Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Albert Herring – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 25.07.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

  ALBERT HERRING   –  Benjamin Britten

– Eine herrlich leichtfüßige Gesellschaftsparodie –

von Uschi Reifenberg

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Nach der überaus schwierigen und herausfordernden Spielzeit 20/21 setzte das Nationaltheater Mannheim nun mit einer humorvollen und farbenfrohen Neuinszenierung von Benjamin Brittens komischer Oper Albert Herring in der Regie von Cordula Däuper und der musikalischen Leitung von GMD Alexander Soddy einen gelungenen und vergnüglichen Schlusspunkt.

Benjamin Brittens vierte Oper kommt als herrlich leichtfüßige Gesellschaftsparodie daher, eine Kammeroper, in der dreizehn Musiker, (den Dirigenten eingeschlossen), einem dreizehnköpfigen Sängerensemble auf der Bühne gegenüberstehen. Hier wimmelt es von skurrilen Typen und schrägen Charakteren, eine veritable Satire auf die spießige Verklemmtheit in einer englischen Kleinstadt am Anfang des vorigen Jahrhunderts.

Albert Herring – Nationaltheater Mannheim
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
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Noch hatte das britische Empire zu dieser Zeit die Fesseln des Viktorianischen Zeitalters nicht vollständig abgestreift, es herrschen Prüderie, Doppelmoral und Standesdünkel, Außenseiter werden gemobbt und gesellschaftlich geächtet.

Brittens zentrales Thema kreist immer wieder um das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft wie in den tragischen Stoffen Peter Grimes, den er zwei Jahre zuvor komponiert hatte, in Billy Budd oder auch Death in Venice. Da Britten mit dem Tenor Peter Pears seine Homosexualität offen lebte, diese aber in England erst 1967 legalisiert wurde, befand er sich selbst als populärer Außenseiter in einer gesellschaftlichen Grauzone.

Britten schrieb 1946/47 die komische Oper Albert Herring in drei Akten und fünf Bildern für seine „English Opera Group“, die er eigens zur Verbreitung englischer Opern und seiner eigenen Werke gegründet hatte. Das Libretto verfasste Eric Croizier nach der Novelle von Guy de Maupassant   Der Rosenjüngling der Madame Husson.

1947 in Glyndebourne uraufgeführt, sprudelt dieses Kammermusikalische Kleinod nur so von parodistischen Einfällen, Witz, Ironie, und überraschenden Pointen. Der stilistische Zitatenreichtum und die vielfältigen musikalischen Verweise reichen quer durch die Musikgeschichte, von Purcell über Wagner, traditioneller italienischer Oper, englischer Volksmusik bis hin zu Kurt Weill und Musicals. Jeder Figur ist ein musikalischer Stil zugeordnet, der die jeweiligen Charaktere unterstreicht oder parodiert.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring - hier : Christopher Diffey und Ensemble @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring – hier : Christopher Diffey und Ensemble @ Hans Joerg Michel

Der Handlungsablauf ist überschaubar: Im fiktiven Küstenstädtchen Loxford soll dem moralischen Verfall Einhalt geboten werden. Die selbst ernannte Tugendwächterin Lady Billows will -zusammen mit einem Sittenkomitee – bestehend aus  Bürgermeister, Pfarrer, Polizist, Lehrerin und ihrer Haushälterin, die Maikönigin ausrufen, die für Alle ein Vorbild an Tugend und Sittsamkeit sein soll. Da es im Dorf aber kein Mädchen gibt, das diesen Ansprüchen genügt, wird ein junger Mann vorgeschlagen, Albert Herring. Etwas einfältig und verklemmt wie er ist, schuftet er brav im Gemüseladen seiner Mutter, die ihn gehörig unter der Fuchtel hat.  Bei der Krönung zum „Maikönig“ auf dem Festplatz, schütten ihm das befreundete jugendliche Pärchen Sid und Nancy Rum in die Limonade. Dadurch dermaßen enthemmt, macht Albert sich nachts heimlich aus dem Staub, stürzt sich ins Nachtleben, und erlebt- erlöst von seinen inneren Zwängen, endlich geistige und sexuelle  Befreiung. Da er noch am nächsten Tag verschwunden bleibt, wird er von der gesamten Sippschaft für tot erklärt, bis er plötzlich total ramponiert erscheint. Er weist seine nun erboste Mutter in die Schranken und macht sich auf, ein neues, selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

Benjamin Britten Wort - in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Wort – in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Das Inszenierungsteam um Cordula Däuper hat eine fantastisch bunte Welt geschaffen, in der uns ein schrilles und surreales Arsenal an Figuren und Bildern überwältigt.

Der Bühnenraum wird ausgefüllt von einem riesigen, leicht schräg ansteigenden Tisch, der weit in den Hintergrund verlängert ist und als Spielfläche für das gesamte Stück dient. (Bühnenbild: Friedrich Eggert).  Darauf ist gewissenhaft ein Großmutter-Spitzendeckchen drapiert, auf welchem die Haushälterin Mrs Pike im Zimmermädchen-Look staubsaugt. (Kostüme: Sophie du Vinage). Es herrscht Ordnung und Sauberkeit.

Cordula Däuper tischt humorvoll und detailverliebt ein Kaleidoskop an Stilen und historischen Bezügen vom Barock bis zur Gegenwart auf, das bestens mit Brittens origineller und einfallsreicher Partitur korrespondiert. Die Figuren sind treffend karikiert, teils bis ins Groteske überzeichnet, werden aber in ihrer psychologischen Struktur und Scheinheiligkeit entlarvt.  Denn hinter der Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit brodelt es gewaltig, tun sich ungeahnte Abgründe auf.

Moralische  Erstarrung, die Angst vor Erneuerung und Erweiterung der fest gefügten Gesellschaftsordnung zwingt die eingeschworene Gemeinde zu sinnentleerten Ritualen, die Opfer fordern. Erst im Bewusstsein von Alberts Tod im 3. Akt blickt man hinter die Fassaden, zeigen die Dorfbewohner Reue und echte Betroffenheit.  Die bunte Zuckerwatten-Welt weicht einer grau -trüben Realität.  (Licht: Damian Chmielarz). Gezeigt wird nun die Tristesse hinter der Idylle. Farblose Häuser senken sich von oben herab, ähneln Brittens Haus in Lowestoft. Ergreifend vereinen sich die neun Stimmen der Akteure zu einem Klagegesang von großer Intensität und echter Trauer.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring hier Ensemble @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring hier Ensemble @ Hans Joerg Michel

Cordula Däuper verkleinert nach Herzenslust ins Miniaturformat  oder vergrößert ins Überdimensionale wie beim Festessen, wenn knallbunte riesige Kuchen, Gläser oder Pommes Teller hereingefahren werden, in denen sich die Honoratioren der Stadt genüsslich suhlen.

Witzige „Verzwergungen“ erfahren der Obstladen von Alberts Mutter, aus welchem sich wie aus dem Kasperle-Theater Albert herauszwängt. Anrührend ist die Szene, wenn sich Alberts Mutter beim vermeintlichen Tod ihres Sohnes  verzweifelt in sein winziges  Kinderbettchen hineinlegt. Wir treffen außerdem  den virtuosen Puppenspieler (Christian Pfütze) wieder, der mit Albert-Marionette die verdoppelten Identitäten respektive dessen alter ego treffend konterkariert und seine geheimen Wünsche und Sehnsüchte sichtbar macht. Am Ende ist es Albert selbst, der die Fäden der Marionette durchschneidet, eine symbolstarke und bewegende Geste.

Fast gruselig taucht immer wieder der monströse Puppenkopf der Mutter auf, eine Art Über-Ich Alberts, das ihm jegliche Sinnenfreuden oder Lebenslust verbietet. Einschüchternd  droht eine riesige Pranke, die den wehrlosen Jungen fest im Griff hat. Unsicher und zweifelnd sieht sich das  Muttersöhnchen im Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Pflichterfüllung, noch unfähig, sich seine Träume und Hoffnungen einzugestehen.

Christopher Diffey als Albert Herring mit biederer, mädchenhafter Frisur, Latzhose und Gummistiefeln, zeigt überzeugend die Entwicklung des bis zur Selbstverleugnung angepassten  Jungen zum selbstständig handelnden Individuum, zunächst mit fein gezeichneten lyrischen Tenorfarben. Später, wenn er sein bis dahin ungelebtes Leben im Monolog reflektiert, gibt er der Stimme zunehmend Glanz und Format. Mit kraftvollen und eindringlichen Aufschwüngen lehnt er sich gegen sein vermeintliches Schicksal  auf.

Benjamin Britten Grab in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Grab in Aldeburgh © IOCO

Das Sängerensemble besticht weiterhin durchweg mit vokalen und darstellerischen Glanzleistungen:  Caroline Wenborne gibt der Moralapostelin Lady Billows mit barockem Pomp und royaler Attitüde zweifelhafte Autorität und beherrscht ihre kleinstädtischen Untergebenen mit ihrem voluminösem dramatischem Sopran und exzellenter Bühnenpräsenz.

Das junge Liebespaar Sid und Nancy, quietschbunt und rockig ausstaffiert, verkörpert die Selbstbestimmtheit  einer neuen Generation, die ihre Gefühle auslebt und Einschränkungen nicht akzeptiert. Ilya Lapich mit klar fokussiertem Bariton, der als kluger Schnapsmischer den Stein ins Rollen bringt und Shachar Lavi mit schönem und leicht ansprechenden Sopran, agierten bestens aufeinander abgestimmt.

Florence Pike ist in ihrer moralischen Eilfertigkeit fast noch kompromissloser als Lady Billows, sie wird von Almuth Herbst mit herrlicher Ironie und viel stimmlicher Leuchtkraft ausgestattet.

Estelle Kruger besticht als hibbelige Lehrerin Miss Wordsworth mit funkelnden Koloraturen und herrlich spiessigem Habitus. Den selbstgefälligen, kleinbürgerlichen Bürgermeister Mr. Upfold gestaltet Jonathan Stoughton mit heldentenoraler Durchschlagskraft und klischeehaftem Politiker-Gebaren.

Einmal mehr bestätigt Thomas Jesatko seine Vielseitigkeit. Mit flexiblen und ausladendem Bariton verwandelt er die wolkigen Phrasen des Pfarrers und seine Predigt über die Tugend in puren Wohllaut.

Julia Faylenbogen stattet Alberts Mutter mit satten klangschönen Mezzofarben aus, akzentuiert mit ihrer Resolutheit und wirkt anrührend im Schmerz um den vermeintlichen Verlust ihres Sohnes.

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring - hier : Christopher Diffey, Caroline Wenborne, KS. Thomas Jesatko, Almuth Her @ Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Albert Herring – hier : Christopher Diffey, Caroline Wenborne, KS. Thomas Jesatko, Almuth Her @ Hans Joerg Michel

Das Dorfestablishment wird komplettiert vom Polizisten Budd, der als erster Albert als Maikönig vorschlägt. Bartosz Urbanovicz rundet die Sängerriege mit schönem und vollem Bass ab. Quirlig und stimmlich tadellos wirbeln Nayun Lea Kim, Alma Ruoqui Sun und Constantin Jacob als Kinder aus dem Dorf über die Bühne.

GMD Alexander Soddy, schließlich,  und die solistisch besetzten Orchestermusiker:  Sie alle musizieren und agieren, dass es eine Freude ist, perfekt gelingt die Harmonie zwischen Bühne und Instrumentalisten, jede Regung der Sänger wird im Orchestergraben  nuanciert beantwortet. Mit schlankem, kammermusikalischen Klang lässt Alexander Soddy Brittens Melodik schillern und versteht sich bestens auf das stilistische Kunterbunt. Die pointenreiche, satirische Tonsprache ist bei ihm in den besten Händen. Humorvoll werden die musikalischen Anspielungen präsentiert, transparent ausgestaltet sind die Rezitative mit der exzellenten Klavierbegleitung, die als geordnetes Chaos eine koordinatorische Meisterleistung darstellen. Die Musiker schwelgen im üppigen Melos, ohne ins Kitschige abzudriften.

Soddy lässt ideale  Klangbilder entstehen. Da hört man pompöse Händel-Anklänge, wenn Lady Billows angekündigt wird, schmettert Marschmusik bei der Wahl zum Maikönig, oder es erklingt ein Fugato, das Ordnung ins Durcheinander bringen will. Mal leuchten üppige Puccini-Kantilenen, dann wieder man freut sich, Wagners Tristan-Motiv erkannt zu haben, wenn Sid den Rum ins Glas mixt. Auch Siegfrieds Hornruf lässt grüssen, der den Anti-Helden Albert strahlend karikiert.

Benjamin Britten Wort - in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Wort – in seiner Heimat Aldeburgh © IOCO

Hervorragend alle 12 Musiker des kleinen Orchesters:  Sorin Strimbeanu (Violine 1), Dennis Posin (Violine 2), Clémence Apffel-Gomez (Viola), Fritjof von Gagern (Violoncello), Johannes Dölger (Kontrabass), Robert Lovasich (Flöte), Jean-Jaques Goumaz (Oboe), Martin Jacobs (Klarinette), Antonia Zimmermann (Fagott), Andreas Becker (Horn), Lorenz Behringer (Schlagwerk), Eva Wombacher (Harfe), Elias Corrinth (Klavier).

Ein spaßiger und unterhaltsamer Theaterabend, der dennoch viel Nachdenkliches zu bieten hat. Das begeisterte Publikum spendete viel Applaus

Albert Herring; am Nationaltheater Mannheim; die nächste, letzte Vorstellung der Spielzeit am 28.7.2021;  ausverkauft

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Pat To Yan – Hausautor Nationaltheater, IOCO Personalie, 24.07.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Pat To Yan – 2021/22 – Hausautor am Nationaltheater Mannheim

Ab der Spielzeit 2021/22 wird der 1975 in Hongkong geborene Autor Pat To Yan als neuer Hausautor am Nationaltheater Mannheim arbeiten. Während seiner Hausautorschaft ist u. a. die Uraufführung seines Opern-Librettos The Damned and the Saved (Komposition: Malin Bång, Musikalische Leitung: Rei Munakata, Regie: Sandra Strunz) geplant. In dem gerade entstehenden Text verhandelt er die Frage, wie bedingungslos Widerstand sein muss. Die Premiere der Koproduktion von Oper und Schauspiel des Nationaltheaters Mannheim wird am 15. Mai 2022 im Rahmen der »Münchner Biennale« stattfinden, und anschließend am Nationaltheater Mannheim zu sehen sein. Darüber hinaus ist die Uraufführung des dritten Teils seiner Trilogie Posthuman Condition im März 2022 geplant, in dem er die Bedeutung von Leid in der menschlichen Existenz befragt. Pat To Yan wird selbst Regie führen.

Christian Holtzhauer, Schauspielintendant am Nationaltheater Mannheim: »Pat To Yan ist Künstler und Aktivist, der in seinen Texten und in seiner Arbeit als Theatermacher immer wieder mögliche Formen von politischem Widerstand und die vielfältigen Gefährdungen der Demokratie aufgreift. Damit verbunden fragt er zugleich, was den Menschen und vor allem zwischenmenschliche Beziehungen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ausmacht. Ich freue mich sehr auf eine intensive Zusammenarbeit mit Pat To Yan, den wir während seines einjährigen Aufenthalts in Mannheim als Dramatiker, Librettisten und Regisseur kennenlernen dürfen.«

Nationaltheater Mannheim / Pat To Yan, aus Hong Kong stammender Hausautor 2021/22 © Max Zerrahn

Nationaltheater Mannheim / Pat To Yan, aus Hong Kong stammender Hausautor 2021/22 © Max Zerrahn

Pat To Yan studierte Englische Literatur und Soziologie in Hongkong sowie Szenisches Schreiben an der Royal Holloway University of London. Seither arbeitet er als Dramatiker und Lehrbeauftragter sowie Regisseur seiner eigenen aber auch fremder Texte. Er schreibt metaphorisch-gleichnishaft, und verhandelt doch immer konkret die Frage, wie man sich in einem unberechenbaren System behaupten kann. In seinen Texten verschieben sich Realitäts- und Traumebenen und seine Figuren sind Schöpfungen und Variationen von mythologischen Figuren aus Europa und China, wie beispielsweise »die Katze mit einem Loch« oder »der Mann, der Schmerz mitansieht«.

Im Rahmen des 8th Hong Kong Theatre Libre 2015 wurde sein Stück Bis ans Ende ihrer Tage als bestes Stück ausgezeichnet und beim EMW Festival of Hong Kong Repertory Theatre auf Kantonesisch uraufgeführt. 2018 wurde es am Münchner Residenztheater in seiner Europäischen Erstaufführung gezeigt. Seither schreibt Pat To Yan seine Texte überwiegend auf Englisch. 2016 gründete er das freie Produktionslabel »Reframe Theatre«, mit dem er bis heute zusammenarbeitet. 2017/18 realisierte den immersiven Theaterabend »Flow of Time« im Hongkong Fringe Club.

Mit seinem Stück Eine kurze Chronik des künftigen China wurde er 2016 zum Berliner Stückemarkt eingeladen – als bislang erster prämierter chinesischer Theatertext überhaupt: »Das Stück widersetzt sich einer linearen narrativen Dramaturgie und arbeitet in sehr verdichtet poetischen Verflechtungen die grausamen Phantasmen einer gegenwärtigen Gesellschaft der Ungleichzeitigkeiten heraus, die zu jedem Rückfall in die Barbarei bereit ist – ob es nun um staatlich organisierten Organraub geht oder um gedungene Mörder. Ein Stück, in dem die Möglichkeit des Verwechselns von Realität und Traum so naheliegend scheint, dass uns ihre Mächtigkeit schaudern macht. Was, wenn sich diese Albträume längst vernetzt haben und gegen unsere Zukünfte antreten?« (Kathrin Röggla, Jurorin). Der Text wurde als erster Teil einer Trilogie im Frühjahr 2021 am Saarländischen Staatstheater (Regie: Moritz Schönecker) uraufgeführt. Mit Eine posthumane Geschichte hat Pat To Yan mittlerweile sein zweites Stück aus der Serie Posthuman Journey geschrieben, in der er erforscht, was Menschsein heute und in der Zukunft bedeuten kann. Es wurde im April 2021 am Schauspiel Frankfurt (Regie: Jessica Glause) uraufgeführt.

Das beeindruckende Hong Kong Culture Center / Heimat von Pat To Yan © IOCO

Das beeindruckende Hong Kong Culture Center / Heimat von Pat To Yan © IOCO

Lesenswertes von und über Pat To Yan auf der Seite des Suhrkamp Verlags:
Pat To Yan: Widerstand und seine Schatten
Eva Behrendt & Pat To Yan – Ein Gespräch über die Rolle Chinas heute und in naher Zukunft, den Hongkonger Widerstand und ein Theaterstück, das tief in der interkulturellen Tradition Hongkongs wurzelt: »Antigone und die weiße Knochenfrau«

Zur Hausautor*innenschaft am Nationaltheater Mannheim:

Erst im April dieses Jahres setzte der Verein der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim ein wichtiges Signal und erhöhte das jährliche Stipendium für die Hausautor*innen des Nationaltheaters in zwei Schritten. In der aktuellen Spielzeit stieg die Förderung von zuletzt 6.000 € auf 9.000 €. Mit Beginn der Spielzeit 2021/22 wird sie 12.000 € betragen, wodurch sich die ursprüngliche Fördersumme verdoppelt. Zusätzlich zu dem durch den Verein der Freunde und Förderer finanzierten Stipendium, über das der oder die ausgewählte Autor*in frei verfügen kann, stellt das Schauspiel des Nationaltheaters eine Wohnung, übernimmt Reisekosten und finanziert einen Stückauftrag.

Ermöglicht wird der Aufenthalt des Hausautors durch die freundliche Unterstützung der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—


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Mannheim, Musikalische Akademie, 2021/22 – die 243ste Spielzeit, IOCO Aktuell, 19.07.2021

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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

Musikalische Akademie Mannheim – Spielzeit 2021/22 

  –  die Historie –  die Gegenwart – selbst-Erwirtschaftungsgrad – 90%

Die Geschichte:  Die in der Musikalischen Akademie organisierten Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters Mannheim sind Veranstalter einer der ältesten Konzertreihen in Deutschland. Unter den Theater- und Symphonieorchestern sind die demokratische Struktur der Akademie und ihre damit verbundene programmatische sowie finanzielle Eigenständigkeit einzigartig. Sie sind entscheidend für die künstlerische Identität und das Selbstbewusstsein der Musiker. Achtmal im Jahr präsentiert sich heute das Orchester, das sonst im Operngraben erklingt, im Mozartsaal des Rosengartens (Bild).

1778 gründeten Bürger und Musiker Mannheims, orientiert am Pariser Vorbild, eine Académie des amateurs. Sie führte die Konzertreihe der Hofkapelle in eigener Regie weiter, nachdem der Kurfürst Mannheim verlassen hatte. Heute nimmt die Akademie neben den Musikern des Nationaltheater-Orchesters auch Fördermitglieder auf. Ein Kuratorium, besetzt mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, von der Universität und den Hochschulen sowie aus dem musikalischen Leben Mannheims, begleitet und unterstützt die Arbeit des Vorstands der Akademie.

Kulturschaffen in der Eigenverantwortung der Künstler: Das ist in Mannheim Wirklichkeit, und es ist erwiesenermaßen ein erfolgreiches und nachhaltiges Konzept!

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Die Spielzeit 2021/22  –  Die 243ste Spielzeit seit der Gründung

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. veranstaltet in ihrer 243. Saison acht Doppelkonzerte im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens. Generalmusik-direktor Alexander Soddy dirigiert vier Akademiekonzerte und darf sich gemeinsam mit dem Nationaltheater-Orchester auf herausragende Solistinnen und Solisten wie Noa Wildschut, Frank Peter Zimmermann oder Kirill Gerstein freuen. Die Konzerte finden jeweils montags und dienstags um 20 Uhr statt.

»Es liegen eineinhalb fordernde Jahre hinter uns. Auch wenn unser Verein über die Schlief3zeit keinesfalls untätig war -wir hoffen unbedingt, nächste Saison wieder regulär Publikum im grof3en Konzertsaal willkommen heif3en zu dürfen«, kommentierte Fritjof von Gagern, 1. Vorsitzender der Musikalischen Akademie. »Gemeinsam mit dem Mannheimer Rosengarten haben wir ein Hygienekonzept erarbeitet, das -auf wissenschaftlichen Studien basierend -eine gute und sichere Umsetzung unserer Veranstaltungen ermöglicht. Dazu kommt eine kontinuierlich steigende Impfquote in der Bevölkerung. Insbesondere auch mit Blick auf unser Akademiekonzert am 26. und 27. Juli 2021, das bereits mit einer Saalauslastung von 60 % durchgeführt werden kann, sind wir deshalb sehr zuversichtlich, unsere musikalischen Ideen in der kommenden Spielzeit plan-und programmgemäf3 realisieren zu können. Der Austausch mit dem Publikum hat uns Musikerinnen und Musikern ungemein gefehlt -und mit unseren neuen Programmen möchten wir Lust auf die neue Saison wecken.«

Nationaltheater Mannhein / Alexander Soddy © Miina Jung

Nationaltheater Mannhein / Alexander Soddy © Miina Jung

Die Konzertprogramme hat der Vorsitzende von Gagern gemeinsam mit Generalmusikdirektor Alexander Soddy erarbeitet: Im 1. Akademiekonzert 2021/21 erkundet das im Verein organisierte Orchester die satten Landschaften sowie den königlichen Glanz Britanniens. Neben Ralph Vaughan Williams‘ Fantasia on a Theme by Thomas Tallis und Edward Elgars Symphonie Nr.1 vermag dabei auch Max Bruch in der Schottischen Fantasie mithilfe der virtuos arrangierten Klangfarben von Violine und Harfe eine typisch »schottische« Stimmung zu kreieren. Mit von der Partie ist Noa Wildschut, 20 Jahre jung und viel mehr als nur ein Shootingstar der Klassikszene: Gerühmt für Präzision und einen stets beseelten Geigenton, hat sie Bruchs Werk früh für sich entdeckt.

Frank Peter Zimmermann ist im Rahmen des 2. Akademiekonzerts 2021/22 wieder zu Gast in Mannheim, diesmal mit Bohuslav Martinus Suite concertante. Ergänzt wird dieses violinistische Feuerwerk von Bela Bartoks Rhapsodie Nr. 1; beide Werke erklingen zum ersten Mal bei den Akademiekonzerten. Darüber hinaus kann Sidney Corbetts Viofence and Longing, eine Auftragskomposition der Musikalischen Akademie, endlich aus der Taufe gehoben werden, nachdem das Werk 2019/20 situationsbedingt verschoben werden musste. Viofence and Longing kommuniziert auf besondere Weise mit dem letzten Programmpunkt des Abends: Unter anderem Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 4 diente als Inspiration für Corbetts brandneues Opus. Der amerikanische Komponist ist seit 2006 in Mannheim verwurzelt und fördert als Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim Komponistinnen und Komponisten der jungen Generation.

Im 3. Akademiekonzert 2021/22 begibt sich das Nationaltheater-Orchester auf eine Reise nach Russland: Neben Rachmaninows vielgeliebtem Klavierkonzert Nr. 2 erklingt auch Tschaikowskis Symphonie Nr. 4, in der tragische Topoi, von Tschaikowskis Lebensgeschichte inspiriert, gewohnt kunstfertig verarbeitet werden. Die musikalische Leitung unterliegt Jordan de Souza, der als Erster Kapellmeister der Komischen Oper grosses Ansehen erlangt hat. Ihm zur Seite steht ein russischer Kosmopolit: Kirill Gersteins Klavierspiel besticht mit einem unverwechselbar-verjazzten Stil.

Musikalische Akademie – 240 Jahre Konzerte
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»Mit Worten ihn beschreiben hieße scheitern«, stellte der Künstlerische Beirat der Musikalischen Akademie nach seinem Debüt bei den Akademiekonzerten fest: Rafal Blechacz, zuletzt in der Spielzeit 2017 /18 bei der Musikalischen Akademie zu Gast, kehrt im 4. Akademiekonzert 2021/22 nach Mannheim zurück. Gemeinsam mit dem Dirigenten und Landsmann Michal Nesterowicz widmet er sich dabei einem polnischen Nationalschatz: Frederic Chopins Klavierkonzert Nr. 1. In der Kleinen Suite präsentiert wiederum der Komponist Witold Lutoslawski Polkas und andere Tanzweisen der polnischen Volksfeste. Von diesem Hörabenteuer zum nächsten geht es mit Mendelssohns »schottischer« Symphonie Nr. 3, die den Konzertabend mit wohlgelaunten – und, unter Berücksichtigung der Klarinette, die im Werk einen Dudelsack imitiert, wohl nicht gänzlich ernst gemeinten – Klängen beschließt.

Nicht erst, seitdem die Turangalila-Symphonie vom Mannheimer Publikum im November 2019 mit Begeisterung aufgenommen wurde, steht Olivier Messiaen bei GMD Alexander Soddy hoch im Kurs. Gemeinsam mit dem Nationaltheater-Orchester lässt er die farbenprächtige Musik des Franzosen im 5. Akademiekonzert 2021/22 mit L ‚Ascension doch nun erst recht aufs Neue erstrahlen. Daneben steht Anton Bruckners sechste Symphonie – Klangräume, die einer Kathedrale ähneln.

 Im 6.Akademiekonzert 2021/22 stof3en wiederum glitzernde Zauberwelten und Schauerromantik auf die transparente Musik Mozarts: Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, interpretiert Mozarts elegant ausgestaltetes Konzert für Flöte und Orchester Nr.1 in G-Dur. Seinen Einstand bei der Musikalischen Akademie feiert auch Ivan Repusic, der Carl Maria von Webers Ouvertüre zu Oberon sowie Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique dirigiert.

Endlich kann auch das Dirigat Roberto Rizzi Brignolis nachgeholt werden: Während sein Schwerpunkt insbesondere auf dem italienischen Repertoire liegt – in der Metropolregion Rhein-Neckar hat sich Rizzi Brignoli durch seine Erfolge mit Giuseppe Verdis II Trovatore am Nationaltheater Mannheim profiliert-, bewegt er sich mit großer Stilsicherheit auch durch die klassische und romantische Epoche. Auf dem Programm des 7. Akademiekonzerts 2021/22 stehen daher Franz Schuberts Ouvertüre zu Die Zauberharfe sowie seine »tragische« vierte Symphonie, dazu gesellt sich Beethovens Eroica.

Während er dem Nationaltheater-Orchester bis 2023 als Chefdirigent der Akademiekonzerte verbunden bleibt, neigt sich Alexander Soddys Engagement als Mannheims Generalmusikdirektor dem Ende zu: Das krönende Finale seiner GMD-Zeit feiert die Musikalische Akademie mit Gustav Mahlers Auferstehungssymphonie. Nomen est omen: Zwei Chöre, die beiden Gastsolistinnen Anne Schwanewilms und Okka von der Damerau sowie das riesig besetzte Orchester sorgen für üppig gefüllte Bühnen.

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters

Die in der Musikalischen Akademie organisierten Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. sind seit über 240 Jahren Veranstalter der Konzertreihe „Akademiekonzerte“. Unter den Theater-und Symphonieorchestern sind die demokratische Struktur der Akademie und ihre damit verbundene programmatische sowie finanzielle Eigenständigkeit einzigartig. Sie sind entscheidend für die künstlerische Identität und das Selbstbewusstsein der Musikerinnen und Musiker. In acht Doppelkonzerten pro Spielzeit präsentiert sich heute das Orchester, das sonst im Operngraben erklingt, im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens.

Wirtschaftliche Situation  –  Hoher selbst-Erwirtschaftungsgrad

Ein voller Saal ist überlebenswichtig für die Musikalische Akademie, die sich fast ausschlie~lich über den Verkauf von Eintrittskarten und Abonnements finanziert. Alle laufenden Kosten werden zu 90 % über Ticketeinnahmen gedeckt. Eine direkte Subvention erhält der Verein bislang nicht. Mit diesen Einnahmen müssen u. a. die Miete für den Mozartsaal im Rosengarten sowie Honorare für Gastdirigentinnen und -dirigenten respektive Solistinnen und Solisten bestritten werden. Enorme Anstrengungen der Akademie haben in den letzten Jahren zu einem stetigen Besucheranstieg geführt: Dem Verein gelang es, die Besucherauslastung des Mozartsaals von 71,2 % (Stand Saison 2015/16) auf 88,2 % (Stand nach 4 Konzerten Saison 2019/20)1 zu steigern. Zuletzt durfte die Akademie jährlich 27.000 Besucherinnen und Besucher und 2.700 Abonnentinnen und Abonnenten begrüßen.

—| IOCO Aktuell Musikalische Akademie Mannheim |—


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Mannheim, Nationaltheater, Simplicius Simplicissimus – Karl A. Hartmann, IOCO Kritik, 29.06.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Simplicius Simplicissimus  –  Oper – Karl Amadeus Hartmann

 Drei Szenen aus seiner Jugend – über den Weg in die innere Emigration

von Uschi Reifenberg

Es fühlt sich gut an, nach eine halben Ewigkeit wieder in einem Opernhaus zu sitzen, zusammen mit anderen Zuschauern in sicherer Distanz die Atmosphäre und den Raumklang zu erleben, die Wechselbeziehung zwischen Bühne und Publikum zu spüren und im real erfahrbaren Theatererlebnis selbst Teil der Aufführung zu sein.

Hineingezogen wird man coronatauglich in die Kammeroper Simplicius Simplicissimus von Karl Amadeus Hartmann (1905-1963); nach dem barocken Schelmenroman von Jakob Christoffel von Grimmelshausens (1621-1676) „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ aus dem Jahre 1669, der erste Roman in Prosa, der Weltgeltung erlangte. In seinem Werk wird der Dreißigjährigen Krieg aus vielfältigen Perspektiven und aus eigenen Erfahrungen geschildert. Die Darstellungen zeigen die Grausamkeiten des Krieges teils mit voller Härte, teils auch satirisch überspitzt, was Grimmelshausen vor der damaligen Zensur schützte.

Gezeigt werden in Hartmanns Oper drei Szenen aus der Jugend des Simplicissimus, der als unwissender reiner Mensch in einer von Unterdrückung, Gewalt und Hass geprägten Umgebung aufwächst und lernen muss, sich in ihr zurechtzufinden.

In dieser Welt führen die Herrschenden Krieg, legen sie in Schutt und Asche, erniedrigen und unterdrücken die Armen und leben selbst in Saus und Braus: Jeder ist des anderen Feind.

Simplicius Simplicissimus – Einführung von Intendant Albrecht Puhlmann
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
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Angesichts der derzeitigen Weltlage könnte  die als Mahnmal zu verstehende Oper Simplicius Simplicissimus aktueller nicht sein und schlägt den Bogen zu unserer Lebenswirklichkeit in der Pandemie. Auch unsere Welt ist im Umbruch, vertraute Sicherheiten zerbrechen schlagartig, gewachsene Strukturen verlieren ihre jahrzehntelange Gültigkeit. Spaltungen in der Gesellschaft vertiefen sich, nicht selten resultieren daraus Misstrauen und Argwohn.

Gezeigt wird auch die ewige Wiederkehr des Gleichen. Geschichte, die sich wiederholt, eine zeitlose Parabel über Ungerechtigkeit und Ausbeutung.

Der bekennende Antifaschist  Karl Amadeus Hartmann ahnte 1934 die kommende Katastrophe des 2. Weltkrieges voraus und erkannte in der Nazi-Schreckensherrschaft eine Fortschreibung des ersten großen europäischen Krieges von 1669. Hartmann sah für sich in der Zeit der NS Diktatur keine andere Möglichkeit, als in die innere Emigration zu gehen, wenn er nicht als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt werden wollte.

Als Komponist, der sich der Avantgarde verpflichtet fühlte und stilistisch unter anderem Strawinsky, Schönberg und vor allem Hindemith nahestand, verweigerte er sich komplett dem Regime, komponierte für die Schublade oder für Aufführungen im Ausland.

Die Oper Simplicissimus ist ein Werk des Widerstands mit musikalischen Mitteln, eine Anti-Kriegsoper und gleichzeitig ein uneingeschränktes Bekenntnis zu Empathie und Humanität.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Die szenische Uraufführung fand 1949 in Köln statt, 1956 überarbeitete Hartmann sein Werk, indem er die Sprech-Passagen reduzierte und fast durchweg vertonte. Diese zweite Fassung wurde 1957 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt.

Die erste der drei Szenen spielt auf dem Hof des Simplicissimus, wo er von einem Bauern vor dem Wolf gewarnt wird. Im Traum erscheint ihm ein rätselhafter Baum, der schwer unter der Last der Personen leidet, die er tragen muss. Als die Landsknechte den Hof zerstören, flieht Simplicissimus.

In der zweiten Szene begegnet er auf seiner Flucht einem Einsiedel, der ihn aufnimmt und ihm wegen seiner Einfalt den Namen Simplicius Simplicissimus gibt. Er beschützt ihn, lehrt ihn beten sowie den Unterschied zwischen Gut und Böse. Als der Einsiedel stirbt, wird Simplicius von Landsknechten verschleppt.

Im dritten Teil befindet er sich in der Gesellschaft des Gouverneurs, wo er Ausschweifungen und lasterhaftes Treiben kennenlernt. Da Simplicius immer unverblümt die Wahrheit sagt, wird er zum Hofnarren ernannt. Seine Waffe ist die Naivität, die ihm erlaubt, in der Rolle des Narren der Welt den Spiegel vorzuhalten. Er wird – anders als Wagners Parsifal – nicht „durch Mitleid wissend“, sondern durch seine Naivität und Wahrhaftigkeit, die seine Umwelt verstört und zur Reflexion zwingt.

Nun versteht er auch die Traumsymbolik des schwer tragenden Baumes, der ein Abbild der Ständegesellschaft ist, auf dessen unterster Stufe die Ärmsten und Entrechteten stehen. Er erkennt die Zusammenhänge und ruft zur Revolution auf. Marodierende Bauern erschiessen die Herrschenden, Simplicius bleibt allein zurück.

Das 80-minütige Werk wird ohne Pause durchgespielt und berührt von der ersten Minute an mit suggestiven Bildern und einer ergreifenden Personenführung. Regisseur Markus Dietz, der am NTM zuletzt Brittens Peter Grimes inszenierte, breitet ein stilistisches Panoptikum auf der Bühne aus, das mit seiner bestürzenden Aktualität mitten hineinführt in den Zustand einer Welt nach der Katastrophe. Vorangestellt an die erste Szene werden Videoeinspielungen (Mayke Hegger, Markus Dietz),  die Elend, Gewalt und Verrohung zeigen. Schonungslos. Erschütternd.

Die Menschen tragen Gasmasken, ein kleiner Junge sucht sich in seinem Überlebenskampf den Weg durch die Trümmerlandschaft, in einem Einkaufswagen führt er seine Habseligkeiten mit sich.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier :  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier : Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Mayke Hegger (Bühne/Kostüme) hat eine dunkle Einheitsbühne geschaffen, in welcher Berge von Zivilisationsmüll unseren grenzenlosen Konsum anprangern und die drei symbolstarken Szenen omnipräsent bebildern.

In der ersten Szene steht der verzweigte Ständebaum im Zentrum, in der zweiten, der Höhle des Einsiedel, ein hell erleuchtetes Kreuz mit Corpus, (Licht: Florian Arnholdt), in der dritten Szene, beim Festbankett des Gouverneurs, ein clubartiges Etablissement im Discostil, mit beweglicher Unterbühne, in Rotlicht getaucht.

Eine Klammer setzt die eindrucksvolle Sprecherin Katharina Rehn (Gast), die am Anfang und am Ende des Stückes die verheerenden Menschenverluste von „anno Domini 1648“ verkündet, sich im Stile Brechts an das Publikum wendet und die Geschehnisse um Simplicius kommentiert.

Hartmann lehnt sich dicht an die Sprache von Grimmelshausen an, die so holzschnittartig wie die Figuren ist. Ein eingefügtes Sonett von Andreas Gryphius,Tränen des Vaterlandes“, gesprochen auf die Musik, stellt eine der zentralen Anklagen des Werkes dar:   „Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen“.

Die schlimmste aller möglichen Katastrophen ist der Verlust der Humanität

Markus Dietz zeigt beklemmende Bilder von menschlichem Elend. Leichen senken sich immer wieder von der Decke herab, religiöse Symbole werden pervertiert, Simplicius wird mit Dornenkrone verhöhnt, der Gekreuzigte selbst steigt vom Kreuz herab, Gefangene hinter Glasscheiben wehren sich mit blutigen Händen.

Massaker werden verübt, Demütigung und Vergewaltigung prägen die Beziehungen der Menschen. Kein Trost, nirgends. Der Einsiedel, mit freiem Oberkörper, singt zu Beginn des 2. Bildes „Komm Trost der Welt“, eine Lichtgestalt, die freiwillig aus dem Leben scheidet.  Die Sopranistin Astrid Kessler verkörpert den kindlich-naiven Simplicius Simplicissimus idealtypisch mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung und ihrem facettenreichen Spiel.

Sie singt die schwierige Partie des reinen Toren in jeder Phrase schön, zeigt in den Höhen die Leuchtkraft ihres lyrisch-dramatischen Soprans, die Stimme trägt auch in den tiefen und mittleren Lagen. Mit vorbildlicher Diktion gestaltet sie die Textpassagen sowie den Sprechpassagen.  Anrührend wirkt Astrid Kessler in ihrem ungläubigen Staunen und ihrer Hilflosigkeit aus Angst vor der Einsamkeit: “Herzliebster Vater, nicht in den Himmel gehen! Nicht Simplicius allein in der Welt lassen!“ Eindrucksvoll durchlebt sie die Entwicklung vom „verwahrlosten, unmündigen Kind“ das durch „mühsames Lernen selbstverständlicher Dinge zum Wissen von sich selbst und von der Welt gelangt.“; Karl A. Hartmann.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner

Jonathan Stoughton als frommer Einsiedel verfügt über eine biegsame und leicht ansprechende Tenorstimme, ausgeglichen und tragfähig, strahlend in den Höhen, heldisch, mit schönem, hellem Timbre. Bestechend plastisch auch die deklamatorischen Stellen. Der Einsiedel reibt sich auf zwischen Gottesfurcht, Bußfertigkeit und Simplicius’ Erziehung. Zu schwer trägt er an der Sündenlast der Welt, er opfert sich und geht freiwillig in den Tod.

Thomas Jesatko gab in der ersten Szene dem Bauern mit seinem markantem und wohlklingenden Bass das nötige Profil und überzeugte mit klarer Diktion als verwegener Landsknecht. Thomas Berau brachte mit mächtig auftrumpfenden Bariton seine heldische Stimme bestens zur Geltung und gab der Verrohung und Zerstörungslust seines Standes glaubhaft Ausdruck.

In der dritten Szene, in welcher sich das Halbweltmilieu ein feucht fröhliches Stelldichein gibt mit Nachtclubtänzerinnen (Choreografie: Teresa Rotemberg), Ausschweifungen, viel Alkohol und Perversionen aller Art, lassen die Herrschenden ihren Exzessen ungehemmt freien Lauf. Marcel Brunner als Hauptmann im Frack singt sein frauenverachtendes Couplet „ja, lüderlich sind alle Weiber“ mit durchschlagendem Bass und aggressiver Attitüde. Den satirisch überspitzt gezeichneten Gouverneur gibt Uwe Eikötter mit gut fokussiertem, klarem, absolut höhensicheren Tenor und viel Ironie.

Am Ende verüben die Tänzerinnen das Massaker, nehmen Rache an den Figuren der Unterdrückung, und fordern die Aufhebung der Ständegesellschaft. Keiner bleibt am Leben außer Simplicius. Er preist den Richter der Wahrheit.

Die Musik des Simplicius ist vielfältig, zitatenreich und assoziativ, ein Geflecht verschiedener Genres und Stile sowie symbolischer Verweise, mit eingängiger, fast romantischer Melodik, trotz direkter Nähe zu Neutönern wie Berg oder Krenek.

Der Dirigent Johannes Kalitzke hatte sich in Mannheim für die reduzierte kammermusikalische Fassung entschieden, mit erweiterter Streicherbesetzung, einfach besetzten Holz- und Blechbläsern und ausgedehntem Schlagwerk. Es gibt Instrumentalsoli, Chöre, Tänze, melodramatische Passagen, oratorienartige Stellen, eine jüdische Trauermelodie, einen Bach Choral „Nun ruhen alle Wälder“ und ein Zitat aus Strawinskys Sacre du printemps. Songs im Kurt Weill Stil tauchen ebenso auf wie ein Foxtrott am Ende. Eine aufregende Komposition von besonderem ästhetischen Reiz. Der Dirigent Herrmann Scherchen, der Hartmann zur Komposition seiner Kammeroper anregte, charakterisierte die Vielfalt „zwischen Bänkelsang, Choral und psalmodierendem Rezitando“.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner

Die Ouvertüre ist Sergej Prokofieff gewidmet, die mit einem Trommelwirbel und rhythmisch markanten Bläserakkorden in motorisch-vorwärtsdrängendem Gestus beginnt. Johannes Kalitzke liefert ein fein durchgehörtes und transparentes Klangbild, sensibel klingen die depressiv anmutenden Streicherkantilenen, die mit den spannungsvollen und energiegeladenen Schlagzeugpassagen kontrastieren. Jeder einzelne Musiker gestaltete seinen anspruchsvollen Part mit einem Höchstmaß an Präzision und Intensität. Kalitzke legte die kontrapunktische Struktur der komplexen Partitur frei, dirigierte in den Gewaltdarstellungen mit kompromissloser Härte, oder fand in den Trinkliedern und dem Schlussmarsch zu unbeschwerter Leichtigkeit. Besonders innig gelangen die poetischen Momente wie der Bachchoral im Zwischenspiel zum 2. Bild, oder der jüdischen Klagegesang  in der Sterbeszene des Einsiedel.

Der Chor, (Leitung: Danis Juris), teilweise in den ersten Seitenlogen positioniert, stellte nicht nur als expressiver Sprechchor sondern auch an den zart gesummten Stellen seine herausragende Qualität unter Beweis.

Das Publikum spendete diesem außergewöhnlichen Werk und seiner bewegenden Deutung lange begeisterten Beifall.

Simplicius Simplicissimus – Nationaltheater Mannhein; der nächste Termin: So, 04.07.2021, 19.30 – 21.00 Uhr

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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