Dortmund, Oper Dortmund, Premiere ECHNATON – Philip Glass, 24.05.2019

Dezember 28, 2018  
Veröffentlicht unter Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Dortmund

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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

  ECHNATON –  Philip Glass

In Ägypten herrscht Revolution – Echnaton hat den Thron bestiegen

Der italienische Regisseur und Choreograph Giuseppe Spota wird ECHNATON von Philip Glass inszenieren. Die Oper, deren Premiere am 24. Mai 2019 stattfindet, behandelt das Scheitern eines Herrschers, der sich für religiöse Reformen einsetzt und gibt ein tragisches Sinnbild für politisches Handeln. Das Theater Dortmund und der ursprünglich für die Produktion vorgesehene Regisseur und Choreograph Demis Volpi teilen mit beidseitigem Bedauern mit, dass aus Gründen künstlerischer Differenzen die Zusammenarbeit am Projekt ECHNATON beendet wurde. Das Theater Dortmund und Demis Volpi können sich jedoch explizit eine erneute Zusammenarbeit in der Zukunft vorstellen.“

In Ägypten herrscht Revolution. Echnaton hat den Thron bestiegen und die Macht im Staat übernommen. Der junge Pharao verkündet den Beginn einer neuen Ära. Echnaton und seine Anhänger zerstören den Tempel des Gottes Amun. Aton soll als einziger Gott verehrt werden. Die Bevölkerung ist über die Entmachtung anderer Götter empört und damit wendet sich das Schicksal gegen ihn. Als Echnaton unterlassene Hilfeleistung zum militärischen Schutz der ägyptischen Provinzen vorgeworfen wird, stürmt das aufgehetzte Volk den Palast.

Oper und Ballett werden gemeinsam Philip Glass´ ECHNATON im Dortmunder Opernhaus als sinnlich choreografierten Abend auf die Bühne zu bringen. Zum ersten Mal wird Giuseppe Spota in Dortmund inszenieren und choreographieren. Der ausgebildete Tänzer, Choreograph und Regisseur erhielt 2011 den Theaterpreis „Faust“ in der Kategorie Tanz für seine Arbeit in BLAUBART von Stephan Thoss. Im selben Jahr wurde seine erste choreographische Arbeit UN / ATTAINABLE mit dem zweiten Platz beim Internationalen Choreographie Wettbewerb in Hannover ausgezeichnet. Im Rahmen des Festivals ApuliArte in Barletta wurde er 2012 mit einem Ehrenpreis des Premio Internazionale ApuliArte für seine künstlerischen Leistungen im Ausland ausgezeichnet. Seit 2013 ist er als freischaffender Choreograf tätig und kreiert regelmäßig Stücke für Tanzkompanien im In- und Ausland.

—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

Dortmund, Oper Dortmund, Premiere LAND DES LÄCHELNS – Franz Léhar, 12.01.2018

Dezember 27, 2018  
Veröffentlicht unter Operette, Premieren, Pressemeldung, Theater Dortmund

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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

 DAS LAND DES LÄCHELNS  – Franz Léhar

Premiere am 12. Januar 2019

Franz Lehárs romantische Operette DAS LAND DES LÄCHELNS wird am Samstag, 12. Januar 2019, um 19.30 Uhr im Opernhaus Dortmund Premiere haben. In der Regie von Thomas Enzinger und der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz werden zum ersten Mal die Sopranistinnen Irina Simmes und Anna Sohn sowie der Tenor Martin Piskorski in der Dortmunder Oper zu sehen sein.

Oper Dortmund / Das Land des Lächelns - Irina-Simmes © Björn Hickman

Oper Dortmund / Das Land des Lächelns – Irina-Simmes © Björn Hickman

Lisa verkehrt als Tochter des Grafen Lichtenfels in der besseren Wiener Gesellschaft und hat dort den chinesischen Diplomaten Prinz Sou-Chong kennengelernt. Seine exotische Aura und sein ungewohnt zurückhaltendes Wesen beeindrucken sie weit mehr als das offensive Flirten der anderen Männer – allen voran Gustl. Als Sou Chong in seine Heimat zurückbeordert wird, fährt Lisa entgegen aller Warnungen mit ihm. Im fernen Land des Lächelns begegnen ihr unerwartete Sitten und Bräuche: Sou-Chong ist es in seiner Position verboten, die Ehe mit einer europäischen Frau einzugehen – traditionell muss er vier Chinesinnen heiraten. Lisa ist tief gekränkt, desillusioniert und will China möglichst schnell verlassen. Da macht sich die Hartnäckigkeit Gustls bezahlt, der sich in das Reich der Mitte versetzen ließ, um Lisa nahe zu sein. Jetzt setzt er alles daran, Lisa trotz Sou-Chongs wütendem Protest aus ihrem Unglück zu befreien.

Die Liebe zwischen Mann und Frau ist schon eine Herausforderung an sich, doch kommen auch noch kulturelle Gegensätze dazu, so kann sie zu einer turbulenten Achterbahnfahrt mit ungewissem Ausgang werden. Franz Lehár fand in diesem Konflikt aus aufregender Exotik, sehnsüchtiger Erotik, großen Gefühlen und tiefer Melancholie das perfekte Sujet für eine seiner berühmtesten Operetten.

—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

Dortmund, Theater Dortmund, Die göttliche Komödie I: Inferno – Ballett, IOCO Kritik, 05.12.2018

Dezember 6, 2018  
Veröffentlicht unter Ballett, Hervorheben, Kritiken, Theater Dortmund

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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Die göttliche Komödie I: INFERNO – Dante Alighieri

Ballett von Xin Peng Wang – Musik Michael Gordon und Kate Moore

– Höllenqualen im Angebot –

Von Hanns Butterhof

Dante - Büste von Rainer G. Schumacher © Hanns Butterhof

Dante – Büste von Rainer G. Schumacher © Hanns Butterhof

Dante Alighieris  Divina Commedia hat heute einen prominenten Platz in der Liste der am wenigsten gelesenen Weltliteratur neben dem Ulysses von James Joyce oder dem Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Das liegt nur zum einen an den 15 000 kreuzweise gereimten Terzinen der dreiteiligen Dichtung vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Auch der Stoff, eine Wanderung des Dichters zu seiner früh verstorbenen jugendlichen Geliebten Beatrice durch Hölle und Fegefeuer bis zum Paradies ist sperrig. Er enthält nichts weniger als die Summe des christlichen Wissens am Ausgang des Mittelalters und ist in jedem Vers Enzyklopädie, Predigt und dramatisches Epos zugleich.

Xin Peng Wang lädt zum Besuch beim eigenen inneren Inferno ein

Die göttliche Komödie I: INFERNO – Ballett von Xin Peng Wang
Youtube Trailer des Theater Dortmund
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So ist es nicht verwunderlich, dass die Göttliche Komödie bislang keinen Choreographen von Rang dazu herausgefordert hat, sie zur Vorlage für ein Tanzstück zu erwählen. Überdies steht in Frage, ob die gerade im „Inferno“ gehäuften Martern überhaupt tanzbar sind und nicht in ein pathetisch gequältes Gekrümme und barmendes Armerecken münden müssen.

Xin Peng Wang, Direktor und Chefchoreograph des Balletts Dortmund, und sein Dramaturg und Konzeptentwickler Christian Baier sind davon überzeugt, dass man die Hölle nicht darstellen kann. Daher bieten sie mit dem Tanzabend Die göttliche Komödie I: Inferno Bilder und eine Musik an, zu denen jeder Betrachter seine eigene innere Höllenerfahrung assoziieren kann. Für das internationale Publikum gilt somit die Aufforderung des Programmhefts „Feel the hell !“

Auch der Dortmunder Tanzabend Die göttliche Komödie I: Inferno, der erste Teil der auf drei Spielzeiten ausgelegten Darstellung aller Teile von Dantes Werk, hat seine Tücken. Sie liegen vor allem in der Rolle Dantes, der, geführt von dem Römischen Dichter Vergil die Hölle nur zuschauend durchmisst. Die erste, äußerst eindringliche Szene zeigt ihn, (István Simon) wie er, nur mit einer weißen Hose bekleidet, in einem Gefängnis aus von oben herabhängenden, schaurig rasselnden Ketten liegt. Mühsam zieht er sich an diesen Ketten hoch, bricht wieder zusammen und bleibt wie gekreuzigt bäuchlings am Boden liegen. Dann erscheint ihm, wohl als Sehnsuchtsbild, seine Beatrice (Shuci Cao) im unschuldig weißen, durchscheinenden Chiton (Kostüme: Bernd Skodzig). Alabastern wie eine griechische Göttin atmet sie ihm zu Kate Moores romantischer Cellomusik „Whoever You Are Come Forth“ entgegen, um nach innigem Tanz wieder zu entschwinden.

Theater Dortmund / Ballett - Die göttliche Komödie - Inferno - hier : Der Höllentrichter  © Maria-Helena Buckley

Theater Dortmund / Ballett – Die göttliche Komödie – Inferno – hier : Der Höllentrichter  © Maria-Helena Buckley

Danach bleibt Dante tänzerisch wenig mehr, als sich in weiten, hohen Sprüngen mit dem präsenteren Vergil (Dustin True), der sturmumbraust mit rotem Umhang und schwarzer Hose auftaucht, von einem Kreis der Hölle zum nächsten zu bewegen und sich manchmal in zarten Pas de deux Beatrices zu erinnern.

Nach Dantes Beatrice-Imagination beginnt jäh die Hölle, stürzen spektakulär Verdammte wie auf Michelangelos „Jüngstem Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle vom Schnürboden herab. Zu den einsetzenden rhythmisch hämmernden Klangclustern von Michael Gordons Decasia, die das Stück bis zum Ende grundieren, treibt feuchtglänzend Fährmann Charon (Shai Ottolenghi) mit seinem Paddel die schwarz vermummten Verdammten, die aus dem Parkett und Orchestergraben kriechen, vor sich her in die Unterwelt.

Das tänzerische Schwergewicht liegt vor allem auf den Bildern, die von den eindrucksvollen Ensembles gemalt werden. Die Verdammten erscheinen, wenn sie ihre schwarzen Umhänge abgeworfen haben, in ihren Ganzkörpertrikots wie enthäutet, als wären sie bewegte Plastinate aus Gunther von Hagens‘ gruseligen „Körperwelten“. Wie nach einer höllisch blutigen Schlacht liegen sie schließlich zuckend verstreut auf der Bühne.

Die Sünder bleiben durchwegs ohne zurechenbare Identität. Die in eindrucksvollen Pas de deux, trois und quatre mit expressivem Tanz Hervortretenden werden bald von der Menge der übrigen aufgesogen, die sich wie im Schlamm wälzen, protestierend ihre Ketten hochreißen, sich wie unter schweren Lasten krümmen und oft spiralförmig gegen einander rennen.

Theater Dortmund / Ballett - Die göttliche Komödie -Inferno © Maria-Helena Buckley

Theater Dortmund / Ballett – Die göttliche Komödie -Inferno © Maria-Helena Buckley

Ihr Ziel ist ein hölzerner Trichter, den Frank Fellmann wie einen großen, manchmal blutrot aufglimmenden Federball auf die Hinterbühne gebaut hat. Er kann von den Verdammten von innen und außen bestiegen werden, ist aber auch spiralförmige Rutschbahn nach unten. Dass er nach oben offen ist, ist von besonders höllischer Raffinesse, lässt er doch dort immer noch hoffen, wo man Hoffnung ausdrücklich fahren lassen sollte. Dass der Trichter als eine Qualenschraube immer tiefer in den Höllenschlund führt, muss man ihm glauben.

Für das Höllengefühl ist nicht zuletzt die Musik Michael Gordons zuständig. Sein Stück Decasia schichtet immer intensiver Geräusche aller Art über einen beständigen, hämmernden Rhythmus. Er ist imstande, zunehmend Bedrückung und Engegefühle auszulösen und trägt so mit dazu bei, dass Die göttliche Komödie I: Inferno von Xin Peng Wang bei der Schönheit des Tanzes nicht ihren Schrecken verliert.

Ballett Die göttliche Komödie I: Inferno von Xin Peng Wang; Die nächsten Termine: 24.1., 8.2. und 17.3.2019, jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Dortmund |—

Berlin, Schlossparktheater, Paul Abraham – Musikalische Tragikomödie, IOCO Kritik, 21.11.2018

Schlosspark-Theater Berlin © Kerstin Schweiger

Schlosspark-Theater Berlin © Kerstin Schweiger

Schlosspark-Theater

Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin

Musikalische Tragikomödie um das wechselvolle Leben von Paul Abraham

Von Kerstin Schweiger

„Vor dem Lächeln der Soubretten schmilzt die ganze Weltmisere“, Alfred Grünwald im Programmheft zur Uraufführung von Paul Abrahams Operette Ball im Savoy.

Berlin, Wien, Paris, Casablanca, Havanna, New York – die Lebensstationen des Komponisten Paul Abraham lesen sich so exotisch wie die Schauplätze einer seiner Erfolgs-Operetten, mit denen er zu Beginn der 1930er Jahre für Furore sorgte. Doch das Leben des genialen Tonsetzers verlief nur bis zum Januar 1933 operettenhaft – mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde es für ihn wie für viele andere Künstler zur Tragödie.

Seit Barrie Kosky 2013 an der Komischen Oper in Berlin mit einer bejubelten Inszenierung und einer persönlichen Würdigung auf der Bühne am Ende dieser Premiere von Paul Abrahams  Ball im Savoy (youtube Trailer unten), ab März 2019 wieder auf dem Spielplan) die Wiederentdeckung seiner Musik eingeläutet hat, wird auch der Biografie des jüdisch-ungarischen Komponisten Paul Abrahams (2. November 1892 – 6.5. 1960)  wieder Beachtung geschenkt. Er teilte das Schicksal so vieler Komponisten, Textdichter, Künstler und Regisseure, die das Genre Operette zu einem der beliebtesten im politisch gebeutelten ersten Viertel des 20. Jahrhunderts machten.

 Abraham - Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

Paul Abraham – Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

„Die Nazis haben doch einen Krieg gegen die Operette geführt. Man kann doch keinen Krieg gegen die Operette führen. Was wollten sie denn spielen, wenn sie die jüdischen Operettenkomponisten nicht spielen durften?“, sagt Paul Abraham in Dirk Heidickes biographischem Theaterstück Abraham.

Am 12.September 1934 schrieb der Oberregierungsrat und spätere Reichsdramaturg Dr. Rainer Schlösser in einem Bericht an Reichsminister Goebbels: „Bei der Machtübernahme war die Lage auf dem Operettenmarkt so, dass 80% der Produktion sowohl musikalisch wie textlich jüdischen Ursprungs war. 10% war den Komponisten nach arisch, den Librettisten nach aber ebenfalls jüdischen Ursprungs. Die rein arischen Werke endlich dürften 10% nicht überstiegen haben. Unter diesen Umständen war es in der vergangenen Spielzeit nicht möglich, die jüdischen Bestandteile in der Operette restlos auszumerzen.“

In nur drei kurzen Jahren eroberte auch der ungarisch-jüdische Komponist Paul Abraham zwischen 1930 und 1933 die Bühnen der Stadt und das Berliner Publikum im Sturm. In Ungarn geboren, spielte Abraham neben dem Musikstudium in Caféhäusern und begleitete Stummfilme. Er schrieb 100 Schlager in der Woche. In der facettenreichen musikalischen Bühnenunterhaltungsindustrie der ausgehenden Weimarer Republik mit ihrem vielstimmigen Komponisten-Kreis fand er rasch irgendwo zwischen Lehár und Weill, Krenek und Künneke, Kálmán und Hollaender eine künstlerische Nische. Die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Lehár-Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda erwies sich als äußerst erfolgreich.

In enger Folge entstanden hier mit den Operetten Victoria und ihr Husar (1930), Blume von Hawaii (1931, youtube Trailer unten)) und Ball im Savoy (1932, youtube Trailer unten) drei Welterfolge, von deren Tantiemen sich Paul Abraham ein Haus in der Fasanenstraße leisten konnte.

„Es ist so schön am Abend bummeln zu geh’n“, „Ball im Savoy“, „Meine Mama ist aus Yokohama“, „Mr. Brown und Lady Stern“Abraham schrieb für seine Operetten Hit über Hit.

„Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“,  eines seiner bekanntesten Lieder aus Ball im Savoy, wurde für seinen Schöpfer nur zu schnell wahr. Direkt nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten verließ Paul Abraham 1933 Berlin. Zunächst floh er nach Budapest, wo ihn in einer Aufführung rechtsnationale Komparsen angriffen. Abraham verließ Ungarn allein, seine Ehefrau Sarolta Feszely sollte er erst 1956 wiedersehen.

Paul Abraham - Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

Paul Abraham – Im Schlosspark Theater © Bo Lahola

Besonders perfide ist, dass Abraham fertige Schlager zurücklassen musste. Sein Chauffeur soll diese an andere Komponisten verkauft haben, die sich mit der Urheberschaft schmückten. Abraham wurde nicht nur seines Vermögens, sondern auch geistig enteignet. Über Paris floh er weiter nach Casablanca und von dort nach Kuba.

Schließlich erreichte er nach New York, nur die künstlerischen Vorzeichen, unter denen er in Europa so erfolgreich gewesen war, erwiesen sich hier als komplett verändert. Die von ihm als Novum in seine Erfolgsoperetten integrierten Jazzelemente, die dort mit einer Jazzband zusätzlich zum Orchester zu seinem Markenzeichen und Stil geworden waren, fanden in der amerikanischen traditionellen Rezeption wenig Anklang. Hier verband man europäische Operetten nicht mit uramerikanischen musikalischen Stilelementen. Abraham erkrankte schwer und erfuhr in einer psychiatrischen Klinik mehr als 10 Jahre lang Behandlungen. Auf Initiative mehrere deutscher Freunde konnte er zusammen mit 52 anderen erkrankten Emigranten schließlich 1956 nach Deutschland zurückkehren, wo er jedoch wenige Jahre später verstarb, ohne seine künstlerische Karriere fortsetzen zu können.

Das kleine Berliner Schlossparktheater stellte nun in einem mehrtägigen Gastspiel rund um den Geburtstag des Komponisten Anfang November 2018 in einer Produktion der Kammerspiele Magdeburg und der Hamburger Kammerspiele eine szenische Biografie des Komponisten vor. In filmschnittartigen Rückblenden und mit wenigen Requisiten erzählt Dirk Heidicke (Regie: Klaus Noack) in seiner szenischen Biografie  das Leben des Operettenkomponisten Paul Abraham und dessen tragisches Schicksal nach.

Ein leises Stück der eindringlichen Töne. In „Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin“ begibt sich Jörg Schüttauf, als Darsteller aus Theateraufführungen und zahlreichen TV- und Kinoproduktionen bekannt, auf leise und eindringliche Art auf die Spuren eines tragischen und rastlosen Lebens. Nur wenige Kilometer entfernt von Paul Abrahams früherem Wohnhaus in der Charlottenburger Fasanenstraße und den Schauplätzen seiner großen Erfolgsaufführungen an den Berliner Operettentheatern in der späten Weimarer Republik.


Ball im Savoy – Barrie Kosky Inszenierung an der Komischen Oper
Youtube Trailer der Komischen Oper Berlin
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Schüttauf zeigt sich als Darsteller von hoher Wahrhaftigkeit. Er gibt der tragischen Figur Paul Abrahams eine Leichtigkeit, die fast beiläufig die melancholische Grundstimmung seines Schicksals auslotet. Dabei bleibt er stets dicht an der Figur.

Susanne Bard ist ihm dabei in einer Vielzahl an Rollen eine adäquate Bühnenpartnerin. Ihr unbestrittenes komödiantisches Talent, das gelegentlich ins Überzogene abdriftet, ist jedoch am besten eingesetzt, wenn sie als Sarolta Feszely, Abrahams Ehefrau, präsent ist. Hier zeigt sie mit Ruhe und Nähe zum Protagonisten eine dichte Figur.

Zusammen mit Jens-Uwe Günther am Flügel vollziehen beide Abrahams Lebensreise rückwärts nach, blicken hinter die Geschichte seiner Lieder. Günther webt immer wieder behutsam Abrahams Melodien in den gesprochenen Text, wie Erinnerungen, die für wenige Minuten aufblitzen.

Das große Verdienst des Stückes ist es, die Geschichte Paul Abrahams exemplarisch nachzuerzählen für die Biographien so vieler anderer jüdischer Künstler mit ähnlichen Schicksalswegen. Im Stück geschieht das berührend konkret, wenn es z.B. um die jüdisch-stämmigen Librettisten Abrahams, Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald geht: Grünwald gelang noch rechtzeitig die Flucht, Löhner-Beda wurde ins KZ Buchenwald verbracht, wo er 1942 ermordet wurde. Den gemeinsamen Erfolg ihrer Operetten hat Löhner-Beda, der vergeblich auf eine Intervention seines langjährigen Kollegen und Komponistenpartners Franz Lehár gehofft haben soll, nicht erlebt. Abraham hat physisch überlebt, doch seine Seele und sein musikalischer Verstand haben die Verfolgung und Irrfahrt ins Exil nicht überstanden.

Am 5. Januar 1946 wurde er auf einer Verkehrsinsel in New York City verhaftet, wo er mit weißen Handschuhen ein imaginäres Orchester dirigierte.

Blume von Hawaii –  Paul Abraham
Youtube Trailer des TfN Hildesheim mit IOCO Rezension
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Die folgenden 10 Jahre, bis es einer Initiative seines Freundeskreises gelang, eine Einreisegenehmigung der bundesdeutschen Regierung zu erwirken, verbrachte er in einer Klinik in New York. In Hamburg lebte er bis zu seinem Tod 1960 wieder vereint mit seiner ungarischen Ehefrau in einer ruhigen imaginierten Welt, in der er Briefe über kommende Broadwayprojekte verfasste. Die Situation auf der Verkehrsinsel ist zu einer wiederkehrenden Spielsituation im Stück geworden. Jörg Schüttauf gelingt es, sie als tragisches Abbild von Paul Abrahams gestohlenem Leben lebendig zu machen.

Das Schlossparktheater

Das Schlossparktheater am ehemaligen Gutshaus Steglitz in Berlin Steglitz gelegen ist ein theaterarchitektonisches Kleinod mit Tradition und bewegter Geschichte. Ca. 1885 wurde das Gebäude des jetzigen Schlosspark Theaters vom Kaufmann Hans Heinrich Müller auf dem Gelände des Wirtschaftstraktes des Wrangelschlösschens (Gutshaus Steglitz) erbaut und zunächst als Tanzsaal und Restauration genutzt. 1921 fand nach einem Umbau das Theater mit 440 Plätzen in diesem Gebäude eine neue Unterkunft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1945 führte Boleslaw Barlog das Theater 27 Jahre, bis 1972; er inszenierte dort über 100 Stücke. Zum damaligen Ensemble der „Stunde Null“ gehörten unter anderem Hildegard Knef, die im Schlossparktheater ihr Theaterdebüt gab, Klaus Kinski und Martin Held. In der Nachkriegszeit feierten deutschsprachige Erstaufführungen berühmter zeitgenössischer Dramatiker hier Premiere, so zum Beispiel 1953 Samuel Becketts bekanntes Stück Warten auf Godot in der Regie von Karl Heinz Stroux. 1950 wurde das Schlossparktheater als Teil des Schillertheaters zum Staatstheater ernannt und war dessen kleinere Spielstätte. Zum legendären Ensenble gehörten dann Klaus Kinski, Erich Schellow, Johanna von Koczian, Klaus Kammer, Gudrun Genest, Bernhard Minetti, Berta Drews, Walter Franck, Marianne Hoppe, Carl Raddatz, Arthur Wiesner und Peter Ustinov. Nach der Schließung der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin im Jahre 1993 wurde das Schlossparktheater als Privattheater mit staatlichen Zuschüssen betrieben. Aus der Konkursmasse der nach der Wende abgewickelten Staatlichen Schauspielbühnen übernahm zunächst Heribert Sasse das Schlossparktheater als Privatbühne. Ab 2004 war der Unterhaltungskonzern Stage Entertainment, für kurze Zeit Partner des Schlossparktheaters. Unter  der künstlerischen Leitung von Regisseur Andreas Gergen fand dort u.a. die gefeierte Deutsche Erstaufführung des Musicals Pinkelstadt  statt. Im Dezember 2008 übernahm der Kabarettist und Schauspieler Dieter Hallervorden das Schlosspark Theater, um es unter seiner Leitung als Sprechtheater ohne festes Ensemble zu bespielen. www.schlossparktheater.de

—| IOCO Kritik Schlosspark-Theater Berlin |—

 

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