Frankfurt, Oper Frankfurt, Oper Frankfurt zuhause, April 2020

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt zuhause

Nach der Veröffentlichung, dass die Einschränkungen für Opernhäuser und Theater im Rahmen der Corona-Krise doch länger zu dauern scheinen als von Vielen erhofft, startet die Oper Frankfurt auf ihrer Website unter www.oper-frankfurt.de/zuhause ein Programm für ihr Publikum, das in diesen Tagen nicht auf Oper verzichten will: „Oper Frankfurt zuhause“ präsentiert Opernaufführungen, „Wohnzimmerkonzerte“, Talkrunden und Programme für Kinder auf dem digitalen Weg. Anbei erste Termine:


Oper Frankfurt / Xerxes Gaëlle Arquez (Xerxes) © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Xerxes Gaëlle Arquez (Xerxes) © Barbara Aumueller

Samstag, 18. April 2020, 20.30 Uhr

Xerxes

Dieses Werk gehört zu Georg Friedrich Händels beliebtesten Opern und feierte am 8. Januar 2017 in der Sicht von Regisseur Tilmann Köhler Premiere an der Oper Frankfurt. Am Pult des Opern- und Museumsorchesters stand Constantinos Carydis, zu den Solisten gehörten Gaëlle Arquez in der Titelpartie sowie u.a. Lawrence Zazzo (Arsamene), Elizabeth Sutphen (Romilda), Louise Alder (Atalanta) und Tanja Ariane Baumgartner (Amastre). Die vom DVD-Label Unitel aufzeichnete Produktion wird nun über die Website der Oper Frankfurt vom 18. April um 20.30 Uhr bis 20. April um die gleiche Zeit zu sehen sein.


Dienstag, 21. April 2020, 20.30 Uhr

„Wohnzimmerkonzert“ mit Liviu Holender

Seit der Spielzeit 2019/20 gehört der junge österreichische Bariton zum Ensemble der Oper Frankfurt. Live aus seiner Wiener Wohnung gibt er nun ein Konzert mit bekannten und unbekannten Melodien aus den Genres Lied, Oper und Musical. Dabei begleitet er sich selbst am Klavier und wird tatkräftig von seiner Familie unterstützt. Das „Wohnzimmerkonzert“ wird live auf der Facebook-Seite der Oper Frankfurt (https://www.facebook.com/Oper-Frankfurt-107804884207164/?modal=admin_todo_tour ) gestreamt. Im Anschluss ist das Video des Konzerts auch auf der Webseite der Oper Frankfurt sowie auf YouTube und Instagram zu finden.


Donnerstag, 23. April 2020, 20.30 Uhr

Talk zu Inferno

Die Uraufführung der Oper von Lucia Ronchetti war als Koproduktion von Oper und Schauspiel Frankfurt für den kommenden Samstag geplant. Nun ist sie um ein Jahr auf Juni 2021 verschoben worden. In einem Werkstattgespräch geben die Komponistin, der Dirigent Tito Ceccherini sowie die beiden Dramaturg*innen Konrad Kuhn (Oper) und Ursula Thinnes (Schauspiel) Auskunft darüber, was bisher geschah und welche Arbeit noch aussteht, nachdem der Entstehungsprozess seit 10. März unterbrochen wurde.


Sonntag, 26. April 2020, 11.00 Uhr

Oper für Kinder

Diese Reihe ist einer der Dauerbrenner im Programm der Oper Frankfurt. Kaum hat der Vorverkauf begonnen, sind stets (fast) alle Vorstellungen der Reihe ausverkauft. Hier haben nun Kinder ab 6 Jahren und ihre (Groß-) Eltern ohne langes Anstehen an der Kasse die Chance, die Probe zu einer Produktion dieser beliebten, von Dramaturgin Deborah Einspieler und Puppenspieler Thomas Korte entwickelten Serie mitzuerleben.

Nähere Informationen unter www.oper-frankfurt.de/zuhause. Hier werden baldmöglichst auch weitere Termine innerhalb dieses Formats angekündigt.

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Kulturkeller Höchst, BusStop – Theater gegen Rassismus, IOCO Aktuell, 14.02.2020

BusStop
youtube Trailer des PakBann e.V. Frankfurt am Main
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Kulturkeller Höchst

PakBann e.V. Frankfurt am Main

BusStop Frankfurt

 BusStop  – Theater gegen Rassismus

„Ich bin anders, denn… Ich bin anders, lasst uns gemeinsam anders sein“

von Ingrid Freiberg

mit diesem Satz und kleinen Erzählungen begann 2017 BusStop, Theater gegen Rassismus, die ersten Aufführungen. Akteure mit sogenanntem Migrationshintergrund und Alteingesessene, die sich in Frankfurt, im Kulturkeller Höchst  im Dalberger Haus zusammenfanden, enthüllen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die sich in alltäglichen Situationen und tätlichen Angriffen wiederfinden. Die Theatertruppe BusStop will aufmerksam machen, zum Nachdenken und zum offenen Gespräch anregen, will Grenzen einreißen und das Miteinander stärken. Gemeinsam geschriebene Theaterstücke zeigen die bedrückende politische Entwicklung. Dabei zeigte sich auch, dass es dieser „bunten Truppe“ schwerfiel, Erlebtes angesichts unterschiedlicher Erfahrungen und eigener Vorurteile in Szene zu setzen. Heftige Diskussionen, unterschiedliche Begabungen und Toleranz führten jedoch zu einer engen Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe macht, das allgemeine Bewusstsein für Vielfalt und Andersartigkeit zu stärken…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Dabei werden Überlegungen aufgegriffen, wie: Bin ich integriert? Werde ich angenommen? Wie kraftvoll ist meine Verbindung zu den Ahnen, zu meinem kulturellen Erbe und die zu meiner neuen „Heimat“? Kann ich Dinge radikal benennen und dennoch in mir ruhen? Die Gruppe gibt den Sprachlosen eine Stimme und Hoffnung, ihre eigene Geschichte zurückzugewinnen. Dabei vermittelt das virtuose Gitarrenspiel von Paulo Silva, ein kapverdischer SingerSongwriter, mit seinen Fuana-, Batuk- und Morna-Rhythmen zwischen den unterschiedlichen Kulturen. Das eindrucksvolle Programm beleuchtet u. a. Rassismus gegenüber Frauen und die Wertung von Homosexualität. Es geht der Frage nach, wer sind wir eigentlich, was ist ein Fremder? Es fragt nach Hoffnungen und Träumen. Die Antworten scheinen einfach: ein Leben ohne Hass und Streit, ohne Tränen, ohne Schmutz, ein Leben in Liebe, in Menschenwürde, ein Austausch auf Augenhöhe.

Ein Glücksfall ist der Aufführungsort Kulturkeller Höchst im Dalberg Haus, ein alter Gewölbekeller, der Menschen zusammenbringt und erlaubt, bei Wein und Käse bereits vor Vorstellungsbeginn ins Gespräch zu kommen. Besonderer Dank gilt den Gastgebern Petra und Gerhard Klumpp, der auch die Technik übernimmt. Sie engagieren sich für BusStop weit über das Übliche hinaus. Ihnen liegt deren Themen sehr am Herzen. Nur durch ihre Unterstützung sind derartige Theaterabende möglich!

Fremde und Fremdes

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, heißt ein vielzitierter und hochphilosophischer Satz aus dem Dialog Die Fremden von Karl Valentin. Vielzitiert ist dieser Satz wohl deshalb, weil er, wie kaum ein anderer, alles in sich birgt, was das Thema „Fremde und Fremdsein“ bedeutet, nämlich die einfache und zugleich ungeheuer komplizierte Tatsache, dass jeder gleichzeitig irgendwo fremd ist und irgendwo zu Hause. Einzig auf den Standort und die Perspektive kommt es an. Fremd ist das, was man nicht kennt, was einem nicht vertraut ist.

Die Themen sind erschreckend alltäglich

Die Bushaltestelle, Namensgeber und Bühnenbild, lässt Raum für Phantasie und für die Auseinandersetzung mit dem Anderssein in einer neuen, nicht immer selbst gewählten Umgebung. Diese Haltestelle mit einer kleinen Bank und einem Fahrkartenautomaten ist ein Ort, an dem es immer wieder zu Rassismus in vielfältiger Form kommt. Hier nun eine Wiedergabe auf das Wesentliche konzentriert: Mit Laternen, sich an den Händen haltend, träumen alle Mitwirkenden von einer Welt ohne Hass, frei von Unterdrückung. Polizisten, die nicht präzise fragen, behandeln völlig respektlos eine Frau mit sogenanntem Migrationshintergrund… Auf ein „Grüß Gott“ von einer Iranerin, antwortet der Hinzugekommene „...jetzt sind wir schon so durchmischt, dass man die Deutschen nicht mehr erkennt!“... Ein Penner, der hinter dem Fahrkartenautomat hervorkommt, pöbelt eine Dame an. Als sie daraufhin angewidert aufschreit, „Jetzt stell dich nicht so an, Baby! Ich hab gepisst, du blöde Hure!“…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Zwei ältere Damen auf der Bank: „Wie die unsere Mädchen ansehen, die denken, sie sind Freiwild, sie vergewaltigen sie, und wenn sie nicht wollen, haben alle ein Messer im Sack und stechen zu. Die gehören alle rausgeschmissen!.“.  Äußerst berührend und leider kein Einzelfall in der heutigen Zeit ist die Erzählung einer türkischen Putzfrau über ein altes Nachbar-Ehepaar: Oma alt im Altenheim. Opa allein zu Hause! „Opa wie geht’s?“ Opa: „Es muss!“ Manchmal ich Suppe kochen, Opa bringen. Einmal von der Arbeit kommen, Opa nicht sehen, Opa nicht hören. Andere Tag Suppe kochen, Opa klingeln klopfen. „Opa, Opa ich Suppe bringen!“ Ich große Sorgen, Polizei anrufen. Opa tot! Nix glauben ich. Ich weinen. Andere Tag Tür klingeln. Groß chic mit einem Strauß Blumen, er sagen: „Ich Opas Sohn!“. Ich nicht wissen, Opa Sohn haben. Warum jetzt kommen – zu spät? Opa wie mein Vater!…

Gespräch des Sohnes mit seiner Schulfreundin: „Wirft mir die Blumen vor die Füße! Wie die da stand mit ihrem Kopftuch und ihrem gebrochenen Deutsch! Die hat Zeit, zu ihren Eltern zu gehen, geht schwarz putzen, bekommt unsere Sozialhilfe!“… Ein Ehepaar mit fremdartigem Aussehen, sichtbar auf der Durchreise, wird wie folgt beurteilt: „Jetzt guck sich mal Aaner die feine Pinkel an, die Ausländer verprassen unser Geld und kriegen alles in‘n Arsch geblasen!“... Eine Dame, die das beobachtet, schämt sich und hat das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, weil es ihr trotz Bemühen misslingt, mit dem Ehepaar ins Gespräch zu kommen. Auf der Bank sitzend trägt eine Frau sehr melodische persische Lyrik vor. Dem Hinzugekommenen, der die Worte nicht versteht, gefällt es so sehr, dass er mehr darüber wissen will, und bittet sie, noch ein paar Zeilen hören zu dürfen…

People of Color:  einer durch die Sonne des Maghreb, andere durch Bluthochdruck

Müll an der Haltestelle ist immer wieder zu finden: „Freundsche, du kannst nicht einfach deinen Müll hier ablade, wie de willst!“ Ali und Hermann haben vieles gemeinsam: Sie können sich nicht leiden. Der eine spricht Deutsch seit Jahrzehnten, der andere seit Generationen. Beide sind People of Color , „der eine durch die Sonne des Maghreb, der andere durch Bluthochdruck“…  Erich Kästners Gedicht „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt“, das den Menschen mit seinem tierischen Erbe konfrontiert, ist eine ausgefeilte Skizze: „So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen!“... Schwarze Männer sind sexy!

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Eine feine Dame im besten Alter mit Hut, Minirock und ausgesprochen schönen Beinen flaniert mit einem gutaussehenden Afrikaner an der Haltestelle entlang. Die Verliebte sagt zu ihm: „Es ist so schön, dich bekommen zu haben, wenn es auch viel Arbeit gemacht hat.“ Ein anwesendes Pärchen beobachtet die Szene: „Das war die Edith mit ihrem Neger, den hat sie aus Kenia mitgebracht. Letztes Jahr war sie dreimal da, die alte Schabracke! Er wartet nur bis er einen deutschen Pass hat!“ Darauf er: „Schatz können wir nicht ein Taxi nehmen, sonst komme ich zu spät und bekomme meinen Pass wieder nicht!“ Gespräch zwischen Mann und Frau: „Du bist ja so viel schlauer als wie ich!“ „Was ist Intrigation?“ „Es heißt Integration!“ „Über die Intrigation da soll es sogar Kurse geben! Wo kann man das Intrigieren lernen, was muss man da lernen?“ „Zuerst die deutsche Sprache!“ „Da werde ich nie intrigiert! Wenn ich doch alles gelernt habe, bin ich dann Reichsbürger?“ „Das sind doch Nazis!“ „Ja, da gabs mal Aaner, der ist aber schon lange tot! Die AFD – Adolfs Freunde Deutschland – sind nur besorgte Bürger!“ „Aber es sind die, die es uns Ausländern gerne besorgen würden!“...

Zwei elegante Damen treffen sich an der Haltestelle Höchst: „Höchst ist kein Vergleich zu Bad Homburg. Früher war das besser!“ „Meine Bekannte ist hier in der Klinik. Schrecklich, alles voller Ausländer!“ Ein Schwuler betritt die Szene und bringt ein Plakat an. Die eine: „Trotz meines Alters habe ich nichts gegen die, sie sind doch auch Menschen wie du und ich!“ Die andere: „Grüßen Sie ganz herzlich Ihren Sohn von mir!“ „Ach, das ist ja so peinlich! Mein Sohn hat sich kürzlich geoutet. Jetzt kennt die meinen Sohn und womöglich kennt ihn meine Herzsportgruppe auch. Mein Mann ist ja sehr konsequent. Unsere Möbelfabrik wird er nicht übernehmen. Wir könnten Kunden verlieren! Mit seinem Mann, offenbar ein Ausländer, hat er seine Mitte gefunden. Wenn er normal geworden ist, kann er jederzeit nach Hause kommen. Ich habe nichts dagegen!“… „Schatzi, es war sehr schön im Urlaub!“   Er: „Und das Essen, große Portionen, das hat mir gefallen, besonders die leckeren Schnitzel!“ „Mallorca und Schnitzel!?“

Eine Zigeunerin tritt auf.Da siehst du, was da alles reinkommt. Früher hat‘s geheißen, die Wäsche rein, die Zigeuner kommen!“Die sollen doch in ihren Drecksländern bleiben! Die schmeißen den Müll aus dem Fenster heraus!“ Die Zigeunerin zeigt einen Zettel: „Hallo ich kann nicht lesen, ich nix verstehn!“ Die beiden antworten: „Wir haben keine Brille!“ Wortlos gehen sie. Im Weggang verliert die Frau ihr Portemonnaie. Die Zigeunerin eilt hinterher, übergibt es. „Die wollte uns beklauen!“ „Hallo Frau, ich nix klauen, du arme Leute, du keine Brille haben!“

Jenseits der Muttersprache – Claudia M. Berrang

„Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt, nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund, der Koffer aufgerissen fallen alle meine Wörter heraus. Buchstaben, auf dem Boden zerstreut, wie die Gedärme aus meinem Leib, sie werden zerquetscht unter den Passantenfüßen, meine Stimme verschwunden im Lärm. Die verletzten Buchstaben zärtlich in den Koffer eingepackt, mich weitergeschlichen, Lippen aufeinandergepresst, ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt über die Grenzen und gefallen hier in die Ecke. Den Koffer auf dem Schoß, gebückt am Rande dieser Stadt, namenlose Gesichter eilen vorbei, werfen mir fremde Wörter zu, meine bleiben liegen. Die fremden Wörter verschlungen, hungrig in mich hineingestopft heruntergewürgt, bilden eine Kugel, unverdaulich und schwer, ausgeschwitzt aus meinen Poren. Meine Gedärme brechen heraus, formlose Geschichten schreien aus meiner Kehle, meine bleiben liegen. Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund.“

Mit dem beschwörenden Schlusschor „Ausblick“ verabschieden sich die bewegend aufspielenden Laien-Darsteller:  Amir Mansoor (Regie), Klaus Baumgarten, Claudia M. Berrang, Herta-Konstanze Braun, Maria Buttiglieri, Joachim Hossbach, Fariba Khadivi, Karin Kühn, Michaeö Langer, Justin Yao Lassana, Behjat Mehdizadeh, Paulo Silva (Gitarre), El Houari Slimi, Mehret Woldal

Nach anfänglicher Stille endet der Applaus in Jubelstürmen!

Danach gab es Gelegenheit, nicht nur untereinander zu diskutieren, sondern sich auch mit den Mitwirkenden über die teils erschütternden Szenen auszutauschen, die Zuschauer erinnerten sich an eigene Erfahrungen und wurden nicht mit ihren Gedanken und Bildern alleine gelassen.

 Es wird weitere Vorstellungen geben, mehr unter  www.busstop-frankfurt.com

—| IOCO Kritik Kulturkeller Höchst |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Vincent Wolfsteiner, Tenor – im Gespräch, IOCO Aktuell, 11.02.2020

Tenor Vincent Wolfsteiner © Ludwig Olah

Tenor Vincent Wolfsteiner © Ludwig Olah

Vincent  Wolfsteiner – Tenor

Im Gespräch mit Adelina Yefimenko zu Hintergründen und Motiven der Opern Salome  – Tristan und Isolde, der Partien des  Herodes, des Tristan, über Produktionen an der Staatsoper Unter den Linden und der Oper Frankfurt

Vincent Wolfsteiner, Tenor; *1966 in München, seit 2015 Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt. Zuvor sang er an großen Häusern in Deutschland und den USA.

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HINTERGRÜNDE:  Das Markus- und Matthäusevangelium weisen darauf hin, dass Herodes Antipas zuerst mit einer Tochter des nabatäischen Königs Aretas IV. verheiratet war. Seine erste Gattin verstieß er, um seine Schwägerin und Nichte Herodias zu heiraten. Ein Krieg zwischen Herodes und Aretas war die Folge. Herodias verließ für diese neue Ehe ihren Mann Herodes Boethos (einen Halbbruder des Herodes Antipas). Dieser doppelte Ehebruch erregte großes Aufsehen und wurde öffentlich von Johannes dem Täufer als Blutschande kritisiert. Diese prophetische Kritik Johannes des Täufers traf alle Herrschenden am Hof des Herodes Antipas. Herodes ließ deshalb Johannes verhaften, einkerkern und auf Wunsch seiner Frau Herodias und deren Tochter Salome (aus erster Ehe) hinrichten. Nicht Herodes, sondern Herodias und Salome forderten den Tod des Propheten.

Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt – Vincent Wolfsteiner ist Tristan
Hier die IOCO besprechung zur Premiere im Januar 2020

1891 schrieb Oskar Wilde in französischer Sprache das Einakter-Drama Salome. Aufgrund der Vorwürfe von Unmoral wurde Salome verboten. Die Inszenierung des Dramas wurde jedoch in Paris im Jahr 1896, als Wilde im Gefängnis saß, zu einem wichtigen Kulturereignis, das die Begeisterung des deutschen Komponisten Richard Strauss weckte. Strauss komponierte daraufhin die gleichnamige Oper.

Oskar Wilde sowie Richard Strauss betonen im Drama nicht nur Salomes Begehren nach Jochanaans-Kopf, sondern auch ihren Zwiespalt zwischen Liebe und Hass. Wo ist ihre Grenze zwischen Hass und Liebe? Nicht zufällig verkörpert die Partie des Herodes bei Strauss eine immens wichtige Rolle, die auch musikalisch sehr virtuos komponiert ist. Herodes sollte charismatisch und gleichfalls pervers klingen. Aus Trotz ihm gegenüber verliebt sich Salome in Jochanaan. Beide bilden für sie eine gegenseitige männliche und menschliche Existenz. Aber Salome ist ausnahmslos abhängig von beiden.

Salome erlebt ihre Begeisterung zu Jochanaan (seine Stimme, sein Leib – weiß, wie Elfenbein) im Gegensatz zu ihrem grausamen Hass auf Herodes. In der psychoanalytischen Beschreibung wird festgestellt, dass die bipolare Abhängigkeit Salomes von Herodes und Jochanaan einen tiefen Grund hat, denn ihre Mutter war an der Ermordung ihres Vaters beteiligt und heiratete dann seinen Bruder. Salome als Kind war Zeuge dieser schrecklichen Taten.

Tristan und Isolde – mit Vincent Wolfsteiner als Tristan
youtube Trailer Oper Frankfurt
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Was belastet Herodes, der sich auf dieses Verbrechen einlässt und den Befehl zum Töten des Propheten ausspricht? Warum ist er verzweifelt und gibt den Forderungen der zwei Frauen nach? Diese Fragen sowie die Fragen der Interpretation der Herodes-Rolle in der Inszenierung von Hans Neuenfels (Wiederaufnahme von 13.12. an der Staatsoper Unter den Linden) beantwortet Vincent Wolfsteiner, der als einer der besten Interpreten sowohl der Herodes –, als auch der Tristan- und Siegfried- Partien in der Opernwelt gilt.

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Das Gespräch von Vincent Wolfsteiner mit Adelina Yefimenko

Adelina Yefimenko (AY):  Wir wissen, dass Oskar Wilde mit der Geschichte der Herodes Dynastie sehr vertraut war. Das Bild des verbannten, lasziven, psychisch labilen Herrschers passte sehr gut zu Herodes Sohn – Herodes Antipas für Oskar Wildes Salome. Insofern belastete der Name Herodes des Großen, der zur Zeit der Geburt Jesu König in Israel war und sich mit dem fürchterlichen Verbrechen – dem Kindesmord von Betlehem – bekannt gemacht hat, alle seine Söhne. Die Vergangenheit des Vaters lastete offensichtlich auf Herodes Antipas Charakter. Als Tetrarch von Galiläa und Peräa war Herodes bekanntlich ein sehr machtloser Landesherr über das Gebiet, aus dem Jesus stammte. Herodes wurde nicht, wie sein Vater, mit der Königswürde ausgezeichnet. Auf Verlangen Herodias reiste Herodes nach Rom, um vom Kaiser Caligula die Königswürde zu erbeten, was letztendlich im Jahr 37 n. Christus scheiterte. Nur seine Verantwortung bei der Ermordung Johannes des Täufers hat seinen Namen in der Geschichte des Christentums als schmähliche Figur verewigt.

Oskar Wilde interpretierte in der Figur des Herodes das Problem des unrealisierten Machtstrebens. Herodes Antipas wurde in einem depressiven Licht gezeigt. Wie vertont Richard Strauss diesen Komplex des Herodes?

Salome an der Staatsoper Unter den Linden
HIER die IOCO Besprechung der Neuenfels – Produktion aus März 2018

Vincent Wolfsteiner (VW): Süsslich, laut vergeblich fordernd und wahnsinnig. Richard Strauss verleiht Herodes drei musikalische Grundstimmungen. Eine süsslich unangenehm geile – die er vor allem Salome gegenüber anwendet und die Herodes wahrscheinlich für verführerisch hält. Eine schwach fordernde … Herodes gibt zwar Befehle, aber die betreffen keine wichtigen Sachen und werden eigentlich nur von seinen Leibdienern befolgt (sicher nicht von Salome oder Herodias) und eine Wahnsinnsstimmung.

AY:  War Herodes Antipas in Wirklichkeit eine psychisch zerrissene Figur?

VW:  Wie er in Wirklichkeit war, kann ich nicht sagen. Die Römer befürchteten zu dieser Zeit den großen Volksaufstand in Judäa. Ich glaube nicht, dass sie einem Vasallen dort Macht (also die Königswürde) verliehen hätten. Natürlich muss das an seinem Selbstvertrauen genagt haben, aber wie er wirklich war kann ich nicht sagen.

In der Oper ist Herodes psychisch krank. Er hat einen massiven Minderwertigkeitskomplex, er hat psychotische Schuldgefühle für seine Morde, er hat eine starke pädophile Neigung, Paranoia und manische Anfälle. Er ist nicht psychisch zerrissen, er ist völlig krank.

AY:  Was ist für Sie das Wichtigste am Herodes-Charakter bei der Regie von Hans Neuenfels? Was ist das Entscheidende für Ihre Interpretation?

VW:  Die oben genannten Stimmungen scharf abzugrenzen. Neuenfels ist bei der Charakterisierung Herodes sehr nah an der Musik und den Worten geblieben und deswegen ist der Herodes so zu spielen wie er geschrieben wird. Das funktioniert natürlich nur, wenn die verschiedenen Krankheitszustände scharf abgegrenzt und sehr klar kommuniziert sind. Nur dann funktioniert das Bild dieses schrecklichen Mannes in dieser Inszenierung.

AY:  Ihr Herodes klingt und handelt anders als bei den Darstellern dieser Rolle, zum Beispiel bei John Daszak in Salzburg oder bei Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in München. Die Zweideutigkeit des Herodes wird verschärft, wenn seine Gestalt in eine andere Zeit transferiert wird – in die „bigotte Gesellschaft, die ihre wirkliche Existenz vertauschte und vertuschte“ –– so Hans Neuenfels. „Die bedrückende gesellschaftliche Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters hinter einer scheinheiligen bürgerlichen Fassade“ schafft die Illusion der Entstehungszeit des Werkes im viktorianischen England. Welche Bedeutung hat für Herodes die Figur des Oskar Wilde, die Neuenfels in dieser Handlung auf der Bühne bringt?

VW:  Für ihn ist sie interessanterweise der Tod. Da dieser aber mit Salome spielt (oder sie mit ihm) erscheint dieser ihm verführerisch – ja fast erotisch. Herodes beengt die Kontrolle, die Herodias und in gewisser Weise auch Salome über ihn hat mehr, als ein biederes Weltbild. Das ist der Vorteil seines Wahnsinns … spießig kennt er nicht.

AY:   Viele Inszenierungen von Hans Neuenfels spielen mit der Visualisierung von Begriffen wie Sexualität und Freiheit, Eros und Tanatos. Welcher Begriff ist für Sie wichtig, um Herodes auf der Bühne zu visualisieren?

VW: : Pädophilie, Wahnsinn, Manie.

Salome – mit Vincent Wolfsteiner als Herodes in 2019
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AY:   Die Inszenierung Salome stellt das Regie-Team an der Staatsoper Unter den Linden als Parabel dar: „Parabel kennt eigentlich keine Moral“. Heißt das, dass die Hauptdarsteller auch keine Moral in sich tragen müssen, besonders, wenn sie in die viktorianische Zeit versetzt werden? Herodes weigert sich, den Propheten zu töten, lässt ihn aber für Salome umbringen…

VW:   Da sowohl Wilde als auch Neuenfels (bei Strauss ist es fraglich) ein sehr kritisches Bild der Moral hatten und haben – ja eventuell Moralbegriffe im herkömmlichen Sinn für falsch halten, schuldet man als Darsteller dem Stück die Rechenschaft, möglichst wenig Moral zu zeigen. Herodes zögert davor, Jochanan zu töten nicht aus moralischen Gründen, sondern aus einer krankhaften Furcht vor göttlichem Zorn.

AY:   Auch die Figur des Jochanaan zeigt Richard Strauss doppeldeutig. Er vermittelt die christliche Moral, aber verflucht Salome. Die Inszenierung von Hans Neuenfells zeigt das diese Figur noch komplizierter: er begehrt Salome, was ihn bändigt. Sein Hass ihr gegenüber ist sehr fragil. Und sein symbolischer Platz auf der Bühne (statt in einer Zisterne ist er in einer metallischen Rakete im Form eines Phallus verkapselt) zeigt deutlich seine gefesselte Potenz. Betrifft dies auch Herodes?

VW:   Jochanan als biblische Figur ist immer als Vorreiter zu Jesus Christus zu sehen. Er sieht sich schon als vollkommenen Diener des zukünftigen Herrn, aber er hat seine Botschaft noch nicht ganz verstanden. Er steht zwischen der jüdischen Strafmoral und der christlichen Vergebungsbotschaft. Er hält seine Männlichkeit, seine Versuchung, seinen Hass für unaustilgliche Sünde und sieht sich gleichzeitig als Richter – auch über sich selber. Er widerspricht Jesus Christus in jeder Aussage, obwohl er ihn als Heiland erkannt hat. Jochanaans Potenz ist gefesselt durch Selbstdisziplin .. noch nicht durch die christliche Liebe. Auch dafür stirbt er als der erste Märthyrer. Der Tod ist seine christliche Erlösung.

Herodes ist das genaue Gegenteil: Impotent, unfähig zu richten, schwach, abhängig, moralisch verworfen und furchtsam. Und ich glaube, genau deswegen stirbt er nicht in diesem Stück. Seine Erlösung ist der Mord an Salome. Menschen töten ist seine einzige Potenz.

AY:   Wenn wir über die literarische und musikalische Quelle hinausblicken, enthüllen die historischen Vorlagen ein psychologisches Problem, die in der Vater-Sohn-Beziehung liegt. Welche Rolle spielt dieses Problem für ihre Interpretation des Herodes?

VW:  Ehrlich gesagt, nur eine sehr Schwache. Herodes macht auf mich den Eindruck eines unterdrückten, oder sogar misshandelten Sohnes. Seine Beziehung zu seiner Mutter ist angesichts seiner psychischen Störung wahrscheinlich interessanter. Vor allem, weil ich seinem Verhalten gegenüber Herodias in dieser Inszenierung etwas mütterliches entnehme. Was hier noch interessant ist: er versucht natürlich Salome gegenüber väterlich zu wirken. Da er dies allerdings nur aus den verwerflichsten Motiven heraus tut, darf für das Verhältnis zu seinem Vater das Schlimmste vermutet werden. Meine Interpretation sollte das zeigen.

AY:  Trotz der Tatsache, dass Wilde und nach ihm Strauss eine sehr freie Version der Geschichte des Evangeliums gestalteten, bleibt das Bild des Propheten als ersten Mensch, der den Messias kannte, und als strengen Asketen. Er toleriert nicht die Todessünde. Wie verstehen wir dieses? Wilde und ihm folgend Richard Strauss schaffen eine Gestalt des Todesengels, dessen Erscheinung Jochanaan offenbart: „Ich höre die Flügel des Todesengels im Palaste rauschen…!“ Herodes hört auch dieses Rauschen der Flügel, das er aber auf eine andere Weise wahrnimmt. Was bedeutet seine Phrase: „Ich sage euch, es weht ein Wind. – Und in der Luft höre ich etwas wie das Rauschen von mächtigen Flügeln… Hört ihr es nicht?“ oder weiter „Jetzt höre ich es nicht mehr. Aber ich habe es gehört, es war das Wehen des Windes. Es ist vorüber. Horch! Hört ihr es nicht? Das Rauschen von mächt’gen Flügeln…“ Weist diese Szene auf die Angst oder psychische Verwirrung Herodes hin?

VW:  Das ist beides. Es ist nur insofern interessant, als dass Jochanan die Erscheinung schon vorher erwähnt. Zusätzlich zur Angst und der psychischen Verwirrung kommt also noch der mystische Aspekt, ob Herodes der Todesengel nicht als göttliche Prophezeiung erscheint.

AY:   Strauss illustriert Herodes Worte mit Passagen aus Streichern und Flöten (con sordino), die einen gedämpften, pfeifenden Klang auslösen. Die Musik kann hier mehr als Dichtung sagen – der Klang birgt eine Vision von Jochanaan und gleichfalls eine Halluzination von Herodes. Die Erscheinung des Todesengels ist ein sehr starkes Symbol für beide Künstler, die nicht der Religion fremd waren, aber bei grundsätzlichen Existenzfragen sehr unterschiedliche Einstellungen hatten. Wie denken Sie? Deutet der Komponist in der Musik die Vorstellung Wildes über den Todesengel? Oder es ist eine eigene Strauss’sche Interpretation?

VW:   Strauss ist der große Wortmusikmahler. So wenig es ihm selber gegeben war, große Worte zu verfassen (wird im Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal fast peinlich deutlich) so war sein ganz großes Werk doch die Übersetzung und Weiterentwicklung von Worten in Musik. Die Antwort ist also: beides. Er greift die Wildesche Vorstellung auf, aber er spinnt sie weiter als etwas, das nur die Musik kann – die atmosphärische Assoziation.

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

AY:  Wie Hans Neuenfells treffend formulierte, „das Stück ist ein ununterbrochener Höhepunkt… und findet auf einer gnadenlosen Fläche statt, auf einem Operationstisch… Es fängt auf maximaler Höhe an, und dort endet es auch“. Das Ende mit dem Kopf des Jochanaan wird durch die Interpretationsgeschichte mit einem Klischee verbunden – das Bild von Salome mit Jochanaans Kopf auf der silbernen Schüssel. Was will Salome in dieser Inszenierung wirklich? Will sie mit den Lebenslügen brechen?

VW:   Das glaube ich nicht. Sie stelle ich ja nicht dar, aber ich glaube, Salome ist die Verkörperung des Egoismus. Sie kennt im Grunde gar keine Welt um sich, außer der, die sich für sie interessiert. Das macht sie natürlich gnadenlos. Sie will Jochanan ja nicht lieben. Sie will nur, dass er sich ihrem Willen unterwirft. Sie will nur sie selbst sein … allein.

AY:  Hans Neuenfels ist seit seinem skandalösem „Idomeneo“ mit seinem besonderen Bezug auf Köpfe bekannt. Diesmal antwortet er nicht, sondern stellt selber die Frage: ist es der Kopf eines einzelnen oder ist es der Kopf generell – um bei der Parabel zu bleiben: Was denken Sie darüber? Und warum dies Zahl – 42 Köpfe? Die Zahl 42 deutet übrigens die sakrale Numerologie als Zeichen des Schicksals. Bei den Japanern weist diese Zahl auf den Tod hin, im christlichen spirituellen Sinne steht die Nummer 42 für Fortschritt und Stabilität. Was bedeutet die Zahl für die Inszenierung?

VW:  Weiß ich nicht. Da dies eine Wiederaufnahme war, habe ich die Diskussion und ehrlich gesagt die Zahl gar nicht mitbekommen.

AY:   Ich glaube, in diesem Satz das idealtypische Beispiel von Herodes Psyche zusammengefasst: „Ah! Es ist kalt hier. Es weht ein eis’ger Wind und ich höre… Warum höre ich in der Luft dieses Rauschen von Flügeln? Ah! Es ist doch so, als ob ein ungeheurer, schwarzer Vogel über der Terrasse schwebte? Warum kann ich ihn nicht sehn, diesen Vogel? Dieses Rauschen ist schrecklich… Es ist ein schneidender Wind. Aber nein, er ist nicht kalt, er ist heiß. Gießt mir Wasser über die Hände, gebt mir Schnee zu essen, macht mir den Mantel los. Schnell, schnell, macht mir den Mantel los! Doch nein! Laßt ihn! Dieser Kranz drückt mich. Diese Rosen sind wie Feuer“. Diese Phrase hat viele Schlüsselworte: kalt, Wind, Luft, Rauschen, Flügel, schwarzen Vogel, schrecklich, und dann drehen plötzlich seine Halluzinationen in einer anderen Richtung – heiß, Wasser, Mantel, Kranz, Rosen, Feuer? Wie deuten Sie als Herodes diese Schlüsselworte? Sein Geheimnis ist nicht das Geheimnis von der „Liebe, die größer als das Geheimnis des Todes“ ist… Welches Geheimnis verbirgt Herodes in Ihrer Auslegung dieser Rolle?

VW:  Den Brudermord natürlich. Die Sünde des Mordes der heiligen Familienmitglieder. Herodes Geheimnis ist das Geheimnis des Todes.

AY:   Parallel zu Ihrem Herodes verkörpern Sie auf der Bühne auch den Tristan. Zuerst sangen Sie nach Andreas Schager in „Tristan und Isolde“ von Dmitri Tscherniakov an der Staatsoper Unter den Linden. Nur wenige Tenöre können diese zwei andersgearteten Rollen – Herodes und Tristan parallel interpretieren. Existiert für Sie in der Interpretationsgeschichte beider Opern jeweils ein Vorbild für Herodes und Tristan?

VW:  Nein. Nie. Ich versuche jede neue Rolle als weiße Leinwand zu sehen.

AY:  An der Oper Frankfurt ist zurzeit die neue Version von „Tristan und Isolde“ von Katharina Thoma zu erleben. Sie singen den Tristan. Was ist ganz neu in dieser Inszenierung?

VW:   In jeder neuen Inszenierung von Tristan und Isolde steht die Beantwortung der Frage im Mittelpunkt, ob Tristan und Isolde ein klassisches tragisches Liebespaar sind, oder es um ein modernes psychologisches Beziehungsdrama geht. Katharina Thoma verschränkt die beiden Aspekte stärker, als ich das bisher gesehen habe. Sie konzentriert sich je nach Abschnitt des Stückes mal stärker auf den psychologischen – mal stärker auf den traditionellen Liebesaspekt.

AY: : Welches Geheimnis offenbart für Sie dieser Tristan?

VW:   Will er nur sterben oder auch lieben?

AY:  Gute Frage! Katharina Thoma glaubt, er will sterben. Ihr Tristan ist beziehungsunfähig und wünscht sich seit frühester Kindheit den Tod. Am Ende singt Isolde ihren Liebestod ohne zu sterben. Ob sie eventuell ein neues Leben ohne Tristan findet, können wir nicht wissen. Tristan hat schon erreicht, was er wollte. Nämlich den Tod, so die Regisseurin. Das minimalistische Bühnenbild von Johannes Leiacker deutet dazu noch Vergleich mit dem Gemälde von Caspar David Friedrich, „Das Eismeer“ an. Was will und was singt Ihr Tristan dabei? Können Sie musikalisch auch so klar, wie bei Herodes musikalische Grundstimmungen, wichtige Intensionen Tristans differenzieren?

VW:   Die musikalischen Grundstimmungen sind bei Tristan nochmal erheblich vielfältiger als bei Herodes. Erstens, weil Tristan eine Entwicklung im Stück durchlebt, zweitens weil er musikalisch detaillierter porträtiert wird, was ja schon durch die Länge des Stücks bedingt ist. Da braucht es von den stimmlichen Farben so ziemlich die ganze Palette: beißender Spott, jämmerliches Selbstmitleid, passionierteste Leidenschaft, philosophischen Intellektualismus, drängende Überzeugungskraft, tiefstes Mitleid, entrückte Todessehnsucht, Kampfesstärke, schwerste Versehrtheit und Fieberwahn.

AY::   Für mich das Novum dieser Frankfurter Version Wagners Oper, die der Komponist selber als „fürchterlich“ bezeichnet, ist die Inszenierung des Essays von Nike Wagner „Der zweimal einsame Tod im Tristan“. Und für Sie?

VW:   Tristan stirbt liebend, weil Isolde gegenwärtig ist … mir kommt das nicht einsam vor.

—| IOCO Interview |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, SALOME – Richard Strauss, 01.03.2020

Februar 3, 2020  
Veröffentlicht unter Oper Frankfurt, Pressemeldung

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 SALOME –  Richard Strauss – Oscar Wilde

Barrie Kosky inszeniert, Joana Mallwitz dirigiert

Premiere: Sonntag, 1. März 2020 18.00 Uhr, weitere Vorstellungen: 5., 8., 13., 20. März 2020 und mehr

Salome – Richard Strauss_ Oscar Wilde
youtube Trailer der Oper Frankfurt
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Mit der am 9. Dezember 1905 im Königlichen Opernhaus Dresden uraufgeführten Salome gelang Richard Strauss (1864-1949) der internationale Durchbruch als Opernkomponist. In diesem auf einem skandalösen Sujet basierenden Musikdrama entwickelte er eine Klangsprache, die weit über diejenige seiner Zeitgenossen hinausreicht. Bereits vier Jahre im Anschluss an die Uraufführung seiner dritten Oper konnte Strauss mit der ebenfalls in Dresden erstaufgeführten Elektra an seinen Erfolg anknüpfen. Der Text des Komponisten geht auf Hedwig Lachmanns deutsche Übersetzung des gleichnamigen Dramas Salome von Oscar Wilde (1891) zurück. An der Oper Frankfurt erfolgte die letzte Neuinszenierung des Einakters 1999 durch Christof Nel.

Oper Frankfurt / Salome - Ambur Braid © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Salome – Ambur Braid © Barbara Aumüller

Statisterie der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Mit freundlicher Unterstützung der DZ Bank AG und des Frankfurter Patronatsvereins – Sektion Oper

König Herodes hält den Propheten Jochanaan gefangen, doch seine Stieftochter Prinzessin Salome, Tochter der Herodias, verlangt, diesen zu sehen. Der Prinzessin verfallen, gibt der Hauptmann Narraboth deren Verlangen trotz des ausdrücklichen Verbotes des Herrschers nach. Als Salome auf Jochanaan trifft, weist dieser sie zurück, woraufhin der von Eifersucht geplagte Narraboth Selbstmord begeht. Ihr lüsterner Stiefvater verlangt, dass die vom Propheten Verfluchte für die feiernde Gesellschaft tanzt. Sie lehnt zunächst ab, leistet der Aufforderung schließlich unter der Prämisse, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen, mit dem „Tanz der sieben Schleier“ Folge und fordert im Gegenzug Jochanaans Kopf. Jegliche Umstimmungsversuche des entsetzten Tetrarchen bleiben erfolglos. Salome küsst den Mund des auf dem Silbertablett liegenden Hauptes und wird auf Herodes’ Befehl hin ebenfalls getötet.

Oper Frankfurt / Salome - Maltman Christopher© Pia Clodi

Oper Frankfurt / Salome – Maltman Christopher © Pia Clodi

Die musikalische Leitung liegt bei der deutschen Dirigentin Joana Mallwitz. Sie ist seit 2018/19 Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg und wurde jüngst vom Fachmagazin Opernwelt als „Dirigentin des Jahres“ 2019 sowie als „Beste Dirigentin“ mit dem Oper! Award ausgezeichnet. An der Oper Frankfurt debütierte sie 2016/17 mit Debussys Pelléas et Mélisande und kehrte u.a. in dieser Saison mit Faurés Pénélope zurück. Die Inszenierungen von Barrie Kosky, seit 2012/13 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, werden international gezeigt: Carmen wurde nach der Frankfurter Premiere 2016 vom Royal Opera House Covent Garden in London sowie der Königlichen Oper in Kopenhagen leihweise übernommen und kehrt nun an den Premierenort zurück. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehört Alexander Borodins Fürst Igor an der Pariser Opéra Bastille. In der Titelpartie debütiert die kanadische Sopranistin Ambur Braid. Seit 2018/19 im Ensemble, überzeugte die Sängerin bereits u.a. als Königin der Nacht (Die Zauberflöte) und Elektra (Idomeneo).

Der weltweit gefragte Bariton Christopher Maltman (Jochanaan) ist hier derzeit auch in der Titelpartie von Rigoletto zu erleben. Regelmäßig gastiert der Brite bei den Salzburger Festspielen und an der Metropolitan Opera in New York. Nahezu alle übrigen Partien sind mit Mitgliedern des Frankfurter Ensembles und Opernstudios besetzt, darunter auch der Tenor AJ Glueckert (Herodes) und die Mezzosopranistin Claudia Mahnke (Herodias).

Musikalische Leitung: Joana Mallwitz, Regie: Barrie Kosky, Bühnenbild und Kostüme: Katrin Lea Tag, Licht: Joachim Klein, Dramaturgie: Zsolt Horpácsy,

Mit: Salome: Ambur Braid, 3. Jude: Jaeil Kim, Jochanaan: Christopher Maltman 4. Jude: Jonathan Abernethy, Herodes: AJ Glueckert 5. Jude: Alfred Reiter, Herodias: Claudia Mahnke 1. Nazarener: Thomas Faulkner, Narraboth: Gerard Schneider 2. Nazarener / Cappadozier: Danylo Matviienko, Ein Page der Herodias: Katharina Magiera 1. Soldat: Dietrich Volle, 1. Jude: Theo Lebow 2. Soldat: Pilgoo Kang, 2. Jude: Michael McCown Sklavin: Chiara Bäuml

Premiere: Sonntag, 1. März 2020 18.00 Uhr, Weitere Vorstellungen: 5., 8., 13., 20., 26., 29. (15.30 Uhr; kostenlose Betreuung von Kindern zwischen 3 und 9 ) März, 4., 10. (18.00 Uhr), 13. (18.00 Uhr) April 2020

Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 19.30 Uhr
Preise: € 15 bis 165 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)
Karten sind bei unseren üblichen Vorverkaufsstellen, online unter www.oper-frankfurt.de oder im telefonischen Vorverkauf 069 – 212 49 49 4 erhältlich.

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

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