Hamburg, Laeiszhalle, Quatuor Ébène – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 13.10.2020

Oktober 12, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Laeiszhalle Hamburg

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

Quator Ebène  – Ludwig van Beethoven

Streichquartette:  D-Dur, op.18/3,  f-moll, op.95 „serioso“, e-moll, op.59/2

von Thomas Birkhahn

Ludwig van Beethoven näherte sich dem Streichquartett – dieser Königsdisziplin der Kammermusik – über Umwege. Sein Respekt vor den Leistungen der von ihm bewunderten Vorbilder Haydn und Mozart war so groß, dass er zunächst auf Streichtrios und ein Streichquintett „auswich“, bevor er sich – beauftragt von seinem Förderer Fürst Lobkowitz – im Alter von fast 30 Jahren an die Gattung heranwagte, und nach zwei Jahren intensiver Beschäftigung und teilweiser Umarbeitung sechs Quartette als sein Opus 18 veröffentlichte.

Das Quator Ebène gastierte nun am 10.10.2020 mit dem zweiten Konzert seines Beethoven-Zyklus in der Hamburger Laeiszhalle, der – verteilt auf sechs Abende – Ende November mit der „Großen Fuge“ enden wird.

Laeiszhalle Hamburg / Quatuor Ebene © Julien Mignot

Laeiszhalle Hamburg / Quatuor Ebene © Julien Mignot

Schon nach wenigen Takten wird deutlich, dass das Quator Ebène ein Ensemble auf Weltniveau ist. Das Zusammenspiel und die lupenreine Intonation der vier Musiker sind phänomenal! Alle vier haben dieselbe Klangidee, sie artikulieren wie ein Instrument. Jede musikalische Idee, jede emotionale Geste wird gemeinsam ausgeführt. Feinste Nuancierungen werden gemeinsam „durchlebt“. Dadurch ergibt sich zu jeder Zeit ein klares Bild dessen, was die Musiker durch die Musik vermitteln wollen.
Ob ihr Klangideal immer zur Musik Beethovens passt, ist eine andere Frage. Es ist ein schlanker, vibratoarmer Klang, den das Quator Ebène bevorzugt. Dadurch ergibt sich eine gute Durchhörbarkeit der einzelnen Stimmen. Die Klangfarbe hat auch etwas Metallisches an sich, man könnte sie an manchen Stellen auch als etwas unterkühlt oder fahl bezeichnen.

Dieses Klangideal wirkt am überzeugendsten im zentralen Werk des Abends, dem f-moll Quartett Opus 95, mit dem von Beethoven selber hinzugefügten Beinamen „serioso“. So wird das wütende Hauptthema von den Musikern geradezu herausgeschleudert. Die Musik changiert über weite Strecken zwischen einer tiefen, nach innen gekehrten Ernsthaftigkeit und einer für die Wiener Klassik bis dahin wohl nicht gekannten Aggression. Auch das eher lyrisch angelegte Seitenthema kann die Stimmung nicht aufhellen. Die fast brutale Kürze dieser Musik klingt beinahe wie eine Vorahnung auf Bela Bartok. Beethoven kümmert sich nicht um die Konventionen. Er lässt die Wiederholung der Exposition weg und die Durchführung hat bei ihm gerade mal 22 Takte. Es ist, als habe der Komponist hier mit zusammen gebissenen Zähnen komponiert. Die vier Musiker treffen den erstarrten Schmerz der Musik genau. Hier ist kein Wohlklang gefragt, hier herrscht keine Wärme, sondern eine grimmige Düsterkeit, die Beethoven gegenüber dem englischen Dirigenten George Smart zu der Bemerkung veranlasste, „the quartett is written for a small circle of conoisseurs and is never to be performed in public“ Seine Abkehr vom Publikum, die Beethovens Spätstil kennzeichnen wird, kündigt sich hier schon an. Diese Abkehr macht das Quator Ebène besonders im Allegretto deutlich, das man schon deutlich freundlicher gehört hat. An diesem Abend klingt der Satz erstarrt, wie unter einer Eisschicht. Die Musiker verzichten kompromisslos darauf, ihre Sicht auf das Werk zugunsten einer größeren Publikumsnähe aufzugeben.

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Das erste Werk des Abends ist das D-Dur Quartett op. 18, Nr.3, Beethovens allererste Streichquartettkomposition. Das Quator Ebène betont hier weniger das Heitere und Verspielte dieser Musik als vielmehr die ernsten Zwischentöne, die unzweifelhaft vorhanden sind. Ob diese aber – wie an diesem Abend – das Werk dominieren sollten, ist zumindest fraglich. Für die vier Musiker steht eher das Verhaltene, Zögerliche dieser Musik im Vordergrund. Eine gelöste Stimmung will sich nicht recht einstellen. Es ist dann auch nur konsequent, dass für das Quator Ebène das wunderbare Adagio eher zurückhaltend und unnahbar gespielt wird. Das fügt sich zwar konsequent in ihr Klangideal ein, aber etwas mehr innigen Gesang mit wärmerer Tongebung hätte man sich schon gewünscht.
Der Konzertabend schließt mit Beethovens Quartett in e-moll, Op.59 Nr. 2. Es ist das mittlere der drei nach ihrem Widmungsträger genannten „Rasumovsky-Quartette“. Es ist eine unruhige, zerrissene Musik, die mal aggressiv, mal zögerlich daher kommt und dem Hörer durch häufige „Richtungswechsel“ einiges abverlangt. Die Musiker überzeugen hier durch die Darstellung der unterschiedlichen Emotionen auf engstem Raum. Die Dramatik, die Beethoven vor dem Hörer ausbreitet, wird von diesem Quartett packend inszeniert. Wunderbar filigran gelingt der Beginn des Allegrettos, das den Hörer verzweifelt nach der Eins im Takt suchen lässt. Die Musik ist zunächstvon einer tänzerischen Wehmütigkeit, ganz ohne die Heiterkeit eines Scherzos, das eigentlich an dieser Stelle des Werkes stehen sollte. Im weiteren Verlauf jedoch wird die Musik plötzlich volkstümlich derb. Beethoven tauscht kurz die Ballettschuhe gegen Holzschuhe ein und man hätte sich von den Musikern gewünscht, dass sie ihr phänomenal kontrolliertes Spiel einmal zugunsten einer rustikaleren Spielweise aufgeben.

Zentraler Satz dieses Werkes ist das Adagio, das Beethoven laut seinem Schüler Carl Czerny einfiel, „als er einst den gestirnten Himmel betrachtete und an die Harmonie der Sphären dachte“. Wenn man auch mit der Authentizität solcher Zitate vorsichtig sein muss, so scheinen Zeit und Raum in dieser Musik ins Große geweitet. Der weit ausholende Gesang bleibt an diesem Abend recht kühl und distanziert. Für die Musiker scheint auch von dieser Musik keine Wärme auszugehen. Sie halten ihr Klangideal konsequent durch. Das mag man – je nach persönlichem Geschmack – bewundern oder bedauern.

Das Quator Ebène beweist an diesem Abend, dass es zur Weltspitze der Streichquartette gehört – ob man nun immer stilistisch mit ihrem Spiel einverstanden ist oder nicht. Der begeisterte Applaus nach einem fast zweistündigen Konzert ohne Pause ist wohlverdient.

 —| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

Hamburg, Laeiszhalle, Internationales Mendelssohn Festival 2020, IOCO Kritik, 01.10.2020

Oktober 1, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Laeiszhalle Hamburg

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

Internationales Mendelssohn Festival  –  Hamburg

Fontenay Classics – Schubertiade – Mendelssohn Summer School : von Niklas Schmidt zusammen geführt

von Thomas Birkhahn

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy – Düsseldorf © IOCO

Wird die Kammermusik auch in Zukunft noch ein Publikum haben?   Wenn ein international renommiertes Ensemble wie das Auryn-Quartett in der Weltstadt Hamburg auftritt, dann muss die Frage erlaubt sein, warum so viele Plätze in der Hamburger Laeiszhalle unbesetzt bleiben, die trotz der Corona-Pandemie hätten verkauft werden können. Zumal mit Mendelssohns Streichquartett a-moll op.13 und Schuberts Streichquintett C-Dur, D 956, zwei äußerst populäre Werke aufgeführt werden. Zieht heutzutage nur noch das „Event“ mit üppig besetztem Orchester in einem schicken Ambiente wie der Elbphilharmonie ein großes Publikum an? Das wäre äußerst bedauerlich, denn was die Zuhörer an diesem Abend im Rahmen des Internationalen Mendelssohn Festivals geboten bekommen, ist Kammermusik auf höchstem Niveau.

Internationales Mendelssohn Festival – Hamburg – link 

Mendelssohns a-moll Quartett op.13 von 1827 ist sein erstes, im Alter von 18 Jahren komponiertes Streichquartett. Zwei Einflüsse werden in dem Werk deutlich: Die Beschäftigung mit dem über alles bewunderten Beethoven, der kurz zuvor verstorben war und Mendelssohns eigene Liedkomposition „Frage“, die der 18-jährige Komponist vermutlich für die von ihm damals verehrte Betty Pistor komponierte.
Mendelssohn zitiert in der langsamen Einleitung aus diesem Lied die Worte „Ist es wahr?“, und erst ganz am Schluss des Quartetts wird er musikalisch die Antwort auf diese Frage geben.

Laeiszhalle Hamburg / Hier das Auryn Quartett © Manfred Esser

Laeiszhalle Hamburg / Hier das Auryn Quartett © Manfred Esser

Das Auryn-Quartett vermittelt dem Zuhörer von Anfang an ein klares Bild der emotionalen Tiefe dieser Musik eines frühreifen Genies. Schon der warme, homogene Klang des Beginns macht deutlich, dass hier vier Musiker dieselbe Klangvorstellung haben und dieselbe Idee, wie sie diese Musik vermitteln wollen. Im furiosen Allegro vivace meinen wir die fiebrige Erregung des verliebten Komponisten zu hören. Die dramatischen Gefühlsausbrüche werden – wie vom Komponisten vorgeschrieben – teilweise im Piano vorgetragen. Das Auryn-Quartett hat genau verstanden, dass hier ein Mensch sein Gefühlsleben offen legt, der so aufgewühlt ist, dass er teilweise nur noch flüstern kann.
Im langsamen Satz verwandeln sich die vier Streichinstrumente dann in Singstimmen, die mit innigster Wärme das Liedhafte dieser Musik zu Gehör bringen. Hier spannt das Auryn-Quartett die melodischen Bögen mit einer zauberhaften Innigkeit, die ans Herz geht.

Das serenadenhafte Intermezzo ist dann sehr schlicht vorgetragen und die Musiker betonen auch hier mit einer wunderbaren Zartheit das Liedhafte dieser Musik.
Ein scharfer Kontrast dann im Presto des Schlusssatzes: Es beginnt – wieder nah an der Vokalmusik – mit einem Rezitativ. Der erste Geiger Matthias Lingenfelder spielt diese Passagen so eindringlich, dass man den feurigen Felix förmlich vor sich sieht, wie er der jungen Betty Pistor sein Herz ausschüttet. Das sich anschließende furiose Presto bleibt wunderbar zwiespältig. Ist es triumphal? Ist es flehend? Ist es schmerzhaft? Das Auryn-Quartett lässt den Hörer im Ungewissen. Jeder kann für sich selbst entscheiden, wie die Musik wirken soll. Am Schluss kehrt die „Frage“ wieder, doch diesmal zitiert Mendelssohn eine komplette Liedstrophe:

Ist es wahr?
Was ich fühle,
das begreift nur,
die es mitfühlt,
und die ewig treu mir bleibt.

Spätestens jetzt wird klar, dass das ganze Werk von Mendelssohns Liebe handelt, und der nachdenkliche Schluss lässt offen, ob diese Liebe Erfüllung findet.

Schuberts Streichquintett entstand 1828, zwei Monate vor seinem frühen Tod und nur gut ein Jahr später als Mendelssohns a-moll Quartett. Es gilt zu Recht als eines der größten Kunstwerke der abendländischen Musik. Die emotionalen Tiefen, durch die der erst 31-jährige Komponist seine Zuhörer gehen lässt, sind schlicht atemberaubend. Es erfordert enorme Anforderungen an die Musiker, diese Musik dem Publikum nahe zu bringen.

Niklas Schmidt, Organisator der International Mendelssohn Festival Hamburg © Niklas Schmidt

Niklas Schmidt, Organisator der International Mendelssohn Festival Hamburg © Niklas Schmidt

Der verhaltene C-Dur-Akkord, mit dem das gewaltige Werk beginnt, kommt beim Auryn-Quartett – verstärkt am 2. Cello von Festival-Organisator Niklas Schmidt – vibratolos wie aus dem Nichts. Für einen kurzen Moment scheint die Zeit stehen zu bleiben, bevor der Akkord sich eintrübt und eine emotionale Reise beginnt, die alle Facetten dieser einzigartigen Musik ausleuchtet.

Die fünf Musiker machen auf wunderbare Weise deutlich, dass hier kein Platz für Gefälliges oder Unterhaltendes ist. Wir hören auf engstem Raum wehmütiges Flehen und trotziges Aufbegehren. Wir hören, wie die Musik im zweiten Satz nicht mehr weiter weiß und fast zum Stillstand kommt und wir werden von den schwindelerregenden Dissonanzen des Scherzos durchgeschüttelt. Hier geht es um essentielle Dinge des Lebens, und die Tiefe und Ernsthaftigkeit, mit der dieses Ensemble musiziert, gehen zu Herzen.

Der emotionale Höhepunkkt des Abends sind die herzzerreissenden Schmerzen im Mittelteil des Adagios. Sie werden mit bestürzender Intensität dargeboten. Immer neue Dissonanzen türmen sich aufeinander, schauerliche Triller gehen durch Mark und Bein, bis man als Zuhörer schließlich fast erleichtert ist, als die Musik wieder in das ruhigere Fahrwasser des Beginns zurückkehrt. Auch hier zeigen die Musiker ihre ganze Klasse, in dem sie das Drama nicht nur durch Lautstärke darstellen, sondern durch die Intensität der Klangfarben.

Dass Schubert die Musik der Wiener Klassik hinter sich gelassen hat, wird besonders im Trio des Scherzos deutlich: Hier ist nichts mehr übrig von der Heiterkeit eines Trios von Haydn oder Mozart. Hier herrscht eine tiefe Ernsthaftigkeit, ein Nachdenken über das Leben selber. Und so, wie es das Ensemble an diesem Abend spielt, ist man für einen kurzen Moment im Zweifel, ob es nach dem Trio überhaupt noch weiter geht.

Auryn-Quartett – hier 2008 aus Salzburg mit Franz Schuberts Streichquartett a-Moll
youtube Trailer Aurin-Quartett
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Aber Schubert hat natürlich noch ein Finale geschrieben. Und was für eines! Ist das Hauptthema des Finales in Dur oder Moll? Ist diese Musik heiter oder wehmütig? Darauf gibt es wohl keine eindeutigen Antworten. Auch an diesem Abend nicht. Und das ist gut so. Das Auryn-Quartett und Niklas Schmidt lassen uns im wunderbar Ungewissen. Sie bringen Momente von schwebender Zartheit hervor, um dann wieder ins Tänzerische umzuschwenken. Und immer wieder gibt es Eintrübungen nach Moll, die so gar nicht zur Tonart C-Dur passen wollen. Bis wir schließlich beim Presto des Schlusses angekommen sind. Für die fünf Musiker ist dies kein triumphales Ende, es klingt eher wie eine panische Flucht Schuberts. Vor dem Leben? Vor sich selbst? Wir wissen es nicht, aber mit dem aggressiven Vorhalt vor dem abschließenden Schlusston machen die Musiker unmissverständlich klar, dass dies kein versöhnliches Ende ist. Hier ist jemand an einem Endpunkt angekommen, ob er nun geahnt haben mag, dass sein Leben zu Ende geht, oder nicht.

Es gibt nicht oft Standing Ovations am Ende eines Kammermusik-Konzerts. Aber in diesem Fall sind sie absolut gerechtfertigt. Und die Musiker sind klug genug, nach dieser Musik von Schubert keine Zugabe mehr zu spielen.

„Ist es wahr, dass man zwei Meisterwerke der Kammermusik auf diesem Niveau erleben darf?“, möchte man ehrfürchtig fragen. Nach diesem Abend lautet die frohe Antwort: „Ja, wir haben es erlebt!“

 —| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

Hamburg, Laieszhalle, Hamburger Symphoniker – Kammerkonzert, IOCO Kritik, 23.05.2019

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

 Hamburger Symphoniker – Kammerkonzert

Mendelssohn Bartholdy, Debussy, Schumann, Reimann

von Michael Stange

Narine Yeghiyan (Sopran) und vier Streicher der Hamburger Symphoniker (Hovhannes Baghdasaryan, Makrouhi Hagel (Violine), Sebastian Marock (Viola) und Mariusz Wysocki (Violoncello)) boten am 16. Mai 2019 im Kleinen Saal der Laeiszhalle ein faszinierendes Kammerkonzert, das Romantik mit der Moderne verschmolz.

Am Beginn stand Mendelssohn Bartholdy:  Streichquartett Nr 2 a-Moll op. 13. Der erste Satz wurde vibratoreich schwingend, mit klangschönen Bögen eröffnet. Insbesondere das innige Spiel im vierten Satz verdeutlichte den tiefromantischen Bezug des Werkes und die große Meisterschaft des Komponisten.

Narine Yeghiyan, Sopranistin © Narine Yeghiyan

Narine Yeghiyan, Sopranistin © Narine Yeghiyan

Ausklang war Claude Debussy: sein einziges Streichquartett g-Moll. Als klassisch viersätziges Streichquartett kombiniert es Abwandlungen seines Kernthemas mit vielfältigen anderen Einflüssen. Das Werk besticht durch seine immense stilistische Bandbreite und Klangschönheit.

Unterschiedliche Elemente, wie gregorianische Kirchentöne, Zigeunermusik, javanesische Gamelanmusik, Einflüsse Massenets und Francks und der russischen Schule verschmelzen zu einem Klangreigen. Melodisch und interpretatorisch gekonnt variierte das Streichquartett diesen Klangteppich. Das Spiel war ungemein lebendig und intensiv. In diesem Stück waren die Musiker besonders in seinem Element. Beseeltes feuriges, Spielen, leuchtenden Farben und innige Töne gingen fließend und virtuos ineinander über.

Zwischen den beiden Kammermusikstücken standen Bearbeitungen von Aribert Reimann der Lieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann.

Zunächst erklang „..oder soll es Tod bedeuten?“. Die auf acht Mendelssohn Bartholdy-Liedern und einem Fragment fußende Bearbeitung von Aribert Reimann für Streichquartett verbindet Lieder und Auszüge daraus mit sechs hinzukomponierten Intermezzi für Streichquartett.

Sie sind Reimanns Reflexionen über die verklungenen und folgenden Gesänge. Teilweise in die musikalische Struktur eingewoben durchbrechen sie diese aber auch und setzen gegenläufige Momente. Die dem romantischen Klang gegenübergestellten Disharmonien hinterfragen den sinnenden Ton und Wort der Lieder und reichern die melancholischen Momente hinterfragend und eindringlich an.

Die Kompositionen trinken dadurch nicht die Beseeltheit der Romantik und spiegeln nicht nur die seligen Träume der Schlusszeile von „Auf den Flügeln des Gesangs“ wieder, sondern brechen die dunklen Seiten des Seelenlebens in den Liedern durch Disharmonien auf. Die auf Textvorlagen von Heinrich Heine komponierten Liedbearbeitungen Aribert Reimanns fußen auf den Sechs Gesängen Robert Schumanns. Sie kreisen um die Themen Verlust der Liebe und Einsamkeit. Die Lieder enthalten die zarte Lichtblicke von Märchen und Fantasie. Alle Figuren, einige volkstümliche Archetypen, könnten aus alten kolorierten deutschen Bilderbüchern stammen.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Schöpfend aus seiner Tätigkeit als wichtiger Klavierbegleiter für Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau fand er auch daraus Inspirationen für seine Neuinstrumentierungen. Seine Bearbeitungen heben so auch Facetten hervor, die in ihrer Zartheit und Subtilität in den ursprünglich vom Klavier begleiteten Lieder nicht in so tiefem Maße zur Geltung kommen.

Durch die Bearbeitung für Streichinstrumente werden die Lieder auf eine noch feinere, sirrendere polyphonere Ebene gehoben. Subtil greift Reimann Schumanns Einschätzung auf, dass die Singstimme allein „nicht alles wiedergeben könne“. Die feinen Züge und die Seelenqualen in den Gedichte werden durch Kompositionen neuer Klangfarben und starker Dissonanzen angereichert.

Die Streicher und der Sopran müssen einen leichten innigen Zugang zu Worten, Weisen und Reimanns Gefühlswelt finden, um sich und das Publikum in die Bearbeitungen einzuschwingen. Den vier Streichern gelang dies durch ihre klangliche Virtuosität und sie präsentierten dem Publikum viele Klangfarben wie auf einer Palette. Dadurch wurden machen die Herausforderungen Reimanns zum einem plastisch packenden Hörerlebnis.

Narine Yeghiyan ist auch gefeierte Opernsängerin an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Ihr großes Repertoire umfasst auch Mozart-Rollen wie Zerlina, Papagena und Vitellia in La Clemenza di Tito. Weitere Rollen ihres Repertoires sind Musetta in Boheme, Adina in L’elisir d‘amore und Marzellina in Fidelio. Darüber hinaus ist sie als Konzert- und Liedersängerin vielbeschäftigt.

Mit großem Stilgefühl und erlesenem Geschmack traf sie den innigen Ton der Lieder von Schumann und Mendelssohn-Bartholdy. Verhalten begann sie Mendelssohns „Leise zieht durch mein Gemüt.„ und gestaltete „Auf den Flügeln des Gesangs..“ mit schwebendem Piano. In den Dissonanzen Reimanns färbte sie die Stimme dramatisch und verdeutliche durch die Veränderung der Stimmfarben die Abgründe zwischen Reimann und den Romantikern.

Ihre stimmliche Beherrschung, Wortdeutlichkeit, Einfühlsamkeit und die Fähigkeit zur plastischen Widergabe der in den Liedern eingefangenen Momente waren berückend. Narine Yeghiyans lyrisch dramatischer Sopran vereinte betörendes südliches Timbre, große Wandlungsfähigkeit und seelenvolle Poesie. Wenn sie in die dramatischen Momente aussang, verlor die Stimme nie an Klangschönheit. Perfekt verband sie Tiefe, Mittellage und Höhe.

Eine leidenschaftliche Ausnahmesängerin mit immenser Ausstrahlung. Begeistert bejubelte das Publikum diesen bemerkenswerten Abend.

 —| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

Hamburg, Laeiszhalle, Brenda Roberts – Liederabend, IOCO Kritik, 16.01.2019

Januar 16, 2019  
Veröffentlicht unter Konzert, Laeiszhalle Hamburg, Personalie

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festspiele © IOCO

Hamburg Laeiszhalle / Telemann Festival © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

BRENDA ROBERTS –  Liederabend

Francis Poulenc, Richard Wagner,  Richard Strauss

Von Rolf Brunckhorst

Um Brenda Roberts noch einmal zu hören, hatten ihre Fans keine Mühe gescheut, um am Abend des 11. Januar 2019 in der Kleinen Laeiszhalle in Hamburg zu erscheinen. Das Programm des Abends war geschickt zusammengestellt worden, zuerst die Hallenarie der Elisabeth aus Richard Wagners Tannhäuser, dann Wagners Wesendonck-Lieder, dann neun Lieder von Francis Poulenc, und schließlich Isoldes Liebestod aus Wagners Tristan und Isolde. Schon bei der emphatischen Hallenarie war sie wieder da, die unverwechselbare Stimme der Brenda Roberts, immer noch ungewöhnlich hell im Klang für einen hochdramatischen Sopran, dabei aber von einzigartiger Durchschlagskraft. Die Wesendonck-Lieder (teilweise eine musikalische Vorübung für den Tristan) gerieten am schönsten, wenn die Stimme im Mezzaforte leicht vor sich hinfließen konnte.

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts - Liederabend © Patrik Klein

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts – Liederabend © Patrik Klein

Die Poulenc- Lieder stellten für einige Konzertbesucher eine Neuheit dar, paßten sich aber Brenda Roberts‘ Stimme trefflich an. Nach den Vorübungen in den Wesendonck-Liedern komplettierte zum Schuß Isoldes Liebestod, ruhig und verinnerlicht von der Sopranistin vorgetragen, die Anteile des Wagner-Programms. Einen großen Beitrag zum Gelingen dieses Abend leistete ihr Pianist Christian Schmitt-Engelstadt, der seine Sopranistin sorgfältigst beobachtete und bei sich anbahnenden Korrekturen sich als reaktionsschneller, flexibler und einfühlsamer Partner erwies. Fast scheint die Sängerin Glauben zu machen, daß die Marschallin in Richard Strauss‘ Der Rosenkavalier von einem kleinen Teil ihrer Philosophie abrücken muß, denn dieses „sonderbare Ding, die Zeit“, ist mit Brenda Roberts‘ Aussehen und Stimme doch sehr schonend und zurückhaltend umgegangen. Viele Fans fühlten sich daher in die Zeit zurück versetzt, als Brenda Roberts ihre weltweiten Triumphe, an der Hamburger Staatsoper, der New Yorker MET, der Wiener Staatsoper (unvergessen der Kommentar eines Wiener Philharmonikers: „Wenn Sie bei uns singen, können wir ordentlich laut spielen, Sie übertreffen jedes Orchester“), der Pariser Oper, dem Maggio Musicale Florenz, der Berliner Oper u.a. gefeiert hatte. So war es für alle Beteiligten der eingangs zitierte beglückende Abend, den Brenda Roberts und ihre Fans noch bei einem fröhlichen Beisammensein in einem gemütlichen Restaurant  ausklingen ließen.

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts - Liederabend mit Pianist Christian Schmitt-Engelstadt, © Patrik Klein

Laeiszhalle Hamburg / Brenda Roberts – Liederabend mit Pianist Christian Schmitt-Engelstadt, © Patrik Klein

Wer mehr von Brenda Roberts erfahren oder hören möchte, sei auf die ersten drei Teile der bei IOCO erschienenen Brenda-Roberts-Discographie verwiesen, deren vierter und fünfter Teil bereits in Arbeit sind. Im vierten Teil wird es vor allem um Puccini-Aufnahmen gehen, während im fünften Teil ihre Medea-Gesamtaufnahme, ihre Ariadne und ihre Lady Billows im Mittelpunkt stehen werden.

 —| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung