Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester mit „Sinfonien der Krise“, IOCO Kritik, 22.01.2018

Januar 22, 2018  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

NDR Elbphilharmonie Orchester mit Herbert Blomstedt

„Sinfonien der Krise in nobler nordischer Eleganz“

Von Guido Müller

Am 11. Januar 2018 feierte das neue Wahrzeichen Hamburgs, die Elbphilharmonie  einjährigen Geburtstag. Und zwar gut hanseatisch nicht mit einem Galakonzert großer Stars von auswärts sondern mit ihrem Hausorchester und dem langjährigen Chefdirigenten Herbert Blomstedt in einem Abonnementskonzert mit Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 und der Sinfonie Nr. 3 d-moll in der Urfassung von Anton Bruckner.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und "Sinfonien der Krise" © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und „Sinfonien der Krise“ © Daniel Dittus

Eine bessere und festlichere Kombination hätte es kaum geben können. Der noble, charmante und bescheidene Maestro aus dem hohen Norden mit der heroischen und vornehmen großen Es-Dur Sinfonie von Mozart, deren Eingangsportal mit feierlichen Punktierungen des Orchesters nach dem Vorbild der barocken Ouvertüre bereits die Töne des Erhabenen wie in seiner Oper Die Zauberflöte vorgeben. Und die große d-moll-Sinfonie Bruckners, nicht nur der Tonart nach an Beethovens Großer Neunter Sinfonie modelliert, mit der die Elphi vor einem Jahr eröffnet wurde (Foto) – und dirigiert vom bedeutendsten Bruckner-Dirigenten unserer Tage. Schon diese Programmierung macht deutlich, wie intelligent und bewußt der neunzigjährige Altmeister aus Schweden seine  Konzertprogramme zusammenstellt.

Bruckners dritte Sinfonie, die er als sein Schmerzenskind in drei Fassungen von 1874, 1877 und schließlich 1890 hinterlassen hat, hat noch den Beinamen „mit der Trompete“ – aufgrund des charakteristischen Trompetenmotivs – und „Wagner-Sinfonie“, aufgrund der Widmung  Bruckners nach seinem Bayreuthbesuch an seinen zweiten neben Gott am meisten verehrten  und angebeteten Meister Richard Wagner.

 Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf

Wie der NRD-Dramaturg Julius Heile in seinem ausgezeichneten Einführungsvortrag plastisch mit Tonbeispielen zeigte, ist die Urfassung auch voller Themen und Motive aus Richard Wagners Opern wie das berühmte Tristan-Motiv aus Tristan und Isolde, aus Isoldes Liebestod, das Schlafmotiv aus der Walküre und aus dem Chorauftritt im zweiten Aufzug  Lohengrin. Diese huldigenden Wagner-Zitate strich Bruckner später nach den totalen Mißerfolgen der ersten Konzerte wieder. Die Wiener Philharmoniker hatten sich der  Aufführung 1874 verweigert.

Wagner selber bezeichnete in seiner ironisch-sarkastischen Art den Verehrer aus Linz aufgrund dieser Sinfonie als „die Trompete“. Bruckner zitierte aber nicht nur unterwürfig den Bayreuther Meister sondern auch sich selber selbstbewusst mit der Zweiten Sinfonie. Damit  wird deutlich, wie durchaus seiner kompositorischen Fähigkeiten bewußt der sonst voller Skrupel und Unterwürfigkeit auftretende und leicht zu verunsichernde Organist von Sankt  Florian eigentlich war. Auch im Finale der dritten Sinfonie in der Urfassung zitiert Bruckner selbstreferentiell und selbstbewusst bereits in dem ihm eigenen Verfahren Themen aus den ersten drei Sätzen seiner Sinfonie.

Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus

Vor Mozarts „Erhabener“ und der „Wagner-Sinfonie“ Bruckners mit der Trompete in der   Urfassung, die Bruckner selber nie gehört hatte, wurde das einjährige Elbphilharmonie –   Jubiläum mit einer festlichen Blechbläserfanfare von Simone Candotto, die das Oboen-Solostück zur Elphi-Eröffnung 2017 verwendet, sowie einer kurzen Ansprache von Generalintendant Christoph Lieben-Seutter gewürdigt.

Darauf folgte Mozarts erste Sinfonie aus der großen sinfonischen Trias des Krisenjahrs 1788. In diesem Jahr hatte Mozart gesellschaftlich seinen Zenit überschritten, hatte als Unternehmer  in Wien keine Erfolge mehr und sank sein Einkommen drastisch. Im Jahr zuvor war sein  Vater gestorben und Mozart verfiel in seelische Depression und Melancholie. Trotzdem  entfaltete er gerade in dieser Zeit eine enorme kreative Produktivität wie mit den in nur neun Wochen geschriebenen großen letzten Sinfonien, deren Auftrag oder Anlass wir nicht kennen.

Das oftmals mit solchen Attributen wie „glücklich“, „liebenswürdig“ und „heroisch“             bezeichnete Stück steht mit einem Bein noch in der überkommenen Tradition gepflegter Unterhaltung. Auf der anderen Seite zeugt es aber auch von der „Auseinandersetzung des Individuums mit mächtigen, bisweilen übermächtig erscheinenden Kräften“ (Martin Geck). Der „Gestus des Erhabenen“ (Julius Heile im Einführungstext des Programms, S. 7) manifestiert sich in der nebenbei auch freimaurerischen Tonart Es-Dur und schließt bei Mozart aber auch scheinbare Unordnung mit vielerlei Kontrasten ein.

„Die heroischen und elegischen Züge der Sinfonie, das F-moll Thema des Andantes,  besonders im Adagio, die heftigen Zweiunddreißigstel und die Herzens-Seufzer kurz bevor sich die krause Stimmung in lächelnde Heiterkeit auflöst, sind reale Erlebnisse, an denen nicht zu zweifeln ist.“ (Theodor Kroyer,1933). Diese innere Gegensätzlichkeit und scheinbare Unordnung, sicher biographisch begründet, zwischen dem ungewöhnlich zarten Thema des 1. Satzes nach der pompösen Einleitung oder dem dunklen h-moll Einbruch des Andantes ist bezeichnend für diese Sinfonie des Umbruchs kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789. Ebenso auch der das Versprechen der majestätischen Sinfonie-Eröffnung à la Ancien Regime so gar nicht  einlösende, ja geradezu in Frage stellende unschließende offene Schluss des à la Altmeister   Haydn wirbelnden Allegro-Finales voll Mozartischer Unfasslichkeiten und Überraschungen.

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO

Herbert Blomstedt dirigiert nun einen nie aufdringlichen, nie aufgeregten Mozart. Zart und  ernst, leicht federnd und mit der nötigen Dramatik und Tiefe, zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Sinfonieorchester atmend gestaltet er den Übergang vom Adagio zum Allegro des 1. Satzes mit philosophisch rhetorischer Eleganz des Grandseigneurs. Die existentielle Dramatik kommt im voll aufblühenden und duftigen Klang des überragend musizierenden Orchesters ganz zu ihrem Recht. Herausragend immer wieder der Stimmführer der Flöten Wolfgang Ritter. Im Menuett explodiert der Tanz förmlich mit einem zugleich luftig wie männlich-markant aufspielenden Trio. Dabei spielt der Klarinettist Gaspare Buonomano mit aller italienisch-Wienerischen Eleganz. Im Andante steuert das Fagott von Magnus Koch-Jensen die zauberhafte Kantilene bei. Auch im Duett mit Sonja Starke. Im Finale gestaltet Blomstedt mit dem meisterhaft spielenden Orchester eine perfekte Terrassendynamik und ruft bei den Mitgliedern des auf der Stuhlkante musizierenden Orchestere Lächeln und Freude in die  Gesichter. Selbstverständlich dirigiert Blomstedt den Mozart ebenso wie den Bruckner auswenig. Nur ein kleines rot eingeschlagenes Heft auf dem Pult bezeugt die Demut des lediglich ausführenden Kapellmeister-Dirigenten vor der Komposition und dem Komponisten.

Zu Bruckner hatte Herbert Blomstedt bereits als junger Student vor bald 70 Jahren ein besonderes Verhältnis. Mit seinem älteren Bruder pfiffen sie nach einem Besuch der Vierten  Sinfonie Bruckners die Themen nach, um sie nicht zu vergessen, und bei den schönen Stellen klopften sie sich gegenseitig leicht auf die Knie. Die Auseinandersetzung mit Bruckner war für Blomstedt „anfangs – bevor die intellektuelle Aufarbeitung kam – vor allem ein sehr emotionales, fantastisches Erlebnis„, das ihn seitdem nicht los gelassen hat. (zitiert nach dem Programmzettel) Genauso ergeht es sicher den meisten Hörern beim erstmaligen Besuch einer Bruckner-Sinfonie.

Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein

Und dieses großartige emotionale Erlebnis garantiert heute Blomstedt, wenn er auf der ganzen Welt immer wieder Bruckner dirigiert, wie an diesem unvergesslichen Abend in Hamburg mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester.

Wenn der Bruckner-Kritiker Hanslick 1877 das gehässige Verdikt über die Dritte ausspricht,  sie sei eine „Vision, wie Beethovens ‚Neunte‘ mit Wagners ‚Walküre‘ Freundschaft schließt    und endlich unter die Hufe ihrer Pferde gerät“ (Programm, S. 9), so empfinden wir das heute   in der meisterlichen Interpretation durch Blomstedt als Kompliment. Den ersten großen Satz   der Dritten als Sonatensatz mit drei Themengruppen in der Exposition gestaltet Blomstedt bereits im Trompetensignal (hervorragend Guillaume Couloumy) über dem pulsierenden Klangteppich der herausragenden Streicher unter Konzertmeister Stefan Wagner nomen est omen, kann man hier sagen –  als erhabene festliche „Welt-Enstehungsmusik“. Blomstedt gelingt dabei gestalterisch auf das Faszinierendste den ganz großen Bogen zu schlagen zur Wiederkehr des signalartigen Trompetenmotivs in den letzten Takten des Finales und triumphalen Zieles der gesamten Sinfonie. Die wuchtigen Blechbläsersteiherungen lassen den Zuhörer den Atem anhalten (Hörner mit Jens Plücker, Posaunen mit Stefan Geiger und Uwe  Leinbacher (Bassposaune). Ähnlich wie in Mozarts Es-Dur Sinfonie atmet Bruckners Scherzo des 3. Satzes in der Ländler-Melodie des 2. Abschnitts und im Trio im Dreiertakt Wiener Eleganz. Wie in einer Bruckner-Sinfonie zeichnen diese Querbezüge immer auch die Konzertprogramme Blomstedts aus.

Im Finale kombiniert Bruckner Sphären des mit grober Pranke dreinschlagenden Hauptthemas mit einer charmant schmeichelnden Polka und einem Choral der Hörner (Jens Plücker, Dave Claessen, Adrian Diaz Martinez, besonders Nuria Rodrigez hervorragend!).  Alle Themen der vorherigen Sätze spielt Bruckner kurz vor Schluss des Finales nochmals kurz an. Dies wirkt innerhalb der Sinfonie wie eine Reminiszenz auf das vorhergehende Geschehen und erlaubt dem Zuhörer gedanklich gleichsam sich der vielen großartigen Momente eines Elphi-Jahres zu erinnern.

Mit enormer geistiger Wachheit, körperlicher Präsenz, Herzlichkeit und manchmal bübischer Fröhlichkeit, charmant, nobel und uneitel dirigiert Herbert Blomstedt als absolute Ausnahmeerscheinung unter den Dirigenten unserer Zeit mit Konzentration auf Wesentliche, größtmöglicher Präzision und geradezu hartnäckiger Durchsetzung seiner ästhetischen Anschauungen nicht nur Mozart und Bruckner. Sondern ebenso souverän und fröhlich stellt er sich auch den dankbaren Ovationen und dem Beifallsorkan des Hamburger Publikums.

Ein schöneres Geburtstagsgeschenk konnte Chefdirigent Herbert Blomstedt mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester den Hamburgern und vielen Besuchern von weit her nicht machen. Das Konzert wurde aufgezeichnet und im NDR übertragen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Der Messias von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 11.12.2017

Dezember 11, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Der Messias von Georg Friedrich Händel

Symphonischer Chor Hamburg –  Der Messias –  Elbipolis Barockorchester

Von Patrik Klein

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Lasse ich meine Gedanken mehr als 30 Jahre zurückschweifen und schaue mit etwas verklärter Sicht auf damalige Erlebnisse, so füllt immer wieder eine Erinnerung meine Sinne: die wunderbare Zeit in einem bedeutenden Oratorienchor. Damals, in meiner Studienzeit in Wuppertal, knüpfte ich erste tiefe Kontakte zur klassischen Musik. Neben regelmäßigen Besuchen im Barmer Opernhaus, das ich in den folgenden Jahre sehr  schätzen lernte, folgte der unbedingte Wunsch, selbst musikalisch tätig zu werden.

Der Messias – Erinnerungen und Gefühle „aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten“

Meine Frau und ich sangen als Sopran bzw. Bass im Schubert Bund Wuppertal und dem später schlicht umbenannten Symphonischen Chor  bei vielen Werken meist in der Stadthalle der Stadt mit der Schwebebahn mit großem Symphonieorchester und Gesangssolisten. Unter dem Dirigenten Franz Lamprecht und unter Mitwirkung weiterer Chöre aus Düsseldorf und Hilden wurden etliche Meisterwerke aus der Chorliteratur und ganz besonders Händels Messias über viele Wochen geprobt, einstudiert, jede Menge Sonderproben kurz vor den Aufführungen mit großer Leidenschaft durchgeführt und schließlich überregional beachtete Konzerte zu Wege gebracht.

Der Messias in Wuppertal - 1987 - Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Der Messias in Wuppertal – 1987 – Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Heute mehr als 30 Jahre danach muss ich die Gelegenheit beim Schopfe greifen und den Symphonischen Chor Hamburg im Juwel der Hansestadt, in der Elbphilharmonie, mit Händels Werk erneut erleben.

Der Symphonische Chor Hamburg gehört mit seinen heute etwa 140 aktiven Mitgliedern (95 Damen und 46 Herren) zu den renommiertesten und traditionsreichsten Chören Hamburgs. 1886 gegründet, wird er seit 1985 von Matthias Janz geleitet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben den großen und bekannten Werken der Chorliteratur auch selten zu hörende Kompositionen zur Aufführung zu bringen. Mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg und den Solisten Johanna Winkel (Sopran), Geneviève Tschumi (Alt), Markus Schäfer (Tenor) und Thomas Laske (Bass) stehen namhafte Musikerinnen und Musiker auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg.

Der Messias von Georg Friedrich Händel gehört bis heute zu den populärsten Beispielen geistlicher Musik des christlichen Abendlandes. Er erzählt die Heilsgeschichte. Sein populäres Oratorium beginnt mit Worten des Propheten Jesaja, die das Ebnen der Wege als eine Voraussetzung für die Ankunft des Gottessohnes verkündigen. Und es  ist ein Oratorium ohne Handlung.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg - hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg – hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Händel übernahm die Struktur von der italienischen Oper und gliederte das Werk in drei Teile: der erste Teil umfasst dieVerheißung des Messias und die Weihnachtsgeschichte. Er schließt mit einer Betrachtung über das Werk des Heilandes. Im zweiten Teil wird der Osterkreis beschrieben: Passion und Auferstehung Der finale dritte Teil schließlich stellt eine Danksagung an den Messias für die Überwindung des Todes dar: „Erlösung„.

Charles Jennens war als Textdichter des Werkes alles andere als glücklich gewesen, da Händel seine Version ausschließlich aus, zumeist alttestamentarischen Bibelstellen entwickelte, die das Geschehen eher reflektieren als darstellen: ein absolutes Novum. Das hinderte Händel nicht daran, in den Arien alle Register seiner Opernerfahrung zu ziehen.

Das Werk wurde am 13. April 1742 in der Dubliner Music Hall uraufgeführt. Damals hieß es: „Dieses Oratorium übertrifft bei weitem alles, was je in dieser Art in diesem oder einem anderen Königreich aufgeführt worden ist. Worte vermögen die Ergriffenheit des Publikums nicht auszudrücken.“ Händel selbst bemerkte: „Ich würde bedauern, wenn ich meine Zuhörer nur unterhalten hätte; ich wünschte sie zu bessern„.  Die Londoner Premiere ein Jahr später wurde relativ kühl aufgenommen. Einige Kritiker sprachen sogar von „Blasphemie“. Aber noch zu Händels Lebzeiten wurde Messias zu seinem meistgespielten Oratorium, an dem er aber immer wieder je nach den Erfordernissen und Umständen der Aufführung Anpassungen vornahm. Nachdem die Uraufführung in Dublin noch relativ klein besetzt gewesen war, wuchsen die Chöre und Orchester proportional zum Erfolg des Messias. Bei einer Aufführung im Londoner Crystal Palace wirkten 1857  über 2.000 Sänger und 500 Musiker mit.

Die erste Aufführung in Deutschland fand 1772 in Hamburg unter der Leitung des Engländers Michael Arne statt. Die erste deutschsprachige Aufführung dirigierte, ebenfalls in Hamburg, C. Ph. E. Bach im Jahr 1775. In späteren Jahren wurde das Werk oft umgearbeitet und uminstrumentiert. Die bedeutendste Bearbeitung schuf Mozart 1789 für eine Aufführung des Barons von Swieten in Wien unter Hinzunahme von Klarinetten, Hörnern und Posaunen.

Der Symphonische Chor Hamburg  hatte nun zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Aufführung im großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg durchzuführen. Man setzte sich als erster Chor überhaupt gegen die Konkurrenz von vielen anderen namhaften Chören der Region durch und bereitete sich noch nie in der Geschichte des Chores so intensiv auf ein Konzert vor. Zudem präsentierte man den Hörern die ungekürzte Version des Stückes in der englischen Originalsprache mit einer Aufführungsdauer von beinahe dreieinhalb Stunden incl. zwei Pausen. Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten und wurde speziell für Alte Musik auf 415 Hz gestimmt.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Die Aufführung des Symphonischen Chor Hamburg mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg bestach durch ausgewogene Stimmen, klangliche und stilistische Sicherheit und Intonationsgenauigkeit.  Pointiert gestaltete Matthias Janz die unterschiedlichen Passagen mit großem Einfühlungsvermögen. Die ohne Kürzungen entstehende Länge des Stückes wurden durch zwei Pausen aufgelockert, wenn nicht gar „gewürzt“.

 Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske

Das Solistenquartett bestand aus bewährten Sängerinnen und Sängern, die Rezitative und Arien souverän darboten. Johanna Winkel, die bereits bei einem Soloabend im Musikverein Wien und als Walküre bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mitwirkte, sang mit zauberhafter Leichtigkeit und wirkungsvollster Stimme des Abends. Sie agiert mit frischem, klarem Sopran und feinem abgedunkelten Timbre textverständlich, mit facettenreichen Farben, sicheren Koloraturen, präzise und klangschön bis in die Spitzentöne.  Geneviève Tschumi  bestach mit weicher, schlanker Altstimme und erfüllte ihren Part mit vokaler Geschmeidigkeit. Der Tenor Markus Schäfer, ehemals engagiert an der Hamburgischen Staatsoper, artikulierte mit großer Textverständlichkeit die Rezitative und angenehmer Frische seine Arien. Er sang sicher mit exakter Intonation, sauberen Läufen und Koloraturen. Thomas Laske verfügt über einen flexiblen gestaltenden  Bass mit Tiefe und  ausreichendem Volumen. Durch die besondere Anordnung der Sänger kamen Händels Rezitative und Arien sehr eindrucksvoll zur Geltung. Die Sopranistin stand im Zentrum des Orchesters, wo hingegen Alt, Tenor und Bass deutlich weit nach rechts an der Rampe des Podiums positioniert waren.

Spieltechnisch blieb das Elbipolis Barockorchester Hamburg den Sängerinnen und Sängern nichts schuldig. Als homogener, sicherer Klangkörper bot das Orchester sowohl in Klangschönheit wie auch in Genauigkeit ein glanzvolles Bild. Das Orchester war in barocker Form aufgestellt mit Laute (Theobe) im Zentrum, zwei Bässen, Celli (zwischen die Beine geklemmt) und Fagott zur rechten Seite des Dirigenten. Das Harmonium, Violinen und Bratschen waren im Zentrum positioniert und wurden linksseitig flankiert von 2 Pauken, 2 barocken Trompeten und 2 Oboen.

Matthias Janz führte den Klangkörper mit großem Einfühlungsvermögen zunächst mit etwas vorsichtigem Tempo, dann aber mit luftigem, transparenten Klang immer furioser und sicher werdend. Er traf den Charakter des Werkes in seiner Strahlkraft und positiven Aussage und führte Ensembles und Solisten mit sicherer Hand sowohl in straffen, temporeichen wie auch gesanglich weichen Partien.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Besonders bemerkenswert der wuchtige Klang des riesigen, den Saal mehr als erfüllenden Symphonischen Chores Hamburg. Die mittig positionierten Herrenstimmen des Tenors und Bass wurden flankiert von den Damen des Sopran und Alt. Bei der ersten bekannten Fuge „For unto us a Child is born“ lief der Chor zur Höchstform auf mit präziser, textverständlicher Sprache, trennungscharf in den vielen Wiederholungen und Händelschen Läufen. „Wonderful“. Auch im zweiten Teil „Ba-Rockte“ es vom Allerfeinsten. Der Chor wird immer sicherer, präziser und eindrucksvoller in Gestaltung und Klang. Gelegentlich überstrahlte der Chor das recht klein besetzte Orchester. Hier wäre ein wenig Zurückhaltung angebracht gewesen, aber wer mag es den begeistert agierenden Chormitgliedern verdenken, beim ersten Mal hier in der Elbphilharmonie Hamburg voll aufzudrehen. Sehr schön am Ende des zweiten Teils das jedem bekannte „Hallelujah, for the Lord God“. Hier ging es mit Pauken und Trompeten in den Himmel des Chorglücks. Ich musste mich beherrschen, nicht lauthals mitzusingen. Der dritte Teil beginnt mit der schönsten Arie und Stimme des Abends. Johanna Winkel singt ergreifend „I know that my Redeemer liveth“ und erklärt uns eindrucksvoll, dass ihr Erlöser lebt und vom Tode auferstanden ist. Hier erstrahlt ihr ganzes Können, die Töne schwellen wunderbar, gar aufregend an, von feinstem Legato geprägt. Das herrliche Trompetensolo begleitet den Bass von Thomas Laske bei seiner schön gestalteten Arie „The trumpet shall sound“. In den beiden Schlusschören „Worthy is the Lamb“ und „Amen“ noch einmal wuchtig und alles überstrahlend der Hamburger Chor alle Register seines Könnens ziehend, alle Mühe der vielen Proben und Entbehrungen vergessen machend, die prächtigen Farben in Händels Musik auftragend.

Der Symphonische Chor Hamburg lieferte ein triumphales Debut im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg. Das Publikum bedankte sich nach dreieinhalb Stunden Konzertdauer mit Jubel, anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen. In meiner Vita gefangen, träumte ich, wünschte ich, Teil dieses so wunderbaren Oratorienchores zu sein.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 19.11.2017

November 19, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze

 SWR Symphonieorchester, Peter Eötvös,  große Chören, namhafte Solisten

Von Patrik Klein

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt durch Globalisierung, HighTech, Überinformation, Populismus, Kultur- und Politikverdrossenheit. Wie haben sich die Zeiten verändert seit den stürmischen und die Republik verändernden 68er Jahren? Kann eine Wiederaufnahme in Hamburgs neuem Wahrzeichen nach dem Abbruch der Uraufführung 1968 und der dann erst im Jahr 2001 stattgefundenen Aufführung in Hamburg unter Ingo Metzmacher noch aufrütteln?
Stein des Anstoßes war damals ein Stück von Hans Werner Henze, das als Protest gegen das „Kultur-Establishment“ von Studenten und „Radikalen Linken“ herhalten musste. Auch Henze geriet hierbei als „Salonkommunist“ in die Schusslinie. Was war geschehen?

Skandal bei der Uraufführung 1968: Erregt er noch heute die Gemüter?

Am 9. Dezember 1968 sollte wegen Unzulänglichkeiten auf der Bühne der Musikhalle die Uraufführung des Auftragswerkes des NDR Das Floß der Medusa von Hans Werner Henze in einer großen Halle in Planten un Blomen stattfinden.

 Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

 Im Mittelpunkt der Handlung steht das historische Drama um die Fregatte Medusa. Das Schiff kentert 1816 auf der Reise in den Senegal. Schiffbrüchige kämpfen auf einem Floß brutal um ihr Überleben. Ein Bericht über das unmenschliche Verhalten von Kapitän, Oberschicht und Geistlichkeit, die in den sicheren Rettungsbooten sitzen, die Mannschaft auf das gebaute Floß verfrachten und die Leinen kappen, sorgt für Empörung und revolutionäre Stimmungen am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Bereits im Vorfeld der geplanten Aufführung in Hamburg überschlugen sich die politischen Ereignisse. Es gab Streit über eine Widmung des Werkes für Che Guevara, der sich gerade bei den „Linken“ als Ikone entwickelte. Gleichzeitig gab es eine Konferenz über die Wirren des Vietnamkriegs und das Attentat auf Rudi Dutschke, der mit Hans Werner Henze bekannt war. Der Komponist solidarisierte sich weitgehend mit den sich entwickelnden Protestbewegungen und verlangte, dass „die isolierte und vereinsamte Jugend eine Art Ermutigung bekomme“.

Die Uraufführung, besetzt mit Stars der Opern- und Schauspielszene, dem Chor und Orchester des NDR, wurde live im Radio übertragen. Es kam zu einem handfesten Eklat,  denn man skandierte im Publikum  „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Die live-Übertragung  musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden. Dem Publikum am Radio wurde dann eine Aufzeichnung der Generalprobe serviert. Die Polizei musste einschreiten, Handgemenge bändigen, Verhaftungen durchführen. Allerdings hat sie sich dabei, man denke an die aktuellen Diskussionen zu den Ausschreitungen zum G20- Gipfel, mit gelegentliche großer Härte auch Kritik eingehandelt. Der Protest der Hamburger Studenten hatte sich nicht gegen Henze gerichtet, sondern sie protestierten gegen das Konzert als „Ritual eines bourgeoisen Publikums“.

Der Intendant der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter, der mit spannenden und teilweise ungewöhnlichen Programmen seit vielen Jahren in Hamburg erfolgreich wirkt, wagt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Werk Henzes und setzt dem rund 75 Minuten dauernden Oratorium noch eine aktualisierende Komponente hinzu, in der die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit Teilen aus ihrem Werk Die Schutzbefohlenen im Fokus steht. Es handelt sich hierbei um ein Sprachkunstwerk aus dem Jahr 2013, in dem sie sich kritisch mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen auseinandersetzt.

Eingeladen wurde das SWR Symphonieorchester unter der Leitung des ungarisch/rumänischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös, der in der vergangenen Saison an der Hamburgischen Staatsoper mit dem Dirigat seiner eigenen Oper Senza Sangue und Bartoks Herzog Blaubarts Burg fulminante Akzente setzte. Als Chöre fungieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, der WDR Rundfunkchor und die Freiburger Domsingknaben. Peter Stein, der ehemalige Regisseur und Theaterleiter an der Berliner Schaubühne, wurde als Sprecher des Prologes von Elfriede Jelinek und der Oper von Henze verpflichtet. Die Sopranpartie übernimmt die weltbekannte Sopranistin aus Finnland Camilla Nylund und Bariton ist Peter Schöne, der kurzfristig für den erkrankten Matthias Goerne einspringt. Das Konzert wurde ebenfalls in dieser Besetzung am 15.11.2017 im Konzertsaal Freiburg gegeben.

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Der Prolog von Jelinek thematisiert den geheuchelte Menschenrechtsdiskurs im zeitgenössischen Mainstream des öffentlichen Disputs. Dem wird ein thematisch verwandter, aber positiver Ausgang in der ältesten überlieferten griechischen Tragödie gegenübergestellt. Es wird bezweifelt, dass heutige Regierungspolitiker der EU-Staaten noch den vielgepriesenen humanistischen Idealen der Antike verbunden sind. Jelinek entlarvt die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, indem sie eine hohe Sprache immer wieder ins Ironische abgleiten lässt, unter anderem wenn es um Äußerungen von sogenannten „Wutbürgern“ und das „Walten der mächtigen Willkür-Götter der Ökonomie“ geht. Peter Stein, mittig auf der noch leeren Bühne an einem schwarzen Tisch sitzend, liest ca. 10 Minuten aus dem Werk der Nobelpreisträgerin. Von ruhig besonnen, einfühlsam, authentisch, flüssig bis knarzend aufbrausend, mal abgehackt, innehaltend, energisch und fragend ins Publikum blickend, lässt er die Facetten seines Könnens aufblitzen. Textverständlich ist es oftmals leider nicht. Hier offenbart sich eine der wenigen Schwächen der Akustik in der Elbphilharmonie. Sprechstimme ohne Verstärkung klingt in manchen Blöcken zu leise. Daher greift man zu Verstärkeranlagen, die es zwar hörbarer, aber durch Doppelklänge und Überlagerungen nicht immer besser machen.

Seit 1982 beschäftige ich mich nunmehr mit klassischer Musik in Theatern und Konzertsälen in Europa mit zunehmender Freude und Eindringtiefe. Und ich gestehe gerne, dass mir die zeitgenössische Musik von Anfang an gewisse „Hörbefindlichkeiten“ beschert hat. Dennoch habe ich nie ein Stück eines lebenden Komponisten umschifft oder gar verteufelt, mir immer sagend, dass Hörgewohnheiten und geprägten Vorlieben auch in Zeiten heute längst als Gassenhauer geltender Musikstücke z. B. zu Zeiten Mozarts beim Publikum ähnlich kritisch aufgenommen worden sind.

Henzes Oper Das Floß der Medusa geht es dabei nicht anders, wenn ich sie zum ersten Mal zu Hause höre und mich manchmal zwingen muss „dabeizubleiben“. Zum Glück ist das Erlebnis dann „live“ im Konzertsaal von ganz anderer Dimension:

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - Camilla Nylund "La Mort" und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – Camilla Nylund „La Mort“ und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Die Protagonisten des Oratoriums füllen mittlerweile die riesige Bühne. Für die drei Chöre (SWR Vokalensemble; Leitung Florian Benfer und Robert Blank, WDR Rundfunkchor; Leitung Robert Blank und die Freiburger Domsingknaben; Leitung Boris Böhmann) wurde der Block hinter dem Orchester ausgeräumt, um dem großen „Instrument“ auf dem Podium Freiräume zu schaffen. Die in rot gekleideten Knaben aus Freiburg fallen nicht nur durch ihre Farbe auf, sondern auch durch Dantes Versen angelehnten Gesang in Italienisch , unterstützt von ihrem mitten unter ihnen sitzenden Chorleiter, der sie durch die höchstschwierige Partie leitet. Die Damen und Herren vom SWR und WDR umsäumen die jungen Menschen in schwarz. Wegen der Enge des Blockes verzichtet man auf das Wechseln von Personen von der Seite der Lebenden (links) ins Reich der Toten (rechts). Das ist auch gar nicht unbedingt notwendig, da die Anordnung des Orchesters und die benutzten Instrumente genau diese Trennung musikalisch aufs Äußerste darstellen. Das Orchester teilt den linken Bereich in den der Lebenden, meist Bläser, die mit ihrem Atem Töne erzeugen, wohingegen der rechte Bereich mit Streichern besetzt ist, die Tod und Atemlosigkeit darstellen. Das Blech ist riesig besetzt, die Streicher werden unterstützt durch elektrische Gitarren und es gibt allerlei Schlagwerk neben den Pauken, Blechfolien, Glocken, Xylofonen und einem Flügel.

Es sind vor allem die dramatischen Momente, in denen das Entsetzliche des Geschehens klanglich so umgesetzt wird, dass es den Zuhörer, ob affin zur modernen Musik oder nicht, anspricht, fesselt und fasziniert. So ballt sich gerade in den Chören die nackte Angst in dissonanten Stimmungen zusammen. Wenn am Ende des ersten Teils des Oratoriums mit feinsten Klängen der Männerchor die Lebenden in das Totenreich locken, wird die Düsterheit an dieser Stelle der Musik von Henze ganz besonders deutlich. Die nochmalige Steigerung der Dramatik am Ende des Werkes zu einem fulminanten rhythmischen Marsch lässt nun endgültig appellartig das Publikum erschaudern.

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Der Bariton Peter Schöne, der bravoröse Einspringer für den vorgesehenen Matthias Goerne, gestaltet die Riesenrolle des Führers auf dem Floß „Jean-Charles“ mit perfekter Wortbehandlung und stimmlicher Farbenvielfalt. Sein feiner, schlanker Bariton klingt klar bis ins kleinste Detail auch bei den vielen stimmlichen Ausbrüchen ins Dramatische. Die Sopranistin Camilla Nylund singt „La Mort“, die ins Reich der Toten hineinziehende, mit geradezu überirdischen Tönen ergreifend. Ihre wundervolle lyrische Sopranstimme wechselt scheinbar mühelos vom fein zeichnenden Piano bis ins Hochdramatische Forte. Und last but not least die zentrale Figur des Kommentators und „Charon“, von Peter Stein nun im Stehen, prägnant, präzis und mit großer emotionaler Beteiligung gestaltet. Gelegentlich mangelte es etwas an der Textverständlichkeit, was wiederum auch auf die benutzte Verstärkeranlage zurückzuführen ist. Der Dirigent Peter Eötvös hält die Chöre, Solisten und das SWR Symphonieorchester taktstocklos zusammen und sorgt mit seinem transparenten Stil für Klarheit und Ausdruck, die oftmals den Atem anhalten lassen.

Das Publikum reagiert fast wie zu erwarten war mit lang andauerndem stürmischen Beifall für alle Beteiligten. Es gibt keine Proteste, keine Aufschreie und keine politischen Bekundungen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Thematik innerlich aufwühlt, aufrüttelt, individuelles Verhalten überprüft und beeinflusst. Henzes Gleichnis Das Floß der Medusa mit der Botschaft gegen Gewalt und Unmenschlichkeit ist so aktuell wie nie, denn auch im Jahr 2017 treiben auf dem Mittelmeer Boote mit hungernden und sterbenden Menschen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Konzert Philippe Jaroussky – Ensemble Artaserse, IOCO Kritik, 11.11.2017

November 11, 2017  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse

Arien aus Opern von  Georg Friedrich Händel

Von Sebastian Siercke 

Große Stimmen Von Pro Arte Konzertreihe in der Elbphilharmonie präsentiert. 07.11.2017 – Erstes Konzert dieser Reihe am 7.11.2017 mit  Philippe Jaroussky

 Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse © Patrik Klein

Wenn man unter dem Titel Große Stimmen nun Heldentenöre und hochdramatische Soprane erwartet, ist ein Countertenor zunächst einmal etwas verblüffend.

Grabplatte - Georg Friedrich Händel © IOCO

Grabplatte – Georg Friedrich Händel © IOCO

Was der weltbekannte Philippe Jaroussky, der in der letzten Saison Artist in Residence beim hiesigen NDR-Elbphilharmonieorchester war, uns an die Elbe brachte, war dann allerdings ganz große Kunst und sehr große Stimme in unglaublicher Perfektion. Das Programm bestand abwechselnd aus händelschen Orchesterstücken, hauptsächlich Teilen aus dessen Concerti grossi und Arien aus den sieben Opern Ezio, Flavio, Siroe, Imeneo, Radamisto, Giustino, Tolomeo  von Georg Friedrich Händel.

Das von Jaroussky mitgegründete Ensemble Artaserse spielte die kurzen Orchesterparts wunderbar. Dieses Ensemble hätte es verdient, auch alleine in diesem Haus konzertieren zu dürfen. Star des Abends war aber natürlich der Franzose Philippe Jaroussky! Der Begriff „engelsgleich“ ist für einen Countertenor zwar etwas abgegriffen, trifft aber doch exakt seine Stimme, die sich so mühelos in höchste Höhen aufschwingt.

 Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Patrik Klein

Ob es die eher zart getragenen Teile der Rezitative, oder die furiosen Koloraturen der Arien waren, jeder Ton kam absolut mühelos und mit beachtlicher Ausdrucksintensität. Traurigkeit und Kummer um die verlorene Geliebte, Wut über die Ungerechtigkeiten des Lebens oder jugendliche Begeisterung auf dem Weg in den Krieg, alles war der Stimme zu entnehmen. Wäre Händel nicht bereits vor 258 Jahren gestorben, man könnte glauben, er hätte diese Arien direkt auf die Stimme Jarousskys und ihre unfassbaren Möglichkeiten komponiert.

Das Publikum, am Anfang noch etwas abwartend und verhalten, brachte dem Künstlern am Schluss stehende Ovationen entgegen, die dieser mit drei Zugaben entlohnte.

Nach einer weiteren Arie aus Radamisto folgte eine atemberaubende Koloraturarie aus Xerxes, von Jaroussky humoristisch angekündigt und auch entsprechend gesungen und gespielt. Das Publikum lachte herzlich und war hingerissen. Zum krönenden Abschluss wurde dann noch Xerxes`  Ombra mai fu gespielt und gesungen, nicht umsonst Händels wohl beliebteste und bekannteste Arie.

Wer immer die Möglichkeit haben sollte eine weitere der Stationen dieser Konzerttournee zu besuchen – es lohnt sich! Die Stimme Philippe Jarousskys ist ein lohnendes Erlebnis für jeden Musikliebhaber!

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

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