München, Bayerische Staatsoper, Der Rosenkavalier – Regie Barrie Kosky, IOCO Kritik, 25.03.2021

März 25, 2021  
Veröffentlicht unter Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Der Rosenkavalier   –  Richard Strauss

– Der kleine Tod –

Musikalische Leitung: VladimirJurowski,  Inszenierung: Barrie Kosky, Video- on-Demand

von Hans-Günter Melchior

 Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Er schleicht immer wieder über die Bühne, ein uralter Cupido auf wackeligen, altersschwachen Beinen und mit zerfurchtem Gesicht, ach ja, die Liebe, und alles hat seine Zeit und die Feldmarschallin (großartig, eindringlich, melancholisch Marlies Petersen) darf sich noch einmal hin-legen und bereit sein für ihren jungen Liebhaber (Octavian Samantha Hankey), bevor der Baron Ochs (Christoph Fischesser) hereinpoltert und von seiner bevorstehenden Hochzeit mit der Tochter des neureichen Faninal (Johannes Martin Kränzle), dieser kapriziösen und modernen Sophie (Katharina Konradi) schwärmt. Ohne dabei zu vergessen, der attraktiven Kammerzofe Avancen zu machen und der nicht minder attraktiven Feldmarschallin auf dem Sofa immer näher zu rücken, während diese ihm auf dem engen Sitzmöbel auszuweichen sucht. Denn der Kerl ist zweifellos ein Blödmann, der hinter dem Geld her ist und auf dummdreiste Art die neue Zeit dumpf begreift, ohne den Ansehensverlust seiner Klasse akzeptieren zu können.

Der Rosenkavalier – Bayerische Staatsoper
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Die neue Zeit und die Melancholie des Alters, der Neureiche und der dünkelhafte, faktisch bereits abgedankte Adel – politisch und vor allem finanziell –, bleibt doch dem Ochs, der den richtigen Namen hat, nichts weiter als der ständige Hinweis auf seine hohe Geburt, die freilich nicht ausreicht, dem Tölpel standesgemäße Manieren beizubringen.

Das alles ist großartig gemacht, Rokoko-Einlagen wechseln fast übergangslos ins Moderne über, die Zeitgrenzen verwischen, während die Musik unter der selbstbewussten Leitung von Vladimir Jurowski alles Süßliche und die allzu verschnörkelte Walzerseligkeit meidet und mit klaren Konturen, die zuweilen dann, wenn sie ins Hochdifferenzierte und nahezu Fahle übergehen, an Wagner erinnern, und die eine eigene und höchst eigenwillige Handlung neben dem Gesang der Akteure auf der Bühne vorantreibt. Und dennoch bringt Jurowski dies alles zusammen, schafft die Einheit in der Vielfalt. So, dass man von dem künftigen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper einiges erwarten darf.

Hochkompliziert ist diese Oper in solcher Auffassung, geradezu hinweisend ausgestellt in ihrer Komplexität, so dass man Richard Strauss den so oft beklagten Rückfall ins Konventionelle und Bürgerlich-Verträgliche nach der aufrüttelnden Elektra, die mit ihren vertrackten Harmonien die Atonalität streift, kaum noch anmerkt.

Der Rosenkavalier – Barrie Kosky und … führen ein
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Über vier Jahrzehnte lange glaubte man in München, außer der Inszenierung von Otto Schenk gebe es gar keine andere Auffassung dieses bissigen Stücks, über das Hugo von Hofmannsthals Text wie Streusel eine Unmenge französischer Floskeln und stehender Ausdrücke schüttet, die die Affektiertheit einer Klasse verdeutlichen, die sich nur noch in Sprüchen erschöpft.

Und immer wieder dieser altersschwache Cupido oder Amor, der mit hämischer Grimasse über die Bühne schleicht und die Uhr zurückdreht oder zum Stehen bringt und endlich darin oder hinter ihr verschwindet, die Zeit, ja, die Zeit ist ein seltsam Ding, ein seidiger, nicht fassbarer Stoff ohne Anfang und Ende und doch eine das Leben langsam vernichtende Macht, da alles nunmal seine Zeit hat.

So vielleicht auch diese Pandemie, die die Anwesenheit eines Publikums ausschloss. Was für ein kaum zu behebender Mangel bei dieser so erfrischend neuen Produktion des Rosenkavalier in der Regie von Barrie Kosky.

Immerhin sendet die

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—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Marko Nikodijevic – ein Komponist auf neuen Wegen, IOCO Interview, 24.03.2021

 Marko Nikodijevic -  © Aleksandar Stanojevic

Marko Nikodijevic –  © Aleksandar Stanojevic

Marko Nikodijevic – ein Komponist auf neuen Wegen

–  im Interview mit Adelina Yefimenko, IOCO 

–  vollständige Entmaterialisierung – sein Werk und Performance – 

Marko Nikodijevic, * 1980 in Subotica, Serbien, ist ein Komponist der Moderne. IOCO Korrespondentin Adelina Yefimenko sprach mit  Marko Nikodijevic über seine Mitwirkung am Opernprojekt  7 Deaths of Maria Callas (link HIER!) der Performerin Marina Abramovic, welches an der Bayerischen Staatsoper, München aufgeführt und bei IOCO ausführlich besprochen wurde.

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Wer ist Marko Nikodijevic? 1980 im serbischen Subotica geboren und seinen ersten Musikunterricht am dortigen Musikgymnasium erhalten. 1995 begann Nikodijevic mit Kompositionsunterricht bei Srdjan Hofman in Belgrad und war dort ab 1997 Kompositionsstudent an der Universität der Künste, zuerst bei  Prof. Hofman und dann bei Zoran Eric (2002–2003). 2003 zog er nach Stuttgart, um das Aufbaustudium in Komposition bei Marco Stroppa an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst (2003–2005) zu absolvieren. Er war Teilnehmer des Masterstudiengangs der Internationalen Ensemble Modern Akademie (2010-2011). In Belgrad hatte er außerdem Kurse in Physik und nicht-linearer Mathematik belegt, was sich auch in seiner Musik widerspiegelt, die reichlich Gebrauch von Fraktalen, Chaostheorie und algorithmischen Methoden sowie von instrumentaler und digitaler Klangsynthese und zunehmend auch von electronica, DJing und Techno-Ästhetik macht.

Tief und nachhaltig von Techno beeinflusst ist die Musik  Marko Nikodijevics von scheinbar gegensätzlichen Begriffspaaren gekennzeichnet: Computeralgorithmus und Subjektivität, Prozess und Intuition, geometrische Raster und historisches Material, elektronische Tanzmusik und Orchesterglanz, Askese und Entgrenzung.

Neben zahlreichen Stipendien und Förderprogrammen (u.a. Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, Stipendium Künstlerhaus Salzwedel, Stipendium Franz Liszt Weimar, Baldreit-Stipendium der Stadt Baden-Baden, Cité internationale des Arts Paris) erhielt er die folgenden Auszeichnungen: Preis des 9th International Young Composers Meeting in Apeldoorn 2003, Honorable Mention bei der Gaudeamus Music Week in 2003 und 2007, Preis des Nouvel Ensemble Moderne Forums 2006, Komponisten-Preis der Brandenburger Biennale 2009, Recommended Work in beiden Kategorien beim Composers Rostrum der UNESCO in Paris 2009. 2013 wurde er mit dem Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet., GEMA Musikautorenpreis in Kategorie Nachwuchsförderung 2014.

Marko Nikodijevics Musik wird von renommierten Klangkörpern und Interpreten weltweit auf Festivals und in Konzertprogrammen aufgeführt. Neben eigenen Kompositionen produziert Nikodijevics elektronische Musik; im Duett tritt er mit Luka Kozlovacki auf.

  • Adelina Yefimenko, Professorin, Autorin dieses Interviews, lehrt als Musikwissenschaftlerin an der Nationalen M.-V.-Lysenko-Musikakademie Lviv (Lemberg) und der Ukrainischen Freie Universität München (UFU)

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Marko Nikodijevic  –   im Interview mit Adelina Yefimenko, IOCO

Adelina Yefimenko (AY): Lieber Marko Nikodijevic,   Im Interview mit Ihnen und Marina Abramovic habe ich zwei sehr ähnliche Sätze entdeckt. Sie sprechen über die Tiefe des Klangs, indem das Zeitgefühl verloren geht. „Man befindet sich im Ozean, im Hin und Her der Wellen, im ewigen Jetzt“… Marina Abramovic redet über die Zeit, die sie selbst ist und über ihr Wissen über die Zeit, Dauer, Energie: „für mich ist die Zeit der Schlüssel zu einer echten Transformation – und Performance-Kunst ist nichts ohne Transformation“. Aber Sie und Marina Abramovic kamen zusammen, um das Stück über den Tod zu machen – sogar über 7 Deaths. Wie korrespondieren für Sie diese zwei Existenzebenen – die Zeit und der Tod. Ist der Tod das Ende der Zeit oder die Zeit das Ende des Todes.

Marko Nikodijevic (MN) : vielleicht sind Zeit und Tod auf ewig gefangen in dem Symbol des Unendlichzeichens. Das Unendlichzeichen ähnelt dem griechischen Kleinbuchstabens Omega und einer liegenden Ziffer Acht, der Zahl der Tode in dieser Oper. Neben den Seven Deaths im Titel, ist ein weiterer Tod noch da, gewiss ein Tod „da capo“. Der Tod, der in das von einer übergroßen Leinwand in ein reales, rekonstruiertes Schlafzimmer der La Divina einbricht. Die Zeit und der Tod sind, obwohl ganz immateriell, unglaublich mannigfaltig. Die Zeit ist eine physikalische Größe und Dimension der Raumzeit. Der Tod ist ein unumkehrbares, biologisches Ende eines jedes Menschen. Gleichzeitig sind die Zeit und der Tod Begriffe von großer symbolischer Kraft. Metaphysische Zeichen. Ungreifbar. Stofflos im wahrsten Sinne, selbst ohne jegliche physische Substanz. Grenzen des Todes sind Grenzen der Erkenntnis.

AY: Was faszinierte Sie als Komponist an der Performancekunst von Marina Abramovic und was war das Besondere bei Ihrer Zusammenarbeit an dem Projekt 7 Deaths of Maria Callas ?

7 Deaths of Maria Callas – Maria Abramovic – Bayerische Staatsoper
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NM: Nun wen man von einer den angesehensten Künstlerinnen unserer Zeit gefragt wird in Ihrem neuen Projekt mitzumachen, ist es eine schöne und unerwartete Ehre. Wir sind dazu noch Landsleute, was eine zusätzliche Ebene von gemeinsames Verständnis mit sich bringt. Neben Marinas weltweiten Einfluss auf die zeitgenössische Kunst im letzten halben Jahrhundert, sie war ganz sicherlich für viele avancierte Künstler im ex-yu Rahmen das leuchtende Beispiel künstlerischer Kompromisslosigkeit. Eine Art Roadmap künstlerischen Widerstandes, um aus der künstlerischen Provinzialität Belgrads herauszubrechen. Das ganze Projekt folgt einem einfachen, strengen und stringenten formalen Konzept. Bei der weiteren musikalischen Umsetzung hingegen wurde mir komplett freie Hand gelassen. Unbedingt an Marinas Konzeptstärke glauben und dem eisern folgen. Ohne Vertrauen kann keine künstlerische Kollaboration gelingen.

Faszinierend war dieses Projekt mit Marina Abramovic zu unternehmen auch aus dem Grund, dass Marinas Lebenswerk sich mit der Materialität visueller und jeglicher anderer auch Kunst selbst beschäftigt, es vielfältig problematisiert, ihren eigenen Körper und die Grenzen des Körpers als künstlerischen Ausdruck und Aussage erforscht. Das Kunstobjekt wird durch eine Performance, die die Einmaligkeit des Kunstwerkes durch die Performance-Einmaligkeit ersetzt. Am Höhepunkt ihrer Beschäftigung mit der materiellen Grenze von Kunst ist einer ihrer legendärste Performances in MomA 2010. Die komplette Entmaterialisierung, das Werk und Performance ein schweigender Mona Lisa Blick. Dieser Blickwinkel eigener Arbeit als Künstlerin in ein Projekt einzubringen ist natürlich einmalig, was das Projekt komplett außerhalb der Kategorie “neue Oper“ stellt. Denn darüber geht es gar nicht, bloß ein neues Werk für die Operbühne zu bringen.

AY:  In einem Interview hat Marina Abramovic auf die Frage, Unterschiede zwischen Performancekunst und Theater zu definieren, geantwortet: „Um ein Performancekünstler zu sein, muss man Theater hassen… Theater ist falsch … Das Messer ist nicht real, das Blut ist nicht real und die Emotionen sind nicht real. Leistung ist genau das Gegenteil: Das Messer ist real, das Blut ist real und die Emotionen sind real“. Finden Sie nicht, dass sie sich mit ihrem Opernprojekt 7 Deaths of Maria Callas ein wenig wiederspricht? Oder bringt sie wieder eine neue nonkonforme Provokation, die eine Spannung zwischen beiden Polaritäten (Performance und Theater) anstößt?

MN: : In Musiktheater ist die Sache noch etwas komplizierter als im reinen Sprechtheater. Es laufen neben und parallel Wort und Musik einher. Sie korrelieren gewiss zueinander, aber das gestaltende Prinzip von Text und Musik folgt anderer Formsyntax und Semantik. Doch in diesem Projekt ist der Opernapparat teilweise dekonstruiert. Die Einzel-Elemente wie in einer Vitrine ausgestellt. Traditionelle Dramaturgie wird ersetzt durch Sequenzen von 3D-Wolken mit Marinas Kommentar und die 7 Filmtode. Text, Gesang, Sprache, Formgestaltung, Film und Bühne sind als einzelne Formelemente von ihrer traditionellen Rolle komplett losgelöst. Marina gestaltete das Werk nach dem Prinzip des Kurators. Wie meiste Projekte, die eine Vielzahl an verschiedenen Medien wie Text, Video, FIlm, Musik, Licht, etc. einbeziehen und von mehreren Mitarbeitern im Einzelnen angefertigt werden müssen. So wie die Regie als besonderer künstlerischer Beitrag erst neueren Datums ist, als Autorenwerk weitgehend mit dem Aufkommen des Films, sowohl im Theaterbereich. Dem Filmregisseur gleich liegt die künstlerische Hauptverantwortung in der Gestaltung des Autor-Kurators.

AY:  Ihre Musik wurde an dem Opernprojekt 7 Deaths of Maria Callas zusammen mit Bellini, Bizet, Donizetti, Puccini und Verdi gespielt. Ihre Aufgabe war, keine Oper über Maria Callas zu komponieren, sondern eine Klangbegleitung für die Performance Marina Abramovics über Maria Callas zu gestalten? Woher kam der erste Funke, die erste Motivation, die erste Klangidee?

Marko Nikodijevic und Maria Abramovic in der Bayerischen Staatsoper © Luka Kozlovacka

Marko Nikodijevic und Maria Abramovic in der Bayerischen Staatsoper © Luka Kozlovacka

MN: : Wohl aus einer Geometrie der Form. Aus Farben und Skizzen für Video und Film. Einerseits kennzeichnete die verwendete Musik die Karriere von Maria Callas (Norma, Butterfly, Lucia, Tosca) oder sie veröffentlichte weithin bekannte Aufnahmen (Carmen – Habanera, Desdemona – Ave Maria). Diese Musik ist jedoch nicht nur das historische Material des Kallas-Repertoires. Es ist gleichzeitig ein Avatar einer ganzen Opernwelt. Deshalb nehmen alle sieben Filmtoten den „Prototyp“ des Todes jeder dieser Figuren und bilden einen Filmkontrapunkt zur symbolischen Performativität, nicht in den Teilen der Oper, in denen diese Heldinnen sterben, sondern genau mit den Arien, die die „lyrischen“ Zentren dieser Partituren sind.

AY: Erst gestaltete Marina Abramovic für Sie einen imaginären Raum, der die Bühne und Kinoleinwand vereinigen sollte. Wie die Künstlerin selber sagt: „Ich gebe den Menschen den Raum mit mir nonverbal zu kommunizieren“. Wie war diese „nonverbale“ Kommunikation zwischen Ihnen beiden? Wie führten Sie technisch die von Ihnen erfundene „Klangtopographie“ in diesem besonderen Raum der Performance Marina Abramovics?

MN:  Zeichnungen und Skizzen. Ich kann mir daraus einiges vorstellen. Später Arbeit im Saal, mit vorhandenen Lautsprechern. Ausprobieren und Verwerfen bis es klappt.

AY:  Ihre Aufgabe war also aus den Top-Arien aus dem Repertoire Maria Callas (Bellini, Bizet, Donizetti, Puccini, Verdi) eine Atmosphäre von Traum, Erinnerung und Todeserwartung einfließen zu lassen? Oder eher (wie es auf dem ersten Blick schien) war Ihre Teilhabe am Projekt – eine Reihe von unabhängigen Soundtracks zu den 7 Bildern – 7 Deaths of Maria Callas, die Marina Abramovic und Hollywood-Star Schauspieler Willem Dafoe interpretierten und auf der Leinwand darstellten?

MN: Die meiste Übergangs-Musik, die die sieben Filmtode mit digital erzeugten 3D-„Wolken“ verbindet, sind Drones, anhaltende orgelpunktartige Harmonien, mitkomponiert von meinem Mitarbeiter und Sounddesigner Luka Kozlovacki. Ich habe meistens nur Samples aus Arien vorgeschlagen, einige allgemeine Parameter des Klang Design und Verarbeitung sowie die Art und Weise, wie der Text verwendet wird. Die Stimme von Marina Abramovic färbt 7 Deaths dabei in hohem Maße. Der mitautorisierte Ansatz bei der Erstellung musikalischer Ebenen hat auch die alte Ordnung beim Komponieren gebrochen. Unsere Idee ist, dass dies immer noch ein lebendiger Prozess ist. Die nächsten Produktionen werden wahrscheinlich durch neu komponierte Teile ergänzt, da wir das Sounddesign und die Spezialisierung für jede Aufführung in München geändert haben.

AY:  Mein Eindruck war, dass Ihre musikalische Dramaturgie über den Soundtrack zu den Bildern hinaus geht und der Komponist Nikodijevic eine eigene Materie aus dem bekannten romantischen Gewebe versucht zu nähen. Was ist ihre eigene musikalische Leitidee für 7 Deaths, die aus verschiedenen Motiven und Opern-Fragmenten entstand? Spielt für Ihre Kompositionen grundsätzlich der Begriff „Leitmotiv“ irgendeine Bedeutung? Gibt es, z.B. ein Thema des Todes von Marco Nikodijevic? Oder ein Thema der Liebe u.a.

MN:  Grundsätzlich ist es richtig, dass hauptsächlich ein musikalisches Materialreservoir verwendet wird, das aus Fragmenten vorhandene Musik besteht. Manches wird davon sogar ausführlich verwendet. Von Motiven können wir ganz sicher sprechen wo es um charakteristische kleinteilige musikalische Ideen handelt. Diese kleinsten musikalischen Gebilde werden oft repetiert und variiert. Aber es ist sehr fern von jeglichen Leitmotiven Technik im engeren Sinne. In meinem Verständnis auch nichts deskriptives, oder was ein Gefühl ausdruckt etc.

AY:  Welche Unterschiede verkörpern für Sie als Komponist die Begriffe „komponieren“, „gestalten“, „meistern“, „eine Dramaturgie durchführen“ u.a.? Bekanntlich wurde Ihre Musik ein buntes Sammelsurium genannt, das sich „für das Publikum nach viel mehr anhört als nach der Summe seiner Teile“. Sie erstellten die Teile in ihren Computern als Fragmente, Komprimierungen, Dehnungen und Schichtungen der Originalwerke, die oft nicht mehr identifiziert werden können. Spielt dabei eine Rolle das Theatralische, das Opernhafte in Ihrem Sammelsurium, wenn Sie Opern komponieren? Und mit welchen Begriffen würden Sie dann ihr gemeinsames Projekt „7 Deaths of Maria Callas“ jetzt zusammenfassen?

MN:  Das kann ich nicht so gut Beurteilen. Ob gewisse Theaterkonventionen mitkomponiert sind. Da es oft mit automatisierten Prozessen gearbeitet wird, das scheint mir als kein genuin theatraler Effekt. Mich interessiert eher die musikalische Alchemie dahinter, durch wiederholtens aufspalten, isolieren und auf vielfache Art neumischen bis eine musikalische Struktur von ausgesprochener Farbigkeit entsteht. Für mich ist 7 Deaths eine Oper-Installation.

AY:  Welche weitere Performance mit Marina Abramovic oder eigene musikalische Projekte planen Sie in der nächsten Zukunft zu verwirklichen.

MN: : Nun wenn die Pandemie einmal unter Kontrolle ist wollen wir mit 7 Deaths auf Tourne gehen. Wir freuen uns auf die nächsten Produktionen in Berlin, Athen und Paris sowie auf einige weitere große Opernbühnen, die folgen werden. Danach erwarten mich einige schöne weitere Projekte ein Paar neue Stücke die ich für Teodor Currentzis schreibe. Mein Komponisten-Aberglaube verbittet mir über Projekte die noch nicht fertig sind zu reden.

Adelina Yefimenko: : Lieber Marko Nikodijevic für dies so informative Gespräch darf ich mich auch im Namen der großen, künstlerisch so interessierten  IOCO-Community herzlich bedanken

—| IOCO Interview |—

München, Münchener Musikseminar, Natalya Boava – Susanna Klovsky – Livestream, IOCO Kritik, 04.03.2021

 Münchner Musikseminar e V / Die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchner Musikseminar e V / Die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchener Musikseminar e.V.

Natalya Boeva – Susanna Klovsky – UNISONO – Livestream Konzert

Musik als wahrhaftig heilende Kunst

von Oxana Arkaeva

Seit über einem Jahr befindet sich die deutsche Kultur- und Veranstaltungsbranche in einem dauerhaften Stop-and-Go Modus. Nach dem Eintritt des ersten Lockdowns im Februar 2020 füllten sich viele große und kleine Veranstalter gezwungen, ihren Blick Richtung Internet zu werfen und Live-Stream Konzerte zu veranstalten.

So hat auch das Münchener Musikseminar e.V. im Dezember 2020 den ersten Livestream mit dem Pianisten Dmitry Mayboroda veranstaltet, siehe link HIER!, dank der großzügigen Unterstützung der Urakawa-Stiftung. Eine positive Resonanz und viel Lob vom Publikum, beachtliche Spendeneinnahmen sowie neue private Sponsoren bestärken den Veranstaltern in ihrer Idee, statt die Konzerte abzusagen, diese in Form eines Live-Streams anzubieten. Laut des Vorstands ermöglichen diese Art der Veranstaltung dem Verein während des Veranstaltungsverbots seine unmittelbaren Zwecke zu erfüllen und die Geografie sowie Zahl der Zuschauer im Publikum zu erweitern. Die Aufnahme soll anschließend für circa einen Monat, in unserem Fall bis zum 9. März auf dem YouTube-Kanal des Münchener Musiksemar e.V.  für späteren Zuhörer zugänglich bleiben.

Für den zweiten Livestream am 27. Februar hat die erste Vorsitzende Nadja Preissler eine junge russische Mezzosopranistin Natalya Boeva vom Staatstheater Augsburg eingeladen. Begleitet wurde sie von der Pianistin Susanna Klovsky, Unterstützt durch Mastermixstudion aus München, das bereits beim ersten Stream dem Verein technisch zur Seite stand, fanden sich die Veranstalter sowie Künstler vor einer Aufgabe, die logistischen Maßnahmen sowie Proben coronakonform entsprechend durchführen zu können, sowie das beste Klang- und Bildqualität zu liefern. Mehr hierzu im IOCO – Interview mit Preissler und Boeva.

Der Anspruch, die höchstmögliche Qualität bieten zu können, bildet eine enorme logistische wie technische Herausforderung für jeden Veranstalter. Wenn die großen in der Branche genügend finanziellen und technischen Mitteln besitzen, um den Stream reibungslos über die Bühne bringen zu können, stellen derartig technisch aufwendigen Aktivitäten für „kleine“ nicht staatlich subventionierte Veranstalter wie Münchener Musikseminar eV. es ist eine um so größere Herausforderung dar. Ungeachtet einer etwa unausgewogenen Balance in der Lautstärke zwischen der Sprecherin Cornelia Schweizer (schlicht, gediegen und mit warmer Stimme) und den Musikerinnen auch diesen zweiten Stream als Erfolg bezeichnen.

Unisono: Natalya Boeva und Susanna Klovsky
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Unter dem Titel Unisono erlebten mittlerweile über 400 Zuschauer ein gemeinsames Musizieren und eine klangvolle Reflexion über die Liebe, Natur und Heimat. Das 45-minütige Programm präsentierte eine harmonische, ausgewogene Mischung aus Arien und Liedern von C. Saint-Säens, S. Rachmaninow, P. I. Tschaikowsky, J. Massenet, F. Cilea, J. Brahms, R. Strauß und als Überraschung L. Bernstein. Boeva und Klovsky haben sich beim 2018 ARD-Musikwettbewerb kennengelernt, wo Boeva den 1. Preis gewonnen und mit einem Sonderpreis für die beste Interpretation der Auftragskomposition ausgezeichnet wurde. Klovsky hat die Sängerin in den Klavierrunden begleitet. Beide Künstlerinnen haben sich auf Anhieb gut verstanden, waren von Anfang an im Unisono. Die 32-jährige Mezzosopranistin aus St. Petersburg ist am Beginn ihrer Karriere. Zurzeit in ihrem Fach am Staatstheater Augsburg engagiert und sonst, bis der Ausbruch der Pandemie als Gastsängerin aktiv, weist Boeva eine junge Stimme auf, die noch reifen wird. Ihr Mezzosopran besitzt eine gute Höhe, die mitunter die Klangfarbe eines dramatischen Soprans hat. Ihre Darbietung ist durch Musikalität, Schlichtheit im Ausdruck und exzellente Aussprache ausgezeichnet. Und das in Deutsch, Italienisch, Französisch, Russisch und Englisch. Groß, schlank, im signalrotem Hosenoverall, das lange blonde Haar im Pferdeschwanz hochgebunden bildete sie einen farblichen Kontrast zu der schlichten, dunklen Aufmachung Klovskys.

Die angekündigte musikalische Reise bewältigte das talentierte Duo wahrhaftig im Unisono. Klovsky ist eine exzellente Pianistin und Begleiterin. Stets zusammen mit der Sängerin, wusste sie ihr Spiel vielerorts solistisch zu gestalten und war keinesfalls nur eine Begleitung, sondern eine gleichwertige Partnerin. Boeva wechselte mit Leichtigkeit von Saint-Säens zu Rachmaninow und Tschaikowsky, vom Massenet zu Cilea, Brahms und R. Strauß. Sie ist eine perfekte junge Charlotte aus Werter, zurückhaltende Dalila aus Samson et Dalia und rührende Polina aus Piqué Dame. Lieder von Tschaikowsky, Rachmaninow sowie vom Brahms eröffneten uns die Sängerin von ihrer kammermusikalischen Seite. Als Komponist aus Ariadne aus Naxos schwamm sie in der Musik Richard Strauss’ und ließ die Hoffnung aufsteigen, sie in dieser Rolle bald auf der Bühne erleben zu wollen.

Am Ende gab es ein musikalisches Schmankerl: „I am easily assimilated”. Ein „Old Lady´s Tango“ aus der Oper Candide vom L. Bernstein. Mit Kastagnetten tanzend erzählte Boeva die witzige Geschichte einer polnischen Emigrantin, die eine wahnsinnige Sprachbegabung hat und allen beibringt, wie man sich in einer neuen Umgebung am besten anpassen könnte. Spätesten hier hat junge Sängerin bewiesen, dass sie in dem, was sie tut, definatelly highly assimilated ist.

Obwohl die Pandemie der Künstler ihren verdienten großen Applaus beraubt hat, können sie sich dessen sicher sein. Der Funken ist vom Bildschirm in das heimische Wohnzimmer übersprungen. Gleichzeitig wurde es einem erneut bewusst, dass die Veranstaltungen dieser Art nur als vorübergehender Ersatz oder als zusätzliches Angebot zum Live-Programm sein können. Dass es ohne Publikum keine nachhaltige kulturelle Entwicklung und Austausch stattfinden kann. Denn die Kultur und Künstler. innen brauchen ihr Publikum: als eine Reflexion ihrer Kunst und Kreativität. Als Anerkennung und Unterstützung.

Solange es aber keine Auftritte vor Ort möglich sind, bieten Streams wie eine Chance der kulturellen Abstinenz zu entfliehen und insbesondere den jungen Musiker*innen aus dem tiefen Loch der Auftrittsleere zu verhelfen. Nebenbei erfüllt der Verein u.a. auch einer seiner Zwecke: kulturelle Bildung. Eine Win-Win Situation! Um weiterhin frei streamen zu können, um den betroffenen Künstler: innen eine Auftrittsmöglichkeit anbieten zu können, würde sich der Münchener Musikseminar e.V. über Spenden freuen: Bankverbindung: DE91 7015 0000 0013 1172 96 SSKMDEMMXXX PayPal: mail@musikseminar.eu. Betreff bitte entweder als Spende oder Eintritt kennzeichnen.

—| IOCO Aktuell Münchner Musikseminar |—

München, Münchener Musikseminar, Nadja Preissler und Natalya Boeva im Gespräch, IOCO Interview, 24.02.2021

 Münchner Musikseminar e V / Die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchner Musikseminar e V / Die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchener Musikseminar e.V.

Nadja Preissler und Natalya Boeva im Gespräch

Im Unisono mit sich und der Welt

Münchener Musikseminar e.V. / Vorstand Nadja Preissler © Münchner Musikseminar

Münchener Musikseminar e.V. / Vorstand Nadja Preissler © Münchner Musikseminar

Das Münchener Musikseminar e.V.  ist ein breit angelegtes musikalisches Ökosystem, eine etablierte Musikschule für Groß und Klein, für Anfänger, Fortgeschrittene unter der Leitung von Nadja Preissler. Am 27.2.2021 findet hier das Livestream-Konzert  UNISONO statt – mit Mezzosopranistin Natalya Boeva, Pianistin Susanna Klovsky und Sprecherin Cornelia Schweitzer.

IOCO -Korrespondentin Oxana Arkaeva sprach mit Nadja Preissler und Natalya Boeva über das Münchener Musikseminar, über das am  27. Februar 2021 geplante Livestream-Konzert UNISONO und  die beteiligten Künstler, Mezzosopranistin Natalya Boeva, Pianistin Susanna Klovsky und Sprecherin  Cornelia Schweitzer. Organisiert vom Münchener Musikseminar.

Erleben Sie das Konzert  UNISONO  –  27.2 2021 –  20.30 Uhr – HIER bei IOCO

Unisono: Natalya Boeva und Susanna Klovsky
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Oxana Arkaeva (OA) : Liebe Frau Preissler, wie lange sind Sie schon beim Münchener Musikseminar? Was ist Besonderes an dieser Organisation?

Nadja Preisler (NP): Als Lehrerin bin ich seit ca. 12 Jahren bei Musikseminar tätig. Damals habe ich angefangen, unserem kürzlich verstorbenen Gründer Walter Krafft bei den organisatorischen Fragen zu unterstützen. Nach seinem Rücktritt vor sechs Jahren bin ich 1. Vereinsvorsitzende geworden und vor zwei Jahren auch die Schulleiterin. Was ist Besonderes an unserem Verein? Ich kann das Münchener Musikseminar als musikalisches Ökosystem bezeichnet. Wir sind sowohl eine Musikschule für Groß und Klein, für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis als auch Konzertveranstalter, Musiklabel und Verlag.

OA: Ihr Verein ist meiner Erfahrung nach einer der weniger nicht institutionell geförderten kulturellen Einrichtungen, die Livestreams in solch einer hohen Qualität anbieten. Woher kam die Idee für einen Livestream?

NP: Ich wäre nicht aufrichtig, wenn ich sagen würde, mit der Idee hätten wir uns schon länger beschäftigt. Aber als Geist kreiselte Sie um uns herum bereits eine Weile. Als der erste Lockdown kam und alle unsere Projekte abgesagt wurden, haben viele Musiker versucht, online zu gehen, um dort zu musizieren, auftreten zu können. Als wir es wahrgenommen haben, haben wir auch angefangen, die Idee eines Livestreams zu eruieren und zu recherchieren, und die dafür notwendigen technischen Voraussetzungen zu prüfen. Es war für uns vom Anfang an klar: Alles muss professionell und ansprechend aussehen. Vor allem die Klangqualität muss hervorragend sein. Nach dem langen Suchen haben wir einen wunderbaren Partner, Stefan Ginger von Mastermixstudios (https://www.mastermixstudio.de) in München gefunden. Als auf einmal die Ereignisse sich überschlagen haben – zuerst das Veranstaltungsverbot im November letzten Jahres und danach der zweite Lockdown mit der Ausgangssperre war es uns klar: Wir wollten unsere für den Anfang Dezember geplante Veranstaltung, ein Klavierkonzert nicht mehr absagen. So gingen wir digital.

UNISONO Konzert - Sprecherin Cornelia Schweitzer © Bertnd Hartmann

UNISONO Konzert  – Sprecherin Cornelia Schweitzer © Bernd Hartmann

AO:  Frau Boeva. Können Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen?

Natalya Boeva (NB): Gerne. Ich komme aus St. Petersburg, Russland, wo ich mein Hochschulstudium erst in Chorleitung und dann im Operngesang absolviert habe. Anschließend habe ich dort an einem staatlichen Theater gesungen. 2018 habe ich mein Masterstudium an der Theaterakademie August Everding in München gemacht. In demselben Jahr habe ich beim ARD-Musikwettbewerb den 1. Preis gewonnen und wurde mit einem Sonderpreis für die beste Interpretation der Auftragskomposition ausgezeichnet. Seit der Spielzeit 2018/19 bin ich am Staatstheater Augsburg engagiert. Hier habe ich neben den wichtigen Repertoire-Mezzosopran-Rollen wie Charlotte, Komponist und Glucks „Orfeo“ auch Jackie Onassis in der europäischen Erstaufführung von David T. Littles „JFK“ verkörpert. Gerne trete ich als Kammermusikerin und Konzertsängerin auf. In diesem Bereich verfüge ich über ein sehr breites Repertoire – von den Barock-Stücken wie Händels „Lucrezia“ über Wagners „Wesendonck Lieder“ bis Boulez’ „Le marteau sans maitr“.

AO: Frau Preissler, welche Ziele verfolgen Sie mit Livestream? Was wollen Sie erreichen?

NP: Ein Livestream hat im Prinzip die gleiche Funktion oder die gleichen Ziele wie ein Konzert: die Musik zu den Menschen zu bringen. Allerdings hat solch eine Veranstaltung sowohl Vor- als auch die Nachteile. Ein wichtiger Vorteil ist die Erweiterung unseres Auditoriums, die viel größer sein kann als in einem Konzertsaal. Natürlich geht der unmittelbare Kontakt zum Publikum verloren. Um diesen Verlust zu reduzieren, muss Stream qualitativ sehr hochwertig sein. Ich persönlich finde ein Live Konzert viel schöner, nur ist das gerade jetzt leider nicht möglich! Wir müssen flexibel agieren und uns anpassen, um mit unserem Publikum weiter im Kontakt zu bleiben. So können wir unsere Vereinsziele des Münchener Musikseminar (Bildung und Kultur) auch in diesen Zeiten erfüllen. Ein Livestream ist auch eine Botschaft unsererseits an alle Musiker, die mit einem faktischen Berufsverbot belegt sind. Die besagt: Hört, wir kämpfen, wir sind für euch da. Helft uns bitte auch und macht mit. Gleichzeitig versuchen wir unsere Zuhörer zum Spenden zu animieren. Solche Projekte sind ohne finanzielle Unterstützung nicht möglich. So sind bei uns die Spenden in jeder Höhe herzlich willkommen. Das Geld wird für die Vereinszwecke verwendet. Für ähnliche Projekte oder Konzerte sowie für die Unterstützung der freischaffenden Künstler.

AO: Wie war das Feedback zu dem ersten Stream mit dem Pianisten Dmitry Mayboroda? Waren Sie mit dem künstlerischen wie auch finanziellen Ergebnis zufrieden?

NP: Nach diesem Stream haben wir ein unglaublich positives Feedback und viel Zuspruch bekommen. Gerade in solchen unsicheren Zeiten suchen Menschen nach dem ewigen Sinn und den Werten. Ich glaube, das Programm mit der Mondschein-Sonate vom Beethoven und Werken vom Chopin hat dieser Suche zu hundert Prozent entsprochen. Dmitry hat sehr professionell und überzeugend gespielt. Über 600 Zuschauer haben das Konzert angeschaut, und es gab viele Spenden.

 Staatstheater Augsburg © Staatstheater Augsburg

Staatstheater Augsburg © Staatstheater Augsburg

OA: Frau Boeva, wo hat die Pandemie Sie angetroffen?

NB: Am 8. März 2020 als ich zusammen mit dem wunderbaren Pianisten Boris Kusnezow eine Matinee am Palais de Bozar in Brüssel gesungen habe. Dort haben wir ein Programm mit Liedern von Ravel, Debussy und Mussorgski aufgeführt. Einige Tage davor hat in Augsburg am Staatstheater bereits die Endprobenphase der Inszenierung Faust (Gounod) begonnen, und als ich wieder in Augsburg war, durfte ich noch 3 Tage lang den Siébel proben. Dann kam der 1. Lockdown. Es traf uns alle sehr hart, es war ein purer Schock! Zuerst hat das Theater versucht, sich Varianten der Ausführung der Premiere zu überlegen: vielleicht die Vorstellung streamen? Aber dann hat man gesehen, dass es zu riskant wäre mit so vielen Menschen im Orchestergraben und auf der Bühne (bei Faust gibt es eine Riesenbesetzung). Danach wurde alles komplett eingestellt. Im Sommer haben wir ein bisschen singen dürfen und haben mit dem „Wünsch Dir was“ Projekt auf der grünen Wiese am Theater mit den Opern- und Operetten-Highlights das Publikum begeistern können. Im Juli habe ich noch an einem Projekt teilgenommen – „Konzerte im Fronhof“ in Augsburg. Da durfte ich bei der konzertanten Aufführung der Mozarts Oper Così fan tutte die Dorabella singen: Eine Partie, die mich schon seit vielen Jahren begleitet. In der aktuellen Spielzeit im Oktober 2020 haben wir es geschafft, Orfeo Inszenierung von unserem Intendanten André Bücker am Staatstheater Augsburg zu Premiere zu bringen und dann 2-mal zu spielen, dann kam der 2. Lockdown. Zum zweiten Mal ein Schockzustand, der immer noch anhält.

OA: Sie sind eine, die zu sogenannten „glücklichen“ gehört, denn Sie haben eine feste Einstellung und bekommen monatlich ihren Lohn. Welche Auswirkungen hat Lockdown auf ihre Arbeit? Wie erleben Sie die Situation persönlich, als Musikerin und als Sängerin?

NB: Lockdown hat sehr viele Auswirkungen auf die Arbeit eines Künstlers, und die sind nicht gerade schön. Wir wollen immer etwas mitteilen, etwas dem Publikum erzählen, vor diesem Publikum zu stehen. Wenn man das nicht hat, ist man verzweifelt, deprimiert, frustriert. Man stellt sich die Fragen: Warum ist es so, dass die Leute in einem Büro beieinander sitzenbleiben und arbeiten dürfen und wir – sogar mit den ganz tollen Hygiene-Konzepten wie am Staatstheater Augsburg – nicht? Wie geht es weiter? Wie wird die Kultur, die Kunst nach dieser Krise aussehen? Ich mache mir Sorgen, versuche diese Fragen zu beantworten, gleichzeitig, aber positiv zu bleiben und nicht die Motivation zu verlieren. Natürlich schätze ich mich als eine glückliche Sängerin, weil ich jetzt in der Krise festes monatliches Einkommen habe, obwohl wir seit Ende Oktober 2020 nicht spielen dürfen. Ich kann mir nur vorstellen, wie schwer es für die Freischaffenden ist, und insbesondere für diejenigen, die am Anfang ihrer Karriere sind.

OA: Frau Preissler, welche Bedeutung hat die Pandemie für Sie persönlich und als Musikerin? Wie sieht es mit Ihrer Livestream-Idee danach weiter?

NP: Ich denke, diese Zeit ist für alle sehr herausfordernd. Da ich mein Einkommen unter anderem als Klavierlehrerin und Schulleiterin beziehe, wurde ich finanziell nicht so hart betroffen wie viele anderen. Vor allem freischaffenden Musiker. Es ist klar, dass es sich bei der Pandemie um ein Ereignis handelt, das unser Leben noch lange prägen und nachhaltig verändern wird. Wie diese Veränderung aussehen wird, denke ich, kann im Augenblick niemand genau sagen. Es gibt sowohl optimistische als auch pessimistische Szenarien und nur der lieber Gott weiß, was uns erwartet. Gerade im Bereich Kunst und Kultur kann man mit großen Umwälzungen rechnen. Auch unsere zukünftige Planung im Verein ist wegen dieser Unsicherheit extrem eingeschränkt. Als eine kleine Organisation können wir nur warten, kleinere Projekte machen, die keine längeren Vorbereitungszeiten erfordern. Also flexibel denken und agieren. Wenn wir an unseren Zielen weiterhin festhalten, finden wir auch die Möglichkeiten, sie zu erreichen.

OA: Frau Boeva, können Sie uns etwas zu Ihrem Programm vom 27. Februar sagen?

Gerne! Das wird ein sehr schönes Programm, welches an ein breiteres Publikum gerichtet ist. Bei solch einer online Veranstaltung ist es viel leichter, aus diesem digitalen „Zuschauerraum“ herauszugehen. Und genau das wollen wir vermeiden. Unserem lieben Publikum präsentieren wir ein kompaktes Programm, das durch moderiert wird, damit die Zuschauer wissen, worum es in der Arie oder dem Lied grade geht. Die Moderation übernimmt Cornelia Schweitzer, die 2019 einen meiner Liederabende – „Meine Seele weinte…“ – im kleinen Konzertsaal im Gasteig München moderiert hat. Sie stand selber Jahre lang auf der Bühne als Schauspielerin. Aktuell arbeitet sie als Sprecherzieherin unter anderem an der Akademie der darstellenden Künste Baden-Württemberg in Ludwigsburg und an der Theaterakademie August Everding in München. Sie wird unser Programm dem Publikum deutlich und erfrischend vorstellen! Dabei gibt es Arien wie der Dalila aus Samson et Dalila von Saint-Saëns, der Prinzessin de Bouillon aus Cileas Adriana Lecouvreur, der Monolog des Komponisten aus R. Strauss’ Ariadne auf Naxos und das Lied der Polina aus Tschaikowskys Piqué Dame. Alle sind Stücke, die man als Opernliebhaber gut kennt und die man als Opern-Highlights bezeichnen kann. Ich singe aber auch wunderschöne Lieder vom Brahms und Rachmaninow.

OA: Und zum Schluss, noch ein kleines Statement: Warum sollen, ihre Meinung nach, die Zuschauer sich Ihren Livestream anhören?

Erstens ist unser Programm sehr spannend, vielseitig, lebendig und schön aufgebaut. Zweitens ist es nicht lang und es gibt für jeden Geschmack was. Diejenigen, die mit dieser Art des Musizierens noch nichts zu tun haben, bietet der Livestream eine willkommene Gelegenheit, diese wunderschöne und ausdrucksstarke Musik kennenzulernen! Drittens trete ich wieder mit der brillanten Pianistin Susanna Klovsky auf. Wir haben uns beim ARD-Wettbewerb in 2018 kennengelernt, wo sie mich sehr zuverlässig und künstlerisch hochsensibel begleitet hat. Von Anfang an waren wir auf einer emotionalen Welle – eben im Unisono. Vielen Zuschauern des ARD-Wettbewerbs ist unser Duo bereits bekannt. Mit diesem Stream wollen wir uns dem breiteren Internetpublikum vorstellen.

Eintritt und Spenden unter Bankverbindung: DE91 7015 0000 0013 1172 96 SSKMDEMMXXX PayPal: mail@musikseminar.eu. In der Betreffzeile bitte entweder als Spende oder Eintritt eingeben.

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