München, Staatstheater am Gärtnerplatz, L’HEURE ESPAGNOLE – Maurice Ravel, 28.04.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

L’HEURE ESPAGNOLE  –  Eine turbulente Liebeskomödie

Die spanische Stunde, Kammeroper mit Musik von Maurice Ravel, Libretto von Franc-Nohain

Premiere   28. April 2019 – 20.00 Uhr   Studiobühne

Maurice Ravels erstes Bühnenwerk, der amüsante Einakter L’HEURE ESPAGNOLE (Die spanische Stunde) feiert am 28. April Premiere auf der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters. Die Vorliebe des Komponisten für spanisches Kolorit, das sich in Werken wie seinem berühmten Bolero oder der Rhapsodie espagnole niederschlägt, spiegelt sich auch in dieser Oper wider, gipfelnd in der feurigen Habanera des finalen Schluss-Quintetts.

INHALT
Ein Uhrmacherladen ist der Dreh- und Angelpunkt dieser turbulenten Liebeskomödie, in deren Zentrum die verführerische Concepción steht: Nachdem ihr Mann in die Stadt gegangen ist, um sich dort um die Wartung der öffentlichen Uhren zu kümmern, tauchen nacheinander drei Liebhaber auf, von denen jeder seine eigenen Vorzüge besitzt. Doch nur einem von ihnen wird es am Ende gelingen, das Herz von Concepción für sich zu erobern.

Musikalische Leitung   Kiril Stankow, Regie   Lukas Wachernig, Bühne / Kostüme   Stephanie Thurmair, Licht   Michael Heidinger, Dramaturgie   Daniel C. Schindler,

Mit:  Concepción   Valentina Stadler, Gonzalvo   Gyula Rab, Torquemada, Uhrmacher   Juan Carlos Falcón, Ramiro, Mauleseltreiber   Matija Meic, Don Inigo Gomez   Christoph Seidl
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Premiere   28. April 2019,  weitere Vorstellungen Mai  6 / 8, Juni  19 / 20, 2019

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

München, Residenztheater, ELEKTRA – Hugo von Hofmannsthal, IOCO Kritik, 09.04.2019

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

ELEKTRA –  Hugo von Hofmannsthal

 – Die Eifersucht der Toten –

von Hans-Günter Melchior

Elektra zu Orest:  „Verstehst du Bruder! diese süßen Schauder/hab ich dem Vater opfern müssen. Meinst du,/ wenn ich an meinem Leib mich freute, drangen/ nicht seine Seufzer, drang sein Stöhnen nicht/ bis an mein Bette? Eifersüchtig sind/ die Toten: und er schickte mir den Haß,/ den hohläugigen Haß als Bräutigam.“

Da wird Agamemnon, dem König von Mykene von den Troiern eine schöne Frau namens Helena geraubt und er zögert nicht, gegen Troja in den Krieg zu ziehen. Viele Jahre bleibt sein Reich verwaist und Klytämnestra, seine Frau, zunächst allein, und als er endlich mit einer anderen Frau im Gefolge zurückkehrt und die Herrschaft zurückverlangt, ist es zu spät. Klytämnestra hat einen anderen Mann erwählt, Ägisth, und die Machtverhältnisse haben sich verändert. Klytämnestra und Ägisth machen kurzen Prozess: sie erschlagen den Zurückgekehrten im Bad, wobei sich Klytämnestra eines Beiles bedient und den tödlichen Schlag ausführt.    Und da fängt das Drama Elektra erst an.

 Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannthal © Thomas Aurin

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

Agamemnon und Klytämnestra haben drei Kinder: Elektra, Chrysothemis und Orest. Orest gilt als verschollen, man hält ihn für tot. Chrysothemis findet sich mit den neuen Verhältnissen ab und erstrebt ein bürgerliches Leben mit Ehemann und Kindern. In Elektra indessen wühlt der Hass auf die Mörder des Vaters und richtet geradezu seelische Verheerungen in ihr an.

Sie sinnt auf Rache. Und sie hofft auf die Rückkehr des Bruders Orest. Als die – falsche, taktisch ausgestreute – Nachricht am Hof Klytämnestras ankommt, Orest sei tot, ist Elektra entschlossen, ihren Rachedurst auf eigene Faust zu befriedigen.
Dann aber die Wende: Orest erscheint, zunächst als Fremdling getarnt, sich dann aber Elektra offenbarend, am Hof und vollbringt, von Elektra über die Ereignisse in Kenntnis gesetzt, die Tat: er erschlägt die Mutter und ihren Liebhaber Ägisth.

Über die Psychopathologie Elektras ist viel Kluges und Spekulatives geschrieben worden. Fest steht, dass Hugo von Hofmannsthal sich mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds auseinandergesetzt hat. Insbesondere mit seinen Forschungen über die Hysterie. So halten die meisten Kommentatoren Elektra für eine Hysterikerin, für eine Frau, die den Verlust des geliebten Vaters nicht verwindet und den Verlustschmerz in geradezu fana-tischen Racheplänen ausagiert (s. das Zitat am Anfang dieses Kommentars). Man könnte ihr Verhalten auch, eben gerade auf den Fanatismus abstellend, nach heutigen Erkenntnissen dem Bereich der Soziopathie zuordnen.

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal - hier : Katja Buerkle als Elektra © Thomas Aurin

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal – hier : Katja Buerkle als Elektra © Thomas Aurin

Letztlich ist dies ohne Belang, entscheidend ist, dass die zentrale Figur des Stückes, Elektra, in ihrem unbedingten Verfolgungsdrang pathologi-sche Züge trägt (s. Sigmund Freud: Hysterie und Angst, Studienausgabe, S. 117: „Die psychischen Vorgänge bei allen Psychoneurosen sind eine ganze Strecke weit die gleichen, dann erst kommt das ´somatische Entge-genkommen` in Betracht, welches den unbewussten psychischen Vorgän-gen einen Ausweg ins Körperliche verschafft. Wo dieses Moment nicht zu haben ist, wird aus dem ganzen Zustand etwas anderes als ein hysteri-sches Symptom…, eine Phobie etwa oder eine Zwangsidee…“).

In Ulrich Rasche höchst beeindruckender Inszenierung steht das Menschheitsdrama im Vordergrund. Das Persönliche wird ins Allgemeine transponiert und dieses wiederum als unabänderlich begriffen. Das Immergleiche des Allzumenschlichen ist den gesellschaftlichen Zuständen verordnet wie eine Gravur.

Die Protagonisten bewegen sich auf einer kreisrunden Drehscheibe, über der ein riesiger Zylinder hängt. Eine architektonische Besonderheit. Rätselhaft groß und auf fremdartige Einflüsse hinweisend. So entsteht der Eindruck kosmischer Schicksalhaftigkeit, etwas ins Weltall Geweitetes, was der das Einzelschicksal sprengenden Komplexität des Stücks durchaus gerecht wird. Die Darsteller laufen auf der sich bewegenden Scheibe in der Gegenrichtung, so dass sie nicht weiterkommen, sondern sich im Wortsinne auf der Stelle bewegen. Und selbst wenn sie einmal der Kreisbahn folgen, kommen sie auf den Ausgangspunkt zurück. Eben nicht voran.

Hugo von Hofmannsthal in Wien © IOCO

Hugo von Hofmannsthal in Wien © IOCO

Anders als Hofmannsthal hat Rasche auf einen Chor nicht verzichtet. Mit vollem Recht. Denn was hier verhandelt wird, ist von öffentlichem Interesse. Das Volk beansprucht eine Stimme. Der Chor übernimmt streckenweise bestimmte Textstellen, indem er, der Kreisbewegung der Scheibe folgend, rundläuft und in einem harten Stakkato mit Verkünderpathos deklamiert. Begleitet wird das Bühnengeschehen von einer Musik, die ebenfalls gleichsam auf der Stelle tritt: einem Schlagzeug rechts (vom Zuschauer aus gesehen) und zwei Geigen und einem Cello links. Winzige Tonpassagen, kleine Intervalle, thematisch sehr sparsam auf die Emotionen setzend. Aufwühlend zuweilen.

Manchmal senkt sich der Zylinder aus Gaze über die Scheibe, schließt sie ab, meist aber schwebt er in einem Abstand über ihr und sendet Dämpfe aus, blutrote zum Beispiel, als Orest seine Mordtat vollbringt. Die Darsteller sprechen laut und abgehackt, jedes Wort betonend, bitter, anklagend, wie aus der Höhe einer allgemeingültigen Erkenntnis herunter, oft wie im Selbstgespräch, im Versuch, den sich nicht fügenden Problemen Worte zu verleihen.

 Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

Was für ein überwältigender Eindruck! Die Aufführung ist so intensiv, dass man als Zuschauer streckenweise glaubt, das „Nur-Gespielte“ sei das Wirkliche, es vollziehe sich in der Jetztzeit, gerade im Augenblick, dass man versucht ist, einzugreifen. Dies liegt nicht zuletzt an den brillanten Darstellern. Man hat Mühe, einen hervorzuheben. Vielleicht doch Katja Bürkle. Ihre Elektra geht unter die Haut. Man fröstelt. Wenn sie geduckt voranschreitet, zum blutrünstigen Tier denaturiert. ihre Schwester Chrysothemis argumentativ in die Enge treibend, Recht behalten wollend im Unrecht, zwanghaft und seelisch verkümmert. Eben auf der Stelle tretend und nicht weiterkommend, während ihre Schwester mit mehr Überzeugung den Fortschritt, nämlich den Standpunkt des konkreten Lebens vertritt. Lilith Häßle verkörpert diese im Grunde innerlich Schwankende, nach außen aber Entschlossene Chrysothemis ideal.

Souverän die Klytämnestra der Julian Köhler, scheu verhalten zunächst, dann entschlossen der Orest von Thomas Lettow.  Ein Spitzenensemble.

Zuweilen wie eine Folie des Unheils: der markige Chor, Wörter wie Hammerschläge. Wo gäbe es da Gegenargumente. Archaische Figuren allesamt, aus denen ganz unversehens das Leben zu quellen scheint. Überhaupt ist dies ein bemerkenswertes Verdienst dieser Inszenierung. Es gelingt, die Statuarik des Archaischen, des Symbolischen ins Mensch-liche aufzulösen, ohne den Charakter des Allgemeingültigen aufzugeben. Allein schon in der stilisierten Kleidung –, die gegürtete Elektra, die schwarz gekleidete, dem verlorenen Leben nachtrauernde Chrysothemis, die eher grell auftretende Klytämnestra, der auf das Einfachste reduzierte Chor – bringt dies zum Ausdruck.

Man ist zwei Stunden gebannt, kommt fast ins Schwitzen. Und am Ende ist man ein wenig froh, aus dem Klammergriff des Stücks entlassen zu werden. Großer dankbarer Beifall des Publikums.

Elektra am Münchner Residenztheater; die weiteren Termine 21.4.; 22.4.; 24.4.; 4.5.; 5.5.; 13.5.; 14.5.2019

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Bayerische Staatsoper, Parsifal – Richard Wagner, IOCO Kritik, 06.04.2019

Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Parsifal  –  Richard Wagner

– Die Vernunft des Gefühls –

von Hans-Günter Melchior

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Ein tumber Tor taumelt durch die Welt und kommt erst langsam zur Vernunft. Aber nicht durch intensive Verstandesleistung, sondern vielmehr durch die Gefühlslage des Mitleidenden: „Durch Mitleid wissend“.

Parsifal an der Bayerischen Staatsoper: Die hier besprochene Inszenierung vom 30.3.2019; die Premiere dieses Parsifal war am 28.6.2018.

Bei Richard Wagner weiß man nie genau, welche Gipfel man vor allem ersteigen muss: diejenigen der Musik oder den eines Dramas. Wagner wollte das Gesamtkunstwerk. Aber man ertappt sich zuweilen dabei, wie man sich im Nachdenken darüber verliert, welche Ringe der in den See geworfene philosophische Stein noch hervorruft–, auf den Punkt gebracht –, erhebt sich fortwährend die Frage: was wollte der Meister uns noch alles sagen?

Die Musik war für Wagner das Weibliche, das erst durch das – die männliche Seite vertretende – Drama gleichsam erweckt wird. So in seiner programmatischen Schrift „Oper und Drama“. In Parsifal hat der Meister besonders hohe Gipfel erklommen – und ist oben ein wenig atemlos angekommen.

Parsifal  –  Vorspiel mit Kirill Petrenko, Premiere 2018
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Im Mittelpunkt des Bühnenweihefestspiels, das ursprünglich nur in Bayreuth aufgeführt werden durfte, steht der Gral. Ein mystischer und zugleich mythischer Bereich, durch archaische Kulthandlungen wie die Enthüllung des heiligen Kelchs durch Rituale gekennzeichnet, andererseits inhaltlich stark von christlichen Moral- und Lebenseinstellungen geprägt, insbesondere von einem Leben in mönchischer Abgeschlossenheit, Abgeschiedenheit und Keuschheit (Reinheit als Prinzip sexueller Enthaltsamkeit) bei gleichzeitiger Wehrbereitschaft gegen das Böse in der Welt.

Der Gralskönig Titurel (Balint Szabó) hat das Zepter an seinen Sohn Amfortas (sehr eindrucksvoll Michael Nagy). Dieser allerdings sündigte: als er gegen den von der Gralsgemeinschaft abgewiesenen und sich aus Verzweiflung darüber selbst entmannenden Ritter Klingsor (kraftvoll Derek Welton) vorrückte, vergaß er seinen Auftrag und erlag den Reizen der zwischen den Reichen Klingsors und der Gralsritter unentschieden hin und her schweifenden verführerischen und von Nina Stemme ideal irrlichternd dargestellten Kundry. Klingsor ließ sich die Chance nicht entgehen, er kam von seiner Burg herab, entwand dem abgelenkten Amfortas den Speer und fügte ihm damit eine schlimme Wunde zu. Diese heilt nicht, sie blutet unentwegt und bereitet höllische Schmerzen –; alle Heilungsversuche scheitern, es sei denn, es gelänge, den von Klingsor gehüteten Speer (auch er ist heilig) zurückzuerobern und mit der Speerspitze die Wunde zu berühren.

Bayerische Staatsoper / Parsifal - hier : Amfortas und die Gralsritter © Ruth Walz

Bayerische Staatsoper / Parsifal – hier : Amfortas und die Gralsritter © Ruth Walz

Diese Aufgabe kann nur einem reinen Tor zufallen, gleichsam einem leeren Gefäß der Tugend, das sich noch nicht mit den Weltübeln gefüllt hat und auch niemals füllen wird, allenfalls mit den Regungen des Mitleids und der hingebungsvollen Liebe und Frömmigkeit.
Parsifal (leider nicht in gewohnter Sicherheit: Burkhard Fritz) betritt diesen Kosmos aus Visionen, unerfüllbaren Forderungen und Idealen mit einer Untat (1. Akt). Er erlegt einen Schwan, Symbol der Reinheit und Unschuld, und erregt damit das Missfallen des Gralsritters Gurnemanz, den René Pape mit berückender Brillanz, einem lupenrein klaren, scharfkantigen Bass verkörpert.

Der Versuch von Gurnemanz, den jungen Kerl in die Geheimnisse der Gralsritterschaft einzuweihen scheitert an dessen Unbedarftheit. Gurnemanz jagt ihn davon. Und Amfortas blutet weiter…

Im 2. Akt widersteht allerdings Parsifal den Verführungskünsten schöner Frauen, vor allem jedoch der Kundry. Gerade als diese dabei ist, ihm einen Kuss abzuringen, erinnert er sich der Wunde des Amfortas („Amfortas – Die Wunde! – Die Wunde! –“…“) und verweigert sich. Er entwindet Klingsor den „heiligen Speer“. Und im 3. Akt heilt er damit Amfortas, indem er die Wunde mit dem Speer berührt. Titurel, eine unbestimmt zwielichtige Figur, stirbt, der Schrein wird geöffnet, Kundry am Karfreitag von Parsifal getauft und dieser wird neuer Gralskönig. Die Weltordnung ist zumindest in der Theorie wieder im Lot.
Über die Wunde des Amfortas ist viel philosophiert worden. Die einen mutmaßen, Wagners Beschäftigung mit Schopenhauer tauge zur Erklärung: der blinde, triebhafte und ewig unbefriedigte Wille, der sich insbesondere als Sexualtrieb äußert, sei nur durch Enthaltsamkeit zu beschwichtigen. Nur so gelange der Mensch zur „Heilung“. Andere sehen in der Wunde gar ein Symbol der Unsterblichkeit. Denn solange der Mensch blutet und leidet, lebt er (so Slavoj Zizek, s. Programmheft S. 30ff).

Parsifal  –  Karfreitagszauber der Premiere 2018
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Nietzsche dichtete: „Weh! Daß auch du am Kreuze niedersankst,/ Auch Du! Auch du – ein Überwundener!“ Und dann Kundrys Schrei. Ein Urschrei für die einen, ein Erweckungsruf für die anderen. Überhaupt Kundry: das Ewig-Weibliche, verführerisch und fromm zugleich. Der Deutungsraum ist groß.

Vielleicht kommt man mit einer modernen Interpretation dem Problem näher: mit der Vernunftkritik. Der Vernunftfetischismus unserer Zeit, besonders in seiner Ausformung als ökonomische Vernunft und Profitsucht, ist dabei unsere Welt zu zerstören (s. Klimaschutz, soziale Ungerechtigkeit und so weiter). Die Gegenbewegung in der Weise der Ausbildung (sozialen) Mitleids könnte die Rettung sein. Und sie könnte auch, zur Gerechtigkeit führend, den Erlöser erlösen (Schlusschor: „Erlösung dem Erlöser“). Indem er Amfortas heilt und Kundry bekehrt, sie von ihrer Rastlosigkeit erlöst, befreit er sich selbst.

Bayerische Staatsoper / Parsifal - hier : Nina Stemme als Kundry, Parsifal und Klingsor © W. Hösl

Bayerische Staatsoper / Parsifal – hier : Nina Stemme als Kundry, Parsifal und Klingsor © W. Hösl

Reden wir von der Musik. Sie nimmt, schüttelt man all die schwierigen Gedanken im Kopf auf die Seite und schafft Raum für das Hören, einen zentralen Platz ein. Schlägt mit ihrem Zauber in Bann – schon in der Ouvertüre. Der harte, stampfende Rhythmus im ersten Akt als Gurnemanz mit Parsifal der Gralsbereich beschreitet. Der Wechsel zwischen Diatonischem und Chromatischem, je nach dem intellektuellen und dem sensitiven Stand des Geschehens. Das ist einsame Meisterschaft, die mühelos die theoretischen Klippen dieser Oper überwindet.

Kirill Petrenko deutet das vollendet aus, nuancenreich, expressiv und sensibel, bald heftig, bald differenziert leise folgt ihm das großartige Orchester, Besonders die Bläser, die Hörner zumal, erringen eine musikalische Spitze. Bravo.

Und die Inszenierung von Pierre Angi steht dieser Leistung nicht nach. Georg Baselitz ist ein Weltkünstler, ein hochberühmter Maler und Welterklärer schuf ein auffälliges Bühnenbild. Wer sich auf große Maler einlässt, fügt sich immer einer Welterklärung. Die Welt von Georg Baselitz ist nicht so wie sie aussieht. Hinter ihr versteckt sich die Wirklichkeit als Verzerrung des Schönen ins Monströse.

Bayerische Staatsoper / Parsifal - hier : Düsterer Tannenwald, Parsifal und die Gralsritter © Ruth Walz

Bayerische Staatsoper / Parsifal – hier : Düsterer Tannenwald, Parsifal und die Gralsritter © Ruth Walz

Im ersten Akt steht ein düsterer, stilisierter Tannenwald im Hintergrund, fast nur Striche im Düsteren. Davor verrenkte Gestalten, archaisch, urweltlich. An der Seite ein riesiges Skelett, gebogen, Dinosaurier oder Pferd (?), unter dem sich Kundry verbirgt. In der Mitte eine Art Ur-Dom, aufragende, verdrechselte und zur Spitze verzwirbelte balkenartige Bauteile, die einen kleinen Innenraum umgrenzen. Im 2. Akt Stilisierungen, Verfremdungen: an den Blumenmädchen, die Parsifal umschwärmen, hängen überdimensionierte, lappige Busen und Hinterteile, mehr Hinweise als Verführungsattribute. Auch der große Chor ist mit Lappen behängt, die anderen Protagnisten bewegen sich in den Reihen wie zwischen auf ihre körperlichen Merkmale reduzierten Monstern. Man kennt das: Baselitz´ Menschenbild ist entlarvend, nicht die Schönheit dominiert, sondern das Abstruse, zuweilen Gewalttätige. Ein Schauer überkommt den Betrachter: so ist der Mensch. Im Hintergrund zerbröckelt im Bild einer großen Wand Klingsors Reich, fällt zusehends in sich zusammen.

Im 3. Akt ist die Welt vollends auf den Kopf gestellt. Die Tannenspitzen (s. Foto oben) sind gegen den Boden gerichtet. Das Bühnenbild des ersten Aktes ist gleichsam umgedreht. Allein die Bühne suggeriert: die Welt ist aus den Fugen geraten. Die rituelle Sauberkeit bleibt sich selbst äußerlich. Im Grunde ist nichts in Ordnung. Neben solcher Ausdruckskraft und inhaltlicher Aussage ist für die Regie wenig Platz. Jedenfalls ist es für den Besucher schwer, den Anteil der Regie aus dieser kraftvollen Bühnengestaltung, die schon alles sagt, herauszulesen. Halten wir dem Regisseur zugute, dass er dem Maler seinen Willen ließ. Und zwar zum großen Vorteil der Aufführung.

Stürmischer Applaus nach einem ebenso aufregenden wie anregenden Abend.

Parsifal an der Bayerischen Staatsoper; die nächsten Vorstellungen 12.4.; 16.4.; 19.4.2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

München, Theater am Gärtnerplatz, Im weißen Rössl – Erik Charell, IOCO Kritik, 28.03.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Im weißen Rössl  – Erik Charell

Die Urfassung – Jazz und Schlager durchsetzt – NEU nach 80 Jahren

von Daniela Zimmermann

So österreichisch es klingt, die Wurzeln des Weißen Rössl liegen tatsächlich in Berlin; in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach dem ersten Weltkrieg und der Abschaffung der Monarchie entwickelte sich ein anderes, neues Lebensgefühl. Man wollte sich wieder des Lebens freuen können, Spaß haben, sich amüsieren. Herr über das damalige Berliner Große Schauspielhaus mit 3.500 Plätzen war  Erik Charell, 1894 – 1974, der die Revue,  die  Revueoperette beflügelte und 1930 mit Das weiße Rössl auf Anhieb einen weltweiten Sensationserfolg schaffte. Bis heute belebt diese Operette mit ihrer erfrischenden Mischung aus Operette, Theater und Revue ein breites Publikum auf allen Kontinenten.

Die ins Herz gehende und schmissige Musik stammt von Ralph Benatzky, die mitreißenden Liedertexte von Robert Gilbert.  Erik Charell hatte ein Gespür für die damalige Zeit und für die Wünsche seines Publikums: Die Operette, Das weiße Rössl, war sein Auftragswerk, welchem das gleichnamige Alt-Berliner Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg als Vorlage diente; ein Lustspiel entstanden 1896 in der Nähe von Bad Ischl mit Anleihen bei Carlo Goldoni, 1707 – 1793; bei einem Urlaub, den Oskar Blumenthal damals dort machte. 1960 wurde Das weiße Rössl verfilmt mit Peter Alexander.

2012 wurde Das weiße Rössl, als Debut von Josef Köpplinger für das Theater am Gärtnerplatz, auf der Ersatzspielbühne im Deutschen Theater im Zelt in Fröttmaning neu inszeniert. Jetzt erst, 2019, wird die Operette erstmals im eigenen Haus, im Staatstheater am Gärtnerplatz aufgeführt.

Im weißen Rössl  –  Erik  Charell
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Joseph Köpplinger ist Österreicher; seine Inszenierung am Gärtnerplatztheater zieht alle Register der österreichischen Sommerfrische: Nächster Urlaub am Wolfgangsee!  Auch das Berlinerische kommt nicht zu kurz, wenn der Trikotagen Fabrikant (Erwin Windegger) von der Ostsee schwärmt und das bitte, im Urlaub  am schönen Wolfgangsee: Diese Sprachschmankerl sind wunderbar, pointiert komödiantisch herausgearbeitet, große Unterhaltung. Alles kommt so in Köpplingers Inszenierung zusammen: feinfühliger Humor, dazu Gefühl und Liebe wie klamaukiger Kitsch: Die wesentlichen Ingredienzien einer packenden Operette.

Michael Brandstädter spielt mit dem Orchester des Gärtnerplatztheaters lebendig auf. Es ist sein Abend, in der vor 80 Jahren geschaffenen Urfassung gespielt etwas jazzig, mit vielen Schlagern aber doch gefühlvoll. Mit Tempo verzaubert Brandstädter mit den so populären Lieder, ihrem Frohsinn und Charme  das Publikum.

Für alpenländliches Urlaubsgefühl sorgt das Bühnenbild von Rainer Sinell, der auch die Kostüme kreierte. Österreichische Tracht und Berliner Schick der 20er Jahre: dies allein hat schon seinen besonderen Reiz. Ein schiefhängendes großes Bild im Bühnenhintergrund zeigt beständig buntes Alpenpanorama. Vor diesem Bild wird geschuhplattelt und gejodelt (Choreographie Frank-Oliver Weißmann). Nicht zu vergessen die Blaskapelle, die Wandergruppen und  die herrliche Bestuhlung des Gastgartens des Weißen Rössl: bei belegten Brötchen gab es dort einen schräg kitschigen Blick auf den von Wellen bewegten See und die Berge. Um das einmalig schöne Balkonzimmer streiten sich die Gäste lauthals. Letztlich bekommt das Zimmer … Wer? Natürlich der Kaiser. Der blaue Himmel wird dann vom Schnürlregen abgelöst. Gießkannen demonstrieren den Schnürlregen, den es –  alle Welt weiß es – nur und oft im Salzkammergut gibt..

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl - hier : Zahlkellner Leopold und Rössl Wirtin Josepha © Thomas Dashuber

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl – hier : Zahlkellner Leopold und Rössl Wirtin Josepha © Thomas Dashuber

Aber erst einmal geht es mit dem Bus und der richtig schwäbisch sprechenden Reiseleiterin, Dagmar Hellberg, deren englische Erklärungen natürlich köstlich amüsant sind, auf die große Fahrt ins Salzkammergut. Im Gasthaus zum weißen Rössl, schmachtet Zahlkellner Leopold, Daniel Prohaska,: „Es muss, was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden“!  um seine Chefin Josepha, Sigrid Hauser. Daniela Prohaskas klare schöne Tenorstimme ist für diese Partie eine ideale Besetzung. Die fesche, resolute und etwas barsch wirkende Chefin aber hat den jungen Rechtsanwalt, Dr. Siedler, aus Berlin kommend und Stammgast, (Maximilian Meyer), im Kopf. Sigrid Hauser ist ist nicht nur wunderbare Wirtin; mit feinen hohen Sopran lässt sie zarte Gefühle durchschimmern; und unterstützt dabei auch den österreichischen Folklore Gesang.

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl - hier . Klärchen und Sigismund © Thomas Dashuber

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl – hier . Klärchen und Sigismund © Thomas Dashuber

Berlin ist stets präsent in dieser Operette: Viele Gäste kommen aus Berlin, aus dem voll besetztem Reisebus, auch Dr. Giesecke mit seiner hübschen Tochter Ottilie (Iva Shell), die dem Sonnyboy Dr. Siedler nur allzu gut gefällt. Aus Sangershausen reist der schöne Sigismund an, Fabrikantensohn, der sich spontan in das lispelnde Klärchen verliebt. „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“, kann man da noch widerstehen? Klärchen ist Tochter des sparsamen und armen Privatgelehrten Prof. Dr. Hinzelmann, (Wolfgang Krasnitzer). Allein die Wirtin zeigt sich Leopold gegenüber noch immer spröde, aber da kommt der Kaiser, ganz persönlich und hilft schließlich den Beiden zu ihrem Liebesglück. So finden drei glückliche Paare zueinander.

Ankunft und Ansprache des Kaisers mit Federhaube, ist natürlich ein Höhepunkt. Kaiser Franz Josef: es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“, das geht zu Herzen. Sehr würdevoll und echt gespielt von Wolfgang Hübsch. Natürlich ist auch diese Ankunft ein folkloristisches Highlight. Felix Meyerbier schuf dazu die schräg humorige  Choreografie. Der Chor, das Volk bejubeln Ihre Majestät und sind stets sehr präsent im lebendigen Operettengeschehen auf der Bühne

Natürlich begeistert zum guten Schluss das Ballett durch eine komödiantische Revue mit tanzenden, glücklichen Kühe und dem Schmetterling als Liebessymbol. Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“, Österreich, wie es liebt und lebt. Ohne Zahlkellner geht kein Gastgewerbe und so bekommt, das glückliche Ende abschließend, Leopold erhät von Josepha schließlich einen Chefvertrag auf Lebenszeiten.

Das überraschend glückliche Ende der Operette wird vom erneut ausverkauften Haus ebenso froh und wohlgemut gefeiert

Im weißen Rössl am …  Gärtnerplatztheater; die weiteren Termine 11.5.; 12.5.2019

—| IOCO Kritik Staatstheater am Gärtnerplatz |—

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