Hannover, Staatsoper Hannover, GREEK – Die Plage tobt weiter, IOCO Kritik, 13.07.2021

Juli 12, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, StaatsOper Hannover

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

GREEK –  Mark-Anthony Turnage, Steven Berkoff

– There’s still a plague on – Die Plage tobt weiter –

von Karin Hasenstein

„Seht diesen Ödipus an, der das Rätsel löste und ein mächtiger Mann war und auf dessen Glück voll Eifersucht geblickt wurde…     In was für ein furchtbares Schicksal ist er geraten!“       König Ödipus  –  Sophokles, 425 v.Chr.

Fast acht Monate ist es her, dass die Rezensentin eine Oper live auf der Bühne erlebt hat. Die letzte Oper vor dem Lockdown auf der Bühne der Staatsoper Hannover  war Carmen von Georges Bizet, IOCO Kritk HIER!, auch schon unter strengen Hygiene- und Abstandsbestimmungen der Covid-19-Pandemie. Da mutet es ironisch an, dass es im Programmheft zu GREEK, der  ersten Opern-Premiere nach dem Lockdown heißt  „There’s still a plague on – Die Plage tobt weiter“.

Die Befürchtung, dass man in der Spielzeit 2020/ 21, so sie denn stattfinden konnte, nur noch „Corona-Inszenierungen“ sieht, erfüllte sich glücklicherweise in dieser Inszenierung jedoch nicht.

GREEK – Trailer der Staatsoper Hannover
youtube Staatsoper Hannover
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GREEK, eine Oper von Mark-Anthony Turnage nach dem Libretto von Steven Berkoff behandelt eine Adaption des Ödipus-Stoffes aus der griechischen Mythologie.

Ödipus heißt hier Eddy und wächst in einem düsteren Londoner Viertel auf. Um den sozialen Aufstieg zu schaffen, verlässt er die Kneipen mit den grölenden Fußballfans und sucht nur noch Bars auf, in denen Wein statt Bier ausgeschenkt wird. So, denkt er, schafft er den sozialen Aufstieg.

Sein Vater gesteht ihm, dass einst ein Jahrmarkt-Wahrsager prophezeit hat, dass Eddy seinen Vater töten wird und mit seiner Mutter schlafen wird. Der Vater lacht darüber, schließlich ist es nur die Prophezeiung eines Wahrsagers, aber insgeheim misstrauen die Eltern Eddy und haben Sorge, dass sich die Weissagung doch erfüllen könnte.

Die Prophezeiung lastet schwer auf Eddies Leben und er verlässt eine Familie und seine Heimat, um nicht doch Gefahr zu laufen, dass er seine Familie ins Unglück stürzt.

Zu Beginn ist der Vorhang oben. Die Bühne (Johanna Meyer) ist offen und schlicht gehalten. Im Hintergrund befindet sich eine helle hohe Wand mit zwei Türen an den Seiten. Rechts vor der Bühne befindet sich ein weiterer Raum, der bespielt wird, eine Art Laborsituation. Ein schlichter Tisch mit Beleuchtung, auf dem später verschiedene Handlungen vollzogen werden, während der Ganze von einer Videokamera auf die Wand als Projektionsfläche übertragen und somit für die Zuschauer sichtbar wird.

Eddy trägt einen roten Trainingsanzug, eine Englandmaske und weiße Turnschuhe. (Kostüme: Alex Lowde)

In einer Art Sprechgesang, der an einen griechischen Chor erinnert, beklagen die Personen, dass draußen immer noch die Plage anhält. Der Müll verrottet in den Straßen, Gewalt und Hass regieren den Alltag. Die handelnden Personen haben zum Teil Doppelrollen, so verwandelt sich der Vater in den Polizeichef und Eddy wird Mittelpunkt eines Aufstandes gegen Polizeigewalt. Zwei Frau trösten Eddy; er schwört Rache, indem er den Polizisten androht, ihnen im „Greekstyle“ die Augen auszustechen.

In einem Café kommt es zu einem Streit, weil die Kellnerinnen vergessen, Eddy seinen Kaffee und Käsekuchen zu bringen. Im Laufe des Streits tötet Eddy den Manager, der, wie sich herausstellt, der Ehemann der Kellnerin ist. Diese beklagt den Tod ihres Mannes und fragt sich, wie sie ihr Leben ohne ihn bestreiten soll, war er doch so ein guter und fürsorglicher Ehemann. Der Song „Where will I find anyone like him?“ ist sehr lyrisch angelegt. Eddy stellt fest, sie sei eine Lady und ein „geiles Stück“ in einer Person und die beiden verlieben sich ineinander. Die Kellnerin findet, dass Eddy sie an jemanden erinnert, aber sie kommt nicht dahinter, an wen. Als Videoprojektion erscheint ein Kinderbild „Me and Mummy“. Ein Boot ist in der Themse auf eine Mine gelaufen, überall Tote, ein Teddy, Eddy hat davon geträumt. In ihrem Schmerz beschließen die beiden Einsamen, zusammen ins Bett zu gehen. Dinah fragt ihn, ob er glaubt, dass der Fluch sich erfüllt. Die Musik ist hier stellenweise vom Duktus her ein wenig wie Brechts Dreigroschenoper. Eddy ist überzeugt „Fate makes us play the roles we’re cast.“

Staatsoper Hannover / GREEK hier Angeles Blancas und Iris van Wijnen © Sandra Then

Staatsoper Hannover / GREEK hier Angeles Blancas und Iris van Wijnen © Sandra Then

Ein Zwischenspiel mit Schlagwerk, Blech, Holz und Klavier leitet laut und schrill über zum zweiten Akt.

Zehn Jahre sind vergangen. Zehn Winter, zu Eis erstarrt.  Eddy hat gemeinsam mit seiner Ehefrau etwas aus dem Café gemacht. „Fließen, fließen, es fließt in mich hinein“. Die Musik ist hier sehr lautmalerisch, man hört den Fluss sehr gut, Flöte und Harfe dominieren. Nicht sehr obertonreich ist sie stets klar, metallisch, flexibel. Tonsprünge bleiben sperrig, auch als Dinah ihren Mann preist.

Überraschend kommen Eddy´s Eltern zu Besuch, die sich um ihren Sohn sorgen. Die Plage wütet immer noch, die vier halten einen oberflächlichen Smalltalk. Man hört, dass sich eine Sphinx draußen vor der Stadt aufhält, die jeden tötet, der ihr Rätsel nicht lösen kann.

Eddy alias Ödipus stellt sich vor –  very British – in der Thatcher-Ära
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Die Wand dreht sich zu einem kurzen Zwischenspiel, das dunkel und bedrohlich daherkommt, wie eine tickende Uhr…

Die Sphinx wird von den beiden Sängerinnen dargestellt, in schwarzer Lederkleidung mit Halsband, am ehesten in der SM/ Bondage-Szene zu verorten. Die Sphinx verkündet „Männer muss man töten, bevor sie die Welt töten!“ Zu diesen Worten werden auf der Rückwand reichlich Spielzeugsoldaten gezeigt. Männer werden als Plage dargestellt und die Frage aufgeworfen „Wann ist das Ende dieser Plage?“

Ein Puppenkopf taucht zwischen den Soldaten auf und parallel verkündet Eddy Du kannst mich nicht schrecken!“ Sehr beeindruckend an dieser Stelle der Gesang der beiden Sphinxen (Iris van Wijnen und Angeles Blancas). Eddy ist bereit, das Rätsel zu lösen, kann er es nicht, so stirbt er. Die Sphinx stellt also ihr Rätsel, das da lautet:

„Was geht am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien und am Abend auf dreien?“

Eddy weiß es sofort, das ist der Mann („Man“), der als Baby au fallen Vieren krabbelt, als junger Mann aufrecht auf zwei Beinen geht und im Alter den Stock als drittes Bein nehmen muss. Die Sphinx ist frustriert und verkündet „Ich bin es leid, eine Sphinx zu sein“. Eddy hat das Rätsel gelöst und tötet die lebensmüde Sphinx.

Seine Frau und die Eltern sind begeistert „Nice one, Eddy“ – „My hero!“

Eddy´s Frau kann nicht glauben, dass der Vater dem Wahrsager geglaubt hat. Seine Eltern erklären plötzlich „Du bist nicht unser Sohn!“ Der Vater beginnt zu erzählen, wie es sich damals zugetragen hat: „Es war ein stiller Sonntag… ein Schiff lief auf eine Mine, wir fanden den kleinen Jungen. Er hatte einen Teddybären. Ich sag ‚Den behalten wir‘ Er war hübsch.“  Zu Eddy´s stummem Schrei erklingen Dissonanzen im Orchester.

Eddy erkennt sein Schicksal: „My dearest wife… and now my Mom!“ Indem er den Manager des Cafés getötet hat, hat er seinen Vater getötet und den zweiten Teil der Wahrsagung erfüllt, als er mit dessen Witwe, also seiner Mutter geschlafen hat. „Ich wollte diese Stadt säubern, ich war Schuld an ihrem Dreck! Nie mehr werde ich die Süße meiner Frau schmecken.“

„This is madness, twisting my brain!“

Hier wechseln sich gesungener und gesprochener Text ab, von Trommelsalven begleitet:  „Wir lieben nur, also tut’s nichts zur Sache, Mutter, halt an mir fest“

Staatsoper Hannover / GREEK hier das Ensemble © Sandra Then

Staatsoper Hannover / GREEK hier das Ensemble © Sandra Then

Eddy´s Frau und Eltern kommen dazu. Seine Mutter jetzt in einem grünen Kleid mit roter Schürze, sein Vater im schwarzen Muskelshirt und brauner Hose. Eddy fragt, ob er sich ganz greek-style die Augen ausstechen soll, mit den Fingernägeln? Er erkennt „Ich selbst bin die Plage!“ Die Eltern appellieren „Halt an uns fest!“, aber Eddy ist schon im Begriff, sich das Auge auszustechen. Er schmiert sich Ketchup ins Gesicht („Darkness falls“), seine Frau und die Eltern stehen vor der Wand, er geht an ihnen vorbei, nimmt sie nicht wahr. Seine Mutter, seine Frau, sein Vater, alle gehen ab, es wird dunkel.  Eddy erklärt „Ich will zurück in meine Mutter, in dein Heiligtum, raus aus dem Paradies! Rein in den Himmel!“   Er bestraft sich nicht für seine inzestuöse Tat, sondern plädiert für die Liebe an sich.

Coronabedingt ohne Pause aufgeführt verlangt GREEK dem Zuschauer in dieser Inszenierung einiges ab. Da ist zunächst die Musik, die modern ist, manchmal an Thomas Adès erinnert ohne das Geniale von Adès und manchmal an Philipp Glass, jedoch ohne die hypnotische Wirkung von Glass.

Allgemein ist sie als noch tonal zu bezeichnen, es gibt immer wieder Bezüge zu einer Grundtonart. Schlagwerk und Trommeln sind stellenweise dominant, in lyrischeren Partien beeindrucken Flöte und Harfe. Ohrwurmpotential birgt sie nicht, eher die Chance, zu verstören.

Insofern ist sie gut geeignet, die an sich schon verstörende Geschichte von Ödipus, hier Eddy genannt, zu untermalen.  Alle vier Solisten leisten an diesem Premierenabend Großes, was vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall und Jubel honoriert wurde.

Das ist zum einen sicher schon damit zu erklären, dass das Publikum nach dem langen Kultur-Lockdown überhaupt dankbar war, wieder in einem Opernhaus zu sitzen und live dargebotene Musik mit Solisten und einem „echten“ Orchester, wenn auch in kleiner Besetzung, geboten zu bekommen, zum anderen aber auch damit, dass diese Musik wirklich komplex ist und von den Solisten absolut souverän und überzeugend interpretiert wurde.

Staatsoper Hannover / GREEK hier James Newby als Eddy, Michael KupferRadecky © Sandra Then

Staatsoper Hannover / GREEK hier James Newby als Eddy, Michael KupferRadecky © Sandra Then

Die Bebilderung der gesungenen Szenen auf der schlichten Bühne durch die Videoeinspielung vom rechten Bühnenrand stellt den Zuschauer stellenweise vor echte Herausforderungen. Manchmal kommentieren sie das Bühnengeschehen schlüssig, manchmal sind sie auch einfach nur verstörend. Gossen- oder Fäkalsprache hat ja schon länger Einzug in moderne Inszenierungen gefunden, ebenso wie unappetitliche oder abstoßende Bilder.

Als der „griechische Chor“ die Plage beschreibt, kippt Eddy dazu gebackene Bohnen auf den Projektionstisch, schüttet Ketchup darüber und garniert das Ganze mit Masturbationsbewegungen, als deren Ergebnis sour cream aus einer Flasche vor seinem Unterleib auf den Tisch spritzt. Maden breiten sich auf dem Essen aus. Die Plage hat das Land fest im Griff und spätestens an dieser Stelle wird klar, warum es für „Greek“ eine Altersempfehlung ab 16 gibt.

GREEK fordert, fasziniert die Besucher durch seinen Zeitgeist. Ein leichter, unterhaltsamer Opernabend ist GREEK also nicht

Durch die starke gesangliche und darstellerische Leistung aller vier Solisten, insbesondere von James Newby in der Hauptrolle des Eddy, und das äußerst wandlungsfähige Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Stephan Zilias wird dieser Premierenabend jedoch zu einem sehr eindrucksvollen Erlebnis und der Staatsoper Hannover gebührt großer Dank für den Mut, mit solch einem ungewöhnlichen Stück nach dem Lockdown zu eröffnen. Leider war die Besucherzahl entsprechend überschaubar, die Zuschauer, die sich auf diesen Abend eingelassen hatten, waren jedoch durchgehend begeistert und brachten dieses auch lautstark und dankbar zum Ausdruck.

————————————–

GREEK:    Musikalische Leitung  Stephan Zilias, Inszenierung  Joe Hill-Gibbins, Bühne Johanna Meyer, nach einer Idee von Johannes Schütz, Kostüme Alex Lowde, Mitarbeit Kostüme  Winnie Janke, Choreographie Jenny Ogilvie, Video Dick Straker, Licht  Elana Sibersk, Nach einem Konzept von Matthew Richardson, Ton Maria Anufriev, Dramaturgie  Julia Huebner,

MIT:  Eddy  –  James Newby, Wife, Doreen, Sphinx II, Waitress I  –   Iris van Wijnen, Dad, Café Manager, Police Chief  –  Michael Kupfer-Radecky,  Mum, Sphinx I, Waitress II –  Ángeles Blancas, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

GREEK an der Staatsoper Hannover; die nächste Vorstellung am 6.11.2021, 19.30

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—


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Hannover, Staatsoper Hannover, APRIL 2021 – The Turn of the screw, Liebestrank …, IOCO Aktuell, 18.3.2021

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

DIE STAATSOPER HANNOVER IM APRIL 2021

Die Premiere von Brittens The Turn of the screw, das Visual Concert Mythos mit visuellen Welten von Tal Rosner und vieles mehr werden online gezeigt

Da es weiterhin sehr unsicher ist, ob die Staatstheater Hannover nach Ostern vor Publikum werden spielen können, spiegelt die Staatsoper ihre April-Vorstellungen ins Internet: Der ursprünglich für das Opernhaus disponierte Spielplan für April wird dabei mit nur wenigen Abweichungen in einen Online-Spielplan auf staatsoper-hannover.de übernommen.

Benjamin Britten Denkmal in Aldebro © IOCO

Benjamin Britten Denkmal in Aldebro © IOCO

So wird Benjamin Brittens Oper The Turn of the screw, in einer Inszenierung von Immo Karaman und unter der musikalischen Leitung von Hannovers Generalmusikdirektor Stephan Zilias, online Premiere feiern – ein Psychokrimi zwischen Menschen- und Geisterwelt auf der Opernbühne, eindrucksvoll und rätselhaft.

Auch ein sehr besonderes Konzert findet seinen Weg ins Internet: Mythos, ein visuelles Konzert mit Musik von Jean Sibelius. Selten gespielte Tondichtungen des finnischen Komponisten treffen dabei auf die abstrakten visuellen Welten des israelisch-britischen Videokünstlers Tal Rosner. Rosner – mit Konzert-, Theater- und Tanzprojekten oder Modenschauen international gefragt – arbeitet für Mythos zum ersten Mal in Deutschland.

Die Reihe Stimmen wird mit Stimmen der Nacht: Liebeslieder fortgesetzt, einer genreübergreifenden Musiktheater-Performance zum größten aller Themen. Kleine Geschichten von großen Verletzungen und die nicht aufzuhaltende Energie der Liebe – hier treffen sie aufeinander.

Ein Liebestrank – hier die lebensnahe Arie des Dulcamara 
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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Der April bringt die Wiederaufnahme einer Produktion aus der Intendanzzeit von Dr. Michael Klügl. In Donizettis Liebestrank, der mit Abstand romantischsten aller italienischen Opern des 19. Jahrhunderts, bezaubern die Ensemblemitglieder der Staatsoper, unter ihnen Neue-Stimmen-Gewinner Long Long, mit Kabinettstückchen von hoher Virtuosität.

Die online bereits gezeigte Ballett-Produktion Der Liebhaber und die Oper Trionfo. Vier letzte Nächte werden wegen anhaltend hohen Abrufzahlen erneut gestreamt.

Aufgrund des langen Lockdowns kann die Staatsoper ihre Produktionen nicht mehr kostenlos anbieten. Zuschauer*innen haben jedoch die Wahl, welches Ticket sie erstehen möchten: Ein ermäßigtes Ticket kostet 5 €, der Standard-Preis beträgt 10 €. Fans können ihre Verbundenheit mit Oper, Ballett und Konzert durch den Erwerb eines Förder-Tickets zu 35 € ausdrücken. Zu sehen bekommen die User*innen stets dasselbe Angebot. Der Vorverkauf startet am Mittwoch, 24. März, auf staatsoper-hannover.de.

Darüber hinaus bietet die Staatsoper im Rahmen ihrer Online-Reihe „On Air“ weiterhin kostenlos Podcasts und eine Vielzahl an unterschiedlichsten Workshops an. Zu allen Stream-Produktionen wird eine kostenlose Audio-Einführung zur Verfügung stehen.

Tickets wahlweise 5 €, 10 €, 35 €    –  HIER !  unter www.staatsoper-hannover.de

STAATSOPER HANNOVER – STREAMS IM APRIL 2021

Di 13.04., 19:30 Uhr
Der Liebhaber
Ballett von Marco Goecke nach Marguerite Duras

Fr 16.04., 19:30 Uhr
Mythos
Visual Concert
Video und Raum: Tal Rosner. Musik: Jean Sibelius

Sa 17.04., 19:30 Uhr
L’elisir d’amore    Der Liebestrank
Oper von Gaetano Donizetti

Der Lieberhabe – und das Staatsballett Hannover
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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So 18.04., 18:30 Uhr
Der Liebhaber
Ballett von Marco Goecke nach Marguerite Duras

Mi 21.04., 19:30 Uhr
Stimmen: Liebeslieder
Stream-Premiere

Fr 23.04.,19:30 Uhr
The Turn of the screw
Oper von Benjamin Britten
Stream-Premiere

Sa 24.04., 19:30 Uhr
L’elisir d’amore Der Liebestrank
Oper von Gaetano Donizetti

So 25.04., 19:30 Uhr
Stimmen: Liebeslieder

Mi 28.04., 19:30 Uhr
The Turn of the screw
Oper von Benjamin Britten

Trionfo. – Vier letzte Nächte – Vier Leben am Scheidepunkt
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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Fr 30.04. 19:30 Uhr
Trionfo. Vier letzte Nächte – IOCO Rezension dazu hier!
Oper von Georg Friedrich Händel

—| IOCO Aktuell Staatsoper Hannover |—


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Hannover, Staatsoper Hannover, Deutscher Theaterpreis 2020 DER FAUST, IOCO Aktuell, 02.12.2020

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Deutscher Theaterpreis  –  DER FAUST 2020
Preisträgerinnen und Preisträger

Der Deutsche Theaterpreis DER FAUST ist ein Preis der Theater und ihrer Träger für ihre Künstlerinnen und Künstler. Er wird seit 2006 vom Deutschen Bühnenverein in Kooperation mit den Bundesländern, der Kulturstiftung der Länder und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben. Veranstaltungspartner 2020 war das Staatstheater Hannover, Medienpartner sind 3sat und Die Deutsche Bühne. Möglich gemacht wurde das Livestream-Angebot durch eine Zusammenarbeit mit der digitalen Plattform  www.spectyou.com

Elf Künstlerinnen und Künstler wurden am 21.11.2020 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet

Regie und Dramaturgie eines Verleihungs-Films hat das Staatstheater Hannover übernommen. Moderiert wurde die Verleihung von Schauspielerin Seyneb Saleh und Opernsänger Michael Kupfer-Radecky. Während der Verleihung richtete sich auch der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Stephan Weil, mit einem Grußwort an die Kulturschaffenden.

Preisträgerinnen und Preisträger – Deutscher Theaterpreis DER FAUST 2020

  • Regie Schauspiel
    Ewelina Marciniak für Der Boxer, Thalia Theater Hamburg
  • Darstellerin/Darsteller Schauspiel
    Astrid Meyerfeldt als Mary Tyrone in Eines langen Tages Reise in die Nacht, Schauspiel Köln
  • Regie Musiktheater
    Martin G. Berger für Ariadne auf Naxos, Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar

Ariadne auf Naxos
youtube Trailer Deutsches Nationaltheater Weimar
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    • Sängerdarstellerin / Sängerdarsteller Musiktheater
      Patrick Zielke als Baron Ochs in Der Rosenkavalier, Theater Bremen
    • Choreografie
      Bryan Arias für 29 May 1913, Hessisches Staatsballett Darmstadt / Wiesbaden, Im Rahmen des Doppeltanzabends Le sacre du printemps

Le Sacre du printemps – Ballettabend
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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  • Darstellerin /Darsteller Tanz
    Lucy Wilke / Pawel Dudus für Scores that shaped our friendship, Tanztendenz Münchene.V./ Schwere Reiter
  • Regie Kinder-und Jugendtheater
    Antje Pfundtner für Ich bin nicht Du, Junges Theater Bremen MOKS
  • Bühne/Kostüm
    Markus Selg (Bühne & Video) / Rodrik Biersteker (Video) für Ultraworld, Volksbühne Berlin
  • Preis für das Lebenswerk
    William Forsythe

„Wie sehr fehlt gegenwärtig der direkte Austausch, von dem das Theater so sehr lebt! Umso wichtiger, dass wir mit der diesjährigen Verleihung des Deutschen Theaterpreises DER FAUST den Künstlerinnen und Künstlern danken, die im vergangenen Jahr wieder für unvergessliche Momente gesorgt haben und uns in besonderer Weise die Kraft der Kultur haben erleben lassen. Wenn auch in diesem Jahr nur digital, zeigt der Preis die enorme Qualität und hohe Relevanz dessen, was auf unseren Bühnen geschaffen wird. Wir brauchen diese Orte und freuen uns auf den Moment, wenn wir die Preise direkt übergeben können und Kultur wieder in ihrer vollen Kraft live erleben“, sagte der neu gewählte Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Dr. Carsten Brosda.

 Jury und Veranstalter

Über die Preisträgerinnen und Preisträger entscheidet eine fünfköpfige Jury, die von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benannt wurde. Die Jury setzt sich zusammenaus folgenden Akademiemitgliedern: Tatjana Gürbaca (Regisseurin), Regina Guhl (Professorin für Schauspiel und Dramaturgie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover), Tim Plegge (Hauschoreograf am Hessischen Staatsballett), Marion Tiedtke (Ausbildungsdirektorin Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main) und Jürgen Zielinski (Regisseur und Intendant a.D.).Die Jurybegründungen finden Sie in einem gesonderten Dokument als Teil der Pressemitteilung im Anhang.

Die Dokumentation „DER FAUST on tour“ ist in der 3sat-Mediathek abrufbar. Auf Twitter @theaterpreis gibt es ebenfalls begleitende Informationen.

—| IOCO Aktuell Staatsoper Hannover |—


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Hannover, Staatsoper Hannover, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 04.11.2020

November 3, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, StaatsOper Hannover

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

 Carmen  –  George Bizet 1838-1875

– Sevilla bei Nacht und keiner kann schlafen… –

von Karin Hasenstein

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Pere Lachaise, Paris © IOCO

Ob man möchte oder nicht, man kommt momentan nicht umhin, im Rahmen einer Opernrezension auch über Corona bedingte Einschränkungen zu schreiben. Zu präsent, zu einschneidend sind diese Einschränkungen aktuell und beherrschen somit leider die künstlerische Arbeit der Kulturschaffenden genauso wie die Rezeption des Publikums.
Man ist ja schon froh und dankbar, wenn überhaupt große Oper gespielt werden kann. Große Oper? Auch das müssen wir relativieren. Zur Aufführung gelangt Carmen von George Bizet an der Staatsoper Hannover am 24.10.2020 in einer Bearbeitung als Kammerfassung ohne Chor von Marius Felix Lange.

Angepasst an die Corona bedingten Beschränkungen für Orchester hat Lange eine Kammerfassung komponiert, die mit 21 Musikern auskommen muss. So hören wir am Premierenabend eine kleine Streicherbesetzung (3/1/2/2/1), Harfe solo, einfach besetztes Holz, einfach besetztes Blech, doppelte Percussion und Pauke. Neu sind Vibraphon, Marimbaphon, Kontrafagott und Tuba. Gleich zu Beginn erklingt statt der Ouvertüre eine neue Einleitung und es erklingen neu komponierte Übergangsmusiken, die über Kürzungen und gesprochenen Text hinweg die Originalklänge verbinden. So werden gesungener und gesprochener Text organisch in ein Wechselspiel von Bühne und Orchestergraben eingebunden. Lange gelingt es, keine Brüche entstehen zu lassen, sondern ein Stück eindringliches Musiktheater.

Zum Probenbesuch bei CARMEN
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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Die zugrundeliegende Kernerzählung erscheint in einer Fassung der Regisseurin Barbora Horáková und des Dramaturgen Martin Mutschler. Es ist eine Fantasie zweier Figuren, Carmen und Don José, die beide von Liebe sprechen, damit aber etwas sehr Unterschiedliches meinen. Carmen hat einen Pakt mit der Freiheit geschlossen, aber welche Freiheit meint sie damit? Welche Ängste und Sehnsüchte treiben sie an? Und welche Sichtweise hat Don José auf Carmen und ihr Freiheitsbestreben? Von Liebe und Begehren

Schon bevor überhaupt Musik erklingt blicken wir auf die offene Bühne. Die Aufbauten formen eine Art Arena, nach hinten im Halbrund begrenzt durch Autobahn-Leitplanken. Die Leitplanken werden rechts und links gesäumt von großen Metallkonstruktionen, die an Hochspannungsmasten erinnern oder Beleuchtungstürme in Stadien. Beide tragen großen Monitore bzw. Leuchtreklamen. Die Neonschrift auf der linken Seite lautet „Toro Power“ und zeigt ein blutendes Herz, das von einem Schwert durchbohrt wird, die wesentlich größere auf der rechten Seite besagt „Feu Vert services“ – eine französische Reifen- und Autoservicefirma.

Neben diesem „Billboard“ erblicken wir etwas nach hinten versetzt aber noch deutlich erkennbar das Modell der amerikanischen Freiheitsstatue, der Lady Liberty, die mit einer spanischen Flagge umhüllt ist und statt einer brennenden Fackel eine Baustellenleuchte in ihrer rechten Hand trägt. Die Metalltonne auf der linken Bühnenseite verstärkt den Ghetto- oder Gang-Charakter der Szenerie. Ein bisschen mutet das Ganze an wie eine Szene aus „Denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Die ganze Zeit über ist ein junger Mann mit nacktem Oberkörper auf dem Gerüst am Joggen. Einer der Tänzer, wie sich später herausstellt. Don José erscheint auf der Bühne und joggt. Wir hören einen gesprochenen Text „Sevilla bei Nacht und keiner kann schlafen, weil noch der Sommer in uns steckt und nicht herauswill aus uns. Nur unten am Wasser des Guadalquivir ein Hauch von Erlösung, eine Ahnung von Wind. ...“

Der Text ist poetisch und spricht von Sehnsucht und Verlangen. Zu Don Josés Tagträumen betreten sechs Tänzer die Bühne, drei Männer und drei Frauen. Sie ersetzen in dieser Inszenierung den Chor und bringen zusätzlich Bewegung und Aktion auf die Bühne. Eigentlich hat Bizet an dieser Stelle den Rauchchor der Zigarettenarbeiterinnen vorgesehen. Die Musik erklingt auch, allerdings sehr reduziert auf die Stimmen von Frasquita und Mercedes. Das befremdet schon ein wenig, denn das sind natürlich bekannte Melodien, die eine gewisse Erwartungshaltung wecken, die naturgemäß so nicht erfüllt werden kann.

Die Tänzer vollführen zum Rauchchor einen angedeuteten Stierkampf. Zu den Klängen des Rauchchores waschen sich Mercedes und Frasquita. Eine Filmcrew betritt die Arena. Kameras werden aufgebaut und Carmen singt ihre Habanera, natürlich auch ohne den sonst üblichen Chor. An dieser Stelle greift Marius Felix Lange erneut in die Partitur ein und verändert die Melodie der Habanera. Auf dem Billboard läuft ein Musikvideo von Carmen. Diese erscheint sexy und verführerisch in einem kurzen roten Röckchen und bauchfreien roten Oberteil.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Micaela kommt hinzu. Sie stellt schon optisch einen großen Kontrast dar zu Carmen und ihren Freundinnen, die alle sexy, modern und ausgefallen gekleidet sind. Eher bescheiden und unscheinbar berichtet sie Don José von dem Brief seiner Mutter. Diese hat sie aus ihrem baskischen Dorf hergeschickt. Micaela hofft, dass Don José sie heiraten wird, dieser hat jedoch nur Augen für Carmen. Sowohl Micaelas Arie als auch das folgende Duett mit Don José geraten zu einem der vielen großen musikalischen Momente dieses Premierenabends. Barno Ismatullaeva verfügt über eine sehr obertonreiche warme Stimme mit etwas Metall. Sie singt die wunderschöne Melodie, die Bizet für Micaela geschrieben hat, einfühlsam und hingebungsvoll. Rodrigo Porras Garulo nimmt diese Wärme auf in seinem „“Un baiser de ma mère! Ma mère, je la vois!“ Der junge mexikanische Tenor begeisterte das Publikum bereits als Cavaradossi in Tosca in der letzten Spielzeit.

Lange hat auch hier wieder einen eleganten und gelungenen Übergang komponiert zur nächsten Szene. Es kommt zu einem Gerangel zwischen Carmen und Micaela, wobei Micaela sich mit dem Messer verletzt. Carmen singt ihr „Tra la la la – coupe moi“ und der hinzugekommene Escamillo macht seine Ansprüche deutlich mit den Worten „Ich will kein Lied sondern eine Antwort!“ Ein Stier als Projektionsfläche für ein weiteres Video wird auf die Szene geschoben.

Die Séguedille „Près des remparts des Séville“ erklingt. Hier kann die russische Mezzosopranistin Evgenia Asanova ihre enorm wandlungsfähige Stimme perfekt präsentieren. Insbesondere ihre gute tiefe Lage fällt hier angenehm auf. Zu erotischen Szenen auf der Anzeigentafel singt Carmen für sich, „Je chante pour moi-même“. Die Farbe Rot ihrer Kleidung unterstreicht dabei ihre Erotik.

Die Orchestrierung ist an dieser intimen Stelle sehr schön durchsichtig. Die Bühne ist fast völlig dunkel, nur von hinten in fahles Licht getaucht, das den Bühnennebel durchschneidet (Licht: Sascha Zauner). Von hinten treten die Tänzer auf und rollen Autoreifen auf die schräg gestellte Drehbühne. Bierkästen werden zu Sitzmöbeln umfunktioniert, die Toro Power Leuchtreklame erstrahlt hell und lenkt den Blick auf das durchbohrte blutende Herz.
Carmens Sippe, die „Gitanas“ werden als Gang dargestellt, die Arena innerhalb der Leitplanken ist ihr Revier. Alkohol und Kokain werden herumgereicht und konsumiert, man hat offenbar Spaß.

An dieser Stelle hat Bizet nun wieder eine große Chorszene vorgesehen, stattdessen sehen wir eine Choreographie der Tänzer. Der Chorpart wird erneut von den Solisten gesungen. Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass die Tänzer den Chor natürlich nicht musikalisch, wohl aber szenisch sehr gut ersetzen können, irgendwie muss ja „Masse“ auf die Bühne kommen. Das moderne Tanztheater drückt die offensichtliche Erotik der nächtlichen Szene sehr gut aus.

Es folgt wieder gesprochener Text: „Wenn das Tier im Dunklen die Augen öffnet…“, parallel dazu sehen wir im Video ein riesiges Raubtierauge, am ehesten ein Wolf oder Werwolf. Carmen tritt auf in einem phantastischen Kostüm (Kostüme: Eva-Maria Van Acker). Sie trägt ein bodenlanges, schwarz-weißes Kleid und einen Stierkopf mit langen spitzen Hörnern. Unter lautem Geknatter fahren zwei Motorräder auf die Bühne und Escamillo erscheint in schwarzer Motorrad-Lederkluft zu den Klängen von „Toréador, en garde...“ nimmt er die Huldigungen seiner Fans entgegen. An dem Gerüst, das die Arena säumt, erstrahlen Leuchtstoffröhren. Durch die gleiche Farbgebung von Carmens und Escamillos Kostümen (beide in schwarz-weiß gehalten) wird nun auch optisch ihre Zusammengehörigkeit unterstrichen. Carmen und ihre Freundinnen betreiben eine Art Kampftrinken.

Zur zweiten Strophe der „Toréador“ Musik vollzieht die Drehbühne eine halbe Drehung und Don José erscheint mit den Worten „Halte là!“. Es folgt wieder gesprochener Text, nämlich die Worte „Kein Morgen, kein Abend ohne Carmen!“. Damit wird unmissverständlich Josés Haltung Carmen gegenüber deutlich. Sie sagt „Nur für dich werde ich tanzen“ und zu einer Bierkisten-Percussion und Kastagnettenklängen tanzt sie, bis José zurück in die Kaserne muss. Carmen ist beleidigt. Die nun folgende berühmte Arie des Don José, „La fleur que tu m’avais jetée“ singt Rodrigo Porras Garulo mit größter Hingabe und großer tenoraler Strahlkraft, den Inhalt absolut glaubwürdig vermittelnd. Parallel läuft wieder ein Video. Carmen hockt währenddessen zusammengekauert am Boden, schluchzend, klagend, ergriffen. Auf Don Josés Beteuerung, dass er sie liebe, erwidert Carmen „Nein, du liebst mich nicht.“ Wenn er sie lieben würde, würde er seine Befehle missachten und ihr in die Berge folgen, wo sie ein Leben in Freiheit leben könnten. Mit „Là-bas, là-bas, dans la montagne“ erklingt ein weiterer „Hit“, den Evgenia Asanova eindringlich und überzeugend präsentiert. Wer dieser Carmen nicht sofort folgen will, hat kein Herz.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Hier fallen besonders die Soloflöte sowie die Harfe auf. Das ist vielleicht ein Vorteil der reduzierten Kammerfassung, sie ist in weiten Teilen sehr transparent und gut durchhörbar.
Als José begreift, dass Carmen Fahnenflucht von ihm verlangt, reagiert er mit einem Ausbruch „Adieu pour jamais!“ Zuniga kommt hinzu und provoziert mit der Aussage „Warum den Soldaten nehmen, wenn man den Offizier haben kann?“ (Mit angenehmem Timbre und überzeugendem Spiel, leider in einer Nebenrolle, Yannick Spanier)

In dem nun folgenden Gerangel erschießt Don José Zuniga, es erklingt Carmens „bel officier“ und wir hören den gesprochenen Text „Und so wurde ich durch Carmen zum Mörder.“Frasquita und Mercedes entsorgen die Leiche in einer großen Plastikplane, die Drehbühne dreht wieder in die Ausgangsposition und das Ensemble entschwindet zu den Klängen von „Là-bas, là-bas…“ und endet mit dem Wort „La liberté“ – Freiheit! Auf der nun leeren sparsam ausgeleuchteten Drehbühne erscheint eine nackte (bis auf einen hautfarbenen Slip) Tänzerin und interpretiert das (stark veränderte) Zwischenspiel mit einem erotischen Tanz, der für Carmens Begehren und Don Josés Liebe stehen könnte. Am Ende steht auch hier wieder die Freiheit.

Im nächsten Akt erscheinen Frasquita und Mercedes auf einem Motorrad und legen sich die Karten. Das Duett gestalten Mercedes Arcuri (Frasquita) und Nina van Essen (Mercedes) überzeugend, wobei ihre Stimmen perfekt harmonieren. Carmen kommt hinzu, sieht die Karten und erkennt darin den Tod. Micaela singt eine Art Gebet „Protège-moi, Seigneur“.

Wie auch in anderen Schlüsselszenen die handelnden Personen, so erscheint auch hier Micaela auf der Videoleinwand. Das begleitende Horn erfreut durch weichen Ton und präzisen Ansatz. Es ergänzt perfekt Micaelas verzweifelte Bitte nach göttlichem Schutz. Don José und Escamillo treten auf. Escamillo trägt einen weißen Anzug und ein schwarzes Hemd, es hat was von einem Zuhälter-Outfit, bis hin zur dicken Uhr. Die beiden Männer erkennen sich, sie wissen: sie beide lieben Carmen, oder hegen zumindest Gefühle, die sie für Liebe halten. Bei Escamillo ist es vielleicht eher Begehren und Besitzenwollen, Don José können wir am ehesten echte Gefühle unterstellen. Micaela hegt diese ganz sicher für ihn, was er jedoch nicht erwidert, da er nur Augen für Carmen hat. Diese wiederum ist eigentlich nur auf ihre Freiheit bedacht und hatte nie die Absicht, José in ihre Welt mitzunehmen, in die er gar nicht passen und in der er sich nicht wohlfühlen würde.

Die Männer kämpfen also um Carmen. Micaela hat sich versteckt und bittet José nun „Hab Mitleid mit mir, José!“ Sie berichtet ihm, dass seine Mutter im Sterben liegt. Ein „Schicksalsmotiv“ erklingt im Blech und zeigt eine Wendung an. Escamillos Toréador-Thema erklingt im Hintergrund. Die Bühne dreht erneut, die Szene liegt im Dunkeln, Carmen ist allein. Tänzer kommen hinzu, die drei Männer in schwarzen Hosen, die Frauen in schwarzen langen Röcken. Die Oberkörper sind nackt, sie haben rote Blumen im Haar und bewegen große Fächer.

Im Video sind Flammen zu sehen, Carmen singt ein baskisches Lied a capella, ebenfalls eine Ergänzung durch Marius Felix Lange. In der angedeuteten Arena erscheint ein Stier mit an den Hörnern befestigten Fackeln. Langsam kommt zu dem a capella-Lied das Orchester hinzu. Die besonderen und etwas exotischen Töne von Vibraphon und Marimbaphon erklingen. Erneut erklingt das Toréador-Thema, die sechs Tänzer kommen mit Stühlen hinzu, wieder ein zumindest optischer Ersatz für den fehlenden Chor. Escamillo und Carmenbeschwören ihre Liebe „Si tu m’aimes“ und wieder sind ihre Kostüme in schwarz-weiß aufeinander abgestimmt.

Leider vollziehen die Tänzer mit ihren Stühlen scheinbar unnötige Wege, wodurch gewissen Irritation und überflüssige Störung entstehen. Don José erscheint in Carmens Kleidern und fleht sie an, mit ihm zu kommen. Carmen jedoch liebt ihn nicht mehr, wenn sie das überhaupt je getan hat. José fragt nach „Tu ne m’aimes plus?“, Carmen bestätigt ihm das „Je ne t’aime plus“. An dieser Stelle vermisst die Rezensentin doch das volle Orchester, das dem Drama hier den richtigen Ausdruck verleihen könnte.

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Carmen von Georges Bizet © Sandra Then

José fleht Carmenan, sie möge ihn nicht verlassen („Ne me quitte pas!“). Es folgt noch einmal gesprochener Text von José: „Carmen, was wird aus uns?“ Sie antwortet „Ich liebe ihn!“ (gemeint ist Escamillo), was José mit den Worten „Dann sei verdammt!“ quittiert. Er erstickt Carmen mit dem weißen Hemd und verkündet „Ihr könnt mich verhaften.“ Er fängt an zu laufen, Richtung Licht, das von hinten kommt, bis abgeblendet wird. Ende.

Die Kammerfassung dieser Carmen in der Bearbeitung von Marius Felix Lange, die an diesem Premierenabend zur Uraufführung kam, reduziert Bizets Carmen auf kompakte zwei Stunden Aufführungsdauer ohne Pause. Fünfzehn Minuten davon sind komplett neu komponiert, 20 Minuten sind stark bearbeitet, zum Teil neu kombiniert, Melodien wurden verändert oder reharmonisiert. Statt des großen Orchesters hat Lange 21 Instrumente zur Verfügung. Der Komponist musste die Orchesterstimmen neu herstellen und einrichten.
Die Regisseurin Barbora Horáková und der GMD Stephan Zilias haben aus der Not eine Tugend gemacht und eine ganz neue Carmen (in Richtung „La Tragédie de Carmen“ von Peter Brook, 1983) geschaffen.

Es geht um die Umsetzung der Erzählung von Prosper Mérimée in der Oper. Flamenco, die Figuren werden dem Klischee Oper gemäß gezeigt, nicht wie in Mérimées Erzählung. Das Zigeunerleben, die Gitana, wie sie genannt werden, ist hier nicht wichtig. Bedeutsam ist hier, dass Don Josés Mandolinen-Lied auf Baskisch erklingt. Auch Texte in Caló erklingen. Caló ist die Sprache der Gitanas auf der Iberischen Halbinsel. Sie wird vor allem von den Gitanas im Süden Spaniens gesprochen, die sich selbst als Calé bezeichnen.
Ein weiteres Lied wird originär gesungen, ein Duett von Don José und Micaela, das gewissermaßen die Funktion eines Schutzschildes gegen Carmen bekommt.
Lange hat ein weiteres Gedicht auf Baskisch gefunden, das so klingt, als sei es von Don José. Es steht im 5/8-Takt und verwendet eine bekannte Melodie.
Das von Carmen a capella vorgetragene Lied ist ein „cante jondo“, eine der grundlegenden Gesangsformen des Flamenco. Es bedeutet „tiefer Gesang“. Die Themen des Cante jondo sind von feierlicher Melancholie und Tragik geprägt. Die Tonalität deutet auf orientalische und maurische Wurzeln hin. Es ist ein unbegleiteter, klangvoller Gesang, mit Stimmen voller Ausdruck.
Marius Felix Lange hat eine völlig neue Einleitung komponiert, die an Stelle der bekannten Ouvertüre tritt. Diese erklingt erst weiter hinten in der Oper. Die Texte aus dem Lautsprecher, gesprochen von zwei Mitgliedern des Schauspiel-Ensembles des Staatstheater Hannover (Stella Hilb, Carmen und Torben Kessler, Don José) stellen die inneren Vorgänge der beiden Protagonisten dar.

Leider ist der Opernchor der Coronaschutzverordnung bzw. den Hygienevorschriften zum Opfer gefallen, was nicht laut genug beklagt werden kann. Andere Häuser haben hier andere, sicher finanziell sehr aufwändige Wege beschritten, wie etwa die Deutsche Oper Berlin, die jeden Morgen das gesamte Ensemble hat durchtesten lassen, oder andere Ensembles, die geschlossen in Quarantäne gegangen sind. Die Staatsoper Hannover hat den Chor hier komplett herausgenommen. Als „Ersatz“ fungiert hier ein sechsköpfiges Tanzensemble, das immer an den Stellen auftritt, die normalerweise große Chorszenen sind.

Der Rauchchor (Damenchor) zu Beginn des ersten Aktes wird wie erwähnt von den Solistinnen gesungen. So erklingt wenigstens die vertraute Melodie gesungen, nur eben nicht vom Chor. Die Habanera erklingt ebenfalls nur von Carmen und den Solistinnen ebenso wie die große Chorszene „Toréador, en garde“. Die Rezensentin war sicher nicht die Einzige, die diese große Szene schmerzlich vermisst hat. Bestimmte Hörerwartungen sind einfach da und wenn diese enttäuscht werden, ist das bei allem Verständnis für die Umstände einfach sehr schade.

Die Instrumentierung des Orchesters besteht aus einem Doppel-Streichquartett plus Kontrabass, also neun Streichern, einfachem Holzbläsersatz, einfachem Blech plus Tuba, doppeltem Schlagzeug plus Pauke, Harfe, Marimbaphon und Vibraphon. Der bei Bizet vierstimmige Hornsatz wird hier zum Solohorn. Durch die Reduzierung entsteht ein etwas ruppiger, brutaler Klang, aber auch weiche Farben treten hervor. Vieles klingt direkter als im großen Orchesterapparat. Die Kunst liegt im Erhalt der kompositorischen Substanz, in der Bewahrung der Noten. Die Verwendung der Chorharmonien erfolgt rein orchestral, auf eine andere Weise als im Original. Unter anderem wird das Cajón eingesetzt und gestrichenes Vibraphon. Dieses steht für Carmen und das Freiheitsmotiv. Röhrenglocken wecken die Assoziation an Kirchenglocken, sie stehen für die Heimat.
In der Habanera wurden zum Teil Melodie und Harmonien verändert, was angesichts der Tatsache, dass schon Bizet sich anderweitig bedient hat, vernachlässigt werden kann. Bizet hat seinerzeit ein baskisches Lied verändert, „El Arelito“, was jedoch in Vergessenheit geraten ist.

Bei allem Neuen stand über allem der Respekt vor dem Meisterwerk Bizets. Dieser Respekt ist der Neufassung Langes an jeder Stelle anzumerken. Die baskischen Lieder fügen sich perfekt ein, die Übergänge sind immer organisch und harmonisch. Lange hat sich bestimmter Mittel bedient, die Bizet nicht kannte oder nicht verwendet hat. Wenn Carmen José verspottet, verwendet Lange das Orchester als Echo, versieht die Melodie mit Glissandi und fügt eine Posaune hinzu, wodurch das Ganze noch bösartiger erscheint.
Durch die Neukomposition sind der Staatsoper Hannover Mehrkosten entstanden, die leider nicht durch Eintrittsgelder aufgefangen werden können, da Corona bedingt natürlich deutlich weniger Plätze verkauft werden können.

Die Solisten überzeugen am Premierenabend allesamt mit guten bis sehr guten Leistungen, wobei insbesondere Evgenia Asanova (Carmen), Rodrigo Porras Garulo (Don José) und Barno Ismatullaeva (Micaela) überragend in der Interpretation sind und durch starke Bühnenpräsenz auffallen. Der Kavalierbariton German Olvera gibt einen überzeugend-schillernden Escamillo mit angenehmen Timbre und großer Spielfreude. Mercedes Arcuri und Nina van Essen ist es zu verdanken, dass es so etwas wie das Zitat eines Chores gab, unterstützt durch die drei Damen und drei Herren des Tanztheaters.

GMD Stephan Zilias führt das kleine Orchester sicher durch den Abend und die neugeschmiedete Partitur. Durch die kleine Besetzung sind die Stimmen stets gut durchhörbar und quasi solistisch bzw. tatsächlich solistisch. Besonderer Dank gilt dem Horn und der Percussionsgruppe für große Präzision und neue Klangerlebnisse. Zu überzeugen vermag auch die Umsetzung der Gitanos in eine Art „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ James Dean Ambiente der USA. Das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Anderssein vermittelt sich durchaus.

Das Premierenpublikum dankt allen Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus und großem Jubel. Es bleibt der Staatsoper Hannover und dem ganzen Ensemble zu wünschen, dass das Haus bald wieder öffnen und diese besondere Carmen noch viele Mal vor dankbarem Publikum spielen kann.

 

Carmen an der Staatsoper Hannover; die weiteren Vorstellugnen am 5.12.; 17.12.; 27.12.; 29.12.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—


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