Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Agrippina – Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 30.05.2021

Mai 30, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Agrippina – Georg Friedrich Händel

Eröffnungspremiere der Hamburgischen Staatsoper –  gekonnte Personenregie von Barrie Kosky

von Patrik Klein

Sieben Monate lang war der Vorhang vor Zuhörern geschlossen. Kein Ton und kein Bild gelangten an die Ohren und Augen eines Live Publikums. Einzig ein paar Streams von intimen Produktionen oder gereiften Konserven aus dem Archiv, wie zum Beispiel die Neuinszenierung von Massenets Oper Manon, die im Januar 2021 von David Bösch mit ansprechenden Bildern inszeniert und mit einer guten musikalischen Leistung von Orchester und Sänger*innen  publikumslos über den Äther flimmerte.

Seit Monaten wurde geprobt und auf den fiktiven Termin des 28. Mai 2021 hingearbeitet mit allen Risiken einer im Hintergrund langsam abflauenden Pandemie. Ein überdimensionales Banner mit der Aufschrift „Wir proben für Sie“ flatterte seit Wochen im Wind der Hansestadt unterhalb der Dachkante des Hauses am Dammtor.

So verkündete dann auch Staatsopernintendant George Delnon stolz die nahende Doppelpremiere und den finalen Spielplan der Restsaison 2020/21 im Video auf der Webseite des Hamburger Hauses.  Zuerst mit Georg Friedrich Händels Oper Agrippina mit international aufregender Besetzung, dem Ensemble Resonanz im Graben, dem barockmusikerfahrenen Dirigenten Riccardo Minasi am Pult und unter der Regie des Berliner Regisseurs und Intendant der Komischen Oper Berlin  Barrie Kosky, sowie am darauffolgenden Tag die neue Ballettpremiere von John Neumeier mit Namen Beethoven-Projekt 2 mit dem Philharmonischen Staatsorchester und Kent Nagano am Pult.

Die Hygienemaßnahmen sind ähnlich wie die vor der zweiten Pandemiewelle Ende 2020. Reduzierte Zuschauerzahlen mit Wahrung des Abstands, negative Coronatestvorlage und  Maskenpflicht sogar am Sitzplatz. Eine Barockoper wie Händels Agrippina mit gerade einmal acht beteiligten Personen eignet sich in diesen Zeiten und unter diesen Umständen besonders.

Man griff in Hamburg szenisch und zum Teil auch musikalisch auf eine Produktion der Bayerischen Staatsoper München von den Sommerfestspielen 2019 zurück, wo es mit gleichem Regieteam und Countertenorstar Franco Fagioli gelang, dem Werk voller Intrigen und beißender Satire neues Leben einzuhauchen.

Staatsoper Hamburg / Agrippina hier Ensemble © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Agrippina hier Ensemble © Hans Joerg Michel

Der 1685 in Halle geborene Georg Friedrich Händel komponierte Agrippina HWV 6 auf ein Libretto von Vincenzo Grimani. Grimani passte die historischen Personen und Gegebenheiten dem „Dramma per musica“ an. Niemand stirbt in seiner Oper. Stattdessen geht es bei ihm um das machtpolitische Ränkespiel. Ende des Jahres 1709 gab es für den jungen Händel ein besonderes Geschenk zu Weihnachten: Mit der Premiere von Agrippina in Venedig am 26. Dezember feierte er mit 24 Jahren seinen bis dahin größten Erfolg. Es war seine zweite italienische Oper. Sie wurde viele Male in Venedig aufgeführt, später sowohl in Neapel als auch in Hamburg ab 1718 über 30mal in den darauffolgenden Jahren. Erstaunlich war jedoch, dass die Agrippina trotz dieses großen Erfolges bis Mitte des 20. Jahrhunderts fast in Vergessenheit geraten war. Fast 300 Jahre später gelangt sie nun an die Staatsoper Hamburg zurück.

Die Handlung spielt etwa im Jahr 54 nach Christus. Kaisergattin Agrippina will unbedingt Nerone, einen Sohn aus einer früheren Ehe, als Nachfolger Claudios sehen und nicht den Feldherrn Ottone, den Lebensretter Claudios, dem die Thronnachfolge zusteht. Sie möchte das mit Intrigen durchsetzen und benutzt dafür zwei in sie verliebte Höflinge und später auch die Verliebtheit des Kaisers in die edle Römerin Poppea, Ottones Geliebte, für die sich auch Nerone interessiert. Als Poppea Agrippinas Intrige durchschaut, setzt nun sie zur Rache Claudio und Nerone ein. Am Ende erreicht Agrippina ihr Ziel, weil Ottone der Liebe wegen auf den Thron verzichtet.

Das Regieteam um Barrie Kosky (Mitarbeit Regie: Johannes Stepanek, Bühnenbild: Rebecca Ringst, Kostüme: Klaus Bruns, Licht: Joachim Klein und Benedikt Zehm, Dramaturgie: Nikolaus Stenitzer) legte das Augenmerk vor allem auf die Wechselwirkungen zwischen politischen Machtspielchen und der Heiterkeit des Werks. Kosky lehnte sich dafür bei der US-Erfolgsserie House of Cards mit Schauspielerin Robin Wright Mitte der 2010er Jahre an. Er wies seine Agrippina einer der Hauptfiguren, nämlich Claire Underwood zu, die unterkühlte Zieherin der Fäden, über Leichen gehende Präsidentengattin und spätere US-Präsidentin.

Einführung in Agrippina an der Hamburgischen Staatsoper
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Kosky sieht in der Oper ein Kammerspiel mit acht Figuren: „Ich möchte das Drama auf die psychologischen und emotionalen Beziehungen konzentrieren“. Gerade der Facettenreichtum des Stoffes macht das Stück für ihn interessant „Manchmal ist es ein Familiendrama, manchmal ist es tief emotional, dann wunderbar ironisch. Manchmal hat es eine große Leichtigkeit, manchmal eine große dunkle Seite.“

Ein großer beweglicher metallischer Container, der sich in viele Teile zerlegen ließ, mit mehreren durch Vorhänge verschließbaren Kammern in der Bühnenmitte, bildete bei der Inszenierung in Hamburg den zentralen Blickwinkel und stand für ein Symbol der Gefühlskälte der Figuren. Verstärkt wurde das Spiel durch gezielten Einsatz des Lichtes und mit prägnanten charakterunterstützenden Kostümen. Das waren ideale Voraussetzungen, um die verschiedenen Facetten der Personen in den Fokus zu stellen.

Agrippina hatte die Zügel in der Hand. Alle hörten auf ihr Kommando. Sie ist eine machtbesessene Alphafrau, die unbedingt ihren Sohn Nerone auf den Thron bringen will. Dafür zog sie alle Register der Intrige, setzte aber auch unverhohlen ihre erotischen Reize ein. Der Regisseur formte aus dieser Konstellation ein personenbezogenes Kammerspiel der individuellen Emotionen.

Am Ende schloss sich der Vorhang jedoch nicht im Jubel für den Herrscher und dem Lobpreis der Götter. Das Orchester brachte vielmehr einen melancholisch-musikalischen Epilog. Agrippina verblieb alleine auf der Bühne und verlassen von allen. Ein Rollo nach dem anderen senkte sich. Einsam und perspektivlos hatte sie zwar ihr Ziel erreicht, glücklich wurde sie dabei jedoch nicht.

Staatsoper Hamburg / Agrippina hier Julia Lezhneva als Agrippina, Franco Fagioli als Nerone © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Agrippina hier Julia Lezhneva als Poppea, Franco Fagioli als Nerone © Hans Joerg Michel

Agrippina (Anna Bonitatibus) wirkte durch die Zurückweisung durch ihren Mann Claudio (Luca Tittoto) wie eine Furie getrieben von Eifersucht und Übersensibilität. Die junge, attraktive Poppea (Julia Lezhneva), die zweite starke Frau in dieser Oper folgte mehr der Empfindung und Liebe zu Ottone (Christophe Dumaux). Dagegen war Kaiser Claudio eher ein notgeiler Angeber, der es überhaupt nicht mitbekam, wie die dominierenden Damen ihn benutzten.

Der Starcountertenor Nerone (Franco Fagioli) wurde mit tätowiertem Klatzkopf als Dummerchen und Schwächling charakterisiert. Er kam wohl nicht klar mit seiner starken Mutter, die zudem noch sexuelle Kontakte zu ihm generierte. Da brodelte einiges im Inneren der Seele.

Der Regisseur lockerte gekonnt diese seriöse Personenpsychologisierung durch eine Reihe von eingefügten Witzen auf, die die Grenze zum Trash zwar streiften, aber nie überschritten. Und genau dadurch geriet der lange, fast vier Stunden währende Abend nahezu ohne Langeweile.

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel baut die Oper musikalisch auf mit vielen Rezitativen, kürzeren Arien und Duetten  sowie mit einigen wenigen Quartetten bzw. kurzen Oktetten. Das Giftpfeilewerfen, das verliebt Hinterherstellen, das Ausnutzen der Liebe anderer, das Täuschen, das Heucheln, die Wutausbrüche, aber auch die wahre, innige Liebe sind in den vielen musikalischen Nummern durchgehend äußerst kurzweilig komponiert, so dass die  Zeit rasend verrinnen kann. Das lag jedoch auch an den spielenden und singenden Protagonist*innen des Abends aus dem Graben und von der Bühne des Hamburger Opernhauses.

Ricardo Minasi dirigierte nicht nur, sondern spielte auch die erste Geige an diesem Abend. Und das in unnachahmlicher Manier zusammen mit dem im Graben hoch positionierten und dadurch klanggewaltigem Ensemble Resonanz. Fasziniert schweifte der Blick häufig vom Geschehen auf der Bühne auf die Virtuosität im Graben. Mit diesem Orchester, mit dem er gemeinsame CDs herausbrachte und seit 2018 auch deren Artist in Residence an der Hamburger Elbphilharmonie ist, gelang ein frischer, luftiger, präziser und dynamisch barocker Marathonlauf. Die facettenreichen Charakterzüge und Handlungen der Personen wurden pathologisch seziert und an geeigneten Stellen fulminant wieder zusammengefügt. Nicht oft hörte man derart feinste Klänge, Nuancen und Wirbelstürme so präzise aus dem Operngraben hier am Dammtor.

Die acht Protagonist*innen dieses Kammerspiels spielten, gestalteten und sangen an diesem Premierenabend auf absolut ausgeglichenem und hohem Niveau. Wann durfte man das zuletzt in Hamburg erleben?

Staatsoper Hamburg / Agrippina hier Schlussapplaus © Patrik KleinPatrik

Staatsoper Hamburg / Agrippina hier Schlussapplaus © Patrik Klein

Die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus, erfahren auf allen großen Bühnen in Europa auch zum Beispiel als Carmen zeigte in der Titelpartie, dass sie nicht nur schauspielerisch, sondern auch musikalisch über großen Gestaltungsspielraum verfügt. Bis auf einige wenige kleine Schärfen in den höheren Registern lieferte sie ein überzeugendes Rollenportrait der Titelfigur ab. Besonders eindrucksvoll geriet ihr die gewaltige Selbstentblößung bei „Pensieri, voi mi tormentate“ im ersten Akt, unterstrich mit ihrer persönlichkeitscharakterisierende Arie „L’alma mia fra le tempeste“ ihre musikalische Güte und sang am Ende bei ihrer letzten Arie im dritten Akt „Se vuoi pace, o volto amato“ ein leises Besänftigungslied zu ihrem gnadenlosen Verhalten.

Die in Russland geborene junge Sopranistin Julia Lezhneva, die bereits den OPUS Klassik und den ECHO Klassik Preis gewann und mit Partien wie Susanna (Le nozze di Figaro) oder Alcina (Il barbiere di Siviglia) an großen Häusern brillierte, gestaltet die Partie der Poppea mit größtem Variantenreichtum. Die ersten Töne wurden von ihr, liegend auf einer Treppe fast lautlos gehaucht begonnen und mündeten in einem Crescendo der absoluten Spitzenklasse, so dass man geneigt war an beste Gruberova Tage zu denken. Wie ein Maler die verschiedensten Farben von zart bis kräftig auf eine Leinwand tupft, so sang sie mit sowohl tiefster Traurigkeit, tröstlicher Wärme und auch großen Emotionen die Arien „Vaghe perle, eletti fiori“,  „È un foco quel d’amore“ sowie „Se giunge un dispetto“ im ersten Akt. Aber auch die feinen und hochkomplexen Koloraturen gerieten, für den Zuhörer, mit scheinbar atemberaubender Mühelosigkeit.

In Sachen Höhe und Stimmführung agierte der argentinische Starcountertenor Franco Fagioli in einer eigenen Liga. Bereits in der ersten Arie im ersten Akt „Con saggio tuo consiglio“, als er noch ganz der innig dankbare Sohn Nerone war, ließ er seine Technik und seine Gestaltungsmöglichkeiten aufblitzen. Dann beispielsweise im zweiten Akt bei der Arie „Quando invita la donna l’amante“ und später in „Come Nube Che Fugge Dal Vento“ im letzten Akt gelangen ihm Töne, die subjektiv die Grenze des für Herrenstimmbänder physikalisch möglichen sprengten.

Auch die weiteren Partien waren am Premierenabend bestens besetzt: Der italienische Bass Luca Tittoto gab den Claudio mit gut sitzender, prachtvoller, dunkler Stimme und in überzeugender schauspielerischer Manier.

Der aus Frankreich stammende zweite Countertenor in der Agrippinabesetzung, Christophe Dumaux, der bereits einige CDs in seinem Fach aufnahm und auch schon an der New Yorker MET als Tolomeo auftrat, spielte und sang den Ottone mit Eleganz,  prachtvoller Stimmführung, makellosen Koloraturen und seiden klingenden Obertönen. Der italienische Bariton Renato Dolcini, der u.a. bereits Figaro oder Leporello im Repertoire trägt, gab den Pallante intonationssicher und spielerisch-feinsinnig mit großer Spielfreude.

Der dritte Countertenor des Abends war der Russe Vasily Khoroshev als Narciso. Auch ihm gelang eine sehr gute musikalische Leistung mit einem cremig seiden timbrierten schön abgedunkelten Klang. Abgerundet wurde das vortreffliche Sänger*innenensemble durch den Lesbo des chinesischen Bass-Baritons Chao Deng, der erst kürzlich in das Ensemble der Staatsoper Hamburg übernommen wurde.

Als sich nach vier Stunden großartigem Musiktheater auf allerhöchstem musikalischem sowie szenischem Niveau der Vorhang senkte, dankten die etwa 400 zugelassenen Zuhörer*innen allen Beteiligten mit großem Jubel und herzlichem Beifall

Agrippina an der Hamburgische Staatsoper; hier die nächsten Termine:  3.6.; 6.6.; 10.6.2021

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Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Agrippina – Georg Friedrich Händel, IOCO Aktuell, 19.05.2021

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

28. Mai 2021  –  Agrippina – Wiederaufnahme des Spielbetriebs

Georges Delnon und John Neumeier freuen sich bekanntzugeben, dass die Hamburgische Staatsoper mit einer starken Doppelpremiere den Spielbetrieb wiederaufnimmt. Am 28. Mai startet der Opernbetrieb mit der Premiere von Agrippina in der Inszenierung von Barrie Kosky unter der Musikalischen Leitung von Ricardo Minasi und am 29. Mai der Ballettbetrieb mit der Premiere von John Neumeiers Beethoven-Projekt II  unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kent Nagano.

Monate lang wurde geprobt und auf diesen Moment hingearbeitet. Jetzt wird der Spielbetrieb der Hamburgischen Staatsoper mit einer starken Doppelpremiere wiederaufgenommen:

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Die Staatsoper Hamburg zeigt ab dem 28. Mai für vier Vorstellungen die Neuproduktion von Georg Friedrich Händels Oper Agrippina in der Inszenierung von Barrie Kosky und der Musikalischen Leitung von Riccardo Minasi. Es singen u. a. Anna Bonitatibus, Luca Tittoto, Julia Lezhneva, Christophe Dumaux, Franco Fagioli, Renato Dolcini, Vasily Khoroshev und Chao Deng. Es spielt das Ensemble Resonanz. Die Premiere wird live auf NDR Kultur im Radio übertragen.

Das Hamburg Ballett bringt ab dem 29. Mai John Neumeiers jüngste abendfüllende Kreation Beethoven-Projekt II zur Uraufführung und zeigt zwei weitere Vorstellungen an den beiden folgenden Tagen (30., 31. Mai). Die Produktion entstand im Herbst 2020 anlässlich des 250-jährigen Geburtstags von Ludwig van Beethoven. Seit der Generalprobe am 4. Dezember hat John Neumeier das Ballett choreografisch weiterentwickelt, um es zum nächstmöglichen Zeitpunkt als Live-Vorstellung zu präsentieren. Beethoven-Projekt II ist nach Turangalîla (2016) die zweite Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Kent Nagano.

John Neumeier © Steven Haberland

John Neumeier © Steven Haberland

Die Voraussetzungen unter denen ein Zutritt zu de Vorstellungen der Hamburgischen Staatsoper möglich sein wird, wird separat bekannt gegeben.

Der allgemeine Kartenvorverkauf beginnt bis auf Weiteres voraussichtlich jeweils zwei Wochen vor dem Aufführungstermin, für die ersten Vorstellungen frühestens jedoch am 20. Mai. Auch die Online-Buchung ist dann wieder möglich. Der Kartenservice ist vorrangig telefonisch (040) 35 68 68 erreichbar, daneben auch über E-Mail

ticket@staatsoper-hamburg.de

oder Fax (040) 35 68 610. Wann die Tageskasse wieder öffnen kann, hängt insbesondere von behördlichen Anordnungen ab, die derzeit noch nicht bekannt sind.

—| IOCO Aktuell Staatsoper Hamburg |—


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Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Manon – Jules Massenet, IOCO Kritik, 23.02.2021

Februar 22, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 MANON –  Jules Massenet

„C´est la vie“ : Las-Vegas-Nachtclub  – fliegende Geldscheine – Spielautomaten

von Wolfgang Schmitt

Seit nunmehr drei Monaten befinden wir uns in diesem unsäglichen Lockdown, seit drei Monaten sind die Opernhäuser und die Theater geschlossen, und seit drei Monaten liegt die Kulturszene mehr oder weniger brach. Umso dankenswerter ist es, daß nun auch die Hamburger Staatsoper sich entschlossen hat, die geplante Premiere von Massenets  Manon auf die Bühne zu bringen und dem Publikum per Livestream und im Radio zugänglich zu machen. Massenets Opern werden hierzulande leider nicht so häufig gespielt, mal abgesehen von Werther, und so waren die Hamburger besonders gespannt auf diese Manon, bevor der Lockdown die Vorfreude erstmal zunichte machte. Doch nun hat die Hamburgische Staatsoper sich in die Liste der Opernhäuser eingereiht, die kostenfreie Streaming-Angebote liefern. Die Oper basiert auf dem Roman L’histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut des Abbé Prévost von 1731. Massenet hat sich bei seiner Komposition ziemlich an die Romanvorlage gehalten, während Puccinis Manon Lescaut sich auf die wesentlichen Szenen konzentrierte. Auch Daniel Esprit Auber schrieb 1856 seine Manon Lescaut, die jedoch auf deutschen Opernbühnen nur höchst selten zu finden war. Auch Hans Werner Henze vertonte 1951 diesen Stoff als Boulevard solitude.

Manon an der Hamburgischen Staatsoper
youtube Trailer OperaVison
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Die hier besprochene Aufführung vom 24.1.2021 in der Inszenierung von David Bösch ist aufregend, spannend, intensiv und spielerisch detail-verliebt: Wenn Manon im ersten Bild ihren ersten Versuch macht, eine Zigarette zu rauchen, später mit dem Pfefferspray hantiert, oder der imaginären streunenden Katze, die irgendwie durch alle Szenen und über die Videoprojektionen zwischen den Akten schleicht, die Milchschale hinstellt und sie im Katzenkorb füttert. Später der leuchtende Mini-Eiffelturm als Symbol für die Stadt der Liebe und des Vergnügens, dessen Lichter ausgehen, wenn die erste Verliebtheit und Leidenschaft erloschen ist oder am Ende der Tod wartet.

Manon ist Elsa Dreisig, der man das 16jährige, lebendige, neugierige, lebenshungrige Mädchen durchaus abnimmt, die Freude und Spaß an ihrem

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Dasein haben will. Als Mädchen vom Lande kostümiert (Kostüme Falko Herold) mit blauer Strickmütze, langem blauem Schal, Ringelpullover und Schlabberkleid, ist sie sogar beeindruckt von der düsteren Spelunke (Bühnenbilder von Patrick Bannwart), in der ihr Cousin Lescaut sie erwartet, um sie ins Kloster zu bringen. Als Manon und Des Grieux einander erblicken, ist es Liebe auf den ersten Blick, und da es auch auf der Bühne aufgrund der Corona-Abstandsregelungen nicht zu Berührungen kommen darf, ist der 3 Meter lange Schal die „intime“ Verbindung der beiden. Düstere Stimmung herrscht auch im nächsten Bild, ein kleines spartanisch eingerichtetes Zimmer mit Bett und „notre petite table“, ein großes Fenster, auf welches Herzen mit „M – G“ projiziert werden. Gleißende Atmosphäre dagegen im folgenden Bild, einem Las-Vegas-Nachtclub mit üppigem Kronleuchter und Spielautomaten, im Bühnenhintergrund prangt groß und neon-beleuchtet der Schriftzug „C’est la vie“.

MANON an der Hamburgische Staatsoper

IOCO bringt Sie LIVE zur Aufführung – Klicken Sie HIER!

 Hier feiert Manon gerade ihren 20. Geburtstag. Großartig präsentiert sich hier der Cousin Lescaut als bekiffter Rock-Star, anschließend Manon als Nachtclubsängerin, nicht unbedingt als Marilyn, sondern eher als eine Kathy-Kirby-Imitation mit blonder Perücke und weißem Pelzmantel. In Des Grieux‘ schlichter Klosterzelle dominiert das übergroße Kruzifix, auch eine Heimorgel ist vorhanden, in diesem Bild haben die noch immer Liebenden Manon und Des Grieux ihre stärksten, eindrücklichsten Momente, so daß er sein Klosterleben aufgibt und ihr in eine ungewisse Zukunft folgt. Im vierten Akt befinden wir uns in der Spielhölle des Transsylvanischen Hotels, hier dominiert der übergroße Roulettetisch, an dem sich Des Grieux nun im Glücksspiel versucht, auch russisches Roulette wird hier in dieser Inszenierung praktiziert, in dessen Verlauf schließlich Manon ihren Gönner, den Lebemann Guillot-Marfontaine erschießt, während im großen Finale des fünften Aktes Manon sich vergiftet und Des Grieux sich die Pulsadern aufschlitzt, um, wie Romeo und Julia, gemeinsam in den Tod zu gehen – ein weiterer, durchaus nicht unpassender Regieeinfall. – „C’est la vie“, „That’s Life“, „So oder so ist das Leben“.

Manon – hier Werkeinführung – David Bösch, Detlef Giese
youtube Trailer Hamburgische Staatsoper
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In Zeiten von Corona ist es unumgänglich, sich an die Abstandsregeln zu halten, und so wurde der verkleinerte Chor, wie immer von Eberhard Friedrich auch unter diesen Voraussetzungen perfekt einstudiert, in die Logen und Ränge platziert, kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne, Chor und Orchester blieben daher nicht aus. Auch wurde das Philharmonische Staatsorchester unter der kompetenten Leitung von Sebastien Rouland etwas ausgedünnt – weniger Bläser, weniger Schlaginstrumente, weniger Streicher, dennoch gab es hier keinerlei nennenswerte Einschränkungen, das Orchester spielte fulminant auf, setzte dramatische Akzente oder nahm sich bei den sensiblen, anrührenden Passagen kammermusikalisch zurück, so daß trotz der reduzierten Instrumente hinsichtlich des Orchesterklangs kaum Wünsche offen blieben.

Sängerisch befand sich diese Darbietung auf allerhöchstem Niveau. Natürlich stand im Mittelpunkt eines insgesamt hochkarätigen Ensembles die junge Sopranistin Elsa Dreisig, sensationell in ihrer Darstellung dieses lebenshungrigen jungen Mädchens, ihre wunderschön timbrierte Stimme von berückender Natürlichkeit und Leichtigkeit, absolut perfekt in der Intonation, der Phrasierung und den Intervallsprüngen. Ihr zur Seite und durchaus ebenbürtig stand der junge rumänische Tenor Ioan Hotea als Des Grieux, jung und gut aussehend, etwas unbedarft und naiv, so legt er seine Partie an, sich im Verlaufe der Handlung hineinsteigernd in Stimmungsumschwünge und Gefühlsregungen zwischen Verzweiflung, Ablehnung, bis hin zu unerschütterlicher Leidenschaft und Liebe zu seiner Manon. Seine warm timbrierte Stimme verfügt über zarten Schmelz, dennoch kann er sie kraftvoll bis hin zur heldischen Leidenschaftlichkeit einsetzen.

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Björn Bürger präsentiert eine wahre Palette von Verkommenheit bis hin zum totalen Absturz, als Manons Cousin Lescaut gibt er den Beschützer, den machohaften Zuhälter, den drogenabhängigen Lebemann, und schließlich den hilflosen Junkie. Mit seinem kernigen, kraftvoll eingesetzten Bariton gefiel er insbesondere in seiner Rock-Star-Imitation im Casino-Bild des dritten Aktes. Mit seinem wohlklingenden Kavaliersbariton gab Alexey Bogdanchikov den eleganten, vornehmen Adligen Brétigny, während der Charaktertenor Daniel Kluge seine Partie des reichen Pächters und Lebemanns Guillot-Marfontaine mit Witz und Spielfreude ausstattet. Mit bassiger und gestrenger Autorität sang Dimitry Ivanshchenko den Vater Des Grieux, und auch Martin Summer als optisch Angst einflößender Wirt konnte seinen noblen Bass präsentieren. Das Trio der „leichten Mädchen“ Pousette, Javotte und Rosettein vulgärer Aufmachung mit Glitzer-Minikleidern und pastellfarbenen Perücken wurde von Elbenita Kajtaz, Narea Son und Ida Aldrian ansprechend und schönstimmig gesungen, und die beiden Gardisten Collin André Schöning und Hubert Kovalcyk rundeten dieses ausgezeichnete Ensemble ab.

Diese Manon-Inszenierung dürfte für die Hamburger Staatsoper ein großer Erfolg werden, wenn dieser Corona-Lockdown endlich vorbei sein wird und das geregelte Leben wieder beginnen kann. Wir freuen uns schon wieder auf unsere künftigen Live-Opernbesuche – hoffentlich bald !!!

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—


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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Molto agitato – eine Reise durch die Musikgeschichte, IOCO Kritik, 08.09.2020

September 7, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Premieren, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Molto agitato –  Saisoneröffnung unter Pandemiebedingungen

Regiedebut von Frank Castorf im Haus am Dammtor
Eine in Gewaltobsessionen badende Reise durch die Musikgeschichte

von Patrik Klein

Molto agitato…“sehr aufgeregt“ war der kulturinteressierte Opernfreund kurz vor der Veröffentlichung des Interimsspielplans der Saison 2020/21 der Staatsoper Hamburg nach fast sechsmonatiger zwangsbedingter Pandemiepause.

Am 8.3.2020 gab es die letzte auch von IOCO rezensierte Premiere von Vincenzo Bellinis Norma, link HIER, die noch eine zweite und letzte Aufführung ein paar Tage danach erlebte. Ein Otello mit José Cura in der Titelrolle vor bereits deutlich sparsamer besetzten Besucherreihen schloss sich final an.

Dann kam die Zwangspause, das kulturelle Drama, das Desaster der musikalischen Stille und der szenischen Bewegungslosigkeit, die Versendung der Festangestellten und des Ensembles in die Kurzarbeit und die Verbannung der Freischaffenden in die Existenznot oder noch Schlimmeres.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : vorn Katharina Konradi, Georg Nigl, Jana Kurucová © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : vorn Katharina Konradi, Georg Nigl, Jana Kurucová © Monika Rittershaus

Das bisher bekanntgegebene Programm der neuen Saison wirkte statt molto agitato dann doch eher bescheiden, vorsichtig, ausgedünnt, eher verstörend als anlockend und wenig Mut ausströmend. „Jetzt erst Recht, wir machen was aus dieser Misere“ war nur schwerlich erkennbar. Stattdessen drei Kurzpremieren (molto agitato, Paul Abrahams Märchen im Grand Hotel und Arnold Schönbergs / Francis Poulencs Pierrot lunaire/La voix humaine), fünf Ballette (Ghost Light, Orphée et Eurydice, Ballett für Klavier und Stimme, Tod in Venedig und Matthäus-Passion) und zwei Repertoirestücke (Mozarts Zauberflöte und Cosi fan tutte) wohl auch in gekürzten Fassungen. Ab dem Jahreswechsel hofft man, das ursprünglich geplante Programm spielen zu können.

Mit nur einem Drittel an Zuschauern darf das „Große Haus“ gefüllt werden, selbstverständlich mit entsprechendem Hygienekonzept, neuer Klimaanlage und dem Verbot von Beifalls- und Missfallenskundgebungen, welches man in den neu veröffentlichten Servicekonditionen bekannt gab. Es sind erheblich weniger Spieltage als üblich angesetzt mit etlichen Spielplanlücken, die an anderen Orten gefüllt sind, wie in München an der Bayerischen Staatsoper, mit Liederabenden oder Kammerkonzerten.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Man könnte den Eindruck bekommen, dass hier ein finanziell angeschlagenes Haus einen Sanierungsversuch unternimmt: molto agitato.

Nach exakt 176 Tagen, 20 Stunden und etwa 7 Minuten, wie George Delnon in einer kurzen Ansprache in der ersten Reihe im Parkett stehend mitteilte, folgte nun Frank Castorfs Version dieses molto agitato als Saisoneröffnung statt seines ursprünglich geplanten Boris Godunow von Mussorgski.

Mit dem Regisseur wurde ein Projekt entwickelt, das auf die neue Lage in der Pandemie künstlerisch reagieren wollte. Konzert, Lied und Musiktheater von György Ligeti, Johannes Brahms, Georg Friedrich Händel und Kurt Weill lieferten die Stücke des Abends. Die höchst unterschiedliche Musik bildeten Werke aus der Neuen Musik, der Hochromantik, des Barocks und einer „Zeitoper“ unter dem musikalischen und sozialen Einfluss von Jazz und Unterhaltungsmusik.

Nouvelles Aventures von György Ligeti, Vier Gesänge op. 43 von Johannes Brahms, auseinandergerissen in zwei Teile, Händels Aci, Galatea e Polifemo sowie ein Vorspiel aus seinem Oratorium Salomo und schließlich Die sieben Todsünden von Kurt Weill bildeten den Kern der Saisoneröffnung in Hamburg. Eine Schauspielerin und vier Solist*innen  sowie eine zum Kammerorchester geschmolzene Staatsphilharmonie mussten sich den Graben und die Bühne teilen und unter Wahrung der Abstandsregeln musizieren.

Für seine berühmt-berüchtigten „Neuen Sichtweisen auf ein Stückist der Regisseur Frank Castorf immer wieder gerne engagiert worden. In den letzten Jahren gelangte seine Interpretation des Nibelungenringes in Bayreuth heftig unter Beschuss. Auch der Intendant der Staatsoper Hamburg George Delnon konnte der Versuchung nicht widerstehen, den intellektuellen DDR-Widerständler erstmalig nach Hamburg zu holen. Der Berliner Volksbühnenalleinherrscher am Rosa-Luxemburg-Platz, der für endlos lange Inszenierungen steht, in denen das ganze Abendland zwischen Aufklärung und Diktatur pendelt, hat wohl deutlich mehr Gegner als Freunde. Aber das macht ihm wohl wenig aus.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Matthias Klink, Georg Nigl, Katharina Konradi, Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Matthias Klink, Georg Nigl, Katharina Konradi, Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa © Monika Rittershaus

Castorf und sein Regieteam (Aleksandar Denic, Bühne; Adriana Braga Peretzki, Kostüme; Lothar Baumgarte, Licht; Andreas Deinert, Live-Kamera; Severin Renke, Live-Video und Kathrin Krottenthaler, Video) sahen das Stück als eine Art kleingeteiltes Mosaik, das sich im Laufe der Zeit zu einem Gesamtbild entwickelt. Sie fügten Texte und Spielszenen von Quentin Tarantino zum Thema Sex und Gewalt aus seinem ersten Film Reservoir Dogs ein, so dass aus summierten 70 Minuten Musik ein knapp zweistündiger Abend wurde.

Eine Schauspielerin (Valery Tscheplanowa) erklärte dem Publikum, dass das Böse, dass Alltagsgewalt von verbalen kleinsten Formen bis hin zur aktiven rohen, sadistischen Gewalt stattfindet. Dies aufzuzeigen, sei das Anliegen der Regie.

Zeitliche spannte sich dieser Faden von der alttestamentarischen Geschichte der Königin von Saba, die als Königin der Weisheit einem kriegerischen Umfeld gegenüber steht bis hin zur Gegenwart mit der Verbrennung der amerikanischen Flagge.

Inhaltlich begann Alltagsgewalt im Laut, wie bei Ligetis Stück zu vernehmen, bis hin zum Wort – also Gewalt durch Sprache. Sie fand sich auch verharmlost in den Texten der Stücke wieder. Letztendlich mündete sie in aktive, körperliche Gewalt. Was blieb war Schmerz ohne Perspektive auf Erlösung.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa, Matthias Klink © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Jana Kurucová, Valery Tscheplanowa, Matthias Klink © Monika Rittershaus

Man durfte sich an dieser Stelle bereits fragen, wo hier die Antwort oder Reaktion auf die momentane Lage in der Pandemie zu sehen war. Gezeigt wurden auf der komplett leergeräumten und bis auf die Brandmauer der Hinterbühne offenen riesigen Spielfläche etliche in der Ferne kleinteilige, musikalische und schauspielerische Szenen. Diese wurden mit hohem technischen Aufwand mit gezielt vergrößerten Details auf Videoprojektionsleinwände geworfen, die der Zuschauer dann verfolgen konnte. In den oberen Rängen konnten diese „ausgelagerten“ Szenen nicht gesehen werden. Peinlicherweise gelang die Projektion nach Vorne nur mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa einer Sekunde, was bei den Großaufnahmen der Sänger und der Schauspielerin wie bei einem schlecht synchronisierten Film zunehmend nervte.

Musikalisch begann der Abend dann mit Händels Vorspiel zum dritten Akt aus dem Oratorium Salomo. Das kurze instrumentale Stück Die Ankunft der Königin von Saba erreichte Popularität, als es 2012 als Eröffnung zu den Olympischen Spielen in London erklang. In einem medienwirksamen Trailer, besuchte der damals amtierende James Bond Darsteller Daniel Craig die Queen und holte sie zu ihrer Eröffnungsrede ab. Auf der Hamburger Bühne tauchten erste Zitate aus Tarantinos Film auf, eine große USA-Fahne wurde sowohl auf der Bühne als auch auf den Videoleinwänden geschwungen und zerrissen. Das im Graben positionierte 17 Musiker starke Orchester geleitet von Kent Nagano wirkte trocken, spröde und wenig barocken Esprit ausströmend.

Für den nun folgenden Zeitensprung in die nahe Vergangenheit öffneten sich die Unterbühne, ein Klavier nebst dem acht Musiker starken Orchester wurde seitlich herein geschoben. Die drei Solisten (Sopran, Mezzosopran und Bariton) standen in glitzernden Kostümen an der Rampe und gaben die vielfältigen Laute sogar durch Rohre verfremdet wieder. Eine vierte Figur war schemenhaft im Hintergrund zu erkennen. György Ligetis  Nouvelles Aventures (1962 bis 1965) gilt in der Musikwelt als eine Art Theaterrevolution: Schnelle musikalische Schnitte zwingen den Betrachter sich permanent auf neue Situationen einzulassen. Es wurde gezeigt, wie sich die drei Solisten selbst wahrnehmen, und genau so konnte sie auch der Zuschauer fühlen in diesem Theater ohne Handlung, dafür mit einem weiten Assoziationsraum, der den Kosmos des Lebens entfalten soll.

Ein musikalischer Zeitsprung ins neunzehnte Jahrhundert folgte auf die neuen ungewohnten Klänge währendem ein zeitungslesender Amerikaner mit aufgesetzter ledernen Pestmaske in die Szene trat. Johannes Brahms Vier Gesänge op.43 für eine Singstimme (Tenor/Bariton) und Klavier. Castorf riss das letzte Lied  „Das Lied vom Herrn von Falkenstein“ aus dieser Reihe heraus und platziert es später vor dem Weill Stück. Die verbleibenden drei Lieder „Von ewiger Liebe“, „Die Mainacht“ und „Ich schell mein Horn ins Jammertal“  wurden nun von Matthias Klink (Tenor) gesungen und begleitet von Rupert Burleigh am Klavier. In den Liedern  geht es um die Sehnsucht zweier Liebender sich zu vereinen, was aber mit erheblichen Widerständen verbunden ist. In Rebellion enden die Klänge.

Der deutsche Tenor Matthias Klink begann 1995 seine Karriere im Ensemble der Kölner Oper und ist Freischaffender Sänger mit dem Schwerpunkt auf der klassischen Moderne und dem Konzert- und Liedgesang. Dem Hamburger Publikum ist er bekannt als Alwa in Bergs Lulu. Leider hatte er am Premierenabend einen rabenschwarzen Tag. Die an sich schön timbrierte Stimme hatte nicht das Volumen, um die riesige offene Fläche auf der Bühne und im Zuschauerraum zu fluten. Er bemühte sich zwar um Linie, forcierte und presste aber zu stark, was wiederum auch auf Intonation und Formgebung der Interpretation negativ wirkte.

Es folgte ein Kampf um die Flagge der USA mit Gesprächseinlagen aus dem Tarantinofilm, eine Anekdote zum Lachen, die sich auf einen Witz vom Frosch und dem ihn stechenden und tötenden Skorpion bezog und die Brücke zu Mat Damon mit Herbie Weinstein bilden sollte. Dann sprang die Regie wieder zur barocken Opernpracht. Georg Friedrich Händels Oper Aci, Galatea e Polifemo wurde von anderthalb stündiger Länge auf fünfzehn Minuten konzentriert und im Rampengesang von den drei Protagonisten vorgestellt. Im Hintergrund lief auf einer Videoleinwand in „Comicstripmanier“ naiv  die Geschichte im Zeitraffer ab.

Molto agitato – Saisoneröffnung 2020/21 an der Staatsoper Hamburg
youtube Trailer Staatsoper Hamburg
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Die Nymphe  Galatea (Mezzosopran), eine Tochter des Meeresgottes Nereus, ist glücklich in den Schäfer Aci (Sopran), den Sohn des Königs Faunus von Latium, verliebt. Der einäugige Riese Polifemo (Bariton) begehrt sie ebenfalls. Er erschlägt Aci aus Eifersucht mit einem Felsblock. Galatea bittet Nereus, Acis Blut in eine silberne Quelle zu verwandeln und ihn als Flussgott weiterleben zu lassen, damit sie ihn im Wasser wiederfinden kann.

Stimmlich blieben hier kaum Wünsche übrig. Die aus Kirgistan stammende Sopranistin Katharina Konradi, Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg seit der Spielzeit 2018/19, avancierte bereits zum Publikumsliebling durch Rollen wie Pamina (Die Zauberflöte), Gretel (Hänsel und Gretel), Adele (Die Fledermaus), Susanna (Le Nozze di Figaro). Sie sang auch an diesem Premierenabend mit souveräner Stimmführung und überbordenden Emotionen. Mezzosopranistin Jana Kurucová, aus der Slowakei gebürtig und erst seit der letzten Saison Ensemblemitglied an der Staatsoper Hamburg (vorher Deutsche Oper Berlin) wartete mit schön gefärbten Timbre und starkem Ausdruck auf. Der österreichische Bariton Georg Nigl wurde 2015 von der Zeitschrift „Opernwelt“ als Sänger des Jahres ausgezeichnet. Mit Wozzeck (Wozzeck), Lenz (Jakob Lenz), Orfeo (L‘Orfeo), Papageno (Die Zauberflöte), Don Alfonso (Così fan tutte) u. a. hat er ein breit gefächertes Repertoire und singt an den großen Häusern Europas. Auch an diesem Premierenabend überzeugte er durch Intonationssicherheit und musikalisches Gespür.

Bevor Georg Nigl nun das vierte Lied aus der Brahms Liederfolge vortragen konnte, sprühte die Schauspielerin mit roter Farbe auf ein am Boden liegendes Banner die Worte „Sex and Lies“. Gewalt aus Szenen des bereits mehrfach zitierten Tarantinofilms folgten und gipfelten im brutalen Foltern eines Gefangenen, dessen Ohr abgeschnitten wird. Etliche Zuschauer verließen an dieser Stelle den Saal. Bryan Adams Song aus 2002 „Here I am“ bildeten den Übergang zu Kurt Weills Die sieben Todsünden, dem satirisches Ballett mit Gesang in sieben Bildern mit Prolog und Epilog in Bertolt Brechts Text.

Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid – in Weills Stück sind sie Lebens- und Leidensstationen der jungen Anna (dargestellt durch die fulminant auftrumpfende, preisgekrönte und durch Theater und Film bekanntgewordene Tänzerin und Schauspielerin Valery Tscheplanowa) , die sich für ihre Familie aufopfert, die unter den Belastungen ihrer unmenschlichen Umwelt bereits zerbrochen ist – und sich schizophren wahrnimmt als Anna 1 (die nüchtern Denkende im verbalen Ausdruck) und Anna 2 (die Schöne und Gefühlsvolle mit tanzenden Gesten; hier in Castorfs Regievorstellungen eine nackte Plastiksexpuppe). Anna wird in sieben Jahren durch sieben Städte in Amerika getrieben und in sieben nummernähnlichen Teilen dargestellt, von einer Familie, die auf ihre Kosten ein bequemes Leben führen will und ihr paradoxerweise Faulheit vorwirft. Anna endete schließlich im Epilog als zerstörter Mensch vor einer zuerst brennenden und dann gelöschten Fahne der USA. Nach dem finalen Quartett der Familie, dem Abgang aller ins Off, tauchte Anna mit neuer Fahne noch ein letztes Mal auf. Langsam erlosch die erhellte Bühne.

Staatsoper Hamburg / Molto agitato - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Molto agitato – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Kent Nagano dirigierte das kammermusikalisch aufgestellte Philharmonische Staatsorchester Hamburg bei Ligeti und Weill mit deutlichen Taktgebungen um Präzision bemüht. Bei diesen beiden Stücken lagen klar die orchestralen Stärken des Abends. Präzise und plastisch wirkte der Klang, die Abstimmung zum Bühnengeschehen funktionierte. Bei den barocken Stücken  dagegen spürte man, dass er in dieser Welt weniger beheimatet ist.

Das Publikum reagierte gemischt, diffus und unerwartet. Die sonst bei einer Castorf-Produktion zu erwartenden Buhs blieben aus. Der Applaus war verhalten, aber auch einige Bravos konnte man vernehmen. Etwa 15 Besucher haben das Haus im Laufe des Abends  vorzeitig verlassen. Ein Herr im 4.Rang schnarchte so laut, dass er mehrfach geweckt werden musste. Dieser Abend verlangte viel vom Besucher ab, sehr viel sogar. Das nach sechsmonatiger Pause zurückgekehrte Publikum hätte besseres verdient gehabt.

Molto agitato an der Staatsoper Hamburg;  weitere Termine: 08.09; 12.09; 15.09; 21.09; 23.09 und 26.09.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

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