Dresden, Semperoper, Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch, IOCO Kritik, 07.12.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch

Semperoper-Ballett brilliert mit antikem Drama

von Thomas Thielemann

Bei den antiken Griechen ging es, wenn man den Dramen des Tragiker Euripides (etwa 480 v. Chr. bis etwa 407 v. Chr.) folgt, ordentlich zur Sache. So opferte der Feldherr Agamemnon bedenkenlos seine Tochter Iphigenie, um einen Fluch der Jagdgöttin Diana, der wegen einer flapsigen Bemerkung des Heerführers erfolgt war, zu lösen und so den Trojanischen Krieg zu ermöglichen. Als der siegreiche Agamemnon nach zehnjähriger Abwesenheit nach Hause zurückkommt, wird er von seiner Gattin Klytämnestra wegen dieses Opfers der gemeinsamen Tochter ermordet. Klytämnestra hatte aber einen weiteren Antrieb zum Gattenmord: sie hatte sich inzwischen mit einem anderen Ehemann getröstet. Das wiederum war für Orest, den Bruder der Iphigenie, Anlass, die gemeinsame Mutter inclusive des Stiefvaters umzubringen.

The Making of … Iphigenie – Gabriela Scherer und Sangeun Lee
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Die Göttin der Jagd hatte aber das Opfer Iphigenie nicht angenommen und die Geopferte in das Land der Tauren, auf die Halbinsel Krim „entrückt“, um dort als Oberpriesterin die Menschenopfer der dortigen Untertanen des Königs Thoas zu überwachen. Religionsgeschichtlich ist interessant, dass die vom Euripides im Amphitheater vorgeführten Götter gegen die Menschenopfer des Vor-Skythischen Volksstammes zu Felde ziehen. Im Verlaufe Euripides-Dramas Iphigenie bei den Tauriern fühlt sich Diana von dem an ihrem aus Griechenland geraubten Altar vergossenem Menschenblut kompromittiert. So schafft sie im Handlungsverlauf zivilisierte Verhältnisse: Orest und sein Gefährte Pylades sind nach Tauris geschickt, um den Altar der Jagdgöttin nach Hause zu holen. Dank des direkten Eingreifens der Göttin wird Thoas, der König der Taurer, gehindert die beiden Ankömmlinge zu opfern. Iphigenie, der vom Muttermord entsühnte Orest und Pylades konnten mit dem Diana-Altar nebst den in Taurus Versklavten nach Griechenland zurückkehren. Iphigenie wird Ober-Priesterin der Jagdgöttin in Athen.

Neben einer Vielzahl weiterer Nachschöpfungen komponierte Christoph Willibald Gluck (1714-1787) mit einem nach Euripides geschriebenen Libretto von Nicolas Francois Guillard (1752-1814) eine wunderbare Oper.

Die hochkreative Choreographin Pina Bausch (1940-2009) hat 1974 mit ihrem Wuppertaler Tanztheater, aus Glucks Oper ein Ballett-Oratorium Iphigenie auf Tauris gestaltet. Dank einer Kooperation des „Semperoper Balletts“ und der Pina Bausch Foundation in Zusammenarbeit mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch erlebte ihre „Tanzoper in vier Akten nach der gleichnamigen Oper von Christoph Willibald Gluck am 5. Dezember 2019 ihre Dresdener Premiere.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper - hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper – hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Die Choreographin hatte ein außergewöhnliches Talent  für das Erzählen von schweren konfliktbeladenen Mythen und Geschichten ohne deren Frische und Essenz zu gefährden. Durch vitalen und ausdrucksstarken Tanz konnte sie die Grenzen zwischen Musik und den dramatischen Elementen der griechischen Tragödie auflösen. Die anmutigen Tanzszenen mit der Minimalität von Szene und Einfachheit der Kostüme entführen gemeinsam mit der erhabenen Kraft der der Musik Glucks das Publikum auf eine moderne Reise der Gefühle.

Sänger und Tänzer wirkten zusammen, aber von verschiedenen Orten aus, um jeder mit seiner Kunst den Figuren der Geschichte Leben einzuhauchen. Die Tänzer des Semperoper-Ballett beanspruchen die Bühne, die Sänger kommentierten von beiden Seiten aus den Proszeniumslogen die Tanzszene. Der Staatsopernchor war gemeinsam mit den Musikern der Staatskapelle in den Graben verbannt.

The Making of … Iphigenie – hier Dirigent Jonathan Darlington
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Die musikalische Leitung hatte der englische Dirigent Jonathan Darlington übernommen, der schon mehrfach im Graben des Hauses Gast gewesen war. Der 1958 Geborene beeindruckte am Premierenabend mit seinem Gespür für Tempo und Dramatik. Einfühlsam gelang es ihm, mit den hervorragend aufgelegten Musikern der Staatskapelle, die Tänzer und Sänger zusammen zu führen, sowie den Chor trotz der schwierigen räumlichen Verhältnisse zu integrieren.

Die promivierte Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer verkörperte die Stimme der Iphigenie mit einem wunderbar warmen, ebenem Sopran und sicherer Intonation. In Erinnerung bleibt als besonders beeindruckend ihre große Arie im zweiten Akt, wenn sie den Untergang ihrer Familie beklagt.

Den König der Taurer, Thoas, sang der seit Saisonbeginn dem Ensemble angehörige und inzwischen viel beschäftigte Bassbariton Lawson Anderson. Mit seiner kraftvoll, dunkel gefärbten Stimme und seiner differenzierten Phrasierung bot der noch junge Amerikaner etwas Besonderes.

Der Bassbariton Sebastian Wartig, 1989 in Dresden geboren, bis 2008 im Kreuzchor beheimatet, ist über das Junge Ensemble zum Hausensemble gekommen. Mit seiner gut geführten, schön timbrierten Artikulation gab er dem Orest mit Präzision und Beweglichkeit eine Stimme.

Mit seinem geschmeidigen klangschönen, aber leider etwas schmalen Tenor verkörperte der Texaner Joseph Dennis aus dem Ensemble den Pylades. Die seit 1989 dem Ensemble angehörende Koloratur-Sopranistin Roxana Incontrera brachte engagiert und pointiert mit musikalischer Präzision die Stimme der Diana von der Loge. Der von Gerd Amelung vorbereitete Chor flehte, klagte und beeindruckte vor allem mit dem Schlusschor.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Für die Tanzdarbietungen waren, vom Tanztheater Wuppertal Clémentine Deluy und Dominique Mercy als künstlerische Leitung engagiert worden und außerdem mit der Einstudierung der Hauptpartien beauftragt. Den Tänzer des Thoas hatte Andrey Berezin vorbereitet. Die Gruppen hatten Fernando Suels Mendoza und Barbara Kaufmann sowie Thusnelda Mercy trainiert.

Insbesondere den Solisten des Semperoper Ballett gelang es wieder einmal, mit dem Niveau ihrer tänzerischen Leistungen zu überzeugen. An der Spitze die Darstellerin der Iphigenie, Sangeun Lee. Die aus Seoul stammende Tänzerin, 2010 zum Ensemble gekommen, ist seit 2016 Erste Solistin. Die technischen Voraussetzungen der anspruchsvollen Partie zu bewältigen, ist die eine Sache. Ihr aber auch Persönlichkeit zu verleihen, die andere. Beides war ihr aber in hohem Masse gelungen.

Der Kanadier Casey Ouzounis war 2014 über das Elevenprogramm der Palucca-Hochschule zum Ensemble gekommen und ist seit 2017 Coryphée. Mit einer vielschichtigen Bewegungssprache tanzte er den Finsterling Thoas. Auch der aus Italien stammende und in Mailand ausgebildete Francesco Pio Ricci, seit 2011 im Semperoper-Ballett und seit 2018 Solist, konnte als Orest mit seiner Bildsprache und Ästhetik überzeugen. Vom Ballettdirektor Watkin in New York entdeckt und 2013 nach Dresden geholt, hat sich inzwischen Julian Amir Lacey zum Sujet der Company entwickelt. Mit seiner Pylades-Interpretation verkörpert er glaubwürdig die Emotionen dieser Figur.

Die Gruppentänze begeisterten mit ihrem klaren Ausdruck und zeugten in ihren Formationen von der Professionalität der Dresdener Truppe.

Das faszinierende am Abend bleibt, dass nicht nur der über 2500-Jahre alte Stoff des Euripides noch immer lebendig geblieben ist, aber vor allem, dass die inzwischen vor 45 Jahren entstandene Arbeit der Künstler um Pina Bausch mit ihrer Ausdruckskraft, ihrem charakteristischem Stil noch immer modern daherkommen und die Freunde des klassischen Balletts mit seiner humanistischen Aussage mitreißen kann.

Die Ovationen des von der Anspannung etwas erschöpften Publikums begannen etwas zäh, steigerten sich dann aber im Verlauf der folgenden gefühlten fünfzehn Minuten stürmisch bis zu stehenden Ovationen.

Iphigenie auf Tauris als Tanzoper an der Semperoper; die weiteren Termine 8.12.; 10.12.; 12.12.2019

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Kulturpalast Dresden, Dresdner Philharmonie – Dmitrij Kitajenko, IOCO Kritik, 01.12.2019

Dezember 2, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Kulturpalast

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Dresdner Philharmonie – Dmitrij Kitajenko – Sergei Krylov

Tschaikowski – Prokofjew – Chatschaturjan

von Thomas Thielemann

Zu einem interessanten Konzertprogramm mit dem Titel Spartakus hatte Dmitrij Kitajenko gemeinsam mit der Dresdner Philharmonie in den Konzertsaal des Kulturpalastes eingeladen. Angekündigt waren Peter Tschaikowskis Manfred Sinfonie, Sergej Prokofjews „2. Violinkonzert“ mit Sergei Krylow und Szenen aus Aram Chatschturjans Spartakus-Ballett.

Der Ideengeber der Manfred-Sinfonie  Lord Byron (1788-1824) gehörte zweifelsfrei zu den schillerndsten Figuren seiner Zeit. Unter dem Eindruck einer Reihe von alpinen Wandertouren in der Schweiz und weil er selbst von einer „unerlaubten Liebe“ zu seiner fünf Jahre älteren Halbschwester Augusta gequält war, schrieb er 1817 als eine Variierung des uralten Faust-Stoffes sein dramatisches Gedicht Manfred. Seitdem geistert der lebenshungrige, amoralische und abenteuerliche oft einsame „Byronsche Held“ durch die europäische Musik- und Literaturgeschichte. „Der Mann des Friedens“ ist zugleich schwärmerisch, menschenverachtend, die Gefahr suchend und auch findend.

Peter Tschaikowski hat sich, wahrscheinlich bedingt durch seine unterdrückte Homosexualität, lange mit der Figur Byrons beschäftigt, bevor er 1882, angeregt vom Komponisten-Freund Milij Alexandrowitsch Balakirev, mit einer programmatischen Komposition in vier Bildern, seiner „Manfred-Sinfonie op. 58“, den Versuch unternahm, seine psychischen Probleme zu kompensieren. Die Programmatik der 1885 vollendeten Komposition hat Tschaikowski selbst postuliert.

Kulturpalast Dresden / Dirigent Dimitrij Kitajenko © Klaus Rudolph Web

Kulturpalast Dresden / Dirigent Dimitrij Kitajenko © Klaus Rudolph Web

Der russische Dirigent, geboren 1940 im damaligen Leningrad, gilt seit seiner Oehms-Classic-Einspielung mit dem Gürzenich-Orchester, mit der er alle positiven Aspekte der Komposition hervorgehoben und gleichzeitig ihre Mängel minimiert hatte, als Spezialist der „Manfred- Sinfonie“.

Im Dresdner Konzert Dmitrij Kitajenko inszenierte er die Bilder der Manfred-Sinfonie nicht aus der Distanz, sondern wühlte sich in die emotionalen Tiefen der Musik und nahm seine Zuhörer mit, das Drama des Anti-Helden gleichsam zu erleben. Der düstere Beginn des ersten Satzes lento lugubre zeichnete den durch das Berner Oberland irrenden verzweifelten Protagonisten. Sein Leben schien vernichtet und Erinnerungen an seine Schwester, deren Leben er zerstört hatte, quälten ihn. Aus einer russischen Schwere führte Kitajenko das Orchester in eine düstere Melancholie und zu idyllischen Ruhepunkten. Er gab den ausgreifenden Melodienbögen Zeit zur Entwicklung, erlaubte kleinere Nuancen, um im nächsten Moment das Tempo anzuziehen.

Mit dem zweiten Satz, einem Scherzo entwarf Tschaikowski die Vision der Erscheinung der Alpenfee unter einem Regenbogen. Die wirbelnden Figuren des Vivace conspirito erforderten vom Orchester ein sehr präzises Spielen, ohne dass es wie stupider Maßarbeit klang. So aber offenbarte es dem Auditorium den luftigen Charme der Musik.

Mit dem dritten Pastoral-Satz wollte Tschaikowski dem Helden mit einem schlichten und friedlichen Leben bei Bauern und Hirten Genesung von seinen Leiden vorgaukeln. Das wollte und konnte Kitajenko nicht zulassen, wenn er den Charakter des Werkes nicht gefährden wollte. Ohne Glanz legte er deshalb mit wunderbaren Nuancen einen Hauch von Trauer und Melancholie über die alpinen Naturszenen.

Der Finalsatz mit Manfreds Tod und Auferstehung gewann noch einmal monumentale Größe und wuchs zum heroischen Hymnus. Aber mitten im Satz ließ Kitajenko die Stimmung kippen. Selbst die Orgeltöne wirkten nur noch verhalten. Erst mit den Schlusstakten konnte man spüren, dass Manfred letztlich verziehen wird und er im Tod Ruhe finden kann.

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie © Markenfotografie

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie © Markenfotografie

Zu den inzwischen weltweit häufig gespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts gehört zweifelsfrei auch Sergei Sergejewitsch Prokofjew. Der 1891 als Sohn eines Gutsverwalters in Sonzowka auf dem Gebiet der heutigen Ost-Ukraine geborene, erreichte nach seiner Petersburger Ausbildung bis 1918 als brillanter Pianist und Komponist vor allem mit seiner ersten, der klassischen Sinfonie, Erfolge.

Mit den Zielen der Oktoberrevolution konnte Prokofjew nichts anfangen, hatte nicht die leiseste Ahnung von deren Zweck und Bedeutung, meinte aber, dass in Russland kein Bedarf für Musik bestehe. Um den Unwägbarkeiten in Russland aus dem Wege zu gehen, verließ er seine Heimat. Ein unstetes Wanderleben als Dirigent und Pianist führte ihn durch die USA und Europa. Vor allem in Frankreich kam er mit den wichtigsten musikalischen Richtungen in Berührung.

Nach 1927 unternahm er mehrfach Konzertreisen nach der UdSSR, die er nach 1932 intensivierte. Warum er sich 1936 mit seiner Frau, der spanischen Sängerin Carolina Codina (1897-1989; Künstlername Lina Llubera) endgültig in Moskau niederließ, gibt es eine Vielzahl von Spekulationen. War es ein zwiespältiges Gefühl der Entwurzelung von der Heimat und deren Menschen oder war es der Einfluss von Sergej Eisensteinen, für dessen Filme er die Musik komponierte? Oder wollte er, wie mein Konzertführer der 1950er Jahre unterstellt, seine Kraft der Entwicklung der sozialistischen Musikkultur widmen? Er studierte die Schriften Lenins und übernahm 1933 eine Meisterklasse am Moskauer Konservatorium um Einfluss auf die künftige Komponistengeneration zu nehmen. Oder haben jene recht, die Prokofjew erhebliche finanzielle Probleme in Paris unterstellten, die die Sowjetregierung für ihn reguliert habe?

Namhafte Musikwissenschaftler bezeichnen seine Entscheidung als absolut rational. Für Prokofjew waren die folgenden Jahre eine der produktivsten Phasen seines Künstlerlebens. Sein ältester Sohn Oleg berichtete, dass der Vater über das, „was draußen geschah“, nicht sprach. Auf die Internierung seiner spanischen Frau 1948, von der er seit 1943 getrennt lebte, habe er gemäß Vorwürfen Olegs nur lau reagiert. Carolina Codina war wegen des Versuchs, Geld nach Spanien zu senden als Spionin für sechs Jahre im GULAG verbracht worden. Reibereien mit der sowjetischen Kulturbürokratie blieben nicht aus, waren aber begrenzt.

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie im Kulturpalast Dresden © Markenfotografie

Kulturpalast Dresden / Dresdner Philharmonie im Kulturpalast Dresden © Markenfotografie

Das zweite Violinkonzert Prokofjews entstand als Auftragswerk der Verehrer des Geigers Robert Soetens im Sommer 1935, also in der Zeit seines „Wanderns zwischen den Welten“. So komponierte er den ersten Satz in Paris, den Mittelsatz im russischen Woronesh und schloss die Instrumentation in Baku ab. Die Uraufführung durch den Widmungsträger Soetens fand im Dezember 1935, also während des spanischen Bürgerkriegs, im Volksfront-Madrid statt. Das 2. Violinkonzert reflektiert wie kaum ein anderes Werk eine künstlerische und persönliche Umorientierung Prokofjews. Eine an die Tradition angepasste Formgestaltung und lyrische volksnahe Melodien lösten das sarkastische seines früheren Schaffens ab.

Der Solist des Abends Sergei Krylow, geboren 1970 in Moskau, gilt als ausgesprocher Spezialist für die Kompositionen Prokofjews sowohl als Geiger als auch als Dirigent. Das melancholisch russisch anmutende Hauptthema des Allegro moderato wurde von Krylow behutsam und mit unaufgeregter Virtuosität aufgenommen. Die Musiker der Dresdner Philharmonie  nahmen unter der Leitung von Dmitrij Kitajenko fast schwebend die Prokofjewsche Tonsprache auf. Krylow spielte im Weiteren den ersten Satz mit außerordentlicher Virtuosität und berauschender rhythmischen Brillanz. Im zweiten Satz Andante assai bot der Solist ein außergewöhnliches Stimmungsbild. Über einer von den Klarinetten unterstützten Streicher-Pizzicato-Basis entwickelt Krylow eine berückend kristallklare groß angelegte Serenade. Mit dem Finalsatz scheinen Solist und das Orchester den bizarr-grotesken Ton des früheren Prokofjews aufgreifen zu wollen. Aber im zunehmendem Maße übernahm wieder die anspruchsvolle Virtuosität bis das „Allegro ben marcato“ zum brüsk abreißenden Schluss geführt wurde.

Der Beifall nach dem Violinkonzert blieb freundlich. Erst nach der Zugabe, einem Capriccio von Niccolo Paganini, entschloss sich das Publikum zu den verdienten Bravo-Rufen und heftigen Ovationen.

Der armenische Musiker Aram Chatschaturjan (1903-1978) komponierte in der Mitte der 1950er Jahre, beeinflusst vom französischen Impressionismus und unter Nutzung armenisch-kaukasischer Volksmusikmotive, nach einem Libretto Nikolai Wolkows seine ausdrucksstarke und mitreißende abendfüllende Ballettmusik Spartakus.

Aus der Frühzeit des Römischen Reiches sind neben kleineren Aufständen drei bedeutsame Sklavenkriege überliefert worden. Der für Rom gefährlichste und am längsten andauernde Aufstand war der von dem Thraker Spartakus angeführte. Mit anderen Gladiatoren, 78 v.Chr. aus der Gladiatorenschule in Capua ausgebrochen, sammelte er innerhalb von fünf Jahren bis zu 200 000 Landwirtschafts-Sklaven und verarmte landlose Freie, um sie in ihre Heimat meist Thrakien bzw. Gallien zurück zu führen. Gemeinsam mit Kelten-Stämmen fügte er Römischen Legionen 73 v. Chr. am Vesuv erste Niederlagen zu, denen weitere folgten. Der Versuch, mit seinem Heer und der Hilfe Kilikischer Seeräuber nach Griechenland überzusetzen scheiterte. Erst 71 v.Chr. gelang es dem Prätor Crassus die Anhänger Spartakus mit acht Legionen einzukesseln und aufzureiben.

In Anlehnung an Geschehnissen von vor über zweitausend Jahren hatte Nikolai Wolkow um das Ehepaar Phrygia und Spartakus sowie deren Gegenpart Crassus mit Partnerin Aegina ein Libretto mit „siebenunddreißig Szenen aus dem römischen Leben“ geschaffen.

Um seine Musik auch für den Konzertsaal zu erschließen, hatte der Komponist aus den 210 Minuten-Ballettmusik zunächst drei in sich abgeschlossene Ballett-Suiten gestaltet. Inzwischen bedienen sich die Interpreten recht beliebig aus den Suiten, um sich wirkungsvolle Darbietungen zusammen zu stellen. Natürlich auch, um die Zuhörer nicht mit Spartakus’ Tod und dem Requiem, deprimiert nach Hause zu schicken.

Und so hörten wir zum Abschluss des Konzertes aus der ersten Orchestersuite die Variation der Aegina mit dem Bacchanal (1. Akt; 8. Szene), aus der zweiten Suite das „große Adagio“ von Spartakus mit Phrygia (3. Akt; 3.Szene) sowie zum Abschluss den Tanz der gadinitischen Mädchen und Spartakus Sieg ( 2. Akt; 12. Szene), mit denen die Musiker der Dresdener Philharmonie unter ihrem Gastdirigenten Dmitrij Kitajenko noch einmal flott und sehr laut auftrumpfen konnten. Leider ging in dem Tönerausch auch der Zauber des wunderbaren Adagios der Szene des Spartakus mit der Phrygia verloren.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Radebeul, Landesbühne Sachsen, Aufstieg und Fall der Stadt  Mahagonny – Kurt Weill, 30.11.2019

Landesbühnen Sachsen 

Landesbühne Sachsen / Aufstieg und Fall der Stadt  Mahagonny (© Sylvio Dittrich

Landesbühne Sachsen / Aufstieg und Fall der Stadt  Mahagonny (© Sylvio Dittrich

Aufstieg und Fall der Stadt  Mahagonny,

Oper Kurt Weill | Text Bertolt Brecht

Premiere Sonnabend, 30. November 2019, 19.00 Uhr – Landesbühnen Sachsen, Radebeul, Theaterpredigt von Pfarrer Christof Heinze zur Oper am Fr 29.11.2019, 19:30 Uhr, Termine Hauptbühne: Sa, 7.12.2019 | So, 15.12.2019 | Fr, 20.12.2019 | Fr, 10.1.2020 | So, 19.1.2020 | Sa, 29.2.2020 (Theater Eisleben)

Erstmals an einem DDR-Theater kam die Oper 1962 an den Landesbühnen Sachsen zur Aufführung und wurde 1995 zum 50jährigen Bestehen des Theaters von Joachim Herz erneut inszeniert.

Anlässlich des 70. Todestages von Kurt Weill kommt das Werk nun zum dritten Mal in einer Inszenierung von Intendant Manuel Schöbel auf den Spielplan.

Mit diesem fulminanten Gegenentwurf zur traditionellen Oper gelang Brecht und Weill ein nachhaltig wirkungsmächtiges Werk. Sorgte es bei seiner   Uraufführung 1930 in Leipzig noch für einen der geräuschvollsten Theaterskandale Deutschlands, avancierte es schon 1931 in Berlin mit 50 Aufführungen zur erfolgreichsten Produktion der Weimarer Republik.

Die aktionsreiche Geschichte um die Gründung und den Untergang der Stadt Mahagonny hat die Spannung eines klassischen Westerns. Herrschen hier zunächst paradiesische Zustände, wandelt sich die Stadt angesichts der Bedrohung durch einen Taifun zu einer Metropole enthemmter Genusssucht und

Gesetzlosigkeit. Die urbane Vision Mahagonny wird zum Zerrspiegel, vor dem sich die bis heute drängenden Fragen nach der Gestalt eines funktionierenden Gemeinwesens lustvoll verhandeln lassen.

Weills grandiose Musik zitiert ironisch Klassisches wie Bach’sche Fugen oder Webers Freischütz und Traditionelles wie Linckes «Schenk mir doch ein kleines Stückchen Liebe», Shanty, Blues, Tarantella und Bayrische Schrammelmusik. Stellvertretend für die Lieder mit «Hit»-Status sei der Alabama-Song genannt.

Elbland Philharmonie Sachsen, MUSIKALISCHE LEITUNG:  Hans-Peter Preu, INSZENIERUNG:  Manuel Schöbel (Intendant), AUSSTATTUNG:  Stefan Wiel
Choreographische Mitarbeit: Wencke Kriemer de Matos

Darsteller:
LEOKADJA BEGBICK  –  MICHAELA ISCHE a.G.
FATTY, DER „PROKURIST“ – EDWARD LEE
DREIEINIGKEITSMOSES – PAUL G. SONG
DREIEINIGKEITSMOSES-SCHATTEN  – MU-YI CHEN, NORBERT KEGEL a.G.
JENNY – KIRSTEN LABONTE
JIM MAHONEY – ALJAZ VESEL
JACK / TOBBY HIGGINS –  ANDREAS PETZOLDT
BILL, GENANNT SPARBÜCHSENBILL – BENEDIKT EDER / JOHANNES LEUSCHNER a.G.
JOE, GENANNT ALASKAWOLFJOE – MICHAEL KÖNIG
SECHS MÄDCHEN VON MAHAGONNY
CHRYSANTHI CHACHOULIA, PATRICIA HOFFMANN, SUJI KIM, SUSANN REIBEHOLZ, KERSTIN DOERING, FRANZISKA ERNST, AUSRA PRUSELAITYTE, KATRIN VALK, ANDERSON PINHEIRA DA SILVA
DIE MÄNNER VON MAHAGONNY – HERREN DES OPERNCHORS und des Zusatzchores
Musikalische Einstudierung: Thomas Gläser, Anja Greve, Thomas Tuchscheerer
CHOR DER LANDESBÜHNEN SACHSEN

—| Pressemeldung Landesbühne Sachsen |—

Hellerau, Festspielhaus Hellerau, Porträtkonzert – Aribert Reimann, IOCO Kritik, 22.11.2019

Festspielhaus Hellerau © Samira Hiam Kabbara

Festspielhaus Hellerau © Samira Hiam Kabbara

Sächsische Staatskapelle Dresden
Festspielhaus Hellerau

Capell-Compositeur  Aribert Reimann  –  Portraitkonzert

 kapelle 21 – Robert Oberaigner – Aribert Reimann

von Thomas Thielemann

Der Berliner Komponist Aribert Reimann (geboren 1936) gehört mit seinem breitgefächerten Schaffen zu den produktivsten Komponisten der Gegenwart. In der  Saison 2019/20 ist Aribert Reimann der Capell-Compositeur der Staatskapelle Dresden. Inzwischen traditionell, wurde ihm im Festspielhaus Hellerau ein Porträtkonzert – Abend gewidmet.

Der Konzertabend wurde von der kapelle 21, einer Gruppe meist jüngerer Musiker der  Staatskapelle Dresden, gestaltet. Das von Robert Oberaigner gemeinsam mit dem Komponisten ausgewählte  Programm konzentrierte das „Nachschaffen Reimanns“ zum Schwerpunkt des Porträts.

Aribert Reimann / Capell-Compositeur der Staatskapelle Dresden © Markenfotografie

Aribert Reimann / Capell-Compositeur der Staatskapelle Dresden © Markenfotografie

In drei Blöcken waren Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und Franz Schubert mit Kompositionen und Bearbeitungen unseres Zeitgenossen kombiniert. Am Beginn jeden Blockes spielten Instrumentalisten ein „Solo“ aus der Werkstatt Reimanns, so Stephan Pätzold  ein „Solo für Viola“, Norbert Anger ein „Solo für Violoncello“ und Céline Moinet ein „Solo für Oboe“ aus der Schaffenszeit zwischen 1981 bis 2001.

Mit einer Bearbeitung für Sopran und Streichquartett von acht Liedern und einem Fragment nach Gedichten von Heinrich Heine setzte sich 1996 Reimann mit dem Werk „   oder sollte es Tod bedeuten?“ von Mendelssohn Bartholdy auseinander. Die Sopranisten Carolina Ullrich vom Ensemble der Semperoper sicherte gemeinsam mit dem Streichquartett der kapelle 21 Robert Lis, Kay Mitscherling, Holger Grohs und Friedwart Christian Dittmann mit einer wunderbaren Darbietung die Aufmerksamkeit der Zuhörer im gut ausgebuchten Saal des Festspielhauses. Gleichsam als Gegenstück folgte das Mendelssohnsche Streichquartett  e-Moll op. 44/2.

Festspielhaus Hellerau / Portraitkonzert Aribert Reimann - hier :  Schellenberger und Anger © Markenfotografie

Festspielhaus Hellerau / Portraitkonzert Aribert Reimann – hier : Schellenberger und Anger © Markenfotografie

Mit einer interessanten Instrumentierung der „Fantasiestücke“ Robert Schumanns für Klarinette, Flöte, Harfe und zwei Bratschen von 2007 überraschten Robert Oberaigner, Rozália Szabó, Johanna Schellenberger, Michael Horwath und Marie-Annick Caron das Publikum. Sein besonderes Verhältnis zu Robert Schumann erläuterte Aribert Reimann mit sehr persönlichen Ausführungen, ergänzt mit Details seiner vorfahrlichen Beziehungen zu Robert Schumanns Endenicher Arzt Dr. Richarz, sowie der Erläuterung, wie er 2006 in den Besitz von Schumanns Krankenakte gekommen ist. Diesen bewegenden Ereignissen verdanken wir auch  ReimannsAdagio-zum Gedenken an Robert Schumann“ aus dem Jahre 2006, von der Streicherformation  Tibor Gyenge, Lukas Stepp, Michael Horwarth und Titus Maak berührend vorgetragen.

Reimanns subtile Näherung an Franz Schubert verdanken wir die „Nocturnos für Violoncello und Harfe“ und die „Metamorphosen über ein Menuett  von Franz Schubert (D 600) für zehn Instrumente“. Unter der musikalischen Leitung von Petr Popelka spielten Bernhard Kury (Flöte), Volker Hanemann (Oboe), Christian Dollfuß (Klarinette), Thomas Eberhardt (Fagott), Zoltán Mácsai (Horn), Michael Schmid, Emanuel Held (Violinen), Marie-Annick Caron (Viola), Titus Maack (Violoncello) und Martin Knauer (Kontrabass).

Festspielhaus Hellerau / kapelle 21 © Markenfotografie

Festspielhaus Hellerau / kapelle 21 © Markenfotografie

War die erste Probe Reimannscher Musik, der „neun Miniaturen nach Gedichten von Paul Casal“ im vierten Symphoniekonzert der Staatskapelle noch recht differenziert aufgenommen worden, so erwiesen sich die Verehrer Reimanns und die Mitglieder der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden recht aufgeschlossen und

begeistert. Die Musiker der kapelle 21 stellten mit ihren Darbietungen unter Beweis, dass sie ansonsten Mitglieder eines des weltbesten Klangkörpers sind und professionell in allen Musikformen wirken können.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Hellerau |—

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