Hamburg, Staatsoper Hamburg, Hans Zender – Komponist und Dirigent; IOCO Aktuell, 30.10.2019

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Hans Zender – Komponist, Dirigent – 1936 – 2019

Staatsoper Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester trauern um Hans Zender

Mit großer Trauer und Bestürzung hat die Staatsoper Hamburg und das Philharmonische Staatsorchester vom Tod des Komponisten und Dirigenten Hans Zender erfahren. Der in Wiesbaden geborene Komponist und Dirigent Hans Zender war von 1984 bis 1987 Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg und von 1984 bis 1986 Generalmusik-direktor des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Mit großer Bestürzung haben wir von seinem Tod erfahren und werden sein Andenken in Würde halten.

Staatsoper Hamburg / Rolf Liebermann und Hans Zender (rechts) © Gabriele du Vinage / Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg / Rolf Liebermann und Hans Zender (rechts) © Gabriele du Vinage / Staatsoper Hamburg

Hans Zender absolvierte an den Musikhochschulen in Frankfurt und Freiburg Meisterklassen in den Fächern Komposition, Klavier und Dirigieren. Schon zu Studienzeiten arbeitete er als Kapellmeister an den Städtischen Bühnen Freiburg und wurde bereits im Alter von 27 Jahren Chefdirigent der Oper Bonn (1964–1968). Von 1969 bis 1972 war er Generalmusikdirektor in Kiel, 1971 bis 1984 Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken und von 1984 bis 1987 Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg und von 1984 bis 1986 Generalmusikdirektor des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Danach war er Chefdirigent des Radio Kamer Orkest des Niederländischen Rundfunks (heute Radio Kamer Filharmonie) und Erster Gastdirigent der Opéra National, Brüssel, sowie von 1999 bis 2010 ständiger Gastdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Von 1988 bis 2000 war Zender Professor für Komposition an der Frankfurter Musikhochschule.

2004 gründete das Ehepaar Zender die „Hans und Gertrud Zender-Stiftung.“ Diese vergibt in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Musica Viva München und BR Klassik des Bayerischen Rundfunks seit 2011 alle zwei Jahre Preise, die der Förderung und Unterstützung der Neuen Musik dienen sollen.
2005/06 war er Composer-in-residence des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er war Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg, der Akademie der Künste Berlin und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Hans Zender starb am 22. Oktober 2019 im Alter von 82 Jahren in seinem Wohnort Meersburg am Bodensee

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Zur Saisoneröffnung – Die Nase, IOCO Kritik, 12.09.2019

September 11, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 Staatsoper Hamburg zeigt zur Saisoneröffnung seiner Community – Die Nase

Nase, Nasen! Überall Nasen!

von Patrik Klein

Eines Morgens wacht der unbescholtene Petersburger Beamte Platon Kusmitsch Kowaljoff auf und hat keine Nase mehr. Die Nase ist einfach weg. Kowaljoff reibt sich verdutzt die Augen, doch der Albtraum hat gerade erst begonnen. Statt ihren angestammten Platz im Gesicht des ehrenwerten Mannes wieder einzunehmen, spaziert die Nase schamlos durch die Stadt. Sie sieht keinen Grund zu Kowaljoff zurückzukehren. Schließlich hat sie es geschafft, innerhalb kürzester Zeit in der Gesellschaft nach oben zu kommen; höher, als ihr ehemaliger Besitzer. Der verzweifelte, weil ohne Nase charakterlose Kowaljoff, sieht sich nicht nur dem Hohn und Spott seiner Mitmenschen ausgesetzt, sondern beißt sich an der vorherrschenden Bürokratie auch noch die Zähne aus. Bis die Nase auf einmal wieder da ist, als wenn nichts geschehen wäre…….

Die Nase – Dmitri Schostakowitsch
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Die Nase, eine Oper von Dmitri Schostakowitsch (*25.9.1906 St Petersburg – +9.8.1975 Moskau), ist dessen erstes erhaltenes Werk. Der russische Titel „Nos“ ist eine Umkehr des Wortes „Son“, Traum. Das Libretto stammt von Jewgeni Samjatin, Georgi Jonin, Arkadi Preiss und Dmitri Schostakowitsch selbst nach einer Novelle von Nikolai Gogol.

Gerade 22 Jahre alt war Dimitri Schostakowitsch, als er Die Nase komponierte. Bis zu seinem Lebensende sollte Die Nase sein witzigstes, aufregendstes und mutigstes Werk für das Musiktheater bleiben. Die Uraufführung fand am 18. Januar 1930 im Maly-Theater in Leningrad statt.

Auf politischen Druck wurde die Oper nach sechzehn Vorstellungen von den Spielplänen genommen; man warf ihr das Fehlen eines positiven Helden, den Einfluss westeuropäischer Kompositionsmethoden sowie Formalismus (Überbetonung der Form und Vernachlässigung des Inhalts) vor. Tatsächlich ist jedoch das politische Umfeld dafür verantwortlich. Die Jahre nach dem ersten Weltkrieg, die Wirren nach der Oktoberrevolution, sind von Unterdrückung und Bürgerkrieg geprägt. Dem totalitären System Stalins fallen mehr als 8 Millionen Menschen zum Opfer.  In der Sowjetunion wurde die Oper erst wieder 1974 gespielt. Die deutsche Erstaufführung fand 1963 in Düsseldorf statt.

Staatsoper Hamburg / Die Nase - hier : Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljoff © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Die Nase – hier : Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljoff © Arno Declair

2016 gab es eine vielbeachtete Produktion am Royal Opera House London in einer neuen englischen Übersetzung von David Pountney. Die musikalische Leitung hatte Ingo Metzmacher, die Inszenierung stammte von Barrie Kosky.

Gogols Erzählung Die Nase war die ideale Vorlage für Schostakowitschs Oper. Tragisches und Komisches, Reales und fantastisch Traumhaftes stehen hier unvermittelt nebeneinander. Die Banalität der Wünsche und Ängste des gesellschaftlichen Kleinbürgers werden scharf beleuchtet. Das Stück steht aber auch als Symbol für die hochtrabenden Ambitionen Kowaljoffs, die sich weit über seine tatsächliche gesellschaftliche Position erheben. Die Nase ist aber sicher auch eine Parabel für Schostakowitschs Weltverständnis: so geht es zu in einer Welt, in der der Teufel am Werke ist. Der Mensch wird durch den Verlust seiner Nase aus seiner Geborgenheit gerissen und verliert seine Selbstsicherheit. Durch das groteske Geschehen wird die Wirklichkeit entstellt. Der schöne Schein, die Fassade ist zerstört. Es ist schließlich alles nur ein grotesker Traum.

Staatsoper Hamburg / Die Nase © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Die Nase © Arno Declair

Alle Kräfte eines Opernhauses sind bei diesem aufwändigen Werk gefordert, denn es gilt nicht nur über 60 Rollen zu besetzen, sondern auch die Bühnenproduktion sieht sich hier mit dem überaus komplexen Bühnenbild und vielen schnellen Szenenwechseln auf ganz besondere Weise herausgefordert.

Die Staatsoper Hamburg verpflichtete zur Saisoneröffnung 2019/20 die Regisseurin und derzeitige Intendantin des Schauspielhauses Hamburg, Karin Beier mit der Inszenierung. Ihr standen Stéphane Laimé (Bühne), Eva Dessecker (Kostüme), Hartmut Litzinger (Licht)  und Meika Dresenkamp (Video) dabei zur Seite. Für die Choreografie verpflichtete man Altea Garrido.

Die Premiere der Oper wurde zeitversetzt „Open Air“ auf dem Jungfernstieg und auf dem Rathausmarkt im Stadtteil Harburg übertragen. Vorbeischlendernde Besucher und Einwohner Hamburgs sollten auf eine neue Opernsaison neugierig gemacht werden.  Man darf die Frage stellen, ob, die niedrige Auslastung des Staatsoper von 72% in der vergangenen Spielzeit 2018/19 vor Augen, mit diesem spannenden, aber wenig gespielten Werk zur Saisoneröffnung,  die Breite der Hamburger Bürgerschaft erreicht wurde.

Die Nase ist für das Regieteam in erster Linie eine Groteske, ist damit komisch und schrecklich zugleich. Es geschieht etwas Ungeheuerliches, ein Mann verliert sein Gesicht und damit seine Identität. Eine Megahysterie in seiner unmittelbaren Umgebung entsteht. Die Furcht vor dem Unerklärlichen, dem Unbekannten, dem Chaotischen kann dann folgerichtig nur in einer hysterischen und gewaltbereiten Masse überwunden werden.

Wenn am Ende der Hamburger Interpretation der Oper die Anfangsszene wiederkehrt und sich Kowaljoff schreiend in die Hose schaut um festzustellen, dass ihm seine Männlichkeit abhanden gekommen ist, dann kann das Stück, ähnlich einem Perpetuum Mobile, wieder von vorne beginnen.

Karin Beiers Team kreiert einen flexiblen Stahlgerüstbau auf offener, sich häufig drehender Bühne mit Stahlturm auf dessen Rückseite, an dem ein an einen Renaissance-Altar erinnernder Klapp-Bilderrahmen angebracht ist. Der Bühnenboden ist übersät mit roten Papierzetteln. Ein riesiger, überdimensionierter Rasierspiegel lässt nicht nur die Szenen beim Barbier überdeutlich erscheinen, sondern kommt dem Betrachter auch immer wieder als ein Symbol der totalitären Überwachung vor. Die metallenen Stangen erinnern an Gefängniszellen, Absperrungen und Mauern. Polizei, Mob und die Akteure der Oper werden hier eindrucksvoll und nachvollziehbar in Relationen gebracht. Die Zwischenräume machen auch die Beziehungen und Hintergründe transparent.

Zu Beginn wird Kowaljoff (Bo Skovhus) von Iwan Jakowlewitsch (Levente Páll) vor dem riesigen Friseurspiegel mit videoprojiziertem Riesenauge rasiert. Polizisten in Uniform und Maschinengewehren befinden sich im Hintergrund. Auf der rotierenden Bühne dreht sich eine Backstube mit Herd und heruntertropfenden Teigmassen ins Zentrum. Hellen Kwon alias Praskowja Ossipowna backt Brot und findet Kowaljoffs Nase im Teig.

Die Soldaten marschieren mittlerweile im Stechschritt über die Bühne. Ein riesiger Helikopter wird im Hintergrund auf die Bühnenrückseite projiziert. Der Nasenempfänger in Gestalt eines Staatsrates (Bernhard Berchtold) wird von Soldaten auf einer Sänfte in die Szene gebracht.

Ein Schlagwerkensemble dreht sich in Zuschauerposition und feuert wilde musikalische Trommelsalven ab. Kowaljoff krümmt sich vor Schmerzen angesichts seines bedeutenden Verlustes. Eine riesige Nase spaziert über die Bühne und beginnt mit ihm zu tanzen. Ein Polizist mit Engelsflügeln steht hinter einem Altar, der mit dutzenden leuchtenden Kerzen versehen ist. Ein sakraler Chor mit tanzenden Soldaten bringt die wandernde Nase ins Zentrum des Altars. Mittlerweile hat sich die Nase mit seinem neuen Besitzer, dem Staatsrat vereint. Sogar sein Bauch mutiert zur Nasenform.

Staatsoper Hamburg / Die Nase hier Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Die Nase hier Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein Polizeipförtner (Peter Galliard) erklingt warnend wie ein Menetekel aus dem ersten Rang. Eine Zeitungsredaktion mit acht skurrilen Mitarbeitern auf der sich permanent drehenden Bühne nimmt die Suchanzeige Kowaljoffs für seine verlorene Nase auf. Auf den Videoleinwänden erscheint er zudem mit riesiger Schweinenase im Gesicht. Es wird ihm geraten, für sein Problem zum Hals-, Nasen- und Ohrenarzt zu gehen, oder gar die Homöopathie zu bedienen. Vielleicht soll auch Schnupftabak helfen.

Auf einem Gazevorhang mit Videoprojektionen geht die Suche nach der Nase in Hamburgs Hafen, im alten Elbtunnel und am Rathaus erfolglos weiter. Ein russisches Volkslied mit Balalaika begleitet Kowaljoff bei seiner Trauer vor Gott angesichts seines dramatischen Verlusts, der ihn charakterlos und gesellschaftslos gemacht hat.

Da sich das Volk von seiner Ruhelosigkeit angesteckt hat, erfolgt ein Haftbefehl gegen ihn. Die mobil gemachten Polizisten tanzen im Ballettstil  mit skurril wackelnden Hinterteilen und immer dicker werdenden angeschwollenen Körpern. Sie mutieren zum Chor mit einem russischen Volkslied vor tanzender Nase. Es folgen aufgebrachte, zum Lynchen bereite, chaotische Massenszenen.

Plötzlich wird die Nase gefunden. Kowaljoff findet sie in einer Serviette. Aber sie will einfach nicht halten. Ärzte sollen helfen. Absurde Bilder von Medizinern in Trance und Angelruten stellen sich ein. Der Chefarzt (Levente Páll) rät ihm die Nase lieber in Spiritus einzulegen. Mutter und Tochter Podtotschina (Katja Pieweck und Athanasia Zöhrer) werden von ihm verflucht, weil er glaubt, dass sie für sein Schicksal verantwortlich sind.

Das Volk ist völlig irritiert und sucht hysterisch nach der Nase, bringt sich angesichts dieser dummen Geschichte in den Wahn. Im finalen Ballett mit Stalins Portrait zwischen den Menschenmasse, Polizeigarden und wehenden roten Fahnen wie bei einer sowjetischen Militärparade stimmt eine personifizierte Nase eine derbe Rede an. „Nieder mit dem stinkenden Getön. Rotzkotzend!“

An einer der roten Fahnen putzt er sich angewidert sein Riechorgan. Und siehe da! Plötzlich ist die Nase wieder an seinem ursprünglichen Platz in Kowaljoffs Gesicht. Das Volk tritt mit „Hitlergruß“ ab. Alle Figuren sind mittlerweile zum Platzen prall und fett geworden. Kowaljoff verdammt sie wie im Traum, „Leckt mich blöde Weiber!“, bevor er voller Entsetzen in seine Hose schaut. Mit einem Donnerschlag im Orchester fällt der Vorhang.

Schostakowitsch macht keinen Unterschied zwischen ernster und unterhaltsamer Musik. Ohne Tabu montiert er einen Choral hinter einen Galopp und ein verfremdetes Volkslied neben ein Lamento (Klagelied). Eine derbe Polka steht unverblümt neben zarten und filigranen Passagen und auf ausdrucksvolle Kantilenen folgt spielerische Leichtigkeit. Analytische Schärfe in der Darstellung und Präzision im Zusammenspiel bestimmen sowohl die markant ausgespielten rhythmischen Finessen des Werkes, wie auch den gewollt zum Ausdruck kommenden bissigen Sarkasmus. Kent Nagano arbeitet die Kontraste der Partitur wenig detailliert heraus, setzt eher auf dramatische Wirkung im Orchester und lässt häufig im Dauerforte und mit wenig Finesse und Präzision musizieren. Das geht wieder einmal mehr auf Kosten der Sängerfreundlichkeit; vom unterstützenden Kapellmeister ist das weit entfernt.

Es wird Deutsch gesungen (Übersetzung Ulrich Lenz) und der Gesang mit einigen gesprochenen Einlagen ergänzt, die sehr frei nach Schostakowitsch auch so manche „Hamburgensie“ enthalten. Der Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) agiert und musiziert den Vorgaben des Generalmusikdirektors entsprechend. Gesungen wird auf hohem Niveau, zumal die eingesetzten Tenöre permanent in den höchsten Registern agieren müssen. Stellvertretend für das gesamte Ensemble aus beinahe 60 Darstellern ist die Leistung des Hauptdarstellers Bo Skovhus zu nennen, der mit kraftvollem Spiel und Gesang im Zentrum dieses Werkes steht. Sowohl darstellerisch als auch musikalisch muss er an seine körperlichen Grenzen gehen. Mit hoher Stimmkraft bei textverständlichem Ausdruck und präziser Rollengestaltung liefert er einen superben Kowaljoff der Extraklasse.

Diese, besprochene, zweite Vorstellung an der Staatsoper Hamburg war bei weitem nicht ausverkauft. Es verlassen zudem einige Zuschauer während der Vorstellung im Dunkeln den Saal. Das weitgehend gelangweilt wirkende Publikum, das einige Male zum Schmunzeln gebracht wird und vor Allem nach dem Knalleffekt des Finales einige Lacher erzeugt, dankt dem gesamten Ensemble mit höflichem, kurzen Applaus.

Die Nase:  Premiere am 7.9.19; besuchte Vorstellung am 10.9.2019; weitere Termine: 13.9., 23.9., 26.9. (geschlossene Gesellschaft), 28.9.2019

Die Besetzung:

Platon Kusmitsch Kowaljoff, Kollegienassessor (Bariton) –  Bo Skovhus
Iwan Jakowlewitsch (Bass)  –  Levente Páll
Ossipowna, sein Frau (Sopran)  – Hellen Kwon
Ein Wachtmeister der Polizei (Tenor) –  Andreas Conrad
Die Nase in Gestalt eines Staatsrates (Tenor) – Bernhard Berchtold
Iwan, der Diener des Assessors (Tenor) –  Gideon Poppe
Alexandra Grigorjewna Podtotschina (Mezzosopran) – Katja Pieweck
Ihre Tochter (Sopran) –  Athanasia Zöhrer
Die alte Gräfin – Renate Spingler
Praskowja Ossipowna, Verkäuferin Hellen Kwon
Jarischkin, Michael Heim
Polizeipförtner, Pjotr Fjodorowitsch, Oberst, 2. Bekannter  – Peter Galliard
Wachmann, Taxifahrer, Iwan Iwanowitsch, 1. Bekannter – Stefan Sevenich
Diener der Gräfin, Spekulant,  Major  –  Julian Arsenault
1. Eunuche –  Sungho Kim
2. Eunuche – Tenorsolo in der Kirche, Hiroshi Amako
3. Eunuche – Dongwon Kang
4. Eunuche –  Sander De Jong
Hüsrev-Mirza – Kristov Van Boven

Musikalische Leitung: Kent Nagano,  Chorsolist*innen des Chores der Hamburgischen Staatsoper, Chor der Hamburgischen Staatsoper (Einstudierung: Eberhard Friedrich), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Die Nase – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Aktuell, 21.08.2019

August 21, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Oper, Pressemeldung, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

7. September 2019 – Die Staatsoper Hamburg started in die neue Spielzeit

Die Nase von Dmitri Schostakowitsch  – Open-Air – Mitmachtanzprojekt

Mit der absurden Oper Die Nase von Dmitri Schostakowitsch eröffnet die Staatsoper Hamburg ihre neue Saison. Die Neuproduktion ist eine Inszenierung der Hamburger Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier unter Musikalischer Leitung des Hamburgischen Generalmusikdirektors Kent Nagano. Darin geht es um die Nase des Beamten Kowaljow, die sich aus seinem Gesicht entfernt und als Politiker Karriere macht. Die Groteske über Identitätsverlust vereint Komisches und Schreckliches zugleich: Dass eine Nase ein Eigenleben führt, schürt in der Gesellschaft die Furcht vor dem Unbekannten und endet in einer Megahysterie. Zu erleben sind unter anderem: Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljow, Levente Páll als Iwan Jakowlewitsch und Bernhard Berchtold als die Nase, in Gestalt eines Staatsrates, sowie die Ensemblemitglieder Helen Kwon, Renate Spingler, Katja Pieweck und Peter Galliard.

Die Nase – Saisoneröffnung der Staatsoper Hamburg
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Die Nase – Oper für alle: Open-Air-Übertragung

Zeitversetzt wird die Eröffnungspremiere Die Nase am 7. September ab 20.30 Uhr auf Leinwänden an drei Orten für alle Hamburgerinnen und Hamburger übertragen: Traditionell am Jungfernstieg im Rahmen des Binnenalster Filmfestes und in Zusammenarbeit mit dem Filmfest Hamburg, dem City Management Hamburg und dem „Verein lebendiger Jungfernstieg“, bereits zum zweiten Mal am Rathausmarkt Harburg und in diesem Jahr erstmalig auch in Bergedorf auf dem Freideck des Center-Parkhauses in Zusammenarbeit mit dem Marktkauf-Center.

Mittanzen: NaseAhoi!

Mit dem Partizipationsprojekt NaseAhoi! stimmt die Staatsoper Hamburg direkt am Jungfernstieg auf die Eröffnungspremiere ein: Am 7. September ab 20 Uhr können alle Tanzfreudigen zu Schostakowitschs schönsten Walzerklängen, dem Second Waltz, an der Binnenalster tanzen – alle sind willkommen: ob allein, als Paar oder Formation sowie Anfänger oder Profi, oder einfach nur zum Zugucken. Gut zu wissen: Um 19.00 Uhr und 19.30 Uhr gibt es zwei kostenlose Walzer-Auffrischungskurse in der Staatsoper Hamburg.

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 19.04.2019

April 20, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

CARMEN – Georges Bizet

Nach den Italienischen Wochen  – Nun Carmen mit Starbesetzung

von Patrik Klein

2019 wartete die Staatsoper Hamburg mit auslastungsstarkem Frühlingsprogramm auf. In den zweiten Italienische Opernwochen seit der Saison 2017/18 wurden Opern wie Verdis Nabucco in der Neuinszenierung von Kirill Serebrennikow, Verdis Rigoletto, La Traviata und Maskenball aus dem Repertoire sowie Puccinis Manon Lescaut und Rossinis Barbier von Sevilla gespielt. Alle Opern, mit guten bis sehr guten Besetzungen, bescherten der in den letzten Jahren mit Auslastungen von nur wenig über 70% überregional ins Hintertreffen geratenen Staatsoper am Dammtor beständig volles Haus und ein begeistertes Publikum.

Will man mehr?  Wenn doch, dann den Leckerbissen Carmen von Georges Bizet mit Stargast Jonas Kaufmann:  AUSVERKAUFT – seit dem ersten Tag des Vorverkaufs! In der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog aus 2014, Video Trailer siehe unten, sind weitere bekannte Sänger zu Gast, wie Clémentine Margeine als Carmen, Alexander Vinogradov – gerade brillierte er als Zaccaria in Verdis Nabucco auf der Bühne – gibt hier den wilden Torero Escamillo. Am Pult stand der italienische Dirigent Pier Giorgio Morandi.

Carmen  – Georges Bizet
youtube Trailer der Staatsoper Hamburg zur Premiere 2014
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Jens-Daniel Herzog hatte im Premierenjahr 2014 die Handlung relativ stringent und mit handwerklicher Genauigkeit von 1820 in ein Andalusien in die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt. Dies war eine Zeit, als Zigarettenschmuggel die Not lindern half und sich das Volk Stierkämpfe wenigstens live im Röhrenfernseher ansehen konnte. Vor dem Zigarettenfabrik-Bunker, auf dessen gusseisernem Tor in großen Kreidelettern „En Garde“ stand , dessen Rahmen gut als Einheitsbühnenbild funktionierte, lungerten des Diktators Franco lüstern korrupte Wachsoldaten, tummelten sich das einfache Volk und die verlorene Generation ihrer bereits ebenfalls verdorbenen Kinder, die statt mit Gewehrattrappen mit Glasflaschen bewaffnet waren.

Sergeant Don José wurde als ehemaliger Priester-Anwärter gezeichnet, der mit den Händen an der Hosennaht, vorbildlich Dienst tun wollte. Die Soldaten schleppten ihre Gewehre von einer Seite der Bühne zur anderen, der Kinderchor wuselte mit großer Hingabe, die beiden Schmuggler sahen in ihren Trash-Verkleidungen aus wie bei einer Abitur-Abschluss-Vorstellung in der geschmückten Schulaula und Escamillos Torero-Outfit, an Elvis Presley erinnernd mit goldenem Trainingsanzug, hätte selbst beim Schlagerwettbewerb einen Platzverweis kassiert.

An dem Abend kümmerte das die wenigsten, denn man war ja wegen ihm gekommen, der letztes Jahr als Cavaradossi bereits seinen seltenen Einsatz in Hamburg begann. Jonas Kaufmann war da, zuletzt gefeiert in Londons Produktion von Die Macht des Schicksals, in Hamburg an diesem Abend in bester Laune den Don José gebend.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Also stand die Musik an diesem Abend im Zentrum der Aufmerksamkeit. Pier Giorgio Morandi gilt als Spezialist im Italienischen Fach, war u.a. stellvertretender Chefdirigent am Teatro dell’Opera di Roma (1989), erster Gastdirigent an der Budapester Nationaloper (1991-1996) und erster Gastdirigent an der Königlichen Oper Stockholm. In letzter Zeit war er in Hamburg im Repertoirebereich u.a. mit Puccinis Tosca häufiger anzutreffen mit soliden, auf Sicherheit bedachten Dirigaten. Carmen, die im Oktober 1875 in Wien uraufgeführte Oper von Georges Bizet, bekam für Wien und die internationalen Bühnen eine neue Fassung mit Ballett und Rezitativen von Ernest Guiraud, die bald allen Aufführungen zugrundegelegt wurde. Librettist Ludovic Halévy hatte jedoch eine geplante Aufführung dieser Fassung an der Pariser Oper untersagt und in die Gesamtausgabe seines mit Henri Meilhac verfassten Werkes ausdrücklich die Version als „Opéra-comique“ aufgenommen. Diese Version mit gesprochenen Dialogen wurde als mithin die einzig authentische auch am Abend gespielt. Pier Gorgio Morandi dirigierte sängerfreundlich mit nahezu vorsichtigen, aber klaren Tempi, gelegentlich den Farbenreichtum und sprühende Leidenschaft, Dynamik in Bizets  Musik  vermissen lassend. Dies ließ des Betrachters Ohren noch mehr auf den Gesang der Solisten und des Chores fokussieren.

Jonas Kaufmann enttäuschte an diesem Abend in Hamburg nicht. Der Münchner, der Meisterklassen bei Hans Hotter, James King und Josef Metternich besuchte und mit seinen wichtigsten Partien wie Faust / Gounod, Don Alvaro (La forza del destino), Don Carlos, Otello, Andrea Chénier und mehr an den großen Bühnen der Welt Triumphe feiert, gab den eifersüchtigen Soldaten mit allen Facetten seiner ihn charakterisierenden Tenorstimme. Er ist noch baritonaler in seinem Klang geworden und erinnert zunehmend an den chilenischen Tenor Ramon Vinay, der in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zu den prägnantesten Stimmen seines Faches gehörte. Jonas Kaufmann beherrscht immer noch besonders die leisen Töne wie kaum ein anderer in seinem Metier. Bei den ersten Auftritten, sei es im Duett mit Micaela, wo seine perfekt geführte Stimme auf die Klänge der reinsten Liebe trifft (großartig an diesem Abend Ruzan Mantashyan als Micaela), als auch bei der Blumenarie wird es deutlich, wie er mit allen Möglichkeiten seiner Stimmkunst mühelos spielt und variiert. Zum Finale entfaltete Kaufmann seine ganze Kunst des Pianosingens. Dieser Don José wirkt wie ein flüsterndes Ungeheuer. Es berührte tief, als er Clémentine Margaines Körper umfasste: ein vor  Eifersucht wahnsinnig gewordener rasender Mörder zeigte Zartheit.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus mit Jonas Kaufmann und Clémentine Margaine © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus mit Jonas Kaufmann und Clémentine Margaine © Patrik Klein

Mit Clémentine Margaine steht Jonas Kaufmann eine ebenbürtige Partnerin auf der Bühne. Die französische Mezzosopranistin, die am Pariser Konservatorium studierte, in Partien wie u.a. Léonor (La Favorite), Amneris (Aida), Marguerite (La Damnation de Faust), Dulcinee (Don Quichotte), Dalila (Samson et Dalila) und Charlotte (Werther) ihre Schwerpunkte hat und die an den großen internationalen Bühnen zu Hause ist, gab eine Carmen, die mehr als stolze, kluge Frau zu sehen war, denn als erotische Männerfantasie. Ihre sowohl in Brust- als auch Kopflage voluminös dunkel gefärbte und feinst geführte Mezzosopranstimme unterstrich ihren Drang nach Ungebundenheit, Selbstbestimmung und Freiheit. „L’amour est un oiseau rebelle“ – „Die Liebe ist ein wilder Vogel“: In ihrer berühmten Habanera besingt sie die Unbeständigkeit des stärksten aller Gefühle mit Leidenschaft und ohne Zweifel, gewinnt so das Herz des Sergeanten Don José und bringt das Schicksal ihrer Selbst in Gange.

Als Escamillo glänzte der russische Bass Alexander Vinogradov, der am Moskauer Konservatorium studierte und mit Rollen wie u.a. Filippo II (Don Carlo), Conte di Walter (Luisa Miller), Fiesco (Simon Boccanegra), Zaccaria (Nabucco) und Méphistophélès (Faust) internationale Erfolge feierte. Den testosterongefüllten Macho gab er mit dunklem, etwas schmalem aber gut geführten Bass, bei seinem ersten Bühnenauftritt zunächst eine Pulle Schnaps austrinkend. So in Form geraten, sang er mit ebenso sicherer „Bariton-Höhe“ die berühmte und heikel schwierige Arie des Escamillo mit stark gebundener Textgebung und großer Durchdringtiefe.

Ruzan Mantashyans Micaella war ein absoluter Genuss. Die armenische Sopranistin, die in ihrem Heimatland, in Frankfurt und Paris studierte, viele internationale Auszeichnungen erhielt und ihre wichtigsten Partien u.a. als Susanna (Le Nozze di Figaro), Fiordiligi (Così fan tutte), Marguerite (Faust) und Mimì (La Bohème) an bedeutenden Häusern in Europa gab, sang mit fein geführter federleichter an Glanz und Ausdruck reicher Stimme die treue Gefährtin und Gegenspielerin Carmens, die die reine Liebe zu Don José überzeugend und zu Herzen gehend darstellte.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus mit Ruzan Mantashyan, Alexander Vinogradov, Marta Swiderska und Ziad Nehme © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus mit Ruzan Mantashyan, Alexander Vinogradov, Marta Swiderska und Ziad Nehme © Patrik Klein

Mit dem stark auftrumpfenden Tenor Ziad Nehme als Remendado, dem fein fokussierten Bariton des Viktor Rud als Dancairo, Florian Spiess als Zuniga, dem überaus prägnanten Bariton Zak Kariithi als Moralès, der wunderbaren Katharina Konradi als Frasquita, die ein wahrer Glücksgriff für das neue Ensemble der Staatsoper Hamburg geworden ist und der jungen polnischen Mezzosopranistin Marta Swiderska als Mercédès stand ein geschlossen engagiertes, hoch motiviertes und erstklassiges Ensemble auf der Bühne unterstützt von weiteren Solisten und dem präzisen, besonders im letzten Bild mit geschmuggelten Zigarettenstange winkenden und „alles billig“ deklamierenden Chor der Staatsoper Hamburg.

Entsprechend aus dem „Häuschen“ war dann nach gut drei Stunden auch das Publikum. Schön, dass es in der nächsten Saison erneut Wochen mit großen Besetzungen geben wird. Jonas Kaufmann hingegen wird man im nächsten Jahr nur noch in der Laeiszhalle Hamburg zu hören und zu sehen bekommen.

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

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