München, Münchner Kammerspiele, Die Politiker – eine gesprochene Symphonie, IOCO Kritik, 07.07.2021

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Die Politiker   –  Schauspiel von Wolfram Lotz

 – Eine gesprochene Symphonie –

von Hans-Günter Melchior

Ist schon alles gesagt? Ist die Sprache bei der Musik angekommen und hat sie damit genug?

Da steigt ein Thema auf, bricht ab, ein neues Thema beginnt, kontrapunktisch, im Stakkato, wird erneut abgelöst, Wortfetzen, Sinninseln, zuweilen Witzchen – und immer wieder: die Politiker, die Politiker, die Politiker …

Geradezu manisch bleibt das Stück Die Politiker von Wolfram Lotz in der – eindrucksvollen – Inszenierung von Felicitas Brucker bei diesem Wort, dem kleine Sätze, Gedanken unterlegt werden. Streckenweise, als folgte das Stück dem musikalischen Prinzip der Wiederholung. Im immer durchgehend schnellen Rhythmus, dass man sich von einer Aussage zur nächsten hangelt und im Denken und Zuhören ein wenig außer Atem kommt.

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz - hier :  TS Schmauser © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz – hier : TS Schmauser © Judith Buss

Banales im altertümelnden, fast kalauernden Stil springt Tiefsinnigem gleichsam in den Nacken, macht zunichte, was sich zu bedeutungsvoll gebärdet und glaubt, am Ziel zu sein. „Die Politiker haben Schuhe um die Füss von Banani und wir tragen höchstens Bruno Armani, Ach Wolfram – heißt es da im Stil des epischen Theaters, wenn der Autor sich selbst ermahnt und aus dem Rahmen fällt –  hör doch endlich mit dem Sozialneid auf Hör doch mit dem Sozialneid auf Und mit dem sozialen Neid auch Mit dem sozialen Neid auch Das ist jetzt vorbei Das ist jetzt vorbei…“

Das Perseverierende macht an manchen Stellen den Text auf geradezu beklemmende Weise eindringlich…“Die Arbeitslosen sammeln den Müll Die Arbeitslosen sammeln den Müll im Auftrag des Staates ein Die Arbeitslosen sammeln den Müll im Auftrag des Staates ein Die Politiker wollen es nicht so Die Politiker wollen es nicht so…“, und so weiter.

Felicitas Brucker hat den faszinierenden Einfall, die Schauspieler (Katharina Bach, Svetlana Belesova, Thomas Schmauser) in voneinander abgegrenzten und dennoch durchlässigen Räumen / Vierecken auftreten zu lassen, sie sprechen manchmal synchron, manchmal einzeln, immer in diesem an ein Symphonieorchester gemahnenden Tonfall aufsteigender und fallender, selten abgeschwächter, meist sich steigernder Eindringlichkeit. Dabei geht, was der Aufführung keineswegs schadet, zuweilen der Text an die Musikalität des Sprachduktus verloren, zieht den Hörer jedoch mit in den Strom der Wortkaskaden und erzeugt eine geschärfte Spannung.

„Die Politiker sagen Dies ist ein beharrlicher Sturm alles alles nimmt er fort Und dann drehen sich die Politiker auf ihren Absätzen um und gehen hinaus…“ Oder: „Die Politiker sind mittel bis groß nein nein klein sind nur die kleinen Leute streichen um das Haus passt auf!  Den Politikern sind die kleinen Leute egal und mir und euch doch auch!“

Da kommt diese intellektuelle Schärfe in den Text, hämmernd kommt das Stakkato, während Svetlana Belesova olympiareife Turnübungen vollführt –, und wieder nimmt sich der Autor selbst am Kragen (mal angenommen, er meint sich selbst – und natürlich uns alle): „Die Politiker fragen Wolfram wie oft rufst du deine Mutter an? Wie oft rufst du deine Mutter an? Und es stimmt, ich tue es fast nie Ich tue es fast nie (Dabei weiß ich, dass es ihr nicht gut geht) Aber die Politiker Aber die Politiker rufen meine Mutter an Die Politiker rufen meine Mutter an Die Politiker rufen meine Mutter an Sie kehren den Flur mit einem riesigen Besen“

Immer wieder diese gewisse Schärfe der archaisch wirkenden Selbstbefragung im auf- und absteigenden Themenverlauf, diese fast brucknersche Beharrlichkeit und Schmerzlichkeit, aufsteigend, in Schichtungen –, bis das Thema ermüdet absinkt und neuen Gedanken Platz macht.

Die Anklage: „Die Politiker denken an die Armen mit Verachtung Ai Weiwei, oh my!“ (bayerische Einlage: O mei).

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz - hier :  Bach, Belesova, Schmauser © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz – hier : Bach, Belesova, Schmauser © Judith Buss

Und eine Art eingestreutes Nonsensgedicht, das scheinbar herunterzieht, was zu hoch hinaus wollte: „Ästlein, brich nicht ab vom Baum Ästlein, brich nicht ab vom Baum die Politiker pluggen den butt! Die Politiker pluggen den butt!“ „Die Politiker schrizzlen und wizzlen Könnt ihr sie denn nicht hizzlen? Die Politiker gehen am Stadtrand  durch die Nacht suchend suchend suchend aber sie finden nur Verwizzle“

Oder: „Die Politiker sagen ich bin da, ich bin fresh! Ich lese dir vor aus dem Epos von Gilgamesch!“

Und dann wiederum selbstkritisch, sich und die eigene Arbeit hinterfragend und kryptisch zugleich: „Dein Gedicht ist gar nicht dicht und trotzdem steht es hier Dein Gedicht ist total krumm Im Sturm knickt jedesmal des Schilfgras um Dein Gedicht ist total krumm Im Sturm knickt jedesmal das Schilfgras um“

Und dann wieder sowas:Die Politiker die Politiker die Politiker tun die Aprikosen verlosen Die Politiker Die Politiker tun die Aprikosen Die Politiker Hosen Die Politiker Kurze Hosen Die Politiker Sehr kurze Hosen tragen…“

Als wolle der Autor das allzu wertvolle Porzellan seiner Sprach- und Gedankenwelt zerschlagen und seine Witzchen darüber machen. Den hohen Ton vom Podest stoßen. Glaubt euch nur nicht im Besitz der letzten Weisheiten, wenn ihr das hier hört, macht er uns klar.

Und mal ehrlich: Was bleibt uns schon nach all den Denkversuchen anders übrig als die Wiederholung des Immergleichen. „Die Dinge sind alle allein“, heißt es am Schluss.  Aber wo sie sind, weiß man nie. Immer noch nicht.

Sei´s drum. Vielleicht ist am Ende doch bereits alles gesagt und jedes weitere Wort überflüssig? So dass sich das Theater selbst auf den Arm nehmen muss?  Und vielleicht ist die Musik die einzige, weil höhere und wahrere Sprache? Felicitas Brucker stellt uns diese Frage.

Und.   Fragen darf man ja!

Wie auch immer und noch einmal: Die sprachsymphonische Durchgestaltung des Textes ist ein überzeugender Einfall. Und er wird von den drei glänzend aufgelegten Schauspielern virtuos vorgetragen. Das können nur Meister ihres Faches.

Darüber vergisst man fast die Zeit. Das Stück rauscht durch den Kopf, ist leider schon vorbei. Ein gelungener Abend.

Großer anhaltender Beifall im coronabedingt leider schütter besetzten Theater.

—| IOCO Kritik Münchner Kammerspiele |—

 


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

München, Münchner Kammerspiele, Flüstern in stehenden Zügen – Live-Film, IOCO Kritk, 11.02.2021

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Flüstern in stehenden Zügen – Theater-Live-Film von Visar Morina

– Notrufe ins All –

von Hans-Günter Melchior

Kahlköpfe haben es gut. Denn die Friseure sind allenthalben im Gespräch, die sie, die Kahlköpfe, nicht brauchen.

Wenn nur die Friseure wieder öffnen könnten, heißt es landauf landab und manche nehmen eine Reise von 140 km in Kauf. nur der Haartracht wegen. Und dann kommen sie zurück und man sieht ohnehin nur die Haare, darunter die Maske im Seeräubergesicht und das wars wieder einmal. War ja auch Zeit. Als hätte die Welt allein oder vor allem auf diese Zu-richtung des Kopfes gewartet.

Verdammt – wo leben wir eigentlich? In welcher Scheinwelt der Scheinwichtigkeiten?
Und die armen Theater?!   Die Theater, die wir brauchen.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Da rennt eine einsamer Mann (Bekim Lahiti) in diesem Behelfsstück, das sich Theater-Live-Film nennt, Flüstern in stehenden Zügen in einem dürftig beleuchteten Bühnenraum, einem Zimmer, von einer Ecke in die andere, hakelt sich turnerisch an einer Art Deckenlampe (?) in die Höhe und redet und redet wie nur Einsame reden: unzusammenhängend, sich selbst mit gutturalen Lauten unterbrechend und man versteht: der Typ sucht Anschluss. Telefonisch. Hallo, hallo, ist da jemand? Ein Notruf in der Not. Der Theaternot. Und manchmal antwortet ihm eine stilisierte Puppe, die eigentlich eine Frau ist (Leoni Schulz), aus einer Plastikhülle heraus mit gestanzten Sprüchen.

Und so geht es immer weiter, der Mann ruft an und bittet um Antwort, und manchmal wird ein Passwort von irgendwoher von ihm verlangt. In einer gestanzten Welt mit gestanzten Wichtigkeiten braucht man Passwörter. Und Sicherheitscodes, die sich vor die persönliche Kontaktaufnahme stürzen, als gelte es, sie zu verhindern.

Und ganz am Ende, o Wunder, tritt die Frau als lebendige Person auf und redet ein wenig mit ihm –, aber das Stück schon zu Ende. Gerade hat der Mann noch Zeit zu fragen, ob man das bemerkt habe: in stehenden Zügen fangen die Leute auf einmal an, miteinander zu flüstern.

Da ist richtig beobachtet. Und richtig ist auch, dass der Mann die Not des Theaters in Corona-Zeiten verkörpert: den Wegfall der Kommunikation. Denn Theater ist ein lebendiger Organismus. Autor, Schauspieler und Zuschauer sind eine Einheit.. Die einen sagen etwas und die anderen nehmen es in sich auf, denken darüber nach und überdenken es und atmen schneller oder belästigt, dass der Darsteller sich bald bestätigt fühlt, bald abgelehnt und in einen stummen Dialog gezwungen wird.

Corona lässt das nicht zu. Und so ist der einsame Telefonierer in diesem Stück die Verkörperung des gegenwärtigen Notfalls. Und man leidet mit ihm, freilich nur ein wenig, weil man nicht bei ihm ist im Theater, sondern nur bei ihm im Live-Film, und deshalb leidet man so wenig, wie man beim Anschauen eines alten traurigen Films leidet. Denn Theater ist leibliche Gegenwart, man muss dabei sein, lachen oder das Gesicht verziehen können, immer ist Theater auch ein Versuch der Überredung, der sugges-tiven Beeinflussung.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Ach ja, die Zeiten sind nicht so. Der Soziologe Armin Nassehi, der an LMU in München lehrt, sagt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung: „Und die Belastung für viele Gruppen der Gesellschaft, Eltern, Kinder, psychisch Kranke, Hilfsbedürftige, ist dramatisch. Aber diese Diag-nose sagt ja nicht gleichzeitig, dass das Virus dadurch ungefährlicher ist.“

Das ist so richtig wie verhängnisvoll. Er hat die Theater vergessen. Sicher aber auch gemeint. Er vertritt ein „systemtheoretisches Gesellschaftsmodell“, wohl in Anspielung auf Niklas Luhmann, nach dessen Theorie jede gesellschaftliche Gruppe ein spezifisches, in sich geschlos-senes System darstellt und Gesellschaft erst durch die Interaktion zwi-schen den Systemen entsteht. Der junge und recht forsche Philosoph Markus Gabriel zeichnet in seinem Werk „Fiktionen“ nicht unähnlich eine Wirklichkeit, die lediglich aus sogenannten „Sinnfeldern“ besteht, die Welt an sich, das heißt als Ganzes, gibt es für ihn gar nicht.

Gerade sie aber will das Theater wiederherstellen. Den Kosmos der An-schauungen und Gefühle in der unmittelbaren Gegenwart der Zeugenschaft durch anwesende Zuschauer Die Welt als Ganzes, mag sie auch eine Fiktion sein. Weil wir gerade in dieser Welt leben. Ein wenig hat die ersatzweise gebotene Konfektionsware etwas von einer Speise, die vor sich hin verdirbt.

Dennoch: es ist der Versuch, den Kopf oben zu behalten. Im stehenden Zug ist das Flüstern ein Lebenszeichen. Immerhin.

—| IOCO Kritik Münchner Kammerspiele |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

München, Münchner Kammerspiele, Passing – It´s so easy, was schwer zu machen ist, IOCO Kritik, 05.03.2020

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Passing  –  It´s so easy, was schwer zu machen ist  – –  René Pollesch

Passing – nicht Pasing  – Furioses Gedankenkarussell

von Hans-Günter Melchior

Hui, das geht aber ab, gleich zu Beginn nimmt eine Riesenspinne, zusammengeschraubt wie im Kinderbaukasten und dennoch bedrohlich Besitz von der gesamten Bühne, achtarmig und glotzend und einer mit Hut (Thomas Schmauser) tritt auf und erklärt, das alles „mit mir nichts zu tun hat, sondern mit euch“.

Und ein anderer der siebenköpfigen Mannschaft, die sich die „Glorreichen Sieben“ nennt, verheddert sich zuweilen, spricht das Passing wie Pasing, muss sich erklären lassen: also, mein Junge, es geht um Passing und nicht Pasing. Damit das mal klar ist im grundsätzlich Unklaren, denn Pasing ist ein Stadtteil (nicht ein Vorort) von München und Passing, ja, was ist Passing?, ein Vorübergehen, eine Vorläufigkeit, ein Synonym für Veränderung –, weil eben nichts Bestand hat und alles sich ständig verändert, verändern muss, um die Verhältnisse menschlich zu gestalten. Die Personen zuvörderst, aber vor allem die Gesellschaft, die aufgebrochen werden muss, weil sie im Zustand sozialer Ungerechtigkeit zementiert ist.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy  -  was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Warum, wird gefragt (Kathrin Angerer), ist Theater also nicht ein Flugblatt, eine Art Mitteilung im Vorübergehen, zu einem Flugblatt am Boden muss man sich tief herabbeugen, womöglich noch in den Dreck hinein, wo die Armen kriechen und ihr Leben fristen –, und so, eben in gebückter Haltung, kann man lesen, was zu sagen ist: zu der Zeit und den Zuständen und den schreienden sozialen Ungerechtigkeiten.

René Pollesch ist bekennender Linker, ob das parteipolitisch zu verstehen ist, sei dahingestellt, jedenfalls einer in der Tradition von Bert Brecht – und insbesondere Erwin Piscator, der im Berlin der 20-er Jahre mit den Begriffen episches und proletarisches Theater Furore machte. Das Theater als quasi-politische Institution, die auf die Zustände aufmerksam macht, das Bewusstsein der Unterdrückten schärft und eben das Passing einleitet.

Auf Polleschs Bühne wuseln unter der Spinne die Ideen nur so hin und her, eine Handlung gibt es nicht (es fehlt bewusst die Benennung eines Autors, alles ist Inszenierung, erschöpft sich darin), nur eben – warum auch nicht?! –  Gedankenanstöße und kritische Anmerkungen, dass den chronischen Lachern eigentlich der Humor vergehen müsste. Figuren und Handlungen „sind nicht zu greifen. Wohl aber die Schauspieler“, heißt es an einer Stelle. Eben allein das Konkrete, Fassbare, „die Normalität ist das Geilste. Aber sie muss natürlich jedem zustehen.“

Quod erat demonstrandum. Die Leute wollen sehen, wie es mit ihnen abwärts geht. Oder wie es ihnen gut geht. Und was sich verändern muss. Das Passing als Zustand.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy - was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Da braucht es keine Vorne und Hinten, keine Geschichte, die sich entwickelt und zu einem Ende kommt wie im traditionellen Theater. Das Denken und Mitdenken ist die Geschichte selbst. Avantgarde pur.

Vor allem also: keine Fantasien, die eine Realität nur vorspiegeln und Lüge sind. Ein Video wird eingeblendet, verdrängt für kurze Zeit die Spinne. Einige der Schauspieler in einer himmelstrebenden Gebirgslandschaft. Einer tritt an den Rand eines Felsens, unten gähnt der filmische Abgrund. Noch einen Schritt, denken die Zuschauer, und er stürzt in die Tiefe. Und er tut den Schritt –, stürzt aber keineswegs in die Tiefe, sondern tritt auf die Leinwand, die sich eindellt. Man merkt: allein die Realität zu zeigen, ist die Absicht, es gilt, die Illusion des Theaters zu desillusionieren, das Gemachte als gemacht zu entlarven. Weil die gesellschaftliche Lüge allgegenwärtig ist und die Masken heruntergerissen werden müssen. Danke René Pollesch. Wir haben es freilich schon immer gewusst. Aber es wird so selten gesagt – und fast nie gezeigt. Bewusst verschwiegen.

Oder noch so ein Gedanke im Bewegungspiel, hingeworfen und aufgegriffen und durch die Mangel gedreht an diesem im Grunde recht schwierigen Abend, der einem als Zuschauer ganz schön was auflädt an Nachdenklichem: „Wir brauchen keine Abgründe. Stattdessen in die Abgründe der Begriffe blicken!“ Da drängt sich doch dem Rezensenten der Gedanke an Adornos Negative Dialektik auf: „Kein Sein ohne Seiendes“.  Die das sogenannte Nicht-Identische (gemeint ist das konkrete Leben, das sich nur schwer zusammenfassen lässt) schluckenden, unterjochenden Begriffe sind das Erzübel unter der Herrschaft des Diktators Vernunft, in Sonderheit der „ökonomischen Vernunft“, die schlechthin alles verdinglicht und zur Ware macht. „Theorien bringen gar nichts, außer im Angesicht des Bodenlosen“, heißt es an einer Stelle. Die wahren Abgründe –, das sind die Begriffe.

Und dann wieder die Spinne mit ihren kalten blinkenden Augen. Wie wäre folgender Gedanke, lieber René Pollesch?: die Spinne webt und webt und wirft ihr Gedankennetz über das ganze Land. Und dann zerreißt ein einziger Windstoß das gesamte Konstrukt.  Weg ist es. Wie unter Umständen das ganze Leben. Man geht vom Theater zum Marienplatz in die überfüllte  U-3. Und einer, den das Corona-Virus im Griff hat, hustet einen an. In vier Wochen bist du weg. Passing.           Nachdenklicher Beifall

„Die Glorreichen Sieben“  – Darsteller:  Kathrin Angerer,  Max Bretschneider, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz, Thomas Schmauser

Passing in den Münchner Kammerspielen; die nächsten Vorstellungen 7.3.; 24.3.; 30.3.; 12.4.; 19.4.; 30.4.2020

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

München, Münchner Kammerspiele, #Genesis – der Schöpfungsmythos, die Genesis, IOCO Kritik, 03.02.2020

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

#Genesis  –  Der paradiesische Migrationshintergrund

Inszenierung: Yael Ronen, Bühne: Wolfgang Menardi, Licht: Jürgen Tulzer

von Hans-Günter Melchior

Am Anfang steht Damian Rebgetz allein da: vor einer Wand und salbadert auf Englisch allerlei daher, ich gehe, ich bleibe, fucking bavaria, I love bavaria, die Musik fällt aus und so weiter, die Immer-Lacher hat er auf seiner Seite, bis er sich verabschiedet, wirklich geht und losgehen kann, was eigentlich gemeint ist. Ein eher verzichtbarer Anfang, das übrige Ensemble steht am Bühnenrand und bemüht sich ein wenig gestisch um Teilnahme. Na ja, ein Versuch.

Münchner Kammerspiele / Genesis - v.l.n.r.: Wiebke Puls, Zeynep Bozbay, Jeff Wilbusch © David Baltzer

Münchner Kammerspiele / Genesis – v.l.n.r.: Wiebke Puls, Zeynep Bozbay, Jeff Wilbusch © David Baltzer

Der Vorhang öffnet sich dann endlich unter den Anfangsklängen aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie, der wunderbaren Trompetenfanfare in Moll, die auf Schwergewichtiges einstimmt.

Die Bühne ist geradezu überwältigend gestaltet, ein das Kosmische darstellender Lichtring. Im Kreisinneren wechseln sich mythische Bilder ab, Michelangelo u. A., auch das Bühnengeschehen wiederspiegelnd, klein sind die Figuren auf der Bühne ins Kosmischen integriert, das ist wunderbar gemacht und nimmt gefangen, ist sehr gelungen –, der Schöpfungsmythos, eben die Genesis.

Für lange Minuten glaubt man wirklich in der Welt des Anfangs zu sein.

Abgesehen von ein paar zotigen und zuweilen gewollt witzigen Aberrationen geht es dann auf höchstem intellektuellem Niveau weiter. Debattiert wird auf allen philosophischen Ebenen über den Schöpfungsmythos, wie er dem 1. Buch Mose, also dem ersten Buch des jüdischen Tanach sowie der christlichen Bibel zugrundeliegt.

Da werden gewaltige Fragengeschütze aufgefahren. Wer ist Gott, wie ist Gott zu begreifen?

In der Tat ist Gott eine Antinomie im kant´schen Sinne, ein ens a se, also, ein Sein aus sich selbst heraus und von sich selbst, eine Selbstzeugung ohne kausalen Anfang, also ohne im menschlich verständlichen Sinne gezeugt worden zu sein. Ein Wesen also, das seine eigene Ursache ist. Was unserem Verständnis von Ursache und Wirkung, von dem Umstand also, dass alles Bestehende die Wirkung einer Ursache sein muss, und diese, die Ursache nämlich, wiederum Wirkung einer anderen Ursache ist und so fort, elementar widerstreitet. Gott ist einfach nur, und: er muss, nach diesem Verständnis in allem sein, im Guten wie im Bösen, selbst in den Lebensmitteln, so dass er sich am Ende selbst isst.

Das alles wird freilich höchst vergnüglich ausgebreitet und teilweise in unserer Alltagssprache, die den Alltagssorgen aufsitzt, erörtert, von der Schlange ist die Rede, die sich in den Schwanz beißt und vom Mann, dem es gelingt, sein Glied in den eigenen Mund zu stecken, gleichsam in einem Akt der Selbstbefruchtung. Man lacht über den Mann, der das versucht oder andeutet, lacht und begreift.

Adam und Eva treten auf – und Lilith, an die sich Adam partout nicht erinnern kann. Sie hätten sich im Paradies paradiesisch einrichten können, Adam und Eva, meint Gott, wären sie nicht so eigensinnig, habgierig und geil gewesen– und so verstandesgesteuert.

Münchner Kammerspiele / Genesis - vl Zeynep Bozbay, Damian Rebgetz © David Baltzer

Münchner Kammerspiele / Genesis – vl Zeynep Bozbay, Damian Rebgetz © David Baltzer

Überhaupt: Eva. Die Benachteiligte. Die Frau. Sie führt bewegte Klage darüber, dass sie ihre Existenz nicht einem eigenem Schöpfungsakt Gottes verdankt, sondern eher als Nebenprodukt aus einer Rippe Adams entstanden ist. Und schon sind wir bei der Sprache, einem anderen, gewichtigen Mythos, dem Wort, das nicht nur Gedanken tradiert, sondern ganze Gesellschaften formt und geschichtliche Auswirkungen hat, die bis heute Anlass von heftigen Debatten sind. Etwa was die Benachteiligung der Frauen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft angeht, denen also ungerechterweise bereits im Mythos eine gewisse Minderwertigkeit, ein untergeordnetes Dasein, bescheinigt wird. Rippe des Mannes –, dass ich nicht lache. Männerhochmut. Und so wechselt schon mal Gott aus der Männergestalt in eine Frauengestalt, man amüsiert sich bei aller Nachdenklichkeit, wenn die Gottesattrappe von einem Mann zur Frau wechselt und der liebe Gott vom Stehaufmännchen zum Stehauffrauchen wird.

Und dann wieder das höchst gewichtige Problem nach der selbstverschuldeten Vertreibung aus dem Paradies: wie kam das Böse in die Welt, überhaupt die Differenzierung in Gut und Böse? Genau: durch die Ratio, den aufspaltenden, unterscheidenden, abwägenden Logos.

Kain tritt auf, beklagt sich im Jargon unserer Alltagsbesorgnis darüber, dass sich die Eltern kaum um ihn gekümmert haben. Und dass er zum Straftäter geworden ist, zum Mörder am Bruder, ein Ausgestoßener mit „paradiesischem Migrationshintergrund“. Das ist köstlich dargestellt und formuliert und auf der Bühne und im Bühnenhintergrund rotieren die Geschehnisse auf der kosmischen Scheibe, man lacht und bedenkt zugleich das Problem. Denn in der Tat ist der Verstand der Aufspalter und Begriffsdiktator und Verdinglicher von allem (s. Adornos Nicht-Identisches), zuletzt auch Verdinglicher des Menschen selbst durch den Menschen, die moderne Philosophie weiß das seit längerem und nennt sich Vernunftkritik. Warum man erst in der Neuzeit auf diesen Umstand aufmerksam wurde, ist ohnehin ein Rätsel. Ist doch der Mensch, als Subjekt, das einzige Wesen, das sich selbst und über sich selbst denken kann, also sich zum Objekt zu machen in der Lage ist, Subjekt und Objekt zugleich.

Und wie er das macht. Oder ist das etwa keine Verdinglichung, wenn wir zu bloßen Konsumenten degradiert werden, fast willenlose Opfer der Werbung, reine Produktionsgrößen im maschinellen Ablauf der Arbeitsprozesse, manipulierte Objekte einer undurchschaubaren Organisation der verwalteten Lebenswelt? Und so weiter…

Das alles kommt, wie gesagt, in dieser Aufführung jedoch nicht so schwer philosophisch daher wie es da steht, sondern eher flockig und mit Humor –, einem Humor freilich, der unter die Haut geht und manchem leichtfertigen Lacher von hinten ans Genick greift, he, Junge, denk erstmal nach, bevor du dich ausschüttest.

Kurzum: der Abend wurde nach etwas schleppendem Anfang zu einem intellektuellen Vergnügen, zu einer Aufführung mit Tiefgang, der auf den Wellen gescheiten Witzes ins Schweben geriet. Mehr kann man wirklich nicht verlangen. Bravo.

Bleibt noch die Erwähnung des hervorragenden Ensembles. Es hatte sichtlich Spaß an der eigenen Darbietung. Und es bestand aus Zeynep Bozbay, Daniel Lommatzsch, Wiebke Puls, Damian Rebgetz, Samouil Stoyanov und Jeff Wilbusch. Zum Teil agierten sie in wechselnden Rollen, einzelne hervorzuheben, vertrüge sich nicht mit der Gerechtigkeit. Ein Team, das auf die Zuschauer eine Wolke hob, von der aus die Welt sich ein wenig kleiner ausnahm als wir sie gewöhnlich nehmen.      Großer Beifall – Zu Recht.

#Genesis – an den Münchner Kammerspielen; die weiteren Termine

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung