Halle, schillerBühne halle, Renaissance-Satire „Sächsi-Anhalt“, IOCO Kritik, 21.11.2017

November 21, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, schillerBühne halle

schillerBühne halle / Schiller Ensemble © schillerBühne Halle e.V.

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schillerBühne halle

Sächsi-Anhalt – Wir kommen früher!

Theater auf dem Theater

 Renaissance-Satire von Heidrun von Strauch – schillerBühne halle 

Von  Guido Müller

Die wesentlich eigenfinanzierte freie schillerBühne halle unter der Leitung von Heidrun von Strauch pflegt Laientheater mit hohem professionellem Anspruch. Damit steht sie nicht nur in Konkurrenz zum städtischen Schauspiel des Neuen Theaters in Halle (Saale) sondern zu einem Dutzend freier Theaterbühnen in der musik-, kunst- und theaterbesessenen Saalemetropole und Universitätsstadt.

Nach der sehr gelungenen Inszenierung der Salome von Oscar Wilde in der letzten Spielzeit, die im Sommer 2017 auch auf diversen  Landsitzen und Schlössern im schlösserreichsten Land Sachsen-Anhalt Open Air zu erleben war, gab es nun zum Auftakt ab dem 28.10.2017 eine musikalische Satire nach Motiven des Volksbuchs Till Eulenspiegel von Hermann Bote.

schillerBühne halle / Renaissance Ensemble Cantate © schillerBühne Halle e.V.

schillerBühne halle / Renaissance Ensemble Cantate © schillerBühne Halle e.V.

Das musikalische und schauspielerische Allroundtalent  Heidrun von Strauch schrieb die Dialogfassung, führt Regie und Dramaturgie. Die Prinzipalin singt Sopran und spielt auch Schlagwerk im vierköpfigen Leipziger Renaissance Ensemble Cantate mit, auf Kopien historischer Instrumente.

Geleitet wird es von Siegbert  Rummel (Tenor / Dulcian / Gambe). Ihn  begleiten Luise Rummel (Blockflöte / Dulcian / Krummhörner / Alt) und Jürgen Weise (Barockvioline / Bass). Sie spielen und singen während des Stücks und in den Szenenwechseln zahlreiche Wiegenlieder, Trinklieder, Tänze, lateinische Kirchenlieder, Lutherchoräle und Kriegslieder aus der Lutherzeit kurz nach 1500, in der auch in einer politischen, humanistischen und religiösen Aufbruchszeit  die Textsammlung zu Till Eulenspiegel als Sittenspiegel erstmalig 1510 bis 1515 erschien.

Das ehemalige Motto des Landes der Frühaufsteher wird zum vom  lebenslustigen Langschläfer aus Niedersachsen Till Eulenspiegel ständig satirisch variierten Leitmotiv des Stücks, wie ein Kontrapunkt von Sächsi-Anhalt. Dorthin verschlägt ihn nach seinen ersten Streichen die Flucht seiner  Eltern u.a. nach Halle, Bernburg, Quedlinburg, Straßfurt und Magdeburg.

Uwe Steinbrecher spielt, tanzt, turnt und singt die Titelrolle nicht nur, verschiebt auch die Kulissen, baut die Bühne auf und führt als Hauptfigur wie Regisseur der Handlung voran im lustigen Theaterspiel auf den Theater. Uwe Steinbrechers quicklebendige Pantomime, präzise Gestik und  Mimik ist ebenso perfekt ansteckend wie seine flinke, aber deutliche  Sprechweise des weisen Narren, der alle an der Nase herumführt. Ein erster Höhepunkt ist sein Spiel als trunkener Till, der sich in einem aus einem Umzugskarton rasch in einen Bienenkorb verwandelten Ungetüm  versteckt hat und zwei Diebe zum Narren führt.

Mit solchen ganz einfachen Mitteln zaubert Heidrun von Strauch mit ihren Darstellern aus allen Generationen Theater. Da braucht es nur schöne und prächtige Kostüme (Angelika Claus) sowie Licht  (Jana Krupik-Anacher) um mit den einfachsten Requisiten, Sprache, Spiel  und Musik fesselndes Theater zu schaffen.  Daran erkennt man die Handschrift der Assistentin des bekannten ostdeutschen  Opernregisseurs Peter Konwitschny.

Till führt mit einem Prolog mit den verschiedenen sozialen Ständen und Generationen seiner Zeit vom Bauern und Bürger zum Edelmann in das Stück ein und entlässt uns auch mit seinem Epilog. Der natürlich blond  auf die Welt gekommene Till wird vom trunkenen Vater (Heinz Ebersbach) mit besonders ausdrucksstark gespielter Mimik (Maske           Heidrun von Strauch), Spielwitz und der allerbesten Aussprache fast im Bach ertränkt. Die Mutter (Petra Schäffner mit großer ansteckender Spielfreude und Humor in schönstem Sächsisch)  rettet ihren Sohn nicht nur einmal bis er von ihr abhaut. Später spielt Heinz Ebersbach unnachahmlich komisch und zugleich berührend den an Magen-  und Darmerkrankung leidenden eingebildetenDoktor der Rechte, der vom falschen Doktor der Medizin aufgezogen wird. Gemeinsam mit Uwe Steinbrecher machen sie das zu einem Kabinettstückchen dieser Komödie mit Tiefgang.

Till bezeichnet sich selber als „Künstler seit Geburt“  mit dem zweifachen Lebensmotto „Wer keine Dummheiten macht, macht auch nix Gescheites“  und „Arbeit ist Fluch“.  Als „brotloser Künstler“ führt er uns das Schicksal der Freien Theater und Wanderbühnen in Halle vor Augen.

Zum Höhepunkt des Theaters auf dem Theater dieses Abends  wird daher das satirisch und religionskritisch zugespitzte Osterspiel Tills mit dem Pfaffen (beeindruckend komischer und ältester Schauspieler der Truppe Jürgen Schumann),  seiner einäugigen Magd (köstlich an diesem Abend Birgit Lantzsch, die auch die alte Amme, die Nachbarin und zum Schluß  die Begine am Sterbebett Tills spielt) und zwei Burschen. Dies ist die erste schriftliche, sehr aufschlußreiche Szene einer  Theaterinszenierung in der deutschen Literatur, die im großen von Till inszenierten Chaos endet.

Ein weiterer die Lachmuskeln strapazierender Höhepunkt  ist  die berühmte Szene mit den vertauschten Einzelschuhen, die Heidrun von Strauch zu einer turbulenten Schlägerei  choreografiert hat, in die sogardie Zuschauer teilweise einbezogen werden.

Hans März trägt mit seiner sehr facettenreichen, urkomischen und ausdrucksvollen Spiel- und Sprechweise  immer standesgemäß verschiedene Szenen als lüsterner Bischof von Magdeburg oder kriegshungriger  Graf von Anhalt und schließlich als bigotter Kirchherr  von Mölln. Als Bischof stichelt er gegen die bürgerlichen Honoratioren  des Halloren-Schausiedens in Halle ebenso wie gegen die langweiligen Trottel der feinen Magdeburger Gesellschaft. Parallelen zu heute wären reiner Zufall, Ohne Till, sprich ohne seine Streiche und sein Theater, sei es sterbenslangweilig ebenso in Magdeburg  wie auf der Burg Giebichenstein in Halle, wo im Sommer  tatsächlich alljährlich freie          Theatergruppen auftreten.

Fridolin Ankerholdt verkörpert seine diversen Rollen u.a. als Taufpate, Bürger und Soldat mit überzeugendem Spielwitz und großer Eleganz. Begleitet wird er von der charmant  spielenden Lisa Löwe als Bürgerin, Tänzerin und Müllerin.

schillerBühne halle / Schiller Ensemble © schillerBühne Halle e.V.

schillerBühne halle / Schiller Ensemble © schillerBühne Halle e.V.

Das größte schauspielerische Talent  steckt  in Nico Holfeld, der verschiedene Burschen, Bauern und Soldaten sehr individuell und urkomisch  darstellt. Den Müller Schlappsack macht er zu einer köstlichen Charakterrolle. Nachdem Till als falscher mit Reliquien handelnder Mönch die Quedlinburger Gesellschaft noch mal kräftig auf die Schippe und ausgenommen hat, verhöhnt er als sterbender Till nicht nur die alte ihn pflegende  Begine, sogar  seine in der Hoffnung auf reiches Erbe ebenso vergeblich ans Sterbelager eilende Mutter wie die Vertreter der Kirche, des Adels und des Bürgertums von Mölln.

Das Publikum dankte in der siebten besuchten Vorstellung mit viel  Szenenapplaus, Gelächter und Schlußapplaus. Wegen der vielen im  Freien spielenden Szenen eignet sich die musikalische Renaissance-Satire ganz besonders für Open Air, die als Schlössertournee durch Sachsen-Anhalt auch bereits für den Sommer 2018 geplant  ist.

Man kann der Vorstellung an Tischen mit  einem Getränk von der Bar und Knabbergebäck folgen. Wenn man Glück hat, übernimmt der bekannte und agile bildende Künstler Hans-Rainer Otto Rausch aus Leipzig und Halle, der auch das Plakatmotiv grafisch gestaltet hat, persönlich den Ausschank – wenn er sich nicht gerade um eine neue  Ausstellung kümmern muss. Ein sehr unterhaltsamer und genußreicher  Theaterabend!

Nächste Vorstellungen am 23. und 24.11.2017 und wieder ab Ende März 2018 im Künstlerhaus Böllberger Weg 188 in Halle (Saale). Ticket-Hotline 0345/5110777.

Das Renaissance-Ensemble Cantate (Leipzig) kann auch zur Begleitung von Festen mit Musik des 14. bis 17. Jahrhunderts engagiert werden.

Sächsi-Anhalt – Wir kommen früher!  –  Weitere Vorstellungen am 23.11.2017, 24.11.2017

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