Hamburg, Elbphilharmonie, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Saison 2018/19, IOCO Aktuell, 22.09.2018

September 23, 2018  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Konzert, Kritiken

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte _ Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Staatsorchester Hamburg

Saisoneröffnung – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – 16.09.2018

– Ein Gruß aus Wien –

Von Rolf Brunckhorst

Das Programm des ersten Konzertes des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg der Saison 2018/19 war ein „Gruß aus Wien“: Haydn, Schönberg und Mozart erklingen in der Elbphilharmonie Hamburg. Eine gute Auswahl für einen Spätsommertag.

Die Symphonie Nr. 91 Joseph Haydn fällt in die Zeit seines Abschiedes von Fürst Esterhazy und den Beginn seiner rein selbständigen Tätigkeit. In dieser Zeit feilte Haydn an der Struktur für die „ Richtige“ Symphonie. So ist zu erklären, dass das Werk einen gewissen schulhaften Charakter aufweist. Das  Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg hat dies unter der Leitung von Christian Zacharias auch so – wenn auch nicht mit dem Rohrstock – schwungvoll interpretiert.

Elbphilharmonie / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Felix Broede

Elbphilharmonie / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Felix Broede

Schwieriger war die Aufgabe für Dirigent und Orchester bei Arnold Schönbergs Kammersymphonie Nr. zwei. Zwischen ersten und zweiten Satz liegen Welten, nämlich 33 Jahre. Vor allem der zweite Satz, sehr dicht geschrieben, bedarf großer Konzentration; die hatten das Philharmonische Staatsorchester  und Dirigent Christian Zacharias  auf Abruf bereit. Eine gelungene Darbietung.

Mozarts  Klavierkonzert  KV 491 bildete nach der Pause den Abschluss. Einmal mehr musste man hier fragen, ob der Pianist und der Dirigent in Personalunion auftreten sollten. Mit einer Hand schwierige Passagen zu nehmen, mit der anderen auch zu dirigieren. Die Konzentration hat gelitten. Weniger freilich beim Philharmonischen Staatsorchester, das Mozart  mit klangreichem und präzisem Respekt darbot. Freilich kam noch ein glückhaftes Element hinzu: Die Akustik des herrlichen Orchesterraums der Elbphilharmonie, welche die hohe Qualität des Orchesters und des Klaviers gleichermaßen veredelte.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung, IOCO Kritik, 04.09.2018

September 4, 2018  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte _ Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte _ Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

 NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung

Bolero –  Präzise wie ein Uhrwerk – Bis zur Ekstase

Von Patrik Klein

Krzysztof Urbanski dirigiert Maurice Ravel und Guillaume Connesson

Vor dem letzten Stück des Abends, Maurice Ravels Bolero, betritt der erste Gastdirigent des Orchesters unter dem Applaus des Publikums das Podium; schreitet an seinen Musikern vorbei, springt mit einem Satz und einem Lächeln im Gesicht in den Gang im vorderen Parkett und sucht sich in Seelenruhe einen freien Platz in Reihe 10. Die Beine überkreuzt blickt er zum Konzertmeister und die kleine Trommel beginnt ohne ihn mit der 169 Mal wiederholten Rhythmusfigur. Die wie Mathematik anmutende Musik, die tatsächlich keinen Dirigenten, sondern einen perfekten Trommler braucht, ist auf einem Ostinato-Rhythmus im 3/4 -Takt aufgebaut, der von einer, später von zwei Kleinen Trommeln gespielt und während des ganzen Stückes durchgehalten wird. (die beiden Schlagzeuger erhalten am Schluss des Konzertes auch einen entsprechend verdienten, riesigen Applaus). Darüber werden zwei 16-taktige Melodien in insgesamt 18 Variationen gespielt, die dann zu einem grandiosen, beinahe orgiastischen Finale führen.

Die neue Saison 2018/19 in der Elbphilharmonie Hamburg bietet erneut ein breites Spektrum an klassischer Musik. Alle Konzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters Hamburg sind bereits jetzt praktisch ausverkauft. Der „Run“ auf Tickets ist nach wie vor ungebrochen.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Für Kontinuität sorgt dabei vor allem der charismatische Erste Gastdirigent Krzysztof Urbanski, der die ehrenvolle Aufgabe der Saisoneröffnung und darüber hinaus fünf weitere Programme im Abonnement übernimmt. Ihm zur Seite stehen mit Herbert Blomstedt, Christoph Eschenbach und Christoph von Dohnányi unsere ehemaligen Chefdirigenten sowie mit Marek Janowski, Semyon Bychkov und Paavo Järvi weitere Gäste von internationalem Rang. Akzente in Sachen Moderne setzen u. a. Ingo Metzmacher, George Benjamin und François-Xavier Roth. Zum ersten Mal am Pult des Orchesters begrüßt das NDR Elbphilharmonie Orchester Mirga Gražinytc-Tyla und Omer Meir Wellber, zwei spannende Shootingstars der Dirigentenszene. Die Opening Night stand ganz im Zeichen französischer Musik und wurde Live im Internet und auch auf dem Vorplatz der Elbphilharmonie übertragen.

Das Programm der Saisoneröffnung 2018/19:

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
1. Daphnis et Chloe  –  Fragments symphoniques, deuxieme serie
I. Lever du jour (Tagesanbruch) –
II. Pantomime (Die Liebe zwischen Pan und Syrinx) –
III. Danse generale (Schlusstanz, Bacchanal)
2. Konzert für Klavier und Orchester G-Dur (Pianist Jean-Yves Thibaudet musste sein Kommen leider absagen. An seiner Stelle spielte Bertrand Chamayou, ein weiterer französischer Pianist der Extraklasse)
I. Allegramente
II. Adagio assai
III. Presto

Guillaume Connession ( *1970 )
3. Les Trois cites de Lovecraft (Entstehung: 2017 | Uraufführung: Utrecht, 13. Oktober 2017)
I. Celephais
II. Kadath
III. La Cite du soleil couchant

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
4. Bolero

Daphnis et Chloé ist ein Ballett in einem Akt mit drei Partien (Szenen) von Maurice Ravel, beschrieben als „Symphonie chorégraphique“ (choreografische Symphonie). Das Szenario wurde von Michel Fokine nach einer Romanze des griechischen Schriftstellers Longus adaptiert, die vermutlich um das 2. Jahrhundert nach Christus entstand. Die Geschichte handelt von der Liebe zwischen dem Ziegenhirten Daphnis und der Hirtin Chloé.
Ravel begann die Arbeit an der Partitur im Jahr 1909 nach einem Auftrag von Sergei Diaghilev. Es wurde am 8. Juni 1912 im Pariser Théâtre du Châtelet von seinen Ballets Russes uraufgeführt. Das Orchester wurde von Pierre Monteux geleitet, die Choreographie von Michel Fokine.

Fast eine Stunde lang ist Daphnis et Chloé Ravels längste Arbeit. Trotz der Dauer des Balletts geben vier unterscheidbare Leitmotive der Partitur musikalische Einheit. Die Musik, die zu den leidenschaftlichsten des Komponisten zählt, wird allgemein als eine der besten von Ravel angesehen, mit außerordentlich üppigen Harmonien, die typisch für die impressionistische Bewegung in der Musik sind. Bereits zu Lebzeiten des Komponisten beschrieben zeitgenössische Kommentatoren dieses Ballett als sein Meisterwerk für Orchester. Ravel extrahierte Musik aus dem Ballett, um daraus zwei Orchestersuiten zu komponieren, die mit oder ohne Chorus gespielt werden können. Besonders beliebt ist die zweite Suite, die einen Großteil des letzten Teils des Balletts umfasst und mit der „Danse générale“ endet. .

Das Wesentliche dieses dritten Teils: Am Morgen in der Grotte der Nymphen. Es gibt keinen Laut als das Rauschen von Bächen, die durch den Tau erzeugt werden, der aus den Felsen rieselt. Daphnis liegt bewusstlos am Eingang der Grotte. Allmählich bricht der Tag. Die Lieder der Vögel sind zu hören. In der Ferne geht ein Hirte mit seiner Herde. Ein anderer Hirte kreuzt im Hintergrund. Eine Gruppe von Hirten entdecken Daphnis und Chloé. Sie werfen sich in die Arme. Daphnis bemerkt Chloés Kranz. Sein Traum war eine prophetische Vision. Die Intervention von Pan ist offensichtlich. Daphnis und Chloé spielen die Geschichte von Pan und Syrinx in pantomimischer Art. Chloé spielt die junge Nymphe, die auf der Wiese wandert. Daphnis als Pan erscheint und erklärt seine Liebe. Die Nymphe weist ihn zurück. Der Gott wird eindringlicher. Sie verschwindet im Schilf. Verzweifelt pflückt er mehrere Stängel zu einer Flöte und spielt melancholisch. Chloé taucht wieder auf und interpretiert in ihrem Tanz die Akzente der Flöte. Der Tanz wird immer lebhafter und in einem wahnsinnigen Wirbeln fällt Chloé in Daphnis‘ Arme. Vor dem Altar der Nymphen verpfändet er seine Liebe und opfert zwei Schafe. Eine Gruppe von Mädchen tritt verkleidet als Bacchantinnen auf und schüttelt Tamburine. Daphnis und Chloé umarmen sich zärtlich. Eine Gruppe von Jugendlichen eilt auf die Bühne und das Ballett endet mit einem Bacchanale.

Der erste Ton der Opening Night entsteigt bei völliger Dunkelheit. Noch nie gab es so etwas; man hatte einen kurzen Moment den Eindruck, einer technischen Panne beizuwohnen. Flirrende Flötenklänge machen sich wohlig breit und aus der Dunkelheit entwickelt sich ganz allmählich eine rot illuminierte Rückwand hinter dem Podium des Orchesters, die zu einer ersten harmonischen Zusammenkunft der Töne überleitet. Einzelne Flöten klingen aus den oberen Rängen des riesigen, ausverkauften Saales, der in musikalischen und optischen Farben erstrahlt. Ein Wechsel von rot nach gelb wird von samtigen, zärtlichen Streicherklängen begleitet. Beim musikalischen Sonnenaufgang wird nun auch der Konzertsaal wie gewohnt erleuchtet. Orchester und Saal erscheinen in vollem Licht. Das NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg erzeugt unglaublich dichte atmosphärische Klänge aus Maurice Ravels Musik, die einem die ersten „Gänsehautschauer“ bescheren. Ein riesig besetzter Apparat mit acht Kontrabässen, zwei Harfen, einem Harmonium, jeder Menge Schlagwerk und querflötendominierenden Musikern bringen das Ballett Daphnis und Chloé in intensivster Weise zum Ausdruck. Besonders typisch für die Musik Ravels und die Musik in dieser Zeit; die Querflöten sind dauerbeschäftigt und sorgen für imposante Momente. Krzysztof Urba?ski dirigiert leidenschaftlich, mal behutsam, mal ekstatisch. Er scheint ganz in die Musik vertieft zu sein, tänzelt leicht auf dem Podium mit oft großen Handbewegungen das Orchester auswendig führend. Die Musiker folgen seinem Dirigat bereitwillig. Rhythmische Wechsel im finalen Tanz, die an trabenden Pferde erinnern, steigern sich bis zu einer musikalische Ekstase immer wieder eingefangen und erneut aufbrausend bis schließlich Chloé in Daphnis‘ Arme fällt.

Maurice Ravel komponierte das Klavierkonzert in G-Dur zwischen 1929 und 1931. Das Werk besteht aus drei Sätzen: Allegramente, Adagio assai, und Presto. Nach seiner erfolgreichen Konzerttournee durch Amerika wollte Ravel das Werk ursprünglich selber uraufführen. Gesundheitsbeschwerden hinderten ihn jedoch daran. Stattdessen wurde das Konzert am 14. Januar 1932 durch Ravel am Dirigentenpult des Orchestre Lamoureux und Marguerite Long am Flügel uraufgeführt. Long war eine für ihre Interpretationen der Werke Gabriel Faurés und Claude Debussys bekannte Pianistin und hatte Ravel bereits vorher um ein neu aufzuführendes Werk gebeten. Ravel wurde während seiner Amerikatournee mit dem zu dieser Zeit in Paris und den Vereinigten Staaten hochmodernen Jazz vertraut und zeigte sich in höchstem Maße beeindruckt. Dieser Einfluss zeigte sich auch in dem Konzert, das durch Jazzharmonien und -eigenheiten geprägt ist.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

1. Satz Allegramente
Der erste Satz wird von einem einzelnen Peitschenschlag eröffnet. Ihm folgt eine Mischung der bekannten Baskischen und Spanischen Klänge aus Ravels Jugend mit dem neu entdeckten Jazz-Klang.
Bertrand Chamayou spielt mit viel Einfühlungsvermögen und Präzision die zum Teil extrem schwierigen und virtuosen Phrasen. Mit einer hohen Dynamik, zarten bis kräftigen Anschlägen und intensiver Abstimmung mit dem Orchester gelingt ein intensiver, funkenübertragender Klang ins Publikum. Krzysztof Urbanski dirigiert diesmal mit Partitur und treibt die Musik mit zügigen Tempi voran. Besonders prägnant gelingt das Wechselspiel des Klaviers mit der Harfe und weiteren Instrumentengruppen. Am Ende des ersten Satzes kann sich auch das Publikums der eigentlich gegebenen Etikette nicht anschließen und applaudiert ungebremst vor Begeisterung.
2. Satz Adagio assai
Im krassen Gegensatz zum vorigen Satz ist der zweite, in Brückenform geschriebene Satz sehr ruhig, fast von Mozart’scher Klarheit. Obwohl sie scheinbar mühelos zu spielen ist, sagte Ravel selbst über die eröffnende Melodie: »Dieser fließende Ausdruck! Wie ich ihn Takt für Takt überarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!«
Sanft, aber bestimmt beginnt Bertrand Chamayou. Die melancholische Stimmung überträgt sich fließend in den Saal. Klavier und Orchester zaubern eine sphärische Stimmung, die sich leicht aufbrausend entwickelt, aber immer noch getragen wird von melancholischer Tristesse. Der lang angehaltene Schlusston, in den leider ein Klingelton eines Besucherhandys platzt, löst die Anspannung.
3. Satz Presto
Der dritte Satz in verkürzter Sonatenform nimmt die Intensität des ersten mit seinen schnellen Melodien und schwierigen Passagen auf. Das Klavier führt das erste Thema ein, eine schnelle Akkordfolge, bevor es durch dissonante Zwischenrufe der Holz- und Blechbläser gestört wird. Es wird dennoch weitergeführt, auch wenn sich die Zwischenrufe auf das gesamte Orchester ausweiten.
Furios beginnt der Satz wieder mit einem integrierten Peitschenknall. Hörner und Posaunen übernehmen den Rhythmus und umrahmen den virtuosen Pianisten Bertrand Chamayou, der häufig die Hände überkreuzt und sein ganzes Können aufblitzen lässt. Jazzige Harmonien prägen wieder den schnell im Tempo sich entwickelnden Satz, der mit einem gewaltigen Paukenschlag beendet wird.

Großer Jubel für Bertrand Chamayou, der sich mit Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“ beim Hamburger Publikum bedankt.

Guillaume Connession
Les Trois cites de Lovecraft
Guillaume Connesson ließ sich von Howard Phillips Lovecrafts ((1890 – 1937) der Schriftsteller gilt als Pionier der fantastischen Horrorliteratur) fantastischer Welt anregen. Inspirationsgrundlage seines im Oktober 2017 uraufgeführten Orchesterwerks Les Trois cites de Lovecraft ist die genannte Novelle, vor allem „Die Visionen der Städte, mal wunderbar, mal erschreckend, die der Held des Textes durchläuft“. Seine Komposition beschreibt er als „Sinfonische Reise in drei Sätzen in das traumhafte Universum von H. P. Lovecraft.“ Die „Lovecraft-Geografie“ sei dabei „so präzise und voller Vorstellungskraft“, dass Connesson sie nur „mit einer üppigen Orchesterpalette“ malen konnte. „Ich habe in den drei Sätzen sehr differenzierte Schreibtechniken angewandt, um den für Lovecraft so typischen barocken Aberwitz mit der Vielfalt der Farben meines Orchesters wiederzugeben.“

In brillanten Farben hat Connession daher den 1. Satz seines Werks gehalten. Blechbläserfanfaren beschreiben zunächst ein Bronzetor, bevor sich eine Melodie der Violinen in das Treiben einer geschäftigen Traum-Metropole stürzt. Ungewöhnliche Klänge breiten sich für den neugierigen Zuhörer aus. Kastagnetten und Knallgeräusche, gestopfte Tuben, und ein sich rhythmisch bewegender Dirigent Krzysztof Urbanski vor seinem großen Musikinstrument. Irgendwie klingt das Orchester unter seiner Leitung maximal motiviert, konzentriert, auf den Stuhlkanten hockend meist mit lächelnden Zügen in den meisten Gesichtern. Ganz unverhohlen mag man denken, warum er nicht mehr als nur der ständige Gastdirigent des immer besser werdenden Hamburger Klangkörpers ist.

Im 2. Satz verleihen Trompeten einer bunten, heidnischen Feier Ausdruck, woraufhin ein Aufgriff des 1. Themas in Form eines ruhigen Chorals den „Rosenkristallpalast der Siebzig Köstlichkeiten“ zeichnet. Die „Sieben Prozessionen der Orchideen-gekrönten Priester“ sind sodann als großes Crescendo über ein 7-taktiges Ostinato gestaltet. Im großen Gegensatz zum strahlenden ersten Satz schildert die Musik die düstere Stadt der alten Götter. Sie liegt inmitten einer eisigen Wüstenregion („Le plateau de Leng“), die Connesson mit Klageliedern der Bratschen über dem Rauschen der Windmaschine das inneres Auge des Zuhörers ruft. Ein Thema der Violinen wird bald von zwölftönigen Passagen kontrastiert, die in dissonanten Akkorden gipfeln. „Das Schloss der Großen Alten“ prägt ein vom Violinen-Thema abgeleiteter, weicher Blechbläserchoral, bevor „Der Thronsaal und die Fackelträger“ einen Tanz über ebendieses Thema anstößt. Mit ihm nähert sich der unheimliche Gesandte der alten Götter in Gestalt eines Pharaos, der darüber aufklärt, dass die Stadt, die er in seinen Träumen gesehen hat, nichts anderes als die Summe seiner verklärten Kindheitserinnerungen an seine Heimat ist. „Um ihm eine Stimme zu geben„, so Connession,wählte ich eine Solo-Bratsche, die in Halb- und Vierteltönen singt.“ Ohne Unterbrechung schließt sich der 3. Satz an: ein musikalisches Abbild ebenjener wunderbaren Traumstadt aus Gold in Form eines berauschenden, an Bernsteins West Side Story und Strawinskys Frühlingsopfer erinnernde zum Schluss orgiastisch gesteigerten Tanzes. Frenetischer Applaus im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg.

Boléro, ein Orchesterstück des französischen Komponisten Maurice Ravel, gilt heute als eines der meistgespielten Werke der Orchesterliteratur.

 Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero  © Patrik Klein

Die Komposition entstand in der Zeit von Juli bis Oktober 1928 und ist Ida Rubinstein gewidmet. Die Tänzerin hatte 1927 Maurice Ravel gebeten, für sie ein Musikstück in der Form eines spanischen Balletts zu entwerfen. Ravel entschloss sich zu einer ganz einzigartigen Komposition: „Ein ein-sätziger Tanz, sehr langsam und ständig gleich bleibend, was die Melodie, die Harmonik und den ununterbrochen von einer Rührtrommel markierten Rhythmus betrifft. Das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters.“

Die schnelle Popularität seines Werkes blieb dem Komponisten jedoch zeitlebens fremd. Zu seinem Kollegen Arthur Honegger sagte Maurice Ravel: „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Bolero; leider enthält er keine Musik.“
Krzysztof Urbanski bleibt beinahe zwanzig Minuten auf seinem Parkettplatz sitzen und lauscht genüsslich seinen Musikern. Das Publikum indes, gespickt mit allerlei Prominenz aus Hamburgs kulturellem Leben, ist hingerissen von der präzisen und am Ende orgiastischen Steigerung der Musik Maurice Ravels. Krzysztof Urbanski vermeidet es nun, das Podium zu betreten, denn er will den frenetischen Applaus des Publikums nur für seine Musiker. Als Zugabe wird das Finale „Da capo“ wiederholt, diesmal mit dem Meister ohne Partitur und Taktstock, dafür noch etwas waghalsiger im Tempo und mit einigen zusätzlichen Akzenten bei verschiedenen Instrumentengruppen.
Man darf gespannt sein auf die weiteren Konzertereignisse mit dem Elbphilharmonie Orchester Hamburg.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Rathausmarkt Open Air / Philharmonische Akademie 2018

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte _ Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Staatsorchester Hamburg

Open Air – Im Rathaus und der Laeiszhalle:

Kent Nagano präsentiert die Philharmonische Akademie

Sechs Konzerte am 25.-27. August 2018 und 8. April 2019

Kent Nagano eröffnet die Philharmonische Konzertsaison 2018/19 mit einer Philharmonischen Akademie im Herzen Hamburgs: Am Samstag, 25. August 2018 um 20 Uhr, dirigiert Hamburgs Generalmusikdirektor sein erstes Open-Air-Konzert auf dem Rathausmarkt. „Dieses Konzert soll ein musikalisches Geschenk an die Menschen in unserer Stadt werden“, sagt Kent Nagano, „wir laden alle ein, gemeinsam mit uns den Rathausmarkt in einen Konzertsaal zu verwandeln.“ Der Eintritt zu diesem Konzert ist deshalb frei. Auf dem Programm stehen Werke wie die Ungarischen Tänze von Brahms und RachmaninowsRhapsodie über ein Thema von Paganini“. Als Solist ist der russische Pianist Nikolai Luganski zu erleben. Mit Auszügen aus den Musicals West Side Story und Candide würdigt Nagano seinen Mentor Leonard Bernstein, der an diesem Tag seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Am folgenden Tag geht es im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses weiter: Thematischer Mittelpunkt der vier Akademiekonzerte am 26. und 27. August 2018 ist Wien. Ausgehend von Werken Mozarts spannt sich der musikalische Bogen über Schönberg und die Neue Wiener Schule bis hin zu zeitgenössischer Musik von Friedrich Cerha, und sogar ein Abstecher ins Milieu der legendären urwienerischen „Schrammelmusik“ steht auf dem Programm. Neben Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters sind Solisten wie Salome Kammer, Sharon Kam oder Dominique Horwitz sowie das Klangforum Wien zu erleben.
Am 8. April 2019 widmen sich Kent Nagano und eine Philharmonische Kammermusikformation im Kleinen Saal der Laeiszhalle noch einmal Symphonien und Solokonzerten Mozarts.

Karten für die vier Akademiekonzerte im Großen Festsaal des Rathauses sind zu einem Benefizpreis von 10 € erhältlich beim Kartenservice der Hamburgischen Staatsoper, unter 040 35 68 68 oder online unter www.staatsorchester-hamburg.de. Der Erlös aus diesen Konzerten kommt der professionellen Nachwuchsförderung junger Orchestermusiker im Philharmonischen Staatsorchester zugute. Karten für das Konzert in der Laeiszhalle kosten 12-35 €.

Hintergrund Kent Nagano hat die „Philharmonische Akademie“ zu Beginn seiner Amtszeit als Hamburgischer Generalmusikdirektor und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters im Jahr 2015 begründet. Seitdem bilden diese Konzerte den Auftakt zur jeweils neuen Opern- und Konzertsaison. Nagano und seine Philharmoniker verstehen darunter ein „offenes“ Projekt, ebenso experimentell ausgerichtet wie immer auch bedeutenden Komponisten, wichtigen Themen und musikalisch-inhaltlichen Erkundungen gewidmet.
Rathausmarkt Open Air mit Kent Nagano

Samstag, 25. August 2018, Rathausmarkt, 20 Uhr
Gioachino Rossini: Ouvertüre zu „Guillaume Tell”
Sergei Rachmaninow: Rhapsodie über ein Thema von Paganini
Johannes Brahms: Ungarische Tänze 5 & 6
Leonard Bernstein: Ouvertüre zu „Candide“
Leonard Bernstein: „Balcony Scene” („Tonight”) & „I Feel Pretty” aus „West Side Story”
Maurice Ravel: Boléro
Kent Nagano, Dirigent
Nikolai Luganski, Klavier
Elbenita Kajtazi, Sopran
Oleksiy Palchykov, Tenor Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Eintritt frei


1. Akademiekonzert
Sonntag, 26. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 11 Uhr
„Triumph des Lebens“
Wolfgang Amadeus Mozart: Serenade Nr. 10 B-Dur KV 361 „Gran Partita“
Texte von Ingeborg Bachmann, Friedrich Nietzsche und anderen
Sevgi Özsever, Ralph van Daal, Oboe
Alexander Bachl, Christian Seibold, Kai Fischer, Matthias Albrecht, Klarinette
Olivia Comparot, Fabian Lachenmaier, Fagott
Pascal Deuber, Saskia van Baal, Isaak Seidenberg, Ralph Ficker, Horn
Stefan Schäfer, Kontrabass
Dieter Rexroth, Lesung
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)


2. Akademiekonzert
Sonntag, 26. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 16 Uhr
Schönberg & die Schrammelbrüder
Arnold Schönberg: Serenade op. 24 und „Pierrot Lunaire“ op. 21 (Auszüge)
Friedrich Cerha: Eine Art Chansons (Auszüge)
sowie Werke von Ferdinand Leicht, Anton Strohmayer, Carl Rieder, Johann Schrammel u.a.
Salome Kammer, Martin Winkler, Stimme
Klangforum Wien
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)


3. Akademiekonzert
Sonntag, 26. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 20 Uhr
Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquintett Es-Dur KV 614
Alban Berg: 4 Stücke für Klarinette und Klavier op. 5
Wolfgang Amadeus Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581
Sharon Kam, Klarinette
Stephan Kiefer, Klavier
Solveigh Rose, Annette Schäfer, Violine
Naomi Seiler, Bettina Rühl, Viola
Thomas Tyllack, Violoncello
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)


4. Akademiekonzert
Montag, 27. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 20 Uhr
Igor Strawinsky: L‘histoire du soldat
Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonia Concertante für Bläser Es-Dur KV 297b
Kent Nagano, Dirigent Dominique Horwitz, Sprecher
Konradin Seitzer, Violine
Stefan Schäfer, Kontrabass Thomas Rohde, Oboe
Alexander Bachl, Klarinette
Olivia Comparot, Fagott
Bernd Künkele, Horn
Mario Schlumpberger, Trompete
Felix Eckert, Posaune
Fabian Otten, Schlagzeug
Kammerorchester des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)
Pressekontakt: Hannes Rathjen, Presse und Marketing Philharmonisches Staatsorchester Hamburg,


5. Akademiekonzert
Montag, 8. April 2019, Laeiszhalle, Kleiner Saal, 19.30 Uhr
Wolfgang Amadeus Mozart:
Symphonie Nr. 28 C-Dur KV 200
Klavierkonzert Nr. 12 A-Dur KV 414 (Fassung für Streichquartett)
Hornkonzert Nr. 4 Es-Dur KV 495
Symphonie Nr. 33 B-Dur KV 319
Kent Nagano, Dirigent
Pascal Deuber, Horn
N.N., Klavier
Kammerorchester des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
Karten € 35 / 28 / 21 / 12

 

—| Pressemeldung Staatsorchester Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Philharmonisches Staatsorchester – Bruckner, IOCO Kritik, 28.04.2018

April 28, 2018  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

 Philharmonisches Staatsorchester – Kent Nagano

Anton Bruckner – Fünfte Sinfonie 

Staatsorchester Hamburg

Von Patrik Klein

2.100 gebannte Besucher der Elbphilharmonie Hamburg geraten an diesem sonnigen, wunderschönen Sonntagvormittag, dem 22.4.2018, aus dem Häuschen. Sie danken Maestro Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg mit großem Applaus für die Darbietung, welche sie soeben erlebten. Generalmusikdirektor Kent Nagano, immer noch konzentriert wirkend, legt den ihm überreichten Blumenstrauß voller Demut für den Komponisten Anton Bruckner auf sein Dirigentenpult und verschwindet andächtig im Bühnenhintergrund.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg und Anton Bruckner © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Blumen für Anton Bruckner © Patrik Klein

Was Umzüge bewirken können!   Anton Bruckner, zunächst in Linz (Donau) beheimatet und als Komponist vorzugsweise auf geistliche Musik ausgerichtet, zog 1868 nach Wien. Als 1870 das Gebäude des Musikvereins mit dem »Goldenen Saal« eröffnete  wurde Bruckner die ganze Bedeutung der Gattung »Sinfonie« und deren gesellschaftliche Rolle bewusst.

Kontrapunktisches Meisterwerk im Kraftwerk edlen Klanges

Beethoven spielte dabei als Vorbild gewiss eine wichtige Rolle, doch vielleicht auch die für Bruckner neue Erfahrung vom Leben in einer sich rasant entwickelnden Weltstadt. Die religiöse Komponente seines musikalischen Denkens integrierte er und schuf einen bis dahin beispiellosen sinfonischen Monumentalismus – den Kent Nagano im achten Philharmonischen Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg nun eindrucksvoll unter Beweis stellte.

„Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen“, Anton Bruckner.    In der Einführung zu dem Konzert leitet Susanne Banhidai kurzweilig und anschaulich auf Wirkung und Strahlkraft der fünften Sinfonie von Anton Bruckner auf die Nachwelt bis heute.

In dem sehr bekannten Popsong der Gruppe Whitestripes  „Seven Nation Army“ wurden von dem Komponisten Jack White die sieben Töne des markanten, unverkennbaren Hauptthemas Bruckners verwendet und in dem benutzten Gitarrenriff mantraartig wiederholt. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 benutzte die italienische Mannschaft das Thema als „Schlachtruf“ für ihr Team, welches bekanntlich Weltmeister wurde.

Anton Bruckner war ein einsamer Wolf, ein Einzelgänger mit wenig Beziehungen zu anderen Menschen. Als sehr frommer Katholik würde er wohl heute als eine Art „schrulliger Nerd“ bezeichnet. Er hinterließ Orgel- und Kirchenmusik und insgesamt zehn Sinfonien, die Nr. 9 blieb unvollendet. Seine Werke entsprachen nicht der Zeit. Das Publikum war damals wegen der Länge und der neuen Strukturen überfordert. Bruckner selbst war sehr selbstkritisch und schuf durch wiederholte Durchsichten immer wieder neue Fassungen (zwischen 1873 bis 1877). Mit der fünften Sinfonie gelang ihm ein einsames, persönliches, ein „katholisches“ Werk für die Nachwelt, das er selbst als „Die Phantastische“ bezeichnete. Mit Chorälen der Glaubenswelt, Fugen und Kontrapunktik wollte er sich auch nun stärker von Richard Wagner (Bruckners dritte Sinfonie ist stark an Wagners Werk angelehnt) lösen. Erst 60 Jahre nach der Uraufführung des geänderten Werkes am 9. April 1894, die er krankheitsbedingt nicht selbst erleben konnte, wurde die Urfassung gegeben, die auch heute gespielt wurde.

Sehr schön auch die Idee von Frau Banhidai den Soloposaunisten des Orchesters, Felix Eckert vorzustellen, der als 8-Jähriger bereits mit Trompete und Posaune konfrontiert wurde. Der Musiker erläutert das Grundprinzip des Instruments mit seiner 7 Töne beinhaltenden Naturtonreihe und gab ein paar bemerkenswerte Klangbeispiele. Die Frühaufsteher, die es zu dieser Einführung vor dem Konzert schafften waren nun also besten präpariert für das anschließende Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg - Blumen für Kent Nagano © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Blumen für Kent Nagano © Patrik Klein

Die fünfte Sinfonie Bruckners – Eine Beschreibung

1. Satz: Introduktion  Adagio – Allegro

Als Einmaligkeit in seinem sinfonischen Gesamtschaffen stellt Bruckner dem Allegro eine langsame Introduktion voran, die den thematischen Grundstoff der gesamten Sinfonie festlegt. Nach anfänglichen Pizzicato-Takten der Kontrabässe setzt ein getragener Streicherchoral ein. Dieser hält kurz inne und schon setzt ein Unisono-Aufschwung ein, der in einen feierlichen Blechbläserchoral mündet und einen ersten Schlusspunkt findet. Nun folgend wird mittels einer fulminanten Steigerung der eindrucksvolle Höhepunkt der Introduktion erreicht.

Der Klangrausch bricht ab und das Hauptthema des Allegro-Teils wird vorgestellt. Nach der üblichen Wiederholung durch das gesamte Orchester kommt der Fluss des Themas zum Erliegen und dumpf bis zurückhaltend als Choralepisode in Pizzicato-Akkorden der Streicher setzt das 2. Thema ein.

Die Durchführung erlebt neben der breiten Verarbeitung des Hauptthemas in kunstvoller Kontrapunktik Erinnerungen an die Blechbläserfanfaren aus der Introduktion und mündet in großem Crescendo in die Reprise. Am Ende erscheint das Hauptthema im Fortissimo, Reminiszenz an die Introduktion als Hintergrund, schmetterndes Blech, Paukenwirbel und der Unisonoabschluss.

2. Satz: Adagio  Sehr langsam

Das Adagio wird durch eine einleitende Pizzicato-Linie in Triolen, die später im Scherzo von Bedeutung sein wird, eröffnet. Eine klagende Oboen-Melodie erhebt sich in duolischem Rhythmus über das triolische Fundament, bei der im weiteren Verlauf die Septsprünge eine auffallende Wirkung erzielen. Der Satz wird mit einem großen zweiten Thema in erlesener Schönheit fortgesetzt, das im zweiten Teil durch die zart getupften Begleitakkorde der Melodie eine nochmalige Steigerung erfährt.

3. Satz: Scherzo. Molto vivace (schnell) – Trio. Im gleichen Tempo

Das recht umfangreiche Scherzo knüpft in der Form an die Scherzi der vorangegangenen Sinfonien an. Die einleitende Melodielinie aus dem Adagio wird hier in raschem Tempo als Scherzobeginn genutzt. Es erklingt unmittelbar das Scherzohauptthema in den Holzbläsern und schon sehr bald setzt das zweite Thema ein. Im weiteren Verlauf mischt sich das erste Thema wieder ein, wobei das zweite aber niemals in Vergessenheit gerät. Das folgende Trio  trägt heiteren, marschähnlichen Charakter. Es ist kurz und führt schnell zur Wiederholung des ersten Scherzoteils.

4. Satz: Finale. Adagio – Allegro moderato

Das Finale bringt zunächst in etwas abgekürzter Form den Beginn der Introduktion aus dem ersten Satz, jedoch schon unter Oktaveinwürfen der Klarinette als Vorankündigung des kommenden Hauptthemas, das nach einer kurzen Pause allein von der Klarinette vorgetragen wird. Ziemlich ähnlich nach dem Vorbild der 9. Sinfonie von Beethoven erklingen danach die Satzanfänge des Allegroteils aus dem 1. Satz und des Adagios, bevor das Hauptthema nun die Dominanz erhält. Das darauf einsetzende zweite Thema, das in der Aufwärtsrichtung zu Beginn an das Scherzo erinnert, hat lieblichen Charakter, ist ausschweifend und führt mit einem Einschub des ersten Themas im weiteren Verlauf zum Blechbläserchoral des dritten Themas. Aus dem feierlichen Ausklang dieser dritten Gruppe heraus entwickelt sich die Doppelfuge (eine Fuge mit zwei Themen). Das Werk klingt aus in einer überaus glanzvollen Apotheose des Blechbläserchoralthemas, gefolgt vom Hauptthema aus dem Kopfsatz.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Patrik Klein

Interpretation der Musik durch Orchester und Dirigent

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielt unter Kent Nagano die Sinfonie in rund 75 Minuten, was ein recht zügiges Tempo darstellt, da es Aufnahmen gibt, die bis zu 90 Minuten dauern. Das Orchester ist groß besetzt mit 32 Violinen, 13 Violen, 11 Celli, 10 Kontrabässen, 2 Querflöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten, 4 Hörnern, 3 Trompeten, 3 Posaunen, einer Tuba und einer Pauke (Brian Barker erhält am Ende besonders großen Jubel für sein großartiges Spiel des Instrumentes ganz besonders im Scherzo).

Bruckners fünfte Sinfonie wird kraftvoll gespielt mit wunderschönen Streicherklängen, feinen Pizzicato-Linien, mal zart getragen und rhythmisch, mal ruhig und emotional besonders ergreifend durch schöne Dynamikveränderungen ganz besonders beim Adagio. Hier geraten die musikalischen Steigerungen besonders schön und sind feinster Stoff für verwöhnte, Spitzenklang liebende Ohren. Es herrscht höchste Konzentration beim Dirigenten und seinen Musikern, die fast alle auf der Stuhlkante sitzen, hier und da aber auch ein Lächeln im Gesicht tragen; man spürt, dass die Musik bewegt und hier die Spielfreude ganz ausgeprägt sein muss. Nagano braucht kaum übermäßig zu agieren oder zu korrigieren; alles wirkt intensiv geprobt und eingespielt. Die Klarinette im Finale klingt fast jazzartig und ganz besonders eindringlich und präzise, so wie die gesamte Fraktion der Bläser, die ja in dieser Sinfonie dauerbeschäftigt sind.

Nach Sekunden atemloser Stille lässt Kent Nagano den Taktstock fallen, die Anspannung in seinem Gesicht löst sich; das Publikum dankt intensiv mit anhaltendem, stürmischen Applaus.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Nächste Seite »