München, Residenztheater, Don Juan oder Die Irrwege des Frank Castorf, IOCO Kritik, 20.07.2018

Juli 21, 2018  
Veröffentlicht unter Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

DON JUAN  –  Jean Baptiste Moliere

Die Irrwege des Frank Castorf

Von Hans-Günter Melchior

Es ist das gewohnte Castorf- bzw. Denic-Bild. Ein mehrstöckiges Holzhaus, im Parterre oder auf einer Art Balkon wuselt die Handlung – schwer erkennbar, ist aber über Videos auf herabhängenden Bildschirmen zu verfolgen. Dazu die Coca-Cola-Reklame, damit jeder weiß: das ist nicht das 17. Jahrhundert, in dem der in jeder Hinsicht heruntergekommene und von Don Juan repräsentierte Adel seine Vormachtstellung verspielt, das ist Neuzeit, und zwar krudeste Neuzeit im Spätkapitalismus, der das Wetterleuchten des Untergangs eines maroden Systems anzeigt. Wie dazumal, als sich der Adel die unerhörtesten Freiheiten herausnahm und moralisch wie gesamtgesellschaftlich abwirtschaftete.

Jean-Baptiste Molière - La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Jean-Baptiste Molière – La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Man tut gut daran, vor dem Theaterbesuch das Stück Don Juan von Moliere noch einmal gründlich zu lesen. Die Aufführung dauert zwar nicht weniger als 4 ½ Stunden, deutlicher wird dadurch aber nicht, was Moliere uns sagen wollte. Vielmehr schwimmen Handlungsinseln in einem Ozean aus Assoziationen, Anspielungen, Literaturbezügen (George Batailles ausschweifende Sexualphantasien, Zitate aus Werken von Heiner Müller und Alexander Puschkin) philosophischen Zitaten (Blaise Pascals berühmtes Diktum, das Unglück des Menschen rühre daher, dass er nicht allein im Zimmer sitzenbleiben könne) und musikalischen Untermalungen, ohne sich zu einem plausiblen Zusammenhang zu fügen. Sogar Tiere treten in Aktion, Ziegen zum Beispiel, die in einem Käfig, zum Teil auch frei über die Bühne laufen. In der Tat: es ist was los bei Castorf, Action ist angesagt, Action und immer wieder Action im Lärm.

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere - hier : v.l. Marcel Heuperman als Pierrot, Aurel Manthei als Don Juan, Jürgen Stössinger als Don Louis, Franz Pätzold als Don Juan zwei © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere – hier : v.l. Marcel Heuperman als Pierrot, Aurel Manthei als Don Juan, Jürgen Stössinger als Don Louis, Franz Pätzold als Don Juan zwei © Matthias Horn

Was richtig verstimmte ist der Umstand, dass sich der Regisseur im Vergleich mit dem Autor offenbar für den Besseren hält –, freilich, ohne ein eigenes Stück zu schreiben oder schreiben zu können, sondern das vorhandene, das ihm offenbar nicht deutlich genug ist, zu verhackstücken. Was dabei herauskommt, ist eine Melange aus Gedankensplittern und Montagen, die streckenweise – zugegeben: widerwillig wird es registriert – recht unterhaltsam sind, zum Teil aber schmerzlich langweilig. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Und vor allem: es geht viel zu viel von Molieres Ironie verloren. Die Leichtigkeit dieses genialen Dichters. Castorf hat aus der scharfzüngigen Kritik Molieres an der Verworfenheit des Adels ein schwergewichtiges und plumpes Drama gemacht, das vor augenzwinkernden Bezugnahmen trieft und offenbar alle Welträtsel im Handumdrehen lösen soll.

Wo bleibt zum Beispiel die herrlich devote Haltung des Dieners Sganarell, der am Gesicht seines Herrn Don Juan die Missbilligung abliest und sich mitten im kritischen Satz über den Lebenswandel des Adeligen um die eigene Achse dreht und das Gegenteil dessen sagt, was er eigentlich sagen will? Der Sganarell wurde völlig gestrichen. Seine Rolle spielt Pierrot (herrlich komödiantisch und sprachlich unbeholfen freilich Marcel Heupermann im Bericht über die Rettung der um ihr Leben Schwimmenden), der zugleich den Bräutigam des schönen Bauernmädchens Charlotte (Nora Buzalka) gab. Und warum geht Don Juans hohe Kunst des Abwimmelns (die Kunst eines Bilderbuchbetrügers)  des Gläubigers Dimanche, den er mit lauter Höflichkeiten einwickelt, bis dieser sein Anliegen vergisst oder vorzutragen versäumt, in einem beiläufig am Bühnenrand in französischer Sprache geführten Palaver unter?

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere - hier : v.l. Nora Buzalka als Charlotte, Marcel Heuperman als Pierrot, Farah O’Bryant als Mathurine, Franz Pätzold als Don Juan, Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als la Ramée © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere – hier : v.l. Nora Buzalka als Charlotte, Marcel Heuperman als Pierrot, Farah O’Bryant als Mathurine, Franz Pätzold als Don Juan, Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als la Ramée © Matthias Horn

Den Diener gibt es nur einmal, Don Juan hingegen zweimal (Aurel Manthei und Franz Pätzold). Warum? Eingesehen hat es der Rezensent nicht.

Schade also, dass sich das herrliche Stück träge viereinhalb Stunden lang über die Bühne wälzt. Wo doch so wunderbare Schauspieler (wie zum Beispiel Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als La Ramée und Farah O´Bryant als Mathurine) für eine bittere, bitterböse Komödie zu Verfügung standen.

Nach der Pause war viel Platz im Theater

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Don Karlos – Friedrich Schiller, IOCO Kritik, 20.06.2018

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

DON KARLOS  –  Friedrich Schiller

– Schiller beim Wort genommen –

von Hans-Günter Melchior

Die Bühne liegt überwiegend im nachtschwarzen Dunkel. Nur ganz vorne, von einer großen Deckenleuchte herausgeschnitten ein helles Viereck, auf dem die Weltpolitik verhandelt wird. Rechts davon eine Art Fallgrube, in die einige unbekannte Personen hinunterfahren und von einem bösen Rauschen verschlungen werden; Liquidation im Unrechtsstaat. Später werden Prominente folgen. Die Eboli etwa und Don Karlos.  Aber bis es soweit ist, geschieht noch einiges.

Mystisches ereignet sich. Einige Handelnde stehen vorne im Viereck der Verhandlungen. Andere sind zunächst nicht sichtbar, man hört sie reden und es ist wie ein langsamer aufklimmender Gedanke, eine sich vollendende Rede, wenn sich schließlich ins Licht treten.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Das ist sehr schlüssig, entspricht genau dem Duktus des teils philosophisch verschlüsselten schillerschen Textes, dessen Jamben anmuten als kämen sie erst mit der Zeit zu sich selbst. Schwer verständlich, warum gerade dies, das Wachsen aus der Dunkelheit auf negative Kritik stieß. Die streng geheimen Gespräche sind einem anderen Raum zugeordnet: hermetische, ganz in blau gehaltene, relativ kleine Zimmer, aus deren Wänden Schallschutzpyramiden auf die Anwesenden einzudringen scheinen.

Alle Darsteller sind schwarz gekleidet -, bis auf Don Karlos (Nils Strunk, bewegt, engagiert, leidenschaftlich), der manchmal mit entblößtem Oberkörper erscheint: als wolle er sein Seelenleben offenbaren.  Die Sprache hält sich genau an die literarische Vorlage. Was für ein Genuss. Regisseur Martin Kusej kommt ganz ohne den Performance-Nonsens so manchen  sich kühn dünkenden Neueres aus. Man atmet dankbar auf. Hier vertraut jemand dem dichterischen Genie des Autors.

Nahezu völliger Verzicht auf Dekorationen, keine buntscheckigen Ablenkungen. Der Zuschauer den hochkomplexen Inhalt gezwungen. wird ganz in die rationale Pflicht genommen, zur Konzentration auf den hochkomplexen Inhalt gezwungen.  Kusej verlangt jedoch nicht mehr  als Schiller, er beherrscht dieses schwierige Werk in jeder Hinsicht, arbeitet souverän mit den sparsamsten Mitteln.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Unerbittlich werden die handelnden Personen vorgeführt.  Die Macht- und politische Vernunftmaschine Philipp II (hervorragend Thomas Loibl, alle Nuancen  des Stücks perfekt beherrschend, mal zynisch, mal elegant-ironisch, mal souverän, mal verunsichert und gefühlig) steht stur und altersstarr in den Positionen des absolutistischen Herrschaftsdenkens verharrend gegen den Idealismus der Jugend, die von Don Karlos und seinem Freund , dem Marquis von Posa (überzeugend Franz Pätzold) repräsentiert wird. Freiheit für die Niederland im Namen einer neuen Humanität ist deren Parole. Posa hat für deren Verwirklichung Don Karlos  ausersehen. Er soll für die Niederländer kämpfen. Aber der König verweigert ihm das Kommando über die spanischen Truppen. Der Boden für die Intrige und den internen Machtkampf ist bereitet. Alte Machtvernunft gegen die neue Vernunft einer historischen Erneuerung.

Und allen, mögen sie sich noch so überzeugt auf die Vernunft und die Wahrheit berufen, redet das Gefühl hinein. Das Stück ist auch als ein Familiendrama zu verstehen Der Sohn kommt nicht darüber hinweg, dass der Vater ihm die Geliebte und Verlobte genommen hat, indem er aus machtpolitischem Kalkül Elisabeth von Valois (Lilith Häble, kühl, souverän, kantisches Pflichtgefühl verkörpernd) heiratete. Und der Reinste von allen, der Idealist und Freiheitskämpfe Posa kann sich seine Freundes Don Karlos nicht sicher sein, er verrät ihn aus taktischen Gründen, der eigentliche Kopf der Freiheitsbewegung.

Eindrucksvoll die Niederschlagung des Aufstands in Madrid: Leichen über Leichen in Plastiksäcke eingewickelt überfüllen die Bühne. Befriedigt verkünden die Herrschenden, dass Ruhe in der Stadt herrscht.

Gefühle, Verwirrungen, Grausamkeiten, Gewalt. Selbst der König, der unentwegt auf die eheliche Treue pocht, will eine außereheliche Beziehung zur Hofdame Prinzessin Eboli (sehr verführerisch Meike Droste) einfädeln. Briefe und abermals Briefe gehen hin und her…

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

„Kein Sein ohne Seiendes“ (Adorno Negative Dialektik) – das ist die Lehre. Das Menschlich-Allzumenschliche durchkreuzt allenthalben die rationalen Pläne, die Visionen der Vernunft.  Allenfalls der Beichtvaters  des Königs , der mit allen Wassern gewaschene Intrigant Domingo (Thomas Gräble) und Herzog Alba (Marcel Heuperman als eiskalter Feldherr und Machtpolitiker, der buchstäblich über Leichen zu gehen entschlossen ist). Auf der Seite der Aufrichtigen, der liebevoll Gezeichnete: Lerma  (Thomas Gräble)

Am Ende siegt der Zynismus der Kirche die alles unter dem Verdikt göttlicher Allmacht unter sich begräbt. Sie reklamiert Don Karlos für sich und der König fügt sich. Unter dem Bannblick des Großinquisitors (Manfred Zapatka) richtet sich der Königssohn Selbst, bevor er gerichtet wird. Er springt in die Grube…

Eine höchst gelungene und durchdachte Aufführung. Langer Beifall

Don Karlos am Residenztheater München; weitere Vorstellungen: 1.7.; 9.7.; 12.7.2018

 

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Junk – Schauspiel Ayad Akhtar, IOCO Kritik, 27.04.2018

April 27, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Junk  – Schauspiel von Ayad Akhtar

Die Geldreligion

Von Hans-Günter Melchior

Da wuseln und wimmeln sie im Höchsttempo aus einem meist dunklen Hintergrund und einem aus Stahlverstrebungen, Längs- und Querkonstruktionen wie symbolische Verwirrungen bestehenden Raum, ein aufgebrochenes Schwein hängt von der Decke, die Bühne dreht sich, Wörter fliegen vorbei. Die geschlachtete und ausgeweidete Kreatur (die Opfer der Börse?, des Systems?), quiekt und schreit in der Gestalt von ihrer Gier ausgelieferten Maklern und Managern und Spekulanten, du meine Güte, wer will hier wen betören oder überreden? Wow, möchte man neudeutsch ausrufen, wenn ich da nur irgendwie hinterherkomme, hinter all den Gedankenkonstrukten und Einfällen.

Was läuft hier, was läuft sich hier selbst davon, fragt man sich. Die Handelnden reden und stolpern fast über die eigenen Worte und Gedanken, gestikulieren und argumentieren, verhaspeln sich wie unter Drogeneinfluss und wissen kaum wohin mit der Profitsucht. Selbst ein Gericht brauchte da mehr als zwei Stunden.

Gott ist tot, es lebe der neue Gott, das Geld, das große Geld, das hier auch noch bewusst in Widersprüche verwickelt wird – vom Autor, der Regisseurin, den konstruierten Umständen – und gar nicht mehr herausfinden will aus dem Urwald von Spitzfindigkeiten.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Aber von vorne: Robert Merkin (Till Firit), Jude mit Identitätsproblemen, eine Figur, die an den König der sogenannten Junk-Bonds Michael Milken erinnert, betreibt das zweifelhafte Geschäft der feindlichen Übernahmen (ein Geschäft übrigens, das völlig „legal“ im deutschen Wirtschaftsleben Karriere machte: UniCredit/ HypoVereinsbank, Vadofone/ Mannesmann u.v.a.) Er bietet im Verein mit hektischen Investoren – nicht anders als weiland Michael Milken, der daraus ein System entwickelte und sagenhaft reich wurde – den Aktionären seines Widersachers Thomas Everson Jr. (Oliver Nägele), Firmeneigner mit Familientradition, Traumkurse auf die Aktien und Anleihen an, um sie auf seine Seite zu ziehen. Hat er auf diese Weise die Firma an sich gerissen und ist hochverschuldet, kümmert ihn das wenig, denn Schulden sind gut, weil die Schuldner von den Gläubigern gehätschelt werden, um irgendwann doch noch zahlen zu können. Die Firma wird, ebenso irgendwann, nach bewährtem Rezept verscherbelt, zur Kreditschöpfung verwendet, demontiert, was auch immer. Jedenfalls rentiert es sich am Ende, man braucht nur einen langen Atem, 50 Jahre etwa, irgendwann ermüden selbst die gläubigsten Gläubiger. Flankiert wird die Heuschrecke im Stück von seiner rührigen Frau Any Merkin (Katrin Röver), die noch weniger Skrupel als er hat. Trump hat das angeblich so gemacht und macht es noch immer, und er ist dabei reich und mächtig geworden. Ein bißchen Lieschen Müller, vielleicht Dr. Lieschen Müller ist dabei anwesend, sie flüstert den Zuschauern Märchen ins ungläubige Ohr.

Der Firmeneigner jedoch, ein Konservativer, der an die Verantwortung der Eigentümer und deren Initiative glaubt, bleibt verzweifelt zurück: auf dem Müllhaufen der ökonomischen Vernunft, die sich als neue Religion etabliert hat. Er erschießt sich, von allen guten Geistern der alten ausbeuterischen, kapitalistischen Ordnung verlassen. Mitleid muss man mit ihm nicht haben. Hat er doch seinen Reibach gemacht.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Wie das alles aber ganz genau vor sich geht? So differenziert aufgedröselt, dass man die Methoden etwa zur Grundlage eines Strafprozesses machen könnte? Oder auch nur einigermaßen mit juristischer Akribie verstehen, nachvollziehen könnte? So, dass ein Staatsanwalt einen Akt mit der Überschrift Betrug anlegt?

Ach was. Darum schert sich dieses Stück wenig. Es wird eine beträchtliche Menge an Personal aufgeboten (unter ihnen solche Könner wie Manfred Zapatka als Leo Tresler, als vorteilsanfälliger Finanzfachmann, Philipp Dechamps als Kevin Walsh u.a.), die vom feindlichen Übernehmer angeworbenen oder vom Profit angelockten Investoren und Spekulanten treten in hektischen Diskussionen auf, sie gieren nach Anleihen wie am Verhungern.

Es wird viel geredet in Akhtars und Tina Laniks Stück, furchtbar schnell, die Stimmen überschlagen sich, dass man als Zuhörer und Zuschauer kaum mitkommt vor lauter Geschwurbel und findiger Argumentation. Listen und Finten, die von hinten durch die Brust ins linke Auge gehen sollen, auf Aha-Effekte zielen. Man weiß schließlich nur: da ist etwas faul, furchtbar faul und verdammungswürdig und es kennzeichnet den Zustand einer, unserer, Gesellschaft, eines Systems, das moralisch verkommen dem Untergang zutreiben muss.

Auf der Strecke bleiben dabei – nicht zu Unrecht – die alten und ausbeuterischen Firmeneigentümer, vor allem aber – diese freilich zu Unrecht – die Arbeiter (Arnulf Schumacher, als Gewerkschafter Jerry, der die bittere Klage der Benachteiligten vorträgt), die Malocher, die in die Röhre schauen und schäbig genung scheinentschädigt werden. Dass sich der Everson, Eigentümer des von den Heuschrecken zerfledderten Unternehmens, am Ende erschießt, nimmt man noch hin, nicht aber die Niederlage der unschuldigen Beschäftigten.

Residenztheater München / Junk - hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Junk – hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Ein Staatsanwalt (Michele Cuciuffo als Guiseppe Addesso) greift immerhin den Falles auf, wie ja auch Milken ein lauwarmer Prozess ohne eigentliche Folgen gemacht wurde. Im Stück bleibt höchst unbestimmt die Frage offen, was eigentlich von strafrechtlicher Relevanz sein soll, weswegen genau ermittelt wird, das, was jedenfalls in atemberaubendem Tempo dahergeschwätzt wird, reicht nicht einmal zur Eröffnung irgendeines Hauptverfahrens aus. So ist die Inhaftierung Merkins nicht mehr als eine Behauptung. Herauskommen wird nichts, das weiß man von vornherein.

Die Journalistin Judy Chen (Cynthia Micas) will aus dem turbulenten Geschehen eine spannende und erhellende Geschichte machen. Aber sie wird gekauft, von einem Millionenbetrag korrumpiert, verzichtet sie auf ihre hochfliegenden Pläne.

Leider erkennt man den zu Recht hochgeschätzten Autor von „Geächtet“ kaum wieder. Dieses mehrfach ausgezeichnete Stück entwickelte dramaturgisch überzeugend einen Konflikt mit logischer Konsequenz. In Junk aber hat alles Dahergesagte etwas Deklamatorisches, sich Überschlagendes, es wird so eilig und überhitzt vorgetragen, als fürchteten Autor und Regisseurin die Einwände der Zuschauer, als wollten sie für Nachfragen erst gar keine Zeit lassen, Gegenargumente abwürgen, wo es gar keine gibt. Das Thema ist hochkomplex, es handelt von einem Kapitel der Wirtschaftskriminalität und ist pure Systemkritik, ihm ist nur mit der kalten Analyse einer strafrechtlichen und gesellschaftsrelevanten Beurteilung kompetent beizukommen.

Der Kopf schwirrt einem nach diesem Abend. Aber keine Klarheit vertreibt die Wortwolken. Das Thema ist einfach zu schwierig, man hat sich überhoben. In zwei Stunden lässt sich so ein Thema nicht über die Bühne jagen.

Junk – Residenztheater München, weitere Termine: 28.4.; 2.5.; 13.5.; 22.5.; 3.6.; 17.6.2018

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

 

München, Residenztheater, Richard III von William Shakespeare, IOCO Kritik, 02.02.2018

Februar 2, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Richard III von William S. Shakespeare

Ich bin ich“

Von Hans-Günter Melchior

Das ist nicht einfach die Nacht. Das ist in sich gefärbtes Schwarz, ein Schwarz wie eine Gemütskrankheit, das von der Bühne aus auf den Zuschauer eindringt und als schwerer Schatten auf seiner Seele zu lasten beginnt. Und ganz hinten, aus der Tiefe des Bühnenraums auftauchend, glimmt näherkommend das Blutrot einer Plastiktüte, mit der Richards Opfer erstickt werden. Dazu eine düstere Musik (Bert Wrede), die Leid ins Leiden träufelt, atonal, dunkel und schwebend das Schwarz grundierend.

Was für ein brillanter Einfall. Man spürt sofort: hier wird das menschlich Abgründige in der Gestalt eines – vor allem seelisch – Verkrüppelten verhandelt, einem Scheusal, das sich am Ende vor sich selbst zu fürchten scheint. Erst als Richard erledigt ist, wird es ein wenig heller.

Residenztheater München / Richard III - hier v.l. Charlotte Schwab als Herzogin von York, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth, Norman Hacker Richard III, Sibylle Canonica als Margaret © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III – hier v.l. Charlotte Schwab als Herzogin von York, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth, Norman Hacker Richard III, Sibylle Canonica als Margaret © Matthias Horn

Shakespeares bluttriefendes Drama. Sein Pessimismus. Der Verstand, so kann man herauslesen, ist moralisch neutral. Nichts weiter als eine Funktion, die sich auf die Methode der Logik stützt. Wenn der Mord aus rationalen Gründen vorteilhaft ist, dann wird eben gemordet, so die beängstigende Lehre, die sich an die Erkenntnisse der vernunftkritischen modernen Philosphie hält.

Unter Michael Thalheimers Regie ist die von Olaf Altmann arrangierte Bühne eine Hauptdarstellerin. Der Boden ist mit einem zerstückelten Material bedeckt, Papierfetzen oder was auch immer, mehr Müll als sicherer Untergrund. Auf ihm wandeln geisterhaft, marionettenähnlich die Darsteller, ihrem Grauen ausgeliefert und wie von den Scheinwerfern aufs Schwarz gezeichnete Lemuren. Zuweilen wirken sie auch wie aus einer schwarzen Folie herausgeschnitten, in Schreckensstarre stehengebliebene Fotografien, eindringlich, symbolhaft…

Ein insgesamt großer Abend. Die negative Kritik der großen Zeitungen wirkt mäkelig, oberflächlich und ist unberechtigt:  Als hätte man sich abgesprochen.

Widerspruch gegen diese Kritik ist veranlasst: Thalheimer ist ein großer Regisseur. Und er hat in Norman Hacker einen großen Schauspieler für die Titelfigur ausgewählt, einen Mimen, der alle Schattierungen der Seelenzustände beherrscht, vom Aufbegehren und Zynismus bis zum Wahnsinn, oft in einem Satz abrupt die Stimmung wechselnd, vom Hochmut in die Depression und von der Depression in das manische Irresein verfallend.

Residenztheater München / Richard III - hier v.l. v.l. Norman Hacker als Richard III und Thomas Schmauser als Herzog von Buckingham © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III – hier v.l. v.l. Norman Hacker als Richard III und Thomas Schmauser als Herzog von Buckingham © Matthias Horn

Vielleicht ist der Ton ein wenig zu forciert, zu hoch angelegt, dass man an einigen – wenigen – Stellen den Text vor Geschrei kaum noch versteht. Die flüsternden und taktierenden und intrigierenden Scheusale sind vielleicht gefährlicher. Jedoch selten. Machten etwa Stalin und Hitler, besonders letzterer ein Schreihals, aus ihrem Machtwahn einen Hehl? Und was ist mit Erdogan und diesem unsäglichen Kim aus Nordkorea? Schreier allesamt, die die eigenen Einwände überschrien bzw. überschreien.

Die Inszenierung hält sich freilich mit aktuellen politischen Anspielungen zurück. Platte Bezugnahmen auf die Tagespolitik sind auch nicht nötig. Ein gedämpfterer Tonfall wäre vielleicht – für den örer – HHHH Hörer – hilfreich gewesen, geboten oder gar von der Thematik erzwungen ist er indessen nicht. Shakespeares Stück ist nunmal eine einzige Allegorie fiebriger Machtbesessenheit und triebhafter Egomanie. So konsequent, dass sie sogar Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt. Welchem Machthaber, mag er noch so unangefochten sein, gelänge es schon, die Frau oder die Schwester der von ihm Ermordeten zu heiraten? Das überstiege selbst die unverschämtesten Erwartungen eines Tyrannen.

In der – insoweit von Thalheimer freilich gekürzten – shakespeare´schen Originalfassung verliert die Realität zum Schluss folgerichtig ihre Konturen, die Linien verwischen sich ins Traumhaft-Irreale: z.B. wenn Richard III und seinem gegen ihn vorrückenden Feind Richmond vor der entscheidenden Schlacht Geister erscheinen, die das Ende, Richards Untergang und Richmonds Sieg, seherisch vorwegnehmen.

Ein Wort des Einwands freilich gegen Schluss der Inszenierung: er ist deren einzig wirkliche Schwäche, einmal abgesehen davon, das die Übersetzung von Thomas Brasch hinter dem tiefsinnigen und literarisch eleganten Deutsch von August Schlegel zurückbleibt. Enttäuschend ist vor allem der Umstand, dass Richard das berühmte Zitat „Ein Pferd! ein Pferd! mein Königreich für´n Pferd!“ ohne Zusammenhang mit dem konkreten Kampfgeschehen herunterleiert, als sage er sich: das muss unbedingt noch kommen, sonst sind die Zuschauer beleidigt. Man versteht zwar den Regisseur: was soll die Zitatenhuberei will er uns sagen. Dennoch steht dieser Ausspruch für die kreatürliche Not eines besiegten Wahnsinnigen, den die Realität wie mit einem Würgegriff überfällt.

Residenztheater München / Richard III © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III © Matthias Horn

Ich bin ich“.  Bin ich denn so?, fragt man sich. In einem irren Wort- und Gedankenwirbel lässt Thalheimer seinen Richard diesen und inhaltlich ähnliche Sätze formelhaft in Kopf und Mund hin und her drehen und herunterrasseln –; und es kommt immer das Selbe heraus: ich bin der, der ich bin. Nichts weiter. Ich bin das nicht erfolgreich gezähmte Tier im Kampf aller gegen alle (Thomas Hobbes: bellum omnium contra omnes).

Eine sehr feine Pointe der Inszenierung. Selbst Richards großspuriges Projekt der – negativen – Charakterbildung ist kläglich gescheitert. Will er doch am Anfang wenigstens dies sein: ein Bösewicht (in Schlegels Übersetzung: „Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter/ Kann kürzen diese fein beredten Tage/ Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden“). Ein Charakter, mit Eigenständigkeit und inhaltlicher Originalität ausgestattet, wenngleich auch ein schlechter, abgründiger Charakter, wäre nach Kant der Freiheit wenigstens näher gewesen als ein Charakterloser. Dieser Richard aber hat nicht einmal einen schlechten Charakter. Er kommt, konzeptionslos, wie er ist, über die Leerformel „Ich bin ich“ nicht hinaus, seine Pläne drehen in sturer Wiederholung, im Ausgeliefertsein an die Bestiennatur durch. So ist er nichts weiter als ein böser Maniker, der sich um die eigene Achse dreht.

Ein hoffnungsloser Befund.

Glaubwürdiger als von Norman Hackers Richard in der Inszenierung von Michael Thalheimer kann das kaum vermittelt werden. Das übrige Ensemble assistiert in gewohnter Bravour, hervozuheben wäre der Catesby von Marcel Heuermann.

Dankbarer Beifall – zu Recht.

Richard III im Residenztheater München, weitere Vorstellungen:  So  25. Feb 18, 19:00 Uhr, Mo 26. Feb 18, 19:00 Uhr, Di 20. Mär 18, 19:00 Uhr, Mi 21. Mär 18, 19:00 Uhr, Di 27. Mär 18, 19:00 Uhr, Mi 28. Mär 18, 19:00 Uhr

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

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