Dortmund, Oper Dortmund, NRW – Opern fordern Aufnahme des Vorstellungsbetriebs, Mai 2020

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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

NRW – Opern fordern den baldmöglichen Einstieg

Wiederaufnahme des Vorstellungsbetriebes

Die Oper Dortmund, das Aalto-Musiktheater Essen, das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, die Oper Wuppertal, das Theater Krefeld Mönchengladbach, das Landestheater Detmold und das Theater Münster schließen sich auf Initiative des Theater Dortmund zusammen und fordern die politischen Akteure im Land und Bund auf, einen realistischen und zügigen Zeitplan zur Wiederaufnahme des Vorstellungsbetriebes zu erarbeiten und dafür in einen direkten und konstruktiven Dialog mit den Kulturschaffenden zu treten. Ziel dieses Dialoges muss es sein, den Vorstellungsbetrieb baldmöglichst, jedoch spätestens ab dem 1. September 2020, wiederaufzunehmen. Die Opern in Nordrhein-Westfalen sind in der Lage, Stückauswahl, Inszenierungen und das Besuchermanagement so anzupassen, dass diese den medizinischen und hygienischen Vorgaben entsprechen. Das Musiktheater in Deutschland besitzt ein internationales Alleinstellungsmerkmal – fast jedes siebte Opernhaus weltweit steht in Deutschland. Als Zeichen unserer Werte gilt es diesen kulturellen Schatz auch in Krisenzeiten zu schützen und zu bewahren.

Oper Dortmund, das Aalto-Musiktheater Essen, das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, die Oper Wuppertal, das Theater Krefeld Mönchengladbach, das Landestheater Detmold und das Theater Münster erkennen die hohe gesellschaftliche Verantwortung, die die Theater als Ort sozialer Begegnungen für die Pandemie-Eindämmung haben, ausdrücklich an. Ebenso akzeptieren die genannten Opern den grundsätzlichen Vorrang medizinisch gebotener Notwendigkeiten vor wirtschaftlichen und künstlerischen Überlegungen. Dies gilt ausdrücklich auch für eine verantwortungsvolle Exit-Strategie. Gleichzeitig weisen die Opern auf die massive, in vielen Fällen existenzielle Betroffenheit besonders der freien Künstlerinnen und Künstler durch die behördlich angeordneten Einschränkungen hin. Es ist daher zwingend erforderlich, einen Fahrplan zur zügigen Aufnahme des Vorstellungsbetriebes zu erarbeiten, um einerseits individuelle soziale Härten abzuwenden und gleichzeitig die Grundlagen für eine weiterhin erfolgreiche Entwicklung des Kulturstandortes Deutschland mit seiner weltweit einzigartigen Theaterlandschaft zu erhalten.

Opernhaus Wuppertal (c) Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal (c) Andreas Fischer

Aus Sicht der besagten Opernhäuser sollte daher, neben dem bereits genannten Primat medizinischer Notwendigkeiten, im Sinne einer geordneten Aufnahme des Vorstellungsbetriebes folgende Prinzipien beachtet werden:

–    Klarheit der Entscheidungen
Die Opern halten eine bundesweite Abstimmung der Regelungsgrundlagen und ihrer Kommunikation für zwingend erforderlich.

–    Fachwissen der Opernhäuser nutzen
Es gibt Opernrepertoire für kleinste instrumentale Formationen ohne Chor; dasselbe gilt für Musicals und Operetten. Ferner könnte man beispielsweise darüber nachdenken, für eine Übergangszeit bei größer besetztem Repertoire einzelne Chor- oder Orchesterstimmen über Teilplayback einzuspielen und so die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten.

–   Gleichbetrachtung von Kultur, Sport, Religionsgemeinschaften, Wirtschaft
Strenge Hygiene- und Abstandsregeln können auch bei Kulturveranstaltungen umgesetzt werden. Eine Gleichbetrachtung des Vorstellungs- bzw. Konzertbetriebes von Theatern und Konzerthäusern mit Gottesdiensten ist daher zwingend. Die Opern plädieren deshalb dafür, strikt medizinisch zu begründen, welche Schutzmaßnahmen beachtet werden müssen – unabhängig davon, ob sie z.B. von einem Gotteshaus oder Theater umgesetzt werden.

–   Einheitlichkeit der Regelungen
Schutzmaßnahmen sollten gleich behandelt werden. Dies betrifft insbesondere medizinisch begründete Schutzmaßnahmen wie z.B. Abstandsregelungen, Mundschutz-Pflicht, Personenzahl-Begrenzung für soziale Kontakte im öffentlichen Raum.

Theater Krefeld © Matthias Stutte

Theater Krefeld © Matthias Stutte

–    Akzentuierung auf das medizinisch begründet Notwendige
Die genannten Opernhäuser plädieren für eine Akzentuierung auf medizinisch begründete Schutzmaßnahmen, die unabhängig von Personenkapazität einer Örtlichkeit Anwendung finden sollten.

–    Planungssicherheit für die nahe Zukunft
Theater müssen täglich zwischen professioneller Vorbereitung für eine erfolgreiche Durchführung und den Risiken einer drohenden Absage abwägen. Es ist daher dringend geboten, eindeutige Kriterien und klare Rahmenbedingungen in Bezug auf die zügige Aufnahme des Vorstellungsbetriebes zu erarbeiten.

–        Ausreichende Vorlaufzeiten
Es gibt in Deutschland 425 Theater unterschiedlichster Art und Größe. Diese Vielfalt macht in normalen Zeiten den Reiz der deutschen Theaterlandschaft aus. Vor diesem Hintergrund halten die genannten Opern eine intensive Kommunikation und eine ausreichende Vorlaufzeit von zehn Wochen zwischen Ankündigung und Inkrafttreten von Lockerungen bestehender Einschränkungen, für notwendig.

425 öffentlich getragene und private Bühnen, 130 Sinfonie-, Opern- und Kammerorchester, diverse Tournee- und Gastspielbühnen sowie 37 Festspiele mit überregionaler, teilweise internationaler Bedeutung werden jährlich von rund 35 Millionen Gästen besucht. Damit werden fast 105.000 Theateraufführungen und 7.000 Konzerte von mehr Zuschauerinnen und Zuschauern in Deutschland besucht, als die Spiele der ersten Fußball-Bundesliga.

Gerade in Krisenzeiten müssen auch die nichtwirtschaftlichen Aspekte des gesellschaftlichen Lebens ihren verdienten und notwendigen Stellenwert erhalten. Die Geschichte der Krisen zeigt, dass gerade Kunst und Kultur einer Gesellschaft Kraft und Trost spenden und Zusammengehörigkeit sowie Identität stiften.

—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

Detmold, Landestheater Detmold, Der jüngste Tag – Giselher Klebe, IOCO Kritik, 15.02.2020

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Der Jüngste Tag  –  Giselher Klebe

 nach Ödön von Horváth – zum 10. Todestag des Komponisten

von Karin Hasenstein

„Die Hauptsache ist, dass man sich selber nicht verurteilt oder freispricht…“

Das 1937 erschienene Schauspiel von Ödön  von Horvath Der jüngste Tag  ist in einem Spannungsfeld dreier Fragen angesiedelt. Das Libretto von Giselher Klebes gleichnamiger Oper übernimmt den Text Horvaths gekürzt aber beinahe wörtlich. Dabei ist es vor allem im Ansatz und in den zentralen Fragen nahezu gleichlautend.

Die erste und wichtigste Frage ist die nach Schuld und Bewusstsein, nach Verdrängung und Gewissensnot. In der Oper stellt sie die Frau des Stationsvorstehers Hudetz: „Für welche Verbrechen müssen wir büßen?“  fragt sie sich manchmal.

Der jüngste Tag – Giselher Klebe
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Die zweite Frage ist: „Warum sind Menschen oft unfähig, über Wesentliches und Lebensnotwendiges mit jenen zu reden, die ihnen die Nächsten sein sollten?“

Und die dritte Frage lautet:Wer kann beurteilen, wer darf verurteilen? Und damit zusammenhängend: wie sieht es „danach“ aus? “Die Toten, man kann mit ihnen sprechen, sind direkt froh, dass man nicht mehr lebt.

Die handelnden Personen aus von Horváths Drama gehören dem armen Mittelstand an. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zur Reflexion, zur Erkenntnis ihrer selbst, ihrer Umwelt und der Tragweite ihres Handelns nicht oder erst viel zu spät fähig sind. Und so verstricken sie sich alle immer tiefer in ihrer Schuld. Es ist keine aktiv begangene, eher eine erlittene Schuld. Dreh- und Angelpunkt des Schicksals des Bahnhofsvorstehers Hudetz ist, dass er die Ehe mit einer dreizehn Jahre älteren Frau eingegangen ist. „Er hätt sich nichts zu überlegen“, sagt er, als er seine dreizehn Jahre ältere Frau heiratet. Dass er sie in dann aber in der Ehe nicht begehrt zeigt, dass er – und auch sie – sich das doch besser vorher hätten überlegen müssen.Aus diesem unreflektierten Verhalten erwächst das unabwendbare Verhängnis, das in dem Zugunglück seinen entsetzlichen Höhepunkt findet.

Schauspiel und Oper erzählen eine Geschichte zwischen böser Kleinstadt-Banalität und menschlichem Sündenfall. Das Erschreckende daran ist, dass Jeder von uns dieser Thomas Hudetz sein kann und jeder von uns steht dann einer Belastungsprobe seiner inneren Mitte gegenüber – vorausgesetzt, das Bewusstsein einer solchen Mitte ist vorhanden.

Die kurze Ouvertüre ist noch deutlich tonal geprägt. Flirrende Streicher dominieren zunächst, ins Pizzicato übergehend.Statt eines Vorhangs öffnet sich ein das ganze Portal abschließende Metalltor, das an ein Fabriktor oder einen Hangar erinnert. Auf der fast vollständig dunklen Bühne erblicken wir ein Gestell, das aus mehreren Ebenen, Leitern und Trittstufen besteht, auf manchen Absätzen befinden sich mit Maschendraht verkleidete Räume, Käfigen ähnlich. Das Ganze wird nur spärlich von zwei oder drei Leuchten erhellt. Auf dem Gestell befinden sich drei Personen, eine Frau und zwei Männer. Sie warten offensichtlich auf etwas.

Zu den Wartenden gesellt sich der Stationsvorsteher. Der Kaufmann beklagt sich, er habe heute nur eine einzige Kundin gehabt, Anna, die Tochter des Wirts. Die Frau des Bahnhofsvorstands kommt hinzu und klagt, dass ihr Mann nichts mehr von ihr will. Ihr Bruder kommentiert das nur damit, dass sie wusste, dass sie dreizehn Jahre älter ist als ihr Mann. Anna bringt ihren Freund zum Zug. Er ist Fleischhauer, „aber ein sanfter“. Alle diese Paare stehen in einer besonderen Konstellation zueinander, was für den weiteren Verlauf der Handlung von Bedeutung ist. Als der Bahnhofsvorsteher das Signal gibt, stellen sich alle hintereinander in Reih‘ und Glied auf und steigen in den Zug. Alle, bis auf Anna. Sie bleibt allein zurück.

Anna spricht den Bahnhofsvorsteher an, was diesem offensichtlich unangenehm ist. Anna bemerkt auch, dass alle Leute sagen, dass er Krach mit seiner Frau bekommt, wenn er mit ihr spricht. Er bestreitet das, geht aber trotzdem nicht auf ihre Avancen ein. Schließlich stellt sie sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn einfach. Von Ferne hört man das Pfeifen des herannahenden Eilzuges 405, der Vorsteher stürzt los, um das Signal zu geben, doch es ist bereits zu spät. Tiefe Streicher künden Bedrohliches an. Mit kreischenden Bremsen überfährt Eilzug 405 das Signal und stößt mit einem Güterzug zusammen. Das Unglück ist geschehen. Doch wer ist Schuld?

Das Gerüst auf der Bühne wird langsam weitergedreht.

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag - hier : Emily Dorn als Frau Hudetz © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag – hier : Emily Dorn als Frau Hudetz © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Aus dem Off erklingt der Chor mit einer Vokalise. Nebel breitet sich aus. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird ersichtlich: der Zusammenstoß zwischen Eilzug 405 und dem Güterzug hat über 100 Tote gefordert, heißt es. Oder waren es doch nur 18?

Klar scheint: Hudetz hat einen Fehler gemacht, das Signal zu spät gegeben. Der Staatsanwalt erscheint und verkündet: das Signal selbst ist in Ordnung, es wurde nur zu spät geschaltet. Frau Hudetz wird verhört, ebenso der Heizer Kohut. Er sagt aus, er habe kein Signal gesehen. Vom Lokführer heißt es, er habe noch nie ein Signal überfahren, noch nie! Es meldet sich der Wirt, der behauptet, seine Tochter Anna sagt, sie habe gesehen, dass der Hudetz das Signal rechzeitig gestellt hat. Erst das Läutwerk, dann das Signal, dann der Zug, dann… ein Donnern.

Der Staatsanwalt wundert sich, Hudetz hat diese Zeugin verschwiegen, warum? Frau Hudetz, die zunächst nichts gesehen haben will, macht nun erneut eine Aussage. Sie habe alles gesehen, auch den Kuss zwischen Anna und ihrem Mann. Anna bestreitet das und infolgedessen bezichtigen sich beide gegenseitig des Meineids. Hudetz erklärt „Alles ist Lüge!“  Der Kommissar nimmt Hudetz in Haft aufgrund der belastenden Aussage seiner Frau.

Das Gestell wird wieder gedreht.  Bis auf eine Reihe paralleler Leuchtstoffröhren ist alles dunkel. Die Einheitsbühne – eben noch der Bahnhof – ist nun das Wirtshaus. In der nächsten Szene ist Hudetz aus der Untersuchungshaft zurück. Nach vier Monaten wird er freigesprochen. Was mit Frau Hudetz ist? Wird wohl geschieden werden… Leni schwärmt nun für den StationsvorsteherFerdinand, Annas Freund, ist zurückgekehrt.

Eine unsichtbare Bühnenmusik erklingt (wie sich später herausstellt, aus dem Foyer im ersten Rang hinter der Fremdenloge) und erinnert in Klang und Funktion ein wenig an die Banda aus Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk.

Der Chor, ebenfalls aus dem Off, lässt wieder Vokalisen erklingen. Zum Empfang Hudetz‘ erscheint der Chor auf der Bühne. Zum Gesang des Chores „Hoch, Anna!“ lässt der Wirt Hudetz hochleben. „Hoch klingt das Lied vom braven Mann wie Orgelton und Glockenklang!“  Angesichts der ungeklärten Situation klingt das völlig absurd.

Der Wirt ruft alle in den Saal zum Essen. Zum Leni-Thema der Klarinette bleibt Leni allein zurück. Anna sucht Hudetz auf, will mit ihm reden. Sie verabreden sich für den nächsten Abend, am Viadukt. Der Schwager von Thomas kommt, Alfred. Er will sich von seiner Schwester lossagen. Es kommt zu Übergriffen der Leute auf ihn, aber Hudetz verteidigt ihn, „Sonst gibt es noch ein Unglück!“

Die nächste Szene zeigt Anna und den Stationsvorsteher zusammen im Käfig hinter Maschendraht. Die beiden gestehen sich endlich ihre Gefühle ein: „Aber jetzt erkenne ich dich genau! Geht es dir auch so wie mir?Anna erwidert: „Wenn ich mal sterben werde, dann werde ich auch noch zu dir gehören!“ Thomas küsst Anna, worauf sie zu Boden sinkt.

Nach der Pause wird das Gerüst auf der Bühne und zwei weitere, kleinere Gerüstteile rechts und links an den Proszeniumslogen erweitert. Der Vorhang bleibt zunächst geschlossen zum Vorspiel des Orchesters. Nun dominieren Orffsche Instrumente wie das Xylophon, das homophon mit dem Klavier zusammengeht. Bläser und Pauken durchbrechen den Klang, ein Trommelwirbel und Chromatik im Crescendo deuten Veränderung an. Der Vorhang hebt sich und auf der dunklen Bühne sehen wir das Gerüst, wie es leicht nach rechts gedreht wird. Oben rechts ein einzelnes Licht. Leni und ihr Bruder sind oben auf dem Gerüst. Der Vorsteher geht langsam zu Leni, er trinkt einen Roten.

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag - hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag – hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Wir erfahren den Grund für die düstere Stimmung: Anna ist seit drei Tagen verschwunden…Resigniert bekennt der Bruder: „Ich glaube, sie lebt jetzt nicht mehr… ich glaube, sie hat sich was angetan.“  Sie sagen, sie sei verschwunden, weil die Leute ihr nicht glauben.  Sie sagen, die Anna hätt‘ den Tod gesucht. Sie sagen, sie hätt‘ einen Meineid geschworen, weil der Vorstand das Signal nicht rechtzeitig gestellt hat.

Die Glocke schlägt sechs. Der Inspektor kommt. Ohne Umschweife kommt er zur Sache: „Ist der Herr zuhaus‘? Wir haben die Anna gefunden, sie ist tot. Sie wurde ermordet. Sie ist beim Viadukt gefunden worden!“ Der Inspektor konfrontiert Hudetz mit den Fakten: „Das war in derselben Nacht, als wir uns getroffen haben, unten am Viadukt…“  Leni ist verdutzt: „Sie waren damals am Viadukt? Was haben Sie beim Viadukt getan?Hudetz antwortet, dass er sich mit dem Fräulein Anna verlobt hat. Während er das sagt, dreht sich das Gerüst immer schneller und schneller. Einmal mehr erweist sich dieses multifunktionale Gebilde als ein kluges Element, das viele Möglichkeit bietet und ungemein wandelbar ist (Bühne: Sonja Füsti)

Nächste Szene, es sind ein paar Tage vergangen. Die Leute stellen fest: das Begräbnis war schon großartig! Der Leimbrecher erzählt dem Bruder des Vorstehers von Annas Beerdigung. Am Schluss macht er ihm Vorwürfe. Wieder ist ein Tag vorbei. Wieder hat er seinen Schwager in Schutz genommen. Seine Schwester fragt sich und uns alle: „Für welche Verbrechen müssen wir am Ende büßen?“ und gibt gleichzeitig die Antwort: „Für unsere eigenen!“ Der Vorwurf: „Du hast seine Liebe erpressen wollen!“ Er entgegnet: „Du tust ja so, als hätte ich das Signal verpasst!“ Ja, sagt sie, das hängt alles zusammen…  Hudetz drängt sie, ihm zu helfen. „Ich brauche einen Anzug, zivil. Ich muss fort! Ich bin unschuldig! Ich trete die Strafe nicht an! Ich habe mich mit der Anna verlobt, beim Viadukt. Dann war sie weg… Ich weiß, dass ich sie umgebracht habe, aber ich weiß nicht, wie, wie…

Alfons weist seine Schwester an: „Bring‘ ihm meinen braunen Anzug!“
„Halte still du Wandersmann, und sieh dir meine Wunden an.“
„Nimm dich in Acht und hüte dich, was ich am Jüngsten Tag über dich ein Urteil sprech!“
Die Ex-Frau holt Hudetz den Anzug ihres Bruders, er geht.

Das Gerüst dreht weiter, die Bühne ist dunkel. Im Chor erklingt eine Art Orgelpunkt, düstere Bläser, ein Solo-Horn, eine Tuba. Klebe setzt die Instrumentierung hier sehr lautmalerisch ein. Hudetz sitzt im Dunklen in einem der Maschendraht-Käfige. Er ist verzweifelt, voll innerer Qual. Schließlich fängt er im Käfig an zu toben wie ein tollwütiges Tier. Die Trommeln steigern sich im Crescendo. Der Wirt kommt hinzu, der Käfig ist leer. Hudetz ist es irgendwie gelungen zu fliehen. Der Schwager berichtet, dass er hier war und einen Anzug von ihm verlangt hat, dann aber verzichtete. Er ging den Weg zum Viadukt… Gott steh‘ ihm bei. Ich fürchte, dass er sich selber richtet.

Es erklingt ein Quartet aus Vater, Annas Freund, dem Inspektor und dem Schwager. Unisono singen sie „Das lassen wir nicht zu!“ Diese bedrohliche Stimmung in der Musik wird kongenial unterstrichen von der Lichtregie. Von hinten rechts hüllt ein Lichtkegel die Vorderbühne in fahles (Mond-) Licht, alles andere ist dunkel und verschwimmt im Nebel.

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag - hier : Bejamin Lewis als Thomas Hudetz, Sheida Damgani als Anna © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der jüngste Tag – hier : Bejamin Lewis als Thomas Hudetz, Sheida Damgani als Anna © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Der Vater fragt: „Irdische Gerechtigkeit, wo findet man die?“ Der Chor singt aus dem Off im Foyer: „Ist er schon hinunter?“  Der tote Lokführer Pokorny erscheint. „Kann man mit den Toten sprechen? Man kann schon, aber nur, wenn der Tote möcht‘!“ Uns allen wird die Frage gestellt: „Kann man sich der irdischen Gerechtigkeit entziehen?“ Wir ahnen die Antwort…

Die tote Anna klagt an: „Er hat das Signal vergessen, weil ich ihm einen Kuss gegeben habe!“ Aber wen klagt sie eigentlich an, Thomas Hudetz oder sich selbst?  „Wie damals, als wir fort mussten. Jetzt kommt bald der Zug.“  Anna fragt den Lokführer Pokorny: „Wie ist es denn eigentlich drüben?“  „Friedlich, sehr friedlich“, antwortet dieser.

„Jetzt kommt der Zug.“
„Er will dich ja nur holen, weil er nicht mehr lebt…“
Der Zug kommt, das Licht wird intensiver, greller.
Der Vater ruft: „Im Namen des Gesetzes, jetzt kommt dein Kopf dran!“
Vier Lichtkegel aus den vier Ecken der Bühne sind auf Hudetz gerichtet in deren Schnittpunkt dieser steht.
„Waren das jetzt nicht Posaunen?“ fragt er sich.
„Das war der Wind“, raunt jemand.
„Das glaubst du ja selber nicht!“
Ende.

Harter Tobak, dieser Jüngste Tag von Giselher Klebe. Ein unglückliches Ehepaar, eine junge Frau, die mit ihrem Verhalten Unglück über ein ganzes Dorf bringt, ein folgenschwerer Unfall mit vielen Toten und Verletzten, ein Mord, ein Selbstmord, ein gebrochener Vater. Eine Menge Drama für zweieinhalb Stunden. Der Komponist und die Librettistin, seine Ehefrau Lore Klebe, halten sich eng an das Schauspiel von Ödön von Horvath. Das ist es eigentlich auch, ein Schauspiel in Musik. Keine ausführlichen Rezitative, keine stimmungsvollen Arien, kein schwelgerischer Orchesterklang. Stattdessen ein Psychogramm des Scheiterns.

Alle Hauptpersonen, also Hudetz, Anna, Hudetz‘ Frau, deren Bruder, Annas Vater, sind ausnahmslos sehr klug von der Personenregie geführt. Jede und jeder Einzelne ist absolut authentisch und handelt, wie er der Logik nach handeln muss.

Sonja Füsti und ihr Team schaffen dafür eine schlichte Bühne, deren einziges beherrschendes Element dieses Gerüst ist. Es ist offen, durchschaubar aber auch wieder nicht durchschaubar. Wandelbar, so dass immer neue Perspektiven und Räume entstehen können. Die Kostüme entwickelt Nora Johanna Gromer aus den Hautfarben bis hin zu Erdfarben. So wirkt alles natürlich und organisch. Einzig Anna (blutrot) und Leni (geblümt) stechen aus diesem Farbkanon heraus. Die Dramaturgin Elisabeth Wirtz spinnt den Spannungsbogen von der ersten bis zur Schlussszene in einem nie abreißendem Kontinuum des Schreckens, wie in einer guten Kriminal-Verfilmung.

Die Musik des 2009 verstorbenen Klebe bewegt sich auf einer Bandbreite von Metaphysik bis Volkstümlichkeit. Sie ist farbenreich und vielfältig und GMD Lutz Rademacher realisiert die Partitur mit dem Symphonischen Orchester, dem Opernchor und Extra-Chor des Landestheaters Detmold und der hervorragenden Solisten-Riege auf gewohnt hohem Premieren-Niveau. Hochkonzentriert führt er das Orchester sicher durch den Abend und ist dabei den Solisten stets zuverlässiger Begleiter.

Die Einstudierung der Chöre lag wieder in den Händen von Chordirektor Francesco Damiani. Der Chor hat hier keine großen Nummern zu singen, sorgt aber mit den zahlreichen kniffligen Auftritten aus dem Foyer und der Seitenbühne für die so wichtige Atmosphäre. Er ist immer zugegen, wenn es dramatisch wird oder die Stimmung kippt.

Auf der anschließenden Premierenfeier dankte der Intendant des Landestheaters Detmold allen voran dem Regisseur Jan Eßinger (der in der Spielzeit 2018/19 am Theater Bielefeld eine zauberhafte Hänsel und Gretel –Produktion inszeniert hat) für die Umsetzung des schwierigen Stoffes.

Von den Solisten sollen an dieser Stelle einige besonders hervorgehoben werden, das aber nur stellvertretend für das gesamte Ensemble, das wieder wie gewohnt spielfreudig und konzentriert agierte.

Anna, gesungen und gespielt von Sheida Damghani, muss genauso sein. Jung, verführerisch, unwiderstehlich, zwischen Mädchen und Schicksalsgöttin. Damghani singt mit Leichtigkeit, verführerischem Charme und einer Portion Durchtriebenheit. Hudetz ist ihr verfallen und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Benjamin Lewis singt den unglücklichen Stationsvorsteher Thomas Hudetz. Der Bariton verfügt über ein wohlklingendes und warmes Timbre, das in allen Lagen stets ausgeglichen ist. Mit großer Überzeugung singt und spielt er den pflichtbewussten Beamten, der doch nie ein Signal vergessen hat und dieses eine Mal scheitert. Auch diesen Bruch vermittelt Lewis absolut überzeugend.

Der Bass Andreas Jören zeigt als Annas Bruder bzw. Schwager seine große Erfahrung. Er verleiht der Rolle Glaubwürdigkeit und Tiefe, und das nicht nur in der Stimmlage. Als besonders anrührend bleibt die Szene im Gedächtnis, als Hudetz den Anzug leihen will. Seungweon Lee gestaltet den Vater. Sehr subtil verleiht er der Rolle ebenfalls eine große Glaubwürdigkeit. Sein sonorer Bass strömt warm und wohltönend, mal donnernd, mal verzweifelt brüchig, aber immer authentisch und nobel im Klang.

Die Musik von Giselher Klebe bietet viele Facetten. Von reduziert subtil, fast minimalistisch bis schwelgerisch wie bei Strauss‘ Elektra umfasst sie viele Farben, die er je nach dramatischer Intensität gekonnt einsetzt.

Dem Topos angemessen ist sie hier eher düster und bedrohlich, jedoch macht Der Jüngste Tag Lust darauf, diesen Komponisten näher zu entdecken. In Detmold war dies sicher nicht das letzte Mal.

Seitens der Rezensentin eine klare Empfehlung, nach Detmold zu fahren und sich eine der weiteren Vorstellungen anzuschauen. Die runde Ensembleleistung wurde am Premierenabend im ausverkauften Haus vom Publikum dankbar und begeistert aufgenommen mit lang anhaltendem Beifall und standing ovations gefeiert. Bravi tutti!

Besprochene Vorstellung: Premiere vom Freitag, 7. Februar 2020

Der jüngste Tag im Landestheater Detmold; die nächsten Vorstellungen 28.2.; 14.3.; 8.4.; 18.4.; 8.5.; 4.6.2020

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Detmold, Landestheater Detmold, Der Wildschütz – Albert Lortzing, IOCO Kritik, 09.01.2020

Januar 8, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Landestheater Detmold, Oper

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Der Wildschütz – Albert Lortzing

– Die Anti-Oper des Biedermeier –

von Karin Hasenstein

Der Premierenabend im Landestheater Detmold begann mit einer Ansage. Meist verheißt es ja nichts Gutes, wenn vor der Vorstellung ein Mitarbeiter vor den Vorhang tritt. An diesem Abend hatte Eungdae Han sein überraschendes Debüt als Baron Kronthal. Eigentlich war er als Mitglied des Opernstudios als Studienbesetzung vorgesehen und sollte erst eine der späteren Vorstellungen singen. Aufgrund der Erkrankung von Stephen Chambers hatte er seinen großen Auftritt nun schon in der Premiere.

Vor dem geschlossenen Vorhang erblicken wir Geweihe (oder sind es Gehörne? Die Waidmänner unter den Leserinnen mögen mir verzeihen) und englische und deutsche Begriffe in Leuchtschrift: „Lovedom“ und „Aureal“, „Liebe“, „Phantasie“, „real“. György Mészáros nimmt die Ouvertüre unaufgeregt in ruhigem Tempo. Der Charakter der Waldidylle wird unterstrichen von Hörnern und Flöten.

Der Wildschütz – Albert Lortzing
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Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf sechs Figuren, die noch im Dunkeln stehen. Auf eine Gaze wird ein dichter Wald projiziert, durch den ein Jäger mit seiner Flinte streift. Die Melodie von „Auf des Lebens raschen Wogen“ erklingt und der Jäger und die weiteren Figuren bewegen sich. Die Personen tragen „moderne“, also heutige Kostüme mit poppig bunten Elementen und Versatzstücken. Der Jäger erschießt einen Hirsch und wird der Wilderei überführt. Auf der Bühne fällt der Blick auf ein technisches Gerät, das am ehesten an eine große Radio-Antenne oder ein Radar erinnert.

In der nun folgenden Hochzeitsszene tritt der kleine aber feine Chor des Landestheaters auf. In Gelb-, Grün- und Erdtöne gekleidet gibt er „So munter und fröhlich wie heute“ zum Besten. Der Schulmeister Baculus (herrlich bieder und spießig: Seungwoen Lee) begrüßt seine junge Braut Gretchen (niedlich mit Zöpfen und Kleidchen: Annina Olivia Battaglia, quasi eine Vorzeige-Soubrette), die resigniert feststellt „Er könnte etwas jünger sein…!“ Die geheimnisvoll Maschine spuckt eine Rohrpost vom Grafen aus nebst Wein für die Feier. Praktisch, vielleicht gibt das Landestheater die Maschine später ab…

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : Benjamin Lewis als Graf von Eberbach, Stephen Chambers als Baron Kronthal © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Im nun folgenden Dialog lernen wir, dass der Baron den Schulmeister wegen Wilderei entlässt. Ein Plan muss her, sonst ist es mit der Hochzeit aus. („Lass er doch hören!“) Gretchen will aufs Schloss, um den Grafen umzustimmen. Annina Olivia Battaglia kann hier ihren leichten klaren Sopran strahlen lassen und brilliert mit perfekter Höhe. Begleitet wird sie von Flöte und den wiederholt äußerst angenehm auffallenden Hörnern. „Wie kannst Du so mein Herz nur schüren“ ist kantabel, gut deklamiert und gestaltet, dramatisch und gleichzeitig komisch, was bekanntlich viel schwerer ist, als ernst oder tragisch. Letztendlich ist alle Mühe jedoch vergeblich, Gretchen darf nicht aufs Schloss.

Die Maschine beginnt sich zu drehen und brummt, nimmt die Funktion eines Flugobjekts oder einer Rakete an. Sie könnte auch das Schiffchen darstellen, das die Baronin im nun folgenden Titel besingt, „Auf des Lebens raschen Wogen“. Dazu ziehen sich die Baronin und ihre Zofe (herrlich im Zusammenspiel: Emily Dorn und Lotte Kortenhaus) Lollis aus der Wundermaschine. Die beiden Frauen legen eine Art Matrosenuniform an (in weiß und fliederfarben), dazu Bänder und Mützen wie Verbindungsstudenten. Derart „getarnt“ treffen sie auf den Schulmeister und Gretchen, die sich heftig streiten. Die Baronin will als „Mädchen“ verkleidet den Baron gewinnen, die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird herausgefordert: eine Frau verkleidet sich als Mann verkleidet sich als Frau.

Der folgende Dialog zwischen Gretchen und Nanette wird von der wunderbaren Horngruppe mit Jagdsignalen beendet. Auf der Bühne liegen nun die Worte „Blut“, „Rausch“ und blutige Handschuhe herum. Die dazu ablaufende recht blutige Choreografie bedient sich toter Hasen und ähnlichem. Die Baronin sing in ihrer „Mädchen-Verkleidung“ „Bin ein schlichtes Kind vom Lande“, der Chor antwortet mit „Auf dem Lande will ich bleiben“. Dadurch entsteht ein Ensemble wie schon bei Mozart, dazu heult der Wind Unheil verkündend.

Der Graf spendiert aus der Maschine Süßigkeiten. Er erkennt den Schulmeister und Wilderer. Die Szene wird noch absurder, als zwei Züge aufgezogen werden und die Gräfin in einem Theater auf dem Theater als Antigone erscheint. Da bleibt kein Auge trocken. Die Zuschauer in ihrem Theater, die das offenbar regelmäßig erdulden müssen, sind bereit alle eingeschlafen. Pankratius hat auch seine liebe Not… Der Chor ist sehr überzeugend, in deutlicher Textverständlichkeit, differenzierter Dynamik erscheint auch diese Chorszene exzellent durchhörbar.

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : Nanette, Emily Dorn als Baronin Freimann © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Dem kurzen Dialog zwischen dem Schulmeister und Pankratius folgt eine Arie des Barons, ein schöner und leichter Buffotenor, allenfalls ein wenig eng in der Höhe. Hinter dem Vorhang singt die GräfinAuf dem Lande“ und stellt fest „Ich werde glücklich sein!“ Das ist jedoch ein Irrtum…

Das nächste Unglück ist, dass die Musikanten abgesagt haben, glücklicherweise kann der Schulmeister Klavier spielen. Der Baron ist gar nicht einverstanden „Was hör‘ ich, mir aus den Augen!„, hat er den Wilderer doch verbannt. Unterbrochen wird er jedoch von dem „Kind vom Lande“ mit den Worten „Ach, Sie verzeihen, dass ich hier so trete ein“. Das sich daraus entwickelnde Quintett gelingt den Solisten ausgesprochen gut. Beschwingt werden die Zuschauer in die Pause entlassen.

Nach der Pause steht Antigone immer noch in dramatischer Pose auf dem Podest…Beim anschließenden gesprochenen Text des Barons fällt wiederholt der starke Akzent Eungdae Hans auf, den er beim Singen besser im Griff hat.In der darauffolgenden Arie ist das Orchester ein stets wacher zuverlässiger Begleiter. Es folgen weitere Dialoge, Arien und Ensembles, allesamt in gleichmäßiger guter Qualität.

Langsam gleitet das Ganze ein bisschen ins Slapstick ab, als der Graf und der Stallmeister in Strapsen und rosa Mieder um das Mädchen spielen. Der Graf fesselt sie mit ihrer roten Wolle, mit der sie kurz zuvor noch gestrickt hat, das Ganze erinnert fast ein bisschen an eine Bondage-Szene. Zu amourösen Verwicklungen entspinnt sich wieder ein Mozartesques Quintett, als die Gräfin dazukommt. Der Stallmeister will die Braut des Schulmeisters und bietet ihm für sie 5.000 Taler. „5.000 Taler! Träum‘ oder wach‘ ich?“ fragt sich da nicht nur der Schulmeister. Immer wieder erklingt im Orchester leicht und spielerisch das Jagdmotiv. Bei der Instrumentierung dominieren klar die Hörner.

Bei diesem verlockenden Angebot kann der Schulmeister nicht widerstehen und er verschachert seine junge Braut. Die Gräfin / Antigone und andere Personen lösen sich mit Chipkarten verschiedene Dinge aus der Wundermaschine, die inzwischen in einem Winterwonderland steht. Die Arie des Grafen „Wie strahlt die Morgensonne!“/ „Heiterkeit und Fröhlichkeit“ gerät ausgesprochen brillant und überzeugend.

Landestheater Detmold / Der Wildschütz - hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

Landestheater Detmold / Der Wildschütz – hier : das Ensemble © Landestheater Detmold / A.T. Schaefer

In der nun folgenden Dialogszene zwischen dem Grafen und dem Stallmeister herrscht Irritation darüber, wer nun Gretchen ist, von der es plötzlich zwei identische Ausgaben gibt! Es stellt sich schnell heraus, es ist des Grafen Schwester! Ein Bürgerlicher und eine Gräfin? Ja, geht das denn? Die Maschine im Winterwald beginnt zu brummen und färbt sich rot. An drei roten Bändern sind die Personen angebunden und in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt. Die Aufklärung lässt nicht lange auf sich warten, es ist die Schwester, also „die Stimme der Natur“. „So hat mich nicht getäuscht die Stimme der Natur!“ Nun ziehen alle vier an den roten Bändern, zwei Geschwisterpaare, und das Fazit ist: „Unschuldig sind wir alle!“ Konfettikanonen versprühen Partylaune und Blumengirlanden schmücken die glücklichen Geschwister.

Wie sich das für eine gute Komische Oper gehört, wird zum Schluss die Auflösung präsentiert. „Der Unschuld Augen rühren mich“ und der Graf klärt auf: der Schulmeister hat gar keinen Hirschen gewildert, sondern nur den eigenen Esel erschossen. Damit entfällt auch der Grund für die Verbannung. Der Schulmeister muss erkennen „So hat mich denn getäuscht die Stimme der Natur!“ Er darf im Amt bleiben und behält obendrein auch noch sein Gretchen, denkt er. Die Zofe jedoch schneidet Gretchen von ihrem Band los und nimmt sie mit sich fort. Als die Schere das Band zerschneidet, fallen alle anderen um. Das Licht erlischt, der Vorhang fällt. Ende.

Was an diesem Premiereabend im Landestheater Detmold auffällt, ist wieder die homogene Ensembleleistung. Solisten, Chor und Orchester agieren über zweieinhalb Stunden auf gleichbleibend hohem Niveau. Das ist viel für eine Komische Oper, denn irgendwie muss man ja bei relativ dürftiger Handlung die Zuschauer „mitnehmen“, wenn es schon keine große intellektuelle Herausforderung ist. Dann doch bitte wenigstens gute und kurzweilige Unterhaltung. Die wird in Detmold konsequent geboten, eine eindeutige Stärke des kleinen Hauses in der Residenzstadt. Einzelne Solisten herausheben hieße andere herabsetzen, was hier ausdrücklich nicht geschehen soll. Daher sei stellvertretend Anna Olivia Battaglia genannt, die ein wirklich zauberhaftes Gretchen gibt. Sängerisch wie darstellerisch bleiben hier keine Wünsche offen. Bei den Herren sei der Retter der Premiere, Einspringer Eungdae Han genannt. Er lieferte an diesem Abend sein bravouröses Debüt. Der spielfreudige Opern- und Extrachor (Einstudierung Francesco Damiani) trug ganz wesentlich zum guten Gelingen des Abends bei und ist immer eine sichere Bank. Das Orchester des Landestheater Detmold unter György Mészáros ist Solisten und Chor durchweg ein sicherer und sensibler Begleiter. Solisten werden nicht zugedeckt, der Gesamtklang in dem kleinen Haus bleibt stets ausgewogen. Mészáros kennt sein Haus und seine Akustik und geht sensibel und gekonnt damit um.

Alles in allem ein rundum erfreulicher Premierenabend, für den sich das Publikum mit lang anhaltendem Applaus und standing ovations bedankte.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Detmold, Landestheater Detmold, My fair Lady – Frederick Loewe, 02.11.2019

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

My fair Lady – Frederick Loewe

– Es grünt so grün, doch nur !!  wenn Detmolds Blüten blühen

von Karin Hasenstein

Man nehme eine anrührende Geschichte, würze sie mit ein paar unverwüstlichen Melodien, sorge für ein Happy-End – und schon hat man das erfolgreichste Musical aller Zeiten. My Fair Lady wurde allein am New Yorker Broadway über 2.700 mal gespielt. Wo dieses Musical von Frederick Loewe auf dem Spielplan steht, darf man mit ausverkauften Häusern rechen, so war es auch nahezu am Premierenabend im Landestheater Detmold.

My fair Lady Frederick Loewe
youtube Trailer Landestheater Detmold
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Regisseur Christian Poewe erzählt die Geschichte vom einfachen Blumenmädchen Eliza Doolittle schwungvoll und ganz klassisch, wie man sich eine My Fair Lady vorstellt.
Dankenswerterweise übersetzt er die Geschichte nicht in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort, sondern belässt sie da, wo Alan Jay Learner sie angesiedelt hat. So öffnet sich der Vorhang nach der kurzen beschwingten Ouvertüre und gibt den Blick frei auf eine aufwändig und detailliert bebilderte Straßenszene. Dass Eliza ihre Veilchen vor der Londoner Oper Covent Garden verkauft, wird durch einen geschlossenen dunkelblauen Vorhang angedeutet, eine Bühne auf der Bühne. (Bühne: Markus Meyer)

Als die Besucher aus der Oper kommen und ein junger Mann, wir lernen ihn als Freddy Eynsford-Hill kennen, (Nando Zickgraf) Eliza im Gedränge anrempelt, ergießt sich eine Schimpftirade in übelstem Straßenjargon auf den armen Freddy. Das erregt die Aufmerksamkeit von Sprachforscher Henry Higgins (wunderbar steif: Andreas Jören), edlem Verfechter einer ehrlichen und reinen englischen Muttersprache. Eine derartige Beleidigung der Sprache ist ihm ein Gräuel und großspurig verkündet der Professor, dass er binnen sechs Monaten allein durch seinen Sprachunterricht aus dem einfachen Blumenmädchen eine feine Lady machen kann und damit sind wir auch schon beim ersten „Hit“ des Abends „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?“

Offenbar kann es keiner, denn kurz darauf schon erfahren wir, was Elizas sehnlichster Wunsch ist: „Nur ein Zimmerchen irjendwo, mit ’nem Sofa drin, sowieso, und Gasbeleuchtung, oh, oh wäre det nich‘ wundascheen?“ „Wundascheen“ ist vor allem der Background-Chor aus Obdachlosen, (Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer, Ognjen Milivosja), die ungemein pittoresk und mit netter Choreografie Eliza auf einer riesigen Ratte reiten lassen. Alle sehen bereits ausgesprochen abgerissen aus, doch ein Schild, das einer von ihnen um den Hals trägt, verkündet „It’s going to get worse“.

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

In der drehbaren Wand öffnet sich die Kneipentür und Elizas Vater, der Müllkutscher Alfred P. Doolittle (herrlich rustikal: Rudi Reschke) stolpert heraus. Es folgt der Song „Der Herrgott schuf den Männerarm wie Eisen“ (Mit ’nem kleenen Stückchen Glück) und die hierzu getanzte Müllsack-Choreografie ist einfach großartig. Überhaupt ist dieses ganze „Arme-Leute-Viertel-Ambiente“ ganz entzückend mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt (Kostüme: Maren Steinebel, Choreografie: Kirsteen Mair).

In der nun folgenden Szene befinden wir uns im Haus von Professor Higgins. Hierfür wird geschwind die Wand erneut gedreht und „frisch tapeziert“ fügt sich diese in die Kulisse ein. Aus zwei Teilen wird ein riesiges Sofa, ein komfortabler Sechs-Sitzer, zusammengebaut, zwei große Grammophone runden das Bild ab. Begeistert lauscht Higgins seinen Aufnahmen von verschiedenen Dialekten, während sein Gast, der arme Oberst Pickering „Zuflucht“ unter einer Zeitung sucht. Bereits beim Song „Doch lass‘ ein Weib an dich heran – kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ begeistern Andreas Jören und Hannes Fischer mit wunderbarer Bühnenpräsenz und hinreißender Mimik in dieser Hymne auf das Junggesellendasein.

Die Haushälterin Mrs. Pearce (herrlich trocken: Brigitte Bauma) kündigt Besuch an. Eliza hat ihr Erspartes genommen, um bei Professor Higgins Sprachunterricht zu nehmen. Schließlich habe er gesagt, er könne eine Lady aus ihr machen und das will sie sein, eine Lady in einem Blumenladen. Higgins‘ Empfindung für den Eindringling ist irgendwo zwischen Abgestoßensein und Faszination über die Dreistigkeit und den Mut von Eliza. Diese hat es schließlich Pickering zu verdanken, dass Higgins einwilligt, ihr Sprech- und Benimmunterricht zu erteilen. So wird Eliza Gegenstand einer Wette zwischen den beiden Männern.

Während Eliza nun mit endlosen Übungen „gequält“ wird, hat es sich auch zu ihrem Vater herumgesprochen, dass seine Tochter bei einem piekfeinen Herrn wohnt. Es gibt eine Liste mit Dingen, die man ihr nachschicken soll, ihre Kleider brauche sie jedoch nicht. Was soll Alfred P. Doolittle davon halten?! Er sucht den Professor auf und versucht noch etwas Kapital aus der Sache zu schlagen.

Aus der wunderbar wandelbaren Wand wird das Wohnzimmer, wird die Straße, wird das Wohnzimmer…  Zu Elizas Song „Wart’s nur ab, Henry Higgins!“ tanzt die Queen mit drei Soldaten und schon geht der Sprechunterricht weiter. Als schließlich beim gefühlt 100. Mal „es grient so grien“ endlich der Knoten platzt, hängt das Publikum vor Lachen auf der Sesselkante und Hannes Fischer alias Oberst Pickering hat endgültig sämtliche Sympathien auf seiner Seite.  Aber auch der Chor, (Foto unen), der hinter den sich öffnenden und schließenden Fenstern in gelben Kostümen und schwarzen Pottschnitt-Perücken ein graßartig absurdes Bild abgibt, treibt dem Publikum die Lachtränen in die Augen.

Elizas Begeisterung über ihre Fortschritte drückt sich in den Songs „Es grünt so grün“ und „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ aus. Die Herren sind sich einig: Eliza ist bald so weit, dass sie sich in der feinen Gesellschaft bewegen kann, doch vorher soll es sozusagen eine Generalprobe geben. Und was würde sich da besser anbieten als das Pferderennen in Ascot?

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Für den nun folgenden Chorauftritt („Jeder Duke und Earl und Peer ist hier“) hat die Kostümabteilung des Landestheaters alles gegeben. Die Herren erscheinen in Frack und Zylinder, die Damen in wunderschönen farbenfrohen Kleidern mit großen Schleifen und riesigen phantasievollen Hüten, Handschuhen und Handtaschen, eine wahre Kostümschlacht und Augenweide.

Auch hier wieder ein liebevolles Detail: eine Krankenschwester schnappt sich einen Besucher, der ohnmächtig geworden ist. Ob die Ursache das aufregende Pferderennen war oder Elizas verbaler Rückfall in ihre alten sprachlichen Gewohnheiten: “Lauf, Dover, lauf! Sonst streu ick dir Pfeffer in den Arsch!” sei hier dahingestellt. Der etwas tollpatschige Freddy Eynsford-Hill jedenfalls ist spätestens jetzt hoffnungslos verliebt in die schöne Fremde.

Die nächste Szene spielt vor dem Haus von Professor Higgins, und während eine Straßenlaterne kopfüber aus dem Schnürboden baumelt, tanzt Freddy vor der Tür auf und ab und singt sein berühmtes „Ging die Straße schon oft hinunter hier und das Pflaster lag gewöhnlich ruhig unter mir“. Der Position der Laterne nach zu urteilen, liegt es jetzt wohl über ihm.

Schließlich ist der Tag des Balls gekommen. Mittels eines Prospekts mit wunderbarer Tiefenwirkung verwandelt sich die Bühne in einen Ballsaal.  Higgins und Pickering sind bereits im Smoking und warten auf Eliza. Als diese schließlich erscheint, sind die beiden Herren überwältigt von ihrer Anmut. In ihrem langen weißen Kleid mit Schleppe wirkt Eliza wie ein Braut. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass Pickering ihr die Schleppe richtet und sie am Arm der beiden Herren zum Ball geführt wird. Auch hier ist wieder eine relativ kurze Szene wunderschön und aufwändig ausgestattet. Drei Paare tanzen, doch als Eliza auftaucht, haben alle Herren nur noch Augen für sie.

Wieder zurück im heimischen Wohnzimmer feiern Higgins und Pickering ausgelassen ihren Erfolg: „Sie sind’s, der es geschafft hat!“ Der Chor tanzt – nun wieder in gelben Dienstboten-Uniformen – und stimmt an „Wir gratulieren, Professor Higgins! und sorgt somit wieder für Lachtränen beim Zuschauer.  Eliza ist bei all dem nur enttäuscht, da von ihr niemand Notiz zu nehmen scheint und die Herren nur sich selber feiern. Wütend stimmt sie ihr „Wart’s nur ab, Henry Higgins, wart’s nur ab“ an.

Eliza kehrt nach Hause zurück. Auf der Straße sehen wir wieder die großartige Ratte und den Trupp der Verlierer, diesmal verkündet das Schild „Let’s join EU!“ was wieder für allgemeine Erheiterung im Publikum sorgt. Ähnlichkeiten mit aktuellen politischen Ereignissen wären rein zufällig! Die Gang der Obdachlosen stimmt am Ende übrigens für “Remain”.  Elizas Vater hat es offenbar durch Reden bei der Gesellschaft für moralische Erneuerung zu einem bescheiden Vermögen gebracht und schmiedet Hochzeitspläne. Statt des blauen Opern-Vorhangs dominiert nun ein Glitzer-Vorhang die Szene und zum Song „Hei, heute Morgen mach‘ ich Hochzeit!“ gibt es wieder eine rauschende Chorszene mit Tanzeinlage.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Mittlerweile hat man auch im Hause Higgins entdeckt, dass Eliza ausgerückt ist. Ein schauspielerisches Highlight des Abends ist die wiederholte Feststellung Pickerings „Ich bin platt!“ Niemand sagt das so schön fassungslos erstaunt wie Hannes Fischer ! In der Reprise von „Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ gelangt Higgins zu der Frage „Kann eine Frau nicht sein wie… Sie?!“ Die Szene zwischen Andreas Jören und Hannes Fischer ist einfach wunderbar mit großer Spielfreude, Schwung und Witz dargeboten und die beiden ernten zu Recht Szenenapplaus.

Eliza sucht Trost und Rat bei Higgins‘ Mutter. Ein Prospekt versetzt uns in eine üppige Orangerie. Eine „lebende Pflanze“ verhindert, dass diese Szene allzu ernst werden kann.
Higgins stürmt herein und will sich bei seiner Mutter darüber beklagen, dass Eliza verschwunden ist und gerät im Verlauf der Szene immer wieder in die „Reichweite“ der Grünpflanze. Eliza macht ihm deutlich, es geht auch „Ohne dich!“, während Higgins immer noch darauf beharrt „Ich bin’s, der das geschafft hat!“ Als Eliza nun endgültig gehen will, erkennt der Professor „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“. Jören singt diesen Song alleine vor dem geschlossenen Vorhang, nachdenklich und mit dem Ausdruck von aufrichtigem Bedauern und Verlust.

Mit Elizas Ruf „Henry, wo zum Teufel sind meine Pantoffeln?“ fällt der Vorhang. Und so findet zu guter Letzt doch noch zusammen, was zusammengehört.

Das Landestheater Detmold bringt mit dieser Produktion eine My Fair Lady heraus, wie man sie sich vorstellt. Mathias Mönius leitet das Symphonische Orchester und den Chor des Landestheater Detmold sowie die Solisten mit sicherer Hand und gutem Gespür für Atmosphäre und Stimmungen durch den Abend. Das Tempo ist schwungvoll und lebendig. Obwohl die Dynamik der Größe des Hauses angemessen ist, hat die Sängerin der Eliza, Caterina Maier (seit 2015/16 Ensemblemitglied des Nationaltheater Weimar) hin und wieder Schwierigkeiten, mit ihrem leichten Sopran über das Orchester zu kommen. Schauspielerisch vollzieht sie die Wandlung vom Blumenmädchen zur feinen Lady überzeugend. Allerdings hätte man sich anfangs noch etwas mehr „Gosse“ gewünscht, denn so „entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig“ wie Higgins sie beschreibt, zeichnet sie die Eliza gar nicht. Dafür gerät die zarte zerbrechliche junge Frau, die auf dem Ball alle Blicke auf sich zieht, sehr authentisch.

Freddy, der so für Eliza schwärmt und doch nie eine Chance bei ihr hat, wird von Nando Zickgraf liebenswert und charmant porträtiert. Der Tenor gestaltet seine Songs mit sicherem Gespür für die Rolle und viel Leichtigkeit. Andreas Jören (seit 2005 Ensemblemitglied des Landestheater Detmold) gibt den steifen Professor und eingefleischten Junggesellen sehr routiniert. Seine wandlungsfähige Stimme ermöglicht ihm den raschen Wechsel zwischen gesprochenem Text und Gesangspassagen, was für Opernsänger eher ungewohnt ist und deshalb das Singen von Operetten und Musicals so anspruchsvoll macht.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Rolle des Oberst Pickering ist bei Hannes Fischer in den besten Händen. Der Schauspieler war an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland zuhause und ist auch als Fernsehschauspieler einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Seit seinem 65. Lebensjahr gastiert er freischaffend und es ist ein großer Glücksfall, dass das Landestheater Detmold Hannes Fischer für die Rolle des Pickering gewinnen konnte. Er gibt den Freund und Partner Higgins‘ in der Wette um Eliza so liebenswürdig-kauzig und überzeugt auch in den kleinen Choreografien und Gesangseinlagen mit seiner einzigartigen Bühnenpräsenz, dass ihm an diesem Premierenabend dafür verdient üppiger Applaus gespendet wird. Eine Traumbesetzung!

Sehr gut besetzt waren auch die Rollen der Mrs. Pearce mit Brigitte Bauma, die eine in jeder Situation souveräne Hausdame gab, die den Junggesellen-Haushalt inklusive der weiteren dienstbaren Geister (Chor und Tänzerinnen) bestens im Griff hatte sowie der Mrs. Higgins mit Kerstin Klinder. Elizas Vater Alfred P. Doolittle wurde von Rudi Reschke mit rustikal-derbem Müllkutscher-Charme passgenau verkörpert. Der Sänger, Tänzer und Schauspieler ist in zahlreichen Musicalproduktionen und verschiedenen Fernsehrollen aufgetreten.

Auch Jürgen Strohschein und Steven Armin Novak als Harry und Jamie konnten in den Ensemblestellen positiv zum Gesamteindruck der Produktion beitragen. Die beiden Musical-Darsteller sorgten für viel Schwung mit rasanten, bisweilen akrobatischen Tanzszenen. Davon hätte man gerne noch mehr gesehen! Ebenso der Background-Chor der Obdachlosen! Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer und Ognjen Milivosja sangen und spielten sich mit Charme und Mut zur Hässlichkeit gepaart mit sehr viel Spielfreude in die Herzen des Publikums.

Abgerundet wird das positive Bild durch den wunderbar beweglich singenden und agierenden Chor und die Statisterie des Landestheaters Detmold. Diese Ensembleleistung aller Beteiligten auf, neben und hinter der Bühne belohnte das begeisterte Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall, zahlreichen Bravi und standing ovations.

Wer also Lust hat, sich in bester Musical-Manier einen Abend lang mit den nicht totzukriegenden Evergreens, die man am liebsten alle mitsingen würde, unterhalten zu lassen, dem sei der Weg ins Landestheater Detmold wärmstens empfohlen.

My fair Lady am Landestheater Detmold; die weiteren Termine 10.11.; 13.11.; 15.11.; 17.11.; 20.11.; 22.11.; 23.11.; 8.12.; 14.12.; 19.12.2019 und mehr..

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