Lübeck, Theater Lübeck, Gespentersonate – Aribert Reimann, IOCO Kritik, 05.06.2021

Juni 5, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Lübeck

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Gespenstersonate –  Aribert Reimann

  – verwirrendes, verworrenes – voller Morbidität, Mystik, Okkultismus –

von  Wolfgang Schmitt

Nachdem dieser unsägliche Corona-Lockdown aufgrund der jetzt endlich fallenden Inzidenzwerte nunmehr in der zweiten Mai-Hälfte gelockert werden konnte, durften auch die Theater ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen. Allerdings gibt es für den interessierten Theaterbesucher etliche Hürden zu überwinden. Im Bundesland Schleswig-Holstein, welches mit einem gewissen Stolz die niedrigsten Inzidenzwerte aufweisen konnte, müssen die Besucher einen negativen Corona-Test vorlegen, der nicht älter als 24 Stunden sein darf. Am Theatereingang muß man sich per „Luca-App“ registrieren, als nächstes muß man an einem weiteren Eingangs-Kontrollpunkt ein mit seinem Namen, Adressen, Telefon- und Handyummern ausgefülltes Formular vorlegen und abgeben, am letzten Kontrollpunkt wird schließlich der Personalausweis mit der personenbezogenen Eintrittskarte verglichen. Nach diesem „Hürdenlauf“ ist man nun endlich drin im Theater und darf sich auf die Vorstellung freuen. Sicherlich wird dieses Verfahren viele Operngänger von einem Theaterbesuch erstmal abschrecken, aber zur Zeit besteht wohl noch immer die Notwendigkeit solcher Maßnahmen, und wir können nur hoffen, daß dieser Corona-Albtraum recht bald vorbei sein wird.

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Theater Lübeck / Gespentersonate - hier : Direktor Hummel, links, und Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Gespentersonate – hier : Direktor Hummel, links, und Ensemble © Olaf Malzahn

Die Gespenstersonate von Aribert Reimann (*1936) – nach dem surrealistischen Schauspiel von August Strindberg – ist eine verwirrende, verworrene Geschichte voller Morbidität, Mystik und Okkultismus, eine schwer nacherzählbare Geschichte zweier schicksalhaft miteinander verbundenen Familien. Da ist zunächst der Alte, Direktor Hummel, in seinem Rollstuhl langsam aus dem Bühnenhintergrund nach vorn an die Rampe fahrend, ein Intrigant und Bösewicht, dämonisch deklamierend und intensiv dargestellt von Otto Katzameier mit markantem Bassbariton. Der Oberst ist ein Hochstapler mit geschönter Vergangenheit, ein Betrüger, weder ist er Oberst noch adlig, gesungen von Wolfgang Schwaninger mit heldentenoralen Ausbrüchen, seine Gratwanderung zwischen dem mit Orden dekoriertem Offizier und enttarnter tragisch-bloßgestellter Kreatur großartig darstellend. Karin Goltz ist seine Frau, die – aufgrund ihres damaligen Ehebruchs mit Hummel – traumatisierte Mumie, in diesem Rahmen auch optisch an Martha Mödl erinnernd, ausgestattet mit einem satten, pastosen Alt, während Andrea Stadel, ihre Tochter, das „Fräulein“, die auch die Tochter des Direktors Hummel ist, als Blumenliebhaberin – insbesondere liebt sie Hyazinthen – in ihrem bunten blumenbestrickten Kleid und glockenhellem Sopran eine fröhlich-optimistische Note in das Bühnengeschehen bringt.

Arkenholz, dessen Vater einst von Direktor Hummel in den Ruin getrieben worden ist, beeindruckte mit seinem hellen, kraftvoll eingesetzten lyrischen Tenor und seinen nahezu hybriden Tönen in extremer Höhenlage bis hinauf zum „e“, wie vom Komponisten gefordert. In den weiteren Partien hörten wir Daniel Schliewa als Johanssen, den unterwürfigen Diener des Direktors Hummel, Steffen Kubach als Bengtsson, den bestens über alle Geheimnisse informierten Diener des Oberst, Julia Grote als unheimliche Köchin, Milena Juhl in ihren kurzen Auftritten als „die dunkle Dame“, sowie Iris Meyer als quiekende, gurrende Papageien-Imitation der Mumie.

Theater Lübeck / Gespentersonate von Aribert Reimann © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Gespentersonate von Aribert Reimann © Olaf Malzahn

Julian Pölsler ist mit seiner Ausdeutung der Gespenstersonate ein genialer Coup gelungen, seine stimmungsdichte und präzise Inszenierung zog den Zuschauer vom ersten Moment an in seinen Bann, auch das geschmackvolle Bühnenbild von Roy Spahn, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete, sowie die ausgefeilte Lichtregie von Falk Hampel hatten hieran einen erheblichen Anteil.

Die ansprechenden Bühnenbilder zeugen von aparter Ästhetik: Das erste Bild zeigt das Anwesen des Oberst, in welchem er mit seiner Frau – der Mumie – und seiner vermeintlichen Tochter – dem „Fräulein“ – lebt. Ein links angebrachter, von der Decke herunterhängender, bedruckter Vorhang dient als der „Wandschrank“, in dem die Mumie lebt und in dem sie später dem Direktor Hummel befiehlt, sich umzubringen. Im zweiten Bild sehen wir den Salon von schlichter Eleganz mit der Statue seiner Frau, der Mumie, als diese noch jung war, und in dem das alljährliche „Gespenstermahl“ stattfindet. Von der Decke herunter hängen Blumenzwiebeln, die von der Tochter so geliebten Hyazinthen. Im dritten Bild befinden wir uns in dem Zimmer der Tochter, dem Hyazinthenzimmer, in dem sie und Arkenholz sich näher kommen und wo ihr Schicksal seinen unvermeidlichen Lauf nimmt.

Andreas Wolf und die ca, 18 Mitglieder des bestens einstudierten, kammermusikalisch klein besetzten Lübecker Philharmonischen Orchesters begleiteten das Bühnengeschehen unglaublich spannungsreich, die Violinen, die Bratsche, Oboe, Fagott, Bassklarinette, Trompete und Kontrabass, dazu Harfe und Klavier, jedes dieser Soloinstrumente untermalte spannungsreich und präzise die Emotionen, die Konflikte, die Dramatik, die Atmosphäre, die gesamte Psychologie dieser Geschichte auf faszinierende Weise, auch war Andreas Wolf den zehn hochkarätigen Solisten ein sicherer und einfühlsamer Begleiter. Natürlich sind moderne Opern, Zwölftonkompositionen des 20. Jahrhunderts, nicht jedermanns Sache, und so verließen einige wenige Zuschauer bei der ersten sich bietenden Gelegenheit nach dem ersten Bild den Saal, dennoch lohnt sich ein Besuch dieser hervorragenden, spannenden Inszenierung, die das Lübecker Theater auch in der nächsten Spielzeit, wenn der Corona-Albtraum hoffentlich vorüber sein wird, im Spielplan behalten sollte.

—| IOCO Kritik Theater Lübeck |—


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Lübeck, Theater Lübeck, Galaabend „Unter die Haut“, IOCO Kritik, 01.06.2021

Mai 31, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Theater Lübeck

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Es geht wieder  – „Unter die Haut“

Ein musikalischer Genuss am Theater Lübeck

von Patrik Klein

Nach monatelangem Schweigen in der Kulturlandschaft mit eingebetteten Ersatzlösungen, die keine wirklichen waren; Streams, live oder aus der Konserve, damit wenigstens die Seele etwas gestreichelt wird und die Beschäftigten an Theatern und Konzerthäusern nicht völlig beschäftigungslos zu Hause sitzen mussten: Nun endlich sinken die Inzidenzen und erste Rückkehr zu normalem kulturellen Leben erscheint in greifbare Nähe zu rücken.

In Schleswig-Holstein sind die Pandemiebelastungen geringer als in anderen Bundesländern, so dass man sich bereits vor Wochen dazu entschied, an Theatern wie in Flensburg, Kiel und Lübeck innerhalb eines Modellprojektes mit entsprechendem Hygienekonzept (geringere Belegung des Zuschauerraumes, Maskenpflicht, Vorlage eines aktuellen negativen Coronatests und genaue personenbezogene Dokumentation der Besucher) Vorstellungen zu erlauben. Das Theater Lübeck veröffentlichte sodann ein buntes Programm aus allen Sparten Oper, Schauspiel, Konzert und Musical vom 15.5.2021 bis 15.6.2021. Etwas enttäuschend dann die Resonanz beim vielleicht noch etwas verunsicherten Publikum. Viele Vorstellungen blieben trotz geringer Zuschauerkapazität wenig frequentiert.

Mit Cole Porters (Musik) und Michael Wallners (Regie) Musical Night & Day, IOCO berichtete; Link HIER!, startete der bunte Reigen an Vorstellungen, die längst verloren geglaubt waren für diese Saison.

Der im vergangenen Jahr bereits aufgeführte unterhaltsame Galaabend Unter die Haut“, eine konzertante, moderierte Musiktheaterproduktion mit Orchester und Ensemblemitgliedern des Hauses fehlte im Modellprojekt nicht. Werke von Giacomo Puccini, Richard Strauss, Peter Tschaikowsky, Georges Bizet, Giuseppe Verdi und Benjamin Britten standen auf dem musikalisch hochkarätigen Programm.

Theater Lübeck / Galaabend des Musiktheaters "Unter die Haut" hier das Ensemble des Abends © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Galaabend des Musiktheaters „Unter die Haut“ hier das Ensemble des Abends © Olaf Malzahn

An diesem von IOCO besuchten Abend gelang es in überzeugender Weise mit einer wohltuenden musikalischen Leistung von allen Beteiligten, dem von Live Musik und Theaterfeeling entwöhnten Publikum, ein klangvolles und farbenreiches Opern-Galakonzert auf die Bühne zu zaubern.

Der neue Generalmusikdirektor Stefan Vladar hatte mit seinem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck und mit einer Reihe von Ensemblemitgliedern des Hauses ein musikalisch überaus glückliches Händchen gepaart mit einer bunten Auswahl an emotional geladenen Stücken aus verschiedenen Genres. Bekannte und auch seltener gehörte Klänge drangen an die Ohren und Herzen der gebannten Zuhörer. Moderiert wurde der Abend mit großem Engagement und einer ordentlichen Portion Humor von der Schauspielerin Sara Wortmann und dem Ensemblebariton Steffen Kubach.

Das äußerst gut disponierte Orchester, den nahezu kompletten Bühnenraum einnehmend, packte dann auch bei Brittens „Four Sea Interludes“ aus seiner Oper Peter Grimes das ganz große Besteck aus. Die vier Stücke Dawn, Sunday Morning, Moonlight und Storm wurden verteilt auf den knapp neunzigminütigen Abend. Sehr expressiv und klangfüllend, zeichneten die Musiker das Bild des englischen Meeres an der Ostküste – bedrohlich, gewaltig, düster und unberechenbar gefährlich.

Ohne Übergang folgte „Send in the clowns“ aus Steven Sondheims Musical A Little Night Music, das Sara Wortmann aus dem Schauspielensemble als Conférencière mikrophonverstärkt mit Swing, voller Emotionen und einer Portion Melancholie vortrug. Noch im Ausklang ihres Vortrages schlichen sich die Sänger*innen des kompletten Ensembles leise, Pappnasen und Karnevalszylinderhut tragend, auf die Bühne, die coronabedingten Glastrennwände vor sich her schiebend, bis sie die Position erreichten, die für einen kompletten Stimmungswechsel in der Musik sorgten: Heiterkeit und gute Laune mit Johann StraussDie Fledermaus“ und dem „Im Feuerstrom der Reben“ standen nun im Raum.

Sara Wortmann und Steffen Kubach ergriffen mit Humor und Anspielungen auf die Pandemie das Wort und stimmten die gebannten Zuhörer auf die musikalische Reise des Abends ein.

Es folgte sogleich große Opern-Theatralik, als Johan Hyunbong Choi mit kraftvollem und warm timbrierten Bariton in der Arie des Escamillo aus Bizets Carmen gemeinsam mit den sieben Damen und Herren aus der Gruppe der Schmuggler mit „Votre toast, je peux vous le rendre“ imponierte.

Zum Kabinettstück geriet der Monolog des Ochs „Da lieg ich“ aus dem Rosenkavalier von Richard Strauss, den der färöische Bass Rúni Brattaberg mit profunder Tiefe und launiger Spielfreude vortrug. Eine Sektflasche am Boden, mit Glas in der Hand auf einem barocken Sofa sich windend ließ er mit süffisanter Wiener Schmäh die Qualitäten seines Gesangs und seines Spiels aufleben.

Nun stellte der Bariton Gerard Quinn unter Beweis, dass Stimmkraft und Eleganz Attribute sind, die sich nicht ausschließen müssen. Zwar vom Blatt singend, dafür aber mit feinst geführter sicherer Höhe und einem emotionalen Crescendo gab er als Tschaikowskys Jeletzki die Arie „Ya vas lyoublyou“ aus Pique Dame zum Besten. Das Publikum dankte mit besonders großem Beifall.

 Theater Lübeck / Galaabend des Musiktheaters "Unter die Haut" © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Galaabend des Musiktheaters „Unter die Haut“ © Olaf Malzahn

Sopranistin Maria Fernanda Castillo und der Tenor Yoonki Baek sangen nun mit Glastrennscheiben vor Augen die herzzerreißende Arie „O soave fanciulla“ aus Puccinis La Bohème mit allergrößter Leidenschaft und strahlenden Stimmen.

Besonders anrührend und einfühlsam gestaltend gelang Evmorfia Metaxaki dann das „O mio babbino caro“ aus Puccinis Gianni Schicchi, wofür das Publikum sich mit begeistertem Applaus bei ihr bedankte.

 Theater Lübeck / Galaabend des Musiktheaters "Unter die Haut" hier Evmorfia Metaxaki, Stefan Vladar und das Philharmonische Orchester © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Galaabend des Musiktheaters „Unter die Haut“ hier Evmorfia Metaxaki, Stefan Vladar und das Philharmonische Orchester © Olaf Malzahn

Nun schwang sich Yoonki Baek vom schönen Piano zu strahlenden Belcanto Höhen bei Cavaradossis Arie „E lucevan le stelle“ aus Puccinis Oper Tosca.

Ihren großen Auftritt hatte María Fernanda Castillo dann als Leonora aus Verdis La forza del destino . Mit ihrer mehr als raumfüllenden, dunkel timbrierten dramatischen Sopranstimme, einer vorzüglichen Modulation und einer bruchlosen Stimmführung geriet ihr „Pace, pace“ zum Highlight. Das Lübecker Publikum geriet mit brandendem Applaus ganz aus dem Häuschen.

Die Schlussfuge aus Verdis Falstaff „Tutto nel mondo e burla“ vereint noch einmal alle neun Sänger*innen, darunter auch die vielversprechenden und bislang noch nicht erwähnten Stimmen von Natalyia Bogdanova, Milena Juhl, Virginia Felicitas Ferentschik und Daniel Schliewa aus dem internationalen Opernelitestudio.

Mit der Zugabe, dem Quintett „Selig, wie die Sonne meines Glückes“ aus Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg wurden die Zuhörer mehr als zufrieden entlassen.

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Lübeck, Theater Lübeck, Night & Day – Up and down Broadway, IOCO Kritik, 21.05.2021

Mai 21, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Musical, Theater Lübeck

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Night & Day  – Up and down Broadway

 Michael Wallner –  nach  Musik und Songtexten von Cole Porter

von Sebastian Siercke

Das Theater Lübeck öffnete am 15. Mai 2021 auch wieder seine Tore für das Publikum. Nicht zaghaft, sondern selbstbewusst, sich der enormen Verantwortung bewusst.

Lübeck ist angesichts niedriger Inzidenz einer der Standorte des Modellprojekts in Schleswig – Holstein, die Kultur wieder hautnah erlebbar machen. Die Vorgaben an Vorsicht sind streng; so streng wie dies notwendig ist, um uns allen einen unbeschwerten Abend zu ermöglichen.

Bei der Beurteilung eines Bühnenstückes sollten die Intention des Regisseurs, des Intendanten, der Darsteller sehr im Fokus stehen. Verstehen diese aber auch die Intention des Publikums diese Vorstellung zu besuchen, ergründen und setzen sie die Bedürfnisse der Menschen um, dann ist das „ganz großes Kino“.

Night & Day – Up and down Broadway – nach Cole Porter
Youtube Theater Lübeck
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So war die Premiere von Night & Day federleicht und amüsant. Michael Wallners Night and Day hatte den Anspruch zu unterhalten. Kein Tiefgang, keine Auseinandersetzung mit der persönlichen Lebenswirklichkeit Porters war das Thema. Gestreift wurde seine Homosexualität, der zu der Zeit üblichen Beitrag der Mafia und auch die Aufgabe des Musicals, Zerstreuung zu bieten. Abgründe wurden erwähnt. Aber es ging auch nicht um die Abgründe der Gesellschaft, nicht um die Marter, die Homosexuelle damals besonders, heute teilweise noch immer erleben. Hier wollte niemand ein Drama auf die Bühne bringen. Das Geheiß der Stunde war: zu unterhalten, Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu präsentieren: „Wer Goethes  Faust will, muss warten!“

Am Theater Lübeck wurde die Geschichte einer Broadwayproduktion erzählt. Der erfolgsverwöhnte Produzent Bill de Bill will noch einmal eine große Show auf die Bühne bringen, bevor er in wenigen Tagen sterben muss. Das geht natürlich nicht ohne allerlei Zwischenfällen wie gebrochenen Beinen, alkohollädierten Hauptdarstellerinnen, aberwitzigen Probenpannen, einer obligatorischen Theaterpleite und vielerlei Amourösem am Rande. Zum Glück taucht plötzlich ein neuer Stern am Musicalhimmel auf, der die Show nicht durch ihr Talent, sonder auch durch eine massive Kapitalspritze rettet. Wer hätte es geahnt, daß es sich dabei um die verschollene Tochter des Produzenten handeln könnte?

Theater Lübeck / Night & Day - Up and down Boradway © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Night & Day – Up and down Boradway © Olaf Malzahn

Die Geschichte“, die Rahmenhandlung war vernachlässigenswert. Man konnte sich auch schwerlich daran erinnern, hatte man das Theater verlassen. Es gab keinen Anspruch, eine „Cole Porter Story“ zu präsentieren. Stattdessen hatten wir Nina Bülles, Lorena Mazuera Grisales und Marlou Düster auf der Bühne, die in Teils unvorteilhaften Kostümen eine tänzerische und schauspielerische Glanzleistung auf die Bretter brachten. Wir sahen und hörten „Opernstimmen“; Stimmen, die der süffisanten Leichtigkeit Porters manchmal etwas zu viel Schwere gaben. Denn wir kennen die Nummern, die hier zu einer Art Revue aneinandergereit waren, alle, füllen sie doch doch das Standardprogramm des „Great American songbook“, das von jedem der großen Entertainer und Entertainerinnen, Show- und Filmstars seit Jahrzehnten das Publikum in Begeisterung versetzt. Aber Daniel Schliewa als Cole, Sara Wortmann als Angel, Rudolf Katzer als Hermann und weitere Darsteller haben uns Leben eingehaucht. Dem Leben in dieser Pandemie! Sie haben in ihrer strahlenden Fröhlichkeit und Leichtigkeit das Publikum abgeholt und mitgenommen. Ich habe gelacht, mit den Füßen den Takt mit getrommelt, konnte mich nur schwer zurückhalten die „Gassenhauer“ mitzusingen.

Theater Lübeck / Night & Day - Up and down Boradway © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Night & Day – Up and down Boradway © Olaf Malzahn

Für knappe zwei Stunden haben sehr viele Menschen, auch sehr viele sehr junge Menschen, die Bürden und die Sorgen dieser Pandemie vergessen. Der Applaus war frenetisch. Zu Recht! Theater Lübeck: Du hast alles richtig gemacht! Wir sind alle schwach und leer nach den vielen Monaten der Pandemie. Ihr habt Funken gesprüht! Kleine Schwächen in Gesang, Kostümierung oder Story sind  vernachlässigenswert, denn da war ein beseeltes Publikum. Die Frage wer glückseliger war, das Publikum oder die Darsteller, die endlich wieder auf der Bühne standen, kann vortrefflich diskutiert werden!

Mein Fazit: Endlich wieder: eine Bühne, die spielt, ein Land, das sich traut, Menschen, die wieder Kultur genießen können. Meine Besprechung wäre vielleicht wäre vielleicht ein wenig anders ausgefallen, hätten wir diese Pandemie nie erleben müssen. Heute ist sie einfach ein Lobgesang auf die Bretter des Theater Lübeck, die auch mir  die Welt bedeuten.

Ich danke so dem Theater Lübeck, den Darsteller*innen und jenen, die dieses „Modellprojekt“ ermöglichten. Ihr habt  Kultur auf der Bühne wieder live erlebbar gemacht und uns so die Möglichkeit gegeben, sich damit wieder lebhaft und emotional  damit auseinander zu können.

Night & Day – Up and down Broadway am Theater Lübeck; die nächsten Vorstellungen 30.5.; 11.6.2021  –  KARTEN  –  Link HIER!

—| IOCO KritikTheater Lübeck |—


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Lübeck, Theater Lübeck, Musical-Star Gitte Haenning im Gespräch, IOCO Aktuell, 30.12.2017

Dezember 30, 2017  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, IOCO Interview, Musical, Theater Lübeck

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 Gitte Haenning  „JAZZ IST MEINE GROSSE AFFINITÄT“

Gitte Haenning ist Norma Desmond, Hauptdarstellerin, in Sunset Boulevard, dem Musical von Andrew Lloyd Webber. Rolf Brunckhorst (RB) sprach mit dem populären Musical-Star im Theater Lübeck

Gleich zu Beginn spricht Gitte über das Theater, zitiert Brecht und Schiller, die das Theater als Lehranstalt verstanden. „Wenn man es im Theater schafft, dann schafft man es auch besser im Leben. Shakespeare hat gesagt: „The world is a stage and the stage is the world“. Das Theater kann allerdings auch böse, unangenehm, psychopathisch und pervers sein. Ich gehe gern ins Theater, bin aber kein Fan von modernem Regietheater, wobei ich hier in Deutschland gutes Regietheater erleben kann. Manchmal fliege ich nach Kopenhagen, um zu sehen, wie dort der Stand ist;  z.B. habe ich dort vor vier Jahren einen Hamlet gesehen, der sehr gelobt wurde, aber ich fand es schlecht, es gab darin gute Protagonisten, aber der Hamlet war schlecht und die Mutter war auch schlecht. Ich versuche, den Stand in Deutschland und Dänemark zu vergleichen, deshalb sah ich mir in Kopenhagen auch den Woyzeck an, ein Freund spielte mit und war sehr unzufrieden mit dem Regisseur, der schlecht gelaunt und noch im Jet-lag war, von unten ins Mikrofon rülpste und nicht bereit war, mit den Schauspielern über das Regiekonzept zu diskutieren, er war der Ansicht, ‘die Schauspieler haben das zu tun was ich sage‘. Und das ist eben die harte Seite des Berufs. Das Theater kann eine Heilanstalt sein, aber auch eine Irrenanstalt, es zeigt das Leben.“

Gitte führt eine Mitarbeiterin im Theater an, die erzählte, jeden Abend ins Theater gehen zu müssen, ohne das Theater nicht leben zu können. Rolf Brunckhorst führte ein weiteres Beispiel für die soziale Verantwortung des Theaters an: Viele Opernfans, die vor Jahren noch an der Theaterkasse stundenlang Schlange standen, um Premierenkarten zu bekommen, sind nun frustriert, weil es die meisten Karten nun online zu kaufen gilt, und online kann man keine Menschen treffen. Nach einleitenden Gedanken kam das Gespräch auf die aktuelle Internet-Kultur. Gitte steht dieser ganzen Internet-Kultur skeptisch gegenüber, sie nutzt z.B. Facebook nicht selbst, das machen andere für sie, aber sie ist dennoch erstaunt über die Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Nun wenden wir uns dem eigentlichen Anlaß unseres Gespräches zu, ihrer Rolle der Norma Desmond. „Ich habe sofort Nein gesagt, als das Angebot kam. Ich habe Schwierigkeiten, deutsche Texte zu lernen und sagte ihnen, sie seien nicht gut bedient mit mir. In meinen eigenen Konzerten habe ich Textbücher, und hier in Lübeck sagten sie, sie würden mir Monitore aufstellen, und das haben sie dann auch gemacht. Ich dachte, okay, let’s give it a try, denn das Theater ist ja eine Lehranstalt, und ich trage ein großes Drama in mir, ähnlich wie meine Schwester, und auch meine Mutter wäre eine großartige Schauspielerin gewesen, aber sie hat sich geopfert für die Familie. Mein Vater fühlte sich berufen, Liedermacher zu werden, er war eigentlich Silberschmied. Ich selbst wurde in die Musikbranche fast hineingezwungen, daher habe ich eine etwas ambivalente Auffassung vom Showbusiness. Ich bin eigentlich eher introvertiert, scheu, und ich muß längeren Zulauf haben, ich bin nicht jemand, der sich hinstellt und sofort sagt: „Yes“. Aber Lübeck hatte mich angesprochen, sie wollten unbedingt mich“. Rolf Brunckhorst erinnert sich, wie sehr er sich gefreut hatte, als er von dieser Besetzung erfuhr: Sunset Boulevard und dann noch mit Gitte !

 Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte zu Sunset Boulevard: Es ist ein gelungenes Webber-Musical, ich bin eigentlich kein Fan von Webber, aber ich mag Jesus Christ Superstar, Cats und eben auch dieses. Ich hatte Tell me on a Sunday gemacht und dafür sogar einen Preis bekommen, danach mochte ich es auch, aber am Anfang fand ich es nicht so toll. Ich mag Stephen Sondheim lieber, z.B. Gypsy oder Sunday in the Park with George. Sondheim schreibt Musik und Libretto, beides, und es ist rund für mich. Hier bei Lloyd-Webber ist es selten rund, furchtbar eckig, nicht sehr jazzy, aber ab und zu gibt es ein paar jazzige Einlagen, z.B. bei Betty Schafers kleinem Solo im 1. Akt“. RB ergänzt, daß wohl die gesamte Filmmusik durch den Jazz geprägt sei, worauf Gitte erwidert: „Ohne Jazz geht gar nichts, Jazz ist meine große Affinität. Ich hatte so viele Jazz-Erlebnisse als Teenager in Kopenhagen mit großen Jazz-Musikern. Bei seinem eigenen Musikgeschmack muß man seinem Herzen oder seinem Bauch folgen.“ Aber zurück zu Lloyd-Webber: „ Wie gesagt hatte ich einen Preis bekommen für „Bleib noch bis zum Sonntag“, und er wollte, daß ich dieses Stück überall in Europa mache, z.B. auch in Amsterdam und in Skandinavien. Ich hatte Lloyd-Webber in meiner Fernsehshow und er machte wieder einen Anlauf, mich für dieses Projekt zu gewinnen, aber ich hatte den Eindruck, daß er das Musical noch gar nicht fertig geschrieben hatte. Jedenfalls hatte er für seinen Bruder im ersten Akt ein langes Cello-Solo komponiert und ich hatte keine Lust, so lange auf meinen Auftritt zu warten, und am Ende sollte ich noch ein Duett mit seinem Bruder singen. Ich hatte keine Lust und habe dann Angelika Milster dafür empfohlen (sie lacht), die übrigens auch die Norma Desmond singt, in Gera.“

Auf die Frage nach Zukunftsplänen antwortet Gitte:  „Ich bin mit meiner Band ausgebucht, aber ich habe die Vision von einem Musical sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, meine Freunde Rolf Kühn und Katrin Briegel schreiben es und es wäre eine tolle Rolle für mich.“ RB  schlägt als weitere mögliche Rolle für Gitte die Schankwirtin in Le Misérables vor: „Nein, das mag ich nicht, das ist mir zu sentimental. Mein Schwager ist auch ganz begeistert von Les Misérables, aber er ist ein alter Kommunist gewesen und er hat diese romantischen Träume von arm und reich. Nein, für mich wäre das nichts, aber ich kenne andere süße Schauspielerinnen, die in dieser Rolle Erfolg haben würden“.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard - hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard – hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Auf die Frage, ob es möglicherweise ein weiteres Angebot aus Lübeck gäbe, antwortet Gitte: „Nein, darüber habe ich auch noch nicht nachgedacht, und anderes ist mir im Moment wichtiger, und ich denke auch, wichtig ist es, daß „Sunset Boulevard“ hier weiterhin ein Erfolg ist mit sehr viel Qualität. Das Ensemble hier ist wunderbar und ich habe mich sofort wohl gefühlt mit diesen Kollegen, mit Steffen Kubach habe ich mich von Beginn an gut verstanden, und er ist bezaubernd  in seiner Rolle. Rasmus Borkowski und ich haben sehr viel Spaß, er ist ein wunderbar authentischer Darsteller mit so viel Wärme. Und er will vor allem kein typisches Musical-Produkt sein, er nimmt die Schauspielerei sehr ernst.“ R.B.  unterbricht und sagt: „Das habe ich gemerkt, als er zu Norma sagt: Ich wollte Dir nie weh tun.“ Gitte fährt fort: „Ja, wir haben bei den Proben oft zu ihm gesagt, Du mußt etwas böser werden. Er sieht so liebend aus mit so viel Tiefe“. „Es ist ein Abgrund für ihn, einerseits so fies zu sein, aber doch nicht allzu fies.“ Gitte: „Genau das ist es, das macht er gut, das kriegt er alles hin, und es freut mich sehr, daß Sie das sagen. – Ich werde hier getragen vom Chor, der Chor zeigt  viel Herzenswärme, auch die Arbeiter auf den Bühne geben alles für mich, das ist ein gutes Gefühl für mich und das gibt mir Kraft“.

Das Gespräch wendet sich anderen Rollen zu: Gitte berichtet von ihrer Papagena in Mozarts „Zauberflöte“ in Berlin, die für sie transponiert worden ist, obwohl es nach Aussage der anderen Solisten gar nicht nötig war. Und dann noch von Offenbach Orpheus in der Unterwelt, in der sie die Rolle der Juno mit René Kollo in Trier sang.

„Ich bin ohnehin kein großer Opernfan, ich habe Wagner-mäßig viel von Harry Kupfer in Berlin  gesehen, aber da meiste fand ich furchtbar und ich habe sehr gelitten. Als Dänin wollte ich wissen, wie es ist mit der deutschen Kultur, und wann immer ich Zeit hatte, bin ich in die Oper gegangen. So habe ich in Hamburg „Tristan und Isolde“ gesehen und habe auch wieder sehr gelitten. Ein anderes Mal sah ich „Tristan und Isolde“ in einer Inszenierung von Götz Friedrich und das war toll, das Bühnenbild war nur blauer Himmel und ein Berg, es war eine wunderbare Atmosphäre, da kommt die eigene Phantasie ins Spiel.  Aber René Kollo, den habe ich gemocht, er war hervorragend als Wagner-Sänger, er liebt Wagner, aber ich verstehe einfach nicht, wie man Wagner lieben kann (sie lacht). Meine Eltern hatten damals versucht, mich an die Oper heranzuführen, aber es hat nicht geklappt, ich dafür viel zu unruhig, ich war immer mehr für Jazz.“

An dieser Stelle unterbricht uns die Kantinenwirtin, und weist auf die fortgeschrittene Uhrzeit hin. Wir fügen uns, beenden das Interview. Vielen Dank, Gitte, für dieses intensive Gespräch.

Das Gespräch fürhte Rolf Brunckhorst

—| IOCO Interview Theater Lübeck |—


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