Essen, Aalto-Theater, Eine Nacht in Venedig – Strauss – Korngold – Klimek, IOCO Kritik, 16.09.2018

September 19, 2018  
Veröffentlicht unter Aalto Theater Essen, Hervorheben, Kritiken, Oper, Operette

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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

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Eine Nacht in Venedig – Ein Opernhappening

Johann Strauss – Erich Wolfgang Korngold – Bruno Klimek

Von Viktor Jarosch

„Leichte Theater-Kost“ attraktiv zu inszenieren ist wahrlich schwer: Eine Nacht in Venedig  ist solch vermeintlich leichte Theater-Kost. Aalto-Intendant Hein Mulders benötigte 5 Jahre, um diese, seine erste Operetten-Produktion auf die Bühne des Aalto-Theaters zu bringen.

Eine Nacht in Venedig
Youtube Trailer Aalto Theater Essen
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Glatteis und Schnee  in Venedig dominiert die moderne Inszenierung von  Bruno Klimek, welche Klischees, alte wie neue, verlässt und mit Slapstick, Video, farbigen Dialogen und einem bunten Reigen szenischer Überraschungen den Besucher bannt.  Bruno Klimek, Professor an der nahen Essener Folkwang Universität, toppt vergangene Strauß und Korngold Fassungen von Eine Nacht in Venedig  mit einer neuartig faszinierenden Essener Fassung. Eine lebendige Bühnen-Show voller Esprit dort wird geboten. Die  Titulierung der Essener Fassung als „Operette„, so auch im Programmheft des Aalto-Theater, führt offene Erwartungen ein wenig ins Abseits.

Die 1883 uraufgeführte  Nacht in Venedig zeigt schmunzelnd modern nicht enden wollende Irrungen und Wirrungen amüsierfreudiger Frauen wie Männer zum Karneval in Venedig um 1800. Allerdings, die Intrigen um die Entstehung dieser Operette reichen schon für eine eigene Operette. Grund: Johann Strauss´ Operetten wurden alle in Wien uraufgeführt; zumeist im Theater an der Wien; so auch 1874 die Fledermaus; doch, Johann Strauß‘ zweite Ehefrau, die 25 Jahre jüngere Angelica Dittrich, „Lily“, hatte, als Eine Nacht in Venedig 1882 entstand, ein Verhältnis mit Franz Steiner, dem Direktor des Theater an der Wien. So leitete Johann Strauß, auch am Pult, die Uraufführung von Eine Nacht in Venedig 1883 nicht in Wien sondern teilweise „verberlinert“, in Berlin; die Uraufführung in Berlin wurde ein Flop. Die Operette wäre, trotz Anpassungen, wohl untergegangen, hätte nicht Erich Wolfgang Korngold um 1930, über 45 Jahre später, die verschiedenen Straußschen Urfassungen für moderne Theaterbühnen „veropert“ und mit eigenen Kompositionen wie  mit „Sei mir gegrüßt, holdes Venezia“ für Richard Tauber bereichert. So wurde im Aalto-Theater nicht die Straußsche Urfassung sondern die Korngold-Fassung  gespielt. Bruno Klimeks erhebliche wie aktuelle Werkbearbeitung  wirkt wie die Transponierung, wie ein Sprung der Korngold-Fassung in die Moderne, in das 21. Jahrhundert.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Ciboletta rutscht auf dem vereisten Markusplatz aus waehrend ein Luxusliner in Venedigs Hafen einfaehrt © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Ciboletta rutscht auf dem vereisten Markusplatz aus waehrend ein Luxusliner in Venedigs Hafen einfaehrt © Joerg Landsberg

Klimeks  Essener Fassung beherrscht auch den Verwechslungswirrwarr, nicht aber den  Karneval oder Commedia dell´arte. Eine Nacht in Venedig mutiert in Essen durch  Umdichtungen, gestrafften Texten, Gags, Clownerien und oft skurrilen Choreographien zu einem modernen Happening. Klimek:Das Stück ist ein großer, ironischer Abgesang auf die ganze „Gockelherrlichkeit“; der Herzog ist ein überzeichneter Superstar: Es ist Satire, nicht genaues Abbild des Lebens“. Klimek macht in seiner Essener Fassungdie Frauen viel schlauer, stärker als die Männer, ähnlich der Csardasfürstin, der Lustigen Witwe oder Adele “. Klimek:Bei Eine Nacht in Venedig folgt ein Hit dem anderen…  es ist nicht verwunderlich, dass Operette wieder im Kommen ist“.

Der Blick des Besuchers gleitet im ersten Bild (Bühne Jens Kilian) über den  vereisten weiten Markusplatz von Venedig; das angrenzende Meer mit farbigen, stetig wandernden Wolkenformationen am Himmel zeichnen Videoprojektionen auf eine den gesamten Bühnenhintergrund ausfüllenden Leinwand. Auf dem Markusplatz finden sich filigrane Miniaturen des Dogenpalastes, der Markuskirche und alter venezianischer Bauten. Zur Ouvertüre stöckeln warm angezogen, Schnee rieselt auf den Markusplatz, Ciboletta (Christina Clark) und  andere Venezianer, aufgeregt  rufend „Er kommt“, rufen sie; „Wer“, „Nun, er!“.    Wer kommt denn? Noch weiß es niemand!

Der erste Clou der Essener Fassung ist originell wie unerwartet: Ein riesiges Kreuzfahrtschiff  fährt ein in den Hafen Venedigs; Himmel und Meer verdeckend;  die Miniaturpaläste Venedigs wackeln, fallen zusammen. Wer entsteigt dem Schiff auf einer Schiffstreppe?  Nicht Guido, der draufgängerische Herzog von Urbino; es ist   Pappacoda, der Makkaronikoch (Martiijn Cornet). Derweil die in Mänteln und Hüten vermummten Venezianer  auf dem Schnee des Markusplatz rutschen, hinfallen und  „Wenn vom Lido sacht wieder Kühlung weht…“ singen. Pappacoda mischt sich, Makkaroni beschwörend und werfend, unter seine weiterhin „Er kommt, die Frauenwelt Venezias zu verwöhnen….“  singenden Verehrerinnen.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Annina und Ciboletta mit dem Herzog © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Annina und Ciboletta mit dem Herzog © Joerg Landsberg

Clou und Komik verstärken sich, wenn in Wiederholungen, in den Folgen von „Er kommt“,  „Wer“, „Nun, er!“ weitere monströse Kreuzfahrtschiffe (Foto) den Bühnenhintergrund durchkreuzen, Dogenpaläste umfallen und die anderen Protagonisten der Operette in eigenem Oeuvre dem Schiff entsteigen: Enrico Piselli (Carl Bruchhäuser), „Die Frauen müssen wir fernhalten“,  gefolgt von  Caramello (Albrecht Kludszuweit)  und schließlich  mit zahllos kolossalen Seekoffern Guido, Herzog von Urbino  (Dmitry Ivanchey), dem die geifernden Frauen Veneziens sogleich und  triumphierend die Kleider vom Körper reißen. Derweil Annina (Tamara Banjesevic)  ihre Arie  Frutti die Mare„Ich komme von Chioggia zu euch übers Meer…“  in lebendig frischem Sopran singt, von Chor und Statisten revuehaft begleitet. .

Zu allem Spiel, zu packenden Gags und Pointen auf der Bühne verlor sich der Blick des Autors immer wieder in den Bühnenhintergrund, wo psychodelisch wandernde Wolkenformationen,  die Handlung auf der Bühne kontrastierend, stetig sanft zarte Stimmungen webten.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : die Nacht des Karnevals, alle Venezianer, Männer wie Frauen, in gleichen Kostuemen © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : die Nacht des Karnevals, alle Venezianer, Männer wie Frauen, in gleichen Kostuemen © Joerg Landsberg

Das bunte Kaleidoskop von Klimeks Essener Fassung“ setzt sich modern, unbefrachtet von althergebrachten Operetten-Klischees fort: Senator Delaqua (Karel Martin Ludvik) bewundert den Herzog auf einer Wolke hoch über der Bühne schwebend „Mit der Würde, die Dir eigen…“;  während die Venezianer aus dem Mittelgang des Zuschauerraumes antworten. Doch es geht auch klassisch:  Ein Schlitten auf der Bühne würzt den lyrischen Lockruf des CaramelloKomm in die Gondel, mein Liebchen so steige doch ein..“ . Gags, Tiefsinniges wie  Überraschungen setzen sich im 2. Akt fort: wenn die Venezianer des Palast des Herzogs plündern, während sich Herzog Guido mit Anninazu unbekannten Zwecken“ in ein Hinterzimmer verzogen hat;  wenn zum Karneval Männer und Frauen – ohne Maske –  Männer und Frauen in gleichen Kostümen und Perücken merkwürdig gleich wie geklont wirken; wenn sie dann zum „Karneval ruft zum Ball, der ist Souverän“  auf dünnem Eis einbrechen und versinken; wenn Caramello  im 3. Akt fortwährend Wo ist meine Frau“ rufend über den Markusplatz irrt, während der Herzog (Dmitry Ivanchey) mit Annina und Ciboletta einer Gondel entsteigend den lebensfrohen Lagunenwalzer singt „Ach, wie so herrlich zu schaun, sind all die lieblichen Fraun…“. Aller Verwechslungs-wirrwar der Handlung bleibt bis zu einem „offenen Ende“ bestehen, wo man sich für den Karneval des nächsten Jahres verabredet.

Das gesamte Ensemble bot in der detailreichen Produktion eine darstellerisch wie stimmlich  starke Gesamtleistung. Doch  Tamara Banjesevic als Annina und Christina Clark als Ciboletta  waren in dem Potpourri der Clownerien durch hohe Präsenz, mit Charme, Esprit und romantisch timbrierten Stimmen besonders präsent. Johannes Witt und die Essener Philharmoniker begleiteten das Happening freier, hollywoodesken  Lebensfreude in den bunten Orchesterfarben. So feiert das Publikum lebhaft ein modern boulevardeskes Happening wie dessen Protagonisten auf der Bühne wie im Graben.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Applaus für das Ensemble vor dem venezianischem Himmel © IOCO

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Applaus für das Ensemble vor dem venezianischem Himmel © IOCO

Eine Nacht in Venedig im Aalto-Theater; die nächsten Vorstellungen: 30.9.; 7.10.; 28.10.; 3.11.; 11.11. und zu Sylvester am 31.12.2018

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

Essen, Aalto Theater, Eine Nacht in Venedig – Johann Strauss, 14.09.2018

September 7, 2018  
Veröffentlicht unter Aalto Ballett Theater, Operette, Pressemeldung

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Aalto Theater Essen

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig © Jörg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig © Jörg Landsberg

Eine Nacht in Venedig – Johann Strauss

IOCO ist dabei – 14.9.2018 – Spielzeitstart am Aalto-Theater

Die Premiere von Johann Strauß‘ Eine Nacht in Venedig sorgte am Aalto-Musiktheater für ein heiteres Ende der zurückliegenden Spielzeit. Ebenso humorvoll geht es nun weiter, wenn die unterhaltsame Operette auch die neue Saison 2018/2019 einläutet. Der Wiederaufnahme am 14. September 2018, um 19:30 Uhr folgen sechs weitere Vorstellungen – die letzte am Silvesterabend. Regie in dieser beliebten Verwechslungskomödie, die zur Karnevalszeit in der Lagunenstadt spielt, führt Bruno Klimek. Die musikalische Leitung hat Johannes Witt, 2. Kapellmeister am Aalto-Theater. Als Herzog von Urbino ist erneut Ensemblemitglied Dmitry Ivanchey zu erleben. Die Rolle der Fischhändlerin Annina übernimmt Tamara Banješevic: Die aus Serbien stammende Sopranistin stellt sich damit als neues Mitglied des Aalto-Ensembles dem Essener Publikum vor.

youtube Trailer des Aalto-Theaters – Eine Nacht in Venedig
(eingebettet mit erweitertem Datenschutz)

Als einzige Premiere des großen Walzerkönigs Johann Strauß kam die Nacht in Venedig in Berlin heraus und sorgte dort für Ärger – vielleicht, weil sie zu frivol für die preußische Hauptstadt war … Es herrscht Karneval in der legendären Lagunenstadt. Alle Menschen sind für einen Augenblick gleich: Adelige und Bürgerliche, Reiche und Arme, Makkaroni-Koch und Senator. Und jeder will etwas von jedem. Im besonderen Zentrum des Interesses steht jedoch wieder einmal der Herzog von Urbino, denn ohne sein Maskenfest wäre der Karneval nicht vollkommen. Der berüchtigte Schürzenjäger hat sich auch diesmal ein großes Programm vorgenommen – „treu sein“, das liegt ihm nun einmal nicht. Aber er hat Glück: Alle Frauen wollen von ihm vernascht werden, während deren Männer mit nur mäßigem Erfolg versuchen, genau jenes zu verhindern. Viele Intrigen müssen scheitern und viele Masken müssen gelüftet werden, bis sich schließlich die richtigen Paare finden – natürlich nicht, ohne sich vorher mit den falschen Partnern ausgelassen amüsiert zu haben … Den Durchbruch erlebte die Operette schließlich 1923 in Wien, als kein Geringerer als Erich Wolfgang Korngold sich ihrer annahm.

Karten (€ 11,00 – 55,00) unter T 02 01 81 22-200 oder www.theater-essen.de

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Essen, Philharmonie Essen, 1. Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker, Tomas Netopil, 06./07.09.2018

Juli 13, 2018  
Veröffentlicht unter Konzert, Philharmonie Essen

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Philharmonie Essen

Theater und Philharmonie Essen / Tomáš Netopil © Saad Hamza)

Theater und Philharmonie Essen / Tomáš Netopil © Saad Hamza)

1. Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker

Auftakt zur Jubiläumssaison des Philharmonischen Chores Essen am Donnerstag/Freitag, 6./7. September 2018, um 20 Uhr

Mit einem großen Chorkonzert eröffnen Generalmusikdirektor Tomáš Netopil und die Essener Phil-harmoniker ihre Sinfoniekonzert-Reihe der Spielzeit 2018/2019 in der Philharmonie Essen: Am Freitag/Samstag, 6./7. September 2018, um 20 Uhr (19:30 Uhr Konzerteinführung im Foyer) bringen der Philharmonische Chor Essen (Einstudierung: Patrick Jaskolka) und der Opernchor des Aalto-Theaters (Einstudierung: Jens Bingert) Leoš Janá?eks „Glagolitische Messe“ zur Aufführung. Als Solisten wirken Andrea Dankova (Sopran), Almuth Herbst (Alt), Carlos Cardoso (Tenor) und Almas Svilpa (Bass) mit. Außerdem stehen zwei Werke von Ludwig van Beethoven auf dem Programm, die Ouvertüre zu „Egmont“ sowie die Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 36. Für den Philharmonischen Chor ist dieses Konzert gleichzeitig der Auftakt zur Jubiläumssaison, in der der Chor sein 180-jähriges Bestehen feiert.

Leos Janá?ek wandte sich in der „Glagolitischen Messe“ dem Kirchenslawischen zu. Die Verwendung dieser Sprache entspricht der Idee einer Einigung aller slawischen Völker, für die der Komponist entschieden eintrat. Spricht Beethoven in seiner 2. Sinfonie den Gedanken der Hoffnung an, so projiziert Janá?ek ihn auf die religiöse Ebene. Das Werk mag mit seinem Fanfarenjubel jene Zuversicht andeuten, die auch die Sinfonie Beethovens beseelt, der nach den Anzeichen seines Gehörleidens auf Genesung hoffte. Die Ouvertüre zu „Egmont“ zeigt hingegen Beethovens Verehrung für Goethe, der für dieses Drama eine Begleitmusik wünschte.

In dieser Spielzeit bieten die Essener Philharmoniker erstmals in allen zwölf Sinfoniekonzerten Programmeinführungen an. Neben der bereits aus der zurückliegenden Saison bekannten „Kunst des Hörens“ (Einführung mit Dirigent und Orchester im Alfried Krupp Saal in ausgewählten Konzerten) gibt es bei allen anderen Konzerten eine Konzerteinführung im Foyer. Alle Einführungen finden jeweils um 19:30 Uhr, also eine halbe Stunde vor Beginn des Konzertes, statt.

Gefördert von der Sparkasse Essen und dem Freundeskreis Theater und Philharmonie Essen e. V.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Essen, Aalto-Theater, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 11.07.2018

Juli 12, 2018  
Veröffentlicht unter Aalto Theater Essen, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

SALOME – Richard Strauss

 – Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes –

Von Karin Hasenstein

Die Handlung:  Am Hofe des König Herodes begehren alle irgendetwas, das sie nicht haben können. Der Hauptmann Narraboth begehrt die Prinzessin Salome, oder doch wenigstens einen Blick, ein Lächeln von ihr. Der König Herodes begehrt die Frau seines Bruders, Herodias. Er lässt seinen Bruder einsperren und schließlich töten, um Herodias heiraten zu  können. Das reicht ihm jedoch nicht, er begehrt außerdem ihre Tochter Salome, seine Nichte.

Begierde besteht entweder in der Lust, etwas zu besitzen, oder in der Furcht davor, es zu verlieren, weil dann das Begehren niemals gestillt werden kann. Herodes ist ein Mann, der von seinen Begierden getrieben ist: er ist umgeben von Macht, Reichtum und Schönheit. Dadurch leidet er unter ständiger Verlustangst. Außerdem ist da Salome, die er nicht ohne weiteres besitzen kann. Salome steht also im Zentrum seines Begehrens und will ihm möglichst entfliehen. So sind auch ihre ersten Worte „Ich will nicht bleiben, ich kann nicht bleiben!” Immer wieder entzieht sie sich seinen Blicken und Berührungen.

Ähnliche Begehren treiben Narraboth; doch ganz andere Gründe verbieten ihm, die Prinzessin zu begehren. Narraboth und Herodes werden mit denselben Worten gewarnt; dass es Unglück bringt, die Prinzessin auf diese Weise anzusehen. Der Page warnt Narraboth: „Du siehst sie immer an. Du siehst sie zuviel an. Es ist gefährlich, Menschen auf diese Weise anzusehen. Schreckliches kann geschehen.” Herodias ermahnt ihren Gatten „Du sollst sie nicht ansehen, fortwährend siehst du sie an!” Doch Herodes hört ebenso wenig auf seine Frau, wie Narraboth auf den Pagen. So wird mit Beginn verdeutlicht: es wird Schreckliches geschehen; alle sind Sklaven ihrer Begierden. Auch Salome begehrt etwas, was sie nicht haben kann.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Der eigentlichen Handlung vorgeschaltet ist ein Video (fettFilm), das auf den Bühnenhintergrund projiziert wird. Wir sehen eine Szene aus einem Kindergeburtstag. Ein kleines Mädchen bekommt Geschenke. In der nächsten Einstellung ist das Mädchen etwas älter, ein Teenager. Wieder wird ein großes Geschenk überreicht. Es scheint nicht das Gewünschte zu sein, es wird achtlos weggeworfen.

Die  Aalto – Inszenierung: Im Palast des Herodes wird ein Fest gegeben. Salome entflieht den lüsternen Blicken ihres Stiefvaters und flieht zum Personal in die Küche. Sie trägt Jeans und eine weiße Bluse, weiße Turnschuhe; ihr langes Haar ist zum Pferdeschwanz gebunden. (Bühne und Kostüme: Julia Hansen). Es ist ein nach drei Seiten offener Raum auf einer Drehbühne. Am linken Rand befindet sich eine Tür, die in den Vorratskeller führt. Als der Koch die Tür offenstehen lässt, dringt die Stimme eines Gefangenen herauf. Als Salome die Stimme Jochanaans vernimmt, ist sie von seinen Worten berauscht und verlangt von den Wachen, ihn zu sehen. Narraboth willigt ein, als Salome ihm ein Lächeln verspricht.

Die Bühne wechselt; wir sehen ein Kontor, Regale mit Kartons an den Wänden, in der Ecke ein Bett. Der Zuschauer erkennt das Kinderzimmer aus der Video-Projektion. Salome läuft aufgeregt hin und her, als die Wachen kommen und den Gefangenen bringen. Der Prophet trägt, wie die Wachen, schwarze Uniformhosen und Stiefel, die  Arme in einer Zwangsjacke gefesselt. Sofort beginnt der Prophet merkwürdig zu sprechen; niemand kann Salome sagen, von wem er spricht. Salome glaubt „Er spricht von meiner Mutter!Narraboth erkennt seinen Fehler und fleht Salome an, zu gehen. Salome gibt sich dem Propheten zu erkennen mit den Worten „Ich bin Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa!” Sie will ihn aus der Nähe betrachten; als Jochanaan sie harsch zurückweist steigert dies ihre Neugier, ihr Begehren. Narraboths Rufe  „Prinzessin! Prinzessin! Prinzessin!” dringen nicht zu ihr durch.

Obwohl der Prophet sie beschimpft und von sich stößt, steigert sich Salome in eine wahnhafte Begierde hinein. Sie ruft aus, sie sei verliebt in seinen Leib; sie vergleicht diesen Leib  mit den Lilien auf dem Feld, mit dem Schnee auf den Bergen Judäas, den Rosen im Garten von Arabiens Königin. Als Jochanaan Salome erneut zurückweist, beschreibt sie seinen Leib als grauenvoll.

Während des Wechselspiels von Preisen und Beschimpfen zeigt eine Video-Projektion über den Köpfen der handelnden Personen:  Das kleine Mädchen wandert in  weißem Ballettröckchen durchs Bild. Die Szenen im Film wechseln und kommentieren die Bühnenhandlung. Mit Salomes Ausruf: „Dein Leib ist grauenvoll. Er ist wie der Leib eines Aussätzigen…” ritzt sich das Mädchen seine Arme mit einer Schere.  Auf den Text „In dein Haar bin ich verliebt” bürstet das Mädchen sein langes Haar. Als Salome Jochanaans Haar berühren will und er sie abermals zurückstößt, sehen wir zu ihren Worten „Dein Haar ist gräßlich!”, wie das Kind sein Haar mit einer Schere strähnenweise abschneidet.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold

Salome will den Mund des Propheten küssen. Ein sinnlicher Wunsch der jungen Frau, der auf den Zuschauer verstörend wirkt, zieht Salome doch einen riesigen Teddy an der Hand zu Jochanaan. Kindfrau, Lolita, alle möglichen Assoziationen kommen in den Sinn. Narraboth kann all das nicht mehr ertragen; er erschießt sich, als Salome stetig wiederholt „Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan. Lass mich deinen Mund küssen!” zu diesen Worten legt Salome ihren Kopf in seinen Schoß, als er sich unter ihr hervor windet, klammert sie sich an sein Bein. Mit den Worten „Du bist verflucht, Salome, Du bist verflucht!” lässt er sich in sein Gefängnis zurückbringen.

Salome wütet in dem Kontor wie ein trotziges Kind, stößt Möbel um, reißt Kartons aus den Regalen. Mitten in diesen Wutausbruch hinein treffen Herodes, Herodias und die Gäste ein. Herodes trägt ein Diner-Jackett, Herodias ein elegantes Abendkleid, man ist bester Laune. Die Gäste tragen lustige kleine Partyhütchen, der aufmerksame Zuschauer erkennt die Geburtstagsgesellschaft aus der ersten Video-Einspielung. Diener bringen transparente Stühle herbei, eine Tafel wird mit einer Geburtstagtorte und allerlei Leckereien gedeckt.

Niemand scheint das Chaos im Raum zu bemerken. Weil es so im Libretto steht, stolpert Herodes über die Leiche des Narraboth bzw. gleitet in dessen Blut aus. In Blut zu treten, gilt als böses Zeichen, also muss der Tote schnell weg. Der Schrecken ist jedoch rasch vergessen und Herodes fordert Salome auf, sie solle mit ihm Wein trinken. Salome zischt ihn an: „Ich bin nicht durstig, Tetrarch.”  Herodes:Bringt Früchte, Salome, komm iss mit mir.” Mit den Worten „Ich bin nicht hungrig, Tetrarch”  weist sie ihn erneut zurück.

Schließlich provoziert er noch seine Frau Herodias, indem er Salome auffordert „Salome, komm setz dich zu mir… du sollst auf dem Thron deiner Mutter sitzen.” Salome bleibt unnachgiebig: „Ich bin nicht müde, Tetrarch.” Herodias weist ihn mit den Worten zurecht, mit denen zuvor der Page Narraboth ermahnt hat: „Du sollst sie nicht so ansehen… Warum starrst du sie immer an?” Während die Gesellschaft ausgelassen feiert, stößt Jochanaan weiter apokalyptische Prophezeiungen aus.

Nun kommt die Stimme des Propheten aus dem Rang rechts oben, dann von hinten links, die Prophezeiungen werden konkreter, der Streit zwischen Juden und Nazarenern steigert sich und in dieses Durcheinander hinein erklingt die Aufforderung des Herodes Tanz für mich, Salome!” Salome will nicht tanzen, auch Herodias ereifert sich immer mehr: „Ich will nicht haben, dass sie tanzt!”

Herodes versucht seinen Wunsch zu unterstreichen, indem er Salome ein großes Geschenk anbietet. Sie wittert ihre Chance, alles zu fordern, was sie will, vergewissert sich aber noch und lässt ihn einen Eid schwören. „Bei meinem Leben, bei meiner Krone, bei meinen Göttern. O Salome, Salome, tanz für mich!” Die Bitten ihrer Mutter, nicht zu tanzen, ignorierend, willigt Salome schließlich ein. Das Licht wird gedimmt, Salome nimmt das Tutu und verhüllt ihr Gesicht mit einer weißen Maske, alle Gäste setzten sich farbige Perücken auf, was die Szene immer grotesker erscheinen lässt, und Salome beginnt zu tanzen.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold

In ihrem nun folgenden Tanz vollzieht Salome eine Art Pantomime. Sie wehrt etwas ab, was der Zuschauer nicht sieht, fällt aufs Bett, scheinbar von bösen Träumen geschüttelt, deutet ein Aufschneiden der Pulsadern an, legt schließlich Tutu und Maske ab, macht das Licht wieder an. Zu den nun folgenden rauschhaften Walzerklängen fordert sie die Gäste zum Tanz auf; alle tanzen, bis Herodes  Salomes Handgelenk beendet, indem er sie roh am Handgelenk packt und hinter die Tafel zerrt. Was dort geschieht mag sich der Zuschauer ausmalen. Als Herodes mit den Worten “Ah! Herrlich! Wundervoll, wundervoll!” wieder erscheint, bezieht sich dies nicht nur auf den Tanz der Salome. Zerraufte Haare und derangierte Kleider der Salome deuten anderes an.

Salome fordert mit versteinerter Miene ihren Lohn; in einer Silberschüssel fordert sie den Kopf des Jochanaan. Die Regieanweisungen an dieser Stelle sind „Süß, lächelnd”. Die Prinzessin, die gewohnt ist, stets zu bekommen, was sie will, bleibt unnachgiebig, als Herodes ihr das verweigern will, was sie begehrt, hat er doch damit nicht gerechnet. Salome wiederholt ihre Forderung: „Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel.” und erinnert Herodes:Du hast einen Eid geschworen, Herodes. Du hast einen Eid geschworen, vergiss das nicht.“

Herodes bietet ihr alle Schätze seines Königreiches, Salome jedoch bleibt unerbittlich. Sie wiederholt ihre Forderung, dreimal, viermal, alle seine Angebote ignorierend. Als er immer noch nicht darauf eingeht, unterstreicht sie ihren Wunsch, indem sie zunächst mit der Pistole, mit der schon Narraboth seinem Leben ein Ende bereitet hat, auf Herodes zielt, ihn in die Knie zwingt und ihm schließlich die Pistole an den Kopf hält. Ihre Forderung erklingt zum fünften und sechsten Mal: „Den Kopf des Jochanaan. Gib mir den Kopf des Jochanaan.” Inzwischen reicht es auch Herodias und sie unterstützt Salome in ihrer Forderung.

Nach der siebenten und achten Wiederholung, Salomes Pistole an der Schläfe, in Todesangst, willigt Herodes verzweifelt ein: „Man soll ihr geben, was sie verlangt! Sie ist in Wahrheit ihrer Mutter Kind!” Daraufhin zieht Herodias dem Tetrarchen den Todesring vom Finger und übergibt ihn dem Soldaten, der ihn dem Henker überbringt. Als Herodes dieses bemerkt, ist er sicher, dass Unheil geschehen wird.

Salome lauscht an der Tür zum Gefängnis, es ist jedoch kein Laut zu vernehmen. Schließlich bemerkt Salome, dass der Henker sein Schwert hat fallen lassen. Sie befindet sich in einem wahren Blutrausch und schickt den Pagen hinterher mit den Worten „Es sind noch nicht genug Tote!”

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan_ gefesselt © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan_ gefesselt © Martin Kaufhold

Hier bricht die Regie mit dem Libretto: Der Henker bringt nicht das Haupt des Jochanaan, wie man es aus zahlreichen Inszenierungen kennt, sondern der Prophet wird noch einmal lebend heraufgeführt. Gefesselt und mit verbundenen Augen steht Jochanaan vor Salome, die ihm vorhält „Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen, Jochanaan! Wohl, ich werde ihn jetzt küssen!“ In dem folgenden Monolog tobt sich Salome noch einmal aus. Es ist nicht nur die Rache gegen Jochanaan, die sich hier entlädt, sondern auch ihr Hass auf Herodes den sie hier noch einmal richtig demütigen kann und dem sie alles heimzahlen kann, was er an ihr begangen hat.

Sie preist ihn ein letztes Mal. Dann löst sie ihr Haar und während Jochanaan aufsteht und mit der Wache abgeht, stellt sie die zentrale Frage in den Raum: „Warum hast du mich nicht angesehen, Jochanaan? Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt! Ich weiß wohl, du hättest mich geliebt. Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes…”

Herodes zischt seiner Frau zu „Sie ist ein Ungeheuer, deine Tochter!”  und, in diesem Moment bringt die Wache den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan und legt ihn vor Salome auf den Boden. Salome nimmt den Kopf auf und ist nun damit endlich am Ziel ihrer Begierden angelangt. Zu den Worten: „Ah! Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Ah! Ich habe ihn geküsst, deinen Mund, es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. (…) Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke… allein, was tut’s? Was tut’s? (…) Ich habe ihn geküsst, deinen Mund” , bedeckt sie seinen Mund mit Küssen.

Sie legt den Kopf wieder ab. Die Bühne fährt zurück, Salome bleibt allein auf der Vorderbühne zurück; vor ihr das Haupt des Jochanaan. Aus dem Hintergrund ertönt der Ruf des Herodes “Man töte dieses Weib!”, das Licht wird abgeblendet.   ENDE.

Was fasziniert uns so an Salome? – Wirkung und Rezeption

Salome ist seit jeher als Kunstfigur in unserer Gesellschaft verankert. Es hat sie gegeben, diese Tochter der Herodias; in der Bibel bleibt sie jedoch namenlos. Die Tochter verlangt den Kopf Johannes des Täufers als Preis für ihren Tanz um ihrer Mutter Willen, weil die verbotene Ehe zwischen Herodias und Herodes angeprangert wird.

Seit dem 6. Jahrhundert ist der „Kopf des Täufers“ auch Gegenstand der bildenden Kunst, oft in Verbindung mit Salomes Tanz. Ab dem 16. Jahrhundert wird vor allem  Salome allein mit dem Kopf des Propheten dargestellt. Salome vereint in sich die schöne, begehrenswerte Frau und die Wahnsinnige, die den abgeschlagenen Kopf in Händen hält. Später, im 19. Jahrhundert, liegt der Fokus auf Salomes Sinnlichkeit und Verführungskunst. 1877 widmete Jules Massenet dem Thema mit „Hérodiade” eine Oper. Richard Strauss´ Oper von 1905 ist nach dem Drama Salome von Oscar Wilde entstanden. 1908 hat sich noch Antoine Mariotte mit seiner Oper Salomé  an dem Stoff versucht. Durchgesetzt hat sich jedoch die Salome von Richard Strauss, nicht zuletzt wegen ihrer rauschhaften energischen Musik.

Die Komposition

Strauss selbst hat erkannt, Wildes Stück „schreie nach Musik”. Mit Salome durchbricht er zum ersten (und einzigen) Mal die Grenzen der bürgerlichen Repräsentation. Unverhüllte Erotik, die schamlose Darstellung der lüsternen Gefühle des Herodes machen diesen Stoff zu etwas Besonderem.

Strauss schafft mit seiner Harmonik und Instrumentierung eine besondere Klangwelt, die so bisher nicht vorstellbar war. Das Tonmalerische wächst über sich hinaus. Strauss hat Wildes Drama Wort für Wort durchkomponiert und verfolgt damit konsequent die von Richard Wagner entwickelte Technik des Leitmotivs. Klangfarbe in Verbindung mit den rhythmischen Elementen ist die Grundlage dieser expressionistischen Partitur. Der Komponist beherrscht die Mächte des Guten, Erlösenden und Versöhnlichen ebenso wie die des Grausens und Entsetzens, die Angst und das Bangen, all die dunklen seelischen Gewalten. Er geht auch in der Harmonie ungewöhnliche und teils „regelwidrige” Wege, entschließt sich jedoch nie ganz zur Atonalität. Lediglich im Streit der Juden mit den Nazarenern geht er in den Bereich der Bitonalität hinein.

Auch der Aufbau der Komposition ist ungewöhnlich: Ohne Vorspiel wird der Hörer direkt in die Szene geworfen mit dem Ausruf des Narraboth „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!” So führt gleich die erste Szene in den Fokus des Geschehens und der Zuschauer oder Zuhörer ist von den ersten Takten an gebannt. Eine Spannung, die sich erst in den letzten Tönen der Partitur löst.

Bei Strauss’ Musik handelt es sich nicht nur um einen hohen Schwierigkeitsgrad, sondern um eine ebenso raffinierte musikalisch-dramaturgische Struktur. Salome ist seine bis dahin fortschrittlichste Komposition. Er schreibt extrem chromatisch und legt entfernte Tonarten übereinander, ohne jedoch die Regeln der Tonalität zu missachten. Durch dieses Mittel der  Bitonalität treibt er die Personencharakteristik auf die Spitze. Ganztonskalen verleihen der Oper ein gewisses orientalisches Kolorit. Im „Tanz der sieben Schleier” unterstreicht er diese fernöstliche Atmosphäre noch zusätzlich durch den Einsatz von Xylophon, Kastagnetten, Tamtam und Tamburin.

Leitmotive und ihre Wirkung

Salome ist wie Richard Wagners Werke durchkomponiert und mit Leitmotiven versehen. Jeder Charakter wird durch verschiedene Tonfiguren beschrieben. Salomes Hauptmotiv ist durch eine verminderte Terz und parallel einsetzende Geigen-Tremoli gekennzeichnet und wird von einem 32stel-Lauf eingeleitet. In der zweiten Szene wird das Motiv erweitert. Auch Hauptmann Narraboth erhält sein eigenes Motiv, welches in den Celli erklingt. Die Aneinanderreihung von zwei großen Sexten bildet eine Undezime, wodurch sich sein großes unerfülltes Verlangen nach Salome ausdrückt.

Den Prophet Jochanaan hingegen bekommt lange fließende Melodien und bliebt dabei überwiegend im tonalen Bereich. Die Tonarten sind C-Dur, As-Dur, es-Moll. Salomes Figuren sind von kurzen Motiven mit großer Chromatik und Atonalität gekennzeichnet. Sie hat kurze Notenwerte und ihre Tonarten bewegen sich zwischen cis-Moll und A-Dur, während der Prophet im Hintergrund in Es-Dur bleibt. A und Es bilden einen Tritonus, eine übermäßige Quarte oder verminderte Quinte, ein Intervall, das als dissonant empfunden wird und traditionell für Unheil steht. Jochanaan hebt sich durch seine Melodieführung sowohl von Salome als auch von allen anderen Hauptrollen ab. Das sogenannte Prophezeiungsmotiv durchzieht alle seine Auftritte und unterstreicht seine Beschwörungen auch aus dem Hintergrund. Als Salome den Propheten zum ersten Mal gehört hat, passt Strauss ihre Tonart der des Jochanaan an und betont damit ihr Interesse am Propheten. Als sie Narraboth benutzt, vermischen sich ihre beiden Leitmotive im Orchester. Bei Jochanaans Auftritt in der dritten Szene verwendet Strauss Oboen, Englischhorn und Heckelphon und das Motiv besteht aus fallenden Quarten. Die langen Notenwerte und klaren Bewegungen werden durch Salomes Begehren mit 32stel-Auftakten und dem schon bekannten Tritonus kontrastiert. Ihr Instrument ist hier die Klarinette, oft auch die Flöte.

Das Leitmotiv zu „Ich will deinen Mund küssen” wiederholt sich immer wieder, molto appassionato nähert sich Salome Jochanaans Tonarten an, während dieser in ihrer Tonart cis-Moll endet. Im Schleiertanz wird das Motiv des Begehrens mit dem „Ich will den Kopf”-Melodie in verkürzter Form verbunden. Jochanaans Quart-Motiv wird ebenfalls bei Salome verkleinert, jedoch verzichtet der Komponist auf eine Wiedergabe des Herodes-Motivs. Salome ist gedanklich nur mit Jochanaan beschäftigt. Die chromatischen Verzierungen im Tanz-Motiv sind charakteristisch für die einleitende Oboen-Melodie. Im großen Schlussmonolog besingt Salome den Kopf des getöteten Propheten. Ihr anfängliches cis-Moll wandelt sich hier in Cis-Dur, als sie seine Schönheit preist. Man könnte eine positive Wendung vermuten.

Besonders hervorgehoben wird ihr Satz „Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.” Strauss verwendet hier alle 12 Halbtöne der Skala. Dabei fällt „Liebe” auf einen hohen und „Todes” auf den tiefsten Ton von Salomes gesamter Partie. Als sie den Kopf des Propheten küsst, erklingt im Orchester ein extrem dissonanter Zusammenklang aus ais, c, disis, eis, fis und a, welcher Liebe und Grausamkeit zugleich widerspiegelt.

Musikalische Interpretation

Es lässt sich denken, dass diese Partitur von Richard Strauss besondere Anforderungen an das Orchester wie an die Solisten stellt. Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Tomás Netopil interpretieren diese anspruchsvolle Aufgabe sicher und mit großer Verve. Der geräumige Orchestergraben des Aalto-Theaters erlaubt eine großzügige Streicherbesetzung (14-12-10-8-6), wobei Strauss eine 16er-Besetzung vorgesehen hatte, und vierfaches Holz. Besonders hervorzuheben sind hier die Klarinetten und die Soloflöte sowie die hervorragende Horngruppe. Die Dynamik ist stets so, dass alle Solisten gut über das Orchester kommen, was in anderen Aufführungen an anderen Häusern in dieser Spielzeit nicht immer der Fall war (vgl. hier link: Die Rezension der Salome der Deutschen Oper Berlin).

Netopil ist stets aufmerksam an den Sängern und nimmt, falls notwendig, das Orchester behutsam zurück, ohne dadurch an Dramatik oder Expression zu verlieren. Hauptgrund, diese Inszenierung der Salome zu besuchen, war für die Rezensentin die Besetzung der Salome mit der niederländischen Sopranistin Annemarie Kremer, die bereits in Hannover in der Titelrolle begeistert und überzeugt hat. Kremer passt sich unterschiedlichen Inszenierungen an, behält jedoch stets eine eigene sehr starke Färbung der Rolle, die neben ihren stimmlichen auch ihre großen darstellerischen Fähigkeiten unterstreicht.

In der Inszenierung von Mariame Clément entwickelt sie sich vom genervten verwöhnten Töchterchen zur femme fatale und schließlich zum berechnenden eiskalten Racheengel. Ihr Ausdruck an Stellen wie „Gib mir den Kopf des Jochanaan!” lässt den Zuhörer den Atem anhalten und die Temperatur im Raum gefühlt um drei Grad absinken.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold

Annemarie Kremer ist so in der Rolle und ihr dramatischer Sopran passt so gut zu Strauss’ Musik, dass es eine große Freude ist, sich von ihr in diese schwelgende rauschhafte Klangwelt entführen zu lassen. So wundert es nicht, dass Annemarie Kremer seit ihrem Salome-Debüt an der Wiener Staatsoper 2011 mit dieser Rolle an verschiedenen Theatern weltweit Erfolge feiert, u.a. in Sao Paulo, Moskau, Hong Kong und Neapel. Ihre Stimme ist leuchtend und von großer Strahlkraft in der Höhe, aber auch voll und mezzohafte warm bis hin zu den tiefen Tönen. Zusammen mit ihrem intensiven Spiel begeisterte sie in der letzten Vorstellung der Spielzeit noch einmal das Publikum.

In der Rolle ihrer Mutter Herodias besticht Marie-Helen Joel. Die in Aachen geborene Mezzosopranistin wechselte 2009 aus Bonn ans Aalto-Theater. Mit silbergrauer Frisur im Stile Marilyn Monroes und altrosa Abendkleid überzeugte sie schon optisch würdevoll als Königin. Ihr gut geführter Mezzo und ihre hohe Textverständlichkeit führten den Fokus immer wieder zu ihr, auch wenn sie von der Regie manchmal etwas fremdartig am Rand platziert wirkte.

Herodes wurde verkörpert von Jeffrey Dowd. Der in New York geborene Tenor ist seit 1994 Ensemblemitglied am Aalto-Theater und war dort bereits in großen Wagner- und Strausspartien zu erleben, u.a. als Parsifal, Lohengrin, Stolzing und Kaiser in Frau ohne Schatten. Mit großer Spielfreude verlieh er dem lüsternen Tetrarchen bisweilen komische Züge ohne jedoch lächerlich zu wirken.

Heiko Trinsinger gab den Jochanaan. Der Bariton wurde in Dresden geboren und war dort von 1979 bis 1987 Mitglied des Dresdner Kreuzchores. Nach Engagements in Hamburg, München, Bonn, Kassel, Wiesbaden, an der Wiener Volksoper u.v.m. ist er seit 1999 Ensemblemitglied des Aalto-Theaters, wo er in zahlreichen großen Rollen seines Fachs zu erleben war. Trinsinger verkörpert glaubhaft den Propheten, der die Prinzessin in ihrem unerhörten Ansinnen immer und immer wieder zurückweist. Seine Stimme erklingt aus dem Gefängnis in der Unterbühne oder aus den Rängen durchdringend und mahnend mit vollem warmem Bariton.

Auch die Nebenrollen sind durchweg gut besetzt. So wird diese Salome zu einem insgesamt äußerst erfreulichen Opernerlebnis, welches das begeisterte Publikum mit anhaltendem Beifall und stehenden Ovationen honoriert.

Salome am Aalto – Theater, Essen: weitere Vorstellungen 19.1.; 27.1.; 10.3.2019

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