Hamburg, Elbphilharmonie, Jonas Kaufmann – Diana Damrau, IOCO Kritik, 12.02.2018

Februar 13, 2018  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

  Italienisches Lieberbuch  –  Hugo Wolf

Diana Damrau und Jonas Kaufmann

Von SebastianSiercke

„Auch die kleinen Dinge können uns entzücken“, dieser Titel des ersten Liedes des Italienischen Liederbuches könnte an diesem Abend in der Hamburger Elbphilharmonie auch als Motto des Konzertes stehen. Der zweite Abend der Reihe „Große Stimmen“ wurde am 8.2.2018 von Diana Damrau und Jonas Kaufmann mit dem nur selten komplett aufgeführten Italienischen Liederbuch von Hugo Wolf gegeben.

46 kleine Lieder, von Hugo Wolf in zwei Büchern 1890-91 und 1896 nach volkstümlichen italienischen Liebesgedichten, in der Übersetzung des Literatur-Nobelpreisträgers Paul Heyse komponiert. Die Lieder wurden in anderer Reihenfolge als üblich gesungen, was dem Ganzen den Charme eines Rede- und Antwortspiel eines verliebte jungen Paares gab. Liebe, Streit, Trauer, Hoffen und Sehnen, Zorn und Spott abwechselnd von Sopran und Tenor gesungen, ergaben einen sehr spannenden Abend.

Mit Diana Damrau und Jonas Kaufmann standen nicht nur die wohl international bedeutendsten deutschen Opernstars zusammen auf der Bühne, sondern eben auch zwei anerkannte Liedersänger. Zart gehauchte Liebesgedichte, auftrumpfende Spottverse, beide Sänger können mit ihren Stimmen spielen und ausdrücken, was auch immer gerade gefordert wird. Jonas Kaufmann mit heldentenoralen Einwürfen, dann einen Moment später in feinstes Pianissimo wechselnd, wenn die Stimmung des Liedes dies verlangt.

Damrau und Kaufmann sind hervorragende Bühnendarsteller; sie machten sie aus diesem Wechselgesang durch Gestik und Mimik ein wahrhaft bühnenreifes Zwei-Personen-Stück, weit entfernt von der sonst gelegentlich etwas akademisch wirkenden Stimmung eines Liederabends.Ein phantastischer Abend zweier Weltstars, begleitet von dem großartigen Pianisten Helmut Deutsch. Die Zugabe zweier  Duette rundete den Abend harmonisch ab.

Für etliche der Besucher war allerdings der wohl größte Star des Abends die Elbphilharmonie selber.  Man wünschte sich zwar für einen solchen Liederabend eher einen intimeren, stimmungsvolleren Rahmen, als den des Großen Saals.  Das dieser aber komplett ausgebucht war, spricht sowohl für den Magneten Elbphilharmonie, als auch für die zwei unvergleichliche Weltstars.

 Optik und Akustik im Großen Saal – Nicht Optimal ! 

Der Große Saal hält allerdings Wermutstropfen vor, da die Anordnung des Publikums Teile der Darbietung unsichtbar macht. Wenn man zu weit seitlich oder gar hinter der Bühne sitzt, bleibt von den Sängern nur eine Rückenansicht, die auch noch vom geöffneten Flügel verdeckt wird. Von der Schauspielkunst und Darstellung der Künstler ist dann nicht mehr viel zu sehen und die Stimmen bekommen einen gelegentlich etwas bleiernen Klang. Die Laeiszhalle Hamburg wäre für solche Konzerte vermutlich geeigneter.

Trotz der kleinen Schwächen der großartigen Elbphilharmonie ist dieser Abend mit dem Italienischen Tagebuch von Hugo Wolf, mit wunderbarer Gesangskunst von Diana Damrau und Jonas Kaufmann vorgetragen, bereichernd und belebend für das Musikleben Hamburgs.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Jolanthe von Peter Tschaikowsky, IOCO Kritik, 11.02.2018

Februar 12, 2018  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken, Oper

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

 Jolanthe von Peter Tschaikowsky

  Sternstunde der konzertanten Oper

Von Patrik Klein

Konzertante Opernaufführungen in der Elbphilharmonie Hamburg erfreuen sich besonders großer Beliebtheit, da sich der interessierte Besucher, wenn er denn ein Ticket ergattern konnte, voll und ganz der Musik in einem der besten Klangkörper des Landes widmen kann. Sofern man keinen Platz hinter dem Orchester und damit im Rücken der Sängerinnen und Sänger hat, kann sich hier das musikalische Paradies frei und klanggewaltig von den feinsten Nuancen bis zu den trommelfellmassierenden Spitzen entfalten.

Valery Gergiev –  Meister der kleinen Gesten

Valery Gergiev ist neben seiner Tätigkeit in Sankt Petersburg der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.  Hier musste er sich zunächst mit seinen Orchestermusikern mit seinem speziellen Stil von Gelassenheit, natürlicher Autorität und ungewöhnlich kurzen Probenarbeiten arrangieren. Auch seine Art und Weise zu dirigieren und den Klang dunkler zu gestalten, musste von den Musikern aus München erst einmal gelesen und verstanden werden.

Die Musiker des Mariinsky-Theater, St. Petersburg, wo vor 125 Jahren die Uraufführung stattfand, waren im Rahmen einer Tournee auch in Hamburg und führten Tschaikowskys einaktige und letzte Oper Jolanthe  konzertant auf.

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant-  mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant- mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Die Märchenoper Jolanthe stellt einen Höhepunkt in der Spätromantik an der Grenze zum Symbolismus dar. Sie wurde 10 Jahre vor Debussies  Pelleas und Melisande kurz vor Tschaikowskys Tod im Jahr 1892 in St. Petersburg uraufgeführt. Der Erfolg war nur mäßig. Man sagte ihr Trivialität und Banalität nach und warf dem Komponisten ein sentimentales Abrutschen vor. Die Person Tschaikowsky galt als  umstritten und sein Tod 1893 war mysteriös und tragisch. Am damaligen Stadttheater in Hamburg wurde die Oper 1893 unter der Leitung von Gustav Mahler uraufgeführt.

Wie in Peter Weirs Film The Truman Show geht es um die anrührende Naivität des Helden, der eben hier in einer Show steckt und es nicht weiß. Bei Jolanthe ist es ähnlich, da sie blind ist, davon nichts weiß und in einer abgeschiedenen Welt lebt.

Liebe macht blind, wie es so schön heißt. Doch in Jolanthe kehren sich die Verhältnisse um: Prinzessin Jolanthe ist bereits blind und wird durch Liebe geheilt. Der Weg dahin ist steinig, denn die Königstochter weiß nicht um ihr Schicksal und daher auch nicht, was ihr fehlt. Um geheilt zu werden, muss Jolanthe den Wunsch, sehen zu können, aber überhaupt einmal verspüren. Erst ein fremder Ritter schafft es, die nötigen Gefühle in ihr zu erwecken.

Prinzessin Jolanthe (die Sopranistin Irina Churilova macht den Konzertabend in Hamburg zu einem Erlebnis; mit dunklem Timbre und einer Riesenstimme wird sie fein intonierend vom zarten Hauch bis zum großen Ausbruch mit viel Gefühl den Anforderungen dieser Rolle mehr als gerecht und erhält auch den größten Applaus) lebt abgeschieden auf einem Schloss in der hügligen Provence. Sie ist von Geburt an blind. Ihr Vater, König René, (der nicht nur in St. Petersburg bekannte Bass Stanislav Trofimov, der auch an großen Häusern in Europa zu hören ist, trumpft mit einer respekteinflößenden, wuchtigen, prachtvollen abgrundtiefen schwarzen Stimme auf) hat unter Androhung von Strafe verboten, sie davon ins Bild zu setzen, was ihr fehle. Auch dass sie eine Königstochter ist, weiß Jolanthe nicht.

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant - mit Valery Gergiev, Mitte, und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant – mit Valery Gergiev, Mitte, und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Im Schlossgarten gibt sich Jolanthe, umgeben von Martha (Natalia Yevstafieva mit wunderschöner Altstimme) und ihren Freundinnen Brigitta (Kira Loginovas mit feinem Sopran) und Laura (Ekaterina Sergeeva mit schön gefärbtem Mezzosopran), ihrer Traurigkeit hin. Sie spürt, dass man etwas vor ihr verborgen hält. Um sie aufzuheitern, bestellen die Frauen fröhliche Musik. Jolanthe will davon nichts wissen. Sie schickt ihre Freundinnen nach Blumen.

Nachdem Jolanthe im Garten des Schlosses unter dem Gesang eines Wiegenlieds eingeschlafen ist, vernimmt man den Schall von Jagdhörnern. Almerik (Andrei Zorins Tenorstimme klingt spielerisch wie der Schuiski in Mussorgskis Boris Godunow; mit leicht dunkel gefärbter und etwas eng geführter Stimme), der neue Waffenträger des Königs, kündigt die Ankunft des Monarchen an. Bertrand (Yuri Vorobiev mit ebenso prachtvoller Bassstimme), der Türhüter des Schlosses, warnt davor, in Jolanthes Gegenwart vom Licht zu reden oder sie merken zu lassen, dass ihr Vater König ist.

König René trifft ein in Begleitung eines maurischen Arztes, Ibn-Hakia (Roman Burdenkos wartet auf mit feinster Baritonstimme, die mit leicht dunkler Färbung mit atemberaubender Kraft besonders die musikalisch höher gelegenen Tonlagen mühelos meistert), der Jolanthe heilen soll. Der Arzt untersucht die schlafende Prinzessin. Er hält eine Heilung für möglich, besteht aber darauf, dass Jolanthe zuerst um ihre Blindheit wissen und eine Heilung innig herbeisehnen müsse, vorher verspreche eine Behandlung keinen Erfolg. Der König lehnt entschieden ab, Jolanthe das sorgsam gehütete Geheimnis zu offenbaren.

Bei Anbruch der Nacht dringen trotz deutlicher Verbotstafel zwei verirrte Ritter in den Garten ein. Es sind Robert (Alexei Markov mit sehr schöner lyrischen Spielbaritonstimme), Herzog von Burgund, dem Jolanthe versprochen ist, und sein Waffengefährte, Graf Vaudémont (Nazhmiddin Mavlyanov, der auch in Deutschland bekannte Tenor aus Usbekistan macht seine Sache großartig mit hohem Einsatz, leicht nasaler Färbung und feiner Stimmführung ganz besonders im Duett mit Robert). Robert, der nicht weiß, dass Jolanthe blind ist, liebt eine andere Frau, Mathilde, und wünscht sich nichts dringlicher, als von seinem Heiratsversprechen entbunden zu werden. Vaudémont jedoch verliebt sich beim Anblick der schlafenden Prinzessin auf der Stelle in sie. Robert ist das nicht geheuer, er möchte Vaudémont mit Gewalt wegbringen. Dabei erwacht Jolanthe. Sie empfängt die Ritter freundlich und bewirtet sie. Robert fürchtet eine Falle und macht sich davon, seine Scharen zu holen.

Vaudémont bleibt allein zurück mit Jolanthe. Er bittet sie darum, ihm eine rote Rose zu pflücken, die ihn an die liebliche Röte ihrer Wangen erinnern soll. Sie gibt ihm stattdessen eine weiße und ist auch nicht in der Lage, die Anzahl der Rosen im Strauß zu nennen, ohne sie mit den Händen zu greifen. Vaudémont wird gewahr, dass sie blind ist. Voller Mitleid erzählt er ihr von der Schönheit des Lichts, dieses „wunderbaren Erstlingswerks der Schöpfung“.

Der König, Ibn-Hakia, Almerik und Bertrand erscheinen. Es wird deutlich, dass Jolanthe das Geheimnis ihrer Blindheit nicht mehr verborgen ist. Der König dringt in seiner Verzweiflung darauf, dass sich Jolanthe nun einer Behandlung unterzieht. Sie ist bereit, ihrem Vater zu gehorchen, kann sich aber nicht sehnlichst herbeiwünschen, was sie gar nicht kennt, wie es für eine erfolgversprechende Behandlung nötig wäre. Der König droht Vaudémont mit der Todesstrafe, falls die Heilung seiner Tochter misslingt. Angesichts dieser Gefahr verkündet Jolanthe ihre Bereitschaft, alles zu ertragen, um Vaudémont, dessen Liebe sie erwidert, zu retten. Sie geht mit dem Arzt ab.

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant - mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Jolanthe konzertant – mit Valery Gergiev und Musiker des Mariinsky Theater © Claudia Hoehne

König René eröffnet Vaudémont, dass er seine Todesdrohung nicht wahrmachen will, sondern diese einzig dem Zweck diente, in Jolanthe den Wunsch nach Heilung inniger werden zu lassen. Vaudémont gibt ihm gegenüber seine adlige Identität preis und bittet um die Hand Jolanthes. Aber sie ist bereits einem andern versprochen.

Robert kehrt mit seinen Truppen zurück. Er erkennt König René und verneigt sich vor ihm. Nun erst wird es Vaudémont bewusst, wen er die ganze Zeit vor sich hatte. Robert ist trotz seiner Liebe zu Mathilde bereit, die ihm seit seiner Kindheit zugedachte Jolanthe zu heiraten, wenn der König darauf beharrt. König René entbindet ihn von seinem Versprechen und ist nun seinerseits frei, Jolanthe Vaudémont zur Frau zu geben. Ibn-Hakia und Jolanthe kehren zurück. Jolantha kann sehen. Sie besingt die zauberhafte Welt, die für sie sichtbar geworden ist. Alle freuen sich und loben Gott.

Der mit rund 30 Sängerinnen und Sängern recht kleine, aber feine Chor und das wunderbare Orchester aus Hamburgs Partnerstadt füllten das Podium der Elbphilharmonie nicht ganz aus, so dass hinter den beiden wunderbar spielenden Harfenistinnen Raum genug war für die Solisten des Abends. Hier und an der Rampe konnten sie ein wenig die konzertante Atmosphäre mit halbszenischen Einlagen anreichern.

Valery Gergiev dirigierte taktstocklos mit kleinsten Gesten. Seine rechte Hand meist mit wellenförmigen Fingerbewegungen den Takt angebend und mit der linken lautstärkebeeinflussend und partiturumblätternd das große Instrument beherrschend. Seine Musiker verstanden ihn scheinbar blind und folgten seinem Dirigat auf der Stuhlkante sitzend mit Leidenschaft und Präzision.

Das Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg geriet zu einem fulminanten Erfolg der wundervollen Musik Tschaikowskys. Das lag zum einen an den sehnsuchtsvollen, süchtig machenden Motivgeflechten, mit denen Tschaikowsky in seiner letzten Oper musikalische Folgen innerer Emotionen entstehen lässt, gespielt von einem russischen Spitzenorchester unter dem passionierten russischen Star-Dirigenten Valery Gergiev, der das Werk selbst als die “beste Partitur Tschaikowskys” bezeichnet und faszinierende, atmosphärisch dichte und zum Teil sehr dunkle Klangfarben entstehen ließ. Vor allem aber lag es an den Hauptfiguren der Oper und des Abends, dem Weltklasse-Ensemble des Mariinsky Theaters Sankt Petersburg.

Das Hamburger Publikum dankt mit großem Applaus allen Beteiligten an diesem bemerkenswerten Abend in der Elbphilharmonie.

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Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester mit „Sinfonien der Krise“, IOCO Kritik, 22.01.2018

Januar 22, 2018  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

NDR Elbphilharmonie Orchester mit Herbert Blomstedt

„Sinfonien der Krise in nobler nordischer Eleganz“

Von Guido Müller

Am 11. Januar 2018 feierte das neue Wahrzeichen Hamburgs, die Elbphilharmonie  einjährigen Geburtstag. Und zwar gut hanseatisch nicht mit einem Galakonzert großer Stars von auswärts sondern mit ihrem Hausorchester und dem langjährigen Chefdirigenten Herbert Blomstedt in einem Abonnementskonzert mit Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 und der Sinfonie Nr. 3 d-moll in der Urfassung von Anton Bruckner.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und "Sinfonien der Krise" © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg / hier mit Herbert Blomstedt und „Sinfonien der Krise“ © Daniel Dittus

Eine bessere und festlichere Kombination hätte es kaum geben können. Der noble, charmante und bescheidene Maestro aus dem hohen Norden mit der heroischen und vornehmen großen Es-Dur Sinfonie von Mozart, deren Eingangsportal mit feierlichen Punktierungen des Orchesters nach dem Vorbild der barocken Ouvertüre bereits die Töne des Erhabenen wie in seiner Oper Die Zauberflöte vorgeben. Und die große d-moll-Sinfonie Bruckners, nicht nur der Tonart nach an Beethovens Großer Neunter Sinfonie modelliert, mit der die Elphi vor einem Jahr eröffnet wurde (Foto) – und dirigiert vom bedeutendsten Bruckner-Dirigenten unserer Tage. Schon diese Programmierung macht deutlich, wie intelligent und bewußt der neunzigjährige Altmeister aus Schweden seine  Konzertprogramme zusammenstellt.

Bruckners dritte Sinfonie, die er als sein Schmerzenskind in drei Fassungen von 1874, 1877 und schließlich 1890 hinterlassen hat, hat noch den Beinamen „mit der Trompete“ – aufgrund des charakteristischen Trompetenmotivs – und „Wagner-Sinfonie“, aufgrund der Widmung  Bruckners nach seinem Bayreuthbesuch an seinen zweiten neben Gott am meisten verehrten  und angebeteten Meister Richard Wagner.

 Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Die spektakuläre Elbphilharmonie zum Eröffnungskonzert 2017 © Michael Zapf

Wie der NRD-Dramaturg Julius Heile in seinem ausgezeichneten Einführungsvortrag plastisch mit Tonbeispielen zeigte, ist die Urfassung auch voller Themen und Motive aus Richard Wagners Opern wie das berühmte Tristan-Motiv aus Tristan und Isolde, aus Isoldes Liebestod, das Schlafmotiv aus der Walküre und aus dem Chorauftritt im zweiten Aufzug  Lohengrin. Diese huldigenden Wagner-Zitate strich Bruckner später nach den totalen Mißerfolgen der ersten Konzerte wieder. Die Wiener Philharmoniker hatten sich der  Aufführung 1874 verweigert.

Wagner selber bezeichnete in seiner ironisch-sarkastischen Art den Verehrer aus Linz aufgrund dieser Sinfonie als „die Trompete“. Bruckner zitierte aber nicht nur unterwürfig den Bayreuther Meister sondern auch sich selber selbstbewusst mit der Zweiten Sinfonie. Damit  wird deutlich, wie durchaus seiner kompositorischen Fähigkeiten bewußt der sonst voller Skrupel und Unterwürfigkeit auftretende und leicht zu verunsichernde Organist von Sankt  Florian eigentlich war. Auch im Finale der dritten Sinfonie in der Urfassung zitiert Bruckner selbstreferentiell und selbstbewusst bereits in dem ihm eigenen Verfahren Themen aus den ersten drei Sätzen seiner Sinfonie.

Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / hier Intendant Christoph Lieben-Seutter © Danie Dittus

Vor Mozarts „Erhabener“ und der „Wagner-Sinfonie“ Bruckners mit der Trompete in der   Urfassung, die Bruckner selber nie gehört hatte, wurde das einjährige Elbphilharmonie –   Jubiläum mit einer festlichen Blechbläserfanfare von Simone Candotto, die das Oboen-Solostück zur Elphi-Eröffnung 2017 verwendet, sowie einer kurzen Ansprache von Generalintendant Christoph Lieben-Seutter gewürdigt.

Darauf folgte Mozarts erste Sinfonie aus der großen sinfonischen Trias des Krisenjahrs 1788. In diesem Jahr hatte Mozart gesellschaftlich seinen Zenit überschritten, hatte als Unternehmer  in Wien keine Erfolge mehr und sank sein Einkommen drastisch. Im Jahr zuvor war sein  Vater gestorben und Mozart verfiel in seelische Depression und Melancholie. Trotzdem  entfaltete er gerade in dieser Zeit eine enorme kreative Produktivität wie mit den in nur neun Wochen geschriebenen großen letzten Sinfonien, deren Auftrag oder Anlass wir nicht kennen.

Das oftmals mit solchen Attributen wie „glücklich“, „liebenswürdig“ und „heroisch“             bezeichnete Stück steht mit einem Bein noch in der überkommenen Tradition gepflegter Unterhaltung. Auf der anderen Seite zeugt es aber auch von der „Auseinandersetzung des Individuums mit mächtigen, bisweilen übermächtig erscheinenden Kräften“ (Martin Geck). Der „Gestus des Erhabenen“ (Julius Heile im Einführungstext des Programms, S. 7) manifestiert sich in der nebenbei auch freimaurerischen Tonart Es-Dur und schließt bei Mozart aber auch scheinbare Unordnung mit vielerlei Kontrasten ein.

„Die heroischen und elegischen Züge der Sinfonie, das F-moll Thema des Andantes,  besonders im Adagio, die heftigen Zweiunddreißigstel und die Herzens-Seufzer kurz bevor sich die krause Stimmung in lächelnde Heiterkeit auflöst, sind reale Erlebnisse, an denen nicht zu zweifeln ist.“ (Theodor Kroyer,1933). Diese innere Gegensätzlichkeit und scheinbare Unordnung, sicher biographisch begründet, zwischen dem ungewöhnlich zarten Thema des 1. Satzes nach der pompösen Einleitung oder dem dunklen h-moll Einbruch des Andantes ist bezeichnend für diese Sinfonie des Umbruchs kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789. Ebenso auch der das Versprechen der majestätischen Sinfonie-Eröffnung à la Ancien Regime so gar nicht  einlösende, ja geradezu in Frage stellende unschließende offene Schluss des à la Altmeister   Haydn wirbelnden Allegro-Finales voll Mozartischer Unfasslichkeiten und Überraschungen.

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO

Herbert Blomstedt dirigiert nun einen nie aufdringlichen, nie aufgeregten Mozart. Zart und  ernst, leicht federnd und mit der nötigen Dramatik und Tiefe, zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Sinfonieorchester atmend gestaltet er den Übergang vom Adagio zum Allegro des 1. Satzes mit philosophisch rhetorischer Eleganz des Grandseigneurs. Die existentielle Dramatik kommt im voll aufblühenden und duftigen Klang des überragend musizierenden Orchesters ganz zu ihrem Recht. Herausragend immer wieder der Stimmführer der Flöten Wolfgang Ritter. Im Menuett explodiert der Tanz förmlich mit einem zugleich luftig wie männlich-markant aufspielenden Trio. Dabei spielt der Klarinettist Gaspare Buonomano mit aller italienisch-Wienerischen Eleganz. Im Andante steuert das Fagott von Magnus Koch-Jensen die zauberhafte Kantilene bei. Auch im Duett mit Sonja Starke. Im Finale gestaltet Blomstedt mit dem meisterhaft spielenden Orchester eine perfekte Terrassendynamik und ruft bei den Mitgliedern des auf der Stuhlkante musizierenden Orchestere Lächeln und Freude in die  Gesichter. Selbstverständlich dirigiert Blomstedt den Mozart ebenso wie den Bruckner auswenig. Nur ein kleines rot eingeschlagenes Heft auf dem Pult bezeugt die Demut des lediglich ausführenden Kapellmeister-Dirigenten vor der Komposition und dem Komponisten.

Zu Bruckner hatte Herbert Blomstedt bereits als junger Student vor bald 70 Jahren ein besonderes Verhältnis. Mit seinem älteren Bruder pfiffen sie nach einem Besuch der Vierten  Sinfonie Bruckners die Themen nach, um sie nicht zu vergessen, und bei den schönen Stellen klopften sie sich gegenseitig leicht auf die Knie. Die Auseinandersetzung mit Bruckner war für Blomstedt „anfangs – bevor die intellektuelle Aufarbeitung kam – vor allem ein sehr emotionales, fantastisches Erlebnis„, das ihn seitdem nicht los gelassen hat. (zitiert nach dem Programmzettel) Genauso ergeht es sicher den meisten Hörern beim erstmaligen Besuch einer Bruckner-Sinfonie.

Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Herbert Blomstedt © Patrik Klein

Und dieses großartige emotionale Erlebnis garantiert heute Blomstedt, wenn er auf der ganzen Welt immer wieder Bruckner dirigiert, wie an diesem unvergesslichen Abend in Hamburg mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester.

Wenn der Bruckner-Kritiker Hanslick 1877 das gehässige Verdikt über die Dritte ausspricht,  sie sei eine „Vision, wie Beethovens ‚Neunte‘ mit Wagners ‚Walküre‘ Freundschaft schließt    und endlich unter die Hufe ihrer Pferde gerät“ (Programm, S. 9), so empfinden wir das heute   in der meisterlichen Interpretation durch Blomstedt als Kompliment. Den ersten großen Satz   der Dritten als Sonatensatz mit drei Themengruppen in der Exposition gestaltet Blomstedt bereits im Trompetensignal (hervorragend Guillaume Couloumy) über dem pulsierenden Klangteppich der herausragenden Streicher unter Konzertmeister Stefan Wagner nomen est omen, kann man hier sagen –  als erhabene festliche „Welt-Enstehungsmusik“. Blomstedt gelingt dabei gestalterisch auf das Faszinierendste den ganz großen Bogen zu schlagen zur Wiederkehr des signalartigen Trompetenmotivs in den letzten Takten des Finales und triumphalen Zieles der gesamten Sinfonie. Die wuchtigen Blechbläsersteiherungen lassen den Zuhörer den Atem anhalten (Hörner mit Jens Plücker, Posaunen mit Stefan Geiger und Uwe  Leinbacher (Bassposaune). Ähnlich wie in Mozarts Es-Dur Sinfonie atmet Bruckners Scherzo des 3. Satzes in der Ländler-Melodie des 2. Abschnitts und im Trio im Dreiertakt Wiener Eleganz. Wie in einer Bruckner-Sinfonie zeichnen diese Querbezüge immer auch die Konzertprogramme Blomstedts aus.

Im Finale kombiniert Bruckner Sphären des mit grober Pranke dreinschlagenden Hauptthemas mit einer charmant schmeichelnden Polka und einem Choral der Hörner (Jens Plücker, Dave Claessen, Adrian Diaz Martinez, besonders Nuria Rodrigez hervorragend!).  Alle Themen der vorherigen Sätze spielt Bruckner kurz vor Schluss des Finales nochmals kurz an. Dies wirkt innerhalb der Sinfonie wie eine Reminiszenz auf das vorhergehende Geschehen und erlaubt dem Zuhörer gedanklich gleichsam sich der vielen großartigen Momente eines Elphi-Jahres zu erinnern.

Mit enormer geistiger Wachheit, körperlicher Präsenz, Herzlichkeit und manchmal bübischer Fröhlichkeit, charmant, nobel und uneitel dirigiert Herbert Blomstedt als absolute Ausnahmeerscheinung unter den Dirigenten unserer Zeit mit Konzentration auf Wesentliche, größtmöglicher Präzision und geradezu hartnäckiger Durchsetzung seiner ästhetischen Anschauungen nicht nur Mozart und Bruckner. Sondern ebenso souverän und fröhlich stellt er sich auch den dankbaren Ovationen und dem Beifallsorkan des Hamburger Publikums.

Ein schöneres Geburtstagsgeschenk konnte Chefdirigent Herbert Blomstedt mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester den Hamburgern und vielen Besuchern von weit her nicht machen. Das Konzert wurde aufgezeichnet und im NDR übertragen.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Der Messias von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 11.12.2017

Dezember 11, 2017  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Der Messias von Georg Friedrich Händel

Symphonischer Chor Hamburg –  Der Messias –  Elbipolis Barockorchester

Von Patrik Klein

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Lasse ich meine Gedanken mehr als 30 Jahre zurückschweifen und schaue mit etwas verklärter Sicht auf damalige Erlebnisse, so füllt immer wieder eine Erinnerung meine Sinne: die wunderbare Zeit in einem bedeutenden Oratorienchor. Damals, in meiner Studienzeit in Wuppertal, knüpfte ich erste tiefe Kontakte zur klassischen Musik. Neben regelmäßigen Besuchen im Barmer Opernhaus, das ich in den folgenden Jahre sehr  schätzen lernte, folgte der unbedingte Wunsch, selbst musikalisch tätig zu werden.

Der Messias – Erinnerungen und Gefühle „aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten“

Meine Frau und ich sangen als Sopran bzw. Bass im Schubert Bund Wuppertal und dem später schlicht umbenannten Symphonischen Chor  bei vielen Werken meist in der Stadthalle der Stadt mit der Schwebebahn mit großem Symphonieorchester und Gesangssolisten. Unter dem Dirigenten Franz Lamprecht und unter Mitwirkung weiterer Chöre aus Düsseldorf und Hilden wurden etliche Meisterwerke aus der Chorliteratur und ganz besonders Händels Messias über viele Wochen geprobt, einstudiert, jede Menge Sonderproben kurz vor den Aufführungen mit großer Leidenschaft durchgeführt und schließlich überregional beachtete Konzerte zu Wege gebracht.

Der Messias in Wuppertal - 1987 - Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Der Messias in Wuppertal – 1987 – Aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten © Patrik Klein

Heute mehr als 30 Jahre danach muss ich die Gelegenheit beim Schopfe greifen und den Symphonischen Chor Hamburg im Juwel der Hansestadt, in der Elbphilharmonie, mit Händels Werk erneut erleben.

Der Symphonische Chor Hamburg gehört mit seinen heute etwa 140 aktiven Mitgliedern (95 Damen und 46 Herren) zu den renommiertesten und traditionsreichsten Chören Hamburgs. 1886 gegründet, wird er seit 1985 von Matthias Janz geleitet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben den großen und bekannten Werken der Chorliteratur auch selten zu hörende Kompositionen zur Aufführung zu bringen. Mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg und den Solisten Johanna Winkel (Sopran), Geneviève Tschumi (Alt), Markus Schäfer (Tenor) und Thomas Laske (Bass) stehen namhafte Musikerinnen und Musiker auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg.

Der Messias von Georg Friedrich Händel gehört bis heute zu den populärsten Beispielen geistlicher Musik des christlichen Abendlandes. Er erzählt die Heilsgeschichte. Sein populäres Oratorium beginnt mit Worten des Propheten Jesaja, die das Ebnen der Wege als eine Voraussetzung für die Ankunft des Gottessohnes verkündigen. Und es  ist ein Oratorium ohne Handlung.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg - hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg – hier v.l. Matthias Janz, Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske © Patrik Klein

Händel übernahm die Struktur von der italienischen Oper und gliederte das Werk in drei Teile: der erste Teil umfasst dieVerheißung des Messias und die Weihnachtsgeschichte. Er schließt mit einer Betrachtung über das Werk des Heilandes. Im zweiten Teil wird der Osterkreis beschrieben: Passion und Auferstehung Der finale dritte Teil schließlich stellt eine Danksagung an den Messias für die Überwindung des Todes dar: „Erlösung„.

Charles Jennens war als Textdichter des Werkes alles andere als glücklich gewesen, da Händel seine Version ausschließlich aus, zumeist alttestamentarischen Bibelstellen entwickelte, die das Geschehen eher reflektieren als darstellen: ein absolutes Novum. Das hinderte Händel nicht daran, in den Arien alle Register seiner Opernerfahrung zu ziehen.

Das Werk wurde am 13. April 1742 in der Dubliner Music Hall uraufgeführt. Damals hieß es: „Dieses Oratorium übertrifft bei weitem alles, was je in dieser Art in diesem oder einem anderen Königreich aufgeführt worden ist. Worte vermögen die Ergriffenheit des Publikums nicht auszudrücken.“ Händel selbst bemerkte: „Ich würde bedauern, wenn ich meine Zuhörer nur unterhalten hätte; ich wünschte sie zu bessern„.  Die Londoner Premiere ein Jahr später wurde relativ kühl aufgenommen. Einige Kritiker sprachen sogar von „Blasphemie“. Aber noch zu Händels Lebzeiten wurde Messias zu seinem meistgespielten Oratorium, an dem er aber immer wieder je nach den Erfordernissen und Umständen der Aufführung Anpassungen vornahm. Nachdem die Uraufführung in Dublin noch relativ klein besetzt gewesen war, wuchsen die Chöre und Orchester proportional zum Erfolg des Messias. Bei einer Aufführung im Londoner Crystal Palace wirkten 1857  über 2.000 Sänger und 500 Musiker mit.

Die erste Aufführung in Deutschland fand 1772 in Hamburg unter der Leitung des Engländers Michael Arne statt. Die erste deutschsprachige Aufführung dirigierte, ebenfalls in Hamburg, C. Ph. E. Bach im Jahr 1775. In späteren Jahren wurde das Werk oft umgearbeitet und uminstrumentiert. Die bedeutendste Bearbeitung schuf Mozart 1789 für eine Aufführung des Barons von Swieten in Wien unter Hinzunahme von Klarinetten, Hörnern und Posaunen.

Der Symphonische Chor Hamburg  hatte nun zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Aufführung im großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg durchzuführen. Man setzte sich als erster Chor überhaupt gegen die Konkurrenz von vielen anderen namhaften Chören der Region durch und bereitete sich noch nie in der Geschichte des Chores so intensiv auf ein Konzert vor. Zudem präsentierte man den Hörern die ungekürzte Version des Stückes in der englischen Originalsprache mit einer Aufführungsdauer von beinahe dreieinhalb Stunden incl. zwei Pausen. Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten und wurde speziell für Alte Musik auf 415 Hz gestimmt.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – Symphonischer Chor Hamburg, Elbipolis Barockorchester Hamburg © Patrik Klein

Die Aufführung des Symphonischen Chor Hamburg mit dem Elbipolis Barockorchester Hamburg bestach durch ausgewogene Stimmen, klangliche und stilistische Sicherheit und Intonationsgenauigkeit.  Pointiert gestaltete Matthias Janz die unterschiedlichen Passagen mit großem Einfühlungsvermögen. Die ohne Kürzungen entstehende Länge des Stückes wurden durch zwei Pausen aufgelockert, wenn nicht gar „gewürzt“.

 Johanna Winkel, Geneviève Tschumi, Markus Schäfer, Thomas Laske

Das Solistenquartett bestand aus bewährten Sängerinnen und Sängern, die Rezitative und Arien souverän darboten. Johanna Winkel, die bereits bei einem Soloabend im Musikverein Wien und als Walküre bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mitwirkte, sang mit zauberhafter Leichtigkeit und wirkungsvollster Stimme des Abends. Sie agiert mit frischem, klarem Sopran und feinem abgedunkelten Timbre textverständlich, mit facettenreichen Farben, sicheren Koloraturen, präzise und klangschön bis in die Spitzentöne.  Geneviève Tschumi  bestach mit weicher, schlanker Altstimme und erfüllte ihren Part mit vokaler Geschmeidigkeit. Der Tenor Markus Schäfer, ehemals engagiert an der Hamburgischen Staatsoper, artikulierte mit großer Textverständlichkeit die Rezitative und angenehmer Frische seine Arien. Er sang sicher mit exakter Intonation, sauberen Läufen und Koloraturen. Thomas Laske verfügt über einen flexiblen gestaltenden  Bass mit Tiefe und  ausreichendem Volumen. Durch die besondere Anordnung der Sänger kamen Händels Rezitative und Arien sehr eindrucksvoll zur Geltung. Die Sopranistin stand im Zentrum des Orchesters, wo hingegen Alt, Tenor und Bass deutlich weit nach rechts an der Rampe des Podiums positioniert waren.

Spieltechnisch blieb das Elbipolis Barockorchester Hamburg den Sängerinnen und Sängern nichts schuldig. Als homogener, sicherer Klangkörper bot das Orchester sowohl in Klangschönheit wie auch in Genauigkeit ein glanzvolles Bild. Das Orchester war in barocker Form aufgestellt mit Laute (Theobe) im Zentrum, zwei Bässen, Celli (zwischen die Beine geklemmt) und Fagott zur rechten Seite des Dirigenten. Das Harmonium, Violinen und Bratschen waren im Zentrum positioniert und wurden linksseitig flankiert von 2 Pauken, 2 barocken Trompeten und 2 Oboen.

Matthias Janz führte den Klangkörper mit großem Einfühlungsvermögen zunächst mit etwas vorsichtigem Tempo, dann aber mit luftigem, transparenten Klang immer furioser und sicher werdend. Er traf den Charakter des Werkes in seiner Strahlkraft und positiven Aussage und führte Ensembles und Solisten mit sicherer Hand sowohl in straffen, temporeichen wie auch gesanglich weichen Partien.

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias - hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der Messias – hier Symphonischer Chor; Solisten und das ausverkaufte Haus © Patrik Klein

Besonders bemerkenswert der wuchtige Klang des riesigen, den Saal mehr als erfüllenden Symphonischen Chores Hamburg. Die mittig positionierten Herrenstimmen des Tenors und Bass wurden flankiert von den Damen des Sopran und Alt. Bei der ersten bekannten Fuge „For unto us a Child is born“ lief der Chor zur Höchstform auf mit präziser, textverständlicher Sprache, trennungscharf in den vielen Wiederholungen und Händelschen Läufen. „Wonderful“. Auch im zweiten Teil „Ba-Rockte“ es vom Allerfeinsten. Der Chor wird immer sicherer, präziser und eindrucksvoller in Gestaltung und Klang. Gelegentlich überstrahlte der Chor das recht klein besetzte Orchester. Hier wäre ein wenig Zurückhaltung angebracht gewesen, aber wer mag es den begeistert agierenden Chormitgliedern verdenken, beim ersten Mal hier in der Elbphilharmonie Hamburg voll aufzudrehen. Sehr schön am Ende des zweiten Teils das jedem bekannte „Hallelujah, for the Lord God“. Hier ging es mit Pauken und Trompeten in den Himmel des Chorglücks. Ich musste mich beherrschen, nicht lauthals mitzusingen. Der dritte Teil beginnt mit der schönsten Arie und Stimme des Abends. Johanna Winkel singt ergreifend „I know that my Redeemer liveth“ und erklärt uns eindrucksvoll, dass ihr Erlöser lebt und vom Tode auferstanden ist. Hier erstrahlt ihr ganzes Können, die Töne schwellen wunderbar, gar aufregend an, von feinstem Legato geprägt. Das herrliche Trompetensolo begleitet den Bass von Thomas Laske bei seiner schön gestalteten Arie „The trumpet shall sound“. In den beiden Schlusschören „Worthy is the Lamb“ und „Amen“ noch einmal wuchtig und alles überstrahlend der Hamburger Chor alle Register seines Könnens ziehend, alle Mühe der vielen Proben und Entbehrungen vergessen machend, die prächtigen Farben in Händels Musik auftragend.

Der Symphonische Chor Hamburg lieferte ein triumphales Debut im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg. Das Publikum bedankte sich nach dreieinhalb Stunden Konzertdauer mit Jubel, anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen. In meiner Vita gefangen, träumte ich, wünschte ich, Teil dieses so wunderbaren Oratorienchores zu sein.

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