Erfurt, Theater Erfurt, Der Schauspieldirektor – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 25.10.2020

Oktober 24, 2020  
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Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Der Schauspieldirektor – Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart

„Der Schauspieldirektor“ in Erfurt kommt vom Bauhaus in Weimar

von Hanns Butterhof

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

In Corona-Zeiten mit hygienebedingt kurzer Aufführungsdauer schlägt die Stunde für kleinere, sonst eher selten auf der Bühne erlebbarer Stücke. Der Schauspieldirektor, das einaktige Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart von 1786 gehört unbedingt in diese Kategorie. Musikalisch bis auf die Ouvertüre wenig ergiebig, mit nur vier Gesangsnummern von insgesamt zwanzig Minuten und einem von Gottlob Stephanie d.J. erstellten, heute bestenfalls noch museal verwendbaren Text gilt Der Schauspieldirektor als minderes Werk Mozarts und nicht unbedingt als ein Publikumsmagnet. Dass dem nicht notwendig so sein muss, zeigt die glänzende Aufführung am Theater Erfurt. Die Spielfassung durch Regisseur Cristiano Fioravanti und Dramaturgin Larissa Wieczorek spannt zwanglos Corona, Regietheater, die prekäre Lage der Schauspieler sowie Kritik an der Moderne witzig zusammen und hat allen Beifall verdient, den das Premierenpublikum langanhaltend spendete.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt
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Aus dem Einakter ist in Erfurt wie auch schon anderswo ein zweiaktiges Werk geworden. Sein erster Teil besteht aus der Probe zu Der Schauspieldirektor, der dann im zweiten Teil zur Aufführung kommt. Für den Musikanteil des ersten Aktes, für den das Orchester mit Myron Michailidis am Pult den hinteren Bühnenraum einnimmt, werden andere Opernwerke Mozarts bemüht. Düster und überraschend erklingt als Ouvertüre eine Partie aus Don Giovanni, die erste Arie des Baritons (Juri Batukov) ist aus Figaros Hochzeit, wobei er beim „Fünfe, zehne, zwanzig“ -Zählen mit ausgestreckten Armen und ausgeklappten Metermaß-Stäben urkomisch die amtlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstände demonstriert. Wenn die Soprane (Leonor Amaral und Daniela Gerstenmeyer) Arien aus Così fan tutte und La finta semplice, der Tenor (Brett Sprague) aus Mitridate singen, ruft das schon keine Verwunderung mehr hervor.

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht der titelgebende Schauspieldirektor Frank (Stefan Wey). Wenn er zur Ouvertüre wie ein vom Storch gebrachtes Neugeborenes ganz in Weiß (Ausstattung: Anja Wandt) aus einem großen Wickeltuch steigt, ist von ihm absolut Neues, vielleicht auch etwas an der Grenze zum Unbedarften zu erwarten.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier - Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier – Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Für die Probe räumt die – von der Regie dazuerfundene – Regie-Assistentin Cristina (Bettina Brezinski) zwei gestufte Podest-Gerüste für die Sänger auf die Bühne. Der nun in die existenzialistisch-schwarze Lieblingsuniform des Theaterschaffenden gekleidete Regisseur Frank führt sich am Regiepult davor als mieser Regie-Despot auf. Er versucht dem Ensemble seine Idee vom Theater als Raum-Bewegungs-Musik-und-Licht-Gesamtkunstwerk nahezubringen. Klingt gut, ist allerdings so leer und abstrakt, dass ihn keiner versteht. Vielmehr setzen die Sänger seine Anweisungen umwerfend komisch in puren Unfug um, woraufhin er sie übel als faul und unfähig beschimpft. Schließlich entlässt er rüde die überforderte Cristina, die auch nicht weiß, was seine Ideen meinen oder gar, wie sie dem Ensemble zu vermitteln wären. Dem folgt eine deutlich utopisch-zukunftsweisende Aktion: Alle solidarisieren sich mit der gefeuerten Cristina und brechen die Probe, vielleicht auch die Zusammenarbeit mit Frank ab; er taucht nicht wieder auf.

Die Probe erweist sich als Kritik des real existierenden Theaterbetriebs mit cholerischen Regisseuren, prekären Arbeitsverhältnissen und dadurch angestacheltem Konkurrenzdruck der Künstler. Die eine Sopranistin (Daniela Gerstenmeyer) buhlt mit Anpassung an den Regisseur, die andere (Leonor Amaral) kämpft mit Verve um ihr Engagement; das Terzett „Ich bin die erste Sängerin“, in dem sich die beiden in Stellung bringen, ist psychologisch und mit seiner überschäumenden Flut von Koloraturen das Glanzstück der Aufführung.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Der zweite Teil spielt nach fünf Wochen. Überraschend erklingt jetzt das Original der Ouvertüre zu Der Schauspieldirektor, der dann noch die dazugehörigen Gesangsnummern folgen. Erstaunlicher ist aber, dass Frank sein Regiekonzept anscheinend doch durchgesetzt hat. Die beiden abstrakten Bühnenpodeste der Probe sind jetzt weiße Kuben, und das Gesangsensemble ist kostümiert. In den bonbonbunten, geometrischen Figuren wie Kreis, Quadrat oder Dreieck entlehnten Kostümen singen und bewegen sich alle mechanisch wie Spielzeug-Blechfiguren auf geraden Linien oder in rechten Winkeln nach dem Muster des 1928 uraufgeführten Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer. Das moderne Neue, das Franks Auftritt versprach, erweist sich als Entseelung und Mechanisierung und findet im Umgang des Regisseurs mit seinen Schauspielern die genaue Entsprechung. Der Schauspieldirektor Frank kommt deutlich vom Bauhaus in Weimar.

Alles passt sauber zusammen als Kritik an einer das Menschliche hintansetzenden Moderne, auf die Corona ein grelles Schlaglicht wirft. Das ist von Cristiano Fioravanti ohne erhobenen Zeigefinger rein sinnlich erlebbar inszeniert, vom Ensemble überzeugend gespielt und gesungen und vom Philharmonischen Orchester Erfurt unter Myron Michailidis in einen gefälligen Mozart -Ton eingebettet. Dieser Schauspieldirektor ist mit seinen siebzig Minuten Spieldauer, in deutscher und italienischer Sprache mit Übertitelung, umfassend sehens- und hörenswert und wurde vom Premierenpublikum ausgiebig und mit Bravos gefeiert.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt; die weiteren Vorstellungen 24.10.; 20.11.; 13.12.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Erfurt |—

Erfurt, Theater Erfurt, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 12.02.2020

Februar 11, 2020  
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Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Lohengrin – Richard Wagner

Heilsbringer für einen Tag enttäuscht – Bühnenbild beeindruckt in Wagners romantischer Oper

von Hanns Butterhof

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Am Theater Erfurt hat Regisseur Hans-Joachim Frey Richard Wagners 1850 uraufgeführte romantische Oper Lohengrin in eine unbestimmte Zukunft verlegt. Diese sieht in dem eindrucksvollen Bühnenbild Hartmut Schörghofers unserer Gegenwart noch ziemlich ähnlich, und auch die mittelalterliche Lohengrin-Handlung ist unserer Zeit nicht ganz fremd. Das pessimistische Regie-Konzept läuft darauf hinaus, dass auch die Zukunft nicht besser wird, als die Vergangenheit war, und wir Gegenwärtigen keine großen Hoffnungen auf irgendwelche Heilsbringer setzen und Veränderung durch sie erwarten sollten. Mit Paukenschlägen und viel Blech verleiht Myron Michailidis am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt dieser Botschaft Nachdruck.

Lohengrin – Richard Wagner
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Zum matten Silberglanz der Streicher ist zur Ouvertüre eine von der Regie erdachte Vorgeschichte des Lohengrin zu sehen. Hinter einem blauen Gazevorhang spielt sich ein Traum der Elsa von Brabant ab, in dem Graf Telramund und seine Frau Ortrud ihr Gottfried entwenden, den kleinen Bruder und Erben des Herzog-Throns; tröstend aber erscheint Lohengrin und segnet sie beruhigend. Es irritiert schon etwas, dass Telramund hier als an der Tat beteiligt gezeigt wird, stempelt ihn dies doch für seinen ganzen restlichen Auftritt grundlos zum Lügner.

Dann öffnet sich zum Auftritt König Heinrichs (Kakhaber Shavidze) die dreiteilige spektakuläre Bühne. Vorn erstreckt sich als schmale Spielfläche ein Platz mit laserblau blühenden Bäumen. Nach hinten wird er durch zwei gegeneinander verschobene hohe Wände abgetrennt, auf deren schrägen Seiten Auf- und Abgänge möglich sind. In der Tiefe des Raums wird in Video-Endlosschleife eine Megacity sichtbar, deren mehrfach übereinander geführte Autobahnen so voll sind wie die unsrigen und durch deren Hochhausschluchten in eleganten Schwüngen glänzende Raumgleiter flitzen. Getoppt wird dieses Bild noch bei der Ankunft Lohengrins (Uwe Sickert). Langsam und bedrohlich senkt sich ein riesiges Raumschiff über den Platz (Projektion: Marc Löhrer), auf einem blaue Blitze schießenden Fallreep steigt beeindruckend der silbergewandete Held herab. Dass sich sein Raumschiff auf Lohengrins „Leb wohl, mein lieber Schwan“ nicht folgsam entfernt, sondern noch tief in den zweiten Akt hinein über der Szene schwebt, irritiert auch etwas.

Theater Erfurt / Lohengrin - hier : die Ankunft Lohengrins © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Lohengrin – hier : die Ankunft Lohengrins © Lutz Edelhoff

Lohengrin kommt gerade recht, um Elsa (Margrethe Fredheim) gegen die Anklage Telramunds zu verteidigen, sie habe ihren Bruder getötet, um danach als Erbin des Herzog-Throns ihn, den untergebenen Lehnsmann, als Bewerber zugunsten eines noch unbekannten Liebhabers zurückweisen zu können. Bei allem technischen Fortschritt scheint die Bevölkerung – oder sind es nur die herrschenden politischen Figuren? – noch recht mittelalterlich zu denken. So schlägt Telramund als Test für die Wahrheit seiner Anklage ein von allen akzeptiertes Gottesgericht vor, das als Kampf merkwürdigerweise auf den Särgen früherer Herzöge stattfindet. Als Lohengrin dann in einem Schwertkampf siegt, dessen Raffinesse einzig darin besteht, dass er mit Laserschwertern ausgetragen wird, glaubt Telramund sich in Übereinstimmung mit allen tatsächlich auch widerlegt.

Telramund und seine Frau Ortrud, beide in finsteres Schwarz gekleidet, sind die Einzigen in der Oper, mit denen sich die Regie eingehender befasst zu haben scheint. Der Telramund von Máté Sólyon-Nagy ist ein Würstchen, ein Spielball in der Hand seiner Frau, die ihn buchstäblich nach vorn schubst. In ihren Augen sucht er Lob und Zustimmung und kuscht vor jeder Autorität, selbst vor der kräftigen Figur des rangniedrigeren Heerrufers (Siyabulela Ntlale). Es ist schwer vorstellbar, dass er „aller Tugend Preis“ sein soll oder dass er in wildem Kampf die Dänen besiegt hat. Wenn er in Wut und Enttäuschung über seine Niederlage und den Ehrverlust seinen Vorfahr aus dem Schneewittchen-Sarg zerrt und sich hineinlegt, ist er nur komisch. Doch ehrpusselig, wie er ist, ist er definitiv nicht an der Beseitigung Gottfrieds beteiligt, sondern hat seine Anklage ausschließlich auf die Behauptungen seiner Frau gebaut.

Theater Erfurt / Lohengrin - hier : Klare Machtverhältnisse bei Ortrud und Telramund (Anne Derouard und Máté Sólyon-Nagy © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Lohengrin – hier : Klare Machtverhältnisse bei Ortrud und Telramund (Anne Derouard und Máté Sólyon-Nagy © Lutz Edelhoff

Ortrud (Anne Derouard) ist da von anderem Schlag. Sie brennt als Nachfahre des alten, vorchristlichen Herrscherstamms vor Ehrgeiz, mit ihrem Stammesgott Wotan und ihrem Werkzeug Telramund wieder als Herzogin zu Macht zu kommen. Anne Derouard in ihrem schwarzen Umhang ist wie ein böser großer Vogel in ihrer ungebrochen skrupellosen Zielstrebigkeit die überzeugendste Figur der Oper.

Dagegen haben es Margrethe Fredheim und Uwe Sickert schwer, Statur zu gewinnen. Zwischen beiden funkt es nicht, sie kommen sich nicht nahe, zumal Lohengrin in seine unvorteilhafte Raumfahrer-Rüstung eingezwängt ist wie zur Hochzeitsnacht auch Elsa in steif-metallischer Rauschgoldengel-Pracht. Es ist, als arbeiteten sie mehr oder weniger mechanisch Elsas Traum ab, ohne ihm Leben einzuhauchen. So ist Lohengrins überzeugendste Szene sein Abschied; die Offenbarung seines Namens und seiner hohen Abstammung in der Gralserzählung bringt sogar den Verkehr in der Megacity zum Erliegen. Dass der Heilsbringer für einen Tag Elsa mit ins Raumschiff nimmt, irritiert auch ein wenig, herrscht in Montsalvat, dem Ziel der Rückreise, doch der Zölibat. Viel Irritierendes gibt es in der Inszenierung von Hans-Joachim Frey, und viel bloß Verwunderliches.

Dazu gehört die nahezu fehlende Personenführung bei viel unmotiviertem Herumstehen, Hinlegen und Wiederaufstehen der Brabanter auf der zu engen Spielfläche. Die Choristen sind weitestgehend einheitlich in mönchartige Kutten gekleidet und tragen wie die eigenartig vergitterten Choristinnen silberne, helmartige Perücken wie Playmobil-Figuren. Ihre Bewegungen sind meist mechanisch und ohne individuelle Motivation, die vier Mannen Telramunds agieren wie ferngesteuert. Wenn sie auch dem Bild heutiger Mandatsträger entsprechen, die ihren freien Willen an die jeweilige Autorität oder das Idol ausgelagert haben, von denen sie sich, und sei es nur einen Tag lang, Heil und Vorwärtskommen versprechen, so ist das nur wenig originell.

König Heinrich ist auch eher Mönch als König. Wenn er im Schneidersitz dem Geschehen beiwohnt und stoisch die Gebetskette durch die Finger gleiten lässt, vergisst man fast, dass er am Ort ist, um ein Heer für den Kampf gegen die Ungarn auszuheben. Dass er am Ende vor dem Knaben Gottfried niederkniet, der wie ein kleiner Klon Lohengrins aus dem Raumschiff steigt, irritiert.

Theater Erfurt / Lohengrin - hier : Elsa und Lohengrin kommen sich nicht nahe (Margrethe Fredheim, Uwe Sickert und Chor) © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Lohengrin – hier : Elsa und Lohengrin kommen sich nicht nahe (Margrethe Fredheim, Uwe Sickert und Chor) © Lutz Edelhoff

Die Regie ist insgesamt unausgegoren, bietet zu viel Ungenaues und zu wenig Richtung. Die Aussage, dass sich die Geschichte und ihr herrschendes Personal selbst bei höchstem technischen Fortschritt nicht ändern, trägt die Ausstattung fast ganz allein. Der Pessimismus der Regie-Idee berührt nicht, wenn sie nicht auf dem Hintergrund der Beziehung Elsas und Lohengrins als Schrecknis erlebt wird. Das ist in diesem Lohengrin definitiv nicht der Fall.

Gesanglich ist der von Andreas Ketelhut einstudierte Chor von starker Wucht, und Anne Derouard entspricht mit ihrem großen, dunklen Mezzo, den sie mit hoher Anstrengung zu Geltung bringen musste, voll ihrer Rolle. Auch Margrethe Fredheim hat mit ihrem klaren, strahlenden Sopran bei einigem Vibrato die passende Stimme für Elsa. Uwe Sickert führt seinen fast knabenhaft hellen Tenor gepflegt durch die anstrengende Partie, spart die Kraft für die Gralserzählung, kann aber seine Liebe nicht glaubhaft machen. Máté Sólyon-Nagy charakterisiert mit seinem hellen, beweglichen Bariton passend den Pantoffelhelden, zu dem ihn die Regie verdammt, und Kakhaber Shavidze als Heinrich und Siyabulela Ntlale als sein Heerrufer geben ihren Rollen die angemessene Bass-Tiefe.

Myron Michailidis am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt, verstärkt von der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach, verleiht der Botschaft der Regie Nachdruck, dass sich seit Lohengrins Zeiten nichts geändert hat und nichts sich ändern wird. Von kräftigen Trommelschlägen gestützt wird es immer laut, wo es um Gott geht, und die Blechbläser dröhnen bei jedem Anflug von Patriotismus, übertönen gelegentlich auch die Sänger. Bei manchmal recht hohem, dann wieder schleppendem Tempo kommt die unendlich fließende Melodie nicht zum Tragen, der Wagner-Sog bleibt aus.

In den Pausen zwischen den Akten wird einmal eine Briefstelle Adolf Hitlers einer Textpassage Björn Höckes, auf den Vorhang projiziert, gegenübergestellt, dann ein Zitat aus Heinrich Manns Roman Der Untertan. Wenn damit die Richtigkeit der Regie-Idee belegt werden soll, so ist es auch das Eingeständnis, ästhetisch die überzeugende Umsetzung dieser Idee mit dem Lohengrin nicht geleistet zu haben.

Das Premierenpublikum zollte nach vier langen Stunden dem Sänger-Ensemble, besonders Anne Derouard und Margrethe Fredheim, kräftigen Beifall. Auch der Chor und vor allem Myron Michailidis mit seinem Orchester wurden begeistert beklatscht, während das Regieteam einem heftigen Buh-Sturm ausgesetzt war.

Lohengrin am Theater Erfurt, die nächsten Termine: 26.2. und 14.3. um 18.00 Uhr, am 1.3. um 16.00 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Erfurt |—

Erfurt, Theater Erfurt, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 27.03.2018

März 29, 2018  
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Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

– Senta spinnt auf dem Rad –

Von Hanns Butterhof

Während der Ouvertüre zu Richard Wagners früher Oper Der fliegende Holländer von 1843 öffnet sich kurz der rote Bühnenvorhang. Er gibt den Blick auf eine Menschengruppe frei, die, während sich der tosende Sturm im Orchester gelegt hat und ruhig das Holländer-Thema erklingt, stumm auf die Projektion eines wild bewegten Meeres blickt. Erst der Schluss, der die gleiche Szene wiederholt, löst das Rätsel, worauf die Menge geschaut hat: auf Sentas Erlösungstat, eine überraschende Pointe der konsequenten Regie, die den Holländer als pathologischen Fall inszeniert.

Guy Montavon inszeniert Wagners Holländer als pathologischen Fall

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer - hier: die Menge schaut der verschwundenen Senta nach @ Lutz Edelhof

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer – hier: die Menge schaut der verschwundenen Senta nach @ Lutz Edelhof

Die Bilder, die der inszenierende Hausherr Guy Montavon und sein Ausstatter Hank Irwin Kittel auf die Bühne des Theaters Erfurt zaubern, sind von grandioser Wucht. Gespielt wird auf einer nach hinten durch Kittels eindrucksvolle Meeres- Videos abgeschlossenen, sonst fast hermetischen Einheitsbühne. Sie könnte das entkernte Innere eines Schiffes sein, in das nur eine schmale Eisenleiter hineinführt. Wände und Boden sind von Senta mit Worten wie Satan oder Erlösung bekritzelt, Stimmen schallen aus kleinen Luken, die sich gleich wieder schließen. Ob die Menschen, die sich außer Senta hier befinden, real oder nur vorgestellt sind, bleibt so offen wie die Realität des riesigen roten Schiffsrumpfs, der sich hier hineinschiebt und sich schließlich wie ein liebendes Lebewesen über die erwartungsfroh hingebreitete Senta schiebt.

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer - hier Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer – hier Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Senta ist in Wagners Holländer die zentrale, in Montavons Inszenierung die einzige Figur. Kelly God gibt sie mit reifem, bezaubernd variablen Sopran von schwärmerischer Versonnenheit bis zur schrillen Hysterie als eine der Realität ins pathologisch Versponnene ausweichende junge Frau. Alles Geschehen vollzieht sich in ihrer Fantasie, das Zusammentreffen ihres Vaters Daland (Kakhaber Shavidze) mit dem Holländer (Todd Thomas), deren Ankunft und Werbung um sie. Ihrem reinen Wahn entspringen auch die Spinnerinnen und das Fest, das sie mit den heimgekehrten Matrosen feiern.

Die Regie mutet ihr allerlei zu, um ihre ständige Anwesenheit auf der Bühne zu rechtfertigen. Oft muss sie in einem alten Folianten die Geschichte des Fliegenden Holländers lesen und das Buch innig an ihr Herz drücken. Lang auch muss sie sehnsüchtig auf das Meer schauen oder kindlich-naiv mit einem Ball spielen. Beim Lied des Steuermanns fällt sie in Schlaf, zu dem der Spinnerinnen kurvt sie auf einem Rad herum. Die anderen Figuren, alle nur Wahnbilder Sentas, bleiben zumeist im Schatten, weitgehend auch gesichtslos wie der kräftige, von Andreas Ketelhut einstudierte Chor. Selbst Daland, dem Kakhaber Shavidze eine kräftige Bass-Kontur gibt, sein Steuermann Richard Carlucci mit berührender Südwind-Sehnsucht sowie die mahnende Amme Mary (Katja Bildt) treten nicht ins Licht.Ausnahmen sind der Holländer, den Todd Thomas stimmlich beeindruckend, aber im Ausdruck wenig differenziert zeichnet, und der Jäger Erik. Eduard Martynyuk gibt ihn mit ausdrucksstarkem Tenor als fordernden, schließlich resignierenden Bewerber um Sentas Hand.

Die Regie Guy Montavons lässt keinen Zweifel, dass er die Holländer-Phantasien Sentas für pathologisch hält. Legt er so die in sich konsequente, allerdings nicht ohne szenische Mühen durchgeführte Interpretation des „Holländers“ fest, so lässt er dem Publikum doch die Frage offen, was es mit Sentas Weltflucht auf sich hat. Ist es die dringliche Forderung Eriks, die ihre Furcht vor den ehelichen Pflichten und ihre Verweigerung hervorruft? Auch die gleichmachende Gesichtslosigkeit der Männer, die Ununterscheidbarkeit der Matrosen Dalands und der toten Seeleute des Geisterschiffs spricht für die Abwehr aller Männlichkeit. Ihre Erlösungsphantasie, auf den Holländer projiziert, ist auch ein Schrei nach einer bedeutenderen Frauenrolle, als es die der fleißigen, die Heimkunft ihrer Männer und deren Mitbringsel erwartenden Spinnerinnen ist. Gegen deren trauriges Los mag das Radfahren als Geste der Selbständigkeit gerichtet sein, auf dem Rad spinnt sie dagegen an. Am Ende, und das ist ein schöner Regie-Clou, erlöst sie nur sich selber von ihren Ängsten.

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer - hier Todd Thomas als Holländer, Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer – hier Todd Thomas als Holländer, Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Allerdings hat das Regiekonzept auch seinen Preis. So rationalistisch es ist, so quer steht es zu Wagners Intention und der Erwartung des Publikums. Kelly God berührt mit ihrer Stimme, Eduard Martynyuks Erik bewegt, da er aus Fleisch und Blut ist. Ansonsten wird dem Gefühl wenig geboten. Selbst bei den toten Seeleuten kommt kein Grauen auf, dem Holländer fehlt alles Unheimliche.

Zudem ordnet Dirigent Xu Zhong, Direktor des „Shanghai Grand Theatre“ und Wagner-Debütant, Wagner offenbar den stürmisch drängenden, rebellischen Jungdeutschen statt den Romantikern zu. Entsprechend kräftig ist sein Zugriff auf die Partitur, aufwühlend bei der Schilderung von dramatischen Meeres- und Seelenzuständen, aber nicht für alle Gemütslagen und Szenen angemessen; das Duett Sentas mit dem Holländer deckt er mit dem furios aufspielenden Philharmonischen Orchester zu.
Nach zweieinhalb Stunden spannender, optisch überwältigender Aufführung gab es langanhaltenden Beifall des Publikums für alle Beteiligten, der für Kelly God, Todd Thomas, den Chor und das Philharmonische Orchester Erfurt unter Xu Zhong besonders kräftig ausfiel.

Der fliegende Holländer am Theater Erfurt; die nächsten Termine: 8.4., 18.00 Uhr, 14.4., 9. und 11. 5.2018 um 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Erfurt |—

Erfurt, Theater Erfurt, Wagners Ring kompakt, 07.02.2013

Februar 7, 2013  
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Theater Erfurt

Wagners Ring kompakt

Der Ring des Nibelungen (an einem Abend)

 
von Richard Wagner
Die Tetralogie mit Sängern, Puppen und Kammerorchester
Instrumentation von Juri Lebedev, Koproduktion mit dem Theater Waidspeicher, Puppenbau: Udo Schneeweiß, Kathrin Sellin
 
Die bösartige Intrige am Hof der Burgunder, die im mittelhochdeutschen Nibelungenlied zum Tod des unschuldigen Helden führt, erregte Richard Wagners Theaterinstinkt, und er entwarf im Jahr 1848 das Drama Siegfrieds Tod. Bei der Ausarbeitung wuchs das Werk zu einem vierteiligen Opernzyklus. Die Handlung setzt mit dem Raub des Rheingolds durch Alberich ein und führt über die Begegnung der Geschwister Siegmund und Sieglinde, den Werdegang des jungen Siegfried und den Machtverlust Wotans bis zum finalen Weltenbrand.
 
Wagner konzipierte das Werk nicht als überlanges Märchen, mit seinem Rückgriff auf den Mythos wollte der ehemals steckbrieflich gesuchte Revolutionär eine Parabel gestalten, die einer zukünftigen Gesellschaft zur Grunderzählung taugt. Es ist das Gleichnishafte und Mythische dieses Stoffs, das dem Puppentheater besonders liegt. Eine märchenhafte Welt voller Zwerge, Drachen und wandelnder Götter nutzt die Stärken der Gattung, und das Spiel der Puppen vermag die Zeichenhaftigkeit zu vermitteln, die jede Figur als Hinweis auf größere Zusammenhänge begreift. In diesem Sinne ist die erneute Kooperation zwischen Theater Erfurt und Theater Waidspeicher ein Bekenntnis zu der erzählerischen Wucht, die das Hauptwerk Richard Wagners auch im Jahr seines 200. Geburtstages noch entfaltet.
Die reduzierte Fassung bietet – anders als bei den Aufführungen des gewaltigen, 16 Stunden dauernden Zyklus‘ – die Möglichkeit eines unverstellten Blicks auf den Ring, mit herausfordernden Einsichten für Kenner und einladender Prägnanz für Einsteiger.
 
Einen speziellen Blick hinter die Kulissen bietet der Blog ring-erfurt.com
 
Premiere Do, 7. Februar 2013, 19.30 Uhr, Studio, Weitere Aufführungen Di, 26.02. l Do, 21.03. l So, 21.04. l Di, 14.05.2013, Aufführungsdauer 3´15 h
 
Speziell für Schüler wird es den ersten Teil des Rings, Das Rheingold, als einstündige, in sich abgeschlossene Kurzversion der Inszenierung geben.
 
Aufführungen Di, 12.03. und Mi, 08.05.2013
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