Duisburg, Mercatorhalle, Klavierfestival Ruhr 2011, Klavierabend mit András Schiff, IOCO Kritik, 08.07.2011


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Klavier-Festival Ruhr 2011

Klavierfestival Ruhr

Mercatorhalle Duisburg

Mercatorhalle Duisburg © IOCO

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Klavierabend András Schiff, „Variationen“

Klavierfestival Ruhr / Andres Schiff © Klavierfestival Ruhr

Klavierfestival Ruhr / Andres Schiff © Klavierfestival Ruhr

Klavierfestival Ruhr 2011 / András Schiff © Klavierfestival Ruhr

Klavierfestival Ruhr 2011 / András Schiff © Klavierfestival Ruhr

 Nun schon zum 10. Mal ist der ungarische Pianist András Schiff zu Gast beim Klavierfestival Ruhr. Der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Künstler bekam 2009 auch den Preis des Klavierfestivals verliehen. In diesem Jahr spielte er ausschließlich Variationsstücke von Mozart, Mendelssohn-Bartholdy, Haydn und Beethoven.

Zwölf Variationen über ein Allegretto, B-Dur, KV500“ sind raffinierte Fingerübungen, vertrackt in den Übergriffen und in einem flotten Gavotte-Tempo. Schiff spielte die Stücke meisterhaft, insbesondere die schwierige 8. Variation mit ihrer ausgeklügelten Technik.

Feierlicher, erhabener sind dagegen Felix MendelssohnsVariations sérieuses, D-Moll, op. 54„. Die 17 Variationen sind das „klavieristische Meisterwerk“ des Komponisten und stellen hohe technische Anforderungen an jeden Pianisten. Beliebt ist das Stück nicht nur wegen seiner deutlichen formalen Gliederung, sondern auch weil das Thema in allen Variationen immer präsent ist. Schiff spielte das Stück brillant mit schier unglaublicher Flexibilität in den Läufen und der Hörer genoss es, ihm dabei zuzuschauen.

Schiff spielte nun die 1793 entstandenen „Variationen in F-Moll“, Hob. XVIII:6“ von Joseph Haydn, die dieser in Wien schrieb, zwischen seinen beiden Londoner Aufenthalten. Es sind vielfach melancholische Stücke, die Haydn – wie so häufig – in Dur und Moll gegeneinander variiert. Schiff gestaltete sie mit feinsten dynamischen Abstufungen, effektvoll und in schillernden Klangschattierungen.

Eine der letzten Kompositionen von Robert Schumann sind die „Variationen über ein eigenes Thema, Es-Dur„, die sogenannten „Geistervariationen„. In Schiffs Spiel kam das grüblerische in diesen Stücken ebenso zum Ausdruck, wie die klangliche und rhythmische Vielfalt.

Höhepunkt dieses Klavierabends wurden die von András Schiff nach der Pause
interpretierten „Variationen über einen Walzer von Anton Diabelli, C-Dur op. 120“ von Ludwig van Beethoven. Es ist einfach genial, was Beethoven aus diesem einfachen, hübschen Walzerchen alles gemacht hat. Und mit sichtlichem Spaß vergnügte sich András Schiff damit, zu unserer Freude. Schiff vermittelte nicht nur seine Fingerfertigkeit, die Präzision seines Anschlages und die hochgradige Musikalität, sondern beeindruckte durch die inhaltliche Größe der Gestaltung. Seine verschmitzte Mimik bei manchen Stücken, wie bei Nr. 22 auf das Mozartthema war absolut sehenswert.
Es war ein hoch befriedigender Abend. Das enthusiasmierte Publikum, im so gut wie vollbesetztem Haus, erhob sich von den Plätzen und feierte den Künstler frenetisch.

IOCO / UGK / 08.07.2011

—| IOCO Kritik Klavierfestival Ruhr |—

Duisburg, Mercatorhalle, Klavierfestival, Ivo Pogorelich und die Polnischen Kammerphilharmonie, IOCO Kritik, 09.06.2010


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Klavierfestival

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Ivo Pogorelich und der Polnischen Kammerphilharmonie
Mercatorhalle Duisburg 9.6.2010

Der Bericht über den Konzertabend mit Ivo Pogorelich und der Polnischen Kammerphilharmonie unter der Leitung von Wojchiech Rajski in der Duisburger Mercatorhalle möchte sich heute aus Respekt vor dem ehemals großen Pogorelich die Freiheit nehmen, einen sehr großen Mantel des Schweigens zu hüllen über den bedauernswerten und wahrlich nicht ernst zu nehmenden ersten Teil des Abends, der sich Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert in b-Moll widmete.

In dem zweiten Teil nach der Pause erklang die 8. Symphonie in G-Dur des böhmischen Komponisten Antonin Dvorák. Mit der 8. Symphonie komponierte Dvorák einen lyrischen, gelösten Kontrast zu der düsteren Stimmung der 7. Symphonie. 1889 entstanden, weist sie mit ungewöhnlicher Besetzung (unter anderem Piccolo und Englischhorn) und Auflockerung der traditionellen Form auf. Von der Landschaft von Dvorák’s Sommersitz und böhmischen Volksweisen inspiriert, hört man Naturlaute, Fanfaren oder rhapsodieähnliche Elemente. Der zweite Satz beispielsweise ist ein rhapsodieartiges Adagio in c-moll und 2/4-Takt und von Tschaikowsky beeinflusst.

Das außerordentlich junge Ensemble der Polnischen Kammerphilharmonie unter der Leitung seines Gründers Wojchiech Rajski gehört mittlerweile zu den herausragenden Kammerorchestern Europas, das in den wichtigsten Musikzentren Europas konzertiert und zahlreiche Aufnahmen für verschiedene Rundfunkanstalten und CD-Produktionen eingespielt hat.

Rajski und sein Orchester schaffen es, aus dem reichen Farbenspektrum des Werkes alle Nuancen heraus zu holen und trumpfen mit großer Spielfreude auf. Die Gestaltung gelingt ihnen dynamisch, spannungsreich und intensiv. Eine sehr schöne und liebevolle Interpretation des Stückes, wahrlich Labsal für alle Beteiligten nach der desaströsen und bizarren 1. Hälfte des Abends.

Das Publikum belohnte das Durchhaltevermögen aller mit viel Applaus und erklatschte sich eine Zugabe: den zauberhaften 2. Satz „Polka“ aus der Kleinen Suite für Orchester von Witold Lutoslawski von 1951. Ein kurzes, humorvolles Stück von treibender Kraft – die kleine Süßspeise zum Schluß!

IOCO / NN / 09.06.2010

—| IOCO Kritik Klavierfestival Ruhr |—

Duisburg, Mercatorhalle, Klavierfestival Ruhr 2010, Lang Lang 13.6.2010

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Klavier-Festival Ruhr 2010

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Lang Lang und Mitglieder der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker beim Klavier-Festival Ruhr 2010
(Termin: So. 13. Juni, 20 Uhr, Mercatorhalle Duisburg)

Bereits sieben Jahre liegt Lang Langs Debüt beim Klavier-Festival Ruhr nun zurück. Der große internationale Durchbruch lag noch vor ihm, als er sich im Jahr 2003 vor rund 300 Festival-Besuchern im Stadtparkrestaurant in Bochum vorstellte. Die enge Verbindung des Künstlers zum Pianistentreffen an der Ruhr ist seither nicht abgerissen: Lang Lang blieb dem Festival auch in den folgenden Jahren treu. Als er im vergangenen Jahr mit Herbie Hancock auf Welttournee ging, gaben die Künstler ihr einziges Konzert in Deutschland beim Klavier-Festival Ruhr.
Zwei Konzerte gibt Lang Lang im Juni 2010 beim Klavier-Festival Ruhr. Am Sonntag, 13. Juni, 20 Uhr ist er in der Mercatorhalle Duisburg als Solist und Kammermusiker zu erleben. Der Pianist eröffnet den Abend mit Ludwig van Beethovens brillanter Klaviersonate Nr. 3 C-Dur op. 2,3. Der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker gehören Carolina Kurkowski (Violine) und Jakob Spahn (Violoncello) an, die gemeinsam mit Lang Lang Felix Mendelssohns 1. Klaviertrio spielen: Ein Werk, das Robert Schumann einst ein „Meistertrio der Gegenwart“ nannte. Felix Mendelssohn selbst saß am Klavier, als das Werk am 1. Februar 1840 in Leipzig mit dem Geiger Ferdinand David und dem Cellisten Franz Carl Wittmann seine Uraufführung erlebte. Nach der Pause ergänzen Zydrune Stonyte (Viola) und Hermann Stützer (Kontrabass) das Ensemble für Franz Schuberts berühmtes „Forellenquintett“, das im Sommer 1819 auf Anregung des Musikliebhabers Silvester Paumgartner entstand. Der Name geht auf den kunstvollen Variationssatz zurück, in dem Schubert die volksliedhaft-einfache Melodie seines Liedes „Die Forelle“ D 550 immer fantasievoller umspielt und ausziert.

Die Orchester-Akademie wurde Anfang der 1970er Jahre von Herbert von Karajan ins Leben gerufen, um die Ausbildung des Orchesternachwuchses der Berliner Philharmoniker zu organisieren. Damals war diese Form der institutionalisierten Förderung eine Innovation: Zum ersten Mal wurde für herausragende junge Musiker, die zwar eine erstklassige, aber meist am solistischen Repertoire orientierte Hochschulausbildung durchlaufen, die Möglichkeit geschaffen, sich in einer Gemeinschaft von Spitzenmusikern wie den Berliner Philharmonikern zu vervollkommnen. Zahlreiche begabte junge Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt stellen sich den strengen Auswahlkriterien eines Probespiels für die Orchester-Akademie. Nur wenige werden ausgewählt. Sie durchlaufen eine zweijährige, von einem Stipendium gestützte Ausbildung. Ein wichtiger Teil davon ist die Vorbereitung auf die großen Herausforderungen der Probespiele um eine spätere Orchesterstelle. Das Berliner Erfolgsmodell machte rasch Schule: Viele Berufsorchester in Deutschland kümmern sich heute selbst darum, junge Musiker auszubilden und in das Kollektiv einzugliedern.

—| Pressemeldung Klavierfestival Ruhr |—

Duisburg, Klavierfestival, Mercatorhalle, Murray Perahia & Academy of St. Martin in the fields, IOCO Kritik, 31.05.2010


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Klavierfestival

Mercatorhalle Duisburg

Mercatorhalle Duisburg © IOCO

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Europäische Orchester-Dialoge 2
Murray Perahia & Academy of St. Martin in the fields 31.05.10
Duisburg Mercatorhalle im CityPalais

Natürlich ist die Besetzung allein noch kein Garant für einen gelungenen Konzertabend, dennoch: Was für ein Coup ist dem Klavierfestival Ruhr mit dem Engagement eines der besten Pianisten UND eines der besten Kammerorchester der Welt für die Gestaltung dieses Abends gelungen! Chapeau!

Einen ungewöhnlichen Beginn für das mit Barock- und Klassikwerken weltweit bekannt gewordene Londoner Kammerorchester Academy of St.-Martin-in-the-Fields markierte das dreisätzige Concerto in Es für Kammerorchester „Dumbarton Oaks“ von Igor Strawinsky. Das in den USA komponierte Stück ist von der Besetzung her (Holzbläser, Hörner und Streicher) an barocke Concerti Grossi angelehnt, Struktur und Rhythmus erinnern an Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3. Mit diesem spannenden Stück unter der Leitung des Konzertmeisters Kenneth Sillito bewies die Academy gleich zu Beginn des Abends, mit was für einer Bandbreite sie aufwarten kann.

Nach schneller Umbaupause und Verstärkung des Orchesterapparates durch die Klarinetten, Pauken, Trompeten und Komplettierung der Holzbläser erklang als großer Kontrast zum Vorangehörten das Konzert Nr. 24 c-Moll für Klavier und Orchester KV 491 von Wolfgang Amadeus Mozart mit dem großen amerikanischen Pianisten und Wahl-Londoner Murray Perahia, Leitung und Klavier. Das Stück selbst ist kein „Wohlfühl-Mozart“, sondern ein unkonventionelles, komplexes Stück von Kennern für Kenner, womit Mozart zu seiner Zeit viele begeisterte Anhänger verschreckte. Bis auf den vielleicht etwas zu hastig geratenen 1. Satz, das Allegro, zeigt sich schon hier, wieso sich die Academy ausgerechnet Murray Perahia zum ständigen Gastdirigenten (neben dem Stammdirigenten und Gründer Sir Neville Marriner) erwählt hat. Perahia stemmt diese gewaltige Doppelaufgabe mit einer spielerischen Leichtigkeit und Virtuosität, dass es seinesgleichen sucht. In den pianistischen Passagen hoch virtuos und brillant, weiß er mit sparsamen, präzise anleitenden Gesten aus dem Orchester und seinem Soloinstrument einen großen, gemeinsam atmenden Organismus entstehen zu lassen. Schon nach diesem Stück hagelt es Bravo-Rufe eines frenetisch Beifall klatschenden Publikums.

Das Concerto Nr. 7 in g-Moll für Klavier, Streicher und Generalbass BWV 1058 von Johann Sebastian Bach setzt nach der Pause denn auch nahtlos dort fort, wo Perahia und die Academy vor der Pause aufgehört hatten. Mit was für einer Noblesse und Transparenz das ursprünglich für Violine geschrieben Stück musiziert wird ist eine wahre Wonne und beileibe nicht alltäglich. Besonders im 2. Satz, dem Andante, zeigt sich in den Solopassagen Perahia’s große solistische Virtuosität. Im Ton nie zu dick, aber auch nie zu zurückhaltend, weiß er stets das richtige Maß zu finden und dabei dennoch als Dirigent nie den großen Orchesterapparat aus den Ohren zu verlieren. Der letzte Satz im Charakter einer Gigue gelingt den Aufführenden sowohl elegant, bis ins kleinste Detail ausphrasiert, als auch spürbar ausgelassen tänzerisch – dieser Bach swingt! Das Concerto von J.S.Bach geriet Perahia und der Academy mit Vitalität und Energie zum Herzstück des Abends, was das völlig begeisterte Publikum mit viel Beifall und Bravo-Rufen quittierte.

Den Abschluß des Abends bildete die Aufführung der Symphonie in Es-Dur Nr. 99 von Joseph Haydn unter dem Dirigat von Perahia. Es ist ein sehr innovatives Stück in seiner Zeit gewesen, Haydn beschritt damit in mancherlei Hinsicht Neuland, vor allem was die Verwirklichung klanglicher Vorstellungen betraf. Besonders der 2. Satz, das Adagio, ist ein originelles Stück von feierlich-ernster Miene und vielleicht der Höhepunkt der Symphonie. Die Academy musiziert ihn mit Differenziertheit und Finesse, und beschenkt den schönen Satz mit einer allumfassenden Lieblichkeit und Wärme. In dem 4. Satz, dem Vivace, wird den Bläsern, nicht zuletzt den Klarinetten ausgiebig Gelegenheit zur Brillanz gegeben. Perahia und die Academy demonstrieren einmal mehr, was für ein glänzend eingespieltes Team auf höchstem Niveau sie sind. Eine furiose Coda des gesamten Orchesters beschließt eines der geistreichsten und witzigsten Haydn-Finali.

Das vollends begeisterte Publikum erklatschte sich mit frenetischem Beifall und zahlreichen Bravo-Rufen eine Zugabe: das Finale aus der Oxford-Symphonie von Joseph-Haydn.
Ein in jeder Hinsicht reicher und bereichernder Abend von internationaler Spitzenklasse und ein weiteres Highlight in dem an Highlights schon jetzt nicht gerade armen Klavierfestival Ruhr 2010!

IOCO / NN / 31.05.2010

—| IOCO Kritik Klavierfestival Ruhr |—

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