München, Bayerischer Rundfunk, Mariss Jansons: 1943 – 2019, IOCO Aktuell, 11.12.2019

Dezember 11, 2019  
Veröffentlicht unter Bayerische Staatsoper, Personalie, Pressemeldung

Mariss Jansons dirigiert hier in der Philharmonie Berlin © BR / Peter Meisel

Mariss Jansons dirigiert hier in der Philharmonie Berlin © BR / Peter Meisel

 

Bayerischer Rundfunk trauert um Mariss Jansons

Der international angesehene Dirigent Mariss Jansons ist tot. Er starb am  1. Dezember 2019 in Sankt Petersburg im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer Herzerkrankung. Jansons hatte seit 2003 Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks geleitet; zudem war er Träger vieler Auszeichnungen. So hat Jansons noch am 13. Oktober 2019 den Musikpreis Opus Klassik (Nachfolger des in Misskredit gebrachten Echo Klassik) für sein Lebenswerk erhalten

Mariss Jansons wurde 1943 in der lettischen Hauptstadt Riga in eine musikalische Familie geboren. Seine Mutter war Sängerin, sein Vater Arvids Jansons war damals Kapellmeister der Oper von Riga.

Stimmen des BR zum Tod von Mariss Jansons

BR-Intendant Ulrich Wilhelm
„Wir trauern um einen großartigen Künstler und wunderbaren Menschen. Mariss Jansons hat Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks zu dem geformt, was sie heute sind: Sie zählen zu den besten Klangkörpern der Welt. Seine Präzision am Pult und sein von Menschlichkeit geprägter Umgang mit den Musikerinnen und Musikern machten ihn zu einem Ausnahmekünstler. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass in München in den nächsten Jahren ein neues Konzerthaus entstehen wird. Der Bayerische Rundfunk wird Mariss Jansons ein ehrendes Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie.“

Mariss Jansonseine Vita
youtube Trailer Bayerischer Rudnfunk
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Nikolaus Pont, Manager BR-Symphonieorchester
„Die Nachricht von Mariss Jansons‘ Tod erfüllt mich und wohl alle, die ihn kennenlernen durften, mit unfassbarer Trauer. Als Mensch und als Musiker hat er das Leben von so vielen Menschen reicher gemacht. Ich werde ihm dafür immer dankbar sein.“

Susanne Vongries, Managerin BR-Chor und der BR-Chorvorstand
„Der Chor des Bayerischen Rundfunks trauert um seinen Chefdirigenten Mariss Jansons. In Erinnerung bleiben außergewöhnliche Momente der Begegnung und tief beeindruckende Konzerte mit insbesondere großformatigem Repertoire, in dem er die Kräfte musikalisch und künstlerisch in einzigartiger Weise bündeln konnte wie kaum ein anderer. Unser tiefes Mitgefühl gehört seiner Frau Irina und der ganzen Familie.“

Orchestervorstand BR-Symphonieorchester
„Die Nachricht vom Tod unseres Chefdirigenten Mariss Jansons hat uns mit tiefer Bestürzung und großer Trauer erfüllt. Mit seinem Tod verliert die Musikwelt eine ihrer größten Künstlerpersönlichkeiten. Wir schätzen uns sehr glücklich, in den vergangenen 17 Jahren mit ihm in enger künstlerischer und menschlicher Verbindung zahlreiche unvergessliche Konzerte erlebt zu haben. Sein unerbittlicher Anspruch an sich selbst und auch an seine Musiker, sein stets respektvoller Umgang mit seinen Kolleginnen und Kollegen und seine große Hingabe an die Musik werden uns immer in Erinnerung bleiben. Mariss Jansons wird in der Geschichte unseres Orchesters einen Ehrenplatz einnehmen, wir werden ihm ein lebendiges und ehrendes Andenken bewahren.“

—| Pressemeldung Bayerischer Rundfunk |—

München, Münchner Kammerspiele, KILL THE AUDIENCE – Ein ver-rückter Abend, IOCO Kritik, 30.11.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

KILL THE AUDIENCE  –  Rabih Mroué

– Der Zuschauer als Schauspieler – ein Seitenwechsel –

von Hans-Günter Melchior

Es fängt vergleichsweise konventionell an. Es wird dunkel, auf einer Leinwand läuft ein kurzer Film ab, der Szenen aus dem Vietnam-Krieg zeigt, in den die USA 1965 mit Bombardements u.a. unter Einsatz der berüchtigten Napalm-Bomben (die Opfer gingen mit schwersten Verbrennungen buchstäblich zugrunde) eingriffen.

Der ver-rückte Abend

Eva Löbau, Foto unten, erläutert dann mit gespielter Sachlichkeit die Funktionsweise der Beretta unter Verwendung einer Plastikausgabe der Handfeuerwaffe. Danach zeigt sie den Zuschauern das in Militärkreisen berühmte Maschinengewehr 42, MG 42, das die Schützen in die Lage versetzte, 1200 Schuss in der Minute abzufeuern und noch in den Anfängen der Bundeswehr zur Waffenausstattung gehörte.

Zeynep Bozbay schaltet sich erklärend und ergänzend ein. Gleichsam Folie der Aufführung ist die legendäre Aufführung des Stückes Vietnam-Diskurs von Peter Weiss im Jahre 1968, also vor 50 Jahren, an gleicher Stelle, nämlich in dem damaligen Werkraumtheater. Regie führten 1968 Wolfgang Schwiedrzik und Peter Stein. Die Schauspieler forderten die Zuschauer zu Spenden für den von Hò Chi Minh angeführten Vietcong auf, der schließlich Südvietnams Hauptstadt Saigon eroberte und in dem mit größten Verlusten geführten Krieg (ca. 5 Mio. Opfer auf vietnamesischer Seite, 58 000 US-Soldaten fielen) obsiegte. Die damalige Inszenierung, besonders die Spendenaktion, führte zu einem handfesten Theaterskandal in München. Die geplanten weiteren Aufführungen mussten abgesetzt werden.

In einem relativ kurzen Abschnitt werden die Geschichte des Stücks und die historischen Hintergründe dargestellt.

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience - hier :  Eva Löbau, Zeynep Bozbay © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience – hier : Eva Löbau, Zeynep Bozbay © Judith Buss

Lebhafte Erinnerungen der Zeitzeugen werden aufgerührt. Bilder und Eindrücke von der Teilnahme an der Studentenrevolte der Jahre 1967 ff, den Schah-Besuch in Berlin, die Erschießung von Benno Ohnesorge, die Demonstrationen und den Theorienstreit, eben all die Erinnerungen an Vorgänge, die in bewegter Zeit die gesellschaftliche Diskussion bestimmte und die Staatsorgane auf das Äußerste herausforderten, werden wach. Gedankliche Nachforschungen in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno.

Dem libanesischen Regisseur Rabih Mroué geht es aber in Wahrheit nicht um ganz bestimmte theoretische oder gar ideologische  Inhalte. Sein Anliegen ist formaler Natur: die radikale Umkehrung der Rollen. Er macht die Zuschauer zu den eigentlichen Akteuren. Der passive Zuschauer, der sich zurücklehnt und die auf der Bühne mal machen lässt, ist ihm suspekt:

– Eine die Zuschauerschaft als gesellschaftliche und still rezipierende Reihe von Pappfiguren, die die Zuschauerschaft imitiert, wird mit Beilhieben brutal zerstört, gleichsam ausgerottet.

– Während der Verlesung einer Abhandlung über die vergangenen Ereignisse und die Geschichte der Aufführung wird filmisch eine Zuschauermenge auf die Bühne projiziert. Die Damen und Herren scheinen dem Vortrag zuzuhören, benehmen sich jedoch gelinde gesagt unernst, wenn nicht läppisch, stilisierte Figuren, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Auch sie verschwinden.

Die beiden Schauspielerinnen, die zuvor – sozusagen performatorisch agierend, nämlich die Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum aufhebend – bereits die Bühne verlassen hatten, um die Zuschauer per Handschlag zu begrüßen und nach ihrem Befinden zu befragen, und die die enorme Bedeutung der Zuschauer für das Theater, ja ihre schlechthin maßgebende, stilbildende Rolle, priesen, verlassen ebenfalls und nun endgültig die Bühne, verschwinden einfach und werden nicht mehr gesehen. Irgendwie allein gelassen sitzen die Zuschauer da.

Doch dann werden sie regelrecht aus dem Theaterschlaf gerüttelt. Auf der Bühne sind nun Sitzreihen aufgestellt, es ist ein echter Zuschauerraum eingerichtet. Es nehmen dort, nicht anders als im richtigen Zuschauerraum, Frauen und Männer Platz, die den „eigentlichen“ (Eintritt zahlenden) Zuschauern gegenübersitzen und diese erwartungsfroh anschauen.

So sind unversehens aus den von den professionellen Schauspielern verlassenen Zuschauern die Akteure, die eigentlichen Schauspieler geworden, denen passive Zuschauer gegenübersitzen. Als hätte das Blatt sich gewendet, als sei der „Spieß“ umgedreht worden.

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience - hier : Marja Burchard, Maasl Maier © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience – hier : Marja Burchard, Maasl Maier © Judith Buss

Zunächst herrscht beiderseitiges Schweigen. Es ist klar, dass von den „Bühnenzuschauern“ nichts weiter als das Zuschauen zu erwarten ist, während die eigentlichen Zuschauer irgendetwas tun müssen, wenn sie nicht in einem eher peinlichen und stoischen Nichtstun verharren wollen, angestarrt wie Schauspieler, denen es die Sprache verschlagen hat.

Die Situation ist dem Stück 4´33“ von John Cage ähnlich. Es ist in drei Sätze gegliedert, wobei jeder Satz mit Tacet (er, sie schweigt) überschrieben ist. Der Pianist hebt die Hände über der Tastatur und lässt sie nach 4 Minuten und 33 Sekunden sinken, ohne einen einzigen Ton gespielt zu haben.

Regelmäßig entsteht dabei im Zuhörerraum zunächst Ratlosigkeit, danach Unruhe, Scharren, Räuspern, verlegenes Lachen u.s.w. Die eigentliche Komposition stellen diese provozierten Geräusche dar.

Mroués Inszenierung provoziert hingegen keine Geräusche, sondern eine zunehmend lebhafter werdende Diskussion: über die damalige Zeit, über das, was von ihr geblieben ist, über Widerstand und die Frage, ob es heute Zustände gibt, die dem Imperialismus der beschriebenen Zeit ähneln. Zeitzeugen äußern sich, aber auch junge und jüngere Leute, es werden unterschiedliche Auffassungen ausgetauscht.

Das geht etwa eine halbe Stunde so, wird immer engagierter und interessanter –, bis (fast) alles gesagt ist. Schließlich stehen diejenigen Personen, die die Zuschauer auf der Bühne spielen, auf und applaudieren –, zum Zeichen, dass die Vorstellung der Zuschauer, die – diskutierend – die Rolle der Schauspieler übernommen haben, zu Ende ist.

Ein verdammt raffinierter Trick. Die formale Umkehrung der Rollen, die die Zuschauer in eine ungewohnte Aktivität gleichsam hineinstößt und sie das Schwimmen lehrt, sie dazu zwingt zu spielen, wo sie doch gekommen sind, sich zurückzulehnen und das Geschehen schweigend zu verfolgen (vielleicht übermüdet auch nur über sich ergehen zu lassen).

Auf die inhaltliche Seite kommt es nicht an. Niemand, so der Regisseur, soll auf eine bestimmte Meinung festgelegt werden. Aber jeder soll eben spielen, dem Basiliskenblick der schweigenden Zuhörerschaft ausgesetzt ein Schauspieler sein, der seinen Text im Spielen spontan erfindet.

Eine gelungene, geradezu teuflische Idee, die in ihrer Radikalität ihresgleichen sucht. Man verlässt das Theater in dem Bewusstsein, etwas geleistet zu haben und zugleich ein wenig beschädigt zu sein. Wie ein Darsteller, der die Erwartungen der Zuschauer nicht ganz erfüllt hat, dem zu seiner Rolle die Realität fehlt oder diese ihm gar abhanden gekommen ist, weil er sich in einer reinen, nicht vom wirklichen Leben beschmutzten Ästhetik verliert. Ein wenig beschädigt auch, weil er, der Akteur, der Schauspieler, nicht vollständig ausgefüllt hat: weil ihm nicht alles zu ihr eingefallen ist oder weil das Wichtigste zu sagen vergessen hat.

Und auf jeden Fall verlässt man um eine völlig neue eine Theatererfahrung bereichert die Aufführung, bei der man auf die Bühne gesetzt wurde und agieren musste/durfte. Herausforderungen können mehr als nur aufregend sein.

Beim anschließenden Glas Wein geht die Diskussion weiter und immer weiter – in eine Zeit zurück, die als vergangene immer noch Gegenwart ist

KILL THE AUDIENCE an den Münchner Kammerspielen; die weiteren Vorstellungen 17.12.; 19.12.2019

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Spielzeitpremiere, Hänsel und Gretel, 04.12.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

»Hänsel und Gretel«
Märchenoper

Musik von Engelbert Humperdinck
Dichtung von Adelheid Wette

am 14. Dezember 1974 feierte die Märchenoper »Hänsel und Gretel« von Engelbert Humperdinck in der Inszenierung von Peter Kertz Premiere im Staatstheater am Gärtnerplatz.

Vor 45 Jahren, am 14. Dezember 1974, feierte die Märchenoper »Hänsel und Gretel« von Engelbert Humperdinck in der Inszenierung von Peter Kertz Premiere im Staatstheater am Gärtnerplatz.

Staatstheater am Gärtnerplatz / Hänsel und Gretel -Csilla Csövari (Gretel), Anna-Katharina Tonauer (Hänsel), Kinderchor © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz / Hänsel und Gretel -Csilla Csövari (Gretel), Anna-Katharina Tonauer (Hänsel), Kinderchor © Christian POGO Zach

Das arme Geschwisterpaar Hänsel und Gretel wird von seiner Mutter zum Beerensuchen in den Wald geschickt. Bald schon finden die Kinder nicht mehr aus dem Wald heraus und müssen unter dem Schutz von 14 Engeln die Nacht in der einsamen Düsternis verbringen, wo sie schließlich auf das Pfefferkuchenhaus der bösen Knusperhexe stoßen.

Die Geschichte von Hänsel und Gretel zählt wohl zu den bekanntesten Märchen aus der Sammlung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Engelbert Humperdinck und seine Librettistin Adelheid Wette schufen aus dem bekannten Stoff eine der erfolgreichsten Opern des 20. Jahrhunderts. Seit seiner Weimarer Uraufführung im Jahre 1893 gehört das Werk zum weihnachtlichen Standardrepertoire jedes Musiktheaterhauses und begeistert bis heute Jung und Alt.

Staatstheater am Gärtnerplatz / Hänsel und Gretel - Frances Lucey (Taumännchen) © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz / Hänsel und Gretel – Frances Lucey (Taumännchen) © Christian POGO Zach

Märchenoper
Musik von Engelbert Humperdinck
Dichtung von Adelheid Wette

Premiere am 14. Dezember 1974

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Howard Arman / Oleg Ptashnikov
Regie nach Peter Kertz
Bühne / Kostüme: Herrmann Soherr

Besetzung
Peter: Matija Mei? / Mathias Hausmann
Gertrud: Ann-Katrin Naidu / Alexandra Reinprecht / Ildikó Raimondi
Hänsel: Anna-Katharina Tonauer / Valentina Stadler
Gretel: Mária Celeng / Jennifer O’Loughlin / Ilia Staple
Knusperhexe: Juan Carlos Falcón / Anna Agathonos
Sandmännchen: Valentina Stadler / Anna-Katharina Tonauer
Taumännchen: Julia Duscher

Kinderchor und Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Spielzeitpremiere: 4. Dezember 2019
Weitere Vorstellungen:
5./6./11./18./19./20./23./29. Dezember
3./4. Januar

Altersempfehlung ab 6 Jahren

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

München, Bayerische Staatsoper, Wozzeck – Alban Berg, IOCO Kritik, 20.11.2019

November 19, 2019  
Veröffentlicht unter Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Wozzek – Alban Berg

– „Wir arme Leut“ –

von Hans-Günter Melchior

Wie Treibholz mäandert er zwischen dem Hauptman und dem Doktor hin her. Ohne eigene Sprache, ausstaffiert mit Zitaten aus der Bibel: “Lasset die Kleinen zu mir kommen“, ein unehelicher Vater am Rande der Gesellschaft.

Wozzeck. Abgefertigt wird er von den beiden Herrscherfiguren in der hierarisch gegliederten Gesellschaft, dem Hauptmann („Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er.“) und dem Doktor mit zynischen Sprüchen, nichtssagenden Leerformeln, der typische Untertan, arm und rechtlos, nicht aus eigenem Willen, sondern dazu gemacht, weil es in die gesellschaftliche Ordnung passt bzw. diese es nicht anders zulässt.

Wozzeck Alban Berg
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Armut als zu duldendes, zu erduldendes Schicksal. Dieser Mensch hat kein Recht auf seine Person, er ist nichts als ein Objekt, entpersönlicht und der Verfügungsgewalt der Inhaber der Macht überlassen, zum Beispiel des Doktors, der seine Experimente mit ihm ausführt, ihm einseitige Ernährungsvorschriften erteilt und die Wirkungen seiner Anweisungen, die er erbärmlich honoriert, „wissenschaftlich“ beobachtet. Und ihn, weil es ihm in den Kram passt, zum psychiatrischen Fall abstempelt.

Ein armer Hund also ist dieser Wozzeck, von Georg Büchner 1836 als Woyzeck geschrieben, als Protest gegen die politischen und sozialen Zustände seiner Zeit so konzipiert – und vom Regisseur Andreas Kriegenburg auch so auf die Bühne gestellt. Dabei verzichtet Kriegenburg bewusst darauf, das Stück in die Gegenwart umzusetzen, er inszeniert aus der Perspektive der Zeit, in der es entstanden ist. Im Interview macht er geltend: „Man sollte ihn (Anmerkung: Wozzeck) in seinen Gefangenheiten belassen. Diese ganz konkreten Gefangenheiten würden wir bei einer Adaption in unsere Zeit ins Spekulative verharmlosen.

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck - hier : Christian Gerhaher als Wozzeck und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck – hier : Christian Gerhaher als Wozzeck und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann © W. Hoesl

Das vermag zwar nicht ganz zu überzeugen. Auch in unserer Zeit gibt es exemplarische Armut, die auf das Prinzipielle einer Gesellschaft verweist, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, aus Gründen, die immer mehr als ungerecht empfunden werden. Auch mit diesen Menschen ein Mitleid zu haben, wie es Büchners Stück herausfordert, ist keine schlechte Einstellung.

Dennoch funktioniert auch Kriegenburgs Konzept der historischen Stilechtheit hervorragend. Wie Projektionen des halluzinierenden Wozzeck (Doktor. Wozzeck. Er hat die schönste Aberratio mentalis partialis…“) wandeln die ins Groteske stilisierten Figuren, der überfettete, mit Polstern behangene Hauptmann und der asketische Doktor über die im Vordergrund unter Wasser stehende Bühne. Überhaupt: das Wasser. Das ist hier nicht, wie Joseph Brodsky in seinem hervorragenden Venedig-Büchlein „Ufer der Verlorenen“ schreibt die „Zwillingsschwester“ der Musik (überhaupt: Venedig und Hochwasser, doch das ist ein anderes Thema), sondern ein Zustand. Er kennzeichnet, sofern man sich darauf einlassen will, das Elend und die Unsicherheit der Ordnung. Das Wasser als allgemeines Zustandssinnbild wird in der sich über der vorderen Bühne aufbauenden zweiten Bühne gespiegelt, die die ärmliche Behausung der Marie und ihres Kindes zeigt. Man friert als Zuschauer förmlich, ein unbehagliches Gefühl kommt auf: hier kann man nicht leben

Die Handlung des Fragment gebliebenen Stückes, an das sich Alban Berg weitgehend hielt, ist einfach: Wozzeck, ein einfacher Soldat, Untertan (Objekt) des Hauptmanns und des Doktors gleichermaßen, hat von Marie, mit der er nicht verheiratet ist, ein Kind (hier ein bereits großer Junge, Alban Mondon). Marie betrügt ihn mit dem Tambourmajor. Er ersticht Marie an einem Teich und wirft das Messer ins Wasser. Immer weiter geht er später, als er sich in einer Kneipe, blutverschmiert, verdächtig gemacht hat, um das Messer in der Mitte des Teichs verschwinden zu lassen. Der Hauptmann und der Doktor kommen vorbei. Sie hören ein Stöhnen, der Doktor stellt das Sterben eines Menschen fest. Wozzeck bleibt auf der Bühne regungslos im Wasser liegen.

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck - hier : das Ensemble © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Wozzeck – hier : das Ensemble © W. Hoesl

Alban Berg hat aus dem Stück eine musikalisch hochdifferenzierte Oper gemacht. Die Musik steigt bald in nahezu gewalttätige expressionistische Höhen auf, bald verebbt sie in einer Art Sprechgesang, der rhythmisiert ist. Sie verwendet klassische sinfonische Formsprachen in tonalen Resten, überwiegend aber wirft sie gleichsam ein atonales Netz, insbesondere auch  aus Elementen der Zwölftontechnik über das Geschehen, dieses zu einem Schreckensdrama und zu einer einzigen Anklage in geradezu lakonischer Knappheit zusammenziehend.

Das Orchester unter der Leitung von Hartmut Haenchen bewältigte diese extrem schwierige Aufgabe meisterhaft. Nuanciert, höchst facettenreich und erschütternd, vor allem in den Bläsern, insbesondere dem Blech. Den Zuhörer ergriff geradezu ein Beben, besonders wenn den hervorragenden Chören, dem Chor und dem Kinderchor der Bayerischen Staatsoper, vom Orchester gleichsam unter die musikalischen Arme gegriffen wurde.

Höchst eindrucksvoll der Wozzeck Christian Gerhahers. Nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch anrührend. Ihm zur Seite stand stimmgewaltig die Marie der Gun-Brit Barkmin.

Überwältigend gesanglich, darstellerisch skurril, bis ins Groteske hinein überzeichnet, der Hauptmann von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und der Doktor von Jens Larsen.

Hagestolz und in bester Form auch der Tambourmajor von John Daszak. Ein szenischer Höhepunkt: der Tambourmajor wurde –, auf einem Brett stehend, das auf dem sklavisch gebeugten Rücken mehrerer Männer ruhte –, auf die Bühne getragen wie ein Imperator.

Großer Applaus. Nur einige, Belcanto-Fetischisten (?), verließen das Haus

Wozzeck an der Bayerischen Staatsoper;  weitere Vorstellungen 20.11.; 23.11.; 25.11.2019.

Achtung: Die Wozzeck Aufführung vom 23.11.2019, 19.00 Uhr wird auf dem Live-Stream Staatsoper TV übertragen

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Nächste Seite »