München, Residenztheater, Endspiel – Samuel Beckett, IOCO Kritik, 18.11.2018

November 19, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

ENDSPIEL  –  Samuel Beckett

„Irgend etwas geht seinen Gang“

 Von Hans-Günter Melchior

An diesem Stück kann man nur mehr oder weniger scheitern. Selbst Beckett, der sich jedem Ansinnen, sein Stück zu interpretieren, widersetzte, war mit der eigenen Regiearbeit am Berliner Schillertheater 1967 nicht ganz zufrieden. „Ich möchte, dass in diesem Stück viel gelacht wird. Es ist ein Spielstück“, sagte er.

Aber womit wird gespielt? Diese Frage muss, wenn nicht gelöst, so jedenfalls angegangen werden. Auch die Aufführung am Residenztheater lässt Fragen offen. Sie ist, lässt man das Wort überhaupt zu, zumindest ehrenvoll gescheitert.

Wurde das Endzeit-Atmosphärische getroffen? Kam das Grauenvoll-Gähnende der im Nichts gestrandeten Gegenwartsexistenz und des in der Leere angekommenen Subjekts adäquat zum Ausdruck?   Nicht ganz. Die Aufführung kam nicht in der Angst an, die im Clownesk-Absurden herumirrt und nach einem Halt sucht.

Die Geschichte ist so einfach wie kompliziert: der erblindete Hamm (patriarchalisch-nörgelnd, autoritär und raumfüllend: Oliver Nägele) sitzt auf einer hell erleuchteten Bühne, die eine Art Dach wie eine Abzugshaube abschließt, im Rollstuhl. Er wird von Clov (brillant, lebhaft verwirrt herumgeisternd Franz Pätzold), der sein Sohn sein könnte (oder ist?), bedient. Clov humpelt, ist gehbehindert, kann aber immerhin laufen. Er ist Hamms Diener, vielleicht auch so etwas wie sein Sklave, auf jeden Fall von Hamm abhängig, da nur dieser den „Speiseschrank“ öffnen kann. Clov müsste ohne Hamm verhungern. Und Hamm bekäme ohne Clov nicht seine Medikamente.

Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett -  hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov), Ulrike Willenbacher (Nell), Manfred Zapatka (Nagg) © Thomas Aurin

Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett – hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov), Ulrike Willenbacher (Nell), Manfred Zapatka (Nagg) © Thomas Aurin

Schneeartiges rieselt über die Bühne – vernebelt sie kurz. Der Hintergrund ist schwarz. Die beiden, Hamm und Clov, unterhalten sich über Gott und die Welt. Philosophieren. Vor allem über das Ende.  Clov: „Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende. (Pause). Ein Körnchen kommt zum anderen…“ usw. Dann bricht das Gespräch ab. Clov: „Ich gehe in die Küche…“  Eine bald offene, bald versteckte Aggression beherrscht das Verhältnis der beiden. Manchmal kommt so etwas wie Reue in Hamm hoch: „Ich habe dich zuviel leiden lassen. Pause. Nicht wahr?Clov:Das ist es nicht.“

Leere und Hoffnungslosigkeit. Hamm erzählt den abgedroschenen Witz vom Schneider, der es über Monate nicht fertigbringt, eine Hose zu nähen. Der Kunde, „ein Engländer“, hält ihm vor, Gott habe in nur sechs Tagen die Welt, die W e l t ! erschaffen. Und er, der Schneider, brauche für diese lächerliche Hose Monate?! Darauf der Schneider selbstgefällig: „Aber Milord! Milord! Sehen Sie sich mal die Welt an… und sehen Sie da meine H o s e !“

Anekdotisches, Erzählungen durchziehen die bleierne Handlungsarmut wie Kondensstreifen. So geht es dahin, Hochproblematisches ins Geplänkel gestreut, plötzlich der harte Kern.  Clov schaut mit einem Fernglas nach draußen. Hamm fragt ihn, was er sieht. Clov:Nichts“. Er sieht „nichts mehr“. Nichts am Horizont. Wogen aus Blei. Er weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist. Es ist draußen „Hellschwarz, allüberall.“ Jeden Tag die selbe Komödie, der alte Schlendrian. Und dennoch: „Irgend etwas geht seinen Gang.“

Der träge Gang des Weltgeschehens. Darüberhinaus nichts. Oder irgendwas. Jedenfalls ohne Belang. Hamm: „Ich bin nie dagewesen.“ Clov: „Du hast Schwein gehabt.“ …Hamm: “Weißt du was geschehen ist?“… Clov: „Das ist doch ganz wurscht.“  Sie reden über den Tod. Hamm: „Du stinkst jetzt schon. Das ganze Haus stinkt nach Kadaver.“ Clov: „Die ganze Welt.“

Und ständig Clovs Drohung: „Ich werde dich verlassen.“ „Ich verlasse dich.“ Wie ein Rondo-Thema. Oder fugierend, die Endzeitthemen überschneiden sich, Banales, das Nächstliegende und Alltägliche mischt sich mit dem Philosophischen, das einem gegen den Kopf prallt wie ein geworfener Stein.

Was gespielt wird, spielt sich ab.   Das Spiel ist die Wirklichkeit.

Aus Mülleimern, in der Inszenierung von Anne Lenk aus der Versenkung, gleichsam aus dem Bühnenboden herauswachsend, tauchen die Eheleute Nagg (Manfred Zapatka, grell komödiantisch) und Nell (Ulrike Willenbacher, was für eine großartige Schauspielerin, milde, ergreifend ihre Fürsorge für Nagg) auf, Hamms Eltern, beide nach einem Unfall verkrüppelt, ohne Beine. Nagg verlangt zeternd nach „seinem Brei“. Hamm erklärt kategorisch: es gibt keinen Brei. Er hat nur einen Zwieback.

Zwiegespräche zwischen Nagg und Nell, hilflose, nicht zuletzt körperlich behinderte Liebesversuche. Das ist traurige Komik. So geht es weiter zum Ende hin. Hamm: „Das Ende ist im Anfang, und doch macht man weiter.“     Ist das nicht eigene Erfahrung? Immer wieder immer noch kündigt Clov an, Hamm verlassen zu wollen, ohne ihn zu verlassen. Am Ende steht er reisefertig angezogen auf der Bühne. Da ist das Stück jedoch aus.

Die Inszenierung hat große Augenblicke. So zum Beispiel, wenn Hamm vom Kindischen, dem Spiel mit einem dreibeinigen Stoffhund, ins Philosophische wechselt und vor allem, wenn Clov halb nackt umherwuselt und die Armseligkeit seiner und Hamms Existenzen versinnbildlicht.

Auch der Versuchung, das Stück in nichts als der Clownerie verschleifen zu lassen, hat die Regisseurin widerstanden. Freilich liegt gerade darin aber auch eine Schwäche, richtig ist: bloße Clownerie ist albern und verschenkt den Sinn an den äußerlichen Effekt. Clownerie aber, die den Sinn von Sein (Heidegger) aufgreift und ins Leere laufen lässt, erzeugt jenes Grauen, das von der Ausweglosigkeit kommt. Von dieser Art Clownerie sah man zu wenig.

Und: nicht ganz einsichtig ist, warum Anne Lenk die ohnehin im Stück angelegte szenische Kargheit noch einmal ausdünnte. Warum nur wird die eindrucksvolle Szene, in der Clov auf eine Leiter steigt und mit einem Fernglas verrenkt und umständlich die Welt oder das Nichts der Außenwelt beobachtet, an die Pantomime verschenkt? So dass sie fast in Vergessenheit gerät?

 Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett - hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov) © Thomas Aurin

Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett – hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov) © Thomas Aurin

Der größte Einwand muss allerdings gegen die Vernachlässigung der Pausen vorgebracht werden. Es gibt sie zwar, doch nicht ausreichend und nicht ausreichend lange. Man muss die Pausen in diesem Stück aushalten, sie dehnen und bis an die Schmerzgrenze ertragen. Beckett hat den Text mit Pausen geradezu überschwemmt. Nicht ohne Grund. Erst durch die bewusst langen Pausen entsteht die beklemmende Ratlosigkeit, das Fahle des Nichts einer ans Ende gekommenen Welt.

Das laute Schweigen Becketts.

Zugegeben: im Grunde ist der Stoff kaum weder abschließend zu deuten noch vollkommen im Gemeinten aufgehend zu inszenieren. Es geht um das Subjekt, seine Weglosigkeit, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Unfähigkeit, einen Sinn zu finden. Um die erdrückende Größe des Nichts. Der Mensch ist nunmal in der Welt, eben da und nicht woanders –, und die Welt ist, wie sie ist. Basta.

Das Individuum will in der Wahrheit leben und verfehlt sich dennoch selbst, verzweifelt sucht es sich in sich selbst Rat und findet nichts als die Leere. Das Endspiel spielt die Endzeit durch.  Letztlich ist also jeder Ansatz verfehlt, umsonst. Die sogenannte Subjektphilosophie, der Traum vom Subjekt, das sich die Welt untertan zu machen vermag, ist nicht mehr glaubwürdig. Vernunft kehrt sich gegen sich selbst, durchstößt das Loch der Ratio und verflüchtigt sich im Nichts..

Und selbst das Heilsversprechen der Kunst erweist sich am Ende als Illusion. Wo der Mensch sich selbst und der Welt fremd geworden ist, ist alles nur noch, wie es eben ist und nichts weiter, bloßer Schein – „irgend etwas geht seinen Gang“, das ist schon alles. Leerlauf als reine Bewegung.

Adorno hat seine große und äußerst tiefe Interpretation des Endspiels bescheiden „Versuch“ genannt (Theodor W. Adorno: Versuch, das Endspiel zu verstehen, Suhrkamp Taschenbuch S. 167 ff): „Die Position des absoluten Subjekts, einmal aufgeknackt als Erscheinung eines übergreifenden und sie überhaupt erst zeitigenden Ganzen, ist nicht zu halten: der Expressionismus veraltet. Aber der Übergang in die verpflichtende Allgemeinheit gegenständlicher Realität, die dem Schein der Individuation Einhalt geböte, ist der Kunst verwehrt. Denn anders als die diskursive Erkenntnis des Wirklichen, von der sie nicht generell, sondern kategorisch getrennt ist, gilt in ihr nur das, was in den Stand von Subjektivität eingebracht, was dieser kommensurabel ist. Versöhnung, ihre Idee, vermag sie zu konzipieren einzig als die zwischen dem Entfremdeten.  Fingierte sie den Stand der Versöhnung, indem sie zur bloßen Dingwelt überlief, so negierte sie sich selbst.“

In der Tat. Quod erat demonstrandum. Immerhin. Das ist schon viel.

Ein schwieriger Abend. Der Beifall klang nach Selbstbefreiung, das Lachen verkrampft.

ENDSPIEL am Residenztheater München; die weiteren Vorstellungen am 23.11.; 29.11.; 1.12.; 6.12.; 12.12.2018

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Don Juan oder Die Irrwege des Frank Castorf, IOCO Kritik, 20.07.2018

Juli 21, 2018  
Veröffentlicht unter Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

DON JUAN  –  Jean Baptiste Moliere

Die Irrwege des Frank Castorf

Von Hans-Günter Melchior

Es ist das gewohnte Castorf- bzw. Denic-Bild. Ein mehrstöckiges Holzhaus, im Parterre oder auf einer Art Balkon wuselt die Handlung – schwer erkennbar, ist aber über Videos auf herabhängenden Bildschirmen zu verfolgen. Dazu die Coca-Cola-Reklame, damit jeder weiß: das ist nicht das 17. Jahrhundert, in dem der in jeder Hinsicht heruntergekommene und von Don Juan repräsentierte Adel seine Vormachtstellung verspielt, das ist Neuzeit, und zwar krudeste Neuzeit im Spätkapitalismus, der das Wetterleuchten des Untergangs eines maroden Systems anzeigt. Wie dazumal, als sich der Adel die unerhörtesten Freiheiten herausnahm und moralisch wie gesamtgesellschaftlich abwirtschaftete.

Jean-Baptiste Molière - La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Jean-Baptiste Molière – La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Man tut gut daran, vor dem Theaterbesuch das Stück Don Juan von Moliere noch einmal gründlich zu lesen. Die Aufführung dauert zwar nicht weniger als 4 ½ Stunden, deutlicher wird dadurch aber nicht, was Moliere uns sagen wollte. Vielmehr schwimmen Handlungsinseln in einem Ozean aus Assoziationen, Anspielungen, Literaturbezügen (George Batailles ausschweifende Sexualphantasien, Zitate aus Werken von Heiner Müller und Alexander Puschkin) philosophischen Zitaten (Blaise Pascals berühmtes Diktum, das Unglück des Menschen rühre daher, dass er nicht allein im Zimmer sitzenbleiben könne) und musikalischen Untermalungen, ohne sich zu einem plausiblen Zusammenhang zu fügen. Sogar Tiere treten in Aktion, Ziegen zum Beispiel, die in einem Käfig, zum Teil auch frei über die Bühne laufen. In der Tat: es ist was los bei Castorf, Action ist angesagt, Action und immer wieder Action im Lärm.

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere - hier : v.l. Marcel Heuperman als Pierrot, Aurel Manthei als Don Juan, Jürgen Stössinger als Don Louis, Franz Pätzold als Don Juan zwei © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere – hier : v.l. Marcel Heuperman als Pierrot, Aurel Manthei als Don Juan, Jürgen Stössinger als Don Louis, Franz Pätzold als Don Juan zwei © Matthias Horn

Was richtig verstimmte ist der Umstand, dass sich der Regisseur im Vergleich mit dem Autor offenbar für den Besseren hält –, freilich, ohne ein eigenes Stück zu schreiben oder schreiben zu können, sondern das vorhandene, das ihm offenbar nicht deutlich genug ist, zu verhackstücken. Was dabei herauskommt, ist eine Melange aus Gedankensplittern und Montagen, die streckenweise – zugegeben: widerwillig wird es registriert – recht unterhaltsam sind, zum Teil aber schmerzlich langweilig. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Und vor allem: es geht viel zu viel von Molieres Ironie verloren. Die Leichtigkeit dieses genialen Dichters. Castorf hat aus der scharfzüngigen Kritik Molieres an der Verworfenheit des Adels ein schwergewichtiges und plumpes Drama gemacht, das vor augenzwinkernden Bezugnahmen trieft und offenbar alle Welträtsel im Handumdrehen lösen soll.

Wo bleibt zum Beispiel die herrlich devote Haltung des Dieners Sganarell, der am Gesicht seines Herrn Don Juan die Missbilligung abliest und sich mitten im kritischen Satz über den Lebenswandel des Adeligen um die eigene Achse dreht und das Gegenteil dessen sagt, was er eigentlich sagen will? Der Sganarell wurde völlig gestrichen. Seine Rolle spielt Pierrot (herrlich komödiantisch und sprachlich unbeholfen freilich Marcel Heupermann im Bericht über die Rettung der um ihr Leben Schwimmenden), der zugleich den Bräutigam des schönen Bauernmädchens Charlotte (Nora Buzalka) gab. Und warum geht Don Juans hohe Kunst des Abwimmelns (die Kunst eines Bilderbuchbetrügers)  des Gläubigers Dimanche, den er mit lauter Höflichkeiten einwickelt, bis dieser sein Anliegen vergisst oder vorzutragen versäumt, in einem beiläufig am Bühnenrand in französischer Sprache geführten Palaver unter?

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere - hier : v.l. Nora Buzalka als Charlotte, Marcel Heuperman als Pierrot, Farah O’Bryant als Mathurine, Franz Pätzold als Don Juan, Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als la Ramée © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Juan vom Moliere – hier : v.l. Nora Buzalka als Charlotte, Marcel Heuperman als Pierrot, Farah O’Bryant als Mathurine, Franz Pätzold als Don Juan, Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als la Ramée © Matthias Horn

Den Diener gibt es nur einmal, Don Juan hingegen zweimal (Aurel Manthei und Franz Pätzold). Warum? Eingesehen hat es der Rezensent nicht.

Schade also, dass sich das herrliche Stück träge viereinhalb Stunden lang über die Bühne wälzt. Wo doch so wunderbare Schauspieler (wie zum Beispiel Bibiana Beglau als Elvira, Julien Feuillet als La Ramée und Farah O´Bryant als Mathurine) für eine bittere, bitterböse Komödie zu Verfügung standen.

Nach der Pause war viel Platz im Theater

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Don Karlos – Friedrich Schiller, IOCO Kritik, 20.06.2018

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

DON KARLOS  –  Friedrich Schiller

– Schiller beim Wort genommen –

von Hans-Günter Melchior

Die Bühne liegt überwiegend im nachtschwarzen Dunkel. Nur ganz vorne, von einer großen Deckenleuchte herausgeschnitten ein helles Viereck, auf dem die Weltpolitik verhandelt wird. Rechts davon eine Art Fallgrube, in die einige unbekannte Personen hinunterfahren und von einem bösen Rauschen verschlungen werden; Liquidation im Unrechtsstaat. Später werden Prominente folgen. Die Eboli etwa und Don Karlos.  Aber bis es soweit ist, geschieht noch einiges.

Mystisches ereignet sich. Einige Handelnde stehen vorne im Viereck der Verhandlungen. Andere sind zunächst nicht sichtbar, man hört sie reden und es ist wie ein langsamer aufklimmender Gedanke, eine sich vollendende Rede, wenn sich schließlich ins Licht treten.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Das ist sehr schlüssig, entspricht genau dem Duktus des teils philosophisch verschlüsselten schillerschen Textes, dessen Jamben anmuten als kämen sie erst mit der Zeit zu sich selbst. Schwer verständlich, warum gerade dies, das Wachsen aus der Dunkelheit auf negative Kritik stieß. Die streng geheimen Gespräche sind einem anderen Raum zugeordnet: hermetische, ganz in blau gehaltene, relativ kleine Zimmer, aus deren Wänden Schallschutzpyramiden auf die Anwesenden einzudringen scheinen.

Alle Darsteller sind schwarz gekleidet -, bis auf Don Karlos (Nils Strunk, bewegt, engagiert, leidenschaftlich), der manchmal mit entblößtem Oberkörper erscheint: als wolle er sein Seelenleben offenbaren.  Die Sprache hält sich genau an die literarische Vorlage. Was für ein Genuss. Regisseur Martin Kusej kommt ganz ohne den Performance-Nonsens so manchen  sich kühn dünkenden Neueres aus. Man atmet dankbar auf. Hier vertraut jemand dem dichterischen Genie des Autors.

Nahezu völliger Verzicht auf Dekorationen, keine buntscheckigen Ablenkungen. Der Zuschauer den hochkomplexen Inhalt gezwungen. wird ganz in die rationale Pflicht genommen, zur Konzentration auf den hochkomplexen Inhalt gezwungen.  Kusej verlangt jedoch nicht mehr  als Schiller, er beherrscht dieses schwierige Werk in jeder Hinsicht, arbeitet souverän mit den sparsamsten Mitteln.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Unerbittlich werden die handelnden Personen vorgeführt.  Die Macht- und politische Vernunftmaschine Philipp II (hervorragend Thomas Loibl, alle Nuancen  des Stücks perfekt beherrschend, mal zynisch, mal elegant-ironisch, mal souverän, mal verunsichert und gefühlig) steht stur und altersstarr in den Positionen des absolutistischen Herrschaftsdenkens verharrend gegen den Idealismus der Jugend, die von Don Karlos und seinem Freund , dem Marquis von Posa (überzeugend Franz Pätzold) repräsentiert wird. Freiheit für die Niederland im Namen einer neuen Humanität ist deren Parole. Posa hat für deren Verwirklichung Don Karlos  ausersehen. Er soll für die Niederländer kämpfen. Aber der König verweigert ihm das Kommando über die spanischen Truppen. Der Boden für die Intrige und den internen Machtkampf ist bereitet. Alte Machtvernunft gegen die neue Vernunft einer historischen Erneuerung.

Und allen, mögen sie sich noch so überzeugt auf die Vernunft und die Wahrheit berufen, redet das Gefühl hinein. Das Stück ist auch als ein Familiendrama zu verstehen Der Sohn kommt nicht darüber hinweg, dass der Vater ihm die Geliebte und Verlobte genommen hat, indem er aus machtpolitischem Kalkül Elisabeth von Valois (Lilith Häble, kühl, souverän, kantisches Pflichtgefühl verkörpernd) heiratete. Und der Reinste von allen, der Idealist und Freiheitskämpfe Posa kann sich seine Freundes Don Karlos nicht sicher sein, er verrät ihn aus taktischen Gründen, der eigentliche Kopf der Freiheitsbewegung.

Eindrucksvoll die Niederschlagung des Aufstands in Madrid: Leichen über Leichen in Plastiksäcke eingewickelt überfüllen die Bühne. Befriedigt verkünden die Herrschenden, dass Ruhe in der Stadt herrscht.

Gefühle, Verwirrungen, Grausamkeiten, Gewalt. Selbst der König, der unentwegt auf die eheliche Treue pocht, will eine außereheliche Beziehung zur Hofdame Prinzessin Eboli (sehr verführerisch Meike Droste) einfädeln. Briefe und abermals Briefe gehen hin und her…

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

„Kein Sein ohne Seiendes“ (Adorno Negative Dialektik) – das ist die Lehre. Das Menschlich-Allzumenschliche durchkreuzt allenthalben die rationalen Pläne, die Visionen der Vernunft.  Allenfalls der Beichtvaters  des Königs , der mit allen Wassern gewaschene Intrigant Domingo (Thomas Gräble) und Herzog Alba (Marcel Heuperman als eiskalter Feldherr und Machtpolitiker, der buchstäblich über Leichen zu gehen entschlossen ist). Auf der Seite der Aufrichtigen, der liebevoll Gezeichnete: Lerma  (Thomas Gräble)

Am Ende siegt der Zynismus der Kirche die alles unter dem Verdikt göttlicher Allmacht unter sich begräbt. Sie reklamiert Don Karlos für sich und der König fügt sich. Unter dem Bannblick des Großinquisitors (Manfred Zapatka) richtet sich der Königssohn Selbst, bevor er gerichtet wird. Er springt in die Grube…

Eine höchst gelungene und durchdachte Aufführung. Langer Beifall

Don Karlos am Residenztheater München; weitere Vorstellungen: 1.7.; 9.7.; 12.7.2018

 

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Junk – Schauspiel Ayad Akhtar, IOCO Kritik, 27.04.2018

April 27, 2018  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Junk  – Schauspiel von Ayad Akhtar

Die Geldreligion

Von Hans-Günter Melchior

Da wuseln und wimmeln sie im Höchsttempo aus einem meist dunklen Hintergrund und einem aus Stahlverstrebungen, Längs- und Querkonstruktionen wie symbolische Verwirrungen bestehenden Raum, ein aufgebrochenes Schwein hängt von der Decke, die Bühne dreht sich, Wörter fliegen vorbei. Die geschlachtete und ausgeweidete Kreatur (die Opfer der Börse?, des Systems?), quiekt und schreit in der Gestalt von ihrer Gier ausgelieferten Maklern und Managern und Spekulanten, du meine Güte, wer will hier wen betören oder überreden? Wow, möchte man neudeutsch ausrufen, wenn ich da nur irgendwie hinterherkomme, hinter all den Gedankenkonstrukten und Einfällen.

Was läuft hier, was läuft sich hier selbst davon, fragt man sich. Die Handelnden reden und stolpern fast über die eigenen Worte und Gedanken, gestikulieren und argumentieren, verhaspeln sich wie unter Drogeneinfluss und wissen kaum wohin mit der Profitsucht. Selbst ein Gericht brauchte da mehr als zwei Stunden.

Gott ist tot, es lebe der neue Gott, das Geld, das große Geld, das hier auch noch bewusst in Widersprüche verwickelt wird – vom Autor, der Regisseurin, den konstruierten Umständen – und gar nicht mehr herausfinden will aus dem Urwald von Spitzfindigkeiten.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Aber von vorne: Robert Merkin (Till Firit), Jude mit Identitätsproblemen, eine Figur, die an den König der sogenannten Junk-Bonds Michael Milken erinnert, betreibt das zweifelhafte Geschäft der feindlichen Übernahmen (ein Geschäft übrigens, das völlig „legal“ im deutschen Wirtschaftsleben Karriere machte: UniCredit/ HypoVereinsbank, Vadofone/ Mannesmann u.v.a.) Er bietet im Verein mit hektischen Investoren – nicht anders als weiland Michael Milken, der daraus ein System entwickelte und sagenhaft reich wurde – den Aktionären seines Widersachers Thomas Everson Jr. (Oliver Nägele), Firmeneigner mit Familientradition, Traumkurse auf die Aktien und Anleihen an, um sie auf seine Seite zu ziehen. Hat er auf diese Weise die Firma an sich gerissen und ist hochverschuldet, kümmert ihn das wenig, denn Schulden sind gut, weil die Schuldner von den Gläubigern gehätschelt werden, um irgendwann doch noch zahlen zu können. Die Firma wird, ebenso irgendwann, nach bewährtem Rezept verscherbelt, zur Kreditschöpfung verwendet, demontiert, was auch immer. Jedenfalls rentiert es sich am Ende, man braucht nur einen langen Atem, 50 Jahre etwa, irgendwann ermüden selbst die gläubigsten Gläubiger. Flankiert wird die Heuschrecke im Stück von seiner rührigen Frau Any Merkin (Katrin Röver), die noch weniger Skrupel als er hat. Trump hat das angeblich so gemacht und macht es noch immer, und er ist dabei reich und mächtig geworden. Ein bißchen Lieschen Müller, vielleicht Dr. Lieschen Müller ist dabei anwesend, sie flüstert den Zuschauern Märchen ins ungläubige Ohr.

Der Firmeneigner jedoch, ein Konservativer, der an die Verantwortung der Eigentümer und deren Initiative glaubt, bleibt verzweifelt zurück: auf dem Müllhaufen der ökonomischen Vernunft, die sich als neue Religion etabliert hat. Er erschießt sich, von allen guten Geistern der alten ausbeuterischen, kapitalistischen Ordnung verlassen. Mitleid muss man mit ihm nicht haben. Hat er doch seinen Reibach gemacht.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Wie das alles aber ganz genau vor sich geht? So differenziert aufgedröselt, dass man die Methoden etwa zur Grundlage eines Strafprozesses machen könnte? Oder auch nur einigermaßen mit juristischer Akribie verstehen, nachvollziehen könnte? So, dass ein Staatsanwalt einen Akt mit der Überschrift Betrug anlegt?

Ach was. Darum schert sich dieses Stück wenig. Es wird eine beträchtliche Menge an Personal aufgeboten (unter ihnen solche Könner wie Manfred Zapatka als Leo Tresler, als vorteilsanfälliger Finanzfachmann, Philipp Dechamps als Kevin Walsh u.a.), die vom feindlichen Übernehmer angeworbenen oder vom Profit angelockten Investoren und Spekulanten treten in hektischen Diskussionen auf, sie gieren nach Anleihen wie am Verhungern.

Es wird viel geredet in Akhtars und Tina Laniks Stück, furchtbar schnell, die Stimmen überschlagen sich, dass man als Zuhörer und Zuschauer kaum mitkommt vor lauter Geschwurbel und findiger Argumentation. Listen und Finten, die von hinten durch die Brust ins linke Auge gehen sollen, auf Aha-Effekte zielen. Man weiß schließlich nur: da ist etwas faul, furchtbar faul und verdammungswürdig und es kennzeichnet den Zustand einer, unserer, Gesellschaft, eines Systems, das moralisch verkommen dem Untergang zutreiben muss.

Auf der Strecke bleiben dabei – nicht zu Unrecht – die alten und ausbeuterischen Firmeneigentümer, vor allem aber – diese freilich zu Unrecht – die Arbeiter (Arnulf Schumacher, als Gewerkschafter Jerry, der die bittere Klage der Benachteiligten vorträgt), die Malocher, die in die Röhre schauen und schäbig genung scheinentschädigt werden. Dass sich der Everson, Eigentümer des von den Heuschrecken zerfledderten Unternehmens, am Ende erschießt, nimmt man noch hin, nicht aber die Niederlage der unschuldigen Beschäftigten.

Residenztheater München / Junk - hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Junk – hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Ein Staatsanwalt (Michele Cuciuffo als Guiseppe Addesso) greift immerhin den Falles auf, wie ja auch Milken ein lauwarmer Prozess ohne eigentliche Folgen gemacht wurde. Im Stück bleibt höchst unbestimmt die Frage offen, was eigentlich von strafrechtlicher Relevanz sein soll, weswegen genau ermittelt wird, das, was jedenfalls in atemberaubendem Tempo dahergeschwätzt wird, reicht nicht einmal zur Eröffnung irgendeines Hauptverfahrens aus. So ist die Inhaftierung Merkins nicht mehr als eine Behauptung. Herauskommen wird nichts, das weiß man von vornherein.

Die Journalistin Judy Chen (Cynthia Micas) will aus dem turbulenten Geschehen eine spannende und erhellende Geschichte machen. Aber sie wird gekauft, von einem Millionenbetrag korrumpiert, verzichtet sie auf ihre hochfliegenden Pläne.

Leider erkennt man den zu Recht hochgeschätzten Autor von „Geächtet“ kaum wieder. Dieses mehrfach ausgezeichnete Stück entwickelte dramaturgisch überzeugend einen Konflikt mit logischer Konsequenz. In Junk aber hat alles Dahergesagte etwas Deklamatorisches, sich Überschlagendes, es wird so eilig und überhitzt vorgetragen, als fürchteten Autor und Regisseurin die Einwände der Zuschauer, als wollten sie für Nachfragen erst gar keine Zeit lassen, Gegenargumente abwürgen, wo es gar keine gibt. Das Thema ist hochkomplex, es handelt von einem Kapitel der Wirtschaftskriminalität und ist pure Systemkritik, ihm ist nur mit der kalten Analyse einer strafrechtlichen und gesellschaftsrelevanten Beurteilung kompetent beizukommen.

Der Kopf schwirrt einem nach diesem Abend. Aber keine Klarheit vertreibt die Wortwolken. Das Thema ist einfach zu schwierig, man hat sich überhoben. In zwei Stunden lässt sich so ein Thema nicht über die Bühne jagen.

Junk – Residenztheater München, weitere Termine: 28.4.; 2.5.; 13.5.; 22.5.; 3.6.; 17.6.2018

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

 

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