Dresden, Semperoper, Die Zauberflöte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 04.11.2020

November 3, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden

Die Zauberflöte  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– Der kindliche Tamino betrachtet sein Erwachsenwerden –

von Thomas Thielemann

Mit einer Presse-Aussendung hatte die Semperoper am 30. September 2020 mitgeteilt, dass in Anbetracht des begrenzten Corona-Infektionsgeschehens im Bundesland Sachsen ab dem November die in adaptierten Fassungen angebotenen Opern- und Ballettvorstellungen zwar unter Berücksichtigung geltender Hygiene-Maßnahmen, aber in nahezu voller Länge zur Aufführung kommen werden. Dazu sollten ein erweitertes Sitzplatzangebot, Pausen sowie die Öffnung des Garderobenservices und der gastronomischen Einrichtungen einen weiteren Schritt in Richtung einer Normalität erbringen.

Den Auftakt dieser lang erwarteter Entwicklung könnte am 1. November 2020  die Premiere der Inszenierung Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte von Josef Ernst Köpplinger in der vollen Länge bieten. Nun hatte sich seit der ersten Oktober-Dekade das Infektionsgeschehen auch im Freistaat derart rasant entwickelt, dass inzwischen auch in Sachsen der „Wellenbrecher-Lock Down“ zu praktizieren ist. Damit wurde für die Premiere die Besucherzahl wieder mit 331 Personen begrenzt und die Aufführungsdauer von 180 auf 125 Minuten eingedampft. Auch erfolgte die Aufführung ohne Pause sowie ohne die sonstigen angekündigten Verbesserungen.

Die Zauberflöte – making of mit Regisseur Köpplinger
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Es blieb zum Glück die Verortung der etwas mehr als dreißig Orchestermusiker der Staatskapelle mit dem musikalischen Leiter Omer Meir Wellber im Graben, so dass ein „normaler Klangeindruck“ gesichert blieb.

Wolfgang Amadeus Mozarts bekannteste Oper Die Zauberflöte wird oft als eine Mischung von Opera Seria, Opera Buffa und Singspiel abqualifiziert. Tatsächlich hat der Librettist und Theaterpraktiker Emanuel Schikaneder (1751-1812) dem Komponisten mehr als eine grobe Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater sowie volkstümlicher Komödie, die er mit den Mysterien der Freimaurer anreicherte, vorgegeben. Natürlich bat der Theaterdirektor Schikaneder das befreundete Musikgenie Mozart vor allem um die Komposition eines erfolgversprechenden Beitrags für die finanzielle Sanierung seines Vorstadttheater auf der Wieden. Da das Theater mit dem Singspiel Oberon von Paul Wranitzki (1756-1808) bereits im Jahre 1790 großen Erfolg gehabt hatte, schlug Schikaneder dem Freund vor, den vergleichbaren Quellen, den Märchen der Sammlung des Christoph Martin Wieland (1733-1813) Dschinnistan zu folgen. Ausgewählt wurde das Werk Lulu oder Die Zauberflöte des Wieland-Schwiegersohns August Jacob Liebeskind (1758-1793). Verwoben wurde diese Vorlage mit Motiven der gleichfalls in der Sammlung enthaltenen Märchen von Friedrich Hildebrand von Einsiedel (1750-1828) Das Labyrinth und Die klugen Knaben sowie mit weiteren zeitgenössischen Werken unter anderem von Matthias Claudius (1740-1815).

Die Sammlungen sind vor allem in den 1780er Jahren in Weimar im Umfeld von Goethe und Herder, als Wieland von der Herzogin Anna Amalia als Erzieher ihrer Söhne nach Weimar berufen worden war, entstanden. Mit den literarischen Vorlagen waren der Zauberflöte bereits sozialethische Grundsätze von Schönheit, Weisheit und Stärke vorgegeben. Als „Freimaurer“ kombinierten die Schöpfer des Werkes deren Gedanken der Einheit von Humanität, Liebe, Bildung und Pathos. Des Weiteren sind Anklänge der Bewegung des fiktiven Christian Rosencreutzer, der mit einer kontinuierlichen Reformierung von Wissenschaft, Ethik und Glaube der Entfremdung zwischen Wissenschaft und Christlicher Kultur vorbeugen wollte, in das Libretto eingeflossen. In den Text sind leider auch Aspekte von Frauenfeindlichkeit und Rassismus eingegangen.

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

In seiner Inszenierung übertrug Josef E. Köpplinger den Kindern, diese massiven Vorgaben mit ihrer Sicht auf die Entwicklung der Hauptfiguren zu reflektieren. Das sorgfältig vorbereitete Konzept konnte in der gekürzten Fassung nach meinem Empfinden vollständig umgesetzt werden. Der jugendliche Tamino gerät in die „Wildnis des Lebens“, verstrickt sich, gerät in die Gefahren einer Schlange, der drei Damen der Königin der Nacht und wehrt sich.

Das Folgende geschieht in seiner Fantasie: auf der Bühne ist immer etwas los. Köpplinger gelingt dank seine Einfälle und der glänzenden Personenführung ein abwechslungsreiches Spektakel. Es wechseln Anleihen bei den Symbolisten mit mystischen Aspekten. Nicht alles ist neu, wäre auch bei der Fülle von Inszenierungen der Oper verwunderlich, ist aber immer gekonnt, unterhaltsam und logisch in das Bühnengeschehen eingebaut. Die schlüssige Entwicklung der Tamina vom aufmüpfigen Teenager zur Tamino-Gefährtin und des Tamino vom naiven, von der Königin manipulierten, Knaben zum Kandidaten der Sarastro-Nachfolge war schlüssig eingebunden. Logisch dass sich am Schluss das Paar nicht in die frauenfeindliche starre Männergesellschaft einbinden lässt und fröhlich in eine selbstgestaltete Zukunft abgeht. Ohne erhobenen Zeigefinger postuliert Köpplinger unsere modernen Auffassungen zum Verhältnis der menschlichen Gesellschaft zur Natur, schon weil diese Gedanken der Rosenkreuzer-Bewegung im Libretto Schikaneders angelegt sind.

Die Zauberflöte – making of mit Pamina und Tamino
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Musiziert und gesungen wurde auf hohem und höchstem Niveau. Mit seiner musikalischen Leitung gelang es Omer Meir Wellber der Mozart-Komposition eine besondere Intensität abzugewinnen. Sein faszinierender Ansatz war kraftvoll und dynamisch, die Tempi ausgewogen, ohne in sterilen Perfektionismus zu verfallen. Sein hervorragend gutes Verhältnis zu der hervorragenden Musiker-Besetzung der Staatskapelle blieb deutlich spürbar. Auch standen Wellber überwiegend großartige Sängerinnen und Sänger zur Verfügung, die er auf das Vollkommenste einzubinden verstand. Allen voran, der in seiner Heimatstadt lange vermisste René Pape, der als der Sarastro unserer Tage gilt. Dem Sarastro, den er seit 1988 im Repertoire hat, gab er Kraft seiner wundervollen Bassstimme Prägnanz und milde Autorität, aber eben auch Statik.

Dieser über dreißigjähriger Rollenpraxis stand das Rollendebüt von Nikola Hillebrand in der dem Sarastro ambivalenten Rolle der Königin der Nacht. Die Sängerin vom Mannheimer Nationaltheater, inzwischen zum Semper Ensemble gewechselt, brillierte mit einem hell strahlenden Sopran und sicherer differenzierter Gestaltung der Partie, während das Paar Pamina und Tamino mit jugendlicher Frische aufwartete. Die 2015 aus Finnland ins Hausensemble gekommene Tuuli Takala kam, nach ihrem Berliner Ausflug als Königin der Nacht, mit der Pamina sowohl im Gesang, als auch der Darstellung mit ihrer Natürlichkeit als rebellierender Teenager und andererseits mit ergreifender menschlichen Tiefe hervorragend zurecht.

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Dem Tamino hatte die Regie den größten Spannungsbogen der Entwicklung vom Knaben zum würdigen Beinah-Nachfolger des Sarasto zugeordnet. Der amerikanische im Hausensemble Tenor Joseph Dennis aus dem Hausensemble, eigentlich erst in der Zweitbesetzung als Tamino vorgesehen, überzeugte mit positiver rustikaler Ausstrahlung.
Das Buffo-Paar Papagena und Papageno war den Ensemblemitgliedern Katerina von Bennigsen und Sebastian Wartig anvertraut worden. Dem komödiantischen Talent der Sopranistin blieben nur die Szenen mit dem „alten Weib“ und das Pa-Pa-pa-Duett, während Sebastian Wartig seinem „Affen ordentlich Zucker“ geben konnte. Auch mit seinem Gesang wusste er zu begeistern.

Als besonders widerwärtiges Trio die Damen der Königin, aber mit hervorragender Gesangskultur, boten die Sopranistinnen des Ensembles Roxana Incontrera und Stepanka Pucalkova sowie die Mezzosopranistin Christa Mayer ihre Auftritte. Archaisch hingegen die Beiträge der Geharnischten von Jürgen Müller und Matthias Henneberg. Statisch wie von der Regie angelegt, kamen die Priester Mateusz Hoedt und Gerald Hupach mit beeindruckenden Stimmen über die Bühne. Dazu wirkte auch prachtvoll der auf vierundzwanzig Sänger ausgedünnte Chor. Von Simon Espers Monostatus-Texten waren nur Teile den Streichungen entgangen. Vollständig hingegen konnten die drei routinierten Knabensoprane vom Tölzer Knabenchor in die Handlung eingreifen.

Mit der begeistert aufgenommenen Inszenierung von Josef E Köpplinger erhält das nicht gering an den Erfordernissen der Besucher der Stadt orientiertem Repertoire der Semperoper eine prachtvolle Ergänzung. Dabei wäre zu überlegen, ob nicht auch, wenn die Corona-Einschränkungen abgeklungen sein sollten, die gestraffte Fassung des Premierenabends den Erfordernissen des geringer opern-affinen Teiles des Publikums besser entgegenkommt.

Die Zauberflöte an der Semperoper; die nächsten Termine 4.12.; 12.12.2020; 2.1.2021 14.00; 2.1.19.00; .31.1.2021; 4.2. und mehr

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Beethoven – 6. / 7. Symphonie – Chr. Thielemann, IOCO Kritik, 21.10.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Ludwig van Beethoven – 6. / 7. Symphonie – Christian Thielemann

Beethoven-Zyklus  –  Sächsische Staatskapelle mit außergewöhnlichen Interpretationen

von Thomas Thielemann

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Mit dem 3. Symphoniekonzert setzte die Staatskapelle den Beethoven-Symphoniezyklus mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann planmäßig fort. Der Unterschied zum ursprünglich im Saison-Heft ausgedruckten Programm war, dass vor aufgelockertem Publikum die 6. und die 7. Symphonie ohne Pause gespielt wurden. Die Streicher saßen wieder paarweise vor gemeinsamen Pulten, wenn auch etwas auf Abstand. Dass die Bläser mit größerer Distanz angeordnet und mit Glastrennwänden abgeteilt waren, hatte kaum Einfluss auf das wieder kompakte Klangbild.

Ludwig van Beethoven gesellte die idyllische F-Dur-Symphonie im Juni des gleichen Jahres 1808 zur dramatischen Kampfsymphonie c-Moll, der Fünften. Während er an dieser Schicksals-Komposition seit 1804, offenbar mehrfach unterbrochen und ständig nach Neuem suchend, gearbeitet hatte, gilt die innerhalb eines reichlichen Jahres entstandene „Sechste“ als zügig entstandene Arbeit.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Es wird vermutet, dass sich Beethoven bereits 1803 von einem „Tongemälde der Natur“ des Biberacher Organisten Justin Heinrich Knecht (1752-1817) hat anregen lassen, eine „Sinfonia pastorella“ zu schreiben. Das Projekt aber erst 1807 in Angriff nahm.
Beethoven hat den fünf Sätzen, den Inhalt kennzeichnende Satzüberschriften in deutscher Sprache zugeordnet und mit dem Titel Sinfonia pastorale, Hirtensinfonie, versehen. Zugleich warnte er vor pedantischer Ausdeutung: „Man überlasse dem Zuhörer, die Situationen auszufinden. Sinfonia caracteristica oder eine Erinnerung an das Landleben.“ Und weiter:“ Auch ohne Beschreibung wird man das Ganze, eher als Empfindung und weniger als Tongemälde, erkennen“.

Beethovens F-Dur-Symphonie op. 68 gehört zu den Kompositionen, bei deren Aufführung zur Deutung der Interpretation eigentlich eine Stopp-Uhr gehört. Liegen doch die Längen der bekannten Aufzeichnungen nach meinem Überblick zwischen Karajans 37 Minuten und Christian Thielemanns 50 Minuten. Herbert von Karajan interpretierte die Beethoven-Komposition als eine vom Anfang bis zum Ende recht forsche Wanderung in einer grandiosen Landschaft. Die Aufführungen der Staatskapelle Dresden erinnerten mich eher an den genussvollen Besuch einer Galerie mit prachtvollen großflächigen Landschaftsgemälden. Da sind keine naturalistischen oder folkloristischen Abbildungen der freien Natur auszumachen. Der Dirigent nutzte das Orchester, um über die Tonmalerei zum Ausdruck der Empfindungen zu kommen. Da war im zweiten Satz kein Murmeln oder Rauschen eines Baches zu hören. Selbst „Gewitter und Sturm“ des vierten Satzes finden außerhalb statt und man vermutet, dass man lediglich vergessen hat, vor dem Unwetter die Fenster zu schließen. Christian Thielemann bot das im Laufe der Jahrzehnte oft gehörte Werk völlig unangestrengt als eine filigrane Palette tiefster Musikalität. Präzise, in freier Einfachheit schwebten die Töne mit selten gehörter Intensität. Fast melancholisch erzählen die Soloklarinette von Wolfram Große, die Solo-Oboe von Céline Moinet, des Fagotts von Thomas Eberhardt und vor allem Sabine Kittels Flöte von der Schönheit der Landschaftsbilder.

Chefdirigent Christina Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Chefdirigent Christina Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Dazu die wunderbaren Hörner der Staatskapelle, deren Wirkung die Hörer angriffen. Sehr emotional, bemüht Christian Thielemann kaum den strukturell denkenden Analytiker, sondern erweist sich als Meister raffiniert angelegter Steigerungen. Mit besonders breit ausgespielten Passagen und theatralisch gesetzten Pausen wich er vom Gewohnten ab. Da roch nichts nach freier Natur, sondern eher nach dem Bericht eines Wanderers in froher Runde beim Wein über das Erlebte.

Auf das Titelblatt des Autographs der siebten Symphonie hatte BeethovenSinfonia 1812, 13ten May“ geschrieben. Das vermerkte zwar das Datum der Partiturniederschrift, war aber im tieferen Sinne mehr. Ist doch die Symphonie der künstlerische Beitrag des Patrioten Beethoven zur nationalen Volkserhebung der Befreiungskriege sowie der Niederlagen Napoleons, die 1812 mit dem Brand von Moskau ihren Anfang nahmen. Mit seiner Siebten hat Beethoven den Sieg der unterdrückten Völker über Napoleon regelrecht voraus gesehen. Mehr noch: er sah den Sieg alles dessen, um das die Völker zum Erlangen ihres Glücks und Wohlstandes kämpfen, in einer verallgemeinerten, zeitüberhöhenden und künstlerischen Gestalt mit der A-Dur-Symphonie als kühne Vision.
Die thematische Anlage der siebten Symphonie Beethovens hat eine deutlich geringere emotionale Interpretation Christian Thielemann zur Folge, indem er den Eröffnungssatz brachial-leidenschaftlich vom ersten bis zum letzten Takt hochspannend dirigierte, um das Allegretto umso inniger anzuschließen. Mit klanglicher Opulenz, epischer Breite und technischer Brillanz wurde der Satz zu einem Nachweis der Qualität des Orchesters. Mit dem kontrastierend-rasend gespielten „Presto“ gelang es, an die Ereignisse der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. Bis zum 19. Oktober 1813, also vor exakt 207 Jahren, anzuknüpfen. Folglich war auch nichts vom oft zitierten „Tänzerischen“ auszumachen.

Der Schluss-Satz gestaltete sich noch einmal zum Kraftakt für den Dirigenten und eine Reihe der Musiker, allen voran „unseren Pauker“ Thomas Käppler, so dass man in diese Orgie der Rhythmen und der Lebensfreude zwangsläufig hineingezogen wurde.

Die Ovationen des ausgedünnten Publikums waren in beiden Konzerten heftig und herzlich, aber nicht überschäumend. Eine begrenzte Besucherzahl gab stehenden Beifall. Eventuell waren die konzentriert Hörenden doch etwas erschöpft.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper, Semper Essenz: Madama Butterfly, IOCO Kritik, 27.08.2020-

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Madama Butterfly – Giacomo Puccini

Butterfly – Konzertante Höhepunkte in der Semperoper

von Thomas Thielemann

Die Plätze im Mittelbereich der siebten Reihe der Semperoper in einer Butterfly-Premiere sind eigentlich ein Traum. Kaum Direktschall des Orchesterklangs aus dem Graben, dafür die volle Re-flexdröhnung von der Decke, gemischt mit den feinzilesierten Brechungen von den Rängen, geben eine vollkommene Basis für den horizontal einströmenden Gesang von der Bühne.

Die Corona-Umstände verweigerten uns allerdings das Bühnenbild des Japaner Keno Tamara und des Polen Boris Kullick, sowie die Inszenierung des japanischen Regisseurs Amen Miyamoto mit dem angekündigten ost-westlichen Blick auf die tragische Liebesgeschichte zwischen der Japanerin Cio-Cio-San und dem Amerikaner Pinkerton.

Semperoper / Madama Butterfly - hier : Hrachuhí Bassénz als Cio Cio San  und Christa Mayer als Suzuki © Klaus Gigga

Semperoper / Madama Butterfly – hier : Hrachuhí Bassénz als Cio Cio San  und Christa Mayer als Suzuki © Klaus Gigga

Für die konzertante Aufführung der musikalischen Höhepunkte des Puccini-Werkes hatte die volle Graben-Musikerbesetzung auf der Bühne Platz genommen und versorgte das Parkett-Publikum mit der vollen Intensität einer hervorragend musizierenden Staatskapelle. Der musikalische Leiter des Abends Giampaolo Bisanti dirigierte mit Körpereinsatz und Leidenschaft, die man von einem italienischen Puccini-Spezialisten erwartete. Puccinis farbenreiche Komposition erklang mit Klarheit und phantastischer Prägnanz.

Für die Gesangs-Solisten war es schwierig, sich im Rampenbereich gegen den oft recht heftigen Orchesterklang zu behaupten. Die Armenierin Hrachuhi Bassénz als Cio-Cio-San, die Moskauerin Anna Kundriashova als Kate Pinkerton, der Grieche Alexandros Stavrakakis als Onkel Bonze und der Amerikaner Aaron Pegram als Goro hatten, wegen der im April ausgefallenen Premiere, ihre Rollen-Debüts erst im September am besuchten Abend.

Semperoper / Madama Butterfly - hier :  Hrachuhí Bassénz, Sächsische Staatskapelle Dresden unter der ML von Giampaolo Bisanti © Klaus Gigga

Semperoper / Madama Butterfly – hier : Hrachuhí Bassénz, Sächsische Staatskapelle Dresden unter der ML von Giampaolo Bisanti © Klaus Gigga

Musikalisch war an diesem Abend Belcanto vom Feinsten zu erleben. Hrachuhi Basénz begeisterte als Butterfly mit großen dramatischen Bögen, exzellenter Pianokultur und souveränem Forte. Ihr immer sauber geführter, gut gestützter Sopran kippte auch bei den dramatischen Erkenntnissen des Scheiterns nicht ins Schrille. Eher hatte man den Eindruck, dass ihrer Figur vom Beginn an bewusst war, dass das Geschehen nicht gut gehen kann. Am Schluss erhält sie mehr Bewunderung als Anteilnahme.

Der warme Mezzo der erfahrenen Christa Mayers als die besorgte Suzuki harmonierte auf das Wunderbarste mit der Stimme der Titelheldin. Mit der gewohnten Souveränität erfüllte sie ihre Aufgabe ohne Fehl und Tadel.

Der einzige Gastsänger des Abends war Jonathan Tetelmann. Er ist in Chile geboren, in den USA aufgewachsen und ausgebildet. Mit seinem bemerkenswert glasklaren Tenor sang er mit mühelosen Höhen den nicht unbedingt sympathischen Pinkerton.

Semperoper Dresden / Madama Butterfly - hier :  Jonathan Tetelmann als Pinkerton © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Madama Butterfly – hier : Jonathan Tetelmann als Pinkerton © Klaus Gigga

Alexandro Stavrakakis sang aus der Proszeniumsloge heraus den Onkel Bonze. Mit seinem kraftvollen Bass verfluchte er Cio-Cio-San wegen ihres Konfessionswechsels auf das eindrucksvollste. Gut gefielen der quirlige Goro von Aaron Pegram und der amerikanische Konsul von Christoph Pohl mit Stimme und Auftreten. Etwas blass hingegen erwies sich Anna Kudriashova-Stepanets vom jungen Ensemble des Hauses. War es ihre Nervosität oder war ihre Aufgabe so angelegt, dass sie unmotiviert von der Bühne verschwand und dann so zurückhaltend agierte, dass man ihr nicht abnahm, wie sie einer Mutter den Sohn entziehen konnte.

Die als Butterfly-Freundinnen agierenden sechs Damen des Staatsopernchores behaupteten sich mit ihrem wunderbaren Gesang gegenüber dem mächtigen Orchestersturm.

Nun kann ich bezüglich des unausgewogenen Klangbildes nur für den von mir bevorzugten vorderen und mittleren Parkettbereich sprechen. Aber bei der zurückhaltender eingerichteten Don-Carlo-Einrichtung von Johannes Wulff-Woesten war auch für diesen Bereich voller Operngenuss möglich gewesen. Wie sich die Orchester-Sänger-Konstellation in den höheren Rängen anhörte, kann ich leider nicht beurteilen. Aber dort habe ich bei früheren Opernaufführungen im Semperbau den Klangbrei beklagen müssen.

Madama Butterfly – Semper Essenz; die weiteren Vorstellungen am 2.10.; 11.10.; 23.10.;2020; alle Vorstellunen sind ausverkauft; Restkarten möglich

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Kulturpalast, Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen, IOCO Kritik, 24.09.2020

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen

Von der kurfürstlichen Hofkapelle zur Sächsischen Staatskapelle Dresden

von Thomas Thielemann

Am 22. September 2020 feierten die Musiker und Freunde der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Kulturpalast der Stadt den 472. Geburtstag des Klangkörpers.

Eigentlich könnte die Kapelle auf ein längeres Bestehen blicken, wenn nicht die konfessionellen Auseinandersetzungen eine Unterbrechung der frühen Musikkultur im sächsischen Raum zur Folge gehabt hätten. Der später erste Kapellmeister der heutigen Staatskapelle Johann Walter (1496-1570), ein Freund Martin Luthers, war bereits 1524 als Bassist und kurze Zeit später als Componist einer kurfürstlichen Hofkapelle des Johann Friedrich I. von Sachsen nachweislich tätig gewesen. Der Kurfürst und Herzog aus dem Hause der ernestinischen Wettiner, auch Friedrich der Großmütige genannt, residierte in Torgau auf dem Schloss Hartenfels, dem damaligen politischen Zentrum der Reformation. Johann Walter, der nach der Herkunft seiner Mutter auch als der Blankenmüller bekannt war, wurde der Herausgeber des ersten evangelischen Chorgesangsbuches.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Eine wegen des Rüstungs-Finanzbebarfs 1526 angestrebte Auflösung der Capelle konnte durch eine Intervention Philipp Melanchtons (1497-1560) zunächst verhindert werden. Als die Hofkapelle dann trotz Gehaltsabsenkung der Musiker 1530 doch aufgelöst werden musste, wollte die Torgauer Bürgerschaft nicht auf die ihnen liebgewordene Kirchenmusik verzichten. Sie vereinte Johann Walter und einige der Musiker zur „Cantoreigesellschaft“ und stellte neben der Besoldung auch Sänger zur Verfügung. Martin Luther war über die Auflösung der Hofkapelle sehr aufgebracht und erreichte noch mit einem groben Brief, dass der Kurfürst der bürgerlichen Gesellschaft zumindest einen jährlichen Zuschuss von 100 Gulden zusagte.

In der Folge der Niederlage des Schmalkaldischer Bundes 1547 verloren die Ernestiner die Herrschaft und Kurfürst wurde Moritz von Sachsen (1521-1553) aus dem Hause der anhaltinischen Wettiner.

Als Moritz die Hochzeit seines Bruders August mit einer dänischen Prinzessin auszurüsten hatte, entschloss er sich zur Gründung einer eigenen Kapelle, die zunächst bei den Hochzeitsfeierlichkeiten wirken sollte. Die Stiftungsurkunde unterzeichnete Moritz am 22. September 1548, dem Tag, der als Geburtstag der ohne Unterbrechungen existierenden Sächsischen Staatsapelle gilt.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Die neugegründete „Capelle“ musizierte erstmals am 8. Oktober 1548 unter „Johann Walters Direction“ in Torgau, siedelte dann mit dem kurfürstlichen Hofe als dessen Hofkapelle nach Dresden.

Über lange Zeit wurden die Erinnerungskonzerte an die Gründung genutzt, um an frühere komponierende kurfürstliche und staatliche Kapellmeister und Musiker mit der Wiedererweckung ihrer Werke zu erinnern. Das waren zum Teil recht interessante und des Hörens werten Begegnungen.

In den letzten Jahren wird der Termin des Geburtstagskonzertes aber verwendet, um auch den heimischen Freunden der Staatskapelle das Programm der in jedem Jahr anstehenden Europa-Tournee vorzustellen. Dabei macht es Sinn, das Konzert nicht im Semperbau mit seinen spezifischen Bedingungen zu spielen sondern stattdessen den Konzertsaal des Kulturpalastes mit seinen breiteren Möglichkeiten zu nutzen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Geplant war eine Tournee des Orchesters mit dem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung und dem Capell-Virtuosen Sir András Schiff mit Konzerten in Antwerpen, Luxemburg, Brüssel, Wien und Bratislava. Corona-bedingt wurde aber ein Konzert nach dem anderen abgesagt, so dass letztlich nur ein zusätzlich in die Planung einbezogenes Gastkonzert in Köln stattfinden wird.

Sein Konzert für Klavier und Orchester Nr.1, d-Moll, komponierte der junge Johannes Brahms (1833-1897) zunächst für zwei Klaviere. Jahre später, 1854 begann er die Sonate für Orchester zu instrumentieren. Zunächst als Symphonie angestrebt, entstand nach zähem Ringen und unzähligen Änderungen in den Jahren bis 1859 der Koloss des ersten Klavierkonzertes.

Auf dem Podium waren um den Dirigenten Myung-Whun Chung, den Pianisten und einem Konzertflügel der Dresdner Philharmonie herum, natürlich mit dem vorgeschriebenen Zwischenraum, auf dem restlichen Teil der 220m²-Bühne etwa 60 Musiker der Staatskapelle in den gebührenden Abständen platziert. Jeder der Musiker hatte sein eigenes Notenpult.

András Schiff meisterte die hohen technischen Anforderungen ohne dabei als Virtuose glänzen zu können, aber mit der gewohnten Souveränität.
Während man das Klavier hörte, wie man es bei Brahms von vielen früheren Aufführungen gewohnt war, unterschied sich der Orchesterklang doch deutlich vom Vertrauten. Der Orchesterpart hörte sich weicher, zum Teil leicht zerfasert und vor allem etwas stumpf an. Es war zu spüren, dass den Musikern der unmittelbare Kontakt zu den Partnern fehlte, jeder bis zu einem gewissen Grade vor sich hin spielte und sich damit die Klänge nicht wie gewohnt mischten.

Über weite Strecken tauschten Solist und Orchester die Führungsrolle, indem Schiff das Orchester begleitete. Weniger problematisch erschien mir die anschließende Darbietung der 7. Symphonie d-Moll von Antonin Dvorák (1841-1904). Auch hier kam der Klang weicher als vertraut, doch etwas geschlossener, wenn auch nicht kompakt. Musiziert wurde gewohnt präzise, aber es fehlte eben das Mischen der Töne. Ich hatte den Eindruck, dass die Aufgabe des Dirigenten an Bedeutung gewonnen hat. Und da das Orchester mit seinem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung bestens vertraut ist, haben die Partner offenbar das Mögliche geboten.

Der traditionenell dem jährlichen Geburtstagskonzert folgende Empfang der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden für die Musiker ihres Orchesters wurde in diesem Jahr zum Corona-Opfer.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

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