Eine Alpensinfonie – von Richard Strauss vertonte Künstlertragödie, IOCO erinnert, 18.03.2020

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Semperoper im tiefen Winter © IOCO

Semperoper im tiefen Winter © IOCO

Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Eine Alpensinfonie  –  Ein Werk mit Fragezeichen

– oder die Künstlertragödie des Porträtmalers Karl Stauffer –

von Thomas Thielemann

Das etwas unfreiwillige Sozialexperiment der „Corona-Krise“ gibt uns Gelegenheit, Liegengebliebenes aufzuarbeiten, aus Zeitgründen wenig gehörte Musik-Konserven herauszukramen und auch ältere Konzerterlebnisse noch einmal zu überdenken.

Eine Alpensinfonie – Richard Strauss – Sächsische Staatskapelle
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Zu Letzterem gehört für mich die Konzerte der Staatskapelle Dresden zum 100. Jahrestag der Uraufführung von Eine Alpensinfonie von Richard Strauss  unter der Leitung Giuseppe Sinopoli im Dezember 2015 und Christian Thielemann im Oktober 2015 in der Semperoper von Dresden.

Ein Zitat, aus einem Beitrag „Alpenidylle oder Antichrist“ einer Orchester-Flötistin , die unter „emmelygreen“ zur Entstehung der Komposition schrieb: “Doch jetzt mal realistisch: als vielgefragter und –beschäftigter Komponist verschwendet man doch nicht vier Jahre seines Lebens, um einen Ausflug in die Alpen zu beschreiben – Da steckt doch mehr dahinter“, hatte mich nachdenklich gemacht.

Richard Strauss in Walhalla- Donaustauf © IOCO / HGallee

Richard Strauss in Walhalla – Donaustauf © IOCO / HGallee

Da ich das Unbehagen teilte, ergab sich damals im inzwischen liquidierten „Forum Festspiele“ ein Gedankenaustausch mit dem Professor Gerhard Widmann, ohne dass wir zu einer gemeinsamen Meinung gekommen wären. Auch ein nunmehriges Anhören der hervorragenden Einspielung Christian Thielemanns der Alpensinfonie von 2001 mit den Wiener Philharmonikern bringt mich nicht weiter. Ist doch bekannt geworden, dass Strauss die Künstlertragödie des Porträtmalers Karl Stauffer (1857-1891) offenbar beschäftigt hatte und er bereits  um 1900 zum Gegenstand einer Komposition machen wollte. Zwischen 1909 und 1911 waren bereits vier Skizzen entstanden, die aber zunächst die Begeisterung Stauffers für das Bergwandern thematisierten.

Der aus der Schweiz stammende Karl Stauffer, genannt Stauffer-Bern, machte sich in einem Berliner Atelier einen Namen als erfolgreicher Porträtmaler, Radierer und Kupferstecher. Dabei war er sich aber bewusst, dass er nicht wirklich ein großer Maler war und begann sich 1886 mit der Bildhauerei zu beschäftigen.

Auch unterstützte er seinen Schulfreund Friedrich Emil Welti (1825-1899) und dessen Frau Lydia Welti-Escher (1858-1891) beim Aufbau einer Sammlung moderner Kunstwerke. Lydia war nämlich die Alleinerbin des einflussreichen Schweizer Politikers und Eisenbahnpioniers Alfred Escher und damit zu dieser Zeit die reichste Frau des Landes.

Eine Alpensinfonie Auf dem Gipfel – Wiener Philharmoniker
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Dank der finanziellen Unterstützung durch das Ehepaar Welti-Escher konnte Stauffer 1887 nach Florenz und Rom gehen, um unter anderem auch bei Paul Klinger die Bildhauerei zu erlernen. Im Oktober 1889 übersiedelten auch die Welti-Eschers nach Florenz. Das kunstsinnige Paar wirkte als Mäzen des Malers und wollte ihm eine breite künstlerische Arbeit in Italien ermöglichen. Aus geschäftlichen Gründen reiste Emil Welti bereits nach kurzer Zeit in die Schweiz zurück und ließ seine ohnehin etwas vernachlässigte Gattin in der Obhut Stauffers zurück.

Karl Stauffer war damals 32 Jahre alt, während Lydia das 31 Lebensjahr erreicht hatte. Die Begeisterung für Stauffer und seine künstlerischen Projekte rissen Lydia regelrecht aus dem tristen Ehealltag. Beide wurden ein Paar. Frau Welti-Escher wollte sich scheiden lassen und Stauffer heiraten. Das Paar floh nach Rom. Nun ließ der mächtige Bundesrat Emil Welti und Vater des noch Ehemanns seine Beziehungen zugunsten des Sohnes spielen und sicherte sich die Hilfe der Schweizer Gesandtschaft in Rom.

Lydia Welti-Escher wurde mit der Diagnose des „systematisierten Wahnsinns“ in einem römischen Irrenhaus interniert. Karl Stauffer wurde verhaftet, zunächst der Entführung und des Diebstahls, später noch der Vergewaltigung einer Irrsinnigen beschuldigt. Nach Entlassung auf Kaution, wieder Einkerkerung und Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt, unternahm Stauffer im Juni 1890 einen Selbstmordversuch.

Eine Alpensinfonie _ ein Stimmungsbild © IOCO

Eine Alpensinfonie _ ein Stimmungsbild © IOCO

Lydia Welti-Escher wurde nach einem viermonatigen Aufenthalt im Irrenhaus vom „Ehegatten“ nach Zürich gebracht, wo sie als Preis einer Scheidung der Entschädigungszahlung an Welti in Höhe von1, 2 Mio. Franken zustimmte. Von der Züricher Gesellschaft geächtet, bezog Lydia in die Nähe von Genf ein Haus und nutzte ihr noch immer beträchtliches Vermögen dem Aufbau  der „Gottfried-Keller-Stiftung“, die „des Selbstständigmachens des weiblichen Geschlechts-wenigstens auf dem Gebiet des Kunstgewerbes, dienen sollte“.

Am 28. Januar 1891 gelang dann Karl Stauffer der Suizid. Er starb an einer Schlafmittel-Überdosis. Lydia Escher beendete am 12. Dezember 1891 ihr Leben durch einen Gasvergiftungs-Suizid. Über die Gründe, warum die Beiden vorher nicht wieder zueinandergefunden hatten und stattdessen den Freitod wählten, gibt es nur Vermutungen.

Bereits im Jahre 1900, dem Todesjahr Nietzsches plante Richard Strauss eine sinfonische Dichtung über das Schicksal Karl Stauffers. Nun wäre es doch unwahrscheinlich gewesen, wenn der Komponist die tragische Liebe Stauffers zu Lydia Escher dabei unbeachtet gelassen hätte. Möglicherweise hatte er auch in der Zeit um 1902 bereits Aspekte des Beziehungsdramas skizziert.

Eine Alpensinfonie – Nacht – Wiener Philharmoniker
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Ich könnte ich mir vorstellen, dass Strauss aber zu der Erkenntnis kam, dass die Tragödie Lydia – Karl wohl eher ein Opernstoff wäre, und dann mehr für Komponisten vom Schlage Puccinis oder dAlberts, um einige zu nennen.

Folglich wurde nur noch von „Einer Künstlertragödie“ gesprochen und die Komposition an der Bergwanderbegeisterung von Karl Stauffer festgemacht. Aber lassen nicht zahlreiche Motive selbst unter der Bezeichnung „einer Alpensinfonie“ Assoziationen einer leidenschaftlichen Beziehung zu. Vor allem in „Gewitter und Sturm“ erkenne ich doch die römischen Ereignisse der Katastrophe des Paares.

Gerhard Widmann hatte zu Recht ausgeführt, dass Strauss den Tod kaum jemals eindrucksvoller dargestellt hat, wie im letzten Teil der Alpensinfonie. Das aber passt wohl kaum zu einer glücklichen, wenn auch erschöpften, Rückkehr aus den Bergen. Es ist doch auch überliefert, dass Strauss mit dem mehrfach unterbrochenen Fortgang der Kompositionsarbeit die Figur Karl Stauffers mit der Person Nietzsches und dessen Philosophie zunehmend verquickt hat, was auch letztlich zum Arbeitstitel? „Antichrist und dann zu Der Antichrist- eine Alpensinfonie geführt hatte.

Der Königlich Preußische Generalmusikdirektor Richard Strauss  konnte schon aus religiösen Gründen diesen Titel nicht aufrecht halten und so ist die Musikwelt in der Partitur-Reinschrift mit Eine Alpensinfonie beglückt worden.

Das Werk, beginnend mit dem Aufstieg und endend mit dem Abstieg, sollte als ein Leben mit allen seinen Freuden und Strapazen interpretiert werden.

—| IOCO Besprechung |—

Dresden, Semperoper, Sächsische Staatskapelle – Gedenkkonzert, IOCO Aktuell, 15.02.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Daniel Harding – Henry Purcell  – Gustav Mahler

War es ein Gedenkkonzert zum 75. Jahrestag der Zerstörung Dresdens ?

von Thomas Thielemann

Daniel Harding, Jahrgang 1975, ist bereits mehrfach Gastdirigent bei Symphonie-konzerten der Sächsischen Staatskapelle gewesen. Zum Ende der Saison wird er seine Engagements in Paris und Stockholm aufgeben und ein Sabbatjahr nutzen, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Nachdem er bereits eine Lizenz als Verkehrsflieger erworben hat und erste Erfahrungen als Co-Pilotsammelte, wird er für ein Jahr bei der Air France als Pilot arbeiten.

Zunächst übernahm er noch einmal am 13. Februar 2020 die musikalische Leitung des Konzertes zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens vor 75 Jahren:

  • Henry Purcell:  Music for the Funeral of Queen Mary II.
  • Gustav Mahler:  Symphonie Nr. 10 (Aufführungsversion von Deryck Cooke)

In der Nacht zum 28. Dezember 1694 verstarb an den Folgen einer Pockenerkrankung die Queen Mary II. im Alter von 32 Jahren. Seit dem 11. April 1689 war sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Wilhelm III. von Oranien gekrönt worden, nachdem Beide die „Declaration of Rights“ des Konventionsparlaments akzeptierten und damit den Weg Englands zur konstitutionellen Monarchie ebneten. Als fanatische Protestantin unterstützte sie im Jahr vorher, den Sturz ihres katholischen Vaters König Jakob II., so dass nach ihrem Versterben in Pamphleten ihre Kinderlosigkeit und ihr früher Tod als Strafe Gottes gedeutet wurden. Die einbalsamierte Leiche der Königin war nach entsprechender Vorbereitung vom 21. Februar bis zum 5. März 1695 öffentlich aufgebahrt.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle Dresden mit Chor unter Daniel Harding © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle Dresden mit Chor unter Daniel Harding © Matthias Creutziger

Der Organist der Westminster Abbey und der Chapel Royal Henry Purcell (1659-1695) stellte für die Überführung  und Grablegung der Königin in der Westminster Abbey am 5. März 1695 aus seinen früheren Arbeiten sowie ergänzenden Kompositionen eine geistliche Musik, ein sogenanntes Anthem „Music for the Funeral of Queen Mary“ zusammen. Purcell, der bedeutendste englische Komponist seiner Zeit, sah für die musikalisch-allegorische Szene vier Zugtrompeten, Orgel und vierstimmigen Chor vor. Der Chor bestand aus den Stimmen Sopran, Countertenor, Tenor und Bass. Inzwischen sind eine Fülle von Arrangements und Bearbeitungen der Zusammenstellung, unter anderem mit Posaunen und Schlagwerken, entstanden. So wurde in einer elektronischen Fassung von Wendy Carlos das Anthem sogar als Titelmusik  von Stanley Kubricks Film Clockwork Orange verwendet.

Offensichtlich ist die “Funeral Music“ so besonders anrührend gelungen, weil Purcell die nur wenig jüngere Königin kannte, seit er am Hofe angestellt war und ihr alljährlich „mit betonter Liebe gearbeitete“ Geburtstagskantaten komponiert hatte. Dabei ahnte Purcell kaum, dass er bereits am 21. November 1695 36-jährig an einer Tuberkulose-Erkrankung sterben wird, und die der Queen gewidmete Trauermusik auch zu seiner Grablegung, die gleichfalls in der Westminster Abbey erfolgte, erklingen wird.

Unter der Leitung von Daniel Harding brachte der Sächsische Staatsopernchor und Musiker der Staatskapelle eine siebenteilige Fassung zu Gehör.

Mit einem gemessen-schreitender Trauermarsch in erhabenen c-Moll leiteten massive Trompeten und Posaunen, unterstützt von Pauken, die Trauermusik ein. Nahezu ohne Pause übernahm der ausgezeichnet eingestimmte Staatsopernchor mit sanfter Celesta-Unterstützung. Die Texte der folgenden drei Chorsätze für Sopran, Alt, Tenor, Bass, Trompeten und Basso continuo stammen aus dem „Buch des gemeinsamen Gebets“ nach Bibel-Zitaten:

  1. Mann, der von einer Frau geboren wird, hat nur kurz zu leben, und ist voller Elend
  2. Mitten im Leben sind wir im Tod
  3. Du kennst Herr, die Geheimnisse unseres Herzens

Mit der hohen Qualität des Chorgesangs, der Brillanz der beiden zwischen geschalteten „Canzonas“, schneller vierstimmiger Trompeten-Sätze, entwickelte sich, dank des mit Kontrast und Leichtigkeit geführtem Dirigat Hardings, der Mittelteil der Trauermusik zur wirkungsvoll gespenstigen Erscheinung. Rahmenartig erklang zum Abschluss des Anthems ein Marsch für Blechbläser und Schlaginstrumente, den Purcell ursprünglich für das Don-Juan-Schauspiel von Thomas ShadwellThe Libertine, or the Libertine Destroyed“ komponiert hatte.

Semperoper Dresden / Gedenkminute zur Zerstörung Dresdens - Sächsische Staatskapelle Dresden, Chor, Daniel Harding © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Gedenkminute zur Zerstörung Dresdens – Sächsische Staatskapelle Dresden, Chor, Daniel Harding © Matthias Creutziger

Kaum hatten die letzten Chorsänger die Bühne verlassen, ließ Harding das Adagio von Mahlers  Symphonie Nr. 10 anstimmen.

Seine zehnte Symphonie entwarf Gustav Mahler vermutlich 1910 während seines Sommeraufenthaltes im Südtiroler Altschluderbach, einem Ortsteil von Toblach. Im spartanischen Komponier-Häuschen im Pustertal fand er aber keine rechte Ruhe, denn Frau Alma hatte während eines Kuraufenthaltes in Tobelbach in der Steiermark mit dem noch jungen Architekten Walter Gropius eine Affäre begonnen. Mahler waren Briefe in die Hände gefallen, die ihn in tiefe Verzweiflung stürzten. Im August 1910 unterbrach Mahler die Komposition und reiste nach Leiden zu Sigmund Freud, um psychologische Hilfe zu erhalten So komplettierte er für seine zehnte Symphonie, außer dem Adagio, lediglich ein sogenanntes „Particell“, eine Vorform der Partitur mit reduziertem Notensystem aber ohne ausgearbeitete Instrumentierung. Der Versuch, die Arbeit an der Zehnten wieder aufzunehmen, scheiterte an der sonstigen Arbeitsbelastung Mahlers, einer USA-Reise sowie seiner gesundheitlichen Probleme.

Als Gustav Mahler am 18. Mai 1911 verstorben war, hinterließ er seiner Frau die fünf Sätze der zehnten Symphonie in verschiedenen Stadien der Fertigung: vom Particell bis zur instrumentierten  Partitur. Das Gerücht um eine letzte Symphonie des Spätromantikers als etwas mythologisch Verklärtem umschwebte das vermeintliche Werk. Es sei von einem Titan im Wissen um den nahenden Tod und der fragilen Aussicht auf das Jenseits geschaffen  worden.

Alma Mahler (1879-1964) beauftragte mehrere namhafte Komponisten, unter anderem Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch mit der Vollendung der Symphonie. Es liegen auch eine Reihe Komplettierungs-Versuche von Mahlers Zehnten, so unter anderem von Ernst Krenek (1900-1991), dem Wiener USA-Emigrant Friedrich Block, Hans Wollschläger (1935-2007), Clinton Carpenter (1921-2005) und Joseph Wheeler (1927-1977) vor. Unser sehr auf Korrektheit bedachtes Konzertbuch aus der Mitte der 1950-er Jahre schreibt zur Unvollendeten Mahlers, lediglich das ein „Adagio Fis-Dur aus der 10. Symphonie“ existiere.

Erst als die 84-jährige Mahler Witwe und Erbwalterin, die die Zehnte als “letzten Liebesbrief des Komponisten“ hütete, Aufnahmen des Orchesterpraktikers Bertold Goldschmidt (1903-1996) der Bearbeitung des britischen Musikwissenschaftlers Deryck Cooke (1879-1976) hörte, gab sie ihren Widerstand gegen eine Bearbeitung der Symphonie-Teile auf. Cooke verstand seine Rekonstruktion als Blick in die musikalische Werkstatt des Genies Mahlers. Er ergänzte auf denkbar uneitle Weise die Instrumentation, teilweise die Harmonik sowie den Kontrapunkt Mahlers, ohne seine eigene Persönlichkeit auch nur anklingen zu lassen. Nach Almas Tod tauchten im Nachlass weitere 44 Skizzen Mahlers auf. Gemeinsam mit den Brüdern Colin und David Matthes erarbeitet Cooke eine zweite „Aufführungsversion“ von Mahlers Zehnten, die er 1972 vorlegen konnte. Bis zu seinem Tode 1976 mühte sich Cooke um weitere Verbesserungen, so dass seine dritte, heute gültige Version, erst 1989 postum veröffentlicht wurde.

Semperoper Dresden / Daniel Harding und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Daniel Harding und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der unkomplizierte Amerikaner Remo Mazzetti (Jahrgang 1957), der neben Mahlers Nachlass, Cookes Fassung, auch Carpenters und Wheelers Bearbeitungen bestens kannte, war der Auffassung , dass Cooke zu vorsichtig vorgegangen sei und legte 1995 mit Leonard Slatkin eine eigene Einspielung vor. Ihr folgte 1999 noch der Russe Rudolf Barsay, der Italiener Nicole Samale und 2010 der Israeli Yoel Gamzou. Mithin ist zu vermuten, dass eine Vollendung von Mahlers „Unvollendeter“ eine ewig unvollendete Geschichte bleiben wird.

Aber ausgerechnet in diesem Gedenkkonzert fällt konzentriertes Zuhören schwer, wenn deine Ehepartnerin, die vor 75 Jahren als fast Sechsjährige in der Nacht zum 14. Februar 1945 ausgebombt und an der Hand ihrer Mutter durch das brennende Dresden geführt worden war, neben dir sitzt. Bei ihr sind die Erinnerungen noch momentan und die Namen ihrer Spielkameraden, die im Bombenhagel umgekommen waren, noch präsent. Und so wanderten die Gedanken trotz der im Adagio wunderbar aufspielenden Musiker der Staatskapelle mit den zarten langgezogenen Streicherpassagen zum selbst erlebten, zerstörten Dresden. Aber auch Überlegungen zu den schwierigen Lebensumständen des Schöpfers dieser wunderbaren Musik mischten sich ein.

Und so passiert es, dass nach den fast dreißig Minuten des ineinandergeflochten Seins der Gedanken zunächst gar nicht das Bedürfnis blieb, nach dem Adagio weiter Musik zu hören. Möglicherweise spielte dabei auch das Wissen um die Entstehungsgeschichte des noch zu Hörenden eine Rolle.

Aber die Experimentierfreudigkeit Mahlers mit dem häufigen Taktwechsel und die rhythmische Vertracktheit des ersten Scherzos machte wieder Appetit auf mehr, zumal Harding das doppelbödig ironische betonte und auf das unangenehm Vorantreibende verzichtete. Man bekam nie ordentlich Boden unter die Füße. Die Fröhlichkeit wandelte sich zunehmend ins Bedrohliche und das Lachen zur Grimasse.

Über den ohnehin kürzesten Satz der Symphonie, dem Purgatorio, also dem Fegefeuer, trieb Harding die Staatskapelle mit fast atemberaubendem Tempo. Dieser Satz gilt bekanntlich als Reminiszenz  an das Wunderhorn-Lied „Mutter, ach Mutter! Es hungert mich, Gib mir Brot, sonst sterbe ich“ das endet „und als das Brot gebacken war, Lag das Kind auf der Totenbahr“. Diese Dramatik erdrückte von vornherein jede schöne Ausmalung.

Das Scherzo des vierten Satzes blieb deshalb auch bei Harding eher dämonisch, wobei er großartig den musikalischen Zusammenhang mit geistiger Haltung herstellte. Der Satz endete  mit Schlägen auf der gedämpften Trommel, einer Erinnerung Mahlers an eine zufällige Begegnung mit dem Begräbniszug für einen New Yorker Feuerwehrmann.

Den Finalsatz gestaltete Daniel Harding zu einem aufwühlenden Moment mit extremen Gefühlsausschlägen, die sich letztlich zu freundlich-fröhlicher Gelöstheit aufschwangen.

Damit verschaffte uns Daniel Harding mit der wunderbaren Sächsischen Staatskapelle und dem Staatsopernchor ein Spitzenkonzert, das aber erst durch die Gedenkminute und den fehlenden Beifall zum Gedenkkonzert wurde.

Ich erinnere mich noch der Zeit, als es den Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle ein Bedürfnis war, aus Achtung vor den Opfern des Bombenterrors das Konzert am 13. Februar 1945 selbst zu dirigieren. Nun sind die meisten der Angehörigen von Bombenopfern verstorben und viele Erinnerungen verblasst, so dass eine würdige Programmgestaltung inzwischen als ausreichend gelten dürfte.

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

Von den Salzburger Osterfestspielen nach Dresden – Regie Jens-Daniel Herzog

von Thomas Thielemann

Nach der Vollendung der Partitur seiner Oper Tannhäuser stieg am 3. Juli 1845 der Dresdner Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau, Hund, Papagei und jeder Menge Lektüre über die deutsche Literaturgeschichte in der Pension „Zum Kleeblatt“ im böhmischen Marienbad zum Zwecke eines längeren Kuraufenthalts ab. Ob es nun die Leere nach Abschluss der Komposition war, jedenfalls fand Wagner in den Badewannen und bei den Liegekuren keine Ruhe. Er erinnerte sich eines unklaren Lohengrin-Konzepts seiner Pariser Jahre und der Beschäftigung in Onkel Adolfs Bibliothek mit der Meistersinger-Tradition der Nürnberger Handwerker-Gilden. Neben einer Lohengrin-Dichtung entstanden in Marienbad drei Akte eines heiteren Satyrspiels über die Meistersinger von Nürnberg als eine gewisse Kompensation zur Arbeit am mystischen Tannhäuser. Dieser erste Entwurf basierte auf Wagners Begeisterung für die altdeutsche Art und Kunst. Auch begrenzte er seine Aussage auf eine ironische Betrachtung des Formalen im Künstlerischen und ließ das Stück mit einer Prügelei abschließen.

Meistersinger – Dirigent Christian Thielemann führt ein
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Der Stoff blieb dann liegen, weil Wagner weiter am Lohengrin arbeitete, sowie 1846 Skizzen zu einem Barbarossa-Drama und einem Drama über Alexander dem Großen erarbeitete. Aus dem Alexander-Stoff sei dann, weil die Ermordung eines Getreuen des Albaners ihn an die Nibelungengen-Sage erinnerte, Siegfrieds Tod und damit später der Ring des Nibelungen abgeleitet worden.

Erst im Oktober 1861, also mitten in den „Tristan-Kalamitäten“, begann Richard Wagner während eines Aufenthaltes in Wien, den Meistersinger-Stoff wieder aufzunehmen. Als Gegenentwurf zur Dresdner Satire war der Verzichtsaspekt zum zentralen Thema geworden. Bereits im Dezember 1861 konnte er den Prosaentwurf vorlegen. Die Komposition erfolgte ab 1862, auch wegen der wechselnden Lebensumstände, ziemlich unsystematisch und regelrecht wie die Herstellung eines Flickenteppich. Trotzdem war 1866  der erste Aufzug, wenn auch lückenhaft vollendet. Erst in der Tribschen-Zeit arbeitete Wagner intensiver an der Fertigstellung der Komposition, so dass er am 24. Oktober 1869 die Partitur abgeschlossen vorlegen konnte.

In seiner Meistersinger-Inszenierung der Osterfestspiele 2019 in Salzburg baute Jens-Daniel Herzog das Portal der Semperoper auf der Bühne des Festspielhauses auf und präsentierte die Wagner-Oper als „Theater auf dem Theater“. Dabei bezieht er neben der Heimat der Dresdner Staatskapelle auch Anklänge an sein Nürnberger Haus ein.

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Georg Zeppenfeld als Hans Sachs, Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Georg Zeppenfeld als Hans Sachs, Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Dieses Prinzip behielt Herzog auch bei seiner Adaption der Osterfestspiel-Arbeit in die Semperoper bei, bot somit Regietheater im eigenen Saft. Hans Sachs, bzw. sein „Darsteller“, firmiert dabei im Wechsel als Intendant, Regisseur, Beleuchter, aber hin und wieder als Schuster oder Meistersinger. Ich glaube, sogar Rückgriffe Herzogs auf frühere Dresdner Meistersinger-Inszenierungen erkannt zu haben.

Da der Regisseur sich in seinem Metier befunden hat, fiel es ihm leicht, ein lockeres Kammerspiel auf die Bühne zu bringen. So können die Agierenden mal in historischen Kostümen, mal in Alltagskleidung auftreten. Selbst in der grenzwertigen Festwiese habe ich die Stimmung selbst erlebter Dorffeste im Nordhessischen wieder gefunden. Nahezu unpolitisch bringt die Regie den hochpolitischen Text auf die Bühne.

Statt des Welttheaters wurde aber musikalisches Weltklasse-Theater geboten, so dass Jens-Daniel Herzog dem eher konservativen Dresdner Operngängern und ihren Stammgästen doch weitgehend entgegen gekommen war. Das musikalische Gerüst boten die hervorragenden Musiker der Staatskapelle mit einem konzentrierten sängerfreundlichen Dirigat Christian Thielemanns. Eine wunderbare Klangbalance, Esprit, Vitalität und die Buchstabierung der schönsten Stellen bestimmten die musikalische Dramaturgie der Premiere. Dabei wurden die Streicher gelegentlich bis an die Grenze der Hörbarkeit zurück genommen.

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Die hervorragende Riege der Gesangssolisten führte Georg Zeppenfeld als ein eher intellektueller Hans Sachs an. Zwar von allen geachtet und geschätzt, zeigte er sich innerlich zerrissen auf der Suche nach Größerem. Seine Spielfreude, der unangestrengte Glanz seiner Stimme und die hervorragende Wortverständlichkeit machten jeden Moment seiner Auftritte zur Freude. Unvergessen wird sein Fliedermonolog bleiben. Seinen Gegenspieler, den Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, demütigt er nicht und verzichtet berührend auf eine Werbung um die Tochter Eva seines Freundes Veit Pogner.

Den Walther von Stolzing  sang und spielte Klaus Florian Vogt mit heller, samtig leuchtender Stimme, guter Textverständlichkeit und jugendlich schnöseligem Auftreten. Camilla Nylund bot eine selbstbewusste großartig-stimmschöne Eva, die damit die Rolle aus ihrer Passivität herausholte und eine liebenswerte Persönlichkeit gestaltete. Adrian Eröd war ein nobler Sixtus Beckmesser, fern jeder Judenkarikatur, mit leichtem schönem Bariton ausgestattet.

Eine besondere Pracht waren die übrigen Meistersinger-Besetzungen. Großartig war der Goldschmied Veit Pogner von Vitalij  Kowaljow, der mit seinem dunklen Bass die notwendige Autorität ausstrahlte. Markus Miesenberger, Iurie Ciobanu,  Patrik Vogel und Beomjin Kim verkörperten mit sicheren Tenorstimmen den Zinngießer Balthasar Zorn, den Kürschner Kunz Vogelsang, den Würzkrämer Ulrich Eißlinger sowie den Schneider August Moser. Des Weiteren verkörperten Günter Haumer den Spengler Konrad Nachtigall, Oliver Zwarg den Bäcker Fritz Kortner, Rupert Grössinger den Seifensieder Hermann Ortel und Christian Hübner den Strumpfwirker Hans Schwarz.

Meistersinger – Georg Zeppenfeld führt ein
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Hinter dieser opulenten Sängerriege müssen sich der souveräne Sebastian Kohlhepp mit seinem leicht abgedunkelten Tenor als David, die zuverlässige Christa Mayer mit ihrer in der Höhe brillanten und in der Tiefe angenehmen Stimme als Magdalena sowie der Bassist Alexander Kiechle als Nachtwächter auf keinen Fall verstecken. Vital und feurig agierte der Staatsopern-Chor auf der Festwiese und mit dem „Wach auf“.

Eine Bemerkung noch zum Vergleich mit der Vorstellung im Salzburger Festspielhaus: Die Staatskapelle mit dem Dirigat von Christian Thielemann hört sich im Semperbau eleganter und kompakter als im gewöhnungsbedürftigen Salzburger Festspielhaus an. Es bleibt doch deutlich, dass ihr „Dresdner Klang“ sich aus den akustischen Bedingungen des Hauses entwickelt hat. Auch der Eindruck des Gesangs erscheint unmittelbarer. Deshalb wäre eine Verpflanzung der Osterfestspiele der Staatskapelle nach Dresden ab 2023 zumindest für den Klang der Opernaufführungen ein ästhetischer Gewinn.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Beethoven-Zyklus -„Schicksals-Symphonie ?“, IOCO Kritik, 15.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Beethoven-Zyklus  _ „Schicksals-Symphonie ?“

Beethoven-Zyklus der Sächsischen Staatskapelle – 6.Symphonie-Konzert der Saison 2019/20

von Thomas Thielemann

Beethovens 4. Symphonie war über lange Zeit seltsamer Weise vergessen Dabei gehörte sie zu Lebzeiten zu seinem erfolgreichsten symphonischen Werk. Als er die Symphonie komponierte, galt er als heiter, zu jedem Scherz aufgelegt, frohsinnig, munter, lebenslustig und nicht selten satirisch. Verursacht wurde diese Stimmung durch seine Verliebtheit in die Gräfin  Josephine Brunsvik (1779-1821), mit der er von 1804 bis 1809 glühende Liebesbriefe austauschte. Einer von Beethoven angestrebte Ehe widersetzte sich die Familie der bereits aus erster Ehe verwitweten Josephine. Diese akzeptierte die Familienentscheidung, weil sie ansonsten das Sorgerecht der vier Kinder aus dieser ersten Ehe und den Hauptteil ihres Vermögens verloren hätte. Die Verbindung mit Beethoven blieb aber offenbar bestehen, denn Josephine gilt als wahrscheinliche Adressatin der „Briefe an meine unsterbliche Geliebte“. Auch bei der unehelichen Tochter Josephines, Minona von Stackelberg (1813-1897), wird Beethovens Vaterschaft vermutet.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven komponierte seine B-Dur-Symphonie op. 60 vermutlich ziemlich zügig von 1805 bis zum Herbst 1806, parallel der Arbeit zur 5. Symphonie, der  Schicksals-Symphonie. Mit dem Schwung frischer Verliebtheit entstanden, scheint die gelöst-romantische Komposition nicht so recht in das sonstige Wesen des eher faustischen Beethoven zu passen.

Christian Thielemann interpretierte die im Zusammenspiel heikle B-Dur-Symphonie wie aus einem Guss. Mit der langsamen Einführung brillierten die Musiker der Staatskapelle mit Präzision und einer Vielzahl der Klangfarben, bis sich die Szene mit dem Allegro vivace endlich auflichtete. Die beiden Mittelsätze ließ Thielemann einfach schön und energisch spielen. Der zweite Satz wurde mit äußerster Sorgfalt für Phrasierung und Klangnuancen dargeboten, während der dritte mit mustergültigen Übergängen, berückenden Schattierungen und makellosen Soli zu hören war. Der Finalsatz, von Beethoven als Huldigung Haydns angelegt, wurde als musikalischer Gegensatz einer klaren Linie der Streicher mit der Virtuosität insbesondere der Holzbläser dargeboten.

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus - hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus – hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Im Gegensatz zur vierten Symphonie arbeitete Beethoven an seiner C-Moll-Symphonie fast acht Jahre, wenn man die aus dem Jahre 1800 stammenden Notizen einbezieht. Konkrete Aufzeichnungen des Komponisten zur Auseinandersetzung mit der „Idee vom Schicksal“ enthält sein Skizzenbuch vom Februar und März 1804. Es folgten vier Jahre des Ringens um die gültige Formung des entworfenen, wieder verworfenen und neu geformten Materials. Es waren vier Jahre der immer wieder unterbrochenen und wieder aufgenommenen Arbeit, die aber auch angefüllt vom schöpferischen Wirken in anderen Formen gewesen sind, so der vierten B-Dur- und der sechsten F-Dur-Symphonien.

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Konsequent strebte Beethoven nach Neuem in seinem, neben der Neunten Sinfonie, populärstem Werk. Ob der Begriff Schicksalssinfonie tatsächlich von Beethoven geprägt worden ist, wird inzwischen bezweifelt. Möglicherweise hat der etwas zwielichtige Geiger Anton Schindler (1795-1864), der ab 1822 Sekretärs-Dienste bei Beethoven übernommen hatte, seine Finger im Spiel gehabt, um eine besondere Vertrautheit zu mit herauszustellen.

Christian Thielemann dirigierte im zweiten Konzert seines Dresdner Beethovenzyklus eine moderne, bisher in dieser Form noch nie gehörte c-Moll-Sinfonie. Da waren wenige Anklänge an das „Schicksal“ zu hören, denn der Schicksalsbegriff schließt Passivität ein. Auch die Dresdner Interpretation kann die Irrungen und Wirrungen der langen Entstehungszeit der Komposition nicht ignorieren. Aber die Entwicklung der Klangräume führte letztlich zu einem hellen Finale, bei dem alles Vergangene, Düstere, Zweifelnde, Grüblerische vertrieben ist.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Mit den phantastischen Möglichkeiten der Sächsischen Staatskapelle entwickelt Thielemann den ersten Satz (Allegro con brio) vom Dämonischen zum Enthusiastischen. Die klagenden Stimmen der Holzbläser erinnerten am Satzschluss, dass die Auseinandersetzung noch nicht beendet ist. Fast beschwichtigend war, auf den Marschcharakter weitgehend verzichtend, der zweite Satz zunächst ruhig und bewegt gestaltet. Danach sind neben den hervorragenden Streichern mit beeindruckenden Tempowechseln mal Blech- und mal Holzbläser eingesetzt, bevor mit dem Allegro-Satz eine düstere, scheinbare Restauration der Kräfte der Finsternis angedeutet wurde. Beeindruckend antworteten im Wechsel die Streichermit den Holzbläsern, der Pauke von Manuel Westermann sowie den Blechbläsern um Zoltán Mácsai, Helmut Fuchs und Jonathan Nuss. Ein prachtvolles Flötensolo von Andreas Kißling führte zur Gewissheit des Sieges der Kraft des Neuen und Humanen.

Wie ein elementares Ereignis lässt Christian Thielemann mit der Entwicklung einer Fülle von stürmisch vorwärtsdrängenden Motiven im Finale eine klare, fast tagespolitisch notwendige „Siegessinfonie“ auferstehen.

Mit heftigen, stehenden Ovationen danken die Zuhörer den Musikern der Staatskapelle und vor allem ihrem Chefdirigenten bis der Konzertmeister Nathan Giem seine erschöpften Kollegen vom Podium entlässt.

Unter dem Aspekt Schicksals-Symphonie hatte ich mir zwischen Generalprobe und Konzert meine persönlichen „Beethoven-Referenz-Aufnahmen“ des Gewandhaus-orchesters Leipzig herausgesucht. Mit dem Wissen von heute beschlich mich der Verdacht beim Nachhören der ETERNA-Mono-Einspielungen von 1960, dass damals Franz Konwitschny schon seine Zweifel an der Bedeutung des Schicksals in der Beethoven-Komposition hatte.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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