Ludwigshafen, Friedenskirche, Das Lied von der Erde – Gustav Mahler, IOCO Kritik, 12.09.2020,

 Friedenskirche Ludwigshafen © René van der Voorden.

Friedenskirche Ludwigshafen © René van der Voorden.

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz

DAS LIED VON DER ERDE – Gustav Mahler
nach Gedichten von Hans Bethge –  Die chinesische Flöte, in der Bearbeitung von Arnold Schönberg und Rainer Riehn

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz – Yannis Pouspourikas
Konzert vom 9. September 2020,  Friedenskirche, Ludwigshafen

von Uschi Reifenberg

ABSCHIED

Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO

Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO

Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz eröffnete ihre Jubiläumssaison 2020/21 mit vier Live Konzerten vom 4. bis 12. September 2020 unter dem Motto „Modern Times“. Im Zentrum stand die Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich in genreübergreifender Vielfalt von Filmmusik und Schlager bis hin zur Sinfonik in kleiner Besetzung präsentierte. Intendant Beat Fehlmann äußert sich vorab zur inhaltlichen Ausrichtung der Festival-Ausgabe: „Die sogenannten „Goldenen Zwanziger“ waren eine Zeit der Extreme und brachten massive gesellschaftliche Umwälzungen. Ein Vergleich mit der Gegenwart liegt erstaunlich nahe und führt uns noch einmal deutlich vor Augen, warum „Modern Times“ mit dem Schwerpunkt auf der Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts so wichtig für das Orchester ist. Schließlich wurde die Staatsphilharmonie 1919, unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg gegründet“.

1918, ebenfalls kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs, wurde von Arnold Schönberg in Wien der legendäre „Verein für musikalische Privataufführungen“ ins Leben gerufen. Dieser Verein wollte nicht nur zur Verbreitung neuer Musik beitragen, sondern seinen Mitgliedern auch die Möglichkeit bieten, sich im nicht öffentlichen Rahmen mit aktuellen und zeitgenössischen Werken „von Mahler bis jetzt“ auseinanderzusetzen, Über 150 Kompositionen in ca 120 Konzerten wurden gespielt, unter anderem von Mahler, Debussy, Strauss, Strawinsky, Berg oder Webern, vorwiegend in Bearbeitungen für Kammerensembles oder Klavierfassungen, da große Orchesterbesetzungen nicht zu bezahlen waren.
Diese Initiative Schönbergs war auch eine Reaktion auf die teilweise extrem ablehnende Haltung der Wiener Konzertbesucher und Kritiker gegenüber seinen Kompositionen oder auch denen seiner Zeitgenossen.

Friedenskirche Ludwigshafen © Reifenberg

Friedenskirche Ludwigshafen © Reifenberg

Schönberg, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der spätromantischen Tonsprache abwandte, begründete mit der Zwölftonmusik einen neuen Kompositionsstil, der die damalige Musikwelt tiefgreifend spaltete. Um dem Publikum den Zugang zu den neuartigen Werken zu erleichtern, setzte Schönberg einige unkonventionelle Strukturen um: Die Konzertprogramme wurden geheimgehalten, um eine ausgewogene Besucherzahl zu gewährleisten, die Werke wurden – auch zu didaktischen Zwecken – mehrfach wiederholt, Kritiker wurden erst gar nicht eingeladen und auf Beifalls- und Mißfallensbekundungen sollte generell verzichtet werden. Eineamüsante Parallele zur aktuellen Corona Situation an der Wiener Staatsoper..

Abschied lautete der Titel des dritten Konzertes von „Modern Times“, das mit Gustav Mahlers Lied von der Erde nach Texten von Hans Bethge Die chinesische Flöte zu einem beglückenden Konzertereignis geriet. Gespielt wurde die Kammermusikbearbeitung für 14 Instrumentalisten, von Arnold Schönberg, der die Arbeit damals allerdings nicht zu Ende führen konnte, da sein „Verein für musikalische Privataufführungen“ 1921 pleite ging. Erst 1982/83 vervollständigte Rainer Riehn (1940-1915) die Bearbeitung, die Schönberg nur bis zur Mitte des ersten „Satzes“ fertigstellen konnte.

Einschneidende Abschiede im Leben Mahlers haben dieses schillernde und vielgestaltige Werk begleitet und es zu einem seiner persönlichsten Bekenntnisse der letzten Schaffensperiode werden lassen. Das Jahr 1907 bringt für den oft schwermütigen Komponisten drei Schicksalsschläge, die seine lebenslange Auseinandersetzung mit Leben, Endlichkeit und Tod intensivieren und das Gefühl der Einsamkeit und der unerfüllten Lebenssehnsucht zuspitzen. Er kündigt nach einer antisemitisch motivierten Hetzkampagne seine Position als Direktor der Wiener Hofoper, dann stirbt seine älteste Tochter mit vier Jahren an Diphtherie und bei ihm selbst wird eine unheilbare Herzkrankheit diagnostiziert, die ihm starke Einschränkungen seiner bisherigen Lebensführung abverlangt.

Gustav Mahler Grabmal in Wien © IOCO

Gustav Mahler Grabmal in Wien © IOCO

Mahlers universeller Anspruch, mit jeder Sinfonie eine Welt erschaffen zu wollen, erwächst aus dem Leiden an ihr und der Utopie, der realen eine transzendente Welt in der Musik gegenüberzustellen. Mahler schreibt: „Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen“. In dieser bedrückenden Zeit lernt er die Gedichte von Hans Bethge: Die chinesische Flöte kennen, deren Thematik von Resignation, Verzweiflung und Vergänglichkeit seiner damaligen Seelenlage genau entsprachen.

Bethge übertrug die chinesische Lyrik aus dem 8.Jahrhundert in freier Nachdichtung aus dem Französischen und traf mit dem fernöstlichen Kolorit, den exotischen Versen und deren verzweigten Floskeln genau das Lebensgefühl der Jugendstilzeit.

Sieben Gedichte dienten Mahler als Vorlage, das sechste und siebte zog er zusammen: Der Abschied; außerdem fügte er den Versen noch eigene Textzeilen hinzu. Sechs Episoden für Tenor und Alt oder Bariton und großes Orchester wuchsen zur Synthese einer Lied-Sinfonie zusammen, die mit den Titeln 1.“Das Trinklied vom Jammer der Erde“, 2.Der Einsame im Herbst“, 3.„Von der Jugend“, 4.„Von der Schönheit“, 5.“Der Trunkene im Frühling“ und 6.„Der Abschied“ das gelebte Leben in all seinen Facetten feiern und zugleich Abschied nehmen von Natur, Liebe und Schönheit.

Es soll die magische Zahl „neun“ gewesen sein, die Mahler abgehalten hatte, das Lied von der Erde als seine 9. Sinfonie zu deklarieren, da Beethoven, Schubert, Bruckner oder Dvorak nie über die Schwelle einer „neunten“ Sinfonie hinausgekommen waren. Diese sollte Mahler aber bald komponieren, sie wurde sein sogenanntes „Weltabschiedswerk“, eine begonnene zehnte Sinfonie blieb unvollendet.

Uraufgeführt wurde Das Lied von der Erde 1911, ein halbes Jahr nach Mahlers Tod unter Bruno Walter in München.

Mit seinem drittletzten großen Werk deutet Mahler aber auch behutsam seinen Abschied von der romantischen Tonsprache an. Pentatonik, entschlackte, teils herbe Instrumentierung und frei schwebende Harmonik prägen unter anderem den Kompositionsstil. In der 9. Sinfonie löste sich Mahler aber noch entschiedener von Tonalität und konventioneller Formgebung.

Die Staatsphilharmonie Rheinpfalz hatte die Friedenskirche in Ludwigshafen für ihre Aufführung gewählt, die für die Kammerbesetzung einen idealen und repräsentativen Konzertrahmen abgab. Aufgrund der coronabedingten Auflagen waren statt der möglichen 500 Zuschauer135 geladen, so konnten die Abstandsregelungen – sowohl für die Zuhörer als auch für die Musiker- perfekt umgesetzt werden. Die Stimmung im Publikum war erwartungsvoll, hochkonzentriert und euphorisch.

Dirigent Yannis Pouspourikas © Daniel Wass

Dirigent Yannis Pouspourikas © Daniel Wass

Zu Beginn gab Intendant Beat Fehlmann einen Dirigentenwechsel bekannt, daß für den kurzfristig erkrankten Chefdirigenten der Staatsphilharmonie, Michael Francis, der international gefragte französische Dirigent Yannis Pouspourikas gewonnen werden konnte, der das 14-köpfige Kammerensemble und die zwei Solisten souverän und präzise durch die Partitur führte.

Die Akustik der Konzertkirche mit ihrem dezenten Nachhall erwies sich als optimal geeignet für dieklangliche Verschmelzung von Sängern und Instrumentalisten. Man vermisste zu keiner Zeit die Mahler‘sche Orchestergrösse und die Sänger fügten sich mühelos in den vollen Raumklang ein ohne forcieren zu müssen. Lediglich Transparenz und die kristallinen Strukturen der einzelnen Soloinstrumente hätte man sich mehr gewünscht.
Yannis Pouspourikas gelangen groß angelegte Steigerungen, dramatisch zugespitzte Höhepunkte und glänzend balancierte ätherisch schwebende Klangflächen, manche piano Passagen hätten verhaltener und verinnerlichter gestaltet werden dürfen, was aber möglicherweise der Akustik geschuldet war.

Schwungvoll, zupackend und mit unbändiger Musizierfreude nahm Pouspourikas die Anfangsfanfare zum „Trinklied vom Jammer der Erde“ und brachte sogleich die Klangfarbenpracht Mahlers – bestehend aus Streichquartett, Kontrabass, Bläserquintett, Klavier, Harmonium, Celesta und Schlagwerk – zum Blühen.

Tenor Rolf Romei erwies sich als Glücksfall für die anspruchsvolle Partie und blieb den immens schwierigen Sätzen „Das Trinklied vom Jammer der Erde“ und „ Der Trunkene im Frühling“ nichts schuldig. Er besitzt einen biegsamen, zu heldischen Aufschwüngen fähigen Tenor, der mühelos die extremen Klippen meistert, aber auch über die abgedunkelten Klangfarben der Mahler‘schen Weltschmerzattitüde verfügt. Beklemmend gerät die Stelle im 1.Satz „ Im Mondschein auf den Gräbern hockt eine wild-gespenstische Gestalt…“ Etwas mehr Textverständlichkeit an den rezitativischen Stellen hätte man sich allenfalls ab und zu gewünscht. Den dreimaligen Refrain „Dunkel ist das Leben, ist der Tod!“ singt Romei mit heller Tonfärbung und wehmütiger Schicksalsergebenheit. Tänzerisch und lebendig geht der Tenor den 3. Satz „Von der Schönheit“ an, und verleiht dem chinoisen Scherzo unbeschwerte Heiterkeit, die im Orchester mit fernöstlich anmutender Pentatonik und impressionistischen Wellenbewegungen koloriert wird.
Den dionysischen Rauschzustand im „Der Trunkene im Frühling“ gestaltet Romei auch darstellerisch überzeugend, sowohl in den Spitzentönen als auch im Dialog mit dem Vogel. Flöte und Violine illustrieren hier wunderschön die Szene. Tenor und Mezzosopran agieren im Wechsel, kontrastieren auch in der Satzfolge und symbolisieren die polaren Prinzipien des Werkes.

Die Mezzosopranistin Marlene Lichtenberg erwies sich ebenfalls als eine herausragende Interpretin der vielschichtigen elegischen Gesänge Mahlers. Ihr bruchloser samtener Mezzosopran trägt in jeder Lage perfekt und überzeugt mit sinnlich glühender Tiefe, voluminöser Höhe und unaufdringlicher Expressivität. Ihre variabler Stimme verschmilzt beglückend mit dem Orchesterklang, schillernd in vielen Facetten, mit weltabgewandter Haltung. Die tieftraurige, nebelverhangene Grundstimmung werden von Oboe und Flöte wunderschön intoniert, der schmerzliche Ausbruch „Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen“ wird zur erschütternden Erkenntnis der einsamen Seele, von Marlene Lichtenberg mit suggestiver Emphase zum Ausdruck gebracht.
Das heitere Genrebild „Von der Schönheit“ mit seinem tänzerischen Charakter, den Verzierungen und raschen Farbwechseln im Orchester, beschreibt Marlene Lichtenberg mit augenzwinkernder Leichtigkeit, nicht ohne wehmütige Erinnerung an vergangenes Liebesglück.

Der letzte Satz Der Abschied, Schluss- und Höhepunkt der „Liedsinfonie“ und einer der längsten Sätze Mahlers überhaupt, ist ein nach innen gerichtetes, gedehntes, bis an die Grenzen gehendes Abschiednehmen vom irdischen Dasein. In Erwartung des Übertritts in eine andere Sphäre, findet das Subjekt Trost und Erfüllung und löst sich endlich von allen Bindungen „Mir war auf dieser Erde das Glück nicht hold“. Marlene Lichtenberg beschreibt mit ihrem nuancenreichen Mezzo das allmähliche Verlöschen des Ich, das in den ewigen Kreislauf der Natur eingeht. „Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!“. In einem Trauermarsch mit Tam-Tam- Schlägen und Generalpausen scheint die Zeit still zu stehen und das Unausweichliche des Todes wird Gewissheit. Pouspourikas lässt noch einmal in einer berührenden Schlussapotheose alle Schönheiten der Musik Mahler‘schen Weltschmerzes aufblühen, bevor der Gesang, eingebettet in den ätherischen Orchesterklang, siebenmal das Wort „Ewig“ in einem schier endlosem diminuendo verhaucht.
Langer Applaus und Bravo-Rufe des ergriffenen Publikums nach einem bewegenden Konzertereignis für die hervorragenden Musiker der Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz, die Solisten und den Dirigenten.

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