Kulturschaffende in Not – Opera Factory Freiburg, IOCO Aktuell, 15.01.2021

Januar 15, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Opera Factory Freiburg

Klaus Simon, Vorstand der Opera Factory Freiburg © Anke Nevermann

Klaus Simon, Vorstand der Opera Factory Freiburg © Anke Nevermann

Kulturschaffende in Not – Opera Factory Freiburg – Ein Hilferuf

von Viktor Jarosch

Die Corona-Pandemie stürzt die nicht durch staatliche Subventionen abgesicherte freie Kulturszene in unverschuldete wirtschaftliche Nöte. IOCO Kultur im Netz, www.ioco.de setzt sich ausdrücklich für die freie Kulturszene ein; so hier für die Opera Factory Freiburg, welche – siehe Schreiben unten – in einem Hilferuf an den Gemeinderat der Stadt Freiburg Unterstützung sucht.

HINTERGRUND: Die Opera Factory Freiburg (bis 2014: Young Opera Company) ist eine freie Organisation, die Musiktheater und Kammeropern in hoher musikalischer und szenischer Qualität produziert. Die Zusammenarbeit mit jungen als auch erfahrenen Künstler*innen soll die Ansprüchen der Stücke spiegeln sowie ein Forum für internationale Talente bieten. In den Produktionen treten Künstler*innen aus ganz Europa auf.

Im Juli 2019 feierte die Opera Factory Freiburg ihr 25-jähriges Jubiläum mit einer Produktion um Gustav Holsts Kammeroper Sävitri, die 2021 auch mit dem SWR als Koproduzenten auf CD eingespielt wurde. Über die neueste Opernproduktion im Oktober 2020 von Jay Schwartz‘ Kammeroper Narcissus & Echo schrieb Peter Schlang, IOCO,: „Und manch große, etablierte und komfortabel am staatlichen Subventionstopf vor sich hindämmernde städtische oder staatliche Kultureinrichtung kann und sollte sich die kleine, aber feine Opera Factory Freiburg als Vorbild nehmen!“


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mitmachen.freiburg.de  –  online-Beteiligung der Stadt Freiburg

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 Opera Factory Freiburg – Schreiben an den Gemeinderat der Stadt

Antrag um Erhöhung der Unterstützung – Dezember 2020

Sehr geehrte Stadträte des Freiburger Gemeinderats,

wie Sie wahrscheinlich wissen, hat die Opera Factory Freiburg für den Doppelhaushalt 2021/22 nach 10 Jahren erstmals einen Erhöhungsantrag gestellt. Wir werden seit 2011 institutionell gefördert, zunächst mit 15.000 €, durch die dynamische Erhöhung sind wir 2020 nun bei 16.070 € angelangt. (Diese Dynamik ist ja ab 2021 leider erst mal gestoppt worden.) Unser Antrag sieht eine Erhöhung auf 50.000 € vor. Nur mit dieser Summe können wir beim Land Baden-Württemberg die schon längst anvisierte Landesförderung beantragen, die wir langfristig zur Existenzsicherung brauchen, u.a. um eine adäquate Bewältigung der rundum ständig steigenden Kosten zu sichern.

Gerade in der freien Szene sind diese zunehmend existenzbedrohend und Corona tut sein Übriges. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, den Antrag mit Ihnen besprechen zu können, da von Ihrer Entscheidung abhängt, ob es die Opera Factory Freiburg in Zukunft überhaupt noch geben kann. Deshalb bitten wir Sie um einen Gesprächstermin im Neuen Jahr, damit Sie die Dringlichkeit und die Hintergründe zu unserer Arbeit und unserem Antrag besser einschätzen können.

Unsere Produktionen sind in der freien Szene in ganz Baden-Württemberg ohne Konkurrenz, da sich niemand sonst außerhalb der Stadt- und Staatstheater diesem Zweig des modernen Musiktheaters in dieser Intensität und Nachhaltigkeit widmet. Damit trägt die Opera Factory Freiburg mit ihrem Namen zur Bedeutung von Freiburg als Kulturstadt bei. Sie hat sich mit hochwertigen Produktionen (+ preisgekrönten CD-Aufnahmen) regional und international einen Namen gemacht. Ihre Premieren werden auch überregional von der Fachpresse und den großen deutschen Zeitungen rezensiert. Dazu zwei aktuelle Pressestimmen, die auf die besondere Qualität unserer Arbeit An diverse Fraktionen des Gemeinderats der Stadt Freiburg hinweisen:

2018 schrieb Alexander Dick (Badische Zeitung) zu unserer Produktion von Viktor Ullmans Der Kaiser von Atlantis: Die Opera Factory beschert der Musikstadt Freiburg eine nicht mehr wegzudenkende Farbe.“.

Narcissus & Echo –  Opera Factory Freiburg
youtube E-WERK Freiburg e.V.
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

2020 schrieb Peter Schlang, überregionaler Kritiker von IOCO, nach dem Besuch unserer diesjährigen Opernproduktion von Java Schwartz‘ Narcissus & Echo: Und manch große, etablierte und komfortabel am staatlichen Subventionstopf vor sich hindämmernde städtische oder staatliche Kultureinrichtung kann und sollte sich die kleine, aber feine Opera Factory Freiburg als Vorbild nehmen! “ 

Gegenüber einem Staats- oder Stadttheater kommen wir mit sehr wenig Geld aus, da wir mit allen Künstlern nur mit Produktionsverträgen arbeiten und somit kaum laufende Kosten haben. Dennoch ist der Erfolg unserer Produktionen nicht langfristig zu leisten, da uns adäquate langfristige Fördersicherheit von Seiten des Landes fehlt. Die Projektförderung des LAFT BW stößt angesichts der Größe unserer Produktionen von 35.000 bis 70.000 € an ihre Grenzen, wie bereits jüngst zweimal unglücklicherweise geschehen. Der Fortbestand der Opera Factory ist ernsthaft bedroht, wenn nicht eine umfassendere und verlässliche Förderung durch Stadt und Land gewährleistet werden kann.

Wir würden Sie deshalb ersuchen, unseren Antrag zu unterstützen. Gern würde sich eine kleine Abordnung von uns mit Vertretern Ihrer Fraktion zusammensetzen und die Details erläutern. Bitte machen Sie uns einfach Terminvorschläge für Januar 2021.

Mit freundlichen Grüßen,

Opera Factory Freiburg e.V.

Klaus Simon, Künstlerischer Leiter / 1. Vorsitzender – Dr. Ansgar Jödicke, 2. Vorsitzender – Dr. Cornelius Bauer-Kassenwart

—| IOCO Aktuell Opera Factory Freiburg |—

Freiburg, Opera Factory Freiburg, Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten, ab 12.12.2020

November 18, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Opera Factory Freiburg, Pressemeldung

EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten – Francis Poulenc

Ein vorweihnachtliches MitMach – Konzert für Kinder und Erwachsene

  • Samstag, 12.12.2020 16.00 Uhr (Premiere=Familienvorstellung)
    Sonntag, 13.12.2020, 11.00 Uhr und 16.00 Uhr (Familienvorstellungen)
    Montag, 14.12.2020, 11.00 Uhr (Schulvorstellung)
    Dienstag, 15.12.2020, 16.00 Uhr und 18.00 Uhr (Familienvorstellungen)
  • KARTEN: BZ-Kartenservice Freiburg Ticket GmbH Co.KG, Kaiser- Joseph- Straße 229, 79098 Freiburg,  Telefon: (+49) 0761 / 49 68 888,  oder online bestellen auf: https://e-werk-freiburg.reservix.de/events

Zusammen mit der Schauspielerin und Erzählerin Jasmin Busch begibt sich die Opera Factory Freiburg, die diesmal 15-köpfige Holst-Sinfonietta unter Klaus Simon in den Dschungel und die Stadt, um bei den Abenteuern des Helden Babar, der kleine Elefant der berühmten Kinderbuch- geschichte von Jean du Brunhoff, in der berühmten Vertonung von Francis Poulenc mitzufiebern.

Achtung: Das Platzkontingent im Freiburger EWERK  (Foto oben) ist wegen den neuen Corona – Bestimmungen beschränkter als sonst.

Opera Factory Freiburg / Babar, der kleine Elephant © Opera Factory

Opera Factory Freiburg / Babar, der kleine Elephant © Opera Factory

Die Historie des Stücks: Im Sommer 1940 besuchte der Komponist Francis Poulenc Freunde auf dem Land. Eine seiner kleinen Nichten kam zu ihm ans Klavier und stellte das Buch Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten von Jean de Brunhoff aufs Notenpult: „Spiel mir diese Geschichte.“ Er begann zu improvisieren und notierte jene Motive, die ihr gefielen. Er gab das Projekt aufgrund dringender Arbeiten auf, doch fünf Jahre später forderte ihn eben diese Nichte erneut auf, jene Geschichte zu spielen. Und diesmal komponierte Poulenc, bis er sie vollendet hatte. So entstand L’Histoire de Babar, le petit éléphant für Klavier und Erzähler – die Geschichte des kleinen Elefanten, der als Kind zu den Menschen kommt und versucht ein Leben wie ein Mensch zu leben:  „Weißt Du wie der Dschungel klingt? Oder wie es sich anhört, wenn ein Elefant Heimweh hat?“

Im Mitmachkonzert für Familien mit Grundschulkindern präsentieren die Erzählerin Jasmin Busch zusammen mit Holst-Sinfonietta in einer farbigen Ensemblefassung für 15 Musiker unter dem Dirigenten Klaus Simon die Geschichte des kleinen Elefanten, Babar, der den Urwald hinter sich lässt um die Stadt zu entdecken. Dort trifft er auf eine alte Dame mit der er schnell Freundschaft schließt.

Gemeinsam mit unserem jungen Publikum entdecken wir die unterschiedlichsten Klänge aus dem Dschungel und der Stadt. Kuriose Instrumente werden gezeigt, wie die Kontrabass-klarinette und das Kontrafagott. Ein buntes Mitmachkonzert für die ganze Familie.

—| IOCO Kritik Opera Factory Freiburg |—

Freiburg, Opera Factory, Narcissus und Echo – Kammeroper nach Ovid, IOCO Kritik, 31.10.2020

Oktober 31, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Opera Factory Freiburg

EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Narcissus und Echo – Jay Schwartz

Kammeroper nach Ovids Metamorphosen

von Peter Schlang

Gibt es eine Form oder eine Aktion der Kunst, welche die durch die Coronakrise hervorgerufenen Gefühle und Empfindungen adäquat wiederzugeben vermögen oder symbolisch für diese besondere, so wohl noch nie erlebte Zeit stehen? Und wie werden die Kultur-Anthropologen und Historiker dereinst diese Frage beantworten?

 Opera Factory Freiburg präsentiert die Kammeroper im Freiburger EWERK
Mit visueller und akustischer Spiegelung 

Wenn man die diesjährige Produktion der Opera Factory Freiburg gesehen hat und die dazu im vorbildlich gemachten Programmheft zu lesenden Anmerkungen aufmerksam studiert, gewinnt man den Eindruck, dass dies neben manch anderen Möglichkeiten die Spiegelung und der damit eng verwandte Prozess der Reflexion, gerade die des eigenen Tuns und dessen möglicher wie notwendiger Veränderung, sein könnten.

Narcissus und Echo – Kammeroper nach Ovid
youtube Trailer Heiko Hentschel
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Unter anderem darum – und das gleich doppelt, nämlich optisch und akustisch – geht es in der an fünf Abenden im Oktober im Freiburger E-Werk gezeigten Kammeroper Narcissus und Echo des 1965 geborenen amerikanischen Komponisten Jay Schwartz. Dabei handelt es sich nicht, wie gerade häufig in den größeren Opernhäusern praktiziert, um eine spezielle, corona-konforme Bearbeitung, ja „Eindampfung“ eines ursprünglich viel größer besetzten und musikalisch aufwändigeren Werkes, sondern um die Originalfassung einer 2003 entstandenen und 2009 überarbeiteten klein besetzten Opernversion. Und auch die Entdeckung und Würdigung des Kleinen, eher Unscheinbaren könnte ja vielleicht einmal als typisches Merkmal dieser aktuell durchlebten Epoche angesehen werden.

Der Stoff von Schwartz‘ Oper basiert auf der berühmten Sage des in sich selbst verliebten Narcissus und seiner kurzen Episode mit der Nymphe Echo, wie sie u. a. in den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid erzählt wird. Und Ovids Fassung, sogar in ihrer lateinischen Originalsprache, bietet das Gerüst dieses knapp zweistündigen Werkes, das In Freiburg um einen Prolog und Epilog des Regisseurs Heiko Hentschel sowie die Bearbeitung des Madrigals „If my complaints could passions move“ des englischen Renaissance-Komponisten John Dowland durch Benjamin Britten ergänzt wird.

Als musikalisches Bühnenpersonal agieren eine Sopranistin, die wunderbare, stimmlich wie darstellerisch jederzeit überzeugende, ja mitreißende Hélène Fauchère, als Narcissus und eine Bratscherin, in Freiburg die ebenbürtig vorzügliche Aida-Carmen Soanea, als dessen Gegenpart Echo sowie ein doppelt besetztes sehr üppiges Schlagwerk, das auch eine, im modernen Musikbetrieb sehr selten zu erlebende Glasharmonika umfasst und die beiden fantastischen Ausführenden Lee Ferguson und Seorim Lee über weite Strecken des Abends stark beschäftigt. Dazu gesellt sich als Organist bzw. Pianist der Gründer und Kopf der Freiburger Opera Factory, Klaus Simon, der den Abend auch als musikalischer und musik-dramaturgischer Leiter überzeugend und souverän strukturiert und buchstäblich in Händen hält.

Die zurückhaltende, behutsame Regie von Heiko Hentschel findet schöne Bilder und benötigt nur wenige Requisiten, um die inneren und äußeren Beziehungen und Konflikte der Hauptfiguren zu verbildlichen, etwa einen weißen Schal, eine Ansammlung von Koffern mit pflanzlichen Stoffen, Papierschnipseln und Fragmenten eines Spiegels oder die farbliche Beziehung der Kostüme der zwei Protagonistinnen und der drei Instrumentalisten. Diese treten im 2. Akt allesamt in der schwarz-weißen Kleidung eines Orchestermusikers auf, was der Interpretation etwas zusätzlich Distanziert-Feierliches verleiht. Dazu kommen an vielen Stellen die für heutige Aufführungen offenbar als unverzichtbar angesehenen Video-Untermalungen, die entweder Impressionen aus der Natur, hauptsächlich mit Wasser, oder aber Doppelungen und Wiederholungen der auf der Bühne zu erlebenden Handlung zeigen, den schreibenden Beobachter aber eher vom Bühnengeschehen ablenken als einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bereitzuhalten.

Diesen liefert dafür umso überzeugender die Musik des in Köln lebenden Jay Schwartz, die dem Hörer mit ihrem Reichtum an Klangfarben und einem den wichtigsten Epochen und Stilen der Musik nachspürenden Kosmos einen die eigene Fantasie beflügelnden, äußerst anregenden, kreativen Reflexionsraum bietet. Dazu bedient sie sich nicht nur lang gezogener Glissandi, üppig variierter Crescendi und Decrescendi sowie vieler weiterer klassischer Elemente, sei es aus der Vokalmusik oder dem instrumentalen Repertoire – so erinnert der Bratschenpart etwa häufig an die Solowerke Johann Sebastian Bachs –, sondern macht auch mutig Anleihen bei der modernen, experimentellen Musik. Man vernimmt aber auch Techniken und Stilmittel der elektronischen und computererzeugten Musik. Das alles schafft eine lebendige, äußerst differenzierte und anregende Klangmischung, die an keiner Stelle verstört und höchstens bei den häufigen Wiederholungen und in den langsameren, ruhigeren Passagen leicht ermüdend wirkt.

Dafür vermag es diese Musik, den Hörer phasenweise in verborgene, visionäre Ebenen zu entrücken und ihm manchmal sogar ein Gefühl der Transzendenz zu vermitteln. Großen Anteil daran haben in der Freiburger Produktion die fünf Interpreten, die nicht nur solistisch, sondern auch in ihren, allerdings eher seltenen Ensemble-Auftritten restlos überzeugen und den großen Saal des EWERK Freiburg in einen spannungsgeladenen, pulsierenden Klangraum verwandeln. Dabei bringen die Darstellerinnen des Narcissus und der Echo mit ihren subtilen, feinfühligen und psychologisch schlüssigen Rollenstudien das Publikum zum Staunen. Dieses gilt aber auch der Schlagzeugerin und ihrem Kollegen, die, zumal in ihren Solopassagen, ein wahres Feuerwerk an Klang- und Rhythmusraketen zünden und den Raum zum Vibrieren bringen.

In der zeitgenössischen Musik gibt es sicherlich manche Beiträge, die man wegen ihres nichts-sagenden Äußeren schnell wieder vergisst und die leer und entbehrlich wirken – Narcissus und Echo gehört ganz bestimmt nicht in diese Kategorie. Ja, so mitreißend und anregend interpretiert und ausgefüllt, kann man als Musikfreund selbst der Corona-Pandemie einen gewissen Sinn und Nutzen abgewinnen.

Und manch große, etablierte und komfortabel am staatlichen Subventionstopf vor sich hindämmernde städtische oder staatliche Kultureinrichtung kann und sollte sich die kleine, aber feine Opera Factory Freiburg als Vorbild nehmen!

—| IOCO Kritik Opera Factory Freiburg |—

Freiburg, Theater Freiburg, Hulda – César Franck, IOCO Kritik, 06.07.2019

Dezember 10, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Freiburg

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Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freburg

Hulda –  César Franck

– Unbekanntes von Unbekannten – Freiburger Offenbarung –

von Julian Führer

Wer kennt heute noch Bjørnstjerne Bjørnson? Immerhin erhielt der Norweger im Jahr 1903 den Nobelpreis für Literatur, Henrik Ibsen gehörte zu seinen größten Bewunderern. Sein zweites Drama trägt den Namen Halte-HuldaBjörnson war noch keine 30 Jahre alt. Die Handlung spielt im nordischen 14. Jahrhundert, das Stück ist eine finstere Rachetragödie um die Gestalten Hulda, Svanhilde, Thrond und Eyolf.

César Franck Paris © IOCO

César Franck Paris © IOCO

Und wer weiß heute noch, dass César Franck (1822-1890) Opern geschrieben hat? Seit 1872 Professor für Orgel, komponierte er eigentlich für jede Gattung ein großes Werk (zum Beispiel seine recht bekannte Symphonie in d-Moll), hingegen verdankt ihm die Nachwelt vier Opern – zwei Frühwerke (Stradella, mit weniger als 20 Jahren komponiert), Le valet de ferme, schließlich die deutlich späteren Hulda (1879-1885) und Ghiselle (1888-1890).

Woher diese Themenwahl? Bjørnson war noch kein Nobelpreisträger, als Franck und sein Librettist Charles Grandmougin sich für den Stoff interessierten. Doch passt das Stück gewissermaßen in die Zeit – es ist die Epoche des französischen Wagnerismus, es herrschte eine Faszination für den Norden, das Germanisch-Mythologische, in Reaktion auf die Niederlage gegen die Preußen und auf die deutsche Einigung von 1871 auch eine Faszination für den neuerdings übermächtigen Nachbarn östlich des Rheins. Und so beginnt Maupassants Schauernovelle Qui sait damit, dass der Ich-Erzähler aus Ernest Reyers Sigurd kommt, und in Francks Ghiselle treten Figuren mit merowingerzeitlichen Namen wie Fredegunde und Theudebert auf. Was nun faszinierte ihn so an Hulda? Es fällt auf, dass die Oper die Dramenvorlage noch weiter radikalisiert: Das Bühnengeschehen ist eine Gewaltorgie, und Hulda selbst ist so unbeugsam, dass sie den eigenen Tod letztlich billigend in Kauf nimmt – eine Zukunft hat sie sowieso nicht. Den Publikumsgeschmack oder zumindest den von Operndirektoren scheint Franck damit nicht getroffen zu haben. Zu seinen Lebzeiten gab es keine Uraufführung, 1895 wurden in Monte Carlo, Toulouse und Den Haag stark gekürzte Fassungen gezeigt, und dann verschwand das Stück von den Spielplänen.

Das Theater Freiburg wagte sich 2019 an die Deutsche Erstaufführung, für die auch das Autograph der Partitur aus der Pariser Bibliothèque nationale de France eingesehen wurde (inzwischen liegt es als frei verfügbares Digitalisat auf der Seite der Bibliothèque nationale de France (link hier) vor. Man sieht der Partitur an, dass sie in der Tradition der Pariser Grand opéra steht – doch als Grand opéra ist Hulda eben noch nie aufgeführt worden.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Franck und Grandmougin verlegten die Handlung vom 14. Jahrhundert ins noch weiter entfernte Mittelalter zurück ins 11. Jahrhundert, um einen Konflikt zwischen Christen und Heiden auf die Bühne bringen zu können. An dieser Stelle setzt die Freiburger Dramaturgie (Heiko Voss) und Regie (Tilman Knabe) an: In Freiburg spielt die Handlung von Hulda nicht in Norwegen, sondern in Afrika; wir sehen postkoloniale Clankämpfe, Warlords, Kindersoldaten mit Zigaretten und schweren Waffen. Von zentraler Bedeutung für die Regie ist das Cahier africain, ein auch verfilmtes Schulheft mit Zeugenaussagen über unsägliche Verbrechen von Söldnertruppen nach dem Jahr 2000, also in allerjüngster Vergangenheit. Wie im Cahier africain wird in dieser Lesart die Hauptfigur (also Hulda) durch die Anwesenheit ihrer (bei Franck nicht vorgesehenen) Tochter daran erinnert, wie sie vergewaltigt wurde. Der Prolog spielt in Freiburg also in einem Township (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Das Publikum sieht eine Texteinblendung aus dem Cahier, bevor das Orchester eine kurze musikalische Introduktion spielt und dann von seinem Leiter Fabrice Bollon eine Gewaltorgie inszeniert, die Elemente von Hector Berlioz und Richard Wagner verschmilzt und in ihrer radikalen Schroffheit auch an Richard StraussElektra denken lässt. Aus dem Orchestergraben sprühen Funken. Das Publikum muss derweil ansehen, wie zur Musik Salven knallen, Frauen gejagt und vergewaltigt werden – und zwar lange, sehr lange. Das Freiburger Parkett hat einen Durchgang zwischen der sechsten und der siebten Reihe – auch hier werden Frauen durchgeschleift, die sich verzweifelt wehren. Es fällt schwer, sich bei diesen Szenen zurückzulehnen und die Musik zu analysieren, die bei aller entgrenzten Gewalt auch sehr sinnlich sein kann. Der Orchestergraben ist ganz nach unten gefahren, um die Klangmassen in diesem Haus beherrschbar zu machen, das zwar groß ist, aber doch nicht die Dimensionen des Bayreuther Festspielhauses oder der Deutschen Oper Berlin hat. Im Zuschauerraum ergibt sich so ein Mischklang, der Einzelstimmen nur selten hervortreten lässt; nach dem ersten Sturm kommen dann aber doch teils beeindruckende Soli zur Geltung wie etwa gleich zu Anfang die Oboe.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Hulda also erlebt im Prolog mit, wie Familie, Verwandte und Umgebung niedergemetzelt werden; ihre minutenlange Vergewaltigung (von der Freiburger Regie ergänzt, aber mit der Musik im Einklang) ist für sie noch ein Auslöser mehr, Rache zu schwören. Ihre Peiniger finden den Schwur eher amüsant (wie Wagners Götter im Rheingold). Fast noch schwerer erträglich als dieser stürmische Prolog ist die Pause danach – der eiserne Vorhang senkt sich, die soeben vergewaltigte Hulda bleibt allein an der Rampe, krümmt sich vor Schmerz und Elend. Dazu eine Texteinblendung aus dem Cahier africain und ein altes (Statisten-)Paar, das Huldas Schreibheft findet und fassungslos darin zu lesen beginnt. Diese stumme Szene füllt die minutenlange Umbaupause. Was Morenike Fadayomi in der Titelrolle nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch leistet, ist enorm.

Im ersten Akt – sechs Jahre später – hat Hulda in dieser Lesart eine fünfjährige Tochter, die sie stets begleitet und somit an das Trauma der Vergewaltigung erinnert. Die Szenerie zeigt die heruntergekommene und teils zerschossene Fassade des „Hôtel Léopold II“. Leopold II. war zur Zeit der Entstehung der Oper König der Belgier; während seiner Regierung kamen Schätzungen zufolge im Kongo bis zu 10 Millionen Menschen durch die unmittelbaren oder mittelbaren Folgen der belgischen Kolonialherrschaft um. Das Hotel ist zum Teil wohl auch ein Bordell. Hulda befindet sich seit Jahren in Gewalt der Aslaks und soll mit Aslaks Sohn Gudleik zwangsverheiratet werden. Hulda fühlt sich eher von Eiolf angezogen. Aslak (Jin Seok Lee) ist ausstaffiert wie Mobutu Sese Seko; die Leute Eiolfs, die sich ihm entgegenstellen, sind in dieser Deutung Blauhelme. Juan Orozco als Gudleik ist passend zur Szenerie sehr viril, Jin Seok Lee etwas gesetzter, aber mit beeindruckenden Ausbrüchen – ein rundum überzeugender Bass. Aus einem Schaukampf im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten wird bitterer Ernst. Aus dem Ritual, bei dem Hühnerblut fließt, Schnaps ausgespuckt wird und Ölfässer brennen (alles Versatzstücke aus der Bayreuther Götterdämmerung in der Zertrümmererregie Frank Castorfs), wird ein Kampf auf Leben und Tod, so dass am Ende Gudleik leblos am Boden liegt. Der Orgelspezialist César Franck hat hier einen gewaltigen Chor auf den Tod Gudleiks eingeschaltet. Hulda scheint dieser sinnlose Tod leidzutun, auch wenn Gudleik zum Clan Aslak gehört – sie ist ohnehin charakterlich komplexer, als es zunächst den Anschein hat.

Der zweite Akt beginnt mit einer zarten Orchestereinleitung. Diese orchestrale Kostbarkeit wird leider von Stimmen vom Band zerstört, die wieder aus dem Cahier africain oder anderem vortragen. Obendrein ist die Aufnahme technisch unbefriedigend und übersteuert teilweise bzw. überlagert die Klänge des Orchesters so, dass man von beidem nichts mehr hat – sehr störend und künstlerisch nicht akzeptabel. Bei allem Hass kümmert sich Hulda, wie man sieht, in ihrer kleinen Bleibe doch rührend um das in der traumatischen Nacht in einer Vergewaltigung gezeugte Kind. Sie erwartet ihren Eiolf (als indisponiert angesagt: Joshua Kohl, nach etwas gebremstem Auftreten im ersten Akt nun gänzlich frei) so wie Marguerite ihren Faust bei Gounod, doch dann singen sie wie Siegfried und Brünnhilde, vor allem auch, was das Orchester angeht, das nun sehr wagnerisch aufwallt und mehr als einmal Tristanharmonien anklingen lässt. Das weitere Zwiegespräch erinnert eher an Massenet mit kürzeren Melodien und einer stärkeren Betonung von einzelnen Stimmungsmomenten. In dieser Szene sieht es so aus, als könnte Hulda wirklich frei lieben.

Doch es gibt eine frühere Liebschaft Eiolfs, Swanhilde. Diese begegnet ihrem Verflossenen im Rahmen eines Festes – in Freiburg im Rahmen eines Afrika-Gipfels (Conglomérat sur le progrès technique au Congo). Der Akt beginnt mit einer Pantomime, die ein Gipfeltreffen mit feierlicher Vertragsunterzeichnung und anschließender ausschweifender Feier zeigt. Dazu hört man die lange, brillant instrumentierte Introduktion des Orchesters. Swanhilde (Irina Jae Eun Park mit mustergültigem Französisch und schöner Stimme) debattiert also mit Eiolf über die verflossene Liebe, wie es Wotan und Fricka im zweiten und Wotan und Brünnhilde im dritten Akt der Walküre tun. Seufzer erinnern an Elektras „Du lebst, und er, der besser war als du und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig“ bei Strauss. Hulda hört diese Liebesreminiszenz, die Szene wird zum Terzett erweitert. Hulda beschließt für sich, dass Eiolf für diesen Verrat sterben muss, und animiert Gudleiks Brüder Erik, Eynar und Thrond (Erik: Roberto Gionfriddo, Eynar: Junbum Lee, Thond: Seonghwan Koo, alle drei perfekt aufeinander eingestimmt), für den älteren Bruder Rache zu nehmen.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wir befinden uns wieder in Huldas kleiner Behausung. Die Brüder fallen tatsächlich über Eiolf her und wollen dann Hulda umbringen. Leider geht die Regie mit ihrem Stilmittel der Texteinblendungen etwas weit und projiziert Aufrufe zum Kampf gegen Unterdrücker aus den achtziger Jahren – dass immer wieder Texteinblendungen erfolgen, zieht dann doch einen gewissen Ermüdungseffekt nach sich, zumal die Musik so viel spannender ist. Die Bühne ist inzwischen leer (Huldas Zimmer wurde nach hinten hinausgezogen), Hulda schwenkt eine große rote Fahne auf einem Jeep der UN, die Brüder hört man nur noch aus dem Off, dann wird noch einmal vom Tonband eine Salve abgefeuert, und Hulda stirbt. Diese Hulda hat vieles von den rachedurstigen Frauen, die von Isolde bis Salome und von Brünnhilde bis Elektra die Bühnen der Zeit um 1900 bevölkerten. In der Linie der Regie konsequent fokussiert das Schlussbild – ein bisschen wie Madama Butterfly – auf das übrigbleibende Kind. Hulda hat das bekommen, wofür sie gelebt hat, ihr Tod ist der Nihilismus derjenigen, die kein Ziel mehr hat außer der Autodestruktion. Das Kind, das in einer Vergewaltigung entstanden ist, bleibt übrig.

Die Vorstellung war gut besucht, wenn auch nicht ganz ausverkauft; bei einem solchen Werk darf dies als Erfolg gelten. Diese Partitur ist eine Offenbarung, eine Wiederentdeckung, wie man sie nicht alle Jahre hat, allenfalls mit Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane vergleichbar, das schon 2017 ebenfalls in Freiburg zu hören war, bevor es 2018 an der Deutschen Oper Berlin so fulminant der Vergessenheit entrissen wurde. Das Stück fordert von Orchester und Sängern alles – gegen die Klangmassen muss eigentlich permanent mit vollem Druck gesungen werden. Die Regie geht zupackend zu Werke – eine Inszenierung im Norwegen des 11. Jahrhunderts hätte nicht annähernd so beklemmend gewirkt wie diese drastische Aktualisierung. Die Regie geht gewissermaßen auf volles Risiko – und dies hat sicherlich seine Berechtigung; das Konzept geht auf. Aber die Regie lässt die Musik nie in Ruhe. Ein Text weniger zu lesen und eine Lesung vom Band weniger hätten den mächtigen Eindruck vielleicht nur noch stärker werden lassen. Das Orchester und sein Generalmusikdirektor Fabrice Bollon sind hörbar voll aufeinander eingestellt – hier kann man sehen, was kontinuierliche Arbeit mit einem GMD ausmachen kann. Auch der Chor leistet Großes. Über das, was man von einem mittleren Haus erwarten würde, geht diese Tat weit hinaus. Hoffentlich wird man dieses Werk bald wieder hören, vielleicht auch an einer großen Bühne. Ein großer Wurf!

Hulda am Theater Freiburg; keine Vorstellungen mehr in der Spielzeit 2019/20

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