte Zeitpunkt sein, an dem die vorläufige Festnahme durch die Polizei endet und die Beschuldigte einem Richter vorzuführen ist. Mehr noch: es ist die zur möglichen Katastrophe hin laufende/ablaufende Zeit.

Die Vernehmung gestaltet sich schwierig. Die Beschuldigte Judith wehrt sich gegen die Festnahme, verlangt mehrfach nach einem Rechtsanwalt. Der Polizist Thomas ignoriert lange ihren Wunsch. Überhaupt muss er sich mehrere schwerwiegende Gesetzesverstöße vorwerfen lassen:

– er belehrt die Beschuldigte nicht über ihre Rechte, insbesondere nicht darüber, dass sie nicht verpflichtet ist, eine Aussage zur Sache zu machen.

– erst nach und nach und keineswegs am Anfang teilt er ihr, und dies auch eher mittelbar, den Gegenstand der Vernehmung mit. Lange ist sie sich im Unklaren darüber, was ihr eigentlich konkret vorgeworfen wird.

– er wird im Laufe der Vernehmung tätlich, schlägt die Beschuldigte zu Boden.

– er versucht, sie zu einem Geständnis zu nötigen, indem er ihr ankündigt, ohne dieses käme sie nie aus dem abgeschlossenen Raum. Er stellt das Geständnis geradezu wie eine Verpflichtung dar. Außerdem erklärt er ihr, im Nebenraum werde ihr ehemaliger Ehemann Peter vernommen. Seinen Äußerungen kann entnommen werden, dass dieser bereits ein Geständnis oder ein weitgehendes Geständnis, das die Beschuldigte mitbelastet, abgegeben hat. Damit wird das sogenannte Gefangenendilemma strapaziert: zwei Mitbeschuldigte werden einer Sache getrennt vernommen, keiner weiß, was der andere sagen wird, ob der ihn belastet, ob er selbst gestehen soll, um sich einen Strafbonus zu verschaffen oder leugnen usw.

– er stützt sich auf Erkenntnisse, die offenbar Ergebnis eines Lauschangriffs sind, von dem man nicht weiß, ob dabei die gesetzlichen Vorschriften beachtet wurden.

Nun ist ein Theaterstück kein juristisches Seminar. Es wäre beckmesserisch, sich mit den rechtlichen Einzelheiten zu beschäftigen, diese der literarischen Qualität des Stücks überzuordnen, beschäftigte sich das Stück selbst nicht lange, viel zu lange gerade mit den Rechtsfragen (da ist der Autor ohnehin auf juristischem Eis ein wenig ausgerutscht). Immer wieder kommt die Beschuldigte Judith auf ihre Rechte zu sprechen, immer wieder verlangt sie einen Rechtsanwalt, lange macht sie zu dem klarer werdenden Vorwurf keine konkreten Angaben.

Nun muss man wissen, dass die Polizei berechtigt ist, einen Tatverdächtigen vorläufig festzunehmen. Nach Ablauf von 24 Stunden ist dieser dem Ermittlungsrichter vorzuführen, der auf Grund der ihm von der Polizei vorgelegten Unterlagen, als der bisherigen Ermittlungsergebnisse, über die Haftfrage zu entscheiden hat. Erst bei der richterlichen Einvernahme hat der Beschuldigte Anspruch auf Anwesenheit eines Rechtsanwalts. Der aber ist an Heilig Abend schwer zu erreichen.

Die Kernfrage, nämlich die Anwendung von Gewalt im Rahmen der Verwirklichung revolutionärer Pläne, streift das Stück lediglich. Die Beschuldigte Judith führt die Zustände im afrikanischen Niger in den Streit mit dem Polizisten ein. Dort, so ihr Argument, werde durch den ausbeuterischen Uranabbau das Grundwasser verseucht, was die Einwohner zwinge, ihr Land zu verlassen. Hier wäre eigentlich ein theoretischer Ansatz, sich vertiefende Gedanken über das Recht zur Anwendung von Gewalt und die humanitären Grenzen des Widerstands zu machen. Und über die Frage der sozialen Gerechtigkeit, das Problem der gerechten Verteilung der Güter, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Ein weites Feld. Da hält sich Kehlmann – bewusst, wie er im Programmheft behauptet – heraus.

Residenztheater München / Heilig Abend hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thoma

Residenztheater München / Heilig Abend hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thoma

In einer kurzen Nebenbemerkung weist zwar die Beschuldigte – entgegen Fanon – Gewaltanwendung zurück, wenn es dabei zu Menschenopfern kommt. Es könnte dies eine taktische Einlassung sein. Die Frage bleibt offen. Denn gleich darauf schweift das Gespräch in private Dinge ab, wendet sich der Frage zu, ob die Beschuldigte ihren ehemaligen Mann noch immer liebt und dergleichen.

Erst am Schluss rückt Judith ziemlich unvermittelt und überraschend mit einem umfassenden Geständnis heraus, wobei sie die Hauptschuld übernimmt. Danach zieht sie aus ihrer Hose eine Pistole (ein völlig unwahrscheinlicher Waffenbesitz, da Festgenommene gründlich durchsucht zu werden pflegen) und tötet sich, genau um 24.00 Uhr, mit einem Schuss in den Mund…

Der Eindruck, den dieser Abend hinterlässt, ist bei aller Meisterschaft der schauspielerischen Darstellung durchaus zwiespältig. Man geht mit dem Gefühl aus dem Theater, dass hier eine Chance vertan wurde, so sehr auch manche sprachlichen Wendungen literarisch zu überzeugen vermögen.

Wollte Kehlmann beweisen, dass die Vernehmungsmethoden schlimmer sind als der mögliche Terror selbst? Dann hätte er freilich weit übertrieben.

Schön ist allerdings die Idee mit der auf der sichtbar platzierten großen Uhr ablaufenden Zeit. Eine High Noon -Assoziation. Es ist unsere aktuelle Zeit, aber auf welche Katastrophe bewegt sie sich konkret zu? Das wäre ein nahezu unerschöpfliches Thema. Frantz Fanon wusste bereits ganz genau, was getan werden sollte.

Heilig Abend  von Daniel Kehlmann, weitere Vorstellungen am Residenztheater: 2.2.2018; 16.2.2018;3.3.2018; 14.3.2018

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Mauser von Heiner Müller, IOCO Kritik, 02.12.2017

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

 Mauser von Heiner Müller

„Die Menschwerdung des Menschen“

 Von Hans-Günter Melchior

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich: Sie besuchen ein Stück, das und dessen Autor Sie einigermaßen zu kennen glauben und dem Sie sich gewachsen fühlen. Und dann geraten Sie in ein Minenfeld von Theorien und Meinungen, von formalen Besonderheiten und Experimenten und es wird ein richtig schwieriger Abend, aus dem Sie nur schwer einen Weg hinaus in eine rationale Erklärung finden.

So kann es Ihnen bei dem Stück Mauser von Heiner Müller in der Inszenierung Oliver Frljic´s im Marstalltheater in München widerfahren.

Ein Lehrstück? Vielleicht. Vielleicht auch nur ein Stück zum Nachdenken, das sein aggressives Lehr- und Lernziel, sofern es eines hat, verfehlt. Weil es an Selbstzweifeln leidet. Weil es zwischen Revolution und Evolution schwankt und sich unter diesem großen Fragezeichen duckt. Und damit die Frage offen lässt.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Es handelt vom russischen Bürgerkrieg, der mit der Oktoberrevolution von 1917 begann und mit der Gründung der Sowjetunion 1922 endete. Mauser oder einfach A muss sich vor einem Revolutionstribunal verantworten, weil ihm das Töten zum Selbstzweck wurde, für ihn eine „Arbeit wie jede andere“ ist, die sich vom revolutionären Ziel gelöst hat. Es wird ihm (von einem Chor) angesonnen, geradezu einsichtig in seine Hinrichtung einzuwilligen.

Aber er, der seinen Vorgänger B exekutierte, weil dieser aus Mitleid konterrevolutionäre Bauern laufen ließ, will leben. Er pocht darauf, ein Mensch zu sein. „Ein Mensch – Was ist das?“ fragt widerständig das Stück. Steht der Mensch am Ende der Revolution als dessen Ergebnis? Oder wird er von der Revolution als Humanwesen geopfert? Und: ist dieses Opfer also sinnlos, weil am Ende der Revolution nichts weiter als die Revolution selbst steht, die sich zum einzigen Ziel des Kampfes gemacht hat? Kann man Humanität durch Inhumanität, durch Terror erkämpfen? Heiligt der Zweck die Mittel und bleibt letztlich der Zweck in den Mitteln stecken? Ein Fragengebirge, das den frommen Himmel ideologischer Selbstgewissheiten kratzt.

„Das Gras müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt“, heißt es mehrfach im Stück. An diesem inneren Widerspruch leidet die revolutionäre Theorie. Denn durch das Ausreißen verdorrt gerade erst das Gras.

Brecht fand in seinem Stück Die Maßnahme noch eine eindeutige Antwort: der echte Revolutionär stimmt bedingungslos seiner Hinrichtung zu, weil er gegen seinen revolutionären Auftrag verstoßen hat. Heiner Müller zögert hingegen mit der Antwort…

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

In der Regie von Oliver Frljic´ überwiegen indessen die implizierten formalen Elemente des Stücks. Ziel, so Müller in Anlehnung an Brecht, ist es nicht, die Zuschauer zu belehren, diese sind grundsätzlich sogar entbehrlich. Vielmehr sind es die Schauspieler selbst (und im Wesentlichen allein diese), die im Vollzug des Spielereignisses aus dem Stück Erkenntnisse gewinnen. Dieser Absicht dient auch der Umstand, dass die Rollen ständig wechseln. Jeder Schauspieler schlüpft gleichsam im Wechsel in die Rolle eines anderen, um aus der Perspektive des Anderen zusätzlichen Erkenntnisgewinn zu erzielen.

Sofern Zuschauer sich eingefunden haben, zwingt dies freilich zu den erkenntnisvermittelnden Aktionen des sogenannten performativen Theaters. Konkret heißt das, dass Interaktionen zwischen Zuschauern und Schauspielern stattfinden. Die Schauspieler verlassen den künstlerischen Sakralraum der Bühne und wenden sich direkt an einzelne Zuschauer, mit denen sie zumindest symbolisch interagieren. Während auf bzw. hinter Bühne das überdimensionale Gesicht Heiner Müllers (ein bekanntes Foto) mit der obligatorischen Zigarre das Geschehen beobachtet. Auf der Bühne selbst befindet sich außer einigen Utensilien aus der proletarischen Romantik, z.B. ein Holzpflug, nur eine gelegentlich hereingefahrene Pritsche, auf der „lebendige“ oder zum Leben erweckte Leichen liegen und zu spielen anfangen.

Mauser von Heiner Müller: Weitere Vorstellungen
Marstall – 11.12.2017 – 12.01.2018

In mehr als der Hälfte des Stücks sind die Schauspieler (allesamt großartig und bewundernswert virtuos, sowohl in ihren körperlichen wie auch sprachlichen Aktionen: Nora Buzalka; Christian Erdt; Marcel Heupermann; Alfred Kleinheinz und Franz Pätzold) völlig nackt. Dieser Umstand soll den Lernaspekt, dem sich die Schauspieler (und nicht, wie gesagt, die Zuschauer) unterwerfen verdeutlichen: die Belehrung vermittelt sich nämlich nicht nur unter sprachlichen und argumentativen Gesichtspunkten, sondern vor allem auch in körperlichen Erfahrungen. Wobei die körperliche Erfahrung durchaus eine gewisse Eigenständigkeit behauptet und quer zur Ideologie steht. So ist auch das exzessive Holzhacken zu verstehen, dem sich die Darsteller mit sichtbarer Anstrengung unterziehen. Der Regisseur hierzu im Interview, das im Programmheft abgedruckt ist: „Vielleicht kann man den Kampf der Körper gegen die Ideologien auch als Kampf der Körper mit dem Text beschreiben, also zwischen den Bedeutungen, die vom Text erzeugt, und den Bedeutungen, die die Körper erzeugen.“ Und weiter: „Indem sich die Körper nicht mehr dem Text unterwerfen, behauptet das Theater eine gewisse Autonomie oder Eigenwertigkeit, weil es sich einer zu gängigen, zu einfachen Lesbarkeit wiedersetzt.“ Dabei ist Frljic´ im Gegensatz zu Müller der Auffassung, dass der nackte Körper keineswegs eine nicht mehr hinterfragbare Individualität darstellt, sondern selbst noch Träger einer Ideologie ist.

Verstörend der Schluss: auf einer Grabstele, die den Namen Heiner Müller trägt, steht Müllers Kopf in Eis geformt. Die Frau des Ensembles zerhackt diesen Eiskopf mit wuchtigen Axthieben, bis nur noch Stücke übrig bleiben. Der Älteste aus der Gruppe der Revolutionäre nähert sich mit einem Whiskyglas. Er wirft sakrilegisch einen Eisbrocken aus dem zerhackten Kopf in seinen Whisky. Danach kracht die Hintergrunddekoration mit Müllers Foto in sich zusammen und es wird stockdunkel im Theater. Heiner Müllers Absturz. Der Regisseur glaubt nicht an den von Zweifeln gepeinigten Autor. Und er glaubt nicht an die Veränderungsfähigkeit- und willigkeit einer/unserer Gesellschaft.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Ein Abend auf der Höhe der formalen Diskussion des modernen Theaters. Verwirrend, aber nicht falsch. Mit über Kreuz gezogenen Ideen, aber nicht sinnlos. Historisch und zugleich zeitnah. Die politischen, ideologischen und religiösen Fanatismen unserer Zeit werden geradezu gedanklich-assoziativ aufgewirbelt. Das prinzipielle Problem wird deutlich: ist diese Gesellschaft strukturell und inhaltlich in der Lage, sich selbst zu hinterfragen? Kann eine gesellschaftliche Veränderung hin zur sozialen Gerechtigkeit mit friedlichen (demokratischen) Mitteln erlangt werden? Oder lassen sich Veränderungen nicht ohne Kampf, Gewalt und Terror herbeiführen? Revolution oder Evolution? Kommen wir aus diesen Verwicklungen heil heraus, solange wir noch nicht die Menschen sind, die wir sein sollen?

Keinen Vorwurf an den, der daran zweifelt. Der Kampf steht uns noch bevor. So oder so. Aber die Sehnsucht geht nach dem Frieden.

„Ein Mensch – Was ist das?“ Von der Vollkommenheit besessen in seiner unabänderlichen Unvollkommenheit. Teufel und Engel zugleich.

Eine gewisse angestrengte Ratlosigkeit mischt sich in den freundlichen Beifall. Auf der Straße stolpert man über kleinste Steine, weil der Kopf so schwer geworden ist.

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