Hamburg, Elbphilharmonie, Kulturjuwel – Hamburg neues Wahrzeichen, IOCO Aktuell, 31.12.2019

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie – Neues  Wahrzeichen der Hansestadt Hamburg

2019 – Magnet für Weltstars und Millionen Besucher

Was lange währt und teuer ist kann auch gut werden. Diese  Binsenweisheit trifft in besonderem Maße auf die Elbphilharmonie Hamburg zu: Dessen Planung und Erstellung  von 2001 bis 2016 dauerte, dessen Kosten auf fast €900 Millionen katapultierten. Anfang 2016 schrieb IOCO „Für viele Jahre war die Hamburger Elbphilharmonie verlässlicher Garant für Negativschlagzeilen. Die Bauzeit dauert spektakuläre sieben Jahre länger als ursprünglich geplant, die reinen Baukosten von € 77 Mio stiegen auf € 789 Mio, die Staatsanwaltschaft untersucht. Deutsche Baukompetenz, so glaubte man bisher, sei aus anderem Stoff gemacht. Doch nun wird alles etwas gut..“  

Am 12.1.2017, zum Eröffnungskonzert der neuen Elbphilharmonie, schrieb Patrik Klein begeistert für IOCO, link hier, dass dies der Beginn einer neuen musikalischen Zeitrechnung der Hansestadt sei: „….Bald wird man diese „traurige“ Vergangenheit vergessen haben, man wird sich nur noch der atemberaubenden, transparenten Akustik, der wunderschönen Architektur des neuen Hamburger Wahrzeichens widmen.“    So kam es denn auch.

Nun, am 20.12.2019 publizierte die Elbphilharmonie spektakuläre Zahlen für die Konzertsaison 2018/19: Mit 1,25 Mio. Besuchern bei Konzerten und Veranstaltungen in Elbphilharmonie und Laeiszhalle waren in Hamburgs Konzerthäusern in der Saison 2018/19 mehr als dreimal so viele Menschen zu Gast wie vor Eröffnung der Elbphilharmonie. (Saison 2015/16 390.000).

Die Fledermaus zum Jahreswechsel 18/19 im Großen Saal der Elphi
youtube Trailer Elbphilharmonie Hamburg
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Mit 904.000 Besuchern und 731 Veranstaltungen und weiteren 2,7 Mio. Besuchern auf der Plaza (die Plaza ist Nahtstelle zwischen dem traditionsreichen Hafenspeicher und dem gläsernen Neubau der Elbphilharmonie: In 37 Meter Höhe bietet die öffentliche Aussichtsplattform Plaza den Besuchern einen spektakulären Rundumblick die Stadt und Hafen) verzeichnete die Elbphilharmonie 2018/19 insgesamt 3,6 Mio. Gäste. Die Auslastung der Konzerte lag im Großen Saal (Foto oben) bei 98.9%, im Kleinen Saal bei 91.7%. Die Education-Abteilung der „Elphi“ richtete zudem für Kinder, Jugendliche und Familien 1.000 Veranstaltungen mit 52.000 Besuchern aus.

12 Millionen Gäste haben seit Eröffnung der Elphi im Januar 2017 die Plaza besucht; ein Fünftel davon, 2,6 Mio. gingen auch in ein Konzert: Die Elphi mutierte in kurzer Zeit zu einem auch international respektierten Konzerthaus, in dem alle großen Künstler unserer Zeit gerne auftreten.

Generalintendant  Christoph Lieben-Seutter: Der auch nach  drei Jahren anhaltend hohe Zuspruch ist eine große Freude für mein Team und mich. Besonders glücklich macht mich der Umstand, dass sichin Hamburg nun so viel mehr Menschen für einen Konzertbesuch entscheiden und auch wiederkommen.“

Kultursenator Dr. Carsten Brosda: „Der andauernde Erfolg der Elphilharmonie zeigt, was für ein Juwel die Kulturstadt Hamburg mit dem neuen Konzerthaus bekommen hat. Seit nunmehr drei Jahren reißt der Besucherstrom auf die Plaza nicht ab, und seit der Eröffnung der Konzertsäle haben wir tagtäglich ausverkaufte Konzerte und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche.“

—| Pressemeldung Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano dirigiert Silvesterkonzert, 31.12.2019

Dezember 18, 2019  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Konzert, Pressemeldung

Staatsorchester Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte _ Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Kent Nagano dirigiert Silvesterkonzert

Traditioneller Jahresausklang am Vormittag des 31. Dezember 2019

Zum Jahresausklang präsentiert Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano ein Programm mit sinnstiftenden Querverbindungen und Gegenüberstellungen von alter und neuerer Musik, Festlichem und Nachdenklichem.

Neben Altmeistern wie Giovanni Gabrieli und J.S. Bach darf – mit Blick aufs Jubiläumsjahr – Ludwig van Beethoven natürlich nicht fehlen. Sofia Gubaidulina ist ebenso vertreten wie Felix Mendelssohn Bartholdy mit seiner „Reformations-Symphonie“, die den feierlichen Abschluss bildet. Mit dem Programm möchten sich Kent Nagano und die Philharmoniker gemeinsam mit ihrem Publikum vom alten Jahr verabschieden und gleichzeitig das neue Jahr 2020 begrüßen.

Silvesterkonzert  –  Dienstag, 31. 12. 2019, Elbphilharmonie, 11 Uhr

Giovanni Gabrieli: Symphoniae sacrae (Auszüge)
Johann Sebastian Bach: „Kunst der Fuge“ (Auszüge aus der Orchesterfassung von Ichiro Nodaira)
Sofia Gubaidulina: EIN ENGEL… für Alt und Kontrabass auf ein Gedicht von Else Lasker-Schüler
Ludwig van Beethoven: Große Fuge für Streichquartett op. 133
Johann Sebastian Bach: Kantate BWV 80 „Ein feste Burg ist unser Gott“ (Orchesterfassung von Leopold Stokowski)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Symphonie Nr. 5 in D-Dur/d-Moll op. 107 „Reformations-Symphonie“
Kent Nagano, Dirigent
Nadezhda Karyazina, Alt
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Eventuelle Restkarten von 19 bis 109 Euro sind erhältlich im Kartenservice der Hamburgischen Staatsoper, unter 040 35 68 68, online unter www.staatsorchester-hamburg.de sowie an den bekannten Vorverkaufsstelle und am Konzerttag in der Elbphilharmonie.

—| Pressemeldung Staatsorchester Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Pittsburgh Symphony Orchestra – Lang Lang, IOCO Kritik, 29.10.2019

Oktober 29, 2019  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Pittsburgh Symphony Orchestra – Starpianist Lang Lang

Mason Bates, Wolfgang A. Mozart, Dmitri Schostakowitsch

von Thomas Birkhahn

Eine klagende Fagott-Melodie, die mühsam von einem Ton zum nächsten glissandiert, dazu düstere Trillerfiguren und orientalisch anmutende Harmonien. So beginnt Resurrexit, ein 2018 komponiertes, gut zehnminütiges Orchesterwerk des Amerikaners Mason Bates (*1977). Das Pittsburgh Symphony Orchestra und sein Music Director Manfred Honeck eröffneten ihr Debütkonzert in der Elbphilharmonie mit diesem eigens für dieses Orchester komponierten Werk, welches die Auferstehung Jesu in Tönen erzählt. Es beginnt schwermütig mit der Kreuzigung Jesu und endet triumphal in strahlendem Optimismus. Das Werk ist ein von unbändiger Musizierlust durchdrungenes Showpiece im besten Sinne: In den flirrenden Bläserkaskaden kann das Orchester seine ganze technische Brillanz ausspielen, in den langgezogenen Kantilenen glänzt es mit sattem Streicherklang.

Pittsburgh Symphony Orchestra – Konzert vom 26.10.2019 

Manfred Honeck gelingt es, die differenzierte Instrumentierung des Stückes hörbar zu machen. Die Bläserstimmen bleiben durchsichtig, werden nie vom großen Streicherapparat zugedeckt. Honeck vermittelt überzeugend den mitunter rauschhaften Charakter des Werkes, das teilweise an Musik von Maurice Ravel, teilweise an Star Wars erinnert, was hier absolut positiv gemeint ist. Dies ist zeitgenössische Musik, die es wagt, dem Hörer gefallen zu wollen und ihn zu unterhalten: Die Melodik ist griffig, die Harmonik im weiteren Sinne tonal. Es ist wohltuend, ein Werk zu hören, bei demein zeitgenössischer Komponist einmal nicht mit jedem Takt die Schmerzen der Welt vertonen will.

Elbphilharmonie Hamburg / Lang Lang und das Pittsburgh Symphony Orchestra © Peter Hundert

Elbphilharmonie Hamburg / Lang Lang und das Pittsburgh Symphony Orchestra © Peter Hundert

Der Pianist Lang Lang – einer der größten Superstars des Klassik-Betriebs – gab mit Mozarts Klavierkonzert c-moll, KV 491 ebenfalls sein mehrfach aus Krankheitsgründen verschobenes Debüt in der Elbphilharmonie. Und hier sind wir dann doch bei den Schmerzen in der Musik.

Es ist das zweite und letzte Solokonzert, für das Mozart eine Molltonart wählt. Mozart komponierte es 1786 wie auch seine anderen Wiener Klavierkonzerte für eine eigene Aufführung, und war deshalb selbstverständlich auch der Solist der Uraufführung. Wie damals üblich leitete er das Orchester vom Klavier aus. Das Konzert wird allgemein als symphonisches Konzert bezeichnet, was bedeutet, dass das Orchester sich nicht nur auf eine Begleitfunktion des Solisten beschränkt, sondern auch eine eigenständige Rolle einnimmt. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass das Hauptthema kein einziges Mal vom Solisten übernommen wird. Dem Solisten hat Mozart eine durchaus selbstbewusste Rolle zugedacht, äußert er doch bei seinem ersten Einsatz zunächst „eigene Gedanken“, ohne auf Themenmaterial aus der Orchestereinleitung zurück zu greifen.

Schon diese Einleitung des Orchesters macht deutlich, dass wir es hier mit einer düsteren Grundstimmung zu tun haben, die das gesamte Konzert über nicht vollständig weichen will. Honeck und seine Musiker betonen das Abgründige dieser Musik, die ungewohnt schroffe Melodik, die harten dynamischen Schnitte. Das alles hat so gar nichts mehr mit der gefälligen Unterhaltung zu tun, für die Mozart in seinen ersten Wiener Jahren vom Publikum noch sehr geschätzt wurde. Hier ist ein Komponist am Werk, der sein Innerstes nach außen kehrt, und damit schon den Weg in Richtung Beethoven weist, den dieses Konzert außerordentlich beeindruckte.

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Es ist eine abgedroschene Redewendung, eine Stille zu beschreiben, in der „man eine Stecknadel hätte fallen hören“. Aber genau so ist es bei Lang Lang: Bereits mit den ersten Tönen zieht er das Publikum in seinen Bann und lässt es bis zum Schluss nicht mehr los. Sein wunderbar zarter Anschlag und sein poetisches Spiel ziehen den Hörer geradezu magisch an. Die dynamischen Abstufungen reichen bei ihm nicht nur von laut bis leise, sondern bis fast unhörbar. Mit jeder Phrase „spricht“ er zum Publikum, ohne die Musik zu romantisieren. Sein Spiel, in dem jede Phrase genau durchdacht klingt, ist von einer Schlichtheit und Innigkeit, die anrührt.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra ist für Lang Lang ein gleichwertiger Partner, mit dem er kammermusikalisch musiziert und kommuniziert. Immer wieder blickt er ins Orchester und gestikuliert – wenn sie mal Pause hat – mit der linken Hand, als wolle er Einsätze geben. Das Pittsburgh Symphony Orchestra beschränkt sich nicht auf reines Begleiten des Solisten, sondern ist Lang Lang ein ebenbürtiger Partner. Es fördert einerseits mit der nötigen Aggressivität die Schmerzen dieser Musik zu Tage, um andererseits besonders im zweiten Satz dem Solisten einen traumhaft weichen Klangteppich zu zaubern.

Lang Lang zeigt aber auch die technische Brillanz seines Könnens. Gerade der letzte Satz hält virtuose Passagen für den Solisten bereit. Mit spielerischer Leichtigkeit gibt er den rasenden Sechzehntelläufen musikalische Gestalt und hat für die Dramatik des Schlusssatzes auch härtere Klangfarben im Repertoire, welcher im Gegensatz zum d-moll Konzert KV 466 auch tatsächlich in moll endet.

Das Publikum entlässt ihn erst nach zwei virtuosen Zugaben: Mendelssohns „Spinnerlied“ op. 67 Nr. 4 aus Lieder ohne Worte und „Presto“ aus Schule der Geläufigkeit op. 299 von Carl Czerny.

„Komponieren um zu überleben“ könnte die Überschrift für die 5. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch lauten. Man möchte keinem Künstler wünschen, jemals in einer ähnlichen Situation zu sein wie der Komponist im Jahr 1937. Seine Oper Lady Macbeth von Mzensk war ein Jahr zuvor bei Stalin in Ungnade gefallen. Die Oper – bis dahin sehr erfolgreich in der Sowjetunion und auch im Westen aufgeführt – wurde als „formalistisch“ denunziert, abgesetzt, und Schostakowitsch als „Feind des Volkes“ gebrandmarkt. Seitdem musste er um sein Leben fürchten. Es war die Zeit des großen Terrors in der Sowjetunion. Jeder konnte von jedem ohne triftigen Grund denunziert werden. Millionen Menschen wurden erschossen oder verschwanden für immer in einem sibirischen Gulag.

Schostakowitsch (1906-1975) erinnerte sich später in seinen Memoiren – die er zu seinen Lebzeiten heimlich mit dem Musikwissenschaftler Solomon Volkov aufgezeichnet hatte, und die erst nach seinem Tod im Westen veröffentlicht wurden – an diese Zeit: „Schon vor dem Krieg gab es in Leningrad sicherlich kaum eine Familie ohne Verluste: Der Vater, der Sohn, und wenn es kein Angehöriger war, dann ein naher Freund. Jeder hatte um jemanden zu weinen. Aber man musste leise weinen, unter der Bettdecke. Niemand durfte es merken. Jeder fürchtete jeden. Der Kummer erdrückte uns.“ Im Sommer 1937 wurde Schostakowitschs Schwester Marija nach Sibirien deportiert und ihr Mann verhaftet. Seine Großmutter wurde zwangsweise umgesieldelt, sein Großvater war schon in der Verbannung.

In dieser Situation sollte Schostakowitsch für das Regime eine neue Sinfonie komponieren, um zu zeigen, dass er sich gewandelt habe und nicht mehr „formalistisch“ – also rein intellektuell – sondern für das einfache Volk schreibe. Er musste beweisen, dass sein Leben für die Sowjetunion einen Wert hatte.Wir haben es also mit einem Werk von existenzieller Bedeutung für den Komponisten zu tun. Schostakowitsch untertitelte sein 5. Symphonie mit dem Motto „Das Werden der Persönlichkeit“, und tat zumindest öffentlich so, als habe er sich gewandelt: „Ich versuche, die tragischen Motive der ersten Sätze im Finale der Sinfonie zu einem optimistischen Entwurf voller Leben aufzulösen.“

Dass der Komponist allerdings unter der Oberfläche eine ganz andere Botschaft vermittelt, wird bei genauem Hinhören spätestens im Finalsatz deutlich. Der energische Beginn – man könnte ihn ein musikalisches Ausrufezeichen nennen – wird von Honeck geradezu herausgeschleudert. Man meint, Zeuge einer Aufbruchstimmung zu sein, die aber nicht lange anhält. Der Dirigent arbeitet sehr überzeugend heraus, wie schon bald Resignation und „musikalische Fragezeichen“ die Musik dominieren.

Hier sind vor allem die Holzbläser zu erwähnen, die den klagenden Kantilenen einen wunderbaren Bogen geben. Aber auch die Streicher spielen diese resignative Musik wunderbar weich und mit perfektem Zusammenspiel. Der Einsatz des Klaviers läutet eine neue Stimmung ein: Die Musik wird greller und grimmiger, bis das klagende Seitenthema schließlich zu einem fratzenhaft verzerrten Militärmarsch mutiert. Man ist als Hörer beinahe bestürzt, wie es dazu kommen konnte, und fragt sich hier zum ersten Mal, – weitere werden folgen – wie die Kulturfunktionäre der Sowjetunion das haben durchgehen lassen. Eine Verherrlichung des großen Führers Josef Stalin klänge zumindest anders. Sehr beeindruckend gelingt Honeck auch das Ende des Satzes: mit unglaublicher Zartheit musiziert das Orchester diesen Schluss, der – für einen Kopfsatz sehr ungewöhnlich – im Piano endet.

Elbphilharmonie Hamburg / Lang Lang, Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra © Peter Hundert

Elbphilharmonie Hamburg / Lang Lang, Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra © Peter Hundert

Der zweite Satz ist mit Scherzo überschrieben, und klingt wie ein rustikaler Satz aus einer Mahler-Sinfonie. Dass hier womöglich ganz andere Inhalte transportiert werden, hat der Dirigent Kurt Sanderling – ein langjähriger Freund Schostakowitschs, der zudem bei der Uraufführung Ende 1937 anwesend war – gemutmaßt: Man könnte es als die musikalische Beschreibung des Unterhaltungsprogramms einer Parteiveranstaltung deuten. Wir hören eine Tanzaufführung, und später kommt ein kleines Mädchen hinzu (dargestellt durch die Solovioline) und „spricht“ einen auswendig gelernten Text über die Güte von „Vater Stalin“. Schostakowitsch hat sogar komponiert, wie sich das Mädchen vor Aufregung verhaspelt. Bei Honeck klingt es genau so: Hier herrscht keine Fröhlichkeit, hier herrscht der Zwang zur Fröhlichkeit. Aller Schönklang ist verbannt zugunsten einer aggressiven Grundstimmung.

Der nun folgende langsame Satz ist einer der schönsten in der sinfonischen Musik überhaupt. Schostakowitsch verzichtet hier auf Blech und Schlagwerk und stimmt einen großen Gesang an. Ich kenne kaum Musik von solcher Trostlosigkeit und Leere bei gleichzeitiger Tiefe der musikalischen Gedanken. Ist es ein Requiem für die Millionen von Toten? Ist es die musikalische Beschreibung der Einsamkeit in einer Diktatur? Wir wissen es nicht, aber es ist schlichtweg eine musikalische Sternstunde, wie das PSO hier Klänge von einer Zartheit zaubert, die an der Grenze zur Stille sind. Die ebenfalls vorhandenen schmerzhaften Ausbrüche dieser Musik sind bei Honeck von bohrender Intensität. Die Verzweiflung und Zerrissenheit wird von ihm mit solcher Unerbittlichkeit dirigert, dass sie den Hörer bis ins Mark erschüttert.
Auch hier stellt sich wieder die Frage, wie die Offiziellen der sowjetischen Kulturpolitik diese Musik aufgenommen haben. Es gibt doch keine Traurigkeit in unserer großartigen Sowjetunion!!!
Vielleicht hat der letzte Satz sie versöhnt, der scheinbar triumphal in strahlendem D-Dur endet (der Tonart von Beethovens Chorfinale aus der 9. Sinfonie). Hierzu hat sich Schostakowitsch in seinen Memoiren eindeutig geäußert:

„Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. […]. So, als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: „Jubeln sollt ihr, jubeln sollt ihr.“ Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir.“[…] Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.“

Aber schon vorher gibt es einen versteckten Hinweis, dass diese Sinfonie kein „Einknicken“ ihres Schöpfers vor der Diktatur ist: Schostakowitsch zitiert ein Motiv aus dem Puschkin-Gedicht „Wiedergeburt“, welches er im Jahr zuvor vertont hatte. In diesem Gedicht heißt es:

Ein hehres Kunsterzeugnis schändet
Mit schlaffer Hand ein Kunstbarbar.
Er pinselt drüber sinnverblendet
Sein Bild, das Größenwahn gebar.

Man muss schon ein kompletter Trottel sein, hier nicht an Stalin zu denken…

Doch zunächst beginnt der Satz durchaus optimistisch, und Honeck lässt seine Musiker auf das triumphale zweite Thema des Satzes zurasen, bevor – ähnlich wie schon im ersten Satz – wieder Nachdenklichkeit und Resignation die Oberhand gewinnen. Die komponierten Mühen, die es die Musik kostet, um überhaupt von d-moll nach D-Dur zu kommen, werden von Honeck voll ausgekostet.

Und dann beginnt jener „erzwungene Jubel“, in dem Streicher, Holzbläser und Klavier 231 Mal hintereinander dieselbe Note „a“ spielen (ich habe nachgezählt!). Honeck wählt ein schleppendes Tempo, welches die Leere dieses Jubels unerträglich in die Länge zieht. Es ist großartig, wie er den Hörer in dieser „Endlosschleife“ gefangen hält. Man sehnt das Ende herbei und ist gleichzeitig fasziniert von soviel Inhaltlosigkeit!

Das Orchester bedankte sich mit der Gymnopedie Nr. 1 von Erik Satie, und einer zweiten, mir unbekannten Zugabe, für den tosenden Beifall.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Britain Calling – Double Feature, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 9, 2019  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Kritiken, Oper

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Britain Calling – Double Feature
City of Birmingham Symphony Orchestra  –  Mirga Gražinyte-Tyla

von Andreas Witzig

Britain Calling, so lautet der Titel eines einwöchigen Festivals der Elbphilharmonie Hamburg rund um Mirga Gražinyte-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra. Bereits vor dem Eingang zum Großen Saal ist themengerecht gleich eine originale englische Telefonzelle aufgestellt. IOCO hat die ersten beiden Konzerte im Großen Saal besucht. Und dies vorweg: Die sehr hohen Erwartungen wurden mehr als erfüllt!

Montag 7. Oktober  –  „Mitten im Zweiten Weltkrieg“

Zunächst betritt Elphi Intendant, Christoph-Lieben-Seutter die Bühne und teilt dem Publikum mit, dass zwecks Erstellung einer CD ein Mittschnitt erfolge. Mit viel Wiener Schmäh bittet er daher darum, das sonst üblich gewordene Husten zwischen den Sätzen soweit möglich zu unterlassen. Das führt beim Publikum zu einer gewissen Heiterkeit, hat aber dann doch im Verlauf des Konzerts den gewünschten Effekt.

Die Sinfonia da Requiem op. 20 von Benjamin Britten wurde inmitten des Zweiten Weltkriegs in den USA komponiert. Anders als der Name erwarten lässt, kommt der Chor hier noch nicht zum Einsatz. Dafür tritt das Orchester in sehr großer Besetzung an, unter anderem mit sechs Schlagwerkern. Diese sind in dem Stück viel beschäftigt, so beginnt es mit donnernden Paukenschlägen, gefolgt von einem sanften Piano der Celli und Bratschen. Bereits hier begeistert Mirga Gražinyte-Tyla (für die selbst im offiziellen Programm der Elbphilharmonie überwiegend nur ihr Vorname verwendet wird) mit ihrem präzisen Dirigat. Niemals – und das zieht sich durch beide Abende – entsteht der Eindruck, dass das Orchester einfach vor sich hinspielen darf, Gražinyte-Tyla weist stets alles detailliert an, begleitet und unterstützt. Und das Orchester bedankt sich dafür mit einer ungeheuren Präzision des Spiels. Besonders erwähnenswert sind die mühelosen Einsätze der sieben Hörner. Nachdem die Sinfonia verklingt, folgen fünf Sekunden andächtiger Stille vor dem Applaus. Nicht nur das Publikum, auch Gražinyte-Tyla ist sichtlich sehr zufrieden mit der Leistung ihres Orchesters.

Elbphilharmonie Hamburg / City of Birmingham Symphony Ochestra und Solisten © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / City of Birmingham Symphony Ochestra und Solisten © Daniel Dittus

Es folgt das Oratorium A Child of Our Time von Michael Tippett. Auch dieses Werk wurde im Zweiten Weltkrieg komponiert, es verarbeitet die Ereignisse rund um die Reichskristallnacht 1938. Ein ergreifendes Stück,für das Tippet auch fünf Spirituals in Choralform umgeschrieben hat. Das Orchester tritt nun in kleinerer Besetzung auf, dafür wird es unterstützt vom über 100 Personen starken Chor und vier Solisten. Der Chor ist im Block G hinter dem Orchester platziert und singt über dieses hinweg. Damit entfallen auch die sonst in der Elbphilharmonie manchmal angemerkten Akustikprobleme bei Singstimmen.

Überhaupt die Akustik der Elbphilharmonie: sie ist an beiden Abenden mit diesem Orchester überragend! Selbst das Aufstehen des Chors ist als leichtes Flüstern vernehmbar. Und Dank des hervorragenden Dirigats durch Gražinyte-Tyla kein einziger Klatscher des Publikums zwischen den Teilen des Stücks, sondern gebannte Stille.

Auch in diesem Stück überlässt die Dirigentin nichts dem Zufall, die Lautstärke wird stets präzise eingesteuert. Herausragend sind das Pianissimo der Streicher im Spiritual Nobody knows und im Kontrast dazu das Fortissimo der Hörner und Posaunen bei Go down, Moses. Bei letzterem Spiritual klingt – vom Chor perfekt gesungen – die komplette Verzweiflung über die Verfolgungen mit. Das Publikum ist sichtlich ergriffen.

Das abschließende Spiritual Deep River klingt eher wie ein Schlusschoral, am Ende nur noch begleitet von wenigen Streichern – dann wieder Stille, bevor der Schlussapplaus einsetzt.

Dienstag, 8. Oktober  –  „Frauenpower“

Der Abend wird er von der Elbphilharmonie angekündigt als Frauenpower – neben der Dirigentin tritt die Startrompeterin Alison Balsom auf, außerdem wurden zwei der drei Stücke des Abends von Frauen komponiert.

Elbphilharmonie Hamburg / Britain Calling - hier : Alison Balsom © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Britain Calling – hier : Alison Balsom © Daniel Dittus

Wieder zeigt Gražinyte-Tyla ihr hervorragendes Dirigat. Wieder wird nichts dem Zufall überlassen. Stets präsent gibt die Dirigentin präziseste Anweisungen an das Orchester, das auch die kleinsten Hinweise umsetzt. Schon im ersten Stück, der Sinfonie Nr. 2 von Ruth Gipps, begeistern die weichen Holzbläser, die präzisen Blechbläser und die Streicher mit einem wundervollen Piano.

Im nachfolgenden Konzert für Trompete und Orchester von Thea Musgrave zeigt Alison Balsom, für die das Stück komponiert wurde, was mit der Trompete alles möglich ist. Mit größter Leichtigkeit werden auch schnellste und höchste Passagen mühelos wirkend gespielt. Beim Wechselspiel mit dem Orchester wendet sich die Trompeterin jeweils dem führenden Gegenpart zu, darunter dem hervorragenden Klarinettisten und dem von der Seite eintretenden Trompeter. Der unglaublich hohe Abschlusston des Konzerts wird von Alison Balsom perfekt und leicht gehalten.

Den Abschluss bildet die Troilus and Cassina Suite von William Walton. Und wieder das gleiche Bild: perfektes Dirigat und hervorragendes Orchester. Besonders herauszustellen sind in diesem Stück die wunderbaren Soloteile der ersten Geigerin und des ersten Cellisten sowie der ersten Flötistin. Und auch hier wieder gebannte Stille des Publikums in den Pausen zwischen den vier Teilen des Werks.

Nach dem Schlussakkord möchte das begeisterte Publikum nicht enden mit seinem Applaus. Gražinyte-Tyla bedankt sich dafür beim Publikum in sehr gutem Deutsch und entschuldigt sich für das Ausbleiben einer Zugabe mit dem Hinweis auf die im weiteren Verlauf des Abends vom Orchester noch aufzunehmenden Teile für die CD. Auf dieser CD sei dann vom kaufenden Besucher neben dem Orchester vielleicht sogar das eigene Atmen zu hören. Charmanter geht Marketing wohl kaum.

Nach zwei begeisternden Abenden freut sich IOCO bereits jetzt auf den nächsten Auftritt von Mirga Gražinyte-Tyla und dem City of Birmingham Symphony Orchestra in der Elbphilharmonie.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

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