Düsseldorf, Tonhalle Düsseldorf, Juan Diego Flórez – Belcanto Konzert, 07.04.2018

März 23, 2018  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Tonhalle Düsseldorf

     

Tonhalle Düsseldorf

Heinersdorff Konzerte

Heinersdorff Konzerte / Juan Diego Flórez © Gregor-Hohenberg / Sony Classical

Heinersdorff Konzerte / Juan Diego Flórez © Gregor-Hohenberg / Sony Classical

Belcanto im schönsten Wortsinn
Juan Diego Flórez Tenor

Samstag, 07. April 2018, 20 Uhr

 Gluck, Mozart, Donizetti, Massenet, Verdi

NDR Radiophilharmonie, Riccardo Minasi Leitung

Es scheint, als wäre der Begriff Belcanto extra erfunden worden, um seine Kunst zu beschreiben: Juan Diego Flórez übertrifft mit seinem kraftvollen Timbre und dem unverkennbaren Schmelz in der seelenvollen Tenorstimme alle Superlative des „schönen Gesangs“. Seit seinem überragenden Debüt als 23-Jähriger in der Mailänder Scala 1996 hat der peruanische Sängerestivals der Welt führt. Dass er dennoch niemals seine Herkunft als Sohn eines peruani eine Bilderbuchkarriere hingelegt, die ihn regelmäßig an die größten Opernhäuser und zu den renommiertesten Fschen Volkssängers vergisst und immer wieder gerne zur Gitarre greift, um sich selbst in schlichten Liedern und Canzonen zu begleiten, spricht für den sympathischen Superstar. Sein lang ersehntes Heinersdorff-Gastspiel steht ganz im Zeichen Mozarts und des italienischen Belcanto.

Karten: € 95,- / 85,- / 75,- / 60,- / 45,- zzgl. VVK-Gebühr
Vorverkauf: Opernshop, Tel. 0211 89 25 211, www.heinersdorff-konzerte.de

[Von Juan Diego Flórez wurden verschiedene Aufnahmen bei der Sony Classical veröffentlicht.]


Heinersdorff Konzerte / Juan Diego Flórez © Kristin Hoebermann

Heinersdorff Konzerte / Juan Diego Flórez © Kristin Hoebermann

Juan Diego Flórez: Die großen Theater der Welt sehen in Juan Diego Flórez den Belcanto-Tenor par excellence. Sein ausdrucksstarker, müheloser und virtuoser Gesang macht ihn zu einem idealen Interpreten für Opern von Gioachino Rossini, Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini. Publikum und Kritiker feiern einhellig die Vorstellungen, die er auf den bedeutendsten internationalen Opernbühnen und Konzertpodien gibt. Sein Operndebüt gab der peruanisch-österreichische Sänger im Jahr 1996 in Rossinis Matilde di Shabran beim Rossini-Opernfestival in Pesaro. Heute singt er an den wichtigsten Opernhäusern der Welt, gastiert regelmäßig beim Festival in Pesaro und gibt regelmäßig Konzerte.

Der peruanische Tenor Juan Diego Flórez ist dank seiner einzigartigen Stimme und seiner sensationellen Technik einer der Weltstars der Oper. Auf seiner aktuellen CD singt Flórez erstmals Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, einem weiteren Komponisten, dessen Werk ideal zu seinen Fähigkeiten passt. Mit 18 Jahren trat Flórez als Chorsänger in der Zauberflöte auf und fand so zur Oper. Seitdem hat er in zahlreichen Konzerten Mozart gesungen.

Die Einspielung entstand in Zürich mit dem herausragenden Orchester La Scintilla, den Alte Musik Spezialisten der Züricher Oper, unter Leitung von Mozart-Kenner Riccardo Minasi. Juan Diego Flórez wurde 1973 geboren und studierte Musik in seiner Heimatstadt Lima und am Curtis Institute in Philadelphia. 1996 gab er in Matilde di Shabran sein offizielles Debüt beim Rossini-Opernfestival in Pesaro, wo seine ausdrucksvolle Stimme und erstaunliche Agilität über Nacht für eine Sensation sorgten und ihn noch im selben Jahr, mit dreiundzwanzig Jahren, an die Scala führten. Seitdem tritt er regelmäßig unter den weltweit führenden Dirigenten auf den renommierten internationalen Opernbühnen auf. Als Belcanto-Tenor der Spitzenklasse hat sich Flórez vor allem in den führenden Tenorrollen von Rossini, Donizetti und Bellini sowie in Opern Verdis (Rigoletto und Falstaff), Puccinis (Gianni Schicchi), Glucks (Armide), Mozarts (Mitridate) und Nino Rotas (Il cappello di paglia di Firenze) einen Namen gemacht. 2007 brach er an der Scala mit einer 75 Jahre alten Tradition und sang eine Zugabe aus Donizettis Fille du régiment, die Arie ‚Ah! mes amis‘ mit neun hohen C; für eine ähnliche Sensation sorgte er 2008 mit der gleichen Meisterleistung an der New Yorker Metropolitan.

Er tritt auch als Solist und Konzertsänger in Werken wie Rossinis Stabat Mater auf. In den vergangenen Spielzeiten war er zu sehen und zu hören in: L’elisir d’amore an der WienerStaatsoper und der Met, Il barbiere di Siviglia in Lima, Le comte Ory an der Met,  I puritani in Tokio, Linda di Chamounix in Barcelona, Rigoletto in Zürich, Matilde di Shabran in Pesaro, Guillaume Tell in Lima und Pesaro, Les Pêcheurs de perles in Madrid, La donna del lago in Covent Garden, La Fille du régiment in Wien sowie in einem Konzert in Machu Picchu mit Gustavo Dudamel und dem Orquesta Sinfónica Simón Bolívar. Für 2014 sind geplant: La sonnambula in Barcelona, La Fille du régiment in Covent Garden, Roméo et Juliette in Lima, La Cenerentola an der Met, Il Barbiere di Siviglia in München, Le comte Ory an der Scala und La Favorite bei den Salzburger Festspielen sowie Konzerte in Marseille, Istanbul, Zürich, Genf, Madrid, Lüttich, Baden-Baden, Ludwigshafen, München und Wien.

Juan Diego Flórez hat als Decca-Exklusivkünstler seit 2001 zahlreiche Soloalben und Operngesamtaufnahmen auf CD und DVD veröffentlicht; viele davon haben Preise gewonnen, darunter den deutschen Echo und den Cannes Classical Award. Zu seinen neueren Einspielungen gehören Gesamtaufnahmen von Bellinis La sonnambula, mit Cecilia Bartoli auf CD und mit Natalie Dessay auf DVD, Glucks Orphée et Eurydice mit Ainhoa Garmendia, Bel  Canto spectacular – 2010 in der Kategorie ‚Best Classical Vocal Performance‘ für einen Grammy® nominiert – sowie 2010 eine CD mit geistlichen Liedern unter dem Titel ‚Santo‘. 2012 erschien die 2009 beim Rossini-Festival in Pesaro aufgenommene DVD mit Rossinis Zelmira, und 2013 folgte Rossinis Matilde di Shabran als Mitschnitt aus dem Teatro Comunale in Bologna. Für 2014 ist sein erstes, nur in französischer Sprache gesungenes Album ‚L’Amour‘ mit Opernarien von Donizetti bis Massenet geplant.

Der peruanische Tenor hat zahlreiche weitere internationale Kritikerpreise erhalten sowie den Sonnenorden als höchste Auszeichnung der peruanischen Regierung. 2012 wurde er zum Sonderbotschafter der UNESCO ernannt und in Wien als Kammersänger

—| Pressemeldung Tonhalle Düsseldorf |—

Düsseldorf, Tonhalle, Daniel_ Hope and Glory, IOCO Kritik, 04.03.2018

Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester

„Hope and Glory“

 Von Albrecht Schneider

Hätten die Furien in der Tat derart furios getanzt, wie das Ensemble den gleichnamigen Tanz aus Christoph W. Glucks Oper Orfeo ed Euridice fiedelte, wären am Ende deren Beine verknotet gewesen. Mithin wurde sofort am Abend dem Publikum in der bestens  gefüllten Tonhalle der stickoxidsatte Feinstaub der Stadt aus den Ohren geblasen.

Das rund zwanzigköpfige Ensemble, in dem die Frauenquote dem gerechten feministischen Anspruch genügt, samt seinem sanguinischen Prinzipal Daniel Hope musizierte nicht zeitgemäß nach historischer Praxis, erst recht nicht nach entstellender früherer Lesart. In der Schweizer Spielweise kam Mozarts F-Dur Divertimento KV 138 weder aufgerauht noch zärtelnd daher, vielmehr funkelnd und durchsichtig wie ein geschliffenes Glas.

In dem wohl eher als Streichquartett, jedenfalls kammermusikalisch gedachten Stück frühklassischer Unterhaltungsmusik, führt der sechzehnjährige Komponist vor, welche Themen es braucht, wie sie zu teilen und zu färben sind, damit es sich nicht angestrengt aufmerksam, dafür lieber angenehm leicht zuhören lässt. Oder, wie einstmals üblich, damit die Herrschaften sich beim Speisen akustisch bloß mäßig inkommodiert fühlten. Was würde denn einem angestellten Tonsetzer widerfahren sein, wenn dem Salzburger Fürsterzbischof wegen dessen Musik ein Bissen Nockerl in die falsche Kehle geraten wäre?

Tonhalle Düsseldorf / Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester © Susanne Diesner

Tonhalle Düsseldorf / Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester © Susanne Diesner

Weil bereits von gereifterer kompositorischer Kunst, was Form, Themenvielfalt und deren mal fast fetzige und wieder fast sehnsuchtsvolle Behandlung anbetrifft, stellt das G-Dur Violinkonzert KV 216, das drei Jahre später entstand, einen anderen Anspruch an den Zuhörer. Nach dem ersten, wie ein Sektkorken herausplatzenden forte Tuttiakkord aufschäumend, rauschte das Stück voll Eleganz vorüber, wobei in dem Spiel von Daniel Hope und seinen Kollegen eine ähnliche Ausgelassenheit waltete, die Mozart ihm eingeschrieben hat. Als Kapellmeister der fürsterzbischöflichen Musiker hob er es einst wohl selbst aus der Taufe, sein geigerisches Können stand dem pianistischen ja nicht sehr viel nach.

Mit der gleichen Kunstfertigkeit, mit welcher der junge Diener seinem Herren in solchen Arbeiten aufzuwarten verstand, brachte der Solist unseres Abends seine Guarneri des Gesù zum Tönen. Und das nicht als stupender Virtuose, sondern als Prinzeps inter pares, der, stets heitere Miene zum allerbesten Spiel machend, sein Kollegium zu nicht minder gelösten, gleichwohl intensivem Musizieren anstiftete. Und auch umgekehrt.

Zur absoluten Belebung von Glucks, Haydns und Mozarts Partituren trug, neben der Perfektion, das erkennbare Vergnügen bei, mit dem die Zürcher ihre Instrumente strichen und in sie hineinbliesen.

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Haydns Violinkonzert G-Dur. Hob.VIIa.4, dem Charakter nach noch eine Spur dem Barock verpflichtet, weil mit Cembalo als Fundament auftretend, hatten sie nach dem eröffnenden Auftritt von Glucks Furienwirbel genauso gemessen wie beschwingt aufgeführt. Die Sologeige bestand hier nicht fortwährend auf ihrem Primat; sie erhob zwar ihre Stimme, um zu zeigen, wie rührend und kunstvoll sie zu singen wusste, beteiligte sich aber dann wieder am Part ihrer Kolleginnen.  Daniel Hope und seine Mitspieler waren mit der Aufmerksamkeit und dem Elan am Werk, damit auch ein Stück gefälliger Hofmusik so dargeboten wurde, wie es sich des estherházischen Hauskomponisten Genie vorgestellt hatte.

Am Ende des Abends trat der Prinzipal wieder hinter das Pult des Konzertmeisters und exekutierte einträchtig mit dem Kammerorchester Mozarts Sinfonie A-Dur KV 201. Sie beginnt mit einem Thema, das ein wenig unspektakulär vorbeiflattert, um kurz darauf in seiner Repetition derart leuchtend aufzusteigen, als sei ein Scheinwerfer darauf gerichtet. Das frühe Kunststück offenbart, wie dieser ingeniöse junge Kopf die sinfonische Form zu bewältigen anstrebte, ohne dabei außer Acht zu lassen, dass das Ganze, gemäß eigener Diktion “angenehm in die Ohren klingt“.

Die Zürcher ließen es bei ihrer Interpretation an nichts fehlen, Textur und Ton gestalteten sie derart präzise und zugleich rasant, um nach dem Finale Allegro con spirito das Auditorium zu dankbarstem Applaus zu provozieren. Weil das sich schier die Hände rot klatschte, wurde es, nicht unbedingt außentemperaturgemäß, mit dem 3. Satz des Sommers aus Vivaldis Jahreszeiten sowie dem leicht elegischen Adagio E-Dur für Violine und Orchester KV 261 belohnt.

Aufmerksam sei darauf gemacht, dass man mit Daniel Hope nicht einzig einem exzellenten Geiger begegnet, sondern obendrein einem Bücherschreiber, Rundfunkmoderator (WDR3, Sonntags 13.00 Uhr)  und einem Entertainer, der einige launige Musikeranekdoten in das Programm einflocht.

Obschon einer würdigen, sogenannten E-Musik dergleichen saloppe Ausdrucksweise nicht geziemt, so muss trotzdem hier gemeldet werden, wie ordentlich dieser Tausendsassa und seine Musikerbande dem Publikum eingeheizt haben.

“Uf Widerluege“ Zürcher Kammerorchester, und lasst Euch bald mal wieder in Düsseldorfs Tonhalle blicken. Noch besser: hören.

—| IOCO Kritik Tonhalle Düsseldorf |—

Düsseldorf, Tonhalle, Christian Gerhaher – Liederabend mit drei Sternen, IOCO Kritik, 24.11.2017

November 27, 2017  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Bariton Christian Gerhaher und Pianist James Cheung

Liederabend mit drei Sternen in der Tonhalle

Von Albrecht Schneider

Moro, lasso, al mio duolo…
Mit der vibratolos gesungenen ersten Zeile des Madrigals von Carlo Gesualdo, mit deren fahlen dunklen Vokalen beginnt eine der Klagen über ein unseliges Schicksal. Die oft peinigende Beschaffenheit der Welt, die Bösartigkeit der Menschen, eine tötende Liebe und die düstere Drohung des Todes fassen die Dichter in Sprachbilder. Und die Musik weitet sie in eine vierte Dimension. Dann ist es die Sache der Interpreten, ob das kleine Kunstwerk zu Verstand und Gefühl der ZuhörerInnen durchdringt.

Tonhalle Düsseldorf / Christian Gerhaher © Sony / Gregor Hohenberg

Tonhalle Düsseldorf / Christian Gerhaher © Sony / Gregor Hohenberg

Das Programm des Abends lautete: „Schmerztherapie“
Lieder von Gesualdo, Johannes Brahms, Benjamin Britten. Claude Debussy und Franz Schubert stehen demnach unter Heilungsverdacht. Oder ist es deren Magie? Zauber? Oder doch bloß Placebo? Gar Aphrodisiakum? Nein, da sei der Teufel vor!
Zu Rezeption eines Gedichtes bedarf es keines Tons, Buchstaben genügen. In Musik gesetzt, als Lied, bleibt es einzig Druckerschwärze, sofern nicht die menschliche Stimme sich seiner annimmt.

Des Kunstlieds Gestaltung ereignet sich als eine der intimsten Formen des Konzertierens. Sänger und Klavierspieler stehen dort vorn, stehen dort unten, ein einsames Paar in der Weite des Konzertsaals. Musikanten, ausgeliefert dem Monster Publikum. Hustet es, läutet das Handy, wacht es oder lehnt es sich harmoniensüchtig und versunken zurück in seinen Stuhl? Oder möchte es die zwei wirklich erzählen hören von dem denkbaren, dem phantastischen, mythischen und dem profanen Weltgeschehen?

Ein Geiger, der eine Stradivari namens Lady Blunt streicht, wird kraft seiner Kunst all ihr Potential zum Tönen bringen. Der Protagonist dieses Abends (eine Klassifizierung als ‚Star‘ käme in seinem Fall ob dem Verschleiß dieses Begriffs einer Degradierung gleich) spielte mit gleicher Bravour ein anderes Instrument von nicht geringerer Güte: die Stimme Christian Gerhaher. Wer bislang diesen Sänger vom Namen her nicht kannte, der sollte von ihm erfahren, wie stupend er von Gesualdo bis zu den Komponisten unserer Zeit deren Intentionen gedanklich und musikalisch erfasst und souverän in Sprache und Ton umsetzt. Ihm zu zuhören bedeutet nicht, sich in Belcanto hüllen zu lassen, weil ihm die ‚Fülle des Wohllauts‘ (Thomas Mann) eignet, vielmehr mittels seiner Meisterschaft von diesen sublimen Kunstgebilden angesprochen, ja getroffen zu werden.

Tonhalle Düsseldorf / Liederabend Christian Gerhaher und James Cheung © Susanne Diesner

Tonhalle Düsseldorf / Liederabend Christian Gerhaher und James Cheung © Susanne Diesner

Nunmehr muss die Rede sein von dem ihm ebenbürtigen James Cheung am Klavier. Der Pianist begleitete mit Verve den Sänger auf dessen Gang zur Schmerztherapie durch die musikalischen Räume. Nicht als dessen gefälliger Untergebener, sondern als ein absoluter Instrumentalist, der sich einem die Kantilene der Stimme tragenden Klanggerüst verpflichtet wusste. Und der jeden Klavierpart makellos exekutierte, insbesondere den ausschweifenden, diffizilen eines Benjamin Britten. Beide Künstler gestalteten gemeinsam das eindrückliche Ganze.

Nach der Wehklage des Gesualdo durchwanderte Christian Gerhaher des Johannes Brahms dunklere metaphorische Landschaften, die dem Mensch abwechselnd beschaulichen wie minder erbaulichen Aufenthalt gewähren. Die hochromantischen, elaborierten Gesänge, oft etwas Volksliedhaftes beibehaltend, wirkten gleichwohl in des Baritons Wiedergabe weniger schmerzlindernd denn schmerzhaft.

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Brittens Vertonung der >Songs & Proverbs of William Blake< liegen triste Texte zugrunde. Dementsprechend sperrig klangen diese Elegien, fast gläsern hart, erfroren, weswegen man fürchten könnte, fielen sie auf den Boden, würden sie zerspringen. Nein, die Stimme beherrschte jeden Kälte- und Schwierigkeitsgrad einer Tonsprache, welche die düsteren Dichtungen in freier Tonalität reflektiert und dem Pianisten eine gewisse Virtuosität abverlangt.

Nach der Pause, das affektenreiche wie grantige Klima englischer Gesänge hinter sich lassend, erschloss Christian Gerhaher die lichtere, eher mediterrane Klangwelt des Claude Debussy. Der Franzose sparte bei der Komposition der Verse altfranzösischer Poeten nicht mit den Farben seiner Musikpalette, und sie begannen noch stärker zu leuchten, bisweilen geradezu grell, bei den mitunter nicht geringer grellen Trois Poèmes des Stéphane Mallarmé. Wunder nahm aufs Neue derartiger in Prosodie makelloser wie emphatischer Ausdruck der hochartifiziellen Stücke durch den Künstler.

Franz Schubert in Wien © IOCO

Franz Schubert in Wien © IOCO

Auf dem Weg zur angesagten Schmerztherapie stand am Ende  Franz Schubert. Aus dessen letzter Liederfolge, im Todesjahr 1828 geschrieben und später von dem verkaufstüchtigen Verleger Tobias Haslinger als >Schwanen-Gesang< vermarktet, brachte Christian Gerhaher die von Heinrich Heines Lyrik inspirierte Liedgruppe zu Gehör.

Der Künstler indessen entließ ein – leider – weitgehend älteres Publikum nicht schmerzdurchdrungen und nicht mit solchem Jammer im Ohr. Als Zugabe brachte er die >Taubenpost<, worin von der Sehnsucht als einem geflügelten, zielbewussten Postboten gesungen wird. Für das Zeitalter der E-Mails und SMS eine anachronistische, sehr poetische Erfindung.  Allein der einer Therapie bedürftige Mensch, Schmerzensmann wie Schmerzensfrau, bleibt eine aktuelle Wahrheit.

Einem grandiosen Künstler samt Klavierpartner angemessen der Applaus

—| IOCO Kritik Tonhalle Düsseldorf |—

Düsseldorf, Tonhalle Düsseldorf, Thomas Quasthoff Jazz, 16.10.2017

Oktober 2, 2017  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Thomas Quasthoff Jazz

Montag, 16. Oktober 2017, 20 Uhr
Tonhalle Düsseldorf

Bass erstaunt – Thomas Quasthoff jazzt
Thomas Quasthoff Gesang ? Frank Chastenier Klavier
Dieter Ilg Bass ? Wolfgang Haffner Schlagzeug

Tonhalle Düsseldorf / Hernersdorff Konzerte / Quasthoff Quartett © Stephan Doleschal

Tonhalle Düsseldorf / Hernersdorff Konzerte / Quasthoff Quartett © Stephan Doleschal

Wenn Thomas Quasthoff bekennt: „Ich fand es immer gefährlich, wenn alles so einseitig ist“, glaubt man ihm sofort: Denn der einstige Star-Bariton war schon immer ein Multitalent. Bevor er als Opern- und Oratoriensänger die großen Bühnen der Welt eroberte, tingelte er zu Jura-Studienzeiten mit seinem Bruder am Klavier durch die Hannoveraner Jazz-Clubs. Und noch vor seinem offiziellen Bühnenabschied 2012 knüpfte er 2007 und 2010 mit zwei gefeierten Jazz-Alben wie selbstverständlich an diese Zeit an: „Ich finde es enorm spannend, wenn man seine Fühler auch mal ein bisschen ausstreckt. […] das führt im besten Fall dazu, dass man ein universeller Künstler wird.“ Mission erfüllt, kann man da nur sagen! Seine Bandpartner – die drei versierten Jazzer Frank Chastenier, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner – tun ihr Übriges, seine Songs swingen zu lassen. [Von Thomas Quasthoff wurden verschiedene Aufnahmen bei der deutschen Grammophon veröffentlicht.]


Tonhalle Düsseldorf / Hernersdorff Konzerte / Thomas Quasthoff © Harald Hoffmann / DG

Tonhalle Düsseldorf / Hernersdorff Konzerte / Thomas Quasthoff © Harald Hoffmann / DG

Thomas Quasthoff Obwohl Thomas Quasthoff als klassischer Sänger Vertreter des sogenannten “ernsten Fachs” ist, kennt ihn mittlerweile ein sehr weit gefächertes Publikum. „Meine Wiedererkennbarkeit liegt ja auch bei rund 100 Prozent“, scherzt er mit pointierter Selbstironie über sich und seine Contergan-Behinderung.
Seine Stimme ist eindringlich und gewaltig zugleich – wie Honig und Stahl eben. Thomas Quasthoff gelingt es auf einzigartige Weise sein Publikum zu fesseln und zu berühren. Jedoch nicht nur durch seine ausdrucksstarke Stimme – es ist die Komposition aus allem: seiner Stimme, seiner enormen Musikalität, seinem scharfen Humor auf wie auch hinter der Bühne, seinem Charisma, seiner Beharrlichkeit und seinem Durchsetzungsvermögen. „Stimmwunder“ und „Ausnahmesänger“ oder gar „einer der bemerkenswertesten Sänger seiner Generation“ schwärmte die Presse, denn seine Einzigartigkeit beeindruckt und bereichert die Gesangs- und Musikwelt immer wieder aufs Neue. Was das Publikum spürt, ist seine Liebe zur Musik, sein Können und seine unglaubliche Energie, die er auf den großen Bühnen dieser Welt versprüht. „Ich will die Menschen auf höchstem Niveau unterhalten – nur schön singen, hätte mir nicht gereicht.“ Thomas Quasthoff ist einer, der etwas zu sagen hat – menschlich und musikalisch. Und das tut er auch.

Frank Chastenier Geboren am 24.12.1966 studierte Frank Chastenier klassisches und Jazz-Klavier an den Hochschulen von Aachen und Köln. Er war Mitglied im Landesjugendjazzorchester NRW, Bundesjugendjazzorchester und bei Peter Herbolzheimers „Rhythm Combination and Brass“. Seine stilistische Vielseitigkeit und Flexibilität machten ihn früh zu einem geschätzten musikalischen Partner internationaler Jazz-Größen.
Seit 1991 ist er Pianist in der WDR Big Band Köln. CD-Produktionen realisierte er u.a. mit Ray Brown, Till Brönner, Paquito d’Rivera, Hildegard Knef und Roger Willemsen. „Sein Spiel ist voller Energie. Er besitzt ein Empfindungsvermögen für die richtige Spielgestik, eine Offenheit und Spiellust, die ihn für mich zu einem einzigartigen Musiker machen“ (Bob Brookmeyer)

Dieter Ilg Der Bassist Dieter Ilg zählt heute zu jener Handvoll europäischer Spitzenmusiker, die es verstehen, in jedes Projekt einen unverkennbaren musikalischen Beitrag einfließen zu lassen. Ob als gefragtes, stilsicheres Gruppenmitglied oder als Leiter seiner eigenen Ensembles: immer versteht es Ilg, seine Funktion als Bassist und Fundament des musikalischen Geschehens mit einer grazilen Leichtigkeit und Ausdrucksstärke zu verbinden, die sich den instrumentaltechnischen Schwierigkeiten des Kontrabasses zu entziehen scheint.
Dieter Ilg vereint wie nur wenige die Kunst des Begleitens und die Kunst des Solospiels. Seine virtuose, individuelle, leidenschaftliche und geschmackssichere Stimme ist ein kostbarer Beitrag im internationalen Jazz geworden.

Wolfgang Haffner 1965 als Sohn eines Kirchenmusikdirektors im fränkischen Wunsiedel geboren, machte Wolfgang Haffner früh Karriere: Er war erst 18 Jahre und praktisch Autodidakt, als ihn Deutschlands damals wohl berühmtester Jazzmusiker Albert Mangelsdorff zum Mitglied seiner Band erkor. Heute ist Haffner ohne Zweifel der national wie international bekannteste deutsche Schlagzeuger. Er spielte mit der Crème de la Crème der hiesigen Jazzer – und das generationenübergreifend von Mangelsdorff bis Till Brönner, von Klaus Doldinger bis zu Michael Wollny – und ist zugleich einer der wenigen deutschen Musiker, die auch international erfolgreich sind. Stars wie Pat Metheny, Randy und Michael Brecker, Jan Garbarek, Nils Landgren oder Lars Danielsson setzten und setzen auf den unverwechselbaren „Haffner- Touch“ – und die Liste der prominenten Zusammenarbeiten ließe sich endlos fortsetzen

—| Pressemeldung Tonhalle Düsseldorf |—

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