Hamburg, Elbphilharmonie, Philharmonisches Staatsorchester – Bruckner, IOCO Kritik, 28.04.2018

April 28, 2018  
Veröffentlicht unter Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

 Philharmonisches Staatsorchester – Kent Nagano

Anton Bruckner – Fünfte Sinfonie 

Von Patrik Klein

2.100 gebannte Besucher der Elbphilharmonie Hamburg geraten an diesem sonnigen, wunderschönen Sonntagvormittag, dem 22.4.2018, aus dem Häuschen. Sie danken Maestro Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg mit großem Applaus für die Darbietung, welche sie soeben erlebten. Generalmusikdirektor Kent Nagano, immer noch konzentriert wirkend, legt den ihm überreichten Blumenstrauß voller Demut für den Komponisten Anton Bruckner auf sein Dirigentenpult und verschwindet andächtig im Bühnenhintergrund.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg und Anton Bruckner © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Blumen für Anton Bruckner © Patrik Klein

Was Umzüge bewirken können!   Anton Bruckner, zunächst in Linz (Donau) beheimatet und als Komponist vorzugsweise auf geistliche Musik ausgerichtet, zog 1868 nach Wien. Als 1870 das Gebäude des Musikvereins mit dem »Goldenen Saal« eröffnete  wurde Bruckner die ganze Bedeutung der Gattung »Sinfonie« und deren gesellschaftliche Rolle bewusst.

Kontrapunktisches Meisterwerk im Kraftwerk edlen Klanges

Beethoven spielte dabei als Vorbild gewiss eine wichtige Rolle, doch vielleicht auch die für Bruckner neue Erfahrung vom Leben in einer sich rasant entwickelnden Weltstadt. Die religiöse Komponente seines musikalischen Denkens integrierte er und schuf einen bis dahin beispiellosen sinfonischen Monumentalismus – den Kent Nagano im achten Philharmonischen Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg nun eindrucksvoll unter Beweis stellte.

“Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen”, Anton Bruckner.    In der Einführung zu dem Konzert leitet Susanne Banhidai kurzweilig und anschaulich auf Wirkung und Strahlkraft der fünften Sinfonie von Anton Bruckner auf die Nachwelt bis heute.

In dem sehr bekannten Popsong der Gruppe Whitestripes  “Seven Nation Army” wurden von dem Komponisten Jack White die sieben Töne des markanten, unverkennbaren Hauptthemas Bruckners verwendet und in dem benutzten Gitarrenriff mantraartig wiederholt. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 benutzte die italienische Mannschaft das Thema als “Schlachtruf” für ihr Team, welches bekanntlich Weltmeister wurde.

Anton Bruckner war ein einsamer Wolf, ein Einzelgänger mit wenig Beziehungen zu anderen Menschen. Als sehr frommer Katholik würde er wohl heute als eine Art “schrulliger Nerd” bezeichnet. Er hinterließ Orgel- und Kirchenmusik und insgesamt zehn Sinfonien, die Nr. 9 blieb unvollendet. Seine Werke entsprachen nicht der Zeit. Das Publikum war damals wegen der Länge und der neuen Strukturen überfordert. Bruckner selbst war sehr selbstkritisch und schuf durch wiederholte Durchsichten immer wieder neue Fassungen (zwischen 1873 bis 1877). Mit der fünften Sinfonie gelang ihm ein einsames, persönliches, ein “katholisches” Werk für die Nachwelt, das er selbst als “Die Phantastische” bezeichnete. Mit Chorälen der Glaubenswelt, Fugen und Kontrapunktik wollte er sich auch nun stärker von Richard Wagner (Bruckners dritte Sinfonie ist stark an Wagners Werk angelehnt) lösen. Erst 60 Jahre nach der Uraufführung des geänderten Werkes am 9. April 1894, die er krankheitsbedingt nicht selbst erleben konnte, wurde die Urfassung gegeben, die auch heute gespielt wurde.

Sehr schön auch die Idee von Frau Banhidai den Soloposaunisten des Orchesters, Felix Eckert vorzustellen, der als 8-Jähriger bereits mit Trompete und Posaune konfrontiert wurde. Der Musiker erläutert das Grundprinzip des Instruments mit seiner 7 Töne beinhaltenden Naturtonreihe und gab ein paar bemerkenswerte Klangbeispiele. Die Frühaufsteher, die es zu dieser Einführung vor dem Konzert schafften waren nun also besten präpariert für das anschließende Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg - Blumen für Kent Nagano © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Blumen für Kent Nagano © Patrik Klein

Die fünfte Sinfonie Bruckners – Eine Beschreibung

1. Satz: Introduktion  Adagio – Allegro

Als Einmaligkeit in seinem sinfonischen Gesamtschaffen stellt Bruckner dem Allegro eine langsame Introduktion voran, die den thematischen Grundstoff der gesamten Sinfonie festlegt. Nach anfänglichen Pizzicato-Takten der Kontrabässe setzt ein getragener Streicherchoral ein. Dieser hält kurz inne und schon setzt ein Unisono-Aufschwung ein, der in einen feierlichen Blechbläserchoral mündet und einen ersten Schlusspunkt findet. Nun folgend wird mittels einer fulminanten Steigerung der eindrucksvolle Höhepunkt der Introduktion erreicht.

Der Klangrausch bricht ab und das Hauptthema des Allegro-Teils wird vorgestellt. Nach der üblichen Wiederholung durch das gesamte Orchester kommt der Fluss des Themas zum Erliegen und dumpf bis zurückhaltend als Choralepisode in Pizzicato-Akkorden der Streicher setzt das 2. Thema ein.

Die Durchführung erlebt neben der breiten Verarbeitung des Hauptthemas in kunstvoller Kontrapunktik Erinnerungen an die Blechbläserfanfaren aus der Introduktion und mündet in großem Crescendo in die Reprise. Am Ende erscheint das Hauptthema im Fortissimo, Reminiszenz an die Introduktion als Hintergrund, schmetterndes Blech, Paukenwirbel und der Unisonoabschluss.

2. Satz: Adagio  Sehr langsam

Das Adagio wird durch eine einleitende Pizzicato-Linie in Triolen, die später im Scherzo von Bedeutung sein wird, eröffnet. Eine klagende Oboen-Melodie erhebt sich in duolischem Rhythmus über das triolische Fundament, bei der im weiteren Verlauf die Septsprünge eine auffallende Wirkung erzielen. Der Satz wird mit einem großen zweiten Thema in erlesener Schönheit fortgesetzt, das im zweiten Teil durch die zart getupften Begleitakkorde der Melodie eine nochmalige Steigerung erfährt.

3. Satz: Scherzo. Molto vivace (schnell) – Trio. Im gleichen Tempo

Das recht umfangreiche Scherzo knüpft in der Form an die Scherzi der vorangegangenen Sinfonien an. Die einleitende Melodielinie aus dem Adagio wird hier in raschem Tempo als Scherzobeginn genutzt. Es erklingt unmittelbar das Scherzohauptthema in den Holzbläsern und schon sehr bald setzt das zweite Thema ein. Im weiteren Verlauf mischt sich das erste Thema wieder ein, wobei das zweite aber niemals in Vergessenheit gerät. Das folgende Trio  trägt heiteren, marschähnlichen Charakter. Es ist kurz und führt schnell zur Wiederholung des ersten Scherzoteils.

4. Satz: Finale. Adagio – Allegro moderato

Das Finale bringt zunächst in etwas abgekürzter Form den Beginn der Introduktion aus dem ersten Satz, jedoch schon unter Oktaveinwürfen der Klarinette als Vorankündigung des kommenden Hauptthemas, das nach einer kurzen Pause allein von der Klarinette vorgetragen wird. Ziemlich ähnlich nach dem Vorbild der 9. Sinfonie von Beethoven erklingen danach die Satzanfänge des Allegroteils aus dem 1. Satz und des Adagios, bevor das Hauptthema nun die Dominanz erhält. Das darauf einsetzende zweite Thema, das in der Aufwärtsrichtung zu Beginn an das Scherzo erinnert, hat lieblichen Charakter, ist ausschweifend und führt mit einem Einschub des ersten Themas im weiteren Verlauf zum Blechbläserchoral des dritten Themas. Aus dem feierlichen Ausklang dieser dritten Gruppe heraus entwickelt sich die Doppelfuge (eine Fuge mit zwei Themen). Das Werk klingt aus in einer überaus glanzvollen Apotheose des Blechbläserchoralthemas, gefolgt vom Hauptthema aus dem Kopfsatz.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Patrik Klein

Interpretation der Musik durch Orchester und Dirigent

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielt unter Kent Nagano die Sinfonie in rund 75 Minuten, was ein recht zügiges Tempo darstellt, da es Aufnahmen gibt, die bis zu 90 Minuten dauern. Das Orchester ist groß besetzt mit 32 Violinen, 13 Violen, 11 Celli, 10 Kontrabässen, 2 Querflöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten, 4 Hörnern, 3 Trompeten, 3 Posaunen, einer Tuba und einer Pauke (Brian Barker erhält am Ende besonders großen Jubel für sein großartiges Spiel des Instrumentes ganz besonders im Scherzo).

Bruckners fünfte Sinfonie wird kraftvoll gespielt mit wunderschönen Streicherklängen, feinen Pizzicato-Linien, mal zart getragen und rhythmisch, mal ruhig und emotional besonders ergreifend durch schöne Dynamikveränderungen ganz besonders beim Adagio. Hier geraten die musikalischen Steigerungen besonders schön und sind feinster Stoff für verwöhnte, Spitzenklang liebende Ohren. Es herrscht höchste Konzentration beim Dirigenten und seinen Musikern, die fast alle auf der Stuhlkante sitzen, hier und da aber auch ein Lächeln im Gesicht tragen; man spürt, dass die Musik bewegt und hier die Spielfreude ganz ausgeprägt sein muss. Nagano braucht kaum übermäßig zu agieren oder zu korrigieren; alles wirkt intensiv geprobt und eingespielt. Die Klarinette im Finale klingt fast jazzartig und ganz besonders eindringlich und präzise, so wie die gesamte Fraktion der Bläser, die ja in dieser Sinfonie dauerbeschäftigt sind.

Nach Sekunden atemloser Stille lässt Kent Nagano den Taktstock fallen, die Anspannung in seinem Gesicht löst sich; das Publikum dankt intensiv mit anhaltendem, stürmischen Applaus.

Hamburg, Hamburger Staatsoper, Tosca – Harteros, Kaufmann, Vasallo, IOCO Kritik, 19.04.2018

April 18, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Staatsoper Hamburg

Italienische Wochen enden –  Tosca von Giacomo Puccini

Weltstars am Dammtor: Harteros, Kaufmann,  Vassallo

Von Patrik Klein

Die Premiere von Verdis Messa da Requiem leitete die Italienischen Wochen an der Staatsoper Hamburg vor rund einem Monat ein (IOCO berichtete ausführlich).  Man gab neben dieser neuen auch altbewährte Produktionen wie Verdis La Traviata, “Rigoletto”, Aida, Puccinis Madame Butterfly und nun zum Finale Puccinis Tosca in spektakulärer Starbesetzung. Mit hochkarätigen Besetzungen in allen Produktionen hat die Staatsoper auffällige musikalische und künstlerische Akzente gesetzt und in diesen Wochen  das große Haus mehrfach ausverkauft und eine Auslastung von gut 90% erreicht. Aufbauend darauf wird es auch in der neuen Saison 2018/19 wieder zur etwa gleichen Zeit eine Fortsetzung der Italienischen Wochen geben.

Staatsoper Hamburg / Tosca - hier Applausfoto mit vl Franco Vassallo, Pier Giorgio Morandi, Anja Harteros, Jonas Kaufmann © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Tosca – hier Applausfoto mit vl Franco Vassallo, Pier Giorgio Morandi, Anja Harteros, Jonas Kaufmann © Patrik Klein

Die Handlung

Scarpia, Polizeichef in Rom, begehrt Tosca. Da ihr Geliebter, der Maler Cavaradossi, zu den politischen Gegnern der Regierung gehört, kann Scarpia ihn rechtmäßig gefangen nehmen. Er ordnet Cavaradossis Hinrichtung an und hofft, mit dem Versprechen, ihn freizulassen, Tosca zu einer gemeinsamen Nacht zu bewegen. Doch diese durchkreuzt seinen Plan.

Die Inszenierung von Robert Carson

Die Wiederaufnahme der Inszenierung des Kanadiers Robert Carsen aus dem Jahr 2000 hat beinahe etwas Zeitloses und arbeitet mit Bildern von Anthony Ward. Sie ist wenig spektakulär und dient auch gut für kurzfristig eingeflogene Superstars aus der Opernszene, denn es läuft nach dem Motto: “Wer eine Idee hat, darf und kann sie so gestalten”. Ansonsten ist man an der Rampe herzlich willkommen.

Regisseur Robert Carson und Ausstatter Anthony Ward verlegten die bezüglich Zeit und Ort so eindeutig fixierte Handlung auf und hinter die Bühne eines Theatersaals. Hier konnten die Protagonisten in einem Gebilde aus Lügen, übertriebener Selbstdarstellung und mieser Schachzüge vorzüglich agieren. Doch damals wie heute verblassten diese Ideen in der Umgebung eines “Theaters im Theater”.

Das sakrale des ersten Aktes zum Beispiel, in welchem vor den Augen der Madonna geflucht, gehasst und geliebt wurde, vermag seine Wirkung nur in einer kirchlichen Sphäre zu entfalten und nicht in einem nüchternen Zuschauerraum, wo die Theaterbesucher ein TE DEUM anstimmten. Im ersten Akt der Tosca befand man sich im Zuschauerraum eines traditionellen Opernhauses, erblickte zwei in Gold gefasste Proszeniumssäulen, zwischen denen Scarpia als böser Spielverderber auftauchte, und den geschlossenen roten Bühnenvorhang. Zwischen den Stühlen versammelten sich die Balletttänzer und das Einlasspersonal, das die Originalprogrammhefte der Oper verteilten. Nicht nur bei dem von den hereinströmenden Zuschauern angestimmten Te Deum durfte man den Text nicht so genau nehmen; schließlich hob sich der Vorhang und zeigte die Primadonna als illuminierte Madonnenfigur.

Staatsoper Hamburg / Tosca - hier Applausfoto mit Anja Harteros © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Tosca – hier Applausfoto mit Anja Harteros © Patrik Klein

Der zweie Akt in Scarpias “Arbeitszimmer” (vielleicht ein Probenraum des Theaters) im Palazzo Farnese zeigte das Zentrum der dunklen Macht der römischen Geheimpolizei. „Vietato fumare“ stand groß als Verbot an der Wand geschrieben, davor saß Baron Scarpia rauchend am Schreibtisch. Er stand über dem Gesetz und handelte nach eigenem Gutdünken. Und das Bild im dritten Akt auf der Engelsburg war kalt und leer, von Hirtenidylle weit und breit keine Spur. Hinter der schrägen Bühne im Hintergrund die ganze Zeit eine schwarze Wand. Hier öffnete sich schließlich im Finale der schwarze Abgrund (vielleicht der Orchestergraben), in den Tosca hinabstürzte, als alles zu spät ist. Alle waren tot, gewaltsam gestorben, und die Musik vorbei – was blieb, war ein gleißendes Licht am Abgrund.

Die Musik

Aber was schert das den Besucher 18 Jahre nach der Premiere dieser Inszenierung. Alle wollen eines der Traumpaare der Opernwelt, Anja Harteros und Jonas Kaufmann, einmal in Hamburg auf der Opernbühne genießen. Die Tickets an der in den vergangenen Spielzeiten  mittelprächtig besuchten Staatsoper Hamburg waren innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft.

Jonas Kaufmann, seit 2006 zu den Top-Stars der Klassik zählend, hier nun in Hamburg als revolutionärer Maler Mario Cavaradossi war nach seiner nun bereits einige Monate zurückliegenden Stimmkrise- und krankheit wieder eine Klasse für sich: Trotz ein paar kleinen holprigen Anfangstönen erntete er für seine erste Arie Recondita armonia mit dem hohen B ‘Tosca, sei tu! viele Bravos. Seine Stimme ist insgesamt noch baritonaler im Klang, seine Modulation, Phrasierung und seine Stimmführung besonders bei den leisen Tönen umwerfend und emotional zu Herzen gehend. Auch das in der Vergangenheit manchmal störende “gaumige” ist kaum hörbar. Interessaqnt: Im kommenden Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg im Januar 2019 wird Kaufmann als Tenor und Bariton angekündigt. Seinen wilden Freudenausbruch über Napoleons Sieg bei Marengo, Vittoria! Vittoria!’, krönte er mit einem strahlenden Spitzenton, und seine letzte Arie E lucevan le stelle, in der er sich vor seinem Tod seiner Liebe zu Tosca erinnert, sang er mit so eindringlicher Intensität, dass der Zuschauerraum sich kurz in einem Jubelrausch befand.

Hamburger Staatsoper / Tosca hier Applausfoto mit Jonas Kaufmann © Patrik Klein

Hamburger Staatsoper / Tosca hier Applausfoto mit Jonas Kaufmann © Patrik Klein

Anja Harteros, eine der größten Sopranistinnen unserer Zeit,  gestaltet die Tosca grandios mit intensiver Bühnenpräsenz, perfekter Stimmführung und absolut bewundernswerter musikalischer Sensibilität. Ihre manchmal ein wenig scharf wirkenden Spitzentöne passen hier ganz wunderbar zu der charakterlichen Vielfalt der Rolle Floria Toscas. Im bewegend gesungenen Vissi d’arte im zweiten Akt von Puccinis Oper, erobert sie die Herzen aller Besucher an diesem für Hamburg endlich einmal international höchstklassigen Abend.

Auch Franco Vassallo, einer der führenden italienischen Baritone ist in seinem Heimatland und weit darüber hinaus an allen großen Häusern der Opernwelt bekannt und sehr geschätzt. Scarpia ist einer der übelsten Bösewichte, die die Opernwelt zu bieten hat. Er ist hinterhältig, grausam, abartig und einfach nur bodenlos böse, und Vassallo kostete im zweiten Akt all seine schlechten Eigenschaften musikalisch und spielerisch aus. Mit Ha più forte sapore la conquista violenta che il mellifluo consenso (Stärker ist der Genuss einer gewaltsamen Eroberung, als der süßlicher Hingabe) bestätigte er in seinem Monolog mit gefährlich samtenen Timbre und einem schmierigen Grinsen seine wahre Natur. Mit ein klein wenig mehr Schwärze in seiner Stimme wäre die Gestaltung der Partie noch perfekter geraten.

Hamburger Staatsoper / Tosca hier Applausfoto mit Franco Vasallo © Patrik Klein

Hamburger Staatsoper / Tosca hier Applausfoto mit Franco Vasallo © Patrik Klein

Die übrige Besetzung erfolgte solide mit den hauseigenen Solisten des Ensembles Alin Anca, Alexander Roslavets (ganz besonders hier zu erwähnen sein überzeugend gesungen- und gespielter Sagrestano; man darf sich auf die Weiterentwicklung seines Repertoires als Ensemblemitglied in Hamburg freuen), Julian Rohde, Shin Yeo, Rainer Böddeker und Ruzana Grigorian sowie  dem präzisen und wunderbar auftrumpfenden Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Christian Günther) und dem fulminant musizierenden Philharmonischen Staatsorchester. Pier Giorgio Morandi, der als regelmäßiger Gastdirigent an allen großen Opernhäusern in Italien, Europa und weltweit zu Hause ist, hält das gesamte Werk gut zusammen und gestaltet die Musik Puccinis mit viel Energie, Einfühlung und italienischem Elan.

Das Publikum ist nachdem der Vorhang fällt erwartungsgemäß entzückt und dankt allen Beteiligten mit warmem bis stürmischem Applaus und Ovationen. Im Vorfeld vernahm man Töne, die sagten, “das Haus steht zur Zeit auf dem Kopf”. So ist der Staatsoper Hamburg zu wünschen, dass sie zukünftig öfter “auf solchem Kopf stünde”!

 

Hamburg, Hamburg Ballett, Prof. John Neumeier – Ballettlegende bleibt bis 2023, IOCO Aktuell, 01.04.208

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Staatsoper Hamburg

John Neumeier  –  Intendant des Hamburg Ballett bis 2023

 Matthäus Passion, Anna Karenina, Otello, Die Kameliendame, Die Möwe..

Ballettintendant John Neumeier @ IOCO

Ballettintendant John Neumeier @ IOCO

Der 2019 auslaufende Vertrag mit Prof. John Neumeier (*1939 in Milwaukee, Tennessee) als Ballettintendant und Chefchoreograf des Hamburg Ballett wird bis 2023 verlängert. So entschiedet Ende März 2018 der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper und die zuständige Kommission des Senates der Hansestadt Hamburg. John Neumeier, Hamburgs Ehrenbürger, ist seit 1973 Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Ballett und seit 1996 auch als Ballettintendant an der Staatsoper in Hamburg tätig. Mit der Vertragsverlängerung wird die Erfolgsgeschichte des Hamburg Ballet fortgeschrieben, ausgebaut.

Unter der Leitung von John Neumeier hat sich das Hamburg Ballett zu einer der wichtigsten Kulturinstitutionen mit internationalem Rang entwickelt. So hat Neumeier mit seiner Compagnie gerade erst auf einer großen Japan-Tournee das Publikum begeistert und letzte Woche auf der historischen Bühne des Bolschoi-Theaters in Moskau sein neues Ballett Anna Karenina präsentiert, das als Koproduktion im Juli 2017 an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Die kreative Energie John Neumeiers und seiner Compagnie kann mit der Vertragsverlängerung weiterhin in der Stadt und als Kulturbotschafterin für Hamburg wirken. Zur weiteren Profilierung des Balletts wird die Compagnie bereits ab der Spielzeit 2018/19 um drei neue Tänzerstellen aufgestockt. Daneben wird die Stadt die Sicherung der Zukunft des Bundesjugendballetts sowie die dauerhafte Erhaltung der Sammlung und Stiftung John Neumeier, einer der größten privaten Ballettsammlungen der Welt, weiter verfolgen.

John Neumeier © Kiran West

John Neumeier © Kiran West

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „John Neumeier und seine Compagnie ziehen mit ungebremster Kraft und Kreativität das Publikum in ihren Bann und sind in der ganzen Welt herausragende Botschafter der Kulturstadt Hamburg. Der nachhaltige Erfolg des Hamburg Ballett unter John Neumeier in Hamburg und seine internationale Strahlkraft beeindrucken immer wieder aufs Neue und sind ein guter Grund, die Erfolgsgeschichte Hamburg Ballett weiterzuschreiben. Mit dieser Entscheidung wird John Neumeier ein halbes Jahrhundert lang an der Spitze des Hamburg Ballett stehen – das ist eine wahrhaft herausragende Leistung und eine künstlerisch einzigartige Ära.

Hamburg Ballett / Intendant John Neumeier - hier : Proben Beethoven-Projekt © Kiran West

Hamburg Ballett / Intendant John Neumeier – hier : Proben Beethoven-Projekt © Kiran West

Prof. John Neumeier, Ballettintendant und Chefchoreograf, Hamburg Ballett: „Auch nach 45 Jahren an der Spitze des Hamburg Ballett sehe ich diese Position als außerordentlich faszinierende Lebensaufgabe an: für mich als Künstler und Choreograf, als Ballettintendant und nicht zuletzt als Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg. Meine geistige und physische Gesundheit erlaubt es mir, die Zukunft aktiv zu planen. Mit meiner Entscheidung, die Intendanz des Hamburg Ballett um vier weitere Jahre fortzuführen, löse ich vielfältige Erwartungen ein, auch von unseren renommierten Gastspielpartnern in Tokio, Moskau und Wien. Das Hamburg Ballett setzt zuallererst Impulse für das Kulturleben seiner künsterischen Heimat Hamburg. Daneben hat es sich unter meiner Leitung zu einer festen Größe in der internationalen Ballettszene entwickelt. Diese ehrenvolle Aufgabe gemeinsam mit Lloyd Riggins als Stellvertretendem Ballettdirektor bis 2023 fortzuführen, bedeutet mir sehr viel.

John Neumeier übernahm 1973 die Leitung des Hamburg Ballett und ist damit der dienstälteste Ballettdirektor der Welt. Er ist Träger zahlreicher Ehrungen und Auszeichnungen, unter anderem ist er seit 2007 Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg. Im Repertoire des Hamburg Ballett befinden sich alle 158 Choreografien von John Neumeier, zusammen mit seiner Compagnie war er bislang bei mehr als 1.000 Vorstellungen auf 331 Gastspielen in 30 Ländern auf fünf Kontinenten zu erleben. Der Kyoto-Preis der Inamori-Stiftung, eine Auszeichnung mit hoher internationales Reputation, wurde John Neumeier 2015 verliehen. Die von  Kyocera-Gründer Dr. Kazuo Inamori ins Leben gerufene Auszeichnung gilt neben dem Nobelpreis als eine der  wichtigsten Ehrungen in Kultur und Wissenschaft weltweit. Sie ehrt jährlich drei Persönlichkeiten aus Kunst und Philosophie, Hochtechnologie und Grundlageforschung für ihr Lebenswerk. Der Preis ist mit rund 360.000 Euro dotiert. PMHHB

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Tosca von Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 26.3.2018

März 28, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Staatsoper Hamburg

 TOSCA – Giacomo Puccini

  Italienische Wochen  – An der Staatsoper Hamburg

  Von   Rolf Brunckhorst

Mit der Wiederaufnahme der Tosca an der Staatsoper Hamburg begannen dort auch die bis zum 17.4.2018 dauernden „Italienischen Wochen“, mit Madame Butterfly, La Traviata, Messa da Requiem und Aida. Bisherige Tendenz: Ausgelastete, wunderbare  Vorstellungen mit einer Reihe prominenter Namen auf den Besetzungslisten. Zum Abschliss der Italienischen Wochen am 17.4.2018, in der bereits ausverkauften Tosca, werden  Anja Harteros und Jonas Kaufmann zu sehen / hören sein. IOCO, Patrik Klein, werden dann ebenfalls dabei sein und berichten.

Diese Tosca der Staatsoper Hamburg am 21.3.2018 hatte ihre Premiere am 15.10.2000; Inszenierung: Robert Carsen, Bühnenbild Anthony Ward, Licht Davy Cunningham. Das Hauptinteresse  in der Wiederaufnahme am galt vor allem dem Haus-Debüt von Riccardo Massi als Cavaradossi, dem ein großartiger Ruf vorauseilte; den am 17.3.2018 Rolf Brunckhorst für IOCO interviewt hatte. Ein lang überfälliges Debüt von Riccardo Massi an der Hamburger Staatsoper, der – ungeplant – vor diesem offiziellen Debüt ein vorzeitiges Debüt  an der Staatsoper Hamburg gab, als er kurzfristig und erfolgreich den Tenor-Part in der szenischen Produktion von Verdis  Messa da Requiem  übernahm.

Staatsoper Hamburg / Tosca - hier Tosca und Cavaradossi © Angela Gheorghiu / Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg / Tosca – hier Tosca und Cavaradossi © Angela Gheorghiu / Staatsoper Hamburg

Diesen großen Ruf bestätigte Riccardo Massi in der Tosca Wiederaufnahme. Er wartete mit einer großen, sehr wohlklingenden, angenehm dunkel timbrierten und äußerst höhensicheren Tenorstimme auf. Auch in den ruhigeren Momenten der Oper konnte Massi seine gefühlvolle Seite in Kombination mit lyrischem Tenorschmelz präsentieren. In den nach typisch veristischem Muster gestalteten „Action-Szenen“ überzeugte er ebenso sehr. Hierbei half sicherlich, daß Massi in jungen Jahren als Stuntman gearbeitet und damit sein Gesangsstudium finanziert hat. Mit seinem blendenden Aussehen und seiner enormen Bühnenpräsenz, gepaart mit seinem virilen Stimmtimbre wurden Erinnerungen an Franco Bonisolli wach. Alles in allem ein äußerst gelungenes Hamburg-Debüt.

An seiner Seite gestaltete Angela Gheorghiu die Partie der Floria Tosca. Bei aller Objektivität muß man leider feststellen, daß sie stimmlich nicht mehr aus dem Vollen schöpfen kann. Zu oft geraten Töne zu kurz oder die Kraft reicht nicht, sich gegen das ganz prächtig aufspielende Orchester durchzusetzen. Für die strategisch wichtigen Spitzentöne fand sie zwar genügend Kraft, aber diese fielen arg grell aus. Darstellerisch verhielt sie sich eher reserviert, bewegte sich oftmals vornüber gebeugt, was aber möglicherweise auch an der angeschrägten Bühne liegen konnte. Als Dritter im Bunde konnte sich Franco Vassallo als Scarpia mühelos in die Reihe der bisherigen Scarpia-Bösewichter dieser Hamburger Inszenierung einfügen. Sein Bariton ist angenehm timbriert, groß und volltönend, was ihm besonders im „Te deum“ zugute kommt. Dankenswerterweise zeigt er in der Szene mit Tosca im zweiten Akt, daß er den Scarpia auch sehr differenziert singen und darzustellen vermag. In den weiteren Partien fielen Alexander Roslavets als Sagrestano und Alin Anca als Angelotti positiv auf, während man sich für Spoletta und für den Hirten wohlklingendere Stimmen gewünscht hätte.

Staatsoper Hamburg / Tosca © Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg / Tosca © Staatsoper Hamburg

Der Dirigent Pier Giorgio Morandi hatte bereits drei Tage zuvor kurzfristig eine La Traviata -Vorstellung übernommen. Auch an diesem Abend lief das Philharmonische Staatsorchester unter seiner Führung zu Hochform auf. Besonders im zweiten Akt zeigte sich, was man mit viel eigenem Gestaltungsvermögen und der richtigen Vorstellung von Dynamik jederzeit aus diesem Orchester herausholen kann. Das Publikum war begeistert, und so wünscht man sich eine ähnlich gelagerte Themenwoche,  z.B. reine Verdi-Wochen mit einem neuen Don Carlos  an der Spitze, sicherlich wäre Riccardo Massi ein idealer Vertreter in deren Titelpartie.

Tosca an der Staatsoper Hamburg; weitere Vorstellungen am 29.3.2018, 4.4.2018, 7.4.2018, 17.4.2018 (diese Vorstellung mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann, ausverkauft), 28.11.2018, 30.11.2018 und mehr


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