Dresden, Kulturpalast, 12. Internationale Schostakowitsch Tage, IOCO Aktuell, 25.06.2021

Juni 25, 2021  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

12. Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch : 24. – 27. Juni 2021

Vorabendkonzert im Kulturpalast Dresden

von Thomas Thielemann

„Unerhört schön“, so nannte Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) die Gegend um den Kurort Gohrisch, links der Elbe, in der Nationalparkregion Sächsische Schweiz, im Elbtal nahe der die Städte Bad Schandau und Königstein gelegen, als er 1960 im damaligen Gästehaus des Ministerrates der DDR, heutigem Parkhotel Albrechtshof, wohnte. Eigentlich sollte er in Dresden die Musik für den Film Fünf Tage- fünf Nächte, einer idealisierten Verklärung der Umstände, wie Rotarmisten nach dem zweiten Weltkrieg die ausgelagerten Kunstschätze der Gemäldegalerie Alte Meister aufspürten, komponieren und sich vor Ort von der zerstörten Stadt inspirieren lassen. Die Organisatoren wollten dem Gast im 40-km entfernten Luftkurort gute Wohnbedingungen bieten.

„Die schöpferischen Arbeitsbedingungen haben sich gelohnt: ich habe dort mein 8. Streichquartett komponiert.“ – Dmitri Schostakowitsch

Konzertscheune in Gohrisch zum Schostakowitsch Festival in 2020 © Oliver Killig

Konzertscheune in Gohrisch zum Schostakowitsch Festival in 2019 © Oliver Killig

Im Garten des Gästehauses am Teich, unter einer Buche sitzend, arbeitete Dmtri Schostakowitsch zwischen dem 12. und 14. Juli 1960 an der Partitur dieses „ziemlich verzweifelten Stückes Musik“. Später hat Schostakowitsch das Werk als sein Requiem bezeichnet. Auch dürfte es heute sein meistgespieltes Streichquartett sein, bzw. seine Kammersymphonie  op. 110a, eine Bearbeitung des Quartetts von Rudolf Barschai.

24. – 27. Juni   – Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch – Programm HIER!

Im Anschluss an die Berliner Erstaufführung seiner fünfzehnten Symphonie durch das Moskauer Staatsorchester verbrachte Schostakowitsch im Mai und im Juni 1972 mit seiner Frau Irina einige Wochen im Gohrischer Gästehaus. Dort besuchte ihn auch Kurt Sanderling (1912-2011), der seit 1942 Schostakowitschs Schaffen als Dirigent der Leningrader Philharmoniker begleitet hatte und ab 1960 wieder in Berlin sowie ab 1964 in Dresden tätig war.

Auf Initiative des Konzertdramaturgen der Sächsischen Staatskapelle Dresden Tobias Niederschlag (*1976, derzeit Leiter des Konzertbüros des Gewandhausorchesters Leipzig) gründete sich am 22. Juni 2009 der Verein Schostakowitsch in Gohrisch e.V., um den Aufenthalt des Komponisten im Kurort ins öffentliche Bewusstsein zu bringen und angemessen zu würdigen.

Mangels eines repräsentativen Konzertraums, letztlich auch aus Geldmangel, griff der Verein auf eine Scheune mit Betonwänden, Dachstuhl und Asbestdach zurück, die leergeräumt eine grandiose Akustik bietet. Dank der Mitwirkung von Musikern der Dresdener Staatskapelle zündete die Idee und 2010 waren die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch als das „Ani-Festival“ geboren.

Durch die Mitwirkung namhafter Gäste ist die „Konzertscheune von Gohrisch“ inzwischen die Pilgerstätte der Verehrer des Komponisten und Menschen Dmitri Schostakowitsch. Zu den ersten Unterstützern gehörte Michael Jurowski (geboren 1945), der als Kind mit Schostakowitsch vierhändig Klavier spielte, und als besonders authentischer Interpret seiner Kompositionen gilt.

Für drei Tage, solange arbeitete der Komponist an seinem Streichquartett, beherbergt der 800-Seelen-Ort Gohrisch nahe der Grenze zur Tschechischen Republik das weltweit einzige regelmäßige Festival für den bedeutendsten russischen Komponisten.

Pandemiebedingt musste das Festival 2020 erstmalig ausfallen und wird 2021 aus Gründen der Planungssicherheit in das Europäische Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau ausweichen.

Vladimir Jurowski dirigiert im Kulturpalast Dresden © Matthias Creutziger

Vladimir Jurowski dirigiert im Kulturpalast Dresden © Matthias Creutziger

Die Geiger Gidon Kremer und Dmitry Sitkovetsky werden ab dem 24. Juni ebenso erwartet wie die Pianisten Juliana Awdeeva und Dmitry Masleev. Auch das Borodin-Quartett, die Formation Quatuor Daniel und Petr Popelkas kapelle21 haben ihre Mitwirkung zugesagt.

In acht Veranstaltungen erklingen unter anderem auch mehrere Uraufführungen und Deutsche Erstaufführungen von Schostakowitsch Kompositionen. So auch eine frühe Bearbeitung Schostakowitschs´ von Beethovens Adagio cantabile aus der Pathétique.

Inzwischen traditionell, bot am Vorabend der Eröffnung des Festivals die Sächsische Staatskapelle, diesmal im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalast, ein Vorabendkonzert unter der Leitung eines Sohnes Michael Jurowskis, Vladimir Jurowski.

Sein Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 a-Moll komponierte Schostakowitsch als op. 77 in der Zeit vom Juli 1947 bis zum März 1948 in der Zeit des beginnenden Kalten Krieges und der folglich verschärften Kulturpolitik in der UdSSR. Erst 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod wurde das Konzert mit dem Solisten David Oistrach von den Leningrader Philharmonikern unter der Leitung von Jewgeni Mrawinski uraufgeführt.

Zu unserer großen Freude hatten 105 Musikerinnen und Musiker auf dem Podium des Dresdner Kulturpalast-Konzertsaales Platz genommen. Den gewaltigen Solopart hatte Leonidas Kavakos übernommen.

Der Solist bewältigte die Kraftprobe des über 40 Minuten fast ununterbrochenen Spiels auf eine schöne und spannende Art und Weise. Nach dem düsteren Nocturne trieb Kavakos im Scherzo das Orchester gnadenlos durch die Partitur. Der schneller und lauter werdende scheinbar nie aufhörende Rhythmus glich einer enormen Explosion. Besonders beeindruckend das Andante mit der breit angelegten Kadenz, bevor diese direkt in den letzten Satz, einem grotesken Tanz, mündete.

Stehende Ovationen dankten dem Solisten, dem Dirigenten und der hervorragend aufgestellten Staatskapelle.

Mit der Ballettmusik L´Oiseau de feu konnte Vladimir Jurowski im zweiten Konzertteil sein souveränes Können als Musikalischer Leiter der Sächsischen Staatkapelle ausleben.

Die Darbietung bestach durch eine hohe Spielkultur, plastische Klangfarben und -schichtungen sowie ein hervorragend abgerundetes Klangbild. Schlieren in der Tonfolge wus ste Jurowski stellenweise zu betonen und mit sicherer Hand wieder untertauchen zu lassen. Deutlich betonte er mit seiner Interpretation, wieviel russische Tradition im Frühwerk Strawinskys steckt, und stellte damit die Verbindung zu Schostakowitschs Werk her.

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Dresden, Kulturpalast, Rudolf Buchbinder – Kammerorchester Wien-Berlin, IOCO Kritik, 15.06.2021

Juni 15, 2021  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Kammerorchester Wien-Berlin – Rudolf Buchbinder

Mozart-Deutung –  ein Konzerterlebnis der Sonderklasse

von Thomas Thielemann

Die Rivalität der Wiener Philharmoniker und Berliner Philharmoniker um den Spitzenplatz des weltbesten Orchesters war für Simon Rattle 2005 Anlass, zu seinem  50. Geburtstag ein gemeinsames Konzert beider Klangkörper zu dirigieren. Diese erste erfolgreiche Zusammenarbeit der konkurrierenden Orchesterin Wien und Berlin führte zu dem Entschluss, in einer gelegentlichen Formation die besonderen Qualitäten beider Ensembles, die geschmeidige Eleganz und Noblesse der Wiener mit dem zupackenden, leidenschaftlichen Spiel sowie der solistischen Brillanz der Bläser der Berliner, zu kombinieren: das Kammerorchester Wien-Berlin entstand. Seit Beginn dieser Zusammenarbeit ist Rainer Honeck Konzertmeister, Dirigent und Künstlerischer Leiter. Honeck, 1961 in Nenzing (Vorarlberg) geboren, ist seit 1984 Konzertmeister des Orchesters der Wiener Staatsoper und seit 1962 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker.

Das Kammerorchester Wien-Berlin

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien - Berlin mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien – Berlin mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Das Klavierkonzert Nr.9 in Es-Dur KV 271, vermutlich im Dezember 1776 oder im Januar 1777 entstanden, ist wahrscheinlich Wolfgang A Mozarts erste bedeutende Komposition. Mit der Meisterschaft seiner Orchestrierung und in seiner, alle Konventionen sprengenden Wirkungen hat es keine Vorgänger in seinem Genre.

Zur Herkunft der unterschiedlichen Beinamen des Konzertes, „Jenamy“,die jenomy“ oder  „Jeunehomme“, gibt es reichliche Deutungen. Inzwischen scheint aber sicher, dass die Tochter des französischen Tänzers Jean-Georges Nowerre (1727-1810), eines Freundes Mozarts, Adressatin dieser Widmung war. Nowerre wirkte von 1767 bis 1774 als Ballettmeister in Wien. Dessen älteste Tochter Luise Victoire (1749-1812), eine gute Klavierspielerin, war, mit einem Joseph Jenamy verheiratet und Mozart habe sie sehr verehrt.

Für eine Interpretation von Mozarts frühem Klavierkonzert  Nr. 9 Es-Dur KV 271 war Rudolf Buchbinder in den Kulturpalast nach Dresden gekommen. Sonst ein häufiger Gast der Sächsischen Staatskapelle, mit der er auch oft als Solist und Leiter der Konzerte musizierte, war er Solopartner des Kammerorchesters Wien-Berlin.

Das Buchbinders Klavierspiel auch über die Jahre neben der Reife der Technik die notwendige Spontanität behalten hat, war keine Überraschung. Auch dass uns die sprühend intelligente Mozart-Deutung ein Konzerterlebnis der Sonderklasse verschaffte, erfüllte alle Erwartungen.

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien - Berlin hier mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien – Berlin hier mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Ein hell leuchtende Klangbild und die spannungsgeladene Musizierfreude des Kammerorchesters Wien-Berlin führten zu einem steten, intensiven Dialog mit dem Pianisten. Vor allem begeisterte die kühne Quecksilbrigkeit des Finalsatzes.

Im zweiten Konzert-Teil folgte Mozarts Divertimento B-Dur, KV 287, die “Zweite Lodronische Nachtmusik“. Wie im Jahre 1776, erhielt Mozart den Auftrag, auch zum Namenstag der Gräfin Maria Antonia Lodron am 13. Juni des Jahres 1777 zur Komposition und Aufführung eines Divertimentos, eigentlich einer Zerstreuung, eines Vergnügens. Mozart hatte aber für die Unterhaltung der Salzburger Gäste der Gräfin ein 45-minütiges Bravourstück für die Erste Geige vorbereitet und selbst diesen Part übernommen.

Eingebunden in eine dichte kammermusikalische Begleitung von Streichern und zwei Hörnern meisterte Rainer Honeck als Primgeiger die Aufgabe der sechssätzigen Darbietung. Von spritziger Munterkeit, Leichtigkeit und Eleganz bis zu tiefer Empfindung bot das Kammerorchester Wien-Berlin alles, was man von großer Musik erwartete: ein Konzerterlebnis der Sonderklasse

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—


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Dresden, Kulturpalast, Dresdner Musikfestspiele 2021 – Eröffnet, IOCO Kritik, 06.06.2021

Juni 7, 2021  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

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Kulturpalast Dresden

Dresdner Musikfestspiele 2021

  Arcadi Volodos eröffnete LIVE-Konzerte im Kulturplast

von Thomas Thielemann

Nach langer Konzertsaalabstinenz hatten die Dresdner Musikfestspiele in den Dresdner Kulturpalast zum Livekonzert geladen. Und das gleich mit der Wucht eines Pianisten von Weltruf, mit Arcadi Volodos, welcher am 4. Juni 2021 die Live-Konzerte in Dresden eröffnete.

Dredner Musikfestspiele 2021 – Programm – Link HIER!

Im Jahre 1996 war beim 11. Kissinger Sommer als Gastland Russland ausgeschrieben und die umtriebige Gründungs-Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger hatte neben gestandenen Künstlern auch eine Reihe junger russischer Musiker nach Franken geholt. Nach meiner Erinnerung war auch Arcadi Volodos damals zum ersten Mal nach Bad Kissingen gekommen und hatte auf Anhieb begeistert.

Seit konnten wir den inzwischen 49-Jährigen Ausnahmepianisten häufiger in Bad Kissingen, aber auch in Leipzig und Dresden als Solisten in Orchesterkonzerten und mit Rezitals erleben und seinen Weg zur inzwischen erlangten Meisterschaft verfolgen.

Dresdner Musikfestspiele 2021 / Pianist Arcadi Volodos © Marco Borggreve

Dresdner Musikfestspiele 2021 / Pianist Arcadi Volodos © Marco Borggreve

Volodos verdankt seine Karriere nicht dem Preis eines internationalen Wettbewerbs, sondern einem glücklichen Zufall. Der Leiter einer internationalen Schallplattengesellschaft hatte sein Spiel in einem privaten Rahmen gehört, sein überragendes Talent erkannt und ihm den Weg auf die internationalen Podien geebnet. Heute spielt er einfach das, was er spielen möchte. Die Komponisten, deren Musik er spielt, muss er bedingungslos lieben und ihr Schaffen in seiner Gesamtheit erfassen.

Beim Dresdner Klavierabend stand zunächst Franz Schuberts Sonate für Klavier G-Dur 834 op. 78 aus dem Jahre 1826 auf dem Programm.

Obwohl insbesondere der Sommer 1826 für den 29-jährigen Komponisten eine Zeit der Enttäuschungen war, gilt das Werk als seine heiterste späte Sonate. Mit dem breitesten Dynamikspektrum aller Schubert Sonaten betont er ausdrücklich, dass dieses Werk für ein für seine Zeit modernes Instrument „fürs Pianoforte allein“ komponiert worden ist.

Ganz unprätentiös, ohne große Gesten betrat der Pianist das Konzertpodium des abgedunkelten Saales und nahm, nach sparsamer Begrüßung des ausgedünnten Publikums auf einem gewöhnlichen Kantinenstuhl am Steinway-Konzertflügel Platz.

Den oft als „Fantasie“ bezeichneten Kopfsatz begann Volodos tänzerisch heiter, recht frei im Tempo und ungemein plastisch. Dem folgenden Andante verlieh er mehr Tiefe, innere Beteiligung und schöne Farbschattierungen, während der dritte Satz wieder betont liedhaft-tänzerisch angelegt war. Den Schluss-Satz habe ich dann als konfliktarm und gelöst empfunden.

Den Sommer des Jahres 1893 verbrachte der 59-jährige Johannes Brahms wieder  in Bad Ischl. Dort komponierte er die Zyklen  op. 118 und op. 119 für Klavier solo. Dabei ragten besonders die sechs Klavierstücke op. 118 dank größerer stilistischer Vielfalt gegenüber früheren Zyklen heraus. Auch mit der Namensgebung der Stücke wählte der Komponist nach längeren Überlegungen individuellere Titel.

Arcadi Volodos präsentierte sich bei der Interpretation der sechs Stücke op. 118 mit seinem vielschichtigem Spiel, das innigen Ausdruck mit brillanter Virtuosität vereinte, als reifen Künstler. Die technische Perfektion, kraftvoller Anschlag in den dramatischen Passagen, traumhaftes Pianissimo und Wille zum Innehalten prägten die Darbietung. Meditative Klänge wechselten mit Passagen, die an ein größeres Orchester glauben lassen.

Nach stürmischem Beginn entwickelte sich das a-Moll-Intermezzo fast wie eine Ballade.

Das folgende etwas verträumte  A-Dur-Intermezzo op. 118/2 spielte Volodos romantisch drängend. Immer wieder musste sich die Melodie gegen die sich auftürmende Begleitung behaupten. Mit seinem Gespür für den der Ballade in g-Moll innewohnendem Rhythmus lauschte man auch dem dritten Stück.

Eher modulierend entwickelte sich auch das kleingliederige Thema des f-Moll- Intermezzos op. 118/4. Eine straffe Klangregie ließ die Rahmenteile der Romanze op. 118/5 den verspielten fast versonnenen Mittelteil regelrecht umklammern. Die Orientierung am Verständnis für den Menschen  Johannes Brahms, seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit seinem Werk, ließen die Hörer niemals in den Wohlklang der Musik eintauchen. Das abschließende Intermezzo in es-Moll mit den Anklängen an das Deutsche Requiem spielte Volodos dann deutlich zurückhaltender.

Der langanhaltende Applaus des ausgehungerten Auditoriums war für Arcadi Volodos  Anlass, sein Publikum mit fünf Zugaben zu verwöhnen.

Gern hätten wir auch die im ausgeschriebenen „Vor-Corona-Programm“ enthaltene Sonate  des italienischen, aber vorwiegend in England wirkenden Komponisten und Pianisten Muzio Clementi (1752-1832) gehört. Seine Musik ist mir bisher nur in „Konserven“ zugänglich gewesen. Clementi ist den Musikfreunden vor allem wegen des vom Kaiser Joseph II. am Weihnachtsabend 1781 eingefädelten Wettstreits mit Wolfgang Amadeus Mozart ein Begriff.

Mozart habe sich zwar abfällig über die „Terzenpassagen ohne einen Kreuzer Gefühl oder Geschmack“ geäußert. Das hatte aber Mozart nicht gehindert, ein Thema aus einem Werk von Muzio Clementi in die ersten Takte seiner Ouvertüre zur Zauberflöte einzubauen. Was den verbitterten Älteren zu einer Anmerkung am Kopftitel der Sonate op.47 veranlasste.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—


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Dresden, Kulturpalast, Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen, IOCO Kritik, 24.09.2020

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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen

Von der kurfürstlichen Hofkapelle zur Sächsischen Staatskapelle Dresden

von Thomas Thielemann

Am 22. September 2020 feierten die Musiker und Freunde der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Kulturpalast der Stadt den 472. Geburtstag des Klangkörpers.

Eigentlich könnte die Kapelle auf ein längeres Bestehen blicken, wenn nicht die konfessionellen Auseinandersetzungen eine Unterbrechung der frühen Musikkultur im sächsischen Raum zur Folge gehabt hätten. Der später erste Kapellmeister der heutigen Staatskapelle Johann Walter (1496-1570), ein Freund Martin Luthers, war bereits 1524 als Bassist und kurze Zeit später als Componist einer kurfürstlichen Hofkapelle des Johann Friedrich I. von Sachsen nachweislich tätig gewesen. Der Kurfürst und Herzog aus dem Hause der ernestinischen Wettiner, auch Friedrich der Großmütige genannt, residierte in Torgau auf dem Schloss Hartenfels, dem damaligen politischen Zentrum der Reformation. Johann Walter, der nach der Herkunft seiner Mutter auch als der Blankenmüller bekannt war, wurde der Herausgeber des ersten evangelischen Chorgesangsbuches.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Eine wegen des Rüstungs-Finanzbebarfs 1526 angestrebte Auflösung der Capelle konnte durch eine Intervention Philipp Melanchtons (1497-1560) zunächst verhindert werden. Als die Hofkapelle dann trotz Gehaltsabsenkung der Musiker 1530 doch aufgelöst werden musste, wollte die Torgauer Bürgerschaft nicht auf die ihnen liebgewordene Kirchenmusik verzichten. Sie vereinte Johann Walter und einige der Musiker zur „Cantoreigesellschaft“ und stellte neben der Besoldung auch Sänger zur Verfügung. Martin Luther war über die Auflösung der Hofkapelle sehr aufgebracht und erreichte noch mit einem groben Brief, dass der Kurfürst der bürgerlichen Gesellschaft zumindest einen jährlichen Zuschuss von 100 Gulden zusagte.

In der Folge der Niederlage des Schmalkaldischer Bundes 1547 verloren die Ernestiner die Herrschaft und Kurfürst wurde Moritz von Sachsen (1521-1553) aus dem Hause der anhaltinischen Wettiner.

Als Moritz die Hochzeit seines Bruders August mit einer dänischen Prinzessin auszurüsten hatte, entschloss er sich zur Gründung einer eigenen Kapelle, die zunächst bei den Hochzeitsfeierlichkeiten wirken sollte. Die Stiftungsurkunde unterzeichnete Moritz am 22. September 1548, dem Tag, der als Geburtstag der ohne Unterbrechungen existierenden Sächsischen Staatsapelle gilt.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Die neugegründete „Capelle“ musizierte erstmals am 8. Oktober 1548 unter „Johann Walters Direction“ in Torgau, siedelte dann mit dem kurfürstlichen Hofe als dessen Hofkapelle nach Dresden.

Über lange Zeit wurden die Erinnerungskonzerte an die Gründung genutzt, um an frühere komponierende kurfürstliche und staatliche Kapellmeister und Musiker mit der Wiedererweckung ihrer Werke zu erinnern. Das waren zum Teil recht interessante und des Hörens werten Begegnungen.

In den letzten Jahren wird der Termin des Geburtstagskonzertes aber verwendet, um auch den heimischen Freunden der Staatskapelle das Programm der in jedem Jahr anstehenden Europa-Tournee vorzustellen. Dabei macht es Sinn, das Konzert nicht im Semperbau mit seinen spezifischen Bedingungen zu spielen sondern stattdessen den Konzertsaal des Kulturpalastes mit seinen breiteren Möglichkeiten zu nutzen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Geplant war eine Tournee des Orchesters mit dem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung und dem Capell-Virtuosen Sir András Schiff mit Konzerten in Antwerpen, Luxemburg, Brüssel, Wien und Bratislava. Corona-bedingt wurde aber ein Konzert nach dem anderen abgesagt, so dass letztlich nur ein zusätzlich in die Planung einbezogenes Gastkonzert in Köln stattfinden wird.

Sein Konzert für Klavier und Orchester Nr.1, d-Moll, komponierte der junge Johannes Brahms (1833-1897) zunächst für zwei Klaviere. Jahre später, 1854 begann er die Sonate für Orchester zu instrumentieren. Zunächst als Symphonie angestrebt, entstand nach zähem Ringen und unzähligen Änderungen in den Jahren bis 1859 der Koloss des ersten Klavierkonzertes.

Auf dem Podium waren um den Dirigenten Myung-Whun Chung, den Pianisten und einem Konzertflügel der Dresdner Philharmonie herum, natürlich mit dem vorgeschriebenen Zwischenraum, auf dem restlichen Teil der 220m²-Bühne etwa 60 Musiker der Staatskapelle in den gebührenden Abständen platziert. Jeder der Musiker hatte sein eigenes Notenpult.

András Schiff meisterte die hohen technischen Anforderungen ohne dabei als Virtuose glänzen zu können, aber mit der gewohnten Souveränität.
Während man das Klavier hörte, wie man es bei Brahms von vielen früheren Aufführungen gewohnt war, unterschied sich der Orchesterklang doch deutlich vom Vertrauten. Der Orchesterpart hörte sich weicher, zum Teil leicht zerfasert und vor allem etwas stumpf an. Es war zu spüren, dass den Musikern der unmittelbare Kontakt zu den Partnern fehlte, jeder bis zu einem gewissen Grade vor sich hin spielte und sich damit die Klänge nicht wie gewohnt mischten.

Über weite Strecken tauschten Solist und Orchester die Führungsrolle, indem Schiff das Orchester begleitete. Weniger problematisch erschien mir die anschließende Darbietung der 7. Symphonie d-Moll von Antonin Dvorák (1841-1904). Auch hier kam der Klang weicher als vertraut, doch etwas geschlossener, wenn auch nicht kompakt. Musiziert wurde gewohnt präzise, aber es fehlte eben das Mischen der Töne. Ich hatte den Eindruck, dass die Aufgabe des Dirigenten an Bedeutung gewonnen hat. Und da das Orchester mit seinem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung bestens vertraut ist, haben die Partner offenbar das Mögliche geboten.

Der traditionenell dem jährlichen Geburtstagskonzert folgende Empfang der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden für die Musiker ihres Orchesters wurde in diesem Jahr zum Corona-Opfer.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—


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