Winterthur, Theater Winterthur, Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 10.03.2018

Theater Winterthur © Theater Winterthur

Theater Winterthur  © Theater Winterthur

Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán

In Budapest bei den  Mädis vom Chantant

Von Julian Führer

 Die Stadt Winterthur zählt über 100 000 Einwohner, ist damit die sechstgrößte Stadt der Schweiz und wurde 1467 von den Habsburgern an die Stadt Zürich verpfändet. Heute gehört sie zum Kanton Zürich. Das dortige Theater ist zwar ein Dreispartenhaus, doch besteht der Spielplan aus Gastspielen anderer Häuser, meist aus Deutschland, wie unten – Die Csárdásfürstin des Landestheaters Detmold – und Österreich. In jeder Saison wird eine Produktion gemeinsam mit dem Opernhaus Zürich erarbeitet, die in der folgenden Spielzeit dort übernommen wird. Das Gebäude stammt aus den späten siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Kürzlich wurde debattiert, ob das Theater abgerissen und durch ein Kongresszentrum ersetzt werden sollte – mit unabsehbaren Folgen für den Theaterbetrieb. Diese Bedrohung zumindest scheint erst einmal abgewendet.


Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier Megan Marie Hart als Sylva Varescu, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier Megan Marie Hart als Sylva Varescu, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Nun hatte die Theaterleitung Die Csárdásfürstin in einer Produktion des Landestheaters Detmold auf den Spielplan gesetzt, die dort im Dezember 2016 erstmalig gezeigt wurde. Ein Stück, das 1915 uraufgeführt wurde, also nach Beginn des Ersten Weltkriegs, und tatsächlich thematisiert das Libretto auch Einberufungen, die die Handlung vorantreiben – doch ist der Krieg weit weg, und das Publikum soll nicht an den Krieg denken, sondern unterhalten werden. Und das gelingt hier ganz vorzüglich. Die einfache Bühne (Horst Vogelgesang) erlaubt Auftritte und Abgänge in alle Richtungen und macht mit wenigen Objekten klar, wo wir uns befinden, und zwar ganz so wie im Textbuch gefordert.

Im ersten Akt sehen wir ein paar Tische und eine Bühne auf der Bühne, auf der getanzt wird: Wir sind in Budapest bei den Mädis vom Chantant. Die Kostüme (Barbara Schiffner) lassen kein Klischee aus: diverse Trachten und trachtenähnliche Gewänder aus Österreich-Ungarn, edle Herrschaften in Uniform und Frack und am Ende, als der Krieg immer wieder zur Sprache kommt, zunehmend Pickelhauben (diese waren in Österreich-Ungarn allerdings nie gebräuchlich). Auf der Revuetheaterbühne in Budapest agiert Sylva Varescu (Megan Marie Hart) und macht die mehr oder weniger adligen Herren Graf Boni (Markus Gruber) und Edwin Ronald (Julian Orlishausen) verrückt. Sämtliche Verlobungsprojekte einzeln aufzulisten, würde den Rahmen der Besprechung sprengen…

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier vorne vorne links Markus Gruber, Andreas Jören, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier vorne vorne links Markus Gruber, Andreas Jören, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Im zweiten Akt sind wir bei Leopold Maria Fürst von und zu Lippert-Weyersheim (Michael Klein) und Fürstin Anhilte (Silke Dubilier) in Wien – das etwas heruntergekommene Budapester Theater ist verschwunden, dafür bietet die Bühne jetzt Platz, oben hängt ein Kronleuchter. Die prächtigen Kostüme der Damen der Gesellschaft setzen den Rahmen. Man meint, der Liveaufführung eines Heimatfilms beizuwohnen. Komtesse Stasi (Simone Krampe) kann sich ebenso wie alle anderen eigentlich nicht entscheiden, wen sie heiraten möchte, auch wenn das Verlöbnis mit Edwin Ronald längst vereinbart ist. Sylva Varescu wird von Graf Boni unter dem Vorwand, er habe sie geheiratet, als Gräfin vorgestellt, worauf sie Edwin Ronald einmal mehr um den Verstand bringt. Einen Tag nach der angeblichen Hochzeit Sylvas mit Boni erwischt dieser seinen Freund Edwin Ronald, wie er seine Ehefrau küsst. Da wir bei der Operette sind, ist das alles kein Problem, denn Graf Boni liebt ja eigentlich Stasi, und alles war nur ein Trick. Nur der Fürst ist gegen diese Wendung, da Sylva nur Tänzerin und eigentlich nicht adlig sei.

Der dritte Akt spielt im Foyer eines Wiener Hotels. Nun ist der Kronleuchter verschwunden, dafür steht am Rand eine Bar, an deren Tresen die Personen noch einmal zusammenkommen. Feri von Kerekes, den wir schon aus dem Budapester Theater kennen, trifft dort auf seinen Freund Edwin und dessen Eltern, das Fürstenpaar. Feri erkennt in der Fürstin Anhilte seine Jugendliebe Hilda, die selber einmal Tänzerin war – was der Fürst nicht wusste. Kurzum, der Fürst kann seinem Sohn kaum eine solche Ehe verbieten, wie er sie selbst geschlossen hat, Edwin bekommt seine Sylva, Boni bekommt seine Stasi, Schlussakkord, Applaus.

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier Eva Bernard und Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier Eva Bernard und Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

György Mészáros dirigiert das Symphonische Orchester des Landestheaters mit viel Feuer und Schmelz. Kálmán selbst ironisiert und arrangiert (etwa den ‚Hochzeitsmarsch‘ von Mendelssohn, hier gespielt von einer Zigeunerkapelle). Effektvolle Rubati lassen das Publikum in Melodien schwelgen (und manchmal mitsummen oder -klatschen). Der Orchesterapparat ist groß, das Theater ist es ebenfalls mit der Folge, dass die Klangbalance zwischen Orchester und Gesang oft zu Ungunsten des Gesangs ausfällt – vielleicht ein Problem der Winterthurer Verhältnisse im Vergleich zu Detmold. Auf der Bühne tut sich viel, die Choreographien (Richard Lowe) tragen zur großen Lebendigkeit der Produktion bei.

Megan Marie Hart hat als Sylva Varescu keine Mühe mit den hohen Tönen, und bei den Herren sticht Markus Gruber als Graf Boni mit schauspielerischen Qualitäten, Spielfreude, vollem Einsatz bei der Choreographie und klarer Stimme hervor. Alle Sängerinnen und Sänger beherrschen ihre Partien, Fürst und Fürstin sind mit Schauspielern besetzt.

 

Emmerich Kálmán in Wien © IOCO

Emmerich Kálmán in Wien © IOCO

Kálmáns Melodieneinfälle sind immer wieder mitreißend. Ob nun „Die Mädis vom Chantant“, „Das ist die Liebe, die dumme Liebe“ oder „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ – man begreift immer noch sofort, warum die Csárdásfürstin von der Uraufführung an so ein Erfolg war und als eine von ganz wenigen Operetten nie ganz von den Spielplänen verschwunden war. Glücklicherweise spielt sich die Inszenierung von Wolf Widder nicht in den Vordergrund, sondern begleitet einen wirklich heiteren Abend. Gratulation dem Landestheater Detmold zu dieser Produktion und Dank dem Theater Winterthur, dass es diese Übernahme gibt.

 

 

—| IOCO Kritik Theater Winterthur |—

Detmold, Landestheater Detmold, Powder her Face – Thomas Adès, IOCO Kritik, 24.02.2018

Februar 25, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Landestheater Detmold, Oper

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Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Powder Her Face –  Kammeroper von Thomas Adès

„The Dirty Duchess oder: was ist eine Blowjob-Arie?“

Von Karin Hasenstein

„Thomas… wer? Powder… was?“ So oder so ähnlich reagieren Viele, wenn man diese zeitgenössische Oper von Thomas Adès erwähnt.

Zugegeben, bis vor kurzem ging es der Rezensentin nicht viel anders. Bis sie im Rahmen einer Live in HD Übertragung aus der Metropolitan Opera New York The Exterminating Angel von Thomas Adès kennenlernte und in ihren Bann gezogen wurde. So kam überhaupt der Gedanke auf, die zweite Vorstellung von Powder Her Face im Landestheater Detmold zu besuchen.

Thomas Adès, geboren 1971 in London, ist ein junger Komponist, mit dessen Werk sich näher zu befassen durchaus lohnend sein kann – wenn man sich denn öffnen will für seine ungewöhnliche, wild überschäumende Klangwelt. Die deutsche Erstaufführung von Powder Her Face fand 1996 am Theater Magdeburg statt, Inszenierungen seiner zweiten Oper „The Tempest“ 2010 in Frankfurt und Lübeck. The Exterminating Angel hatte seine Uraufführung 2016 bei den Salzburger Festspielen und wurde im selben Jahr an die MET übernommen. Neben diesen drei Opern komponierte Adès zahlreiche Werke für Soli, Chor, Kammerorchester oder Streichquartett, die aber in Deutschland fast unbekannt sind, bis auf sein Werk Totentanz, das unter Jeffrey Tate am 18. September 2016 in der Hamburger Laeiszhalle erklang.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Aufführungen seiner drei Opern in Deutschland sind selten, weshalb es umso erwähnenswerter ist, dass sich ein kleines Haus in der ostwestfälisch-lippischen Provinz an diese Herausforderung gewagt hat – mit großem Erfolg! Intendant Kay Metzger gebührt große Anerkennung für seinen Mut. Denn ein Publikumsmagnet wird diese Produktion vermutlich nicht werden. Warum? Da ist zunächst das Thema. Warum komponiert ein 24-Jähriger eine Oper über das Leben einer schottischen Herzogin? Wer war Margaret Whigham, spätere Campbell, Duchess of Argyll? In der Inszenierung von Christian Poewe erzählt diese Oper in 8 Szenen und einem Epilog Momente aus dem Leben der schottischen Herzogin, die vor allem durch ihr ausschweifendes skandalöses Sexleben bekannt wurde, das durch zahlreiche eindeutige Fotos mit unzähligen Liebhabern dokumentiert ist.

1990
Der Vorhang ist zu Beginn oben und gibt den Blick frei auf ein halbrundes in weiß gehaltenes Schlafzimmer, dessen einziges Möbel ein großzügiges rundes Bett ist (Ausstattung: Tanja Hofmann). Ein Elektriker und ein Zimmermädchen vergnügen sich dort und reden abschätzig über die Kleidung der Herzogin, die bankrott ist und sich nicht eingesteht, dass sie eigentlich am Ende ist. Kleine Fenster in den Wänden öffnen sich und geben wie in einer Peep-Show den Blick auf die dahinter befindlichen Zuschauer frei, welche die auf dem Bett tanzende Frau im schwarzen Unterkleid gierig betrachten und fotografieren.
Durch die Demütigungen des Personals erinnert sie sich an ihre glanzvolle Vergangenheit.
In Rückblenden erzählt die Oper Stationen ihres ausschweifenden Lebens. Dass sich ihr alter Teekocher nicht mehr reparieren lässt, deutet auf ein wenig ruhmreiches Ende hin.

1934
Nach erfolgreicher Scheidung von ihrem ersten, langweiligen Ehemann Baron Freeling, wartet die junge Margaret mit einer Vertrauten auf den Herzog. Dieser soll ein Frauenheld sein, ist aber vor allem eins, nämlich reich, und eine Heirat bringt den ersehnten Titel und die gesellschaftliche Position. Der Herzog erscheint nur als Schattenriss in der geöffneten Tür.

1936
In einer grotesken Szene wird die Hochzeit von Margaret und dem Herzog beschrieben, indem in wechselnden Konstellationen Braut, Bräutigam und Pfarrer in eindeutigen sexuellen Posen als Standbilder hinter einer schwarzen Gaze dargestellt werden. Vor dem Vorhang wundert sich eine Angestellte über das zügellose Verhalten der Reichen, die schon tagsüber Champagner trinken.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1953
Die Herzogin ist allein im Hotel in London. Verzweifelt versucht sie, den Zimmerservice zu erreichen, um „Sandwiches, Beef, Wine“ zu bestellen. Immer wieder ist sie falsch verbunden, niemand scheint ihren flehentlichen Wunsch nach Fleisch zu vernehmen. Dabei ist ihr Schrei nach „Fleisch“ eindeutig nicht ernährungsorientiert, weshalb auch ihre Worte „Stopfe mich voll, bis ich nicht mehr kann“ nur in einer Hinsicht verstanden werden können. Schließlich erscheint ein zurückhaltender Zimmerkellner aus dem Schrank, die Aufforderung, sich zur ihr zu setzen, wird zunächst ignoriert, bis die Herzogin ihm schließlich Geld für gewisse Dienste anbietet. Die nun folgende Blowjob-Arie zeigt, wie weit Margaret schon gesunken ist, bekommt die einstige Schönheit doch nur noch „Liebe“ gegen Geld. Oder sollte man sagen „Opfer?“

In dieser Arie, die keinerlei Text enthält, sondern nur auf Vokalise gesungen wird, drückt sich die ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur aus. Die beiden Personen agieren versetzt voreinander, ohne sich zu berühren, die Darstellerin der Margaret, Eva Bernard, leistet hier stimmlich wie darstellerisch Großartiges, während das Publikum die sehr präsentable Rückansicht des Kellners (Daniel Arnaldos) unverhüllt genießen darf. Leider dreht sich in dieser Szene das Bett nicht mehr, aber auch so läuft hier noch genug Kopfkino ab. Während er seine Hose hochzieht, fragt sie ihn „You know who I am?“ und erhält die erschütternde Antwort „All the boys know“. Schließlich erinnert er sie im Gehen daran, dass man sich nicht zum ersten Mal begegnet. „Last April, the same story“. Die Herzogin bleibt verzweifelt zurück und der Zuschauer fragt sich, wer hier gerade wen benutzt hat.

1953
Der Herzog vergnügt sich mit einer Geliebten, die ihm von den Liebesabenteuern der Herzogin erzählt. Sie verrät ihm, wo seine Frau Beweise ihrer Untreue versteckt.

1955
Es kommt zum Scheidungsprozess, in welchem der Richter seine Fassungslosigkeit über das unmoralische Verhalten der Herzogin zum Ausdruck bringt und erklärt, sie sei moralisch nicht geeignet für die Ehe und des Titels nicht würdig. Diejenigen, die sie zuvor verraten haben, sitzen nun eingehüllt in die überdimensionalen Rockschöße der Richterrobe, die schwarzglänzend beinahe den gesamten Bühnenraum bedeckt. Regungslos nimmt Margaret das Urteil entgegen.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1970
Die Herzogin gibt ein letztes Interview, sei es, weil sie Geld braucht, oder weil sie einfach immer noch nicht akzeptieren will, dass ihr Stern im Sinken begriffen ist. Ernsthaft erzählt sie den Reportern, wie sie sich jung und schön hält und präsentiert ihre Mode, bis sie schließlich, auf ihren Lebenswandel angesprochen, ihre Verachtung zum Ausdruck bringt. Sie erhält hohe Rechnungen vom Hotelmanager, die sie nicht zahlen kann.

1990
Die Oper endet, wie sie begonnen hat. Die Herzogen ist allein in ihrem Hotelzimmer, statt einer schwarzen Perücke mit weißer Strähne trägt sie nun eine weiße mit schwarzer Strähne, ist wieder mit einem schwarzen Unterrock bekleidet und nur noch ein Schatten ihrer einstigen Schönheit. Der Hotelmanager erscheint und fordert sie wegen unbezahlter Rechnungen auf, das Hotel zu verlassen. Sie versucht, womit sie ihr Leben lang erfolgreich war, sie bietet ihm im Gegenzug Sex an, doch er geht nicht darauf ein.

Verzweifelt versucht sie noch etwas Zeit herauszuschinden, einen Monat, eine Woche, einen Tag… aber der Hotelmanager ist eindeutig: in einer Stunde ist ihr Wagen bestellt.
Mit ihrem letzten Freund, dem schwarzen Pudel im Arm, denkt sie an die schöne Zeit mit ihrem Kindermädchen und in ihr reift die bittere Erkenntnis: die einzigen Menschen, die jemals gut zu ihr waren, wurden dafür bezahlt. Der Manager kommt zurück. Sie versucht, sein Mitgefühl zu erregen, er soll sie halten, es habe sie schon so lange niemand mehr gehalten… Aber seine Aussage „Your car is here. That is all“, nimmt auch die letzte Illusion.

Das Bett auf dem Podest beginnt sich zu drehen, zu den Geräuschen der Windmaschine tickt das Uhrwerk im Pizzicato der Streicher und bleibt schließlich stehen. Die einstige Duchess of Argyll tritt ab, gebrochen, allein. Das Licht blendet ab. Die Klammer zum Anfang wird geschlossen durch Elektriker und Zimmermädchen, die mit den Worten vor den Vorhang treten: „Enough? Or too much…“

Was ist es nun, das so manchen Besucher veranlasst hat, in der Pause das Theater zu verlassen? Die eindeutig inszenierte Fellatio-Darstellung auf der Bühne? Die mit liebgewordenen Hörgewohnheiten brechende Musik von Thomas Adès? Die aggressive Erotik? Die sperrigen Texte? Die enttäuschten Erwartungen an einen „netten“ Opernabend? Die Tatsache, dass die nur vier Solisten in verschiedene Rollen schlüpfen? Insgesamt zuviel nackte Haut auf der Bühne?

Wer die Oper im Abo hatte, mag vielleicht überrascht worden sein, aber wer sich bewusst für dieses Stück entscheidet, sollte auf all das vorbereitet sein. Wer es dennoch nicht war und sich entschieden hat, vorzeitig zu gehen, hat sich damit viel genommen. Im zweiten Teil nimmt die Handlung ihren tragischen Verlauf, steigern sich Musik, Spiel und Gesang immer mehr bis zum hoffnungslosen Ende.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Partien verlangen den Sängerdarstellern einiges ab. Allen voran sei die Rolle der Herzogin zu nennen, die von Eva Bernard in allen Facetten großartig gemeistert wurde. Sie als „lyrischen Sopran“ zu besetzen, wie Adès es vorsieht, würde den Anforderungen fast nicht gerecht. Die Partie ist recht umfangreich und stellt die Stimme vor hohe Anforderungen an Beweglichkeit, Tessitura und Wechsel zwischen lyrischen und dramatischeren Passagen. All dieses meisterte Eva Bernard mit Bravour. Dass sie sich zu Beginn als erkältet ansagen ließ, schien eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen zu sein, davon war der Stimme nichts anzumerken. Auch ihr Spiel war immer in der Rolle, hochkonzentriert und professionell.
Der niederländische Bass Bart Driessen sang die Rolle des Hotelmanagers, schlüpfte aber auch in die des Herzogs. Auch ihm gelang eine souveräne Darstellung des betrogenen Ehemannes, der außerehelichen Aktivitäten ebenso wenig abgeneigt ist, wie die Herzogin, ebenso wie die des Hotelmanagers. Sein seriöser Bass verfügt über alle Fähigkeiten, um diese Rolle überzeugend auszufüllen.
Das Zimmermädchen wurde von Jeanne Seguin charmant-kokett dargestellt. Die nahezu akrobatischen stimmlichen Anforderungen, welche der Komponist dieser Figur gegeben hat, bewältigte der Koloratur-Sopran mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Anklänge an die Arie der Königin der Nacht drängen sich dem Hörer auf.
Der spanische Tenor Daniel Arnaldos fügte sich stimmlich wie optisch perfekt in das Solisten-Quartett ein. Er überzeugte in der Rolle des Elektrikers ebenso wie in der des gefügigen Kellners mit schlankem, leicht dunkel timbriertem Tenor. An vielen Stellen schimmern bekannte musikalische Zitate durch Adès‘ Partitur, er macht Anleihen bei Mozart, Strauss, am Ende gar bei Wagner, aber wahrt dennoch stets seine eigene unverwechselbare Handschrift.

Das kleine Orchester (15 Stimmen) unter der Leitung von Lutz Rademacher besteht aus einer kleinen Streichergruppe (zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass) und im Verhältnis dazu zahlreichen tiefen Blasinstrumenten wie der Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bass-Saxophon, im oberen Tonbereich ergänzt durch eine Kolbenflöte, wodurch – wie schon bei den Sängern – ein großer Tonumfang abgedeckt wird. Das Blech ist durch Horn, Trompete und Posaune vertreten und wird durch umfangreiches Schlagwerk ergänzt. Exotische Rhythmusinstrumente und eine große Angelrolle, Trommelbremsen und ein Rototom für die Glissando-Effekte runden den geheimnisvollen Klang ab. Hier werden die Ohren herausgefordert, Adès bricht mit fast sämtlichen liebgewordenen Hörgewohnheiten, indem er verstärkt verminderte und übermäßige Akkorde einsetzt und auch den Sängern große Intervalle zumutet. So entsteht zwar kein Ohrwurm, aber beim Hörer vielleicht die Lust, sich mit einigen anderen Stücken dieses jungen zeitgenössischen Komponisten auseinanderzusetzen.

Das Publikum belohnte die außergewöhnliche Leistung des Landestheater Detmold Ensembles in Powder Her Face mit lang anhaltendem Applaus und einzelnen Bravi.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

 

Detmold, Landestheater Detmold, Kammerkonzert 1, 29.09.2013

September 10, 2013  
Veröffentlicht unter Landestheater Detmold, Pressemeldung

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Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Kammerkonzert 1: Mythos und Moderne –                       Auf den Spuren Richard Wagners

 
29.9.2013, 19:30 Uhr, Landestheater, Foyer
 
Konzert im Rahmen des „4.Hörfestes Neue Musik“
 
Gemeinsame Urbilder in der menschlichen Seele einen Völker rund um den Erdkreis. Verschiedenste Kulturen kennen archetypisch beispielsweise Liebesgöttinnen oder Urmütter, ohne dass die Völker der Frühzeit in Kontakt miteinander standen. Diese Urbilder sind Wurzeln von Mythen und Sagen, welche seit jeher Künstlern als Inspiration und Anknüpfungspunkte dienen.
So regten germanische Mythen beispielsweise Richard Wagner bei seiner Arbeit an ungewöhnlichen Klangfarben und kompositorischen Neuerungen an. Aus diesem reichen Fundus mythischer Bilder schöpfen auch zeitgenössische Kompositionen von Timo Ruttkamp, Anette Schlünz, Peter Wettstein, Isang Yun und Bruno Maderna.
Sie werden vorgestellt von Ensemblemitgliedern des Lande3stheaters Detmold.
 
—| Pressemeldung Landestheater Detmold |—

Detmold, Landestheater Detmold, Premiere WEST SIDE STORY, 13.09.2013

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Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

West Side Story Von Leonard Bernstein

Premiere: 13.9.2013, 19:30 Uhr

Wem gehört die (neue) Welt? Die einen sind schon etwas länger da, die anderen sind die ‚Fremden’: West Side Story  erzählt als neue Version des Romeo-und-Julia-Themas vom Konflikt zwischen Einwanderern unterschiedlicher Ethnien. Die Jets, bereits in Amerika geborene Jugendliche, bekämpfen die Sharks, eine Gruppe von nach New York migrierten Puertorikanern. Jet Tony liebt Maria von den Sharks. Als Tony von einem Shark erschossen wird, bringt Maria ungeachtet ihrer Trauer die Gangs dazu, Frieden zu schließen.
 
1957 in New York uraufgeführt, vereint das Musical Elemente von Jazz und Tanzmusik mit solchen der italienischen Oper. Songs wie „Tonight“, „Maria“, „America“, „I Feel Pretty“ und „Somewhere“ begründeten neben der eindrücklichen Geschichte der Überwindung von Gewalt und Hass den Erfolg des Werks.
 
Buch: Arthur Laurents / Musik von Leonard Bernstein, Gesangstexte: Stephen Sondheim, Deutsche Fassung: Frank Tannhäuser und Nico Rabenald, Inszenierung und Choreographie der Uraufführung: Jerome Robbins, Original Broadway Produktion von Robert E. Griffith und Harold S. Prince nach Übereinkunft mit Roger L. Stevens
 
Musikalische Leitung: Matthias Wegele, Inszenierung: Kay Metzger, Choreografie: Richard Lowe; PMLThDt
 
Einführungsmatinee: Sonntag, 1. September 2013, 11.30 Uhr, Landestheater Detmold 
 
 —| Pressemeldung Landestheater Detmold |—
 
 
 
 

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