Dresden, Semperoper, Staatskapelle Dresden – 12. Symphoniekonzert, IOCO Kritk, 10.07.2019

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper in hellem Sonnenschein © Matthias Creutziger

 Staatskapelle Dresden  –   12. Symphoniekonzert

Martinu: Zweites Violinkonzert – Suppé, Strauss: Mit „Wiener Schmäh“

von Thomas Thielemann

Der noch-amtierende „Capell-Virtuos“ Frank Peter Zimmermann und seine wunderbare Geige Lady Inchiquin  verabschiedeten sich im letzten Saisonkonzert in der Semperoper von der Staatskapelle Dresden und deren Stammpublikum mit Bohuslav Martinu´s  Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 H 293. Das Orchester wurde von Manfred Honeck dirigiert.

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Semperoper Dresden / Frank Peter Zimmermann und seine Geige Lady Inchiquin © Harald Hoffmann

Bohuslav Martinu, 1890 in Böhmen geboren, ging 1923 nach Paris um seinen bei Josef Suk begonnenen Kompositionsuntericht bei Albert Roussel zu komplettieren, aber auch um dem Prager „Smetana-Kult“ zu entkommen und sich anderen Einflüssen zu öffnen. Der Impressionismus, der Neoklassizismus Strawinskys sowie der Jazz, aber auch Honegger und Milhaud beeinflussten sein Schaffen. Häufig stellte er die Stilistik seiner Arbeiten um.  In den 1930er Jahren widmete er sich dem Irrationalen und einer von Fantasien bestimmten Traumlogik. Zunehmend bekommen Elemente des Fantastischen Platz in seinen Arbeiten. In seinen letzten Schaffensjahren – Martinu starb  nach  langem USA-Aufenthalt 1959 in der Schweiz, öffnete er sich philosophischen Gedankengängen und kehrte zu den Impressionistischen Harmonien zurück. Nie verblasste aber seine Verbundenheit zur Musik seiner böhmischen Heimat.

Für seine geringe Präsenz in den Konzertsälen dürfte der eigenwillige Formenbau seiner Musik, ihre Beweglichkeit, ihr Mangel an festen Themengebilden und wohlvertrauten Anhaltspunkten verantwortlich sein. Das stellt die Interpreten vor Schwierigkeiten, die sie bei dieser anscheinend so milden Tonsprache kaum vermuten. Die Avantgardisten wenden sich ab, selbst Neo-Barock und Folklorismus werden ihm angehängt.

 Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert mit Manfred Honeck © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert mit Manfred Honeck © Matthias Creutziger

Frank Peter Zimmermann ist es zu verdanken, dass Martinus Violinkonzerte in der letzten Zeit häufiger in den Konzertprogrammen auftauchen.

Natürlich gibt es auch eine Anekdote zur Entstehung des Violinkonzerts Nr. 2: der ukrainische Geigenvirtuose Mikhail Elman (1891-1967) wollte sich im Januar 1943 in der Carnegie Hall Schostakowitsch-Musik mit dem Boston Symphonie Orchestra anhören, hatte aber das Datum verwechselt und war in ein Konzert mit Martinus erster Symphonie geraten. Mischa Elman war von der Musik so begeistert, dass er den Komponisten am folgenden Tag aufsuchte, um von Martinu ein auf ihn abgestimmtes Violinkonzert zu erbitten. Erst als Elman für Martinu ein Konzertprogramm improvisierte, um seinen charakteristischen lyrischen und durchsetzungsfähigen Stil zu demonstrieren, änderte der Komponist seine barsche Ablehnung in Schweigen. Nachdem der verunsicherte Geiger längere Zeit von Martinu nichts hörte, überraschte ihn der Komponist eines Tages mit der fertigen Partitur. Noch am 31. Dezember 1943 wurde das Werk mit dem Solisten Mikhail Elman in Boston aufgeführt.

Das besuchte Konzert begann mit der pointierten Andante-Einleitung durch das von Manfred Honeck geleite Orchester, der sich Zimmermann betont und ruhig mit einem Solo entgegen stellte. Den Hauptteil des ersten Satzes bildete eine lyrisch-musikalische Kommunikation bis der Solist mit einer Kadenz das Orchester moderater zum Andante des Satzbeginns zurückführte. Den Mittelsatz spielten Solist und Orchester sanft, einer schönen Kadenz und mit einem ruhigen Zusammenspiel, bevor Manfred Honeck die Darbietung in das Poco Allegro  überleitete. Zimmermann spielte schnell, lebhaft und dramatisch, erhöhte, gemeinsam mit Honeck, zum Satzende das Tempo, um den Abschluss als furioses Finale zu erreichen.

Klaus Peter Zimmermann hatte mit seiner Interpretation mit Elan die süffigen Lyrismen der Komposition ausgeschöpft und mit schlanken, klaren Ton ein fulminantes Plädoyer für diese gewaltige Musik geboten. Er hatte spürbar viel Arbeit in die Verdaulichkeit des Stückes investiert. Seine Bogenarbeit ist charakteristisch durchdacht, insbesondere seine Liebe zum Detail. Andererseits schlich sich der Eindruck ein, dass Orchester und Solist kaum miteinander, eigentlich, ob der Schwierigkeiten der Komposition, mehr nebeneinander gespielt hätten. Das mag aber auch an der mangelnden Klarheit des Klangspektrums gelegen haben. Der Orchesterklang wirkte stellenweise matschig, expressionistisch und gelegentlich atonal.

Dementsprechend war auch der Beifall, gemessen an der Leistung der Agierenden, recht matt. Eingerahmt war das Violinkonzert von Antonin Dvoráks Karneval-Ouvertüre op. 92  von 1891 und einer Zusammenstellung Wiener Musik.

Dvorák komponierte am Beginn der 1890er Jahre drei Konzertouvertüren unter dem Titel „Natur, Leben und Liebe“. Später erst wies er jedem der Teile einen Titel zu, offenbar um ihnen einen leichteren Zugang zu den Konzertsälen zu ermöglichen. Der erste Teil wurde „In der Natur“, der zweite „Karneval“ und der dritte „Othello“  benannt. Das karnevalistische

Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / 12. Symphoniekonzert © Matthias Creutziger

Treiben steht für rauschhafte Feste und Partys, alle Lust und Schönheit des Lebens, und für den Komponisten als offenen Raum für unsere Inspiration. Mit vollem Orchestereinsatz und vielen Beckenschlägen ließ Manfred Honeck die Ouvertüre beginnen. Ausgelassen und nahezu unkontrolliert hielt das Leben Einzug. Bis dann die Streicher den Genuss des Lebens mit viel Romantik kontrastierten. Die Solo-Klarinette übernahm ein Motiv aus der „Natur“ und veranlasste ein Nachdenken. Immerhin ist irgendwann Aschemittwoch. Mit differenziert instrumentiertem Tschingderassabum klang die Ouvertüre aus und bereitete so die Stimmung für das Violinkonzert.

Wer im Haus die Idee umsetzte, die Konzertsaison mit Wienerischem von Franz von Suppé und den Strauss-Brüdern abzuschließen, bleibt einer Überlegung wert. Zumal die Freunde der Staatskapelle derzeit nicht gut auf die Donau-Metropole zu sprechen sind. War es der Wunsch von Franz Welser-Möst, der ursprünglich dies Konzert dirigieren sollte? War es dem Umstand geschuldet, dass Orchester und Dirigent am Abend der Generalprobe ihr Open-air-Konzert  Klassik Picknickt zu bestreiten hatten?

Jedenfalls entwickelte sich der zweite Teil des Konzertes eher zu einem Gaudi, als zu einem ernst zunehmendem Symphoniekonzert. Die Musiker hatten offensichtlich Freude und Spaß; auch das Publikum war nach dem schwer verdaulichen ersten Konzert-Teil  von der leichten Muse angetan. Mit dem gebürtigen Österreicher Honeck war auch ein Fachmann, der die „Wiener Musik“ mit ihrem raffinierten Schmäh mit der Muttermilch aufgesogen hat, am Pult tätig.

Die Schluss-Ovationen des Publikums waren ebenso intensiv 

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper, Nabucco – Im Krieg der Jetztzeit angekommen, IOCO Kritik, 18.06.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Nabucco  – Giuseppe Verdi

In der Jetztzeit –  Syrien, Pistolen, Militär, Krieg

von Thomas Thielemann

Viel ist nicht zu David Böschs Inszenierung von Nabucco an der Semperoper Dresden zusagen. So wie die Soldaten des babylonischen Herrschers Nabü-kudurrï-usur II. (um 640 v. Chr. Bis 562 v. Chr.) im Jahre 595 v. Chr. Jerusalem nach langer Belagerung eroberten, werden ideologische oder religiöse Unterschiede noch immer als Vorwände für kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Volksgruppen oder für Bürgerkriege genutzt. Sind doch offenbar große Teile der Menschheit im Verlaufe der letzten zweieinhalb Jahrtausende kaum klüger geworden.

Nabucco-  Giuseppe Verdi
youtube Trailer der Semperoper
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Deshalb war es für Bösch einfach, Verdis Hebräern und Babylonier zeitgenössische Kleidung und Uniformen anzuziehen (Kostüme: Meentje Nielsen) und in einer Ruinenstadt unserer heutigen Zeit agieren zu lassen. Damit dürfte die Inszenierung deutlich näher am biblisch überlieferten Geschehen bleiben, als das Libretto von Temistocle Solera. Patrick Bannwart stellte eine an den Turmbau von Babel erinnernde Stahlbau-Ruine auf die Bühne und konfrontiert uns mit Fernsehbildern unserer Tage aus Syrien, dem Irak, der Ost-Ukraine oder Jemen. Der Turm, vertikal geteilt, an die Bühnenränder verschoben, bildete die Spielfläche für die weitere Vorstellung.

Bleibt damit nur, die leider nicht durchgängig handwerklich gute Personenführung Böschs zu loben und über die musikalischen Aspekte des Opernabends zu schreiben: Da wäre unbedingt der von Jörn Hinnerk Andresen hervorragend vorbereitete Staatsopernchor, der gemeinsam mit dem Sinfoniechor Dresden und der Komparserie das Rückgrat der Vorstellung bildete. Dazu die Musiker der Staatskapelle, wieder unter der sorgsamen Leitung des „gesundeten“ Omer Meir Welber, der seine Intensität hervorragend den Möglichkeiten und Erfordernisse der Bühne anpasste.

Semperoper Dresden / Nabucco - hier : Plácido Domingo als Nabucco, Saioa Hernández als Abigaille, Christa Mayer als Fenena, Vitalij Kowaljow als Zaccaria, Ensemble © Semperoper Dresden / Daniel Koch

Semperoper Dresden / Nabucco – hier : Plácido Domingo als Nabucco, Saioa Hernández als Abigaille, Christa Mayer als Fenena, Vitalij Kowaljow als Zaccaria, Ensemble © Semperoper Dresden / Daniel Koch

Zur Besprechung der Eindrücke der Gesangs- und Schauspielerleistungen der Solisten erfordert es in Böschs Auslegung der Verdischen Komposition schon ein gehöriges Abstraktionsvermögen. So sehr ich ansonsten Szenenapplaus als störend empfinde, hier war er angebracht, weil doch das Gehörte und das Gesehene keinen gemeinsamen Fluss bildeten. Da war die „Beifalls-Pause“ sogar hilfreich.

Die Titelrolle hatte der zu seinen Bariton-Anfängen zurück gefundene Plácido Domingo mit der gesamten Bühnenpräsenz seiner Persönlichkeit übernommen. Er musste die Rolle komplett in einer Felduniform unserer Tage singen und spielen. Mit einem stimmlichen Spektrum von Donner und Demut tritt er gewaltig bis geschmeidig auf. Nachhaltige Eindrücke hinterlassen vor allem seine ruhigeren Darstellungen im Wahnsinns-Monolog im 4. Akt.

Semperoper Dresden / Nabucco - hier : Plácido Domingo als Nabucco, Saioa Hernández als Abigaille, Ensemble © Semperoper Dresden / Daniel Koch

Semperoper Dresden / Nabucco – hier : Plácido Domingo als Nabucco, Saioa Hernández als Abigaille, Ensemble © Semperoper Dresden / Daniel Koch

Die Spanierin Saioa Hernándes bot in ihrem Rollen- und Deutschlanddebüt als Spinto-Sopranistin alles, was zur Gestaltung der Figur der Abiggaille zur Verkörperung ihres Machthungers und ihrer Brutalität benötigt wurde: Die Höhen und Tiefen, die Attacke und das Lyrische für die wenigen psy-chologischen Momente. Ob ihre Zornausbrüche im ersten Akt oder ihr Duett mit Plácido Domingo im 3. Akt, immer war sie richtig dominierend. Kaum weniger Beeindruckend die zurückhaltendegehaltene Gestaltung ihrer Halbschwester Fenena durch die Mezzosopranistin Christa Mayer. Ihr Geliebter Ismaele, vom italienischen Tenor Massimo Giordano dargestellt, bot eher Schöngesang als Leidenschaft oder gar Kampfesmut.

Den Oberpriester des Baals zelebrierte der aus Korea stammende Bassist Sejong Chang stimmgewaltig als blutrünstiger Rächer. Für den emotionalen Höhepunkt und für einen musikalischen Glanzpunkt der Aufführung sorgten der Chor und der Bassist Vitalij Kowaljow mit dem letztlich eigenständig in das „Geschehen“ eingebaute „Flieg Gedanke auf goldenen Schwingen“.

Der frenetische Schluss-Beifall, der sich dann zum Stakkato und stehend entwickelte galt uneingeschränkt dem ganzen Ensemble,  Plácido Domingo eingeschlossen.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Skandalstücke – Mussorgski, Prokofjew, Strawinsky, IOCO Kritik, 13.06.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Modest Mussorgski, Sergej Prokofjew, Igor Strawinsky

  – Staatskapelle Dresden mit russischen Skandalstücken –

Modest Mussorgski (1839-1881) gehört zu den faszinierenden musikalischen Außenseitern des 19. Jahrhunderts. Als autodidaktisches Genie hat er wie kaum ein anderer Komponist die Musik Russlands erneuert und andererseits derart viele unvollendete Werke hinterlassen.

Die symphonische Dichtung Johannisnacht auf dem Kahlen Berge entstand im Juni 1867 innerhalb weniger Tage und bezieht sich auf die Sage, dass „in der Nacht zum Johannistag die Hexen auf dem Kahlen Berg bei Kiew den Teufel treffen“.

Zunächst wollte Mussorgski die Komposition in seiner Oper Mlada als Ballett verwenden. Als die Arbeit stockte und unvollendet blieb, sollte die Skizze in die Oper Der Jahrmarkt von Sorotschinzy als eine Traumsequenz eingebaut werden. Nach seinem frühen Tod nahm sich sein Freund Rimskij-Korsakow die „Johannisnacht auf dem Kahlen Berge“ vor und glättete das Geschehen von der größtmöglichen Schroffheit und Wildheit, dämpfte die starke Chromatik und die Dissonanzen der beiden Opernentwürfe. Vor allem verfeinerte er die Instrumentierung und versah diese Fassung mit einem versöhnlichen Schluss.

Sächsische Staatskapelle Dresden / zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Nach einem fulminanten Auftakt lässt Andrés Orozco-Estrada die Staatskapelle Dresden rhythmisch und flexibel eher tänzerisch spielen. Die Phrasierungen erscheinen  musikalisch sinnvoll, so dass noch die angedachte Ballett Verwendung durchscheint.

Sergej Prokofjews Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 16 gehört zu den schwierigsten Klavierkonzerten des Repertoires. Die 1912 bis 1913 entstandene Erstfassung war dem Freund des Komponisten Maximilian Schmidthof gewidmet, der sich im April 1913 das Leben genommen hatte. Während des ersten Weltkrieges war die Partitur verloren gegangen, so dass Prokofjew eine Rekonstruktion des Werkes vornehmen musste.

Für die Interpretation im 11. Symphoniekonzert  war die russische Pianistin Anna Vinnitskaya für ihr Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle gewonnen worden. Bereits im ersten Satz zeigt sie im gedämpften Streicherbeginn ihre melodische Linie und verschärfte im Verlaufe des ersten Satzes ihre intensive Interpretation. Selbst mit ihrer Kadenz entwickelt sie Prokofjews Harmonien zu gleißenden Farben. Die langsamen Passagen werden zu regelrechten Treibern. Dass unerbittlich dahinrasende Scherzo verhindert beim Zuhörer jede Beschaulichkeit. Zwischen Traumverlorenheit und Bedrohlichkeit ist auch ihr dritter Satz Allegro moderato, von Orozco-Estrade mit dem Orchester auf das feinste verzahnt, angesiedelt. Fast spukhaft ihr mehrfaches Hakenschlagen zu Beginn des Finales, das auch kaum Gelegenheit zu lyrischen Augenblicken gewährt. Bei ihr vergisst man das Technische und ist hingerissen von der empfindsamen Gestaltung und der Kraft ihres Spiels.

Diese Diktion wäre ohne den Maestro am Pult kaum möglich geworden, der die Musiker der Staatskapelle Dresden regelrecht symbiotisch mitgezogen hat. Immer wieder finden die Solistin und das Orchester lyrische Inseln, von denen aus die gewaltige Steigerung zum erhitzten Finale entwickelt werden konnte. Bleibt die Hoffnung, dass wir die noch junge Sibirerin noch häufig im Hause erleben dürfen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Orozco-Estrada © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Orozco-Estrada © Matthias Creutziger

Igor Strawinskys Ballettmusik Le sacre du printemps (Das Frühlingsopfer) – Bilder aus dem heimischen Russland, 1913 vom damals 31-jährigen komponiert und aufgeführt, gilt wegen seiner die Elementarkräfte des Rhythmus entfesselnden maßlosen Musik für Viele heute als der „Urknall“ der Moderne“ in der Musik. Enthält die Musik doch gleichsam hypnotische, hysterische, brutale, panische und manische Elemente. Führte die Uraufführung am 29. Mai 1913 mit der Djagilews-Ballett-Truppe in Paris noch zu einem handfesten Skandal, so hatte das Werk, wie kaum ein anderes der musikalischen Moderne, so schnell ein breiteres Publikum erreicht und sich weltweit im Konzertleben durchgesetzt. Passiert es doch selten, dass der ästhetische Rang und die historische Bedeutung eines Kunstwerkes zeitlich in Übereinstimmung sind. Andrés Orozco-Estrada, mit den Musikern der Staatskapelle Dresden aus den Vorjahren bestens bekannt, trieb das Orchester mit viel Körpereinsatz und sichtlicher Musizierfreude in etwa vierzig Minuten durch die Partitur. Es war nicht zu übersehen, dass diese Komposition zu den Lieblingswerken des Kolumbianers gehört.

Die Schwierigkeiten, aus der musikalischen Struktur des Stückes das Intelligente, Logische sowie Intensive zu erkennen und mit dem Orchester umzusetzen, war ihm auf das Eindrucksvollste gelungen. Den Konflikt, dass hier ein Ballett als ein reines Orchesterstück geboten wurde, löste der Dirigent mit dem Orchester, so dass eine regelrechte Orchesterchoreographie die Tanzpartien ersetzte. Die hohe Qualität der Staatskapelle war für Orozco-Estrada ein sicherer Garant für ein wunderbares Konzert.

Beglückend für den aufgeschlossenen Teil der Konzertbesucher, diese drei Meilensteine russischer Musik so komprimiert an einem Abend zu erleben

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Dresdner Staatskapelle, Ein Sommernachtstraum – Henze – Mendelssohn, IOCO Kritik, 13.5.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Ein Sommernachtstraum – William Shakespeare

Interpretationen von Henze und Mendelssohn – Mit Fragezeichen

von Thomas Thielemann

Seit der damals dreißigjährige Vladimir Jurowski mit Pendereckis Oper Der Teufel von London  in Dresden debütierte, ist er regelmäßig Gastdirigent der Staatskapelle Dresden. Dabei ist er ein Garant für außergewöhnliche Programme und Werkfolgen. 1990 von Moskau nach Deutschland gekommen, war er zunächst Student der Dresdner Musikhochschule und konnte auch bei Colin Davis hospitieren. Dabei war bereits vorher der Name Jurowski für das hiesige Konzertleben ein fester Begriff, denn der Vater Michael Jurowski (geboren am Weihnachtsabend 1945) war seit 1988 häufiger Gastdirigent der Staatskapelle, der Philharmonie und der Gohrischer Schostakowitsch-Tage.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

10. Symphoniekonzert der Staatskapelle Dresden

Bereits mit der Eröffnung des Konzerts mit Carl Maria von Webers  Ouvertüre zu Oberon werden die Tugenden des Orchesters seiner Fähigkeit zu feinsten dynamischen Abstufungen sofort deutlich. Mit  sattem Streicherklang, neben dem mit großer Wärme intonierten bekannten Hornmotiv, entwickelt Jurowski die Komposition vom ruhigen Einleitungsteil bis zur intensiven Steigerung des klangmalerischen Teils und stimmt so sein Publikum auf die etwas härtere Folgekost ein.

Heinz Werner Henze (1927 in Gütersloh geboren und 2012 in Dresden verstorben) gehört zu den bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts und ist dem heimischen Publikum, 2012 Capell-Compositeur der Staatskapelle,  mit der Agitprop-Oper-Inszenierung „Wir erreichen den Fluss“ noch in Erinnerung. Als explizit politischer Künstler hatte Henze die anscheinend abstrakten Aspekte seiner Kompositionen nie als Selbstzweck betrachtet. In der Kontrastbildung sah er die Möglichkeit Stellung zu beziehen, sich gegen das Elitäre im klassischen Kulturbetrieb zu wenden.

Seine Symphonien hatte er gelegentlich als Studien für seine Opernkompositionen  bezeichnet. Die Sinfonia N. 8, in den Jahren 1992/1993 auf Ischia entstanden, war ein Auftragswerk des Boston Symphony Orchestra. Die Symphonie  ist heiterer und beschwingter als viele Werke Henzes, fügt sich zur südländischen Wahlheimat des Komponisten, war sie doch von drei Episoden aus Shakespeares Sommernachtstraum  inspiriert.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Isabel Karajan rezitierte jeweils vor der Wiedergabe der Henzeschen Auslegung der Episoden die Verse von Schlegels wortgewaltiger Shakespeare-Übersetzung aus der linken Proszeniumsloge.  In Jurowskis folgenden  Interpretation war zu spüren, dass er sich intensiv mit der dreisätzigen Partitur auseinander gesetzt hatte. Dabei schien es ihm wichtig, die Spannung und Motivation über die knappe halbe Stunde der Aufführungszeit zu halten. Jurowski dirigierte mit präzisen sparsam dosierten Gesten. Nur kleine Bewegungen der Arme sowie Hände, die sich über die Fingerspitzen den Musikern mitzuteilen schienen und so ihre Wirkung zu erreichten. Mit dieser Intensität und der nach meinem Empfinden makellosen Darbietung hätten wir vor Jahren „Henze“ gern gehört.

Die Rezitation hatte die Sätze „Allegro“, „Alle anzeigen mit comodo tenerezza e ballabilità“ und „Adagio“ deutlich voneinander abgegrenzt  und dem aufgeschlossenen Hörer ein prachtvolles Erlebnis gesichert.

Nach der Konzertpause folgte dann als Kontrast die vollständige Bühnenmusik zu Ein Sommernachtstraum  von Felix Mendelssohn Bartholdy mit einer teilszenischen Aufführung. Der uns von der Zusammenarbeit mit Isabel Karajan bereits bekannte Eventspezialist  Klaus Ortner hatte eine launische Szene eingerichtet und aus Wien den Lichtdesigner Sandro G. Frei  mitgebracht, um den Solistinnen, dem Chor sowie  dem Orchester Voraussetzungen für eine feierliche Würdigung der kompositorischen Glanzleistung Mendelssohns zu verschaffen.

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Dieser komponierte, nachdem er, als der 17-jährige Felix sich mit der Schlegel-Tieckschen-Übersetzung des  Shakespeare’schen  Ein  Sommernachtstraum   beschäftigt hatte, 1826 seine einsätzige Ouvertüre op. 21 zur Schauspielmusik. Mit dieser Arbeit hatte er bereits alle vier der mit einander verwobenen Handlungsstränge der romantischen Komödie eingeschlossen. 1842, Mendelssohn war bereits Musikdirektor des Leipziger Gewandhausorchesters, entstanden  auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Kompositionen, die als eine Zwischenakt-Musik gedacht waren. Offenbar dauerten die aufwendigen Bühnenumbauten der Tieckschen Inszenierung dem Monarchen zulange. Dank der Eingängigkeit insbesondere der Chor- und Solostellen gelang Mendelssohn eine Einbeziehung seiner Komposition in das eigentliche Bühnengeschehen, so dass  eine  vollständige Bühnenmusik mit Frauenchor; Soli und Orchester op. 61 entstanden war. Glaubt man Ines Pasz, ist diese Symbiose auch nicht ohne Reibung zwischen Felix Mendelssohn und dem Theaterauguren Ludwick Tieck von statten gegangen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Das Orchester mit Vladimir Jurowski konnte auch  die Ouvertüre und das Scherzo mit der uns gewohnten Qualität anklingen lassen, als aus der Streichergruppe eine aufmüpfige Musikerin, „bewaffnet“ mit einer Geige auftauchte und das Heft in die Hand nahm. Sprachlich und körperlich unentwegt aktiv, aber mit wenig Einfühlungsvermögen in das Musikalische versuchte sie in die Traumwelt Shakespeares hineinzuspringen und sich die Figuren zu eigen zu machen. Unentwegt brachte  Karajan neue Requisiten ins Spiel. Selbst ein Palettenwagen, der als Bühne, Künstlergarderobe, Brautbett und Werkzeuglager für die Handwerker herhalten konnte, wurde auf die Bühne gezogen. Diese etwas flippige Darstellung lenkte die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf Isabel Karajan, sodass die Präsenz der übrigen Beteiligten zurück trat. Auch musste man gut vorbereitet sein, wollte man Ansagen der Sprecherin (eigentlich Schauspielerin) folgen.

Gelegentlich nahm sich Isabel Karajan zurück und erlaubte Jurowski mit dem Orchester, dem Chor und den beiden Solistinnen Tuuli Takala (Sopran) und Stepanka Pucalkova (Mezzosopran) Passagen dieser genialen Komposition unbeeinflusst darzubringen. Aber irgendwie verschaffte dies dem Dargebotenen  einen zerfaserten Eindruck. Selbst das Genießen der Soli- und der Chorstellen sowie der wundervollen Orchestrierung Mendelssohns erforderte zumindest meine Konzentrationsfähigkeit  bis ihre die Grenzen. Auch Vladimir Jurowski hatte offenbar erhebliche Mühe, seinen Orchesterleitungsstil ähnlich präzise umzusetzen, wie es ihm im ersten Konzertteil gelungen war.

Das überwiegend Dresdner Abonnemente-Publikum spendete freundlichen Beifall, wobei aber auch für die hiesigen Verhältnisse ungewöhnlich intensive Buhrufe und Pfiffe zu hören waren. Gefeiert wurden allerdings neben Valdimir Jurowski die beiden Ensemblemitglieder des Hauses Tuuli Takala und Stepanka Pucalkova.

Wie ist das Fazit des zweiten Teils des Konzertes?

Hat Event-Theater nach der Opernbühne auch das Konzertpodium erreicht?  Wollten die Macher der zweifelsfrei imponierenden Isabel Karajan die Bühne zu einer außergewöhnlichen Leistung verschaffen? Was auch immer die Motivationen waren, ich hätte mir gewünscht, Felix Mendelssohn-Bartholdys 13 Teile der „vollständigen Bühnenmusik mit Soli und Frauenchor“ als Zugabe nachgereicht  zu erhalten.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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