Dresden, Frauenkirche, Glashütter Musik-Festspielpreis 2019 – Joshua Bell, IOCO Aktuell, 29.05.2019

Frauenkirche Dreden © Joerg Schoener

Frauenkirche Dreden © Joerg Schoener

Dresdner Musikfestspiele

Frauenkirche Dresden

 Glashütter Original Musik-Festspielpreis 2019

 Preisträger Joshua Bell – mit wunderbarem Dvorák-Violinkonzert

von Thomas Thielemann

Im Frühsommer des Jahres 1879 schickte ein kleiner tschechischer Bratschist des Interimsorchesters des künftigen Prager Nationaltheaters dem weltberühmten Geiger Joseph Joachim den Entwurf eines a-Moll-Violinkonzertes zur Begutachtung. Der Bratscher namens Antonin Dvorák, 1841 in Nelahozeves geboren, war mit einer kompositorischen Luxusbegabung geschlagen und hatte bereits über fünfzig Kompositionen ohne rechte Erfolge vorgelegt. Viel zu viel Orchester, zu fett instrumentiert, zu wenig geigerische Bravour urteilte Joachim und schlug zahllose Änderungen vor. Substanz hatte er in der Arbeit offenbar erkannt.

Glashütter Musik-Festspielpreis / Preisverleihung 2019 an den Geiger Joshua Bell © Oliver Killig

Glashütter Musik-Festspielpreis / Preisverleihung 2019 an den Geiger Joshua Bell © Oliver Killig

Der junge Dvorák arbeite die Vorschläge zwar ein, aber statt zu einer Aufführung kam es zu einem konfliktgeladenem Meinungsaustausch zwischen den beiden Künstlern: Dvorák wollte die intensive berauschende Auseinandersetzung zwischen Solovioline und Orchester, „einen Funkenflug  von Kommunikationen, einem Meer von Stimmungen und Farben“. Nach Joachims Wunsch sollte „das Orchester aber auf seinem Teppich bleiben“ und dem Solisten Gelegenheiten für stratosphärische Brillanz mit einsamen wirkungssicherschmachtenden Kantilenen geben.

Die unterschiedlichen Auffassungen sind nie ausgefochten worden und Joachim hat das op. 51 Dvoráks nie gespielt. Die ästhetische Differenz der beiden Alphatiere behindert bis heute den Ruhm des a-Moll-Violinkonzerts. Das Werk gilt als rassig, aber gespielt werden vor allem lieber Beethoven, Tschaikowski, Brahms oder Sibelius.

Nun, 2019, war dem 1967 geborenem US-amerikanischen Ausnahme-Violinisten Joshua Bell der diesjährige „Glashütter Original Musik Festspiel-Preis“ zuerkannt worden. Bell zählt zu den großen Interpreten unserer Zeit, der aber seine Musik als Mittel transkultureller Verständigung nutzt. Bekanntheit erlangte er durch Einspielungen von Originalmusik für den Oskar-prämierten Soundtrack des Films  Die rote Violine (1968) und der Musik für den Film Der Duft von Lavendel (2004) sowie als Protagonist eines Experiments zum Musikverständnis seiner amerikanischen Zeitgenossen.

Glashütter Musik-Festspielpreis / Festkonzert - hier : Dirigent Andrew Manze, Geiger Joshua Bell und Orchester © Oliver Killig

Glashütter Musik-Festspielpreis / Festkonzert – hier : Dirigent Andrew Manze, Geiger Joshua Bell und Orchester © Oliver Killig

In Straßenkleidung und mit Base Cape spielte er mit seiner Stradivari in einer U-Bahnstation 43 Minuten lang Stücke von Bach und Schubert. Die Video-Aufzeichnung des Experiments ergab, dass von 1.097 Passanten nur sieben ihm zugehört hatten und er lediglich 32,17 $ Spendengelder im Geigenkasten fand. Nur einer der Passanten hatte den weltberühmten Musiker erkannt, obwohl sein Debüt in der New Yorker Carnegie Hall eine selten große öffentliche Aufmerksamkeit erregt hatte.

Der Sponsor des Preises hatte Joshua Bell ob seiner Verdienste im Bereich der Musikvermittlung in Schulprojekten und der Nachwuchsförderung in die Dresdner Frauenkirche eingeladen, um dort neben der Preis-Übernahme mit der Camerata Salzburg unter den schwierigen Akustikverhältnissen das Dvorák a-Moll-Violinkonzert op. 52 zu spielen.

Die Camerata Salzburg gilt mit den 37 Stamm-Musikern als renommiertes und umtriebiges Kammerorchester und wurde von Andrew Manze geleitet. Der Brite Manze ist als anregender und inspirierender Dirigent und Spezialist für historische Aufführungspraxis geschätzt.

 Frauenkirche Dresden / Glashütter Musik-Festspielpreis - Festkonzert - hier : Dirigent Andrew Manze, Geiger Joshua Bell und Orchester © Oliver Killig

Frauenkirche Dresden / Glashütter Musik-Festspielpreis – Festkonzert – hier : Dirigent Andrew Manze, Geiger Joshua Bell und Orchester © Oliver Killig

Das Dvorák-Konzert wird zwar inzwischen auch im Konzertbetrieb gespielt. Unsere besonderen Erwartungen galten aber, wie Solist und Dirigent mit der Klangentfaltung im Kuppelbau der Frauenkirche umgehen werden. Als Chefdirigent der NDR-Radiophilharmonie wird Manze sich mit dem HCC beschäftigt haben und recht genau wissen, wie man mit einem Kuppelsaal umgehen kann und muss. Auch schien er für die Dresdner Verhältnisse bestens vorbereitet. Folglich war der Orchesterpart des Violinkonzertes regelrecht in die Frauenkirche passgenau eingefügt. Die Blechbläser waren gekonnt minimiert, so dass man sie zwar wahrnahm, aber nie eine Überbordung befürchten musste. Eventuell hätte sich Dvorák das Orchester etwas forcierter gewünscht. Wir haben aber im Kirchenbau noch nie so befriedigt gehört.

Beim gemeinsamen Spiel verschenkte keiner der Partner etwas. Es ging  nie um eine Demonstration von Überlegenheiten sondern eher um eine herzliche Verbundenheit: Solist und Orchester wollten sich von ihren besten Seiten zeigen und jeder kämpfte mit seinen Mitteln für „Dvorák“. Aus dem Duell Dvoráks und Joachims war im Konzert eine fürsorglich furiose Umklammerung von Solist und Orchester entstanden. Den Kopfsatz spielte Bell hell, elegant mit prägnanten Konturen. Auch im Adagio wurde er nie romantisierend. Das Wechselspiel mit den feinen Bläsern war berückend.

Faszinierend berührte der Klang seines “Stradivarius“ von 1713 aus der Werkstatt Antonio Stradivaris. Wie manche Stradivari hat die Geige ihre eigene Geschichte. Das Instrument war 1936 dem polnischen Virtuosen Bronislaw Huberman aus der Umkleidekabine der Carnegie Hall gestohlen worden und blieb über fünfzig Jahre spurlos verschwunden. Ein unbekannter Gelegenheits-Geiger hatte das Instrument mit einer Schuhpolitur maskiert und in New Yorker Kaffee-Häusern gespielt. Auf seinem Sterbebett gestand er seiner Ehefrau den Diebstahl und das Instrument konnte im Jahre 1986 wieder als Stradivari identifiziert werden. Bell setzte alle Hebel in Bewegung, die Violine zu erwerben und trägt das mit vier Millionen Dollar versicherte Instrument ständig bei sich.

Als Konzertauftakt war Jean Sibelius „Rakastava-Suite“  op. 14  für Streichorchester, Pauken und Triangel erklungen. Zum Abschluss der Veranstaltung bemühten sich die Salzburger, ob man nicht auch Beethovens zweite Sinfonie D-Dur im Kirchenbau ordentlich zu Gehör bringen könnte. Eine derartig wuchtige Musik ist in diesem Kuppelbau schwer zu vermitteln. Aber auch da hatte Andrew Manze das Mögliche gestaltet.

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Dresden, Frauenkirche, Musikfestspiele 2019 – Mahler 6. Sinfonie, IOCO Kritik, 25.05.2019

Mai 25, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Musikfestspiele

Frauenkirche Dreden © Joerg Schoener

Frauenkirche Dreden © Joerg Schoener

Dresdner Musikfestspiele

Frauenkirche Dresden

Mahlers 6. Sinfonie  – Orchestra dell´Academia Nazionale di Santa Cecilia 

Akustisches Desaster – Hörbild oft unbefriedigend

von Thomas Thielemann

Sir Antonio Pappano hatte mit seinem Orchestra Dell ´Accademia Nazionale di Santa Cecilia die Aufgabe übernommen, die Dresdner  Frauenkirche mit ihrer problematischen Klangentfaltung in das Konzertgeschehen der Dresdner Musikfestspiele 2019 einzubeziehen. Trotz intensiver Kleinarbeit von Tontechnikern gelingt es nur in kleinen Schritten das Hörbild auf möglichst vielen Plätzen befriedigend zu verbessern.

Andererseits hat die Frauenkirche ob ihres Wiederaufbaus nach der Zerstörung am 13. Februar 1945 einen so hohen Symbolwert, als dass die Dresdner Musikfestspiele auf Veranstaltungen in diesem Raum verzichten könnten.

Antonio Pappano, 1959 als Sohn italienischer Eltern in Großbritannien geboren, gilt dort als Spezialist für die italienische Oper ansonsten ob seiner Arbeit mit dem Orchestra dell´Academia Nazionale di Santa Cecilia vor allem als hervorragender Konzertleiter. Sein Debüt bei der Staatskapelle Dresden war 2018 erstaunlich spät. Sein Konzertdirigat hatte dann aber bereits zu einem sensationellen Konzerterfolg geführt. Das Orchestra dell´Academia Nazionale di Santa Cecilia hatte bereits im Jahre 2006 an den Musikfestspielen der Stadt Dresden teilgenommen.

Frauenkirche Dresden / Mahler Chamber Orchestra - Dresdner Musikfestspiele © Oliver Killig

Frauenkirche Dresden / Mahler Chamber Orchestra – Dresdner Musikfestspiele © Oliver Killig

Der Abend am 21. Mai 2019 dürfte für Dirigent und Orchester die erste öffentliche Begegnung mit dem Raum der Kirche gewesen sein. Pappano ist  bei Orchestern als berüchtigter Probe-Perfektionist bekannt, so dass zu hoffen war, dass er das akustisch Machbare für Gustav Mahlers 6. Sinfonie in der Frauenkirche vorbereitet haben wird.

Die Sinfonie wird auch unter dem Beinamen „die Tragische“ geführt, obwohl Mahlers Lebensumstände während der Entstehungszeit 1903/04 familiär und künstlerisch recht günstig waren.  Als Direktor der Wiener Hofoper war er etabliert und als einer der  weltweit besten Operndirigenten künstlerisch anerkannt. Auch die junge Ehe mit Alma Schindler dürfte noch glücklich gewesen sein. Natürlich scheint die Schwere der Themen bedrohlich. Auch die mehrfachen Wechsel der Tonarten zwischen Dur und Moll und der Hammerschlag im Schlusssatz die lassen Verunsicherungen beim Komponisten vermuten.

Doch bereits beim Betreten des Kirchenraums war die konventionelle Verteilungen der Instrumentengruppen erkennbar: Im Altarraum die Schlagwerke, davor das komprimierte Blech und im Grenzbereich zum Kuppelrund die Holzbläser. Die Streicher waren direkt unter der offenen Kuppel verteilt. Mit dem Einsetzen der düstern marschartigen Leitmotive des  Allergico, ma non troppo wurden die Hörer unter der Kuppel mit dem Klangbrei der Kuppelreflexionen gleichsam zugeschüttet.

Ich hatte mir einen Platz im Seitenschiff unter einer Empore ziemlich exakt gegenüber dem Altarraum gesichert, da ich  Pappano im Blick, gleichzeitig aber die Kuppelreflexionen gemildert haben wollte. Aber das half wenig, denn der Ton-Brei drang unbarmherzig bis an die Rückwand des Seitenschiffs.

Pappano offerierte mit seinem italienische Temperament und energischem Dirigat das Fortissimo der Paukenwirbel und des tiefen Blechs, bis plötzlich Beruhigung eintrat und das Kriegerisch-Düstere ablöste. Feine Soli der Holzbläser schickten mir ihren Direkt-Schall-Klangteppich und vermittelten einen Eindruck vom Potential des Orchesters. Selbst das Kuhglocken-Streicherkonglomerat ließ für kurze Zeit die Vision einer ruhigen Almlandschaft zu.

Sir Antonio Pappano © Musacchio Ianniello

Sir Antonio Pappano © Musacchio Ianniello

Die endlose Diskussion zur Positionierung der Mittelsätze hatte Pappano zugunsten der Reihenfolge: erst das Scherzo, dann das  Andante moderato folgend, entschieden. Rechte Entspannung konnte selbst bei der berühmten Präzision nicht aufkommen, weil man ständig neue Wucht aus der Kuppel fürchten musste.

Den Dirigenten schien die Verwirrung auf wundersamer Weise nicht zu beeindrucken. Selbst wenn mal Musikergruppen begannen zu schlurren, weil sie offenbar ihre Kollegen nicht ordentlich hören, holte er sie mit kaum merklichen Handbewegungen ein. Ansonsten machte er seine Arbeit. In Erinnerung bleiben die Qualitäten der Musiker in den fein gesponnenen leisen  und langsamen Stellen im dritten Satz, wenn im Seitenschiff das Kuppelecho nicht ankam. Auch der Finalsatz konnte am zwielichtigen Gesamtbild nichts ändern.

Insgesamt  war Mahlers 6. Sinfonie in der Dresdener Frauenkirche ein akustisches Desaster – trotz eines wunderbaren Orchesters mit einem Dirigenten, den wir bereits als hervorragend  kennen gelernt hatten.

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