Minden, Stadttheater, Götterdämmerung – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.10.2018

Oktober 2, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Minden

Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Götterdämmerung – Fulminant  – In Minden an der Weser

– Bedenken will ichs, wer weiss was ich tu… –

Von Sebastian Siercke

Minden. Eine Stadt im Osten Nordrhein-Westfalens, die hauptsächlich für ihr Wasserstraßenkreuz bekannt ist. Das schreibt wenigstens Wikipedia. Die  Kunst- und Kulturinteressierten unter uns dachten da dann eher an den romanisch-gotischen Dom und dessen Kunstschätze. Das Mindener Kreuz, es gilt als einer der bedeutendsten Kunstschätze der Romanik in Deutschland, und die Goldene Tafel, die allerdings seit 1909 in Berlins Bode-Museum hängt und nicht einmal mehr golden ist.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : Vorspiel 1. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : Vorspiel 1. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Und dann gibt es dort auch noch ein Stadttheater. Und einen Richard-Wagner-Verband. Stadttheater dieser Art gibt es in Deutschland sehr viele, auch viele, die ohne ein eigenes Ensemble auskommen und für Auftritte von Tournee-Bühnen genutzt werden. Und Wagner-Verbände gibt es wie Sand am Meer. Wenn sich nun aber ein Stadttheater und ein Richard-Wagner-Verband zusammen tun, dann kann großes entstehen, selbst in einer kleinen Stadt mit einem Theater von gerade einmal 535 Plätzen.

Das dort Großes stattfindet schrieb landauf-landab jedes Feuilleton. Das „Bayreuth des Nordens“ titelten manche. Geht es vielleicht doch eine Nummer kleiner?

Natürlich geht es kleiner, aber warum? Was dort in der letzten Götterdämmerung der Saison, es waren sechs Aufführungen dieses Jahr, geboten wurde war umwerfend!

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Man betritt den Zuschauerraum und steht vor der Bühne. Kein Orchestergraben trennt das Publikum vom Geschehen. Die Bühne wird umrahmt von einem großen Quadrat, in das ein Kreis eingestellt ist, was unmittelbar an die Gestaltung der LP-Boxen des alten Solti – Ringes erinnert. Die eigentliche Bühne, die Fläche, die dort hauptsächlich bespielt wird, hat die Grundfläche eines wohlbemessenen Wohnzimmers. Das Orchester sitzt dahinter auf der Bühne, abgeteilt durch einen Gazevorhang, der auch als Projektionsfläche für die handlungsunterstreichenden Videos dient.

Das Stadttheater Minden hat nicht nur kein eigenes Ensemble, es hat auch kein eigenes Orchester. Dazu kommt die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, ein Landesorchester Nordrhein-Westfalens.

Die Götterdämmerung einmal nicht von einem routinierten Opernorchester zu hören, das gestern Schönberg, heute Gluck und morgen Rossini spielt, sondern von einem renommierten Sinfonieorchester, war sensationell! Glasklarer Klang, perfekt musiziert, kein Schleppen, Wackeln, Scheppern, einfach wunderbar von Dirigent Frank Beermann geleitet. Schwelgerische Klänge waren es nicht, eher sachlich kühle, aber aufbrausende Dramatik.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : 3. Aufzug Die Rheintöchter © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : 3. Aufzug Die Rheintöchter © Friedrich Luchterhandt

Die Inszenierung des Abends gestaltete Gerd Heinz, der hauptsächlich vom Sprechtheater kommt und offensichtlich eine ganz andere Herangehensweise ans Musiktheater hat, als der übliche Opernregisseur. Hier wurde das Werk auf die Bühne gebracht. Kein Umdeuten in abstruse Richtungen, kein „Wir verlegen die Handlung in eine andere Zeit“, die dann gerne mit wohlbekannten Uniformen bebildert wird, keine längst abgegriffene Kapitalismuskritik. Diese Götterdämmerung spielte jetzt. Ein zeitloses Irgendwann-Jetzt, sind doch Handlung und Aussage des Werkes ebenso zeitlos und allgemeingültig. Jede kleinste Bewegung, jede Geste, jedes Minenspiel war feinst durchdacht, die Sänger auf der Bühne dadurch fast noch mehr Schauspieler als Sänger. Ein solches Zusammenspiel von Musik und Geschehen auf der Bühne habe ich selten erlebt!

Da der kleine Orchestergraben nicht als solcher benutzt wurde, ragte die Bühnen-konstruktion in ihn hinein; mit rege bespielten Treppen nach unten ergab sich eine ungewohnte Dreidimensionalität der Bühne. Das Publikum saß quasi mitten im Geschehen, unmittelbar vor den Protagonisten des Dramas auf der Bühne.

 Götterdämmerung mit exquisiter Sängerriege- Große Stimmen – In allen Partien

Siegfried und Brünnhilde, zwei mörderische Partien, die so manchen Weltstar gelegentlich in die Knie zwingen, wurde hier dargebracht, als gäb es kaum Leichteres zu singen auf der Welt. Thomas Mohr gab den Siegfried mit durchschlagskräftigem Tenor, der genauso die zarten Partien fein nuanciert bieten konnte, wie die wütenden Ausbrüche ohne dabei forciert oder auch nur angestrengt zu klingen. Eine große Leistung!

Dara Hobbs´ Brünnhilde überflutete  das Werk mit ihrem wundervoll geführten Sopran, der bruchlos von der Tiefe bis in die Spitzen kommt und dabei noch beachtliche Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Dazu kommt bei ihr eine bewundernswerte Textverständlichkeit. Selbst wenn man den Text nicht mittlerweile auswendig kennt, konnte man jedem Wort folgen.

Renatus Mészár und Magdalena Anna Hofmann als Gunther und Gutrune, bildeten einen stimmlich wie darstellerisch sehr schönen Gegenpart zu dem Heldenpaar und standen ihnen in der Bühnenwirkung in nichts nach.

Einen geradezu etwas diabolisch auftretenden Hagen gestaltete Andreas Hörl mit rabenschwarzem und für dieses Haus fast überdimensioniertem Bass. Eine gewaltige Stimme, deren Durchschlagskraft und Eindringlichkeit man sich beim besten Willen nicht entziehen konnte. Alberich Frank Blees gemahnte seinen Sohn Hagen mit verschlagener Bösartigkeit aber schöner Stimme zur Treue an der Familienbande.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Die Sensation an diesem denkwürdigen Abend war allerdings die Waltraute von Kathrin Göring. Panisch und angstzerfressen fegte sie auf und über die Bühne und bot eine Dramatik in der Stimme, wie ich sie noch nie live erlebt habe! Schauer konnten einem bei ihrer Erzählung über den Rücken laufen, eine ganz, ganz große Leistung!

 Richard Wagner - Blickt hinab auf "Die Geweihten" © IOCO

Richard Wagner – Blickt hinab auf „Die Geweihten“ © IOCO

Tiina Pentinen, Christine Buffle und Julia Bauer als Nornen und Rheintöchter rundeten das Ensemble sehr wohlklingend und ansehnlich ab.

Im nächsten Jahr gibt es im westfälischen Bayreuth nun den Ring komplett. Zwei Zyklen werden nacheinander gegeben. Bei einem werde ich ganz bestimmt dabei sein. Ob ich auch ins fränkische Bayreuth fahre ist noch offen.

Bedenken will ichs, wer weiss was ich tu…

 

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Minden, Stadttheater Minden, Siegfried von Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.10.2017

Oktober 12, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Minden

Stadttheater Minden 

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Wagner-Wunder in Ost-Westfalen.

Siegfried von Richard Wagner am Stadttheater  Minden

Von Guido Müller

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Seit 2015 wird am Stadttheater Minden, der Weserstadt, Richard Wagners Der Ring des Nibelungen durch dasselbe Team mit wesentlicher Unterstützung des Richard Wagner Verbandes Minden, der Nordwestdeutschen Philharmonie und zahlreicher regionaler Mäzene und Sponsoren erarbeitet. Treibende Kraft hinter diesem Mammut-Projekt und die Gesamtleitung liegt bei Frau Dr. Jutta Hering-Winckler vom Mindener Wagner Verband.

Diese großartige Initiative ostwestfälischen Bürgersinns und vor allem die sensationell gute Qualität der Aufführungen fand schon breite große positive Beachtung in den Feuilletons und auch überregionalen Medien. Auf Rheingold 2015 und Die Walküre 2016 folgte in sieben Vorstellungen – einschließlich der Generalprobe als Schulvorstellung-  Siegfried 2017, der dritte Abend der Tetralogie.

Vor allem musikalisch ist die besuchte vorletzte Vorstellung ein Ereignis. Dazu trägt neben der vorzüglich präzise, leidenschaftlich und die großen Bögen musizierenden Nordwestdeutschen Philharmonie unter dem langjährigen Chefdirigenten an der Oper Chemnitz und Wagner-Spezialisten Frank Beermann stark der Sänger der Titelpartie bei. Thomas Mohr singt und spielt den Siegfried in dieser Vorstellung nicht nur. Er verkörpert mit allen Fasern seiner Persönlichkeit und mit seinen enormen stimmlichen Möglichkeiten den jungen Pubertierenden auf dem Weg zum Erwachsen werden in allen Facetten bis zum Erwachen der Sexualität an der Seite Brünnhildes.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Die erwachende Frau auf dem von Feuer umgürteten Felsen, das der junge Furchtlose durchschritten hatte, hält der junge Siegfried ja zunächst in einem der vielen durch die kunstvolle, psychologisch fein ziselierte Regie vom Altmeister Gerd Heinz zugleich urkomischen undtief berührenden Momente für seine Mutter. Äußerlich entspricht Thomas Mohr zunächst kaum dem Klischee des tumben, muskelbepackten germanischen blonden Drachentöters. Um somehr kann Mohr die Rolle in den psychischen Facetten frei und fein ausspielen und auch alle komischen Aspekte darstellen, die dem Regisseur Gerd Heinz ein ganz besonderes Anliegen in diesem drittenTeil der Tetralogie sind.

Richard Wagner hielt diesen Ring-Abend für sein publikumswirksamstes und unterhaltsamstes, gar sein populärstes Einzelwerk. Das Werk enthält zudem im Rahmen der vier Teile viele Elemente eines Scherzos. Der Rezensent gesteht gerne, dass er sich hier der Meinung des Bayreuther Meisters anschließt.

Gerd Heinz legt großen Wert auf eine möglichst realistische und textnahe Darstellung. Die einzigen Verfremdungen liegen eigentlich in zwei Elementen: er verlegt die Handlung und Kostüme ins 19.Jahrhundert, nachdem er Rheingold und Walküre in frühere Jahrhunderte angesiedelt hatte (praktikables variables Bühnenbild mit dem großen umgreifenden Ring und geschmackvolle Kostüme: Frank Philipp Schlößmann). Zudem sind Gerd Heinz die komischen und märchenhaften Elemente dieser Oper besonders wichtig.

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Noch bedeutsamer für die Optik dieser Inszenierung, wie bereits in den zwei voraus gehenden Teilen des Rings, spielt das große Ring-Orchester, das im schönen Jugendstil-Theater von Minden nicht in den Orchestergraben passen würde, auf der Hinterbühne mehr oder weniger stark angeleuchtet hinter einem Gazevorhang. Auf diesen durchsichtigen Vorhang werden immer wieder Videos mit sichbewegenden Symbolen des Rings und Muster zur weiteren Erklärungprojeziert (sehr ansprechende und nicht vordergründige Videogestaltung: Matthias Lippert).

So ist fast während der ganzen Oper das Orchester zu sehen. Dies steht allerdings den ursprünglichen Absichten Wagners vom unsichtbaren Orchester entgegen, wie er es im Bayreuther Festspielhaus realisierte. Erst während des intimen großen Schlussduetts der Oper verschwindet das Orchester hinter dem Vorhang fast ganz im Dunkel

Damit sucht diese Produktion sicher vor allem die enorme Rolle herauszustellen, die das große vielstimmige und vielfarbige Orchester gerade auch im Siegfried im Zwiegespräch auch mit dem Gesang spielt. Zugleich ist es sängerfreundlicher, wenn die Sänger näher an der Rampe und dem Publikum singen als hinter oder über das Orchester hinweg, teilweise sogar auf Wendeltreppen, Aufbauten vor dem Bühnenportaloder von Seitenbalkonen. Das unterstützt auch die Textverständlichkeit und Spielnähe in vielen Szenen. Allerdings wird diese Stellung des Orchesters auf der Hinterbühne möglicherweise akustische Probleme für die Besucher oben und hinten auf den beiden Rängen bedeuten, die ich von meinem vorzüglichen Platz in der sechsten Reihe des Parketts aus nicht beurteilen kann.

Zudem steht der Dirigent mit dem Rücken zum Geschehen, so dass vor allem über Gehör und Bildschirme der Kontakt zu den Sängern besteht. Doch nichts wackelt in der Koordination. Hier macht sich die große Routine und Erfahrung von Frank Beermann mit Wagner-Opern bereits seit 2002 in Minden bemerkbar. Auch als musikalischer Chef am Opernhaus Chemnitz von 2007 bis 2016 wuchs er zu einem der „besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit“ (Eleonore Büning 2015)  heran.

 Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Der Sänger der Titelpartie des Siegfried Thomas Mohr gab in Minden sein Debüt in dieser Rolle. Während des ersten Aufzugs dieser sechsten und vorletzten Vorstellung des Mindener Siegfried-Marathons bemerkte ich, dass irgend etwas nicht ganz so stimmen kann, wie ich es von den stimmlichen Möglichkeiten diesen immer sehr intelligent und wortdeutlich interpretierenden, äußerst differenziert und strahlend frisch singenden großartigen Wagner-Tenors kenne.

Als Siegmund und Parsifal u.a. an den Opernhäusern von Halle (Saale) und Leipzig konnte ich ihn schon mit glänzenden Erfolgen bei Publikum und Kritik erleben. Und ich gestehe, er war der Hauptgrund meiner Reise zum Stadttheater Minden. Aber die Stimme klang leicht belegt und immer wieder suchte der Sänger im munteren Spiel des ersten Aufzugs mit Mime und am realistisch bedienten Blasbalg am rechten Bühnenrand, im Feilen und Schmieden des Schwertes Nothung am Amboss den Blick zum Dirigenten.Vor dem zweiten Aufzug wurde Thomas Mohr dann angesagt, dass er unter einem jahreszeitlich bedingt starken Infekt leide. Trotz starker Medikamente sei er indisponiert. Doch ab jetzt schien der Druck auf den Sänger genommen. Frei und besonders schön sang der Tenor nun gerade die mir besonders lieben lyrischen Stellen des zweiten Aufzugs,so dass sich  der berühmte Gänsehauteffekt einstellte.

Stadttheater Minden / Siegfried - 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Sichtlich gilt auch dem Charaktertenor Thomas Mohr die besondere Zuneigung diesem, im Vergleich zum ersten Aufzug mit den berüchtigten Schmiedeliedern weniger heroischen zweiten Aufzug voller Naturpoesie. Nur einmal hatte ich eine Schrecksekunde, als die Stimme leicht weg brach. Doch vielleicht war dies auch nur ein Moment der großen emotionalen Rührung, der auch Siegfrieds Monologe in diesem Aufzug ähnlich wie sein Gefühl der großen Einsamkeit und Verlassenheit nachder Ermordung Fafners und Mimes auszeichnet. Hier hat Thomas Mohr seine größten Augenblicke an diesem Abend wie später im Duett mit Brünnhilde.

Es ist faszinierend, wie Thomas Mohr diese Partie mit enormer Kraft, Konzentration, Differenzierung und Professionalität bis zum Ende dessich ins Hymnische steigernden Schlusses des Liebesduetts mit Brünnhilde gesungen und gestaltet hat. Über den Tenor der Uraufführung zitiert das Programmheft aus den Tagebüchern Cosima Wagners in einer erstaunend lächelnd machenden Parallele: „Siegfried geht gut vonstatten, man will behaupten, daß Herr Betz gar nicht heiser gewesen! Solche Wesen mögen andere ergründen,wir verstehen sie nicht.“

Thomas Mohr ebenbürtig seine Kollegen, unter denen ich zunächst den herausragenden finnischen Tenor Dan Karlström vom Opernhaus Leipzig als Mime nennen muss, der die Rolle nicht nur fein und eherkomisch als hinterlistig oder lächerlich, eher anrührend und als intellektuellen Tüftler denn heimtückisch und blöd spielt und wirklich belcantös singt. Sein Bruder und Schwarz-Alberich Oliver Zwarg hingegen besitzt die ganz große dunkle Dämonie und brutale stimmliche Eruption des sozial Ausgestoßenen und Verachteten. Im Jägerkostüm führt er seinen Nachwuchs Hagen als Jüngling gleich mit sich, um seinen Plänen zum Erwerb der Weltherrschaft durch den Ring und dem Untergang der Lichtalben Götter näher zu kommen. Stimmlich vermag es dieser Sänger mit jedem Ton durch Mark und Bein zu erschüttern. Eine bayreuthwürdige Weltklasse-Leistung!

Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Seinen Gegenspieler Wotan singt der bereits in seinem göttlichen Habitus stark erschütterte Wanderer, den der in dieser Partie auf großen Bühnen (zuletzt am Badischen Staatstheater Karlsruhe LINK ZU MEINER BESPRECHUNG) bewährte Heldenbariton Renatus Mészár strahlend und mit elegantem stimmlichen Profil auch in seinem im vom Regisseur zugewiesenen Habitus als Clochard verkörpert. Darunter leidet lediglich ab und zu die sprachliche Verständlichkeit.

Über eine erstaunlich deutliche Diktion der Wagner-Sprache verfügen die übrigen Sänger und Sängerinnen  – sogar der Waldvogel der herrlich trällernden und akrobatischen Julia Bauer. Deren Rolle fällt ja leider oft dem reinen Koloraturgesang zum Opfer, obwohl ihre Botschaften an Siegfried doch von großer Bedeutung für seinen künftigen Weg sind. Doch auch in ihrem Fall war Gerd Heinz die Wortverständlichkeit im Detail besonders wichtig. So, wenn Siegfried den zunächst optisch eindrucksvoll durch einen großen, sich ringelnden und aufbäumenden, durch mehrere phosphorisierende Glieder mit darin verborgenen Statisten des Ratsgymnasiums Minden verkörperten Drachen Fafner ersticht. Nachdessen Tode leckt Siegfried das Drachenblut und versteht nun den Gesang des Waldvögleins, das ihn zunächst zum Hort und Ring in der Drachenhöhle und später zur Braut führt. Fafner singt der erfahrene James Moellenhof, das langjährige Mitglied der Oper Leipzig, mit profundem Bass.

Es ist ein großer berührender Augenblick der Inszenierung, wenn Fafner sich im Sterben als Schattenriss aus dem Dunkel wie ein großer Unternehmer des Manchester-kapitalismus erhebt, dann das Licht strahlend auf ihn geworfen wird und wir mit Siegfried erschüttert in ihm den sterbenden Riesenmenschen erkennen (immer wieder bedeutsame,aber nicht aufdringliche Lichtgestaltung: Michael Kohlhagen).

Nachdem Siegfried den Drachen und den sich in seinen Mordabsichten verplappernden Tüftler-Zwerg Mime in einer Art Notwehrexzess aus dem Weg geräumt hat, streckt sich Siegfried unter einer Linde aus. Wirkommen zu einer der schönsten und berührendsten Szenen des Ring. Siegfried spürt das Alleinsein und ersehnt sich durch die Führung des Gesangs des Waldvogels „ein gut Gesell“ herbei. Thomas Mohr gestaltet diese Szene mit wundervoller Hingabe und lyrischer Zärtlichkeit,wie sie auch einem Lied von Franz Schubert anstehen.

Und der Waldvogel antwortet mit den herrlich gedichteten Worten: „Lustig im Leid sing‘ ich von Liebe, wonnig aus Weh‘ web‘ ich mein Lied:nur Sehnende kennen den Sinn.“  Wer denkt hier nicht an Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg, die Wagner während der mehrjährigen Unterbrechung ab 1857 an der Komposition von Siegfried schuf.

Zu Beginn des stürmischen dritten Aufzugs weckt der Wanderer-Gott Wotan zunächst die Urmutter Erda herauf (die souveräne Janina Baechle, die mit dieser Rolle u.a. bereits regelmäßig an der Wiener Staatsoper auftritt). Mit Erda hatte Wotan die Tochter Brünnhilde gezeugt. Ihr Göttervater Wotan hatte ihr selber die Göttlichkeit genommen, als er sie zum Ende der Walküre in den Schlaf auf dem von Feuer umbrandeten Felsen bannte und sie dem ersten Furchtlosen bestimmt. Erda zieht sich entsetzt über Wotans Machenschaften zu ewigem Schlafzurück. Wotan trifft anschließend auf den ihn furchtlos verhöhnenden Siegfried, der ihm im Kampf den Speer zerschlägt. Damit ist für Siegfried der Weg frei zum Walkürenfelsen. Dort erblickt erzum ersten Mal in seinem Leben eine Frau. Sie lehrt ihn das Fürchten. Aber nur kurz, denn er küsst sie wach und glaubt in ihr zunächst der Mutter zu begegnen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Brünnhildes Erwachen „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht!“ gestaltet die prächtig aussingende amerikanische Sopranistin Dara Hobbs zu einem strahlend hellen Sonnenhymnus. Dara Hobbs ist eine bereits auf verschiedenen Opernbühnen in den USA und in Deutschland (Frankurt/M., Bonn, Essen, Chemnitz, Regensburg, Bayreuth) erfahrene hochdramatische Sopranistin mit junger stimmlicher Frische u.a. der großen Wagner-Partien Senta, Sieglinde, Isolde und Brünnhilde, die sie nun in allen drei Ring-Opern in Minden und demnächst in Chemnitz verkörpern wird.

Im kammerspielartig intensiven Zusammenspiel mit Thomas Mohr entfalten nun beide stimmlich und darstellerisch die ganze Vielfalt dieses Sich-Näherns und Mißverstehens, des erotischen Neckens, körperlichen Anstachelns und emotionalen Sich-Ergebens, des Verängstigten und des Verschmelzens einer Liebesbegegnung. Auch hier spart Gerd Heinz nicht an Komik der Gesten – einschließlich des Faltens der Hände zum einträchtigen Flehen gen Himmel.

Am Ende großer Beifall und Standing Ovations des teilweise weit angereisten Publikums für alle Sänger, das Orchester, den Dirigenten und die Statisten. Auch die Bühnentechnik leistet Großartiges.

Das Fazit: Der Ring in Minden ist wirklich vor allem ein musikalisches Wunder. Im September 2018 wird eine fesselnde Götterdämmerung zu erwarten sein und 2019 schließlich zweimal die gesamte Tetralogie des Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden aufgeführt werden.

Nicht unerwähnt bleiben muss, last but not least, vor allem da kein Dramaturg der Produktion genannt wird, dass es ein vorzüglich informatives Programmbuch gibt, redaktionell gestaltet von Udo Stephan Köhne und Christian Becker. Es beinhaltet nicht nur das Textbuch, die Namen und Bilder wirklich aller Beteiligten – auch hinter der Bühne – und die üblichen ausführlichen Informationen zu den Künstlern sondern auch eine Chronologie sowie Richard Wagners Briefe zur Entstehungsgeschichte der Oper, ein Gespräch von Udo Stephan Köhne mit dem Regisseur Gerd Heinz und ausführliche Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte, zur Musik, wie zum Inhalt und Text.

Im Rahmen des Mindener Ring-Zyklus wird vom 3. bis 23.9.2018 Richard Wagners Die Götterdämmerung folgen und 2019 sind im September und Anfang Oktober zwei Ring-Zyklen der Tetralogie geplant. IOCO freut sich, ab jetzt mit verschiedenen Korrespondenten dabei sein zu können und darüber zu berichten.

Wagnerianer und alle Neugierigen, die Wagners spannendes Welt-Musiktheater an vier Abenden ohne große Verfremdungen des Regietheaters kennenlernen wollen, sollten sich die Termine in Minden (3. bis 23.9.2018)  vormerken.

Nach dem Ende der sommerlichen Festspiele in Bayreuth Ende August lässt sich aber auch das Bedürfnis nach einer vorzüglichen musikalischen Interpretation Wagners auf lustvollste Weise im Frühherbst in Minden stillen. Die sängerische Besetzung auf höchstem Niveau, der Ensemblegeist und die herausragende musikalische Leitung von Frank Beermann mit der Nordwestdeutschen Philharmonie dürften dem „ostwestfälischen Wagner-Wunder“  bereits heute Kultstatus unter Kennern verleihen.

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