Detmold, Landestheater Detmold, Der Vetter aus Dingsda – Eduard Künneke, IOCO Kritik, 02.11.2018

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

 Der Vetter aus Dingsda  –  Eduard Künneke

 Operette des Exotismus –   Dingsda verballhornt die Stadt Batavia

Von Karin Hasenstein

Verwandtschaft: “In der Biologie die Bezeichnung für das Verhältnis zwischen Individuen, die blutsmäßig (durch gemeinsame Abstammung) miteinander verbunden sind und sich je nach Verwandtschaftsgrad mehr oder weniger ähneln…” (Bertelsmann Lexikon)

Dieses Zitat findet sich im Programmheft zu Eduard Künnekes Operette Der Vetter aus Dingsda und weist darauf hin, worum es in diesem Werk geht: um Verwandte und ihre Beziehungen untereinander und so ist denn auch gleich die erste Nummer eine herrliche Beschreibung dessen, was die weibliche Hauptrolle, Julia de Weert, auszustehen hat: “Onkel und Tante, ja, das sind Verwandte, die fallen einem Mädchen aufs Gemüt! Onkel und Tante, ja, das sind Verwandte, die man am liebsten nur von hinten sieht!”

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda - hier : Simone Krampe als Julia de Weert © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Simone Krampe als Julia de Weert © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Die Handlung

1. Akt:   Das Mädchen Julia ist die reiche Erbin auf Schloss de Weert

Sehnsüchtig wartet sie auf ihre Volljährigkeit, damit sie endlich der Vormundschaft ihres Onkels Josef Kuhbrot, genannt Josse und seiner Frau, ihrer Tante Wilhelmine, genannt Wimpel, entfliehen kann. Wenn sie endlich volljährig ist, so ihr Plan, kann sie ihren Vetter Roderich heiraten, der vor sieben Jahren nach … Dingsda in Ostasien abreiste. Die beiden haben sich als Kinder ewige Treue geschworen und zum Zeichen dieser Treue hat sie Roderich einen Ring gegeben.

Ihr Onkel hat jedoch ganz andere Heiratspläne für Julia. Er möchte seine Nichte viel lieber mit seinem Neffen August Kuhbrot verheiraten – damit bliebe doch ihr Geld in der Familie! Dieselbe Idee verfolgt auch Julias zweiter Vormund, von Wildenhagen, weshalb dieser sie mit seinem Sohn Egon verheiraten will. Julia hingegen hat für all diese Bewerber nichts übrig, ihr Herz gehört nur dem fernen Vetter Roderich.

Aber der Mensch denkt und der Librettist lenkt und so steht am Abend von Julias Volljährigkeit rein zufällig ein geheimnisvoller Fremder vorm de Weert’schen Schloss, behauptet, sich verlaufen zu haben und wird von Julia prompt mit Kost und Logis versehen.

2. Akt:  Am anderen Morgen erwacht Julia glücklich…., auch der fremde Wandergesell scheint sich in der herrschaftlichen Umgebung gleich heimisch und sehr wohl zu fühlen und alles könnte ganz harmonisch und die Geschichte hier zu Ende sein – wenn, ja wenn Julia ihrem Roderich nicht ewige Treue geschworen hätte. Julias Freundin, das äußerst mitteilsame Hannchen, hat den Fremden mit allen Hintergrund-Informationen versorgt und so beschließt dieser kurzerhand, sich als Vetter Roderich auszugeben; er ist jedoch niemand anderes als der Neffe August Kuhbrot, den auf Anhieb sowieso keiner erkennt, da Onkel Josse ihn zuletzt als kleinen Knaben gesehen hat. Das ist natürlich nur in der Operette so, wird aber einfach so hingenommen, sonst würde ja die ganze schöne Verwechslungsgeschichte nicht aufgehen.

Dass Julia sich in den schönen Fremden verliebt, kann der zweite Heiratskandidat Egon von Wildenhagen natürlich nicht hinnehmen. Sein Vater hat inzwischen Nachforschungen angestellt und verkündet, dass der Fremde gar nicht Vetter Roderich sein kann – dieser war nämlich vor sechs Wochen noch in diesem “Dingsda”, in Batavia und kann noch gar nicht angekommen sein, weil sein Schiff erst morgen in Hamburg eintrifft!

Auf Julias Frage, ob er nun Roderich ist oder nicht gibt er zu “Ich bin nur ein armer Wandergesell, gute Nacht, liebes Mädel, gut’ Nacht”. Julia wendet sich enttäuscht ab, hat sie sich doch schon in den Fremden verliebt, aber sie kann und will den Treueschwur nicht brechen, den sie Roderich vor sieben Jahren gegeben hat.

3. Akt: Damit nun alles noch komplizierter wird und die Verwirrung komplett ist, taucht ein zweiter Fremder vor dem Schloss auf. Hannchen empfängt ihn und verliebt sich vom Fleck weg ohne weitere Umstände in ihn. Weil es eine Operette ist, verliebt sich -wie es sich doch fügt- der Fremde auch in sie. Das junge Glück währt jedoch nur kurz, denn der Fremde entpuppt sich als der echte Roderich de Weert. Hannchen ist bestürzt, da ihre Freundin doch Roderich liebt. Es stellt sich heraus, dass dieser jedoch all die Jahre überhaupt nicht an sie gedacht hat. So ersinnt Hannchen die List, er solle sich als August Kuhbrot vorstellen, damit Julia von vornherein nichts von ihm wissen will.

Onkel und Tante erfahren, dass Neffe August schon gestern angekommen ist. Er ist jedoch auf dem Schloss nie eingetroffen und so ist die einzig mögliche Erklärung, dass der geheimnisvolle Wandergesell den Neffen umgebracht hat, um so erstens Julias Herz und zweitens das Erbe an sich zu bringen. Man will den Schwindler festnehmen, doch da erscheint der echte Roderich als falscher August und erklärt, dass er lebt. Sogleich wird er von den beiden aufgefordert, zu Julia zu gehen, “was du dort sollst, das weißt du ja!”, um so den ursprünglichen Plan doch noch in die Tat umzusetzen.

Julia weist ihn natürlich zurück. Die ganze Verwicklung erfährt ihre Auflösung, als der vermeintliche August und echte Roderich ihr erzählt, dass er ihren Treueschwur aus Kindertagen nie ernst genommen hat und nun mit einer anderen verlobt ist. Zum Beweis, dass er es ist, zeigt er ihr den Ring, den sie ihm damals gab. Julia muss erkennen, dass Roderich nie an sie gedacht und sie nie geliebt hat. Und für ihn hat sie den geliebten Fremden fortgeschickt…

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda - hier : Kevin Dickmann (Karl), Simone Krampe (Julia de Weert), Nando Zickgraf (Egon von Wildenhagen), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Stefan Andelkovic (Hans) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Kevin Dickmann (Karl), Simone Krampe (Julia de Weert), Nando Zickgraf (Egon von Wildenhagen), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Stefan Andelkovic (Hans) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Da erscheint der Wandergesell, gibt sich als August Kuhbrot zu erkennen, doch Julia meint “Für mich bist du Roderich, mein Roderich!”, Hannchen bekommt den echten Roderich und für den armen Egon von Wildenhagen findet sich auch eine Lösung: “Sie gehen nach Batavia!”    –   Happy End

Wie setzt man nun eine so scheinbar banale Handlung um? Wie bringt man 2018 eine Operette auf die Bühne?   Regisseurin Guta G. N. Rau und ihr Team haben sich für eine Einheitsbühne entschieden, die im Verlauf des Stückes geringfügig verändert wird. Zu den kurzen Einleitungstakten öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf einen portalfüllenden barocken Bilderrahmen, der in verschiedenen Bühnenebenen mit übergroßen gemalten Frühlingsblumen wie Narzissen, Tulpen und Hyazinthen ausgefüllt ist.

Wir befinden uns im Schlossgarten des de Weert’schen Schlosses, irgendwo in Südholland

Die Kostüme sind in den 1950er Jahren angesiedelt, Julia (Emily Dorn) trägt hübsche mädchenhafte Kleider mit Pettycoat, Hannchen (Annina Olivia Battaglia) eine helle Kombination aus 7/8-Hose und ärmellosem Oberteil. Pferdeschwanz und breites Haarband über leicht toupierten Haaren unterstreichen die zeitliche Verortung in den Fünfzigern (Bühne und Kostüme: Markus Meyer, Maske: Kerstin Steinke)

Von Anfang an bedient sich Guta G. N. Rau der Komik, die der Verwechslungskomödie innewohnt, und macht sie sich zunutze. Onkel Jusse und Tante Wimpel erscheinen als putziges Pärchen, das sich beim Mündel im Schloss eingenistet hat und guten Speisen und Getränken fröhlich zuspricht. Dass der Onkel seiner Frau auf ihre Ermahnungen “Iss doch nicht so viel, trink doch nicht so viel” immer wieder entgegenhält “Ich esse, soviel ich will… ich trinke soviel ich will” etc. wird vom Libretto vielleicht etwas überstrapaziert, wird aber nichtsdestotrotz vom Publikum  stets bereitwillig mit wohlwollendem Lachen und Szenenapplaus kommentiert – vielleicht weil jeder insgeheim an die eigene lästige Verwandtschaft denkt?! Wer weiß das schon… Als der große Vollmond herabgesenkt wird (dafür muss ein Teil der Hyazinthen weichen) und Onkel Josse dies wiederholt mit einem “Ist das kitschig!” kommentiert, möchte man heftig nickend zustimmen.

Der Wandergesell (Stephen Chambers) erscheint – weil es das Libretto so will – passend in einem grünen Anzug, mit grünem Rucksack und einem grünen Hut. Bis er sich am nächsten Morgen in den weißen Sachen von Julias Bruder präsentiert und plötzlich doch ein ganz passables Bild abgibt. Ein weiteres komisches Element sind die beiden Diener Hans und Karl (Stefan Andelkovic und Kevin Dickmann), die – sichtlich angewidert von diesem “Individuum” etwas gelangweilt ihre Aufgaben versehen und immer wieder für große Begeisterung beim Publikum sorgen, sei es durch ihre Choreografie oder einfach nur durch die so wunderbar zur Schau getragene Überheblichkeit.

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda - hier : Brigitte Bauma (Wilhelmine), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Andreas Jören (Josef Kuhbrot), Simone Krampe (Julia de Weert), Stephen Chambers (Ein Fremder) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Brigitte Bauma (Wilhelmine), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Andreas Jören (Josef Kuhbrot), Simone Krampe (Julia de Weert), Stephen Chambers (Ein Fremder) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Die Choreografie von Kirsteen Mair begleitet witzig und schwungvoll alle bekannten Lieder und sorgt immer wieder für Lacher und viel Spaß im Publikum, sei es in den Duetten oder den größeren Ensembles. Insbesondere die Diener sowie Onkel und Tante, aber auch der arme abgeblitzte Egon (herrlich trottelig in kurzen Hosen, mit “Pottschnitt” und zentimeterdicken Brillengläsern: Nando Zickgraf) sorgen mit kleinen Tanzeinlagen für echtes Operetten-Feeling.

Exotismus war zu der Entstehungszeit des Vetter aus Dingsda ein großes Thema für alle Operetten- und einige Opernkomponisten. Die Menschen träumten von fernen Ländern mit wilden Tieren und exotischen Schönheiten, was sich natürlich verstärkt in der Musik ausdrückte.

Die große Zahl an exotischen Titeln und Inhalten zeigt, dass die Gattung Operette den Fremdreiz intensiv nutzte. Je nach den gegensätzlichen Möglichkeiten der Darstellung wählte man eine evasive, eine Ausbruchskonstruktion von Hier nach Dort, oder eine invasive, eine Einbruchskonstruktion von Dort nach Hier. Häufig gab es aber auch Mischformen aus beidem. Beim Vetter aus Dingsda handelt es sich eher um eine Ausbruchskonstruktion, Roderich verlässt seine Heimat und reist in ein fremdes Land und lernt dort fremde Lebensformen kennen.

Das, was man sich als fremdartig vorstellte in einer Zeit, als es keine Massenmedien gab, brachte man als Elemente in die bildende und darstellende Kunst ein. In der Musik, speziell in der Gattung Operette, ging es weniger um die Bewunderung und Darstellung des fremden Landes oder Lebens, sondern vielmehr um den bloßen Gebrauch des Exotismus, weil er eben gerade modern war. Und er brachte den Komponisten großen Erfolg. Die Menschen damals hatten noch nicht die Möglichkeit, sich über fremde Länder zu informieren, weil sie in der Regel nicht einfach dorthin reisen konnten. Der Exotismus in Oper oder Operette wurde aber auch genutzt, um gesellschaftskritische Botschaften darin zu verstecken. Im Vetter aus Dingsda ist es eigentlich nur das fremde Land, von dem keiner so richtig weiß, wo es eigentlich liegt und wie es richtig heißt, dieses…. Dingsda. Erst Roderich selber benennt es: “Sieben Jahre lebt’ ich in Batavia.”

Die Operette wurde 1921 uraufgeführt, also zu einem Zeitpunkt, als diese Kunstform eigentlich schon ihre ursprüngliche Unbekümmertheit verloren hatte. Auch der Exotismus wird hier schon selbst ironisiert, was sich bereits im Titel ausdrückt, in welchem der Name Batavia durch Dingsda verballhornt wird. Es kommt dem Onkel einfach nicht über die Lippen, weil alles Fremdartige erstmal verdächtig wirkt.

Künneke drückt den Exotismus mit verschiedenen musikalischen Mitteln aus. Das ist zum einen der scharf synkopisierte Foxtrott, welcher wiederum eine tänzerische Abwandlung des Ragtime ist. Dieser hätte damals im musikalischen Umfeld der Operette doch als zu befremdlich gewirkt, kannte man zu der Zeit doch überwiegend Polka und Marsch, Gavotte und Cancan neben Walzer und Ländler als musikalische Ausdrucksformen. Hinzu kommt Künnekes stark spätromantische Orchestrierung und Harmonik. Hier erscheint der Foxtrott als bewusst eingesetzter Fremdkörper, den der Komponist drastisch ausweitet. Der synkopische Wechsel von gestauten und gestreckten Takten musste ebenso befremdlich auf die Hörgewohnheiten der damaligen Zeit wirken. Das Fernöstliche im Klang entsteht auch durch leicht abgewandelte Jazzakkorde, wie sie in der nordamerikanischen Jazzmusik vorkamen.

Berühmte Beispiel für Exotismus in der Kunstform Operette sind auch Die Blume von Hawaii von Paul Abraham oder Franz Lehars Land des Lächelns. Als ein Beispiel für Exotismus sei auch Les Pêcheurs de Perles von Georges Bizet genannt.

Da man an so einer lustigen und bunten Verwechslungsgeschichte eigentlich nichts Bedeutungsschwangeres herauslesen oder hineindeuten kann, kann man sie eigentlich nur “schön” auf die Bühne bringen, und das hat Guta G. N. Rau mit ihrem Team wirklich überzeugend gemacht. Die bunten, zweidimensionalen übergroßen Blumen werden im Verlauf des Abends immer mal wieder ein bisschen verändert, mal wird der Mond herabgesenkt, mal taucht eine Palme auf oder ein riesiger Frosch auf, um den gesungenen Text zu illustrieren, z.B. im zweiten Akt, als es heißt “In Batavia, da gibt es Frösche und Kolibris”. Die Kolibris werden durch die beiden Diener dargestellt, zugegebenermaßen recht große und plumpe Koilibris, die eher in Zeitlupe mit den “Flügeln” schlagen und deren Schnäbel mehr an Pinguine erinnern, die aber wieder für großen Szenenapplaus sorgen. Überhaupt kommt die üppige und fröhlich-bunte Ausstattung mit viel Liebe zum Detail sehr gut an beim Publikum und wird am Ende mit entsprechend begeistertem Applaus belohnt. Die Personenführung ist logisch und konsequent und es gibt eigentlich nur liebenswerte Figuren, die allesamt die Herzen der Zuschauer gewinnen. Großartig auch die Szene, in der Julia und der Fremde Tennis spielen und der Tennisball vom Diener an einer Teleskopstange hin und hergetragen wird. Bei der herrlich trockenen und missmutigen Mine des Dieners blieb kein Auge trocken. Oder das Quintett mit Tanznummer im ersten Akt “Die Ehe, oh wehe, überleg’ dir, wen du freist”, zu der Onkel, Tante, Julia und Hannchen sowie Egon v. Wildenhagen alle mit Nudelholz hantieren (Choreografie: Kirsteen Mair). Dabei ist es nie ein Sicht-Lustig-Machen, sondern immer ein Augenzwinkern und deshalb so liebenswert. Die zahlreichen wirklich lustigen und komischen Szenen alle aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen; da bleibt nur nach Detmold fahren und sich eine Vorstellung anschauen!

Das Orchester wirkte (zumindest am Platz der Rezensentin) anfangs und auch im Verlauf des Abends stellenweise ein wenig zu laut, das mag am relativ kleinen Haus liegen oder am zu den Seiten offenen Bühnenbild, so wurden die eigentlich hervorragend agierenden Sänger teilweise überdeckt, was den musikalischen Genuss aber nur geringfügig schmälerte.

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda - hier : Emily Dorn (Julia de Weert), Alexander Geller (Ein Fremder) © Landestheater Detmold / Jochen Quast

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Emily Dorn (Julia de Weert), Alexander Geller (Ein Fremder) © Landestheater Detmold / Jochen Quast

Insgesamt bot das Symphonische Orchester des Landestheaters Detmold unter György Mészáros jedoch ein überzeugendes Klangerlebnis. Die zahlreichen bekannten “Hits” wie die schon erwähnte Verwandten-Nummer, “Strahlender Mond”, “Sieben Jahre lebt’ ich in Batavia” oder “Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken” wurden genregerecht mal schmissig, mal verträumt überzeugend interpretiert und sorgten immer wieder für spontanen Szenenapplaus.

Den ersangen sich auch Emily Dorn (Julia), Annina Olivia Battaglia (Hannchen) und Stephen Chambers (Ein Fremder) immer wieder. Emily Dorn gestaltete die junge Julia mit überzeugendem jugendlichen Charme und strahlendem Sopran sowohl in den Solostücken als auch in den Duetten und Ensembles. Stephen Chambers begeisterte nicht nur mit dem bereits erwähnten Lied an Julia “Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken!” mit schlankem und angenehm timbrierten Tenor ebenso wie mit jugendlich-unbekümmertem Charme. Annina Olivia Battaglia bezauberte die Zuhörer mit großer Spielfreude und gut geführtem lyrischem Sopran. Erwähnung finden müssen hier auch die beiden Diener, gesungen und gespielt von Stefan Andelkovic und Kevin Diekmann, die mit ihrem großartigen komisch-trockenen Spiel viel zur Komik der Inszenierung beigetragen haben und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus gefeiert wurden.

Insgesamt wurde die hervorragende Ensembleleistung vom Premierenpublikum begeistert aufgenommen. Solisten, Orchester und Regie sowie Ausstattung erhielten lang anhaltenden Beifall und zahlreiche Bravi. Der Besuch im Landestheater Detmold oder an Gastspiel-Orten sei dem Freund der Operette herzlich empfohlen!

Der Vetter aus Dingsda am Landestheater Detmold, die weiteren Vorstellungen 3.11.; 6.11.; 23.11.; 20.12.; 31.12.2018; 26.1.2019; 22.2.2019 und mehr…

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Ulm, Theater Ulm, Kai Metzger – INTHEGA Ehrenpreis, IOCO Aktuell, 21.10.2018

Oktober 21, 2018  
Veröffentlicht unter Landestheater Detmold, Personalie, Theater Ulm

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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Kay Metzger  –  Ehrenpreis der INTHEGA

In Bielefeld wurde Kay Metzger, 56, vom Landestheater Detmold kommend, seit 2018 Intendant des Theater Ulm, bei einer Festveranstaltung am 15. Oktober der Ehrenpreis des Vorstands der INTHEGA überreicht.

Die INTHEGA, ein Verbund von in Deutschland, Österreich und der Schweiz ansässigen Theaterspielstätten, kooperiert seit Jahrzehnten mit jenen Theatern, vor allem Landesbühnen, die für den umfangreichen länderübergreifenden Gastspielmarkt Theaterproduktionen anbieten. Kay Metzger hatte als Intendant zunächst in Halberstadt und Quedlinburg, dann in Detmold, jeweils große Mehrspartentheater geleitet, die aus den Bereichen Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, Konzert und Kinder- und Jugendtheater ein umfangreiches Spektrum an mobilen Produktionen bereithielten. Mit diesem Angebot überzeugten die von Metzger geführten Theater sowohl von der logistischen als auch künstlerischen Qualität seit 1999 die Gastspielpartner.

Kai Metzger - INTHEGA Ehrenpreisträger  © Theater Ulm

Kai Metzger – INTHEGA Ehrenpreisträger  © Theater Ulm

Mit der in Detmold inszenierten Operntetralogie Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner gelang Metzger zudem eine in diesem Umfang exzeptionelle Tourneeproduktion. Sowohl diese Leistungen als auch seine Arbeit als Vorsitzender der Landesbühnengruppe und Mitglied im Präsidium des Deutschen Bühnenvereins in regem Austausch mit dem Vorstand der INTHEGA wurden nun durch den Preis gewürdigt.

—| IOCO Aktuell Theater Ulm |—

Winterthur, Theater Winterthur, Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 10.03.2018

Theater Winterthur © Theater Winterthur

Theater Winterthur  © Theater Winterthur

Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán

In Budapest bei den  Mädis vom Chantant

Von Julian Führer

 Die Stadt Winterthur zählt über 100 000 Einwohner, ist damit die sechstgrößte Stadt der Schweiz und wurde 1467 von den Habsburgern an die Stadt Zürich verpfändet. Heute gehört sie zum Kanton Zürich. Das dortige Theater ist zwar ein Dreispartenhaus, doch besteht der Spielplan aus Gastspielen anderer Häuser, meist aus Deutschland, wie unten – Die Csárdásfürstin des Landestheaters Detmold – und Österreich. In jeder Saison wird eine Produktion gemeinsam mit dem Opernhaus Zürich erarbeitet, die in der folgenden Spielzeit dort übernommen wird. Das Gebäude stammt aus den späten siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Kürzlich wurde debattiert, ob das Theater abgerissen und durch ein Kongresszentrum ersetzt werden sollte – mit unabsehbaren Folgen für den Theaterbetrieb. Diese Bedrohung zumindest scheint erst einmal abgewendet.


Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier Megan Marie Hart als Sylva Varescu, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier Megan Marie Hart als Sylva Varescu, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Nun hatte die Theaterleitung Die Csárdásfürstin in einer Produktion des Landestheaters Detmold auf den Spielplan gesetzt, die dort im Dezember 2016 erstmalig gezeigt wurde. Ein Stück, das 1915 uraufgeführt wurde, also nach Beginn des Ersten Weltkriegs, und tatsächlich thematisiert das Libretto auch Einberufungen, die die Handlung vorantreiben – doch ist der Krieg weit weg, und das Publikum soll nicht an den Krieg denken, sondern unterhalten werden. Und das gelingt hier ganz vorzüglich. Die einfache Bühne (Horst Vogelgesang) erlaubt Auftritte und Abgänge in alle Richtungen und macht mit wenigen Objekten klar, wo wir uns befinden, und zwar ganz so wie im Textbuch gefordert.

Im ersten Akt sehen wir ein paar Tische und eine Bühne auf der Bühne, auf der getanzt wird: Wir sind in Budapest bei den Mädis vom Chantant. Die Kostüme (Barbara Schiffner) lassen kein Klischee aus: diverse Trachten und trachtenähnliche Gewänder aus Österreich-Ungarn, edle Herrschaften in Uniform und Frack und am Ende, als der Krieg immer wieder zur Sprache kommt, zunehmend Pickelhauben (diese waren in Österreich-Ungarn allerdings nie gebräuchlich). Auf der Revuetheaterbühne in Budapest agiert Sylva Varescu (Megan Marie Hart) und macht die mehr oder weniger adligen Herren Graf Boni (Markus Gruber) und Edwin Ronald (Julian Orlishausen) verrückt. Sämtliche Verlobungsprojekte einzeln aufzulisten, würde den Rahmen der Besprechung sprengen…

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier vorne vorne links Markus Gruber, Andreas Jören, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier vorne vorne links Markus Gruber, Andreas Jören, Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Im zweiten Akt sind wir bei Leopold Maria Fürst von und zu Lippert-Weyersheim (Michael Klein) und Fürstin Anhilte (Silke Dubilier) in Wien – das etwas heruntergekommene Budapester Theater ist verschwunden, dafür bietet die Bühne jetzt Platz, oben hängt ein Kronleuchter. Die prächtigen Kostüme der Damen der Gesellschaft setzen den Rahmen. Man meint, der Liveaufführung eines Heimatfilms beizuwohnen. Komtesse Stasi (Simone Krampe) kann sich ebenso wie alle anderen eigentlich nicht entscheiden, wen sie heiraten möchte, auch wenn das Verlöbnis mit Edwin Ronald längst vereinbart ist. Sylva Varescu wird von Graf Boni unter dem Vorwand, er habe sie geheiratet, als Gräfin vorgestellt, worauf sie Edwin Ronald einmal mehr um den Verstand bringt. Einen Tag nach der angeblichen Hochzeit Sylvas mit Boni erwischt dieser seinen Freund Edwin Ronald, wie er seine Ehefrau küsst. Da wir bei der Operette sind, ist das alles kein Problem, denn Graf Boni liebt ja eigentlich Stasi, und alles war nur ein Trick. Nur der Fürst ist gegen diese Wendung, da Sylva nur Tänzerin und eigentlich nicht adlig sei.

Der dritte Akt spielt im Foyer eines Wiener Hotels. Nun ist der Kronleuchter verschwunden, dafür steht am Rand eine Bar, an deren Tresen die Personen noch einmal zusammenkommen. Feri von Kerekes, den wir schon aus dem Budapester Theater kennen, trifft dort auf seinen Freund Edwin und dessen Eltern, das Fürstenpaar. Feri erkennt in der Fürstin Anhilte seine Jugendliebe Hilda, die selber einmal Tänzerin war – was der Fürst nicht wusste. Kurzum, der Fürst kann seinem Sohn kaum eine solche Ehe verbieten, wie er sie selbst geschlossen hat, Edwin bekommt seine Sylva, Boni bekommt seine Stasi, Schlussakkord, Applaus.

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin - hier Eva Bernard und Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

Theater Winterthur / Die Csardasfürstin – hier Eva Bernard und Ensemble © Landestheater Detmold / Lefebvre

György Mészáros dirigiert das Symphonische Orchester des Landestheaters mit viel Feuer und Schmelz. Kálmán selbst ironisiert und arrangiert (etwa den ‚Hochzeitsmarsch‘ von Mendelssohn, hier gespielt von einer Zigeunerkapelle). Effektvolle Rubati lassen das Publikum in Melodien schwelgen (und manchmal mitsummen oder -klatschen). Der Orchesterapparat ist groß, das Theater ist es ebenfalls mit der Folge, dass die Klangbalance zwischen Orchester und Gesang oft zu Ungunsten des Gesangs ausfällt – vielleicht ein Problem der Winterthurer Verhältnisse im Vergleich zu Detmold. Auf der Bühne tut sich viel, die Choreographien (Richard Lowe) tragen zur großen Lebendigkeit der Produktion bei.

Megan Marie Hart hat als Sylva Varescu keine Mühe mit den hohen Tönen, und bei den Herren sticht Markus Gruber als Graf Boni mit schauspielerischen Qualitäten, Spielfreude, vollem Einsatz bei der Choreographie und klarer Stimme hervor. Alle Sängerinnen und Sänger beherrschen ihre Partien, Fürst und Fürstin sind mit Schauspielern besetzt.

 

Emmerich Kálmán in Wien © IOCO

Emmerich Kálmán in Wien © IOCO

Kálmáns Melodieneinfälle sind immer wieder mitreißend. Ob nun „Die Mädis vom Chantant“, „Das ist die Liebe, die dumme Liebe“ oder „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ – man begreift immer noch sofort, warum die Csárdásfürstin von der Uraufführung an so ein Erfolg war und als eine von ganz wenigen Operetten nie ganz von den Spielplänen verschwunden war. Glücklicherweise spielt sich die Inszenierung von Wolf Widder nicht in den Vordergrund, sondern begleitet einen wirklich heiteren Abend. Gratulation dem Landestheater Detmold zu dieser Produktion und Dank dem Theater Winterthur, dass es diese Übernahme gibt.

 

 

—| IOCO Kritik Theater Winterthur |—

Detmold, Landestheater Detmold, Powder her Face – Thomas Adès, IOCO Kritik, 24.02.2018

Februar 25, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Landestheater Detmold, Oper

 

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Powder Her Face –  Kammeroper von Thomas Adès

„The Dirty Duchess oder: was ist eine Blowjob-Arie?“

Von Karin Hasenstein

„Thomas… wer? Powder… was?“ So oder so ähnlich reagieren Viele, wenn man diese zeitgenössische Oper von Thomas Adès erwähnt.

Zugegeben, bis vor kurzem ging es der Rezensentin nicht viel anders. Bis sie im Rahmen einer Live in HD Übertragung aus der Metropolitan Opera New York The Exterminating Angel von Thomas Adès kennenlernte und in ihren Bann gezogen wurde. So kam überhaupt der Gedanke auf, die zweite Vorstellung von Powder Her Face im Landestheater Detmold zu besuchen.

Thomas Adès, geboren 1971 in London, ist ein junger Komponist, mit dessen Werk sich näher zu befassen durchaus lohnend sein kann – wenn man sich denn öffnen will für seine ungewöhnliche, wild überschäumende Klangwelt. Die deutsche Erstaufführung von Powder Her Face fand 1996 am Theater Magdeburg statt, Inszenierungen seiner zweiten Oper „The Tempest“ 2010 in Frankfurt und Lübeck. The Exterminating Angel hatte seine Uraufführung 2016 bei den Salzburger Festspielen und wurde im selben Jahr an die MET übernommen. Neben diesen drei Opern komponierte Adès zahlreiche Werke für Soli, Chor, Kammerorchester oder Streichquartett, die aber in Deutschland fast unbekannt sind, bis auf sein Werk Totentanz, das unter Jeffrey Tate am 18. September 2016 in der Hamburger Laeiszhalle erklang.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Aufführungen seiner drei Opern in Deutschland sind selten, weshalb es umso erwähnenswerter ist, dass sich ein kleines Haus in der ostwestfälisch-lippischen Provinz an diese Herausforderung gewagt hat – mit großem Erfolg! Intendant Kay Metzger gebührt große Anerkennung für seinen Mut. Denn ein Publikumsmagnet wird diese Produktion vermutlich nicht werden. Warum? Da ist zunächst das Thema. Warum komponiert ein 24-Jähriger eine Oper über das Leben einer schottischen Herzogin? Wer war Margaret Whigham, spätere Campbell, Duchess of Argyll? In der Inszenierung von Christian Poewe erzählt diese Oper in 8 Szenen und einem Epilog Momente aus dem Leben der schottischen Herzogin, die vor allem durch ihr ausschweifendes skandalöses Sexleben bekannt wurde, das durch zahlreiche eindeutige Fotos mit unzähligen Liebhabern dokumentiert ist.

1990
Der Vorhang ist zu Beginn oben und gibt den Blick frei auf ein halbrundes in weiß gehaltenes Schlafzimmer, dessen einziges Möbel ein großzügiges rundes Bett ist (Ausstattung: Tanja Hofmann). Ein Elektriker und ein Zimmermädchen vergnügen sich dort und reden abschätzig über die Kleidung der Herzogin, die bankrott ist und sich nicht eingesteht, dass sie eigentlich am Ende ist. Kleine Fenster in den Wänden öffnen sich und geben wie in einer Peep-Show den Blick auf die dahinter befindlichen Zuschauer frei, welche die auf dem Bett tanzende Frau im schwarzen Unterkleid gierig betrachten und fotografieren.
Durch die Demütigungen des Personals erinnert sie sich an ihre glanzvolle Vergangenheit.
In Rückblenden erzählt die Oper Stationen ihres ausschweifenden Lebens. Dass sich ihr alter Teekocher nicht mehr reparieren lässt, deutet auf ein wenig ruhmreiches Ende hin.

1934
Nach erfolgreicher Scheidung von ihrem ersten, langweiligen Ehemann Baron Freeling, wartet die junge Margaret mit einer Vertrauten auf den Herzog. Dieser soll ein Frauenheld sein, ist aber vor allem eins, nämlich reich, und eine Heirat bringt den ersehnten Titel und die gesellschaftliche Position. Der Herzog erscheint nur als Schattenriss in der geöffneten Tür.

1936
In einer grotesken Szene wird die Hochzeit von Margaret und dem Herzog beschrieben, indem in wechselnden Konstellationen Braut, Bräutigam und Pfarrer in eindeutigen sexuellen Posen als Standbilder hinter einer schwarzen Gaze dargestellt werden. Vor dem Vorhang wundert sich eine Angestellte über das zügellose Verhalten der Reichen, die schon tagsüber Champagner trinken.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1953
Die Herzogin ist allein im Hotel in London. Verzweifelt versucht sie, den Zimmerservice zu erreichen, um „Sandwiches, Beef, Wine“ zu bestellen. Immer wieder ist sie falsch verbunden, niemand scheint ihren flehentlichen Wunsch nach Fleisch zu vernehmen. Dabei ist ihr Schrei nach „Fleisch“ eindeutig nicht ernährungsorientiert, weshalb auch ihre Worte „Stopfe mich voll, bis ich nicht mehr kann“ nur in einer Hinsicht verstanden werden können. Schließlich erscheint ein zurückhaltender Zimmerkellner aus dem Schrank, die Aufforderung, sich zur ihr zu setzen, wird zunächst ignoriert, bis die Herzogin ihm schließlich Geld für gewisse Dienste anbietet. Die nun folgende Blowjob-Arie zeigt, wie weit Margaret schon gesunken ist, bekommt die einstige Schönheit doch nur noch „Liebe“ gegen Geld. Oder sollte man sagen „Opfer?“

In dieser Arie, die keinerlei Text enthält, sondern nur auf Vokalise gesungen wird, drückt sich die ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur aus. Die beiden Personen agieren versetzt voreinander, ohne sich zu berühren, die Darstellerin der Margaret, Eva Bernard, leistet hier stimmlich wie darstellerisch Großartiges, während das Publikum die sehr präsentable Rückansicht des Kellners (Daniel Arnaldos) unverhüllt genießen darf. Leider dreht sich in dieser Szene das Bett nicht mehr, aber auch so läuft hier noch genug Kopfkino ab. Während er seine Hose hochzieht, fragt sie ihn „You know who I am?“ und erhält die erschütternde Antwort „All the boys know“. Schließlich erinnert er sie im Gehen daran, dass man sich nicht zum ersten Mal begegnet. „Last April, the same story“. Die Herzogin bleibt verzweifelt zurück und der Zuschauer fragt sich, wer hier gerade wen benutzt hat.

1953
Der Herzog vergnügt sich mit einer Geliebten, die ihm von den Liebesabenteuern der Herzogin erzählt. Sie verrät ihm, wo seine Frau Beweise ihrer Untreue versteckt.

1955
Es kommt zum Scheidungsprozess, in welchem der Richter seine Fassungslosigkeit über das unmoralische Verhalten der Herzogin zum Ausdruck bringt und erklärt, sie sei moralisch nicht geeignet für die Ehe und des Titels nicht würdig. Diejenigen, die sie zuvor verraten haben, sitzen nun eingehüllt in die überdimensionalen Rockschöße der Richterrobe, die schwarzglänzend beinahe den gesamten Bühnenraum bedeckt. Regungslos nimmt Margaret das Urteil entgegen.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1970
Die Herzogin gibt ein letztes Interview, sei es, weil sie Geld braucht, oder weil sie einfach immer noch nicht akzeptieren will, dass ihr Stern im Sinken begriffen ist. Ernsthaft erzählt sie den Reportern, wie sie sich jung und schön hält und präsentiert ihre Mode, bis sie schließlich, auf ihren Lebenswandel angesprochen, ihre Verachtung zum Ausdruck bringt. Sie erhält hohe Rechnungen vom Hotelmanager, die sie nicht zahlen kann.

1990
Die Oper endet, wie sie begonnen hat. Die Herzogen ist allein in ihrem Hotelzimmer, statt einer schwarzen Perücke mit weißer Strähne trägt sie nun eine weiße mit schwarzer Strähne, ist wieder mit einem schwarzen Unterrock bekleidet und nur noch ein Schatten ihrer einstigen Schönheit. Der Hotelmanager erscheint und fordert sie wegen unbezahlter Rechnungen auf, das Hotel zu verlassen. Sie versucht, womit sie ihr Leben lang erfolgreich war, sie bietet ihm im Gegenzug Sex an, doch er geht nicht darauf ein.

Verzweifelt versucht sie noch etwas Zeit herauszuschinden, einen Monat, eine Woche, einen Tag… aber der Hotelmanager ist eindeutig: in einer Stunde ist ihr Wagen bestellt.
Mit ihrem letzten Freund, dem schwarzen Pudel im Arm, denkt sie an die schöne Zeit mit ihrem Kindermädchen und in ihr reift die bittere Erkenntnis: die einzigen Menschen, die jemals gut zu ihr waren, wurden dafür bezahlt. Der Manager kommt zurück. Sie versucht, sein Mitgefühl zu erregen, er soll sie halten, es habe sie schon so lange niemand mehr gehalten… Aber seine Aussage „Your car is here. That is all“, nimmt auch die letzte Illusion.

Das Bett auf dem Podest beginnt sich zu drehen, zu den Geräuschen der Windmaschine tickt das Uhrwerk im Pizzicato der Streicher und bleibt schließlich stehen. Die einstige Duchess of Argyll tritt ab, gebrochen, allein. Das Licht blendet ab. Die Klammer zum Anfang wird geschlossen durch Elektriker und Zimmermädchen, die mit den Worten vor den Vorhang treten: „Enough? Or too much…“

Was ist es nun, das so manchen Besucher veranlasst hat, in der Pause das Theater zu verlassen? Die eindeutig inszenierte Fellatio-Darstellung auf der Bühne? Die mit liebgewordenen Hörgewohnheiten brechende Musik von Thomas Adès? Die aggressive Erotik? Die sperrigen Texte? Die enttäuschten Erwartungen an einen „netten“ Opernabend? Die Tatsache, dass die nur vier Solisten in verschiedene Rollen schlüpfen? Insgesamt zuviel nackte Haut auf der Bühne?

Wer die Oper im Abo hatte, mag vielleicht überrascht worden sein, aber wer sich bewusst für dieses Stück entscheidet, sollte auf all das vorbereitet sein. Wer es dennoch nicht war und sich entschieden hat, vorzeitig zu gehen, hat sich damit viel genommen. Im zweiten Teil nimmt die Handlung ihren tragischen Verlauf, steigern sich Musik, Spiel und Gesang immer mehr bis zum hoffnungslosen Ende.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Partien verlangen den Sängerdarstellern einiges ab. Allen voran sei die Rolle der Herzogin zu nennen, die von Eva Bernard in allen Facetten großartig gemeistert wurde. Sie als „lyrischen Sopran“ zu besetzen, wie Adès es vorsieht, würde den Anforderungen fast nicht gerecht. Die Partie ist recht umfangreich und stellt die Stimme vor hohe Anforderungen an Beweglichkeit, Tessitura und Wechsel zwischen lyrischen und dramatischeren Passagen. All dieses meisterte Eva Bernard mit Bravour. Dass sie sich zu Beginn als erkältet ansagen ließ, schien eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen zu sein, davon war der Stimme nichts anzumerken. Auch ihr Spiel war immer in der Rolle, hochkonzentriert und professionell.
Der niederländische Bass Bart Driessen sang die Rolle des Hotelmanagers, schlüpfte aber auch in die des Herzogs. Auch ihm gelang eine souveräne Darstellung des betrogenen Ehemannes, der außerehelichen Aktivitäten ebenso wenig abgeneigt ist, wie die Herzogin, ebenso wie die des Hotelmanagers. Sein seriöser Bass verfügt über alle Fähigkeiten, um diese Rolle überzeugend auszufüllen.
Das Zimmermädchen wurde von Jeanne Seguin charmant-kokett dargestellt. Die nahezu akrobatischen stimmlichen Anforderungen, welche der Komponist dieser Figur gegeben hat, bewältigte der Koloratur-Sopran mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Anklänge an die Arie der Königin der Nacht drängen sich dem Hörer auf.
Der spanische Tenor Daniel Arnaldos fügte sich stimmlich wie optisch perfekt in das Solisten-Quartett ein. Er überzeugte in der Rolle des Elektrikers ebenso wie in der des gefügigen Kellners mit schlankem, leicht dunkel timbriertem Tenor. An vielen Stellen schimmern bekannte musikalische Zitate durch Adès‘ Partitur, er macht Anleihen bei Mozart, Strauss, am Ende gar bei Wagner, aber wahrt dennoch stets seine eigene unverwechselbare Handschrift.

Das kleine Orchester (15 Stimmen) unter der Leitung von Lutz Rademacher besteht aus einer kleinen Streichergruppe (zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass) und im Verhältnis dazu zahlreichen tiefen Blasinstrumenten wie der Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bass-Saxophon, im oberen Tonbereich ergänzt durch eine Kolbenflöte, wodurch – wie schon bei den Sängern – ein großer Tonumfang abgedeckt wird. Das Blech ist durch Horn, Trompete und Posaune vertreten und wird durch umfangreiches Schlagwerk ergänzt. Exotische Rhythmusinstrumente und eine große Angelrolle, Trommelbremsen und ein Rototom für die Glissando-Effekte runden den geheimnisvollen Klang ab. Hier werden die Ohren herausgefordert, Adès bricht mit fast sämtlichen liebgewordenen Hörgewohnheiten, indem er verstärkt verminderte und übermäßige Akkorde einsetzt und auch den Sängern große Intervalle zumutet. So entsteht zwar kein Ohrwurm, aber beim Hörer vielleicht die Lust, sich mit einigen anderen Stücken dieses jungen zeitgenössischen Komponisten auseinanderzusetzen.

Das Publikum belohnte die außergewöhnliche Leistung des Landestheater Detmold Ensembles in Powder Her Face mit lang anhaltendem Applaus und einzelnen Bravi.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

 

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