Dresden, Dresdner Staatskapelle, Ein Sommernachtstraum – Henze – Mendelssohn, IOCO

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Ein Sommernachtstraum – William Shakespeare

Interpretationen von Henze und Mendelssohn – Mit Fragezeichen

von Thomas Thielemann

Seit der damals dreißigjährige Vladimir Jurowski mit Pendereckis Oper Der Teufel von London  in Dresden debütierte, ist er regelmäßig Gastdirigent der Staatskapelle Dresden. Dabei ist er ein Garant für außergewöhnliche Programme und Werkfolgen. 1990 von Moskau nach Deutschland gekommen, war er zunächst Student der Dresdner Musikhochschule und konnte auch bei Colin Davis hospitieren. Dabei war bereits vorher der Name Jurowski für das hiesige Konzertleben ein fester Begriff, denn der Vater Michael Jurowski (geboren am Weihnachtsabend 1945) war seit 1988 häufiger Gastdirigent der Staatskapelle, der Philharmonie und der Gohrischer Schostakowitsch-Tage.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

10. Symphoniekonzert der Staatskapelle Dresden

Bereits mit der Eröffnung des Konzerts mit Carl Maria von Webers  Ouvertüre zu Oberon werden die Tugenden des Orchesters seiner Fähigkeit zu feinsten dynamischen Abstufungen sofort deutlich. Mit  sattem Streicherklang, neben dem mit großer Wärme intonierten bekannten Hornmotiv, entwickelt Jurowski die Komposition vom ruhigen Einleitungsteil bis zur intensiven Steigerung des klangmalerischen Teils und stimmt so sein Publikum auf die etwas härtere Folgekost ein.

Heinz Werner Henze (1927 in Gütersloh geboren und 2012 in Dresden verstorben) gehört zu den bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts und ist dem heimischen Publikum, 2012 Capell-Compositeur der Staatskapelle,  mit der Agitprop-Oper-Inszenierung „Wir erreichen den Fluss“ noch in Erinnerung. Als explizit politischer Künstler hatte Henze die anscheinend abstrakten Aspekte seiner Kompositionen nie als Selbstzweck betrachtet. In der Kontrastbildung sah er die Möglichkeit Stellung zu beziehen, sich gegen das Elitäre im klassischen Kulturbetrieb zu wenden.

Seine Symphonien hatte er gelegentlich als Studien für seine Opernkompositionen  bezeichnet. Die Sinfonia N. 8, in den Jahren 1992/1993 auf Ischia entstanden, war ein Auftragswerk des Boston Symphony Orchestra. Die Symphonie  ist heiterer und beschwingter als viele Werke Henzes, fügt sich zur südländischen Wahlheimat des Komponisten, war sie doch von drei Episoden aus Shakespeares Sommernachtstraum  inspiriert.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Isabel Karajan rezitierte jeweils vor der Wiedergabe der Henzeschen Auslegung der Episoden die Verse von Schlegels wortgewaltiger Shakespeare-Übersetzung aus der linken Proszeniumsloge.  In Jurowskis folgenden  Interpretation war zu spüren, dass er sich intensiv mit der dreisätzigen Partitur auseinander gesetzt hatte. Dabei schien es ihm wichtig, die Spannung und Motivation über die knappe halbe Stunde der Aufführungszeit zu halten. Jurowski dirigierte mit präzisen sparsam dosierten Gesten. Nur kleine Bewegungen der Arme sowie Hände, die sich über die Fingerspitzen den Musikern mitzuteilen schienen und so ihre Wirkung zu erreichten. Mit dieser Intensität und der nach meinem Empfinden makellosen Darbietung hätten wir vor Jahren „Henze“ gern gehört.

Die Rezitation hatte die Sätze „Allegro“, „Alle anzeigen mit comodo tenerezza e ballabilità“ und „Adagio“ deutlich voneinander abgegrenzt  und dem aufgeschlossenen Hörer ein prachtvolles Erlebnis gesichert.

Nach der Konzertpause folgte dann als Kontrast die vollständige Bühnenmusik zu Ein Sommernachtstraum  von Felix Mendelssohn Bartholdy mit einer teilszenischen Aufführung. Der uns von der Zusammenarbeit mit Isabel Karajan bereits bekannte Eventspezialist  Klaus Ortner hatte eine launische Szene eingerichtet und aus Wien den Lichtdesigner Sandro G. Frei  mitgebracht, um den Solistinnen, dem Chor sowie  dem Orchester Voraussetzungen für eine feierliche Würdigung der kompositorischen Glanzleistung Mendelssohns zu verschaffen.

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Dieser komponierte, nachdem er, als der 17-jährige Felix sich mit der Schlegel-Tieckschen-Übersetzung des  Shakespeare’schen  Ein  Sommernachtstraum   beschäftigt hatte, 1826 seine einsätzige Ouvertüre op. 21 zur Schauspielmusik. Mit dieser Arbeit hatte er bereits alle vier der mit einander verwobenen Handlungsstränge der romantischen Komödie eingeschlossen. 1842, Mendelssohn war bereits Musikdirektor des Leipziger Gewandhausorchesters, entstanden  auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Kompositionen, die als eine Zwischenakt-Musik gedacht waren. Offenbar dauerten die aufwendigen Bühnenumbauten der Tieckschen Inszenierung dem Monarchen zulange. Dank der Eingängigkeit insbesondere der Chor- und Solostellen gelang Mendelssohn eine Einbeziehung seiner Komposition in das eigentliche Bühnengeschehen, so dass  eine  vollständige Bühnenmusik mit Frauenchor; Soli und Orchester op. 61 entstanden war. Glaubt man Ines Pasz, ist diese Symbiose auch nicht ohne Reibung zwischen Felix Mendelssohn und dem Theaterauguren Ludwick Tieck von statten gegangen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Das Orchester mit Vladimir Jurowski konnte auch  die Ouvertüre und das Scherzo mit der uns gewohnten Qualität anklingen lassen, als aus der Streichergruppe eine aufmüpfige Musikerin, „bewaffnet“ mit einer Geige auftauchte und das Heft in die Hand nahm. Sprachlich und körperlich unentwegt aktiv, aber mit wenig Einfühlungsvermögen in das Musikalische versuchte sie in die Traumwelt Shakespeares hineinzuspringen und sich die Figuren zu eigen zu machen. Unentwegt brachte  Karajan neue Requisiten ins Spiel. Selbst ein Palettenwagen, der als Bühne, Künstlergarderobe, Brautbett und Werkzeuglager für die Handwerker herhalten konnte, wurde auf die Bühne gezogen. Diese etwas flippige Darstellung lenkte die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf Isabel Karajan, sodass die Präsenz der übrigen Beteiligten zurück trat. Auch musste man gut vorbereitet sein, wollte man Ansagen der Sprecherin (eigentlich Schauspielerin) folgen.

Gelegentlich nahm sich Isabel Karajan zurück und erlaubte Jurowski mit dem Orchester, dem Chor und den beiden Solistinnen Tuuli Takala (Sopran) und Stepanka Pucalkova (Mezzosopran) Passagen dieser genialen Komposition unbeeinflusst darzubringen. Aber irgendwie verschaffte dies dem Dargebotenen  einen zerfaserten Eindruck. Selbst das Genießen der Soli- und der Chorstellen sowie der wundervollen Orchestrierung Mendelssohns erforderte zumindest meine Konzentrationsfähigkeit  bis ihre die Grenzen. Auch Vladimir Jurowski hatte offenbar erhebliche Mühe, seinen Orchesterleitungsstil ähnlich präzise umzusetzen, wie es ihm im ersten Konzertteil gelungen war.

Das überwiegend Dresdner Abonnemente-Publikum spendete freundlichen Beifall, wobei aber auch für die hiesigen Verhältnisse ungewöhnlich intensive Buhrufe und Pfiffe zu hören waren. Gefeiert wurden allerdings neben Valdimir Jurowski die beiden Ensemblemitglieder des Hauses Tuuli Takala und Stepanka Pucalkova.

Wie ist das Fazit des zweiten Teils des Konzertes?

Hat Event-Theater nach der Opernbühne auch das Konzertpodium erreicht?  Wollten die Macher der zweifelsfrei imponierenden Isabel Karajan die Bühne zu einer außergewöhnlichen Leistung verschaffen? Was auch immer die Motivationen waren, ich hätte mir gewünscht, Felix Mendelssohn-Bartholdys 13 Teile der „vollständigen Bühnenmusik mit Soli und Frauenchor“ als Zugabe nachgereicht  zu erhalten.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Palmsonntagskonzert – Omer Meir Wellber, IOCO Kritik, 20.04.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

 Palmsonntagskonzert der Staatskapelle Dresden 

1827 entstandene Konzert – Tradition lebt

von Thomas Thielemann

Im Frühjahr 1827 erging von der Intendanz der königlichen Hoftheater an den Hofkapellmeister Francesco Morlacchi der Befehl, künftig an Palmarum ein Konzert zu veranstalten, dessen Erlös den Witwen, Waisen sowie in Not geratenen ehemaligen Musikern zu Gute kommen sollte. Ob das soziale Engagement im Vordergrund stand oder ob sich die katholisch geprägte Hofkultur von dem protestantisch orientierten bürgerlichen Kulturleben abheben sollte, bleibt offen. Zumindest haben sich die „Palmsonntagskonzerte der Staatskapelle“ bis dato tradionell im Konzertkalender etabliert.

Nun ist Palmarum der letzte Sontag vor dem Osterfest und damit mitten in den seit 2013 von der Sächsischen Staatskapelle ausgerüsteten Salzburger Oster-Festspielen. Damit befindet sich der größte Teil des Orchesters zum Termin in der Festspielstadt, so dass sich die von Herbert Blomstedt favorisierten Aufführungen von Beethovens Neunter oder der Matthäus-Passion bzw. des Brahms Requiem verbieten und man vorwiegend auf die zur Bespielung der Opernaufführungen verbliebenen Musiker und möglichst vielen Gästen sowie auf ein geeignetes Repertoire angewiesen ist.

Mit der musikalischen Leitung des als 9. Symphoniekonzert der Staatskapelle ausgeschriebenen Konzerts war der 1. Gastdirigent der Semperoper Omer Meir Wellber betraut worden. Der 1981 in Israel geborene Shootingstar ist in Dresden ausgezeichnet vernetzt und hat auch hier eine feste Wohnung.

Saechsische Staatskapelle / Palmsonntagskonzert - Dirigent Omar Meir Wellber, Cellist Steven Isserlis © Oliver Killig

Saechsische Staatskapelle / Palmsonntagskonzert – Dirigent Omar Meir Wellber, Cellist Steven Isserlis © Oliver Killig

Zu seiner Unterstützung hatte er den britischen Star-Cellisten Steven Isserlis und vor allem den Dresdner Kammerchor eingeladen. Dieser Chor, 1985 von seinem Leiter Hans-Christoph Rademann als gemischtes Ensemble aus Musikstudenten, ausgebildeten Sängern und qualifizierten Laiensängern ist der Musikhochschule „Carl Maria von Weber“ partnerschaftlich verbunden und ermöglicht Gesangs- und Dirigierstudenten bereits während der Ausbildung chorpraktische Erfahrungen zu sammeln.

Mit dem „Amen für gemischten Chor a capella  op. 35“ des polnischen Komponisten Henryk Góretzki stellte der Kammerchor am Beginn des Konzertes bereits sein hohes Leistungsniveau unter Beweis. Da der Text des Werkes ein einziges Wort ist, bleibt als abstrakte Struktur der Darbietung eine Reihe von Atemzügen, nachhaltig, langsam strömend, wie eine Meditation vorgegeben. Nach einem Aufbau zu einem Höhepunkt wechselt die Musik zu Parallelbewegungen, wobei die unteren Stimmen die obere eine Oktave auseinander verdoppeln. Es folgt eine triumphale Passage bis die Klangfülle in modale Harmonie übergehend das 8-Minutenwerk abschließt. Góretzki schrieb das Werk zwischen 1972 und 1975 als eines von drei Stücken seiner Hommage an die Tradition des polnischen Kirchenliedes geschrieben.

Saechsische Staatskapelle / Palmsonntagskonzert - hier :  Dirigent Omar Meir Wellber © Oliver Killig

Saechsische Staatskapelle / Palmsonntagskonzert – hier : Dirigent Omar Meir Wellber © Oliver Killig

Für Darbietung Joseph Haydns  „Violoncello Konzert D-Dur“ hatte der britische Cellist mit russischen Wurzeln Steven Isserlis das ihm zur Verfügung gestellte Stradivari-Cello von 1726 Marquis de Corberon mit seinem berückend warmen und besonders sattem Bass  mitgebracht. Komponiert hat Haydn das Cellokonzert Nr. 2 im Jahre 1783. Haydn war 1781 mit Wolfgang Amadeus Mozart zusammen getroffen. Trotz der 24 Jahre Altersunterschied musizierten sie gemeinsam, tauschten Auffassungen aus und befreundeten sich. Man vermutet, dass der Ältere  die weiche, geschmeidige Melodik, das singende Allegro vom Jüngeren übernommen hat.

Steven Isserlis erweist sich immer wieder als hervorragender Musiker. Er ist Solist, Kammermusiker, Lehrer, Autor und Radiomoderator. Während seines Spiels kommuniziert er mit seinen Mitspielern: lächelt den Dirigenten an und scheint sich mit dem Konzertmeister zu verständigen. Dann schaut er wieder auf einen nur ihm bekannten fernen Punkt. Selbst bei den komplizierten Passagen schaut er nicht auf seine Finger. Seine Virtuosität ist unvergleichlich. Als Zugabe spielte er ein etwas schräges pizzicato-Stück: Chonguri von Sulkan Tsintsadze. Mit der Kraft seiner Technik und der Beherrschung seines Instruments führte uns Isserlis dabei vom Erhabensten zum Profansten, vom poetischsten zum  wildesten Ausdruck.

Strahlend und imposant, dabei auf fast kammermusikalische Weise interpretierte Omer Meir Wellber im zweiten Konzert-Teil mit dem souveränen Kammerchor und Musikern der Staatskapelle Haydns „Missa in Angustiis“– die Messe in Zeiten der Bedrängnis, die oft auch als „Nelson-Messe“ bezeichnet ist. Ihm zur Seite steht ein international erfahrenes Sängerquartett.

Eine Deutung der Nelsons-Zuordnung  kolportiert, dass Haydn während  der Komposition des Benedictus im August 1798 die Nachricht des Sieges der Flotte Nelsons über Napoleon  in der Seeschlacht vor Abukir erhielt und umgehend kompositorisch seine düstere Kriegsstimmung in Trompetenfanfaren und in den jubilierenden Abschluss der Messe umsetzte. Andere behaupten, der Kriegs- und Frauenheld sei 1800 beim Fürsten Esterházy zu Besuch gewesen und man habe ihm zu Ehren eine  Aufführung eben dieser Messe gegeben.

Bedeutungsvoller für den Charakter der Komposition war aber, dass der Fürst die Holzbläser seines Orchesters entlassen hatte und Haydn für eine umgehend anstehende Aufführung drei zusätzliche Trompeten in die Besetzung aufnehmen musste. Erst später wurden die Holzbläser und die Hörner der Komposition zugefügt, so dass die erlebte etwas ungewöhnliche Orchester-Besetzung entstanden ist.

Als  Gesamteindruck überzeugte Wellbers Interpretation mit ihrer Lebendigkeit. Er dirigierte mit weit ausholenden Armbewegungen extrem akzentuiert, spielte aber auch einige Passagen auf dem Cembalo selbst. Dem hervorragend vorbereiteten Chor gelang eine plastisch wirkende Gestaltung einer Landschaft in der sich lyrische Passagen mit solchen von expressiver Prägung wie Berge und Täler verbanden.

Die außergewöhnlich ausladenden Solopartien wurden engagiert dargeboten. Die Stimme der schwedischen Sopranistin Camilla Tilling klang klar, frisch und jugendlich. Ihre Interpretation war die einer reifen Künstlerin. Die ebenfalls aus Schweden stammende Katija Dragojevic bot uns die wunderbare Wärme ihres anschmiegsamen, wasserklaren wie berührenden Mezzosopran.

Saechsische Staatskapelle / Palmsonntagskonzert © Oliver Killig

Saechsische Staatskapelle / Palmsonntagskonzert © Oliver Killig

Bei dieser weiblichen Stimmpracht hatte es der noch junge portugiesische Tenor Luis Gomez schwer, ein männliches Pendant aufzubieten. Dem aus der Schweiz stammenden Bassbariton Milan Siljanov gelang das schon eher, zumal er von dem Ensemble Lamaraviglia reiche Erfahrungen mit der Interpretation von Kammermusik der Renaissance und des Barocks mitbrachte.

Mit den Musikern der Staatskapelle und dem Organisten Johannes Wulff-Woesten hielt Omer Meir Wellber die Mitwikenden sorgsam austariert zusammen und erreichte so eine strahlende und imposante Aufführung.

Zwei Anmerkungen:

– Aus Proben wird eigentlich nicht berichtet. Aber man hatte ob des Salzburger Orchestereinsatzes dem noch jungen Dirigenten nicht einmal einen Assistenten im Stammhaus belassen, so dass er während seiner Generalprobe mehrfach den Dirigentenplatz verlassen musste, um im Zuhörerbereich die Klangverteilung und Ausgewogenheit von Chor und Orchester zu überprüfen. Sein lockeres Erklimmen des Konzertpodiums erregte dabei ordentliche Bewunderung.

– Das wunderbare, von Steven Isserlis vorgestellte  Cello Nr. 40655 wurde 1726 in der Werkstatt Antonio Stradivari in Cremona gefertigt und gehörte bis 1789 dem jeweiligen Marquis de Corberon. Die Familie teilte aber nicht das Glück des Cellos und starb 1789 in den Wirren der Französischen Revolution. Das Instrument gelang in die Hände des Pariser Cellisten Loeb und später nach England zu Elizabeth Chapman und Audrey Melville. Letztere übergab das Instrument 1960 der Royal Academy of Music London. Es wurde seit dem bis 2002 von der legendären kanadischen Cellistin Zara Nelsova (1918-2002) gespielt, so dass es oft mit dem Zusatz „Nelsova“ bezeichnet ist. Der britische Instrumentenbauer Roger Hansell hat vom Cello einen Nachbau mit einem so guten Ergebnis versucht, dass der russische Musiker Mstislaw Rostropowitsch (1927-2007) begeistert verlangte: „Ich will dieses Cello“.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Sonderkonzert mit Rudolf Buchbinder, 08.03.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle – Rudolf Buchbinder

– Ludwig van Beethoven –

von Thomas Thielemann

Inzwischen zur schönen Tradition geworden, kommt zumindest einmal im Jahr Rudolf Buchbinder nach Dresden, um im Semperbau mit Musikern der Sächsischen Staatskapelle eine Sonderkonzert-Matinee zu geben.

Wie meistens trat er sowohl als Solist als auch als Dirigent am 3. März 2019  in Erscheinung. Die besondere Verbindung zwischen Buchbinder und den Musikern wird damit verstärkt und führt zu besonderen Klangentwicklungen. Seine tiefgründigen intensiven Interpretationen bringen eine einzigartige Atmosphäre- es gibt kaum einen anderen, der Beethoven derart vollendet  und auf diesem Niveau spielt. Ebenso hatte der Ausnahme-Pianist und Orchesterleiter in dieser Formation mit Beethoven Klavierkonzerten im Dezember 2017 zwei Gastkonzerte in Abu Dhabi gegeben und im Januar 2018 eine Tournee mit Konzerten in  Berlin, München und Essen bestritten.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Rudolf Buchbinder © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Rudolf Buchbinder © Matthias Creutziger

Buchbinder ließ im Kozert am 3.3.2019 den Flügel in der Mitte der Bühne aufstellen und umgab sich mit den Streichern. Die Bläser waren leicht erhöht im Hintergrund in Reihe angeordnet.

Zu Beginn des Konzertes spielte Rudolf Buchbinder eins der frühen Klavierkonzerte Beethovens, das B-Dur-Konzert Nr. 2  op. 19. Komponiert zwischen 1788 und 1801 war es sogar vor dem 1. Klavierkonzert entstanden und erinnert mit der in den ersten beiden Sätzen häufig verwendeten Chromatik noch an Mozart.

Das eröffnende  Allegro con brio spielte Buchbinder noch mozartisch charakterisiert. Bis er mit markantem Fugato in die Beethoven Kadenz überleitete. Das Adagio bot er poetisch, perlend und fließend bis er dann in den letzten Minuten die Stimmung auf eine berückende Art zurück nimmt. Das abschließende „Rondo. Molto allegro“ wurde dann wieder markanter gleichsam als Ohrwurm dargeboten. Virtuos, fordernd, forsch und-wenn notwendig- auch zärtlich und subtil realisierte Buchbinder mit dem Orchester die wunderbaren Dialoge

Dem frühen Klavierkonzert folgte das 1805 bis 1806 entstandene Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur. Für viele Musikfreunde gilt es als sein  schönstes und größtes Klavierkonzert. Gemeinsam mit dem 5. Beethovens stellt es zweifelsfrei den wichtigsten Beitrag zur „Gattung“ der  Klavierkonzerte dar.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Die Darbietung begann, vom Üblichen abweichend, mit dem Solo Buchbinders, bevor er dann das Orchester ziemlich aggressiv einbezog. Trotz kleinerer Klavier-Wortmeldungen blieb das Orchester im ersten Satz  der bestimmende Partner. Den kurzen Mittelsatz begann das Orchester Streicher-lastig recht schroff. Buchbinder antwortete eher schüchtern, um sich dann zunehmend selbstbewusst einzureihen. Nach Aussagen von Zeitzeugen ist Beethoven von der Orpheus-Sage zu dieser Satzgestaltung angeregt worden. Der Konflikt zwischen der Liebe des Sängers und den Mächten der Finsternis wäre durch das düstere , marschartige Streicher-Thema und den innigen Klavierthemen mit immer kürzer werdenden Argumenten vorgetragen worden. In dessen Verlauf wurde das Orchester immer leiser und kürzer in seinen Aussagen, während das Klavierspiel an Selbstbewusstsein gewinnt.

Es beeindruckte, wie Buchbinder ob seiner Doppelfunktion als Orchesterleiter und Solist beiden Argumenten zur Wirkung verhilft, dann aber den Satz mit elementar ausbrechendem Klaviersturm beendet, während die Streicher zaghaft den Sieg des Liebesthemas besiegeln. Heiter schloss sich dann unmittelbar das abschließende Rondo („vivace“) mit der erst 1809, im Jahr nach der Uraufführung nachgelieferten, Kadenz an. Nach der letzten Abwandlung des Rondo Themas beendete Buchbinder mit einer brillanten Presto Stretta.

Zum Abschluss der Matinee spielte Rudolf Buchbinder mit den Musikern der Staatskapelle das einzige in Moll-Tonart gesetzte Klavierkonzert Beethovens Nr.3 op. 37. Entstanden in den Jahren 1800 bis 1803 gilt es auch als das erste Klavierkonzert mit sinfonischen Merkmalen. Damit wollte Beethoven in Anbetracht der Fortschritte im Klavierbau der Gattung Klavierkonzerte den Weg in die Konzertsäle ebnen.

Saechsische Staatskapelle Dresden - hier : mit Dirigent Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Saechsische Staatskapelle Dresden – hier : mit Dirigent Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Die Darbietung des  ersten Satzes Allegro con brio enthielt alles, was Musik ausmacht: Rhythmus, Melodie, Harmonik, Klangfarben und Dynamik. Auch der Kontrast zwischen dem Solisten und den Orchestergruppen war, wie von Beethoven Schritt für Schritt zusammengefügt, ohne schematisch zu wirken. Buchbinder beeindruckte wiederum sowohl  als Orchesterleiter als auch als Solist mit einer tiefgründigen, klangvollendeten und intensiven Interpretation.

Der zweite Satz verließ den finsteren Moll-Bereich und gehörte ganz dem Klavier. Nur gedämpfte Streicher begleiteten und treten erst hervor, wenn das Klavier schweigt. Dem Klavier waren hier Klangregionen erschlossen worden, die vom Solisten auf das prachtvollste genutzt wurden. Erst das finale Rondo kehrte zum Moll zurück. Zwei kurze von Beethoven eingefügte Kadenzen gingen dann mit Schwung zum Zusammenwirken von Klavier und Orchester und damit zu einem triumphalen Abschluss über. Buchbinder betonte durchaus bewusst  die symphonische Anlage der Komposition; das Klavier gab den Ton an. Vorteil für den Musiker, der Brillanz durch Objektivität und nicht durch Verzückung erreicht. Buchbinders klarer Anschlag bringt die Läufe und gebrochenen Akkorde zu faszinierender Wirkung.

Die Souveränität der Darbietung des inzwischen 72-jährigen Pianisten hatte etwas Mitreißendes, und die Mischung aus seiner Individualität und der Disziplin der Staatskapellen-Musiker, machten den Vormittag zu einem Ereignis.

Das  Publikum im restlos ausverkauften Haus dankte für das Vormittagserlebnis mit stürmischen und stehenden Ovationen.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle Dresden, 8. Symphoniekonzert 2018/19, IOCO Kritik, 28.02.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Franz Schubert – Große Symphonie C-Dur

 Robert Schumann – Konzertstück für vier Hörner und Orchester

von Thomas Thielemann

Nachdem Franz Schubert am 19. November 1828 im Alter von 31 verstorben war und sein Vermögen staatlicherseits geschätzt werden sollte, stellte der zuständige Beamte fest,  dass Schubert außer zehn Gulden nur einige alte Noten hinterlassen habe.

Robert Schumann ist es zu verdanken, dass er am Neujahrstag 1839 während eines Wien-Aufenthalts Schuberts Bruder Ferdinand aufsuchte, in dessen Wohnung Kettengasse 6 Schubert gestorben war. Der Bruder präsentierte seinem Gast diesen Nachlass, der mit Kennerblick freudeschauernd „das Wunderwerk des Verstorbenen, das Manuskript der Großen Symphonie“ aus dem angehäuften Reichtum heraussuchte und dem Gastgeber empfahl, das Werk Mendelssohn Bartoldy anzuvertrauen. Dessen feinen Blick werde keine schüchtern auf knospende, geschweige denn so offenkundige, meisterhaft strahlende Schönheit entgehen.

Die Leipziger waren von der genialen Schöpfung so ergriffen und entzückt, dass am 21. März 1839 die bereits um 1825 komponierte Symphonie im Gewandhaus unter Leitung des Felix Mendelssohn Bartoldy zum ersten Mal erklingen konnte.

 Saechsische Staatskapelle Dresden/ 8. Symphoniekonzert hier Christian Thielemann und das Hornquartett © Matthias Creutziger

Saechsische Staatskapelle Dresden/ 8. Symphoniekonzert hier Christian Thielemann und das Hornquartett © Matthias Creutziger

Schubert hatte zwar das Manuskript 1826 der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet und dafür eine Ehrengabe von 100 Gulden erhalten Die Gesellschaft habe aber auf eine Aufführung verzichtet, da das Werk mit schwierigen Passagen gespickt sei und man vor allem nur auf Laienmusiker zurückgreifen könne. Schubert erhielt sein Opus zurück.

Handschriftliche Vermerke deuten, dass er bis 1828 an der Partitur gefeilt habe. Inzwischen hat die Gesellschaft der Musikfreunde die Originalpartie für ihr Archiv zurückgefordert und mit einer Millionen Euro versichert.

In einem ZEITmagazin- Interview hatte 2011 Christian Thielemann erzählt, er habe als Jugendlicher eine Schallplatte mit der Furtwängler-Einspielung die „neunten“ von Franz Schubert erhalten. Da habe er sofort gewusst: Das ist es, dieser dunkle Klang, diese flexiblen Tempi! Er hatte das Gefühl, es zerrt an ihm. Mit der Staatskapelle Dresden standen ihm Musiker zur Seite, mit denen er eine derartige Aufführung seinerseits realisieren konnte.

Bereits mit dem Kopfsatz deutete der Dirigent an, wie er Schubert verstanden habe möchte. Nach dem Auftakt der Hörner wurden keine romantisierenden Blümlein gepflückt. Alles Pathetische und  jede Morbidität wurden vertrieben. Mit geradliniger Energie wurden die Melodien vorangetrieben. Als am Ende des ersten Satzes das Hornthema zurückkehrte, war das Allegretto kaum merkbar.

Mit dem zweiten Satz- Andante con moto- bewegte  Christian Thielemann sein Orchester  mit der sensiblen Oboe der Céline Moinet und der wehmütigen Entgegnung der Solo-Klarinette Wolfgang Großes hinein in den Melodienreichtum, der in epischer Breite ausgelebt wird. Der Wandercharakter blieb dank des durchgehaltenen Tempos erhalten. Bis dann Trompeten und wundervoll eigenständige Posaunen die Musik zu einem Schreckensklang zusammen ballen. Erst wenn die Celli wieder einzustimmen wagen und zum Zentrum des Geschehens werden, schließt der Satz ab.

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Christian Thielemann und Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Da Franz Schubert einen langsamen Satz als unpassend nicht komponiert hatte, ließ auch Christian Thielemann mit dem Scherzo (Allegro vivace)  seinem Publikum keine Gelegenheit zum ruhig durchatmen. Delikates Spiel der Holzbläser und Streicher ergänzten sich auf das Vollkommenste. Hier entwickelte sich der dunkle Dresdner Klang auf das Wunderbarste. Erst das Trio wurde etwas gemächlicher genommen und die Klangschichten präzise ausbalanciert.

Das Finale gestalteten Dirigent und Orchester zu einer Euphorie der Lebensfreude. Der Höhepunkt der Durchführung wird nicht brutal herausposaunt, sondern markant und transparent gespielt bis dann die Symphonie furios fast abrupt abschloss.

Als Einstieg in das 8. Saisonkonzert spielten die Horn-Solisten Zoltán Mácsai und Jochen Ubbelohde sowie die Zweiten Hornisten Julius Rönnecke und Miklós Takács gemeinsam mit der Staatskapelle Robert Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester F-Dur op. 86.

Schumann hatte das Stück 1849 aus Begeisterung ob der Weiterentwicklung des Hornes zum Ventilhorn durch die Instrumentenbauer Schötzel und Blühmel  komponiert. Da aber die Hörner zum Schmettern neigen, gab er den vier Hörnern ein großes Orchester zur Seite, das er mit einer Pikkoloflöte und zusätzlichen Posaunen ergänzte.

Der von Schumann mit „lebhaft“ überschriebenem erstem Satz setzte resolut ein und verschaffte dem Publikum  das plastische Hörerlebnis einer Jagdszene, als wäre ein Jägerquartett im Wald und auf der Heide unterwegs.. Ein zartes, leicht verschwommenes Klangbild  lag über der Romanze. Die Hörner sind kompakt oder aufgefächert eingesetzt. Die anspruchsvollen Solopartien von geheimnisvoller Tiefe.

Sprühend mit intensivem Jubel geriet das Finale und rief heftigen Beifall hervor, so dass noch eine Zugabe der vier Hornisten geboten werden musste.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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