München, Bayerische Staatsoper, Der Rosenkavalier – Regie Barrie Kosky, IOCO Kritik, 25.03.2021

März 25, 2021  
Veröffentlicht unter Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Der Rosenkavalier   –  Richard Strauss

– Der kleine Tod –

Musikalische Leitung: VladimirJurowski,  Inszenierung: Barrie Kosky, Video- on-Demand

von Hans-Günter Melchior

 Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Er schleicht immer wieder über die Bühne, ein uralter Cupido auf wackeligen, altersschwachen Beinen und mit zerfurchtem Gesicht, ach ja, die Liebe, und alles hat seine Zeit und die Feldmarschallin (großartig, eindringlich, melancholisch Marlies Petersen) darf sich noch einmal hin-legen und bereit sein für ihren jungen Liebhaber (Octavian Samantha Hankey), bevor der Baron Ochs (Christoph Fischesser) hereinpoltert und von seiner bevorstehenden Hochzeit mit der Tochter des neureichen Faninal (Johannes Martin Kränzle), dieser kapriziösen und modernen Sophie (Katharina Konradi) schwärmt. Ohne dabei zu vergessen, der attraktiven Kammerzofe Avancen zu machen und der nicht minder attraktiven Feldmarschallin auf dem Sofa immer näher zu rücken, während diese ihm auf dem engen Sitzmöbel auszuweichen sucht. Denn der Kerl ist zweifellos ein Blödmann, der hinter dem Geld her ist und auf dummdreiste Art die neue Zeit dumpf begreift, ohne den Ansehensverlust seiner Klasse akzeptieren zu können.

Der Rosenkavalier – Bayerische Staatsoper
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Die neue Zeit und die Melancholie des Alters, der Neureiche und der dünkelhafte, faktisch bereits abgedankte Adel – politisch und vor allem finanziell –, bleibt doch dem Ochs, der den richtigen Namen hat, nichts weiter als der ständige Hinweis auf seine hohe Geburt, die freilich nicht ausreicht, dem Tölpel standesgemäße Manieren beizubringen.

Das alles ist großartig gemacht, Rokoko-Einlagen wechseln fast übergangslos ins Moderne über, die Zeitgrenzen verwischen, während die Musik unter der selbstbewussten Leitung von Vladimir Jurowski alles Süßliche und die allzu verschnörkelte Walzerseligkeit meidet und mit klaren Konturen, die zuweilen dann, wenn sie ins Hochdifferenzierte und nahezu Fahle übergehen, an Wagner erinnern, und die eine eigene und höchst eigenwillige Handlung neben dem Gesang der Akteure auf der Bühne vorantreibt. Und dennoch bringt Jurowski dies alles zusammen, schafft die Einheit in der Vielfalt. So, dass man von dem künftigen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper einiges erwarten darf.

Hochkompliziert ist diese Oper in solcher Auffassung, geradezu hinweisend ausgestellt in ihrer Komplexität, so dass man Richard Strauss den so oft beklagten Rückfall ins Konventionelle und Bürgerlich-Verträgliche nach der aufrüttelnden Elektra, die mit ihren vertrackten Harmonien die Atonalität streift, kaum noch anmerkt.

Der Rosenkavalier – Barrie Kosky und … führen ein
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Über vier Jahrzehnte lange glaubte man in München, außer der Inszenierung von Otto Schenk gebe es gar keine andere Auffassung dieses bissigen Stücks, über das Hugo von Hofmannsthals Text wie Streusel eine Unmenge französischer Floskeln und stehender Ausdrücke schüttet, die die Affektiertheit einer Klasse verdeutlichen, die sich nur noch in Sprüchen erschöpft.

Und immer wieder dieser altersschwache Cupido oder Amor, der mit hämischer Grimasse über die Bühne schleicht und die Uhr zurückdreht oder zum Stehen bringt und endlich darin oder hinter ihr verschwindet, die Zeit, ja, die Zeit ist ein seltsam Ding, ein seidiger, nicht fassbarer Stoff ohne Anfang und Ende und doch eine das Leben langsam vernichtende Macht, da alles nunmal seine Zeit hat.

So vielleicht auch diese Pandemie, die die Anwesenheit eines Publikums ausschloss. Was für ein kaum zu behebender Mangel bei dieser so erfrischend neuen Produktion des Rosenkavalier in der Regie von Barrie Kosky.

Immerhin sendet die

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—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Marko Nikodijevic – ein Komponist auf neuen Wegen, IOCO Interview, 24.03.2021

 Marko Nikodijevic -  © Aleksandar Stanojevic

Marko Nikodijevic –  © Aleksandar Stanojevic

Marko Nikodijevic – ein Komponist auf neuen Wegen

–  im Interview mit Adelina Yefimenko, IOCO 

–  vollständige Entmaterialisierung – sein Werk und Performance – 

Marko Nikodijevic, * 1980 in Subotica, Serbien, ist ein Komponist der Moderne. IOCO Korrespondentin Adelina Yefimenko sprach mit  Marko Nikodijevic über seine Mitwirkung am Opernprojekt  7 Deaths of Maria Callas (link HIER!) der Performerin Marina Abramovic, welches an der Bayerischen Staatsoper, München aufgeführt und bei IOCO ausführlich besprochen wurde.

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Wer ist Marko Nikodijevic? 1980 im serbischen Subotica geboren und seinen ersten Musikunterricht am dortigen Musikgymnasium erhalten. 1995 begann Nikodijevic mit Kompositionsunterricht bei Srdjan Hofman in Belgrad und war dort ab 1997 Kompositionsstudent an der Universität der Künste, zuerst bei  Prof. Hofman und dann bei Zoran Eric (2002–2003). 2003 zog er nach Stuttgart, um das Aufbaustudium in Komposition bei Marco Stroppa an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst (2003–2005) zu absolvieren. Er war Teilnehmer des Masterstudiengangs der Internationalen Ensemble Modern Akademie (2010-2011). In Belgrad hatte er außerdem Kurse in Physik und nicht-linearer Mathematik belegt, was sich auch in seiner Musik widerspiegelt, die reichlich Gebrauch von Fraktalen, Chaostheorie und algorithmischen Methoden sowie von instrumentaler und digitaler Klangsynthese und zunehmend auch von electronica, DJing und Techno-Ästhetik macht.

Tief und nachhaltig von Techno beeinflusst ist die Musik  Marko Nikodijevics von scheinbar gegensätzlichen Begriffspaaren gekennzeichnet: Computeralgorithmus und Subjektivität, Prozess und Intuition, geometrische Raster und historisches Material, elektronische Tanzmusik und Orchesterglanz, Askese und Entgrenzung.

Neben zahlreichen Stipendien und Förderprogrammen (u.a. Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, Stipendium Künstlerhaus Salzwedel, Stipendium Franz Liszt Weimar, Baldreit-Stipendium der Stadt Baden-Baden, Cité internationale des Arts Paris) erhielt er die folgenden Auszeichnungen: Preis des 9th International Young Composers Meeting in Apeldoorn 2003, Honorable Mention bei der Gaudeamus Music Week in 2003 und 2007, Preis des Nouvel Ensemble Moderne Forums 2006, Komponisten-Preis der Brandenburger Biennale 2009, Recommended Work in beiden Kategorien beim Composers Rostrum der UNESCO in Paris 2009. 2013 wurde er mit dem Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet., GEMA Musikautorenpreis in Kategorie Nachwuchsförderung 2014.

Marko Nikodijevics Musik wird von renommierten Klangkörpern und Interpreten weltweit auf Festivals und in Konzertprogrammen aufgeführt. Neben eigenen Kompositionen produziert Nikodijevics elektronische Musik; im Duett tritt er mit Luka Kozlovacki auf.

  • Adelina Yefimenko, Professorin, Autorin dieses Interviews, lehrt als Musikwissenschaftlerin an der Nationalen M.-V.-Lysenko-Musikakademie Lviv (Lemberg) und der Ukrainischen Freie Universität München (UFU)

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Marko Nikodijevic  –   im Interview mit Adelina Yefimenko, IOCO

Adelina Yefimenko (AY): Lieber Marko Nikodijevic,   Im Interview mit Ihnen und Marina Abramovic habe ich zwei sehr ähnliche Sätze entdeckt. Sie sprechen über die Tiefe des Klangs, indem das Zeitgefühl verloren geht. „Man befindet sich im Ozean, im Hin und Her der Wellen, im ewigen Jetzt“… Marina Abramovic redet über die Zeit, die sie selbst ist und über ihr Wissen über die Zeit, Dauer, Energie: „für mich ist die Zeit der Schlüssel zu einer echten Transformation – und Performance-Kunst ist nichts ohne Transformation“. Aber Sie und Marina Abramovic kamen zusammen, um das Stück über den Tod zu machen – sogar über 7 Deaths. Wie korrespondieren für Sie diese zwei Existenzebenen – die Zeit und der Tod. Ist der Tod das Ende der Zeit oder die Zeit das Ende des Todes.

Marko Nikodijevic (MN) : vielleicht sind Zeit und Tod auf ewig gefangen in dem Symbol des Unendlichzeichens. Das Unendlichzeichen ähnelt dem griechischen Kleinbuchstabens Omega und einer liegenden Ziffer Acht, der Zahl der Tode in dieser Oper. Neben den Seven Deaths im Titel, ist ein weiterer Tod noch da, gewiss ein Tod „da capo“. Der Tod, der in das von einer übergroßen Leinwand in ein reales, rekonstruiertes Schlafzimmer der La Divina einbricht. Die Zeit und der Tod sind, obwohl ganz immateriell, unglaublich mannigfaltig. Die Zeit ist eine physikalische Größe und Dimension der Raumzeit. Der Tod ist ein unumkehrbares, biologisches Ende eines jedes Menschen. Gleichzeitig sind die Zeit und der Tod Begriffe von großer symbolischer Kraft. Metaphysische Zeichen. Ungreifbar. Stofflos im wahrsten Sinne, selbst ohne jegliche physische Substanz. Grenzen des Todes sind Grenzen der Erkenntnis.

AY: Was faszinierte Sie als Komponist an der Performancekunst von Marina Abramovic und was war das Besondere bei Ihrer Zusammenarbeit an dem Projekt 7 Deaths of Maria Callas ?

7 Deaths of Maria Callas – Maria Abramovic – Bayerische Staatsoper
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NM: Nun wen man von einer den angesehensten Künstlerinnen unserer Zeit gefragt wird in Ihrem neuen Projekt mitzumachen, ist es eine schöne und unerwartete Ehre. Wir sind dazu noch Landsleute, was eine zusätzliche Ebene von gemeinsames Verständnis mit sich bringt. Neben Marinas weltweiten Einfluss auf die zeitgenössische Kunst im letzten halben Jahrhundert, sie war ganz sicherlich für viele avancierte Künstler im ex-yu Rahmen das leuchtende Beispiel künstlerischer Kompromisslosigkeit. Eine Art Roadmap künstlerischen Widerstandes, um aus der künstlerischen Provinzialität Belgrads herauszubrechen. Das ganze Projekt folgt einem einfachen, strengen und stringenten formalen Konzept. Bei der weiteren musikalischen Umsetzung hingegen wurde mir komplett freie Hand gelassen. Unbedingt an Marinas Konzeptstärke glauben und dem eisern folgen. Ohne Vertrauen kann keine künstlerische Kollaboration gelingen.

Faszinierend war dieses Projekt mit Marina Abramovic zu unternehmen auch aus dem Grund, dass Marinas Lebenswerk sich mit der Materialität visueller und jeglicher anderer auch Kunst selbst beschäftigt, es vielfältig problematisiert, ihren eigenen Körper und die Grenzen des Körpers als künstlerischen Ausdruck und Aussage erforscht. Das Kunstobjekt wird durch eine Performance, die die Einmaligkeit des Kunstwerkes durch die Performance-Einmaligkeit ersetzt. Am Höhepunkt ihrer Beschäftigung mit der materiellen Grenze von Kunst ist einer ihrer legendärste Performances in MomA 2010. Die komplette Entmaterialisierung, das Werk und Performance ein schweigender Mona Lisa Blick. Dieser Blickwinkel eigener Arbeit als Künstlerin in ein Projekt einzubringen ist natürlich einmalig, was das Projekt komplett außerhalb der Kategorie “neue Oper“ stellt. Denn darüber geht es gar nicht, bloß ein neues Werk für die Operbühne zu bringen.

AY:  In einem Interview hat Marina Abramovic auf die Frage, Unterschiede zwischen Performancekunst und Theater zu definieren, geantwortet: „Um ein Performancekünstler zu sein, muss man Theater hassen… Theater ist falsch … Das Messer ist nicht real, das Blut ist nicht real und die Emotionen sind nicht real. Leistung ist genau das Gegenteil: Das Messer ist real, das Blut ist real und die Emotionen sind real“. Finden Sie nicht, dass sie sich mit ihrem Opernprojekt 7 Deaths of Maria Callas ein wenig wiederspricht? Oder bringt sie wieder eine neue nonkonforme Provokation, die eine Spannung zwischen beiden Polaritäten (Performance und Theater) anstößt?

MN: : In Musiktheater ist die Sache noch etwas komplizierter als im reinen Sprechtheater. Es laufen neben und parallel Wort und Musik einher. Sie korrelieren gewiss zueinander, aber das gestaltende Prinzip von Text und Musik folgt anderer Formsyntax und Semantik. Doch in diesem Projekt ist der Opernapparat teilweise dekonstruiert. Die Einzel-Elemente wie in einer Vitrine ausgestellt. Traditionelle Dramaturgie wird ersetzt durch Sequenzen von 3D-Wolken mit Marinas Kommentar und die 7 Filmtode. Text, Gesang, Sprache, Formgestaltung, Film und Bühne sind als einzelne Formelemente von ihrer traditionellen Rolle komplett losgelöst. Marina gestaltete das Werk nach dem Prinzip des Kurators. Wie meiste Projekte, die eine Vielzahl an verschiedenen Medien wie Text, Video, FIlm, Musik, Licht, etc. einbeziehen und von mehreren Mitarbeitern im Einzelnen angefertigt werden müssen. So wie die Regie als besonderer künstlerischer Beitrag erst neueren Datums ist, als Autorenwerk weitgehend mit dem Aufkommen des Films, sowohl im Theaterbereich. Dem Filmregisseur gleich liegt die künstlerische Hauptverantwortung in der Gestaltung des Autor-Kurators.

AY:  Ihre Musik wurde an dem Opernprojekt 7 Deaths of Maria Callas zusammen mit Bellini, Bizet, Donizetti, Puccini und Verdi gespielt. Ihre Aufgabe war, keine Oper über Maria Callas zu komponieren, sondern eine Klangbegleitung für die Performance Marina Abramovics über Maria Callas zu gestalten? Woher kam der erste Funke, die erste Motivation, die erste Klangidee?

Marko Nikodijevic und Maria Abramovic in der Bayerischen Staatsoper © Luka Kozlovacka

Marko Nikodijevic und Maria Abramovic in der Bayerischen Staatsoper © Luka Kozlovacka

MN: : Wohl aus einer Geometrie der Form. Aus Farben und Skizzen für Video und Film. Einerseits kennzeichnete die verwendete Musik die Karriere von Maria Callas (Norma, Butterfly, Lucia, Tosca) oder sie veröffentlichte weithin bekannte Aufnahmen (Carmen – Habanera, Desdemona – Ave Maria). Diese Musik ist jedoch nicht nur das historische Material des Kallas-Repertoires. Es ist gleichzeitig ein Avatar einer ganzen Opernwelt. Deshalb nehmen alle sieben Filmtoten den „Prototyp“ des Todes jeder dieser Figuren und bilden einen Filmkontrapunkt zur symbolischen Performativität, nicht in den Teilen der Oper, in denen diese Heldinnen sterben, sondern genau mit den Arien, die die „lyrischen“ Zentren dieser Partituren sind.

AY: Erst gestaltete Marina Abramovic für Sie einen imaginären Raum, der die Bühne und Kinoleinwand vereinigen sollte. Wie die Künstlerin selber sagt: „Ich gebe den Menschen den Raum mit mir nonverbal zu kommunizieren“. Wie war diese „nonverbale“ Kommunikation zwischen Ihnen beiden? Wie führten Sie technisch die von Ihnen erfundene „Klangtopographie“ in diesem besonderen Raum der Performance Marina Abramovics?

MN:  Zeichnungen und Skizzen. Ich kann mir daraus einiges vorstellen. Später Arbeit im Saal, mit vorhandenen Lautsprechern. Ausprobieren und Verwerfen bis es klappt.

AY:  Ihre Aufgabe war also aus den Top-Arien aus dem Repertoire Maria Callas (Bellini, Bizet, Donizetti, Puccini, Verdi) eine Atmosphäre von Traum, Erinnerung und Todeserwartung einfließen zu lassen? Oder eher (wie es auf dem ersten Blick schien) war Ihre Teilhabe am Projekt – eine Reihe von unabhängigen Soundtracks zu den 7 Bildern – 7 Deaths of Maria Callas, die Marina Abramovic und Hollywood-Star Schauspieler Willem Dafoe interpretierten und auf der Leinwand darstellten?

MN: Die meiste Übergangs-Musik, die die sieben Filmtode mit digital erzeugten 3D-„Wolken“ verbindet, sind Drones, anhaltende orgelpunktartige Harmonien, mitkomponiert von meinem Mitarbeiter und Sounddesigner Luka Kozlovacki. Ich habe meistens nur Samples aus Arien vorgeschlagen, einige allgemeine Parameter des Klang Design und Verarbeitung sowie die Art und Weise, wie der Text verwendet wird. Die Stimme von Marina Abramovic färbt 7 Deaths dabei in hohem Maße. Der mitautorisierte Ansatz bei der Erstellung musikalischer Ebenen hat auch die alte Ordnung beim Komponieren gebrochen. Unsere Idee ist, dass dies immer noch ein lebendiger Prozess ist. Die nächsten Produktionen werden wahrscheinlich durch neu komponierte Teile ergänzt, da wir das Sounddesign und die Spezialisierung für jede Aufführung in München geändert haben.

AY:  Mein Eindruck war, dass Ihre musikalische Dramaturgie über den Soundtrack zu den Bildern hinaus geht und der Komponist Nikodijevic eine eigene Materie aus dem bekannten romantischen Gewebe versucht zu nähen. Was ist ihre eigene musikalische Leitidee für 7 Deaths, die aus verschiedenen Motiven und Opern-Fragmenten entstand? Spielt für Ihre Kompositionen grundsätzlich der Begriff „Leitmotiv“ irgendeine Bedeutung? Gibt es, z.B. ein Thema des Todes von Marco Nikodijevic? Oder ein Thema der Liebe u.a.

MN:  Grundsätzlich ist es richtig, dass hauptsächlich ein musikalisches Materialreservoir verwendet wird, das aus Fragmenten vorhandene Musik besteht. Manches wird davon sogar ausführlich verwendet. Von Motiven können wir ganz sicher sprechen wo es um charakteristische kleinteilige musikalische Ideen handelt. Diese kleinsten musikalischen Gebilde werden oft repetiert und variiert. Aber es ist sehr fern von jeglichen Leitmotiven Technik im engeren Sinne. In meinem Verständnis auch nichts deskriptives, oder was ein Gefühl ausdruckt etc.

AY:  Welche Unterschiede verkörpern für Sie als Komponist die Begriffe „komponieren“, „gestalten“, „meistern“, „eine Dramaturgie durchführen“ u.a.? Bekanntlich wurde Ihre Musik ein buntes Sammelsurium genannt, das sich „für das Publikum nach viel mehr anhört als nach der Summe seiner Teile“. Sie erstellten die Teile in ihren Computern als Fragmente, Komprimierungen, Dehnungen und Schichtungen der Originalwerke, die oft nicht mehr identifiziert werden können. Spielt dabei eine Rolle das Theatralische, das Opernhafte in Ihrem Sammelsurium, wenn Sie Opern komponieren? Und mit welchen Begriffen würden Sie dann ihr gemeinsames Projekt „7 Deaths of Maria Callas“ jetzt zusammenfassen?

MN:  Das kann ich nicht so gut Beurteilen. Ob gewisse Theaterkonventionen mitkomponiert sind. Da es oft mit automatisierten Prozessen gearbeitet wird, das scheint mir als kein genuin theatraler Effekt. Mich interessiert eher die musikalische Alchemie dahinter, durch wiederholtens aufspalten, isolieren und auf vielfache Art neumischen bis eine musikalische Struktur von ausgesprochener Farbigkeit entsteht. Für mich ist 7 Deaths eine Oper-Installation.

AY:  Welche weitere Performance mit Marina Abramovic oder eigene musikalische Projekte planen Sie in der nächsten Zukunft zu verwirklichen.

MN: : Nun wenn die Pandemie einmal unter Kontrolle ist wollen wir mit 7 Deaths auf Tourne gehen. Wir freuen uns auf die nächsten Produktionen in Berlin, Athen und Paris sowie auf einige weitere große Opernbühnen, die folgen werden. Danach erwarten mich einige schöne weitere Projekte ein Paar neue Stücke die ich für Teodor Currentzis schreibe. Mein Komponisten-Aberglaube verbittet mir über Projekte die noch nicht fertig sind zu reden.

Adelina Yefimenko: : Lieber Marko Nikodijevic für dies so informative Gespräch darf ich mich auch im Namen der großen, künstlerisch so interessierten  IOCO-Community herzlich bedanken

—| IOCO Interview |—

München, Bayerische Staatsoper, Der Freischütz – über Herren und Knechte, IOCO Kritik, 20.02.2021

Februar 20, 2021  
Veröffentlicht unter Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Der Freischütz  –  Carl Maria von Weber

– über Herren und Knechte –

von Hans-Günter Melchior

Kuno ist Unternehmer, Max sein Angestellter mit Aufstiegsambitionen. Agathe ist die Tochter des Unternehmers, unabhängig, modern; sie hat sich von den Vorstellungen des Vaters emanzipiert, liebt Max, will ihn heiraten, ohne auf etwaige andersweitige Vorstellungen des Vaters zu achten. Zumindest ist ihr egal, was er denkt.
Eine vornehme Gesellschaft trifft sich in einem Salon. Von draußen drohen Wolkenkratzer durch die Fenster. Kellner, Damen in Abendkleidern, Getränke, erstaunlicherweise „nur“ Bier.

Der Freischütz – Bayerische Staatsoper
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Vorne, am offenen Fenster zu einer Fußgängerzone hin, steht auf einem Stativ ein Gewehr mit Zielfernrohr. Die Kamera schaut durch das Ziel-fernrohr, in der Fußgängerzone laufen Menschen hin und her, sie ist dicht bevölkert.
Der Unternehmerboss Kuno befiehlt seinem Angestellten Max, einen Menschen in der Fußgängerzone zu erschießen: „Drück ab!“ Max kann das nicht. Ich kann nicht auf etwas schießen, das sich bewegt, sagt er. Er kann einfach keinen wildfremden Menschen ermorden. Dass die Szene nur gestellt ist und ein Mensch in Wahrheit nicht gefährdet ist, weiß er nicht. Er glaubt, einen unschuldigen Mitmenschen auf Befehl des Dienstherrn erschießen zu sollen. Einfach weil es ihm befohlen wird.

HIER ! Der Freischütz – bis 15. März 2021 – als Video-on-Demand – LINK HIER ! 

Er verweigert den Befehl, zieht sich zurück. Er kann nicht, was von ihm verlangt wird. Ein anderer tritt ans Gewehr und schießt. Man sieht im Zielfernrohr, wie in der Fußgängerzone ein Mann tödlich getroffen zu Boden sinkt. Die Gäste brechen in Jubel aus.
Eine heikle Szene. Eine kritische zumal. Der Firmenboss stellt seinen Angestellten auf die Probe. Ist dieser zur absoluten Loyalität bereit, selbst um den Preis, einen Mord zu begehen?

Online-Matinee – Der Freischütz – Bayerische Staatsoper
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Allzu weit hergeholt ist die kritische Szene nicht. In der jüngsten, noch andauernden Rechtsgeschichte könnte es Beispiele von Kadavergehorsam um des Wohls der Firma willen gegeben haben. Nicht gerade Morde stehen zur Debatte, wohl aber umfangreiche Betrügereien. Audi, VW, Abgasskandal – das sind die Stichworte. Die kleinen und mittleren Angestellten berufen sich jedenfalls hinsichtlich des Manipulierens der Messeinrichtungen auf Befehle von oben.

Man kann in die Anfangsszene eine massive Kapitalismuskritik hinein-sehen/denken. Dabei spielt es aus der Sicht des Untergebenen keine Rolle, dass der Unternehmer letztlich das Risiko scheut und die Szene gestellt ist. Eben weil er, Max, davon ausgeht, dass ihm wirklich ein Mord angesonnen wird. Darauf kommt es an. Auf die Zumutung. Das dahinterstehende Interesse der Firma, das absolut genommen wird. Übergeordnet – dem Gesetz, der Moral.

Bayerische Staatsoper / Der Freischütz _ hier Kyle Ketelsen als Kaspar © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Der Freischütz _ hier Kyle Ketelsen als Kaspar © Wilfried Hoesl

Der Knecht weigert sich. Und der Unternehmer ist hilflos. Hegels Bild vom Verhältnis des Herrn zum Knecht und des Knechtes zum Herrn wird aufgerufen. Der Herr ist nur insoweit Herr als der Knecht ihn als solchen anerkennt; s. Phänomenologie des Geistes. Soll man in der Szene einen Appell des Regisseurs an die Zuschauer sehen? Sich ein Beispiel nehmen? Wie auch immer: die Szene ist hilfreich und belehrend und eindrücklich. Sehr gelungen.

Das Schicksal nimmt in der Oper jedenfalls seinen üblichen und bekannten Lauf: die Wolfsschlucht, der schizophrene Kaspar, aus dem gleichzeitig der Ungeist Samiel spricht. Max bekommt Agathe nur zur Frau, so eben die romantische Geschichte, wenn er beim Probeschuss am nächsten Tag ins Schwarze trifft. Er bedient sich der schrägen Hilfe Kaspars/Samiels, verschafft sich eine sogenannte Freikugel, die den Erfolg garantieren soll.

Die Freikugel trifft dann – anscheinend – ausgerechnet Agathe, wie es der Zauber will. Sie sinkt jedenfalls zu Boden. Steht aber wieder auf und behauptet, der Schreck habe sie umgeworfen. Max erschießt Kaspar/Samiel – und alles hat seine – christlich-romantische – Ordnung. Max darf zwar Agathe nicht sofort heiraten, bekommt jedoch ein Jahr Wartezeit auf Bewährung; hält er diese durch, steht der Heirat nichts mehr im Wege. Das ist so ähnlich wie im Strafprozess. Nach Ablauf der Bewährungszeit wird die Strafe erlassen.

Man kennt die Oper und die Handlung. Der Regisseur hat sie erfolgreich in die Modernität übersetzt. Das Schwiemelige und Kitschig-Düstere getilgt. An manchen Stellen hapert es freilich ein wenig an der Logik. So zum Beispiel, wenn Ännchen, Freundin, Mentorin und Beschützerin Agathes sich von ihrem Schützling in einem über der Bühne angebrachten Text lossagt, später aber doch wieder beim Jubeln über das halbwegs glückliche Ende dabei ist.

Der Eremit, der den Kompromiss wie mit judizieller Vollmacht gleich-sam verordnet, ist bei Tcherniakov so eine Art Oberkellner. Jedenfalls kein Eremit. Aber was solls. In vornehmen Lokalen werden sowieso die Sittenkodizes von den Oberkellnern überwacht oder verordnet.

 Bayerische Staatsoper / Der Freischütz _ hier Anna Prohaska als Aennchen, Golda Schultz als Agathe © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Der Freischütz  hier Anna Prohaska als Aennchen, Golda Schultz als Agathe © Wilfried Hoesl

Die Aufführung ist jedenfalls hochinteressant und an manchen Stellen mitreißend. Und dankenswerterweise von der Staatsoper als Video-on-Demand kostenlos zu empfangen. Danke, danke…

Drei Sieger gibt es. Ganz oben auf dem Podest steht Carl Maria von Weber. Die Oper ist musikalisch ein Wurf, ein Geniestreich, der selbst einem Genie nur einmal im Leben gelingt. Bei dieser Musik ist schlechthin alles richtig. Sie schmiegt sich jeder Seelenregung, jeder Aufwallung der Gefühle, jedem äußeren Sturm der Natur vollendet an, reißt mit. Man ist als Hörer in dieser Musik, fast ohne Distanz (was ja der kritischen Betrachtung abträglich sein soll). Glück stellt sich ein. Man umarmt im Geiste den Komponisten.

An zweiter Stelle auf dem Siegerpodest steht die Agathe der Golda Schultz. Was für eine hinreißende Stimme! Schlechthin vollendet.
Und der dritte Siegerplatz gebührt dem hervorragenden Orchester unter der sensiblen und gleichzeitig feurigen wie befeuernden Leitung des Dirigenten Antonello Manacorda. Da stimmte schlechthin alles, was Dramatik, Sensibilität und Feinheit der Nuancen angeht.

Das aber sind nur die Hervorhebungen. Der Kuno von Bálin Szabó, das Ännchen von Anna Prohaska und der kernige Kaspar des Kyle Ketelesen verdienen mehr als nur eine beiläufige Erwähnung. Das waren insgesamt hochgelungene Meisterleistungen. Und der Chor. Vollendet. Und und und…

Man könnte in Tränen ausbrechen. Keine Zuschauer. So einer Aufführung gebührt ein brechend volles Opernhaus – und mehrere Aufführungen. Wann findet das über uns hereingebrochene Unglück ein Ende? Wann finden die Regierenden einen Weg aus der Krise, deren sie bisher nur sehr unvollkommen Herr werden?

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper |—

 

7 Deaths of Maria Callas, München – Turandot, Lviv – Opernprojekte, IOCO Essay, 18.02.2021

Opera House Lviv / Lemberg, Ukraine © Opera House Lviv

Opera House Lviv / Lemberg, Ukraine © Opera House Lviv

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7 Deaths of Maria Callas, München – Turandot, Lviv

OPERNPROJEKTE  –  SURPRISE des Jahres 2020

von Adelina Yefimenko

Die moderne Opernpraxis wird immer auffälliger und stellt das Publikum vor „neue Wahrheiten“ wie: “Wenn Sie die Oper zu einem vollwertigen und wettbewerbsfähigen Online-Produkt machen möchten, sollten Sie darauf vorbereitet sein, Ihr Verständnis zu verändern von dem, wie Oper sein kann“.

PERFORMANCE + OPERA + VISION ART + FASHION DESIGN = MIRACLE

Seiner Zeit weigerte sich Richard Wagner standhaft seine musikalischen Mythendramen Opern zu nennen. Stattdessen ist es jetzt umgekehrt: Alle musikalisch-theatralischen Artefakte, experimentelle Aufführungen mit einem Symphonieorchester, elektronische Musik und eine Instrumentierung aus dem Bereich der U-Musik werden als Opern bezeichnet. Die Zersetzung des Genres als barock-klassisch-romantisch-modernes Phänomen ist seit langem eingetreten. Komponisten haben zuvor der Öffentlichkeit und Musikkritikern interessante Experimente in Richtung Folk, Rock, Rap, Quasi-Opern präsentiert. Das Opern-Requiem Iyov, der Opernzirkus Babylon die Nova Opera-Formation (Roman Grygoriv, Illia Razumeiko, Vlad Troitsky), die Opernapokryphen Judas und Magdalena von Alexander Shchetynsky, der diesjährige Opernmythos von Maria Oliynyk und Ulyana Horbachevs’ka Ukraine – Terra Incognita mit einer Widmung an den ukrainischen Bariton Wassyl Slipak, der in Paris lebte, als Solist an der Pariser Nationaloper und am Bastille-Opernhaus tätig war, im 2014 zurück in die Ukraine als Soldat ging und im Krieg „Russland gegen Ukraine“ fiel (2016) – ist keineswegs eine vollständige Liste der Transformationsopern in der Ukraine vor dem Hintergrund von Regie-Artefakten der Oper in Europa.

Die Oper in der Ukraine erlebt einen wahren „Boom“ und wird zunehmend zu einem Geheimtipp. Die Einhaltung der Regeln dieses Genres – zumindest des akademischen Operngesangs – machte Platz für die Suche nach neuen Klängen, Dramaturgie und, in erster Linie, Inhalten. Zeitgenössische ukrainische Komponisten schaffen Opernartefakte, die nicht in den Rahmen eines Kanons der Gattung passen, geschweige denn rezensiert werden können. Es ist wichtig, diese Artefakte zu auszuzeichnen.

– die Oper Night (Nacht) von Maxim Kolomiiets mit Libretto von Taras Frolov – eine neue Intonationsversion des Liedes Welch eine Mondscheinnacht (Nich Yaka Misyachna),

CHORNOBYLDORF – Chernobyldorf – Opernprojekt 
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– die archäologische Oper Chernobyldorf der Komponisten Roman Grygoriv und Illia Razumeiko über die postapokalyptischen Siedlungen der Nachkommen der Menschheit auf den Ruinen der Kernkraftwerke Zwentendorf (in der Nähe von Wien) und Tschernobyl,

– die aufgrund der Pandemie auf das nächste Jahr verschobene Produktion der Oper Vyshyvanyi – Der König der Ukraine von Alla Zahaikevych mit Libretto von Serhij Zhadan über einen Erzherzog der Habsburger , den Oberst der Legion der ukrainischen Sitscher Schützen (Schützen auf der Insel Sitsch), und inoffiziellen Kandidaten für den ukrainischen Thron im Falle der Errichtung einer Monarchie,

Laniuks neue, aber noch nicht aufgeführte Oper Das fremde Gesicht – ist ein exklusives Beispiel für eine neue literarische Oper, die auf den Texten des Japaners Kobo Abe, des Deutschen Franz Kafka und des Franzosen Honoré de Balzac basiert;

– eine moderne Kinderoper von Ivan Nebesny, die auf Ivan Frankos Gedicht Der Fuchs / Mykyta zum Libretto von Vasyl Vovkun basiert.

Alle diese Experimente versprechen ein völliges Umdenken in der musikalischen und theatralischen Praxis. Es wird die Bemühungen von mehr als einer Generation von Musikwissenschaftlern erfordern, diese neuen Dimensionen und Existenzvektoren des modernen musikalischen und theatralischen Phänomens zu untersuchen, das aus Trägheit oder Bequemlichkeit auch als Oper bezeichnet wird. Spontan denkt man an das Werk Richard Wagners Musik der Zukunft und sein geflügeltes Wort „Kinder, schafft Neues„, welches von einer neuen Generation von Opernkomponisten gehört wird. Die Zeit wird zeigen, mit welchen Nominierungen im Bereich der musikalischen Kunst und insbesondere der Kunst in der Oper die zukünftigen Ratings bereichert werden (und dies ist die Motivation für junge Musikkritiker, in den kommenden Jahren über die Aufstellung von Bewertungen für Musikveranstaltungen nachzudenken).

In der Zwischenzeit biete ich Optionen für die Zusammenstellung dieses synthetischen Produkts im Opern-Rating 2020 an: PERFORMANCE + OPERA + VISIO ART + FASHION DESIGN = MIRACLE…2020.

Eine so lange und unbequeme Definition wurde auf Grund zweier Produktionen abgeleitet, die nicht in die Unterscheidung nach den vereinfachten Kriterien der Weltrangliste am besten passen, weil sie hervorragende Opernprodukte enthalten, die meiner Meinung nach dem dialektischen Hegels Gesetz der „doppelten Negation“ folgten und daher sehr interessant waren unter dem Gesichtspunkt der Untersuchung der Perspektiven dieser Phänomene sowie der Gründe für die streitbaren, manchmal gegensätzlichen Reaktionen des Opernpublikums, einschließlich der Musikkritiker.

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

7 Deaths of Maria Callas – Marina Abramovic – Bayerische Staatsoper

ist ein Opernprojekt der weltberühmten Performerin Marina Abramovic, in dem die Musik von Bizet, Verdi, Donizetti, Puccini und dem jungen talentierten serbischen Komponisten Marko Nikodievich eine Hintergrundrolle spielt, während das Interieur-Design und die Kostüme von Burberry – einer Marke britischer Luxusmode – die letzten 24 Stunden im Leben der legendären Operndiva Maria Callas präsentieren und klar prägen.

7 Deaths of Maria Callas – Maria Abramovic
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Das Bühnenkonzept der Performerin ist nicht neu – die Verschmelzung von Archetypen von Frauen und Männern (Callas – Onassis, Willem Dafoe-Maria Callas). Das Wesen des sogenannten Opernprojekts im Sinne der „doppelte Negation“ ist jedoch tatsächlich innovativ. Und ohne Zweifel wurde das Ziel der offensichtlich gut durchdachten Aktion der Künstlerin – das Publikum zu enttäuschen, Opernliebhaber und Musikkritiker zu verärgern – erfolgreich erreicht. Die, die eine radikale Aufführung erwarteten (typisch für Abramovic), sowie diejenigen, die auf einen Opernabend in der Zeit von Maria Callas hofften, waren enttäuscht. Die ursprünglichen Genres des Projekts – Oper und Performance – kollidieren, konfrontieren, erleben Vereinigung und sterben. Der erotische Akt der Vereinigung von Oper und Performance offenbart sich siebenmal (Marina Abramovic betont die „heilige“ Bedeutung der Zahl „7“), ein künstlerisches Phänomen des langen pathetischen Sterbens mit Musik- und Videoclips Begleitung.

  • Adelina Yefimenko, Autorin dieses Berichts, Professorin, lehrt als Musikwissenschaftlerin an der Nationalen M.-V.-Lysenko-Musikakademie Lviv (Lemberg) und der Ukrainischen Freie Universität München (UFU)

Die Protagonisten sterben unter Hit-Arien aus dem Callas-Repertoire und Fragmenten von Filmclips in verschiedenen Genre-Versionen vom Thriller bis zur Fantasy. Das lebensspendende Innere der radikalen Performerin, die verschiedene Phasen des Opernhasses durchlief (sic!) und diesen Hass übrigens in fast jedem Interview gestand, entschloss sich plötzlich, der Welt ihre langjährige (seit dem 14. Lebensjahr) verborgene Herzensverbindung mit der Oper zu eröffnen. Während ihres bewussten Lebens verdrängte die Künstlerin diese Liebe brutal (ebenso wie die Liebe zum Performancekünstler Ulay), aber dies gelang ihr nicht… ebenso wie Maria Callas – einer großartigen Frau, einer großartigen Opernsängerin, einer großartigen Performerin.

Eine Szene aus 7 Deaths of Maria Callas ist besonders beeindruckend: Die Heldin (drei in einer: Abramovic-Callas-Norma) geht zu den Flammen Hand in Hand mit einem Feuerengel – Willem Dafoe in einem luxuriösen Lurexkleid von Burberry. Am Ende findet nicht der Liebestod statt, sondern die vollständige Dialektik der Negation der Negation – der Tod des Todes nach dem Bild der auferstandenen Callas – Abramovic in eben diesem lodernden Kleid.

Bayerische Staatsoper / 7 Deaths of Maria Callas © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / 7 Deaths of Maria Callas © Wilfried Hoesl

Währenddessen ertönt wie vom Himmel die Stimme der echten CallasCasta Diva – unter der Decke des halbleeren Saales der Bayerischen Staatsoper. Der Komponist Illia Razumeiko beschrieb den Prozess vom Tod des Todes so genau, dass er den ersten Platz im Rating der Texte in den Rezensionen der Musikkritiker für diese Veranstaltung erreicht hätte, falls ein solches Rating überhaupt existieren würde.

In der Zwischenzeit zitiere ich zur Unterstützung meiner Auszeichnung der 7 Todesfälle von Maria Callas Auszüge aus Illia Razumeikos Text, der auf seiner FB-Seite veröffentlicht wurde: „Die Performance, die dabei war, in den letzten 40 Jahren das Theater zu retten, ‹…› stirbt anderthalb Stunden lang im Ketchup auf der Bühne der Bayerischen Oper‹…›: In theater, blood is ketchup; in performance, everything’s real. Theatre is fake… The knife is not real, the blood is not real, and the emotions are not real. Performance is just the opposite: the knife is real, the blood is real, and the emotions are real. Müde von der Performance stirbt seine Göttin und Urmutter sieben Mal in München im besten Theater selbst. In den Video-Episoden ihres Todes fließt dieser Ketchup und das Acryl, mit denen sie ihre ganze schwierige Karriere zu kämpfen hatte, aus ihrem Gesicht. ‹…› Ketchup tropft auffällig von der verwundeten Carmen, die verrückte Lucia schmiert Ketchup über ihr Gesicht. Sieben „tödliche“ Opernarien, die von sieben Solisten aufgeführt werden, wurden in der Originalform in das Stück aufgenommen, damit die Opernkritiker etwas zu schreiben haben und das bürgerliche Publikum der Münchner Dauerkarten beim üblichen italienischen Belcanto-Material verbleibt. Artist is still present. Performance is dead.

  Turandot  –  Giacomo Puccini – Opera House Lviv

im Rahmen des Projekts Ukrainischer Durchbruch von Vasyl Vovkun und der Lviv National Opera Solomiya Krushelnytska.

Tudandot am Opera House Lviv
youtube Trailer Lviv Opra
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Die erste Inszenierung von Turandot auf der Bühne in Lviv scheint traditionell. In der Tat ist die Oper aus der Kategorie des Repertoirekanons der Welttheater unter der Regie des Polen Michal Znaniecki ein helles, farbenfrohes und luxuriöses Artefakt, als stünde er in der Tradition der „Museumsproduktionen“. Aber es nicht alles so einfach. Der „technologische Durchbruch“ ist ebenfalls offensichtlich, aber nach den visuellen Attraktionen der katalanischen Gruppe La Fura dels Baus ist es wahrscheinlich schwierig, jemanden zu überraschen. Spektakuläres Lichtdesign, die Maschinerie, farbenfrohe Landschaften – das alles gab es schon. Warum fielen dann 7 Deaths of Maria Callas und Turandot in dieselbe Kategorie, wie können wir überhaupt die Opernprojekte von Marina Abramovic und Vasily Vovkun vergleichen?

Die Frage ist alles andere als rhetorisch. Es ist kein Zufall, dass beide Aufführungen als PROJEKT bezeichnet worden sind. Offensichtlich, wenn auch nicht auf den ersten Blick, skizzieren beide Produktionen eine der modernen Tendenzen der totalen, sich manchmal gegenseitig ausschließenden Synthese, gefolgt von einem Fragezeichen (?). Und dies ist schon eine Intrige aus dem Blickwinkel des weiterführenden Konflikts zwischen Destruktion und Anti-Destruktion in modernen Opernproduktionen. Was passiert nach einer Reihe von der „doppelten Negation“ von Opernprojekten-Performance-minus-Oper oder Vision-Art+Plus+Fahsion-Design? Erinnern wir uns an den zutreffenden Satz der ukrainischen Sängerin, Solistin der Wiener Volksoper Zoryana Kushpler: “Die zeitgenössische Oper lebt von der Aura der Performance“.

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Was bedeutet das? Erstens die Beteiligung berühmter Künstler an der Opernproduktion, die die verschiedenen Arten der Kunstsynthese auf der Weltbühne umfassend ausprobiert haben, zum Beispiel herausragende Designer von Mode, Licht und Interieur. Dies ist kein neuer, sondern schon weit verbreiteter europäischer Trend, der von verschiedenen Opernhäusern getestet wurde. Der Gründer der italienischen Marke Valentino, Valentino Garavani, nähte persönlich die Kostüme für die Produktion der römischen La Traviata von Sofia Coppola, die japanische Modedesignerin Rai Kawakubo (Modelabel Comme des Garçons) stattete in Wien die Protagonisten der Oper Orlando von Olga Neuwirth aus, der niederländische Modedesigner Jan Taminiau (der Lieblingsdesigner der niederländischen Königin Máxima und von Lady Gaga) erfand die Kostüme zur Oper Ritratto des niederländischen Komponisten Willem Jeths und britische Modedesigner Gareth Pugh phantasierte die avantgardistische Kollektion zur Francesco Cavallis Eliogabalo. Und für die letzte Neuinszenierung Pelléas et Mélisande im Grand Theatre de Genève arbeitete Marina Abramovic als Regisseurin mit der niederländischen innovativen Modedesignerin Haute-Couture-Designerin Iris van Herpen zusammen. Die pompösen Kostüme für das Stück Turandot, die jedes für sich zu einem eigenen Kunstobjekt werden und die Museen und Laufstege der Modenschauen schmücken könnten, wurden von der berühmten polnischen Künstlerin Malgorzata Sloniowska entworfen.
Interessanterweise fuhr die britische Marke Burberry, deren Visitenkarte unter anderem farbige „karierte“ Regenschirme sind, ganz ohne „Karos“ zum Turandot nach Lviv, sondern mit malerischen chinesischen Papierschirmchen.

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Gleichzeitig ist die Idee des Bühnenbildes mit Sonnenschirmen (Luigi Scolio) eine erfolgreiche Anspielung sowohl auf ethnisch-chinesische Landschaftsrelikte als auch auf eine rein lvivische Sommerstraßengestaltung in der Copernicus-Straße. Parallelen und Assoziationen können fortgesetzt werden, zum Beispiel sah das Dekor der Terrakotta-Armee großartig aus. Letzteres war oft ein Element der Bühnenlandschaft, aber ich erinnere mich nicht an Produktionen, bei denen es so organisch zum Leben erweckt worden ist, dank der originellen Entscheidung des Regisseurs für dieses Mise-en-scène mit dem Chor.

So ist die Essenz beider Opernprojekte einerseits eine komplexe Herangehensweise an die pompösen Darstellungen der historischen dekorierten und kostümierten Operntraditionen, aber schon unter Verwendung der neuen Techniken (Dariusz Albricht, Alexander Mezentsev) – andererseits ist es eine exklusive Show mit Hollywoodfilmen, Modenschauen, Lichtdesign usw. Am wichtigsten war jedoch in beiden Produktionen die Pietät gegenüber der phänomenalen Operntradition – der lange und theatralische Tod, der in beiden Produktionen als totale Verschmelzung von Oper und Performance wie von Körper und Seele als integraler Bestandteil des Musiktheaters herausgearbeitet wurde. Beide Projekte – 7 Deaths of Maria Callas und Turandot – sind eine Hommage an Ihre Majestät die Oper und an ihre Opfer in der Realität und auf der Bühne – Maria Callas und Liu.

Marina Abramovic verkörpert in ihrem Projekt buchstäblich den Tod und die Ewigkeit der Operndiva, bei Turandot erinnert die Darstellung des Opernsterbens der Liu an die Negation der Negation Puccinis selbst – und dieses Geheimnis des letzten Opus des Komponisten ist interessanter als alle drei Geheimnisse von Turandot zusammen. Das Geheimnis des unvollendeten Meisterwerks bleibt ungelöst. In seiner letzten Oper bleibt der Komponist an der Schwelle zur traditionellen lieto fine stehen.

Puccini hat es zeitlich nicht mehr geschafft (oder wollte er es nicht mehr schaffen?), das Glück und die Liebe von Turandot mit dem Kalafen nach Lius Tod zu besingen. Und der Tod in der neuen Produktion von Turandot sowie in 7 Deaths of Maria Callas war und bleibt pathetisch.

Seit jeher zelebrieren sowohl Künstler als auch Publikum den langen, expressiv theatralischen Tod des Todes in der Oper. Aber, brauchen wir dieses Pathos noch heute? Sicherlich: um in der Seele eines jeden Menschen die Angst und den Schmerz über die unvermeidliche Näherung an das Nichtsein, an das persönliche Ende zu lindern.

—| IOCO Essay |—

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