Chemnitz, Theater Chemnitz, Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.04.2019

April 26, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Chemnitz

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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner

Osterfestspiele des Theater Chemnitz – Wagner aus feministischer Sicht

von Thomas Thielemann

Als aus Chemnitz die Information kam, man werde eine Neuinszenierung von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen von vier unterschiedlichen Regisseurinnen im Zeitraum vom 3. Februar 2018 bis zum 1. Dezember 2018 auf die Bühne bringen, waren wir für die Premierenbesuche verhindert. Deshalb nutzten wir die Ostertage 2019, in denen das Theater Chemnitz den gesamten Ring des Nibelungen (Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung) auf die Bühne brachte. Gegenüber den Premieren gab es in diesen Produktionen jedoch mehrere Umbesetzungen.

Das Rheingold   –  Richard Wagner
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Im Vorfeld, auch ob der reichen Premieren – Berichterstattung –   gab es die Frage, wie geht es, diese „Männeroper“ in weibliche Hände, Regisseurinnen, zu geben und, wird es darob ein weiblicher oder feministischer „Ring“ sein? Die Meininger Arbeit der Christine Mielitz von 2001 gilt als großer Wurf. Das war aber noch vor den extremen Auswüchsen des Regietheaters. Ihre Probleme waren vorwiegend organisatorischer Natur. Leider ist das Meininger Ereignis nicht dokumentiert worden.

Die von August Everding ausgebildete und von der Zusammenarbeit mit Calixto Bieto geprägte Verena Stoiber versuchte ihre Inszenierung von Das Rheingold als eine feministisch geprägte Gesellschaftskritik ohne besondere Verfremdungen zu gestalten.

Ihre Idee, Nibelheim als Hort der Ausbeutung von Frauen als Sexualobjekte und für untergeordnete Arbeiten sowie für Kinderarbeit kann man so darstellen. Auch die Thematisierung des Konsumtionswahns erscheint schlüssig. Trotz der ansonsten vielen Klischees wurde auf den Klimawandel (Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will, dass sie nicht bleibt) und auf die sozialen Fragen (Mitleid macht wissend ohne Schuld) nur sparsam als Graffiti an der Walhalla-Wand hingewiesen. Auf der Bühne war ständig etwas los und es gab eine Reihe guter Regieeinfälle. Statt des Tarnhelms fungierte ein Spiegel, der Goldraub wurde dargestellt, indem den Rheintöchtern die blonden Perücken abgerissen wurden.

Theater Chemnitz / Die Walküre - hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre – hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof

Mit einer Travestie von Donner und Froh, die Riesen vom Kaufpreis „Freia“ abzubringen, fand ich fast genial. Die optisch reizvolle Anfangsszene mit den schwingenden Rheintöchtern leidet, weil die Rheintöchter ob der Konzentration auf die Seilbewegung nicht ordentlich singen. Wie gut sie singen konnten, erweist sich im Schlussbild. Leider wissen wir sehr wenig vom Privatleben der Regiedamen, weil sie nicht zu den Gelbseiten-Promis mit Home-Story gehören. Ob Regisseurin Verena Stoiber einen so dümmlichen Wotan zu Hause auf dem Sofa sitzen hat, wie sie uns auf der Bühne präsentiert? Ansonsten sind die Männer neben ihrer Unbedarftheit vor allem vertrottelt, Loge schurkisch sowie vom Testosteron gesteuert. Wenn ein männlicher Regisseur so eine Phallusszene mit Jukka Rasilainenen geboten hätte, so wäre das Geschrei riesig gewesen. Frauen kamen aber bei Verena Stoiber auch nicht besser weg. Die Freia als Shopping-Girl und ansonsten panisch-ängstlich und die Fricka stand letztlich nur rum. Beeindruckend der präsentable Erda-Auftritt von Bernadett Fodor.

Die Niederländerin Moniquie Wagemakers war mit ihrer Walküre zurückhalternder. Ihr Anliegen war, den Missbrauch familiärer Beziehungen zum Zweck des Machterhalts beziehungsweise zur Machterweiterung als Werkzeug einsetzen. Was natürlich bei der „Familiengeschichte Walküre“, der Vernichtung der Kinder durch den eigenen Vater gründlich schief gehen musste. Inszeniert war die Walküre letztlich „halb-szenisch“ fast ohne Requisiten. Da gab es kein Schwert, da fehlte die Weltesche.  Generell wurde von der Rampe direkt in das Auditorium gesungen, was zum besten musikalischen Eindruck der vier Abende führte. Aris Argiris war der beste Wotan- Wanderer des Zyklus  in seiner Rolle als gescheiterter Held. Dazu Anne Schuldt mit einer massiv durchgreifenden Fricka. Viktor Antipenko bot einen stimmlich sehr guten Siegmund, der seine begrenzten Möglichkeiten  beim Wälseruf hätte früher erkennen sollen. Astrid Kesslers statische Sieglinde agierte mit sicherer gut geführter Stimme. Stéphanie Müther war eine exzellente Brünnhilde, auch wenn die gewaltige Partie sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führte. Auch haben wir selbst an großen Bühnen eine so geschlossene Walküren-Frauenschaft  noch nicht erleben können.

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem

Das überwiegend von der Rampe Singen erlaubte dem Generalmusikdirektor Guillermo Garcia Calvo ein besseres Eingehen auf die Belange der Solisten und ein deutlich differenziertes Musizieren im Orchester. So hervorragend hatten wir die Robert-Schumann-Philharmonie bisher nur in ihren Sinfoniekonzerten gehört; eine deutliche Steigerung des Orchesters gegenüber der Rheingold-Bespielung und der folgenden Abende. Buh-Rufe aus mehreren Publikumsbereichen waren soweit unverständlich.

Die Struktur des Siegfrieds machte es der Regisseurin Sabine Hartmannshenn am schwersten, ihren Feminismus auszuleben, kommt doch, wenn man vom Waldvogel absieht, bei Wagner erst in der Mitte des dritten Aufzugs ein weibliches Wesen auf die Szene. Deshalb ging sie noch vor dem eigentlichen Handlungsbeginn aufs Ganze und ließ den Mime mit unglaublich widerlicher Brutalität den Siegfried-Säugling aus Sieglindes Unterleib herausschneiden und diese mit einem Tritt sich ihrem Sterben überlassen. Kaum zarter ließ Hartmannshenn den Alberich eine zufällige Waldbewohnerin vergewaltigen, um dem kindlichen Hagen die Machtverhältnisse in der Männerwelt zu demonstrieren. Hagen nimmt die Belehrung an und tritt nach der Geschändeten. Dass die Regie dem Waldvogel, entzückend von Guibee Yang dargestellt, einen breiten visuellen Rahmen gab, war richtig in Ordnung. Aber warum der sympathische Vogel dann jedoch vom Wanderer ohne Anlass brutal ermordet wurde? Müssen wir bei der Regie niedere Instinkte vermuten? Die Personenführung der drei Hauptpartien war ob deren Möglichkeiten wegen der Tiefenstaffelung regelrecht mangelhaft. Mime Arnold Bezuyen rettete sich mit Extemporieren, Siegfried, Martin Iliev,  bot zwar eine gute Stimme, ist aber(noch) kein Wagnertenor. So musste der Dirigent ihn an die Rampe holen, statt auf der Bühne die kraftvolle Brünnhilde, Stéphanie Müther anzuhimmeln. Am Ende des dritten Aufzugs stand der wispernde Martin Iliev am linken und die auch körperlich präsente Stéphanie Müther am rechten Bühnenrand und der Held wurde ohne Gnade niedergesungen.

Götterdämmerung  –  Richard Wagner
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Die vergleichbar ähnliche Verteilung der sängerischen Qualitäten zwischen den weiblichen und männlichen Partien in der von Elisabeth Stöppler betreuten Götterdämmerung ließ  natürlich böse Vermutungen aufkommen. Die Gutrune der Cornelia Ptassek, die Brünnhilde der Stéphanie Müther und vor allem die die Waltraude der Anne Schuldt waren mit guter Stimmkraft angetreten, während Siegfried – Martin Iliev, der Gunther von Pierre-Yves Pruvot und vor allem Hagen, Marius Bolos, eher kläglich agierten. Auch visuell waren die Herren eher ausgeschmiert: Waltraute reiste mit Fluggerät und fallschirmrepräsentativ an, während sich der Held mit einem Kinderschlitten begnügen musste.

Mit dem zweiten Aufzug offenbart Elisabeth Stöppler ihr gesamtes Regietalent und ihr Personen-Führungskönnen und schafft eine imposante Chorszene mit all ihrer Dramatik um dann mit dem Schlussaufzug eine regelrechte Massenhinrichtung sämtlicher Testosteron-Träger zu veranstalten. Als alle Männer tot waren, kann der Selbstverbrennungs-Kanister zur Seite geschafft werden und, nachdem das Kinderschlitten-Symbol verbrannt werden konnte, zieht allgemeine Freude und Zufriedenheit ein. Der Fötus in Brünnhildes Gebärmutter ist gerettet und wehe dem Bürschlein, falls es ein Knabe werden sollte!

Nun wissen wir nicht, wie und ob die vier Regisseurinnen ihre Konzepte miteinander abgestimmt haben. Letztlich bleibt aber Richard Wagners Musik das verbindende Element. Das Theater Chemnitz hat bereits mit früheren Projekten seine Kreativität und Fähigkeit bei der Bewältigung anspruchsvoller Projekte bewiesen und dem Ansehen der Stadt Chemnitz gute Dienste geleistet. Das wäre unbedingt zu würdigen.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Hamlet – Oper von Franco Faccio, IOCO Kritik, 20.03.2019

März 20, 2019  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Hamlet – Oper von Franco Faccio

132 Jahre verschollen – Deutsche Erstaufführung in Chemnitz,  Inszenierung von Olivier Tambosi

von Thomas Thielemann

Das Theater Chemnitz hatte zum zweiten Zyklus der deutschen Erstaufführung der Oper Hamlet (Amleto) von Franco Faccio (1840-1891) eingeladen.

Der dreiundzwanzigjährige Schriftsteller Arrigo Boito (1842-1918) dichtete in Anlehnung des Shakespeare-Dramas Hamlet für seinen Schulfreund, den fünfundzwanzigjährigen Komponisten Franco Faccio, in den 1860er Jahren das Amleto-Libretto.

Hamlet – Oper von Franco Faccio
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William Shakespeare schuf sein Bühnenstück The Tragicall Historie of Hamlet, Prince of Denmarke zwischen Februar 1601 und Sommer 1602. Von einer Vielzahl von nordischen Legenden angeregt, die der Chronist „Saxo Gramaticus“ im 13. Jahrhundert in seiner „Gesta Danorum“ aufbewahrt hatte, war über das tragische Schicksal eines dänischen Prinzen sein Bühnenwerk gestaltet worden. Wohl der Tod eines ihm verwandten Mädchens, das im Alter von zweieinhalb Jahren beim Blumenpflücken ertrank und den fünf Jahre alten William tief beeindruckte, verdanken wir die Figur der Ophelia in der Tragödie.

Arrigo Boito hatte das Libretto so eng als möglich an Shakespeare angelehnt, reduzierte die 19 Szenen auf sieben, beließ aber die Zitate der großen Monologe „Sein oder Nichtsein“; „Oh, dass auch dieses feste Fleisch schmelzen würde“; „Der Rest ist Schweigen“ u. a.. Er verwendete auch eine größere Vielfalt von Versformen und Ausdrücken, die sich in seinen späteren Shakespeare-Libretti nicht mehr finden.

Franco Faccio komponierte dafür eine hochdramatische, aber wenig poetische Musik. Eingängige Melodien fehlen ebenso wie profilierte Themen für die Neben-Charaktere. Selbst die leidgeprüfte Ophelia bleibt, wie alle Mitspieler des Titel-Tenors, seltsam farblos. Von der Stilistik scheint  der späte  Verdi vorweggenommen.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin

Mit der Komposition des Librettos haben diese beiden Burschen die erste Vertonung eines Shakespeare-Stoffes in der Reihe italienischer Shakespeare-Vertonungen geschaffen und damit eigentlich die Opernwelt von Kopf bis Fuß erneuert.

Obwohl insbesondere Arrigo Boito an die Tragödie in vier Akten viele Erwartungen und Hoffnungen knüpfte, führte die begeistert aufgenommene Premiere im Teatro Carlo Felice in Genua am 30. Mai 1865 nicht zu einem nachhaltigen Erfolg. „Die Oper sei nicht melodisch genug“. Eine überarbeitete Fassung des Amleto geriet am 12. Februar 1871 an der Mailänder Scala dann zum Misserfolg, weil der Tenor der Titelrolle „vollkommen ohne Stimme und desorientiert“ kaum zu hören war. Entmutigt vernichtete Faccio Teile des Notenmaterials, bemühte sich nicht weiter um seine Komposition und begnügte sich als erfolgreicher Dirigent vor allem Verdi-Kompositionen zum Erfolg zu verhelfen. Auch Boito konzentrierte sich auf seine Schriftsteller–Arbeit, komponierte die Erfolgsoper Mefistofele und ist uns vor allem als Verdi-Librettist ein Begriff geworden. Selbst Bemühungen des Faccio-Schülers Antonio Smareglia um die Partitur blieben erfolglos.

Mehr als hundert Jahre haben die Fragmente dieser Arbeit von Arrigo Boito und Franco Faccio in den Archiven des Musikverlages Ricordi geschlummert, bis der amerikanische Musikwissenschaftler und Dirigent Anthony Barrese im Jahre 2003 begonnen hat, diesen Schatz zu heben. Mit einigen Helfern sichtete er mit erheblichen Mühen das Material, das zum Teil auf Mikrofilm oder als verblasste Autographen zur Verfügung stand. Nach Variantenvergleichen und über die Erstellung einer Klavier-Vocal- Partitur  vervollständigte er bis zum Dezember 2004 die Oper Amaleto.

Auf die Bühne brachte der Perfektionist Antonio Barrese seine Rekonstruktion nur schrittweise. Erst mit der ersten Wiederaufführung 2014 in Albuquerque (New- Mexiko) war Amleto der Opernbühne zurück gegeben. Nach Europa kam die Opernrekonstruktion am 20. Juli 2016 mit einer opulenten Inszenierung von Olivier Tambosi bei den Bregenzer Festspielen. Aus Unsicherheit, wie das verwöhnte Publikum diese „Neuheit“ aufnehmen werde, gab es in Bregenz nur ganze drei Aufführungen.

Die Oper Chemnitz übernahm die Bregenzer Arbeit mit dem gefragten Regisseur nebst dessen Ausstatter-Team für eine deutsche Uraufführung und brachte eine faszinierende Inszenierung auf die Bühne.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin

Die Handlung springt mit dem Krönungsfest und einem Trinklied des neuen Königs mitten ins Geschehen. Diese Feststimmung mit dem Trinklied kehrte im Schlussakt wieder, wobei sich die Situation zur allseits bekannten skurrilen Mordserie entwickelt. Damit erhält die Handlung einen Rahmen, in dem Olivier Tambosi den traurig-zögerlichen Prinzen als den Rächer, den Liebhaber, den Sohn, den Philosophen, den Intriganten und den Theaterkritiker in jedem Part Glaubwürdigkeit verschafft.

Die Bühne des Frank Philipp Schlößmann und die historisierten Kostüme der Gesine Völlm streng in Rot-Schwarz-Weiß sowie eine gekonnte Lichtregie des Davy  Cunningham schaffen eine permanent gespenstige Grundstimmung. Eine Ausnahme bietet nur das in Grün-Beige gestaltete Schauspiel, von Boito als Persiflage auf das Opernwesen seiner Zeit gestaltet.

Mit gekonnter Personenführung, intensiver Einbeziehung des perfekten Chores, der Tänzerinnen und kreativer Nutzung der Drehbühne schafft er, die übrigen Protagonisten mit Hamlet in Beziehung zu bringen. Da ist vieles konzentriert, bündig und schlagkräftig. Vor allem ab dem dritten Akt steigert sich die Aufführung.

Die Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie mit dem Dirigat des Dan Raciu bringen neben einer ausgereiften Sängerbegleitung vor allem die den Schöpfern der Oper so wichtige sinfonische Ausmalung der Partitur zur Geltung.

Für die Hauptrollen waren ausgezeichnete Sängerdarsteller aufgeboten worden. Mit packend intensivem Spiel und mit nüchtern-heller flexibler Tenorstimme gab der Spanier Gustavo Peña dem zerrissenen Titelhelden die notwendige Struktur. Dem König Claudius in seinem fiesen Denken wurde von Pierre-Yves Pruvot mit seinem dunkel-bedrohlichem Bariton überzeugende Wirkung verschafft. Als Hamlets Mutter Gertrud sang und spielte Katerina  Hebelkova mit einem dunklen Mezzo in der Tiefe und gleisnerisch in der Höhe die dramatischen Glanzpunkte der Aufführung. Packend war die Ophelia von Guibee Yang mit ihrem weichen strömenden Sopran in den Szenen ihrer Liebe und Verzweiflung.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin

Wären noch zu erwähnen: der elektronisch-akustisch verstärkte Bass-Bariton von Noé Colín als bedrohlich tönender Geist des ermordeten Vater  Hamlets, das ordentlich besetzte Freundespaar des Titelhelden Horatio – Marcello mit Ricardo Llamas Márques und Matthias Winter sowie der etwas schwächere  Laertes von Cosmin Ifrim.

Wegen des Ausfalls des Polonius-Darstellers wurden die Partien des Hofmarschalls vom Bass des Hausensembles Ulrich Schneider überzeugend von der Seite zu Gehör gebracht und szenisch vom Statisten Mario Koch auf der Bühne implantiert.

Ein Sonntag-Nachmittag, der wieder einmal unser Verlangen nach Musik abseits des gängigen Repertoires gestillt hatte. Vor allem deshalb, weil diese Neuentdeckungen vor halsbrecherischen Verfremdungen geschützt sind. Letztlich bleibt aber für den von Wagner, Mahler und Bruckner verwöhnten Hörer, dass die Komposition Faccios  nicht über die erwartete Dramatik und Tiefe verfügt.

Im Spielplan des Chemnitzer Opernhauses sind noch Vorstellungen der zu empfehlenden Hamlet-Inszenierung am 29. März, am 28. April und am 5. Mai 2019 aufgeführt.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Aris Argiris – Lupe Larzabal im Gespräch, IOCO Interview, 05.04.2018

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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

  Sänger- und Musikerfamilie Aris Argiris und Lupe Larzabal

Im Gespräch mit Patrik Klein

IOCO: Frau Larzabal, Herr Argiris, seien Sie auch im Namen der großen IOCO – Gemeinde herzlich begrüßt. Ich freue mich sehr auf unser Gespräch.
Nach den überaus erfolgreichen Partien des Wotans/Wanderers in der Trilogie des verkürzten Ringes in Wien über den Jahreswechsel 2017/18 nun der erste Walküren-Wotan als allererster Sänger mit griechischer Abstammung an der Oper in Chemnitz mit großartigem Erfolg gestern Abend. Wie fühlen Sie sich und wie ist es Ihnen ergangen?

Aris Argiris: Ich bin noch völlig gefangen und am Tag nach einem solchen Erfolg träumt man sich noch in die Musik. Ich möchte diesen Geschmack des Erfolges nutzen, um weitere Schritte nach vorne machen zu können, indem ich noch mehr lerne und mich weiter entwickeln und mich somit noch weiter verbessern kann. Es ist für mich eine Motivation nach einem Erfolg weiter zu machen. Das geht mir übrigens auch so bei weniger guten Erfolgen. Auch hier habe ich das unbedingte Bedürfnis weiter an mir zu arbeiten. Dass ich als erster Grieche den Wotan geben durfte war mir schon sehr wichtig, weil wir Griechen ja in der Opernwelt eine recht kleine aber mit legendären Sängern versehene Gruppe sind. Da waren oder sind ja einige „Milestones“  der Opernwelt dabei, wie Maria Callas, Nicola Zaccaria, Nicola Moscona, Agnes Baltsa.

 Aris Argiris (links) und Lupe Larzabal mit IOCO Korrespondent Patrik Klein Mitte) © Sofia Argiris

Aris Argiris (links) und Lupe Larzabal mit IOCO Korrespondent Patrik Klein (Mitte) © Sofia Argiris

Ich freue mich nun sehr, dass ich, Grieche, mich traute, dieses Wagnis einzugehen; dass verschienene Theater mir diese Partie ermöglicht haben und mich in Zukunft in weiteren Wagnerrollen berücksichtigen werden. Das heißt natürlich auch, dass ich mein bisheriges Repertoire um Rigoletto, Scarpia und Jago weiter pflegen werde. Diese Partien helfen mir, Wagnerpartien zu vertiefen. Die italienische Schule bietet eine gute Grundlage für  Wagneropern. Neben meiner Mentorin Daphne Evangelatos hatte ich das große Glück, den weltbekannten Bariton Josef Metternich kennenzulernen. Metternich erläuterte mir  dies eindrücklich. So habe ich, den Rigoletto gesungen und den Holländer einstudiert. Meinen Gesangsstudenten versuche ich zu vermitteln, dass sich auch Fritz Wunderlich  stark an der italienischen Schule orientierte. Die Behandlung der Konsonanten, die „gesungen“ und nicht „gespuckt“ werden, ist in der italienischen Schule von besonderer Bedeutung. Singt man die Konsonanten, so wird der Klang ganz automatisch voller, feiner und ist leichter zu erzeugen.

IOCO: Wie liefen die Proben hier in diesem wunderbaren und traditionsbehafteten Opernhaus in Chemnitz ab?

AA: Die Probenphase in den letzten beiden Monaten mit tollen Kolleginnen und Kollegen war etwas schwierig, weil die in Deutschland grassierende Grippe-Epidemie auch uns getroffen hat. Ich musste über einen Monat mit einer akuten Bronchitis kämpfen und unbedingt an diesen aufwändigen Proben teilnehmen. Ich musste sehr aufpassen meine SängerkollegInnen nicht anzustecken (trotz inniger Umarmungen mit Brünnhilde). Alle zehn Minuten hatte ich Hustenanfälle, was sehr unangenehm war. Somit brauchte ich viel Geduld und Nerven, um die Marathonpartie des Wotans in der Probenphase durchzustehen. Zum Glück wurde ich rechtzeitig wieder fit und nun froh und glücklich.

IOCO: Wie war die Zusammenarbeit mit den Beteiligten Künstlern?

AA: Geduld. Geduld. Geduld und Verständnis unter KollegInnen. Mit intensiver Teamarbeit haben wir auf Erfolg hingearbeitet. In einem Stück wie der Walküre, die eine Art Universum mit zusammenhängenden Planeten darstellt, ist gute Teamarbeit entscheidend. Wenn ein Element der Inszenierung fällt, schadet dies überproportional der gesamten Prodution. Das haben wir mit viel Verständnis von der Regisseurin Monique Wagemakers ganz gut hinbekommen. Monique ist eine wunderbare Regisseurin, eine wahre Bildzauberin. Wir hatten eine sehr schöne Zusammenarbeit; kontroverse  Ansichten wurden engagiert diskutiert aber im Team geregelt. Frau Wagemakers auch Anregungen von mir in ihr Gesamtkonzept übernommen.

IOCO: Das Regiekonzept des Chemnitzer Ring verteilt die Produktionen wie bereits das Opernhaus Stuttgart auf breite Schultern, auf vier Regisseurinnen. Wie ist Ihre Einstellung zum Konzept von Monique Wagemakers?

AA: Gott sei Dank sind wir bei dieser Produktion weg von den zum Teil skandalösen und blödsinnigen mit unverständlichen Symbolen überfrachteten und sich als Regisseur wichtigmachenden Wagnerinterpretationen. Das Stück ist wichtig und nicht der Regisseur. Wagner hat alles in seiner Musik und im Text vorgegeben. Das Drama, die Beziehungen zwischen den handelnden Charakteren, die Theatralik; das alles ist vorhanden und muss nur umgesetzt werden. Manchmal bin ich natürlich auch ein Kind vom deutschen Regietheater. Im Theater Chemnitz ist es zwar auch modern, aber nicht um modern sein zu müssen. Es ist keine Skandalinszenierung, bei der es klammheimlich oft darum geht,  den Regisseur in den Vordergrund zu rücken. Hier galt das Motto: „Sei modern und vertraue Deinen Künstlern“. Mir gefällt dieser Ansatz auch deshalb gut, weil meine Fragen an die Konzeption beantwortet und berücksichtigt wurden.

Aris Argiris © Patrik Klein

Aris Argiris © Patrik Klein

IOCO: Wie haben Sie sich auf die große Rolle des Wotans in der Walküre vorbereitet?

AA: Zunächst habe ich mit meinem Freund und Coach, dem Pianisten Peter Bortfeldt  intensiv geübt. Er hat mir viel geholfen und wir hatten dabei viel Spaß, was mir wichtig ist. Ich habe viel über Wagner gelesen, um seine Figur des Wotans besser zu verstehen. Es gab Momente des Zweifel, wo ich mich fragte, was Wagner wollte, was er meinte.  Ich hatte auch eine Phase, wo ich Wotan hasste. Ich verstehe, leide mit ihm; doch wie er sein Leib und Blut ausnutzt für eigene Interessen mißbrauchte, ist furchtbar. So gab es Phasen, wo ich keine Empathie mit der Partie des Wotan hatte. Aber ich habe es zugelassen, ihn in meinem Inneren „durchlaufen“ zu lassen. Er reflektiert stark die griechische Mythologie und Götterwelt. Die menschliche Ebene der Götter sieht man dort genauso. Wagner war wohl auch gebannt von der griechischen Antike, wo menschliche Tiefe und Dramatik eindeutig vorhanden ist. Als ich in Wagners Villa Wahnfried war begegnete ich dort vielen Wurzeln griechischer Kultur. Die amphitheaterförmige Form des Festspielhauses hat Wagner aus griechischen Idealen abgeleitet. Mehr als zehn verschiedene Walküre – Aufnahmen habe ich gehört, mit Dirigenten wie Leinsdorf, Kempe, Levine, Barenboim, Knappertsbusch, Karajan, Boulez, Thielemann; habe die Darsteller genau studiert, um ihren individuellen Stil zu erkennen. Herbert von Karajans italienisch anmutende Interpretation beeindrucktete mich dabei besonders.

IOCO: Wer ist Ihr Wotan – Vorbild?

AA: Das ist ganz klar Thomas Stewart (Karajan), weil seine Stimme meiner ähnlich ist. Er ist kein so sehr tiefer Bass, ein sehr intelligenter Sänger, ein „Italiener“ sozusagen. Er ist ein Artikulationsgenie, obwohl er ja kein Deutscher ist und riskiert sehr viel durch feinste Pianostellen. George Londons große dämonische Wucht des Klanges hat er nicht, aber wie er Wotans Gebrochenheit und seine Wut, die Eifersucht und seinen Plan in seinem Klang integriert ist für mich das vorbildliche an ihm. Auch George London hat mich sehr beeindruckt, aber später haben mir dann detaillierte Farben etwas gefehlt. In dieser Art versuche ich mich dem Wotan zu nähern. Natürlich nicht genau sagen, wie es in ein paar Jahren sein wird, wenn ich diese Partie weiter entwickele.

IOCO: Neben der Aufgabe als Gesangsprofessor an der Universität der Künste in Berlin haben Sie viele Gastauftritte in Ihrem Fach an großen und namhaften Bühnen in Europa und Übersee zusammen mit internationalen Gesangsstars der Branche. Sie sind ein überaus gefragter und geschätzter, viel beschäftigter Bariton. Sie haben eine liebe, sehr musikalische Familie im Rheinland und sind ständig unterwegs. Wie bekommt man das Alles unter einen Hut?

AA: Das geht mit vollem gegenseitigen Verständnis und, es klingt zwar etwas romantisch, ist aber wahr: mit viel Liebe. Ich habe eine fantastische Familie, meine beiden Töchter Sofia und Francisca und meine Frau, die selbst Sängerin ist. Sie war meine erste Schülerin bei der ich meine ersten „Experimente“ machen durfte. Sie ist Dirigentin, Chorleiterin, Eventmanagerin und ein enormes Multitalent. Ich kann singen und unterrichten; sie kann viel mehr als das. Ich versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen und (auch während der freien Tage innerhalb einer Probenzeit) zu Hause bei der Familie zu sein, um bei den vielen organisatorischen Aktionen mitzuhelfen. Denn ohne meine Familie existiere ich nicht. Ohne sie würde ich nicht gut singen können. Es ist eine enorme logistische Herausforderung, das alles unter einen Hut zu bekommen. Wir haben unsere Smartphonekalender synchronisiert, damit wir optimal die Termine koordinieren können. Das erleichtert uns auch die Planung der Veranstaltungen im Künstlerstudio meiner Frau in Bonn (Agora Artist Studio). Auch beim ständigen Pendeln zwischen Bonn und Berlin an die Uni hilft uns das sehr. Ich bin bis 2020 nun ausgebucht und versuche ein angemessenes Gleichgewicht zu finden zwischen Gesang und meiner Professur als Gesangslehrer in Berlin.

IOCO: Sie werden oft begleitet und unterstützt von drei hinreißenden Damen. Ihre Frau Lupe Larzabal und die beiden Töchter sind bei den Proben und Auftritten und geben Ihnen ganz besonderen Rückhalt. Frau Larzabal, Sie sind auch auf spannenden, musikalischen Pfaden unterwegs. Was machen Sie in dieser Hinsicht?

LL: Ich sehe mich in drei Bereichen unterwegs: Als Frau, Mutter und Künstlerin. Als Frau von Aris habe ich es oft nicht leicht wegen der nur kurzen Zeit seiner Anwesenheit zu Hause mit allen Dingen klarzukommen. Aber in einer Künstlerbeziehung muss man das irgendwie so organisieren, dass nur eine Person viel unterwegs ist und die zweite eher im Umkreis der Heimat, also in der Region Bonn bleibt, zumal wenn da noch zwei Kinder sind. Ich unterstütze Aris zu einhundert Prozent und er ist für mich ein großer Künstler. Wir haben uns im Theater in dieser Situation kennengelernt in Bonn bei einer Produktion von La Bohème. Ich möchte, dass er seine Kunst weiter entwickeln kann. Würden wir es anders angehen, wäre es für uns beide traurig. Dann halten wir nun in den Zeiten, wo er unterwegs sein muss durch und freuen uns auf das Wiedersehen. Als Mutter habe ich zwei Theaterkinder, die kommen oft mit mir dann mit, wenn wir Aris nachreisen. Sie sind oft in der meisten Zeit in der Garderobe oder dürfen auch schon mal, wenn die Inszenierung nicht zu heftig ist in den Zuschauerraum. Sie sind von Papa auch sehr begeistert.

Er ist ihr Held. Aris ist ein lieber Vater und wenn er dann zu Hause ist, ist er ganz für uns da. Ich erinnere mich an eine kurze Rückkehr aus London von einer tollen Produktion an Covent Garden, wo er unserer kleinen Sofia als Baby die Windeln wechselte. Real Life und Künstlerleben treffen dann hart aufeinander und bilden einen schönen Kontrast. Als Künstlerin genieße ich vollkommen das, was ich mache. Ich leite zur Zeit zwei Chöre. Einen ganz neuen Frauenchor mit Jazz- und Barbershopmusik (a capella Musik aus den 20er Jahren) sowie einen Chor für lateinamerikanische Musik, den ich 2015 gegründet habe. Der heißt Voces de las Américas. Wir haben ein sehr schönes Repertoire und haben schon viele Konzerte in Bonn und sogar im Kölner Dom mit der berühmten Misa Criolla zusammen mit Aris als Solist gegeben. Zum Beispiel bereiten wir gerade ein Konzert vor von Orffs Carmina Burana, mit Aris als Solist für eine Präsentation in Italien. Der argentinische Komponist Martin Palmeri hat mit dem Stück Misatango zwei musikalische Welten zusammengebracht, katholische Liturgie und Tango. Ein Chorfestival in Siegburg und Köln wird organisiert für 2019, und mit mehreren Chören gemeinsam wird dort dieses Stück aufgeführt. Zuständig dafür ist unser neuer Verein Deutsch-Hispanoamerikanische Gesellschaft LiberArte Bonn e.V. Wir haben noch viele weitere Ideen, die in der Zukunft realisiert werden. Dann unterrichte ich noch klassischen Gesang in unserem Künstlerstudio Agora artists studio in Bonn. In diesem Kulturzentrum finden auch die Chorproben und verschiedene Veranstaltungen statt, wie Ausstellungen, das Treffen der Opernfreunde Bonn, eine Tangoakademie, eine spanische Theatergruppe und Masterclasses mit Aris Argiris. Außerdem bin ich auch als Sängerin tätig. Letzten März habe ich für den WDR in einer barock-spanische Operettenproduktion für eine Aufnahme gesungen. Das Beste: Aris konnte beim Konzert im Zuschauerraum dabei sein.

IOCO: Herr Argiris, was sind Ihre Zukunftspläne? Auf was können sich Freunde und Wegbegleiter in Zukunft freuen?

AA: Früher musste ich oft Partien singen, die ich eigentlich nicht wollte. Das hat mich viel Kraft gekostet und einige negative Erfahrungen gebracht. Zum Glück plane ich mit meiner  Agentur die Weiterentwicklung meines Rollenportfolios, das aus einer Mischung aus den bewährten dramatischen italienischen und weiteren Partien des deutschen Repertoires bestehen wird. Es wird noch mehr Auftritte im Wagnerfach geben, die ich auch bald bekanntgeben kann. Es wird die Bösewichte in Hoffmanns Erzählungen in Wien geben, Rigoletto in Schottland, im Sommer wird eine CD Das Wunder der Heliane aus Freiburg bei Naxos erscheinen. Nächstes Jahr werden wir von einer weiteren recht unbekannten Oper eine Aufnahme machen. Von meinen Don Giovannis, Figaros und Escamillos werde ich mich verabschieden, weil das im Theaterbetrieb nur schwer kombinierbar ist.
Auch vorstellen kann ich mir eine Position als Intendant eines Opernhauses. Vor kurzem war ich bereits für ein Haus im engeren Bewerberkreis, konnte aber aus Termingründen den geforderten Businessplan nicht innerhalb der geforderten Zeit vorlegen. Ich bin mir sicher, dass das einmal kommen wird; dort werde ich dann, ohne Zusatzgehalt, auch als Sänger aktiv sein.

IOCO:  Frau Larzabal, Herr Argiris, danke für das wunderbare Gespräch.

Aris Argiris und Lupe Larzabal © Patrik Klein

Aris Argiris und Lupe Larzabal © Patrik Klein

Biografie Lupe Larzabal

Guadalupe Larzabal studierte Gesang und Bass in der Hochschule für Volksmusik EPM in Buenos Aires, Argentinien nach ihrem Mathematik und- Physikstudium an der Hochschule für Mathematik und- Physik-Lehre Mariano Acosta in Buenos Aires. Sie ließ ihre Stimme von den Opernsängern Marta Blanco (in Argentinien) und Aris Argiris (in Deutschland) ausbilden. Musiktheorie und Komposition studierte sie bei Prof. Maria del Carmen Aguilar und José Luis Larzabal. Guadalupe Larzabal war Stipendiatin des Juventus Lyrica Buenos Aires für das Jahr 2002 und des Buenos Aires Lírica für das Jahr 2003. Sie erarbeitete sich ein umfangreiches Konzertrepertoire, darunter “Messias” von Händel, “Stabat Mater” von Pergolesi und Dvorak, die “Krönungsmesse” von Mozart und die “Nelsonmesse” von Haydn, und sie gastierte an der Scala de San Telmo, im Teatro Avenida, im Teatro Colón und in verschiedenen anderen Konzerthäusern von Buenos Aires. Ihr Debüt als Opernsängerin gab sie 2001 als Mitglied des Ensembles des Juvents Lyrica Verbandes in “Les mamelles des Tiresias” von Francis Poulenc. Es folgten Mercedes und die Titelpartie in “Carmen” (Bizet) und Flora Bervoix in “La Traviata” (Verdi) und Gertrud in “Romeo et Juliette” von Gounod. Erda in Wagners “Rheingold”, Dritte Dame in “Zauberflöte” und Farnace in “Mitridate Re di Ponto” sind ebenfalls wichtige Repertoirepartien. 2003 zog Guadalupe Larzabal nach Deutschland, wo sie privat Gesangsunterricht bei Prof. Alastair Thompson (King’s Singers) in Köln nahm. Als Solistin gastiert sie in Oratorien und Opernkonzerten in Deutschland und in Argentinien. Mit dem argentinischen Gitarristen und Komponisten Jorge Cardoso tritt sie jedes Jahr seit 2007 in Spanien, Italien und Frankreich auf. 2011 war sie als Tisbe in “La Cenerentola” von Rossini, als Pisana in “I due Foscari” von Verdi und als Marchese in La Fille du Regiment von Donizetti zu erleben. 2012 debütiert sie als Olga in “Eugen Onegin” von Tschaikowski und Die alte Nonne in “Sancta Susanna” von Hindemith. Sie singt die Operngala bei den Schlossfestspielen Heidelberg. 2013 stand für die Alt-Solistin die Oper “Dionysos” von Wolfgang Rihm am Theater und Orchester Heidelberg auf dem Programm, außerdem debütierte sie in Argentinien als Azucena in “Il trovatore” von Verdi. In Mai 2013 gründete sie CantArte, ein Vokalensemble, das sich zum Ziel gesetzt hat, a-cappella-Musik in all ihren Stilrichtungen und Epochen aufzuführen.
2014 begann sie, künstlerische Events zu veranstalten (u.a. Misa Criolla von Ariel Ramirez, Sankt-Antonius-Festival in Siegburg, Barockmusik aus Lateinamerika und Opera goes Band!).
2015 gründet sie LiberArte Bonn um internationale Kulturprojekte zu konzipieren und zu organisieren. Mit LiberArte Bonn wird zusammen mit Konzertmeisterin Andrea Keller ein besonderes Programm uraufgeführt: “Begegnung – Tänze der neuen und alten Welt” mit lateinamerikanischer Barockmusik, die im Laufe des 16. Und 17. Jahrhunderts in “Neu-Spanien” entstand und zum ersten Mal in Deutschland präsentiert wird. Guadalupe Larzabal leitet seit 2015 den Chor Voces de las Américas.

Im Juli 2016 dirigierte sie die Misa Criolla von Ariel Ramírez zum ersten Mal im Kölner Dom zu der Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeits Argentiniens. Als Solist war Aris Argiris zu hören. Mit dem Chor Voces de las Américas präsentierte sie die Misa Criolla zum ersten Mal in der Pauluskirche in Bremerhaven zusammen mit den Tenören Arturo Martin und Thomas Burger. Unter ihrer musikalischen Leitung präsentierte sie im Dezember 2017 zusammen mit dem „ensemble amadeus bonn“, dem Bandoneonisten Pato Lorente und dem argentinischen Pianisten Sebastián Rodriguez die Misatango von Martín Palmeri. Seit Oktober 2017 betreibt sie in Bonn das Künstlerstudio Agora Artist Studio.

Aris Argiris –  Biografie

Aris Argiris  stammt aus Athen, studierte er in seiner Heimatstadt Marketing und Sprachen, Saxophon und Musiktheorie sowie Gesang bei Kostas Paskalis, Frangiskos Voutsinos und Despina Calafati.Nach Engagements am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, am Theater Dortmund, an der Oper Bonn war er bis der Spielzeit 2010/2011 Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt. 2011 gastierte er in der Arena di Verona als Figaro in Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ und in St. Petersburg als Renato(Un ballo in maschera). 2016/2017 Opera di Montreal (Jago in „Otello“), Gärtnerplatztheater München (Amonasro in „Aida“) Athens Festival in Herodes Atticus (Amonasro in „Aida“), Gluck International Festival (Orest in „Iphigenie auf Tauris“ / R. Strauss Fassung), Musiktheater im Revier (Scarpia in „Tosca“), Semperoper Dresden (Figaro in „Il Barbiere di Siviglia), Vlaamse Opera und Les Theatres de la Villes de Luxembourg (Paolo in „Simon Boccanegra“), Theatre de la Monnaie (Sharpless in „Madama Butterfly“), Theater Freiburg (Der Herrscher in „Das Wunder der Heliane“

2017/18 Theater an der Wien (Wotan/Wanderer in „Der Ring des Nibelungen“), Theater Chemnitz (Wotan in „Die Walküre), Scottish Opera („Rigoletto“)
2013/14/15 gastierte er in Theater St. Gallen (Escamillo in „Carmen“), Theater Bern (Jochanaan in „Salome“), Musiktheater im Revier („Rigoletto“), Theater an der Wien (Figaro in „La mere coupable“), Israel philharmonic Orchestra (Escamillo in „Carmen“, renato in „UN ballo in maschera“, Kindertotenlieder von G. Mahler), Staatsoper Hamburg (Escamillo in „Carmen“), Teatro San Carlo di Napoli (Escamillo in „Carmen“), Theatre de la Monnaie (Lescaut in „Manon Lescaut), Essen Aalto Musiktheater (Francesco in „I Masnadieri“), Israel Philharmonic Orchestra (Jago in „Otello“), Theater Bonn (Scarpia in Tosca), San Diego Opera (Renato in „Un Ballo in Maschera“), Savonlinna Opera Festival (Escamillo in „Carmen“).
2012 gastierte er in Tokio (Marcello in „La Bohéme“), am Theater an der Wien (Four Villains in „Hoffmanns Erzählungen“), Oper Bonn (Graf Luna /Il Trovatore), Teatro Colon (Dandini/La Cenerentola), Staatsoper Berlin (Nardo/La finta giardiniera) ect.
Als Escamillo in Bizets „Carmen“ war er 2011 im ersten 3-D Opernfilm zu erleben. Aufgezeichnet wurde die Inszenierung dieser Oper 2010 im Royal Opera House Covent Garden London.
1999 erhielt er das Maria-Callas-Stipendium in Athen und setzte sein Gesangsstudium in der Meisterklasse von Prof. Daphne Evangelatos an der Hochschule für Musik und Theater in München fort.
Im Jahr 2002 war Aris Argiris Preisträger des Internationalen Gesangswettbewerbs der Kammeroper Schloss Rheinsberg und sang die Titelpartie in Mozarts Don Giovanni.
2007 wurde er von der griechischen Vereinigung der Musik- und Theaterkritiker als bester junger Künstler Griechenlands ausgezeichnet.
Gastengagements führen ihn u.a. an die Opernhäuser in:
Athens(Staatsoper, Athens Music Hall), Hamburg (Staatsoper), Stuttgart(Staatsoper), Stockholm(Royal Opera), Leipzig (Gewandhaus, Oper), Berlin (Deutsche Oper, Komische Oper, Staatsoper), London(Royal Opera House), Bruxelles (Theatre de la Monnnaie), Tokyo (NNT), Antwerpen-Gent(Vlaamse Oper), Oper Bonn, San Diego Opera, Opera de Lima (Peru), Teatro Colon (Buenos Aires),St. Petersburg (Mikhailovsky Theatre), Dresden (Semperoper),Wien (Theater an der Wien, Volksoper), Buenos Aires (Teatro Colon) etc .
Zu seinen wichtigsten bisher gesungenen Partien gehören neben dem Don Giovanni u. a. Scarpia (Tosca), Rigoletto (G. Verdi), Amonasro (G. Verdi), Renato (Un ballo in maschera), Jochanaan (Salome), Figaro (Il Barbiere di Siviglia), Escamillo (Carmen), G. Germont (La Traviata), Marcello (La Bohéme), Rodrigo di Posa (Don Carlo), Conte d’Almaviva (Le nozze di Figaro), Lord Enrico Asthon (Lucia di Lammermoor), Frank/Fritz (Die tote Stadt), Valentin (Faust), Francesco (I Masnadieri), The Four Villains (Les Contes d’Hoffman).
Der Bariton arbeitete unter anderem mit den Dirigenten:
Zubin Mehta, Massimo Zanetti, Kurt Masur, Christian Thielemann, Yakov Kreizberg, Gustav Kuhn, Donato Renzetti, Manfred Honeck, Walter Attanasi, Graeme Jenkins, Carlo Franci, Antonello Allemandi, Patrick Lange, Carlo Rizzi ect.
Mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen hat er „Ariadne – Dithyrambos für Bariton und Orchester“ von Siegfried Matthus und die Arie des Holofernes aus der Matthus-Oper „Judith“ auf CD (Label Genuin) eingespielt.

—| IOCO Interview Theater Chemnitz |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Wagners Tetralogie – Die Walküre, IOCO Kritik, 26.03.2018

März 26, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Chemnitz

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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Die Walküre – Richard Wagner

 Tetralogie – Der Ring des Nibelungen im Theater Chemnitz

Von Patrik Klein

Die Vorgeschichte:   Vier Abende, vier Opern, vier Regisseurinnen und eine der größten Herausforderungen im Musiktheater überhaupt: Das Theater Chemnitz stellt sich in diesem Jahr Richard Wagners gewaltiger Tetralogie Der Ring des Nibelungen.

Vier Regisseurinnen schmieden Richard Wagners gewaltiges Werk

Es sind oft die Frauen, die in dem Drama der Unvereinbarkeit von Macht und Liebe die Handlungsstränge entscheidend weitertreiben und beeinflussen. Sie wirken in unterschiedlichster Weise auf die mächtigsten Männer in der Tetralogie und sorgen somit für die Entwicklung und auch das Ende der Tragödie. Ob Erdas Rolle als Weltenordnungshüterin, der Rheintöchters gebaren um den Schatz, Freias Bedeutung für das Fortleben der Götter, Frickas zurechtweisen ihres Gatten vor der Duldung des Inzests oder Brünnhildes Ungehorsam gegenüber ihrem Vater. Gutrune schließlich wird die einzige Überlebende in der Götterdämmerung sein.
Am Theater Chemnitz nehmen sich vier Regisseurinnen der Tetralogie an. Verena Stoiber, Monique Wagemakers, Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler werden die vier Teile aus ihrer sehr individuellen Sichtweise gestalten.

Dem Vorabend   Das Rheingold  – folgt –  Der erste Tag  Die Walküre
– Als spannendes Familiendrama inszeniert –

Verena Stoibers Inszenierung des Vorabends mit Rheingold erhielt vor rund acht Wochen in der Premiere ein gemischtes Echo für die Interpretation und einhelligen Jubel für die musikalischen Ergebnisse. Die Geschichte um die drei Rheintöchter, Alberichs Liebesverzicht und Geldgier, Wotans Götterwelt mit Machtanspruch und Zukunftsplanung gestaltete Verena Stoiber als modernes Schurkenstück mit sittenwidrigem Bauvertrag und üblem Korruptionsgehabe. In der auf aktualisierende Akzente setzenden Interpretation blieb die Urmutter Erda als einzige Protagonistin integer. Sie warnte die Machtinnehabenden eindringlich vor der unstillbaren Gier nach mehr Reichtum, Macht und Rendite. Die Leistung des gesamten Ensembles incl. dem überragenden Orchester der Robert-Schumann-Philharmonie unter dem Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo wurden bei der vergangenen Premiere einhellig gefeiert.
Umso gespannter ist man in Chemnitz nun auf den Ersten Tag des Musikdramas Die Walküre, die mit einer weiteren Frau als Regisseurin aufwartet; der aus den Niederlanden stammenden Monique Wagemakers.

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Foto oben, von links Wotan  Aris Argiris, Brünnhilde Dara Hobbs, Walküren Guibee Yang, Regine Sturm, Jana Büchner, Anne Schuldt, Susanne Müller-Kaden, Diana Selma Krauss, Nathalie Senf und Alexandra Sherman; Foto Kirsten Nijhof

Handlung:
Richard Wagners Werk Die Walküre wurde gegen seinen Willen am 26.6.1870 in München uraufgeführt auf Geheiß des König Ludwig, der nicht auf die von Wagner geplante zyklische Aufführung in Bayreuth warten wollte. Die Vorgeschichte, oder dass was nach dem Rheingold passiert: Im Raum steht der von Urmutter Erda angekündigte Untergang der Götter. Der Testosteron-gesteuerte Wotan löst das Problem auf seine Weise. Er versucht von Erda den genauen Ablauf der Götterdämmerung zu erfahren und zeugt nebenbei mit ihr neun Töchter, von denen Brünnhilde sich zu seiner Lieblingstochter entwickelt. Sie verbindet Erdas Weisheit mit Wotans Stärke. Da aber von Alberich Gefahr droht, macht sich Wotan als ewiger Wanderer (erkennbar an der aufgemalten Augenklappe) auf den Weg, gründet mit einer Menschenfrau eine neue Familie, die Wälsungen, die er nach der Geburt der Zwillinge Siegmund und Sieglinde verlässt. Schon früh werden die Zwillinge getrennt und wachsen in feindlichen Lagern auf. Sieglinde wird später an Hunding verschachert. Siegmund kann aus der Gefangenschaft fliehen. Die Handlung von Die Walküre ist eigentlich rasch erzählt: „Siegmund und Sieglinde verlieben sich ineinander. Siegmund zieht das Schwert aus der Esche. Wotan zerstreitet sich mit seiner Frau Fricka und muss Siegmunds Schwert mit seinem Speer zerbrechen und den Widersacher Hunding töten. Brünnhilde rettet Sieglinde. Dafür bestraft Wotan Brünnhilde mit magischem Schlaf“. (Stefan Mickisch in einem Vortrag über das Werk)

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Fot oben; von links: Siegmund Zoltán Nyári, Hunding Magnus Piontek, Foto Kirsten Nijhof

Regisseurin Monique Wagemakers – Sichtweise:
Nach über vier Stunden äußerst spannendem Musiktheater, als Wotan Loge rief, um Brünnhilde mit Feuerzauber zu umsäumen, die wunderbare Schlussmusik erklingt, der Göttervater ganz langsam zur Hinterbühne schreitet, kommt ihm der kleine Junge, sein letzter Hoffnungsträger Siegfried entgegen. Wotan streift ihm die Hand über sein Köpfchen, verschwindet im Hintergrund, während dem die letzten Noten erklingen und sich der Vorhang schließt.
Monique Wagemakers ist eine erfahrene Regisseurin aus den Niederlanden, die an vielen europäischen Bühnen Aufsehen erregte. Mit dem berühmten Harry Kupfer hat sie gerne und häufig zusammengearbeitet und dessen Produktionen für die Nederlandse Opera neu einstudierte. Für die Inszenierung von Madama Butterfly an der Staatsoper Stuttgart im Jahr 2006 wurde sie vom Magazin Opernwelt als Regisseurin des Jahres nominiert.
In Chemnitz arbeitet sie zum ersten Mal und bringt ihre persönliche Sichtweise von Wagners Werk auf die Bühne. Gemeinsam mit ihrem Team, Bühne Claudia Weinhart, Kostüme Erika Landertinger, Dramaturgie Lucas Reuter, Susanne Holfter, gelingt ihr eine aufgeräumte und gleichzeitig höchst spannende Interpretation, frei jeder aktuellpolitischen Montage ohne Symbole wie Schwert Nothung, Speer und Feuerzauber mit lodernden Flammen. Man erlebt ein intensives, auf Wagners Musik und Text fokussiertes, farbiges Familiendrama, das mit recht einfachen aber wirkungsvollen Mitteln die Personen und die Widersprüchlichkeit der Charaktere mit ihren zahlreichen Facetten in den Mittelpunkt rückt.

Ein wesentlicher Bestandteil des Bühnenbildes ist ein mit romanischen Bögen versehenes, Walhall andeutendes Gebilde, welches drehbar im Zentrum der Bühne zu sehen ist und für alle drei Aufzüge unterschiedlich postiert werden kann. Es hat bereits Risse und weitere Teile werden im Laufe des Abends herunterfallen. Auf transparenten Vorhängen werden Videoanimationen fein dosiert und stimmig hinzugefügt. Im ersten Aufzug zum Beispiel entwickelt sich bühnenportalgroß ein Stammquerschnitt der Weltesche; zum dritten Aufzug wird diese Weltesche von innen heraus rabenschwarz und leitet den Walkürenritt ein. Mit großartigem Licht wird der aufkommende Lenz im ersten Aufzug angedeutet, indem die Säulen der Bogenkonstruktion hell erleuchten. Der transparente Vorhang wird ganz intensiv als Stilmittel eingesetzt. Er verdeckt, er verklärt, er trennt, er hellt auf, er schwebt zwischen Wotan und Brünnhilde und hebt Gemeinsamkeiten hervor. Zum Schluss wird mit ihm und den wunderbaren 8 Walküren der Feuerzauber gebildet, wo Wotan und Brünnhilde wie im Zentrum einer Muschelschale ihren Schicksalen entgegensehen. Die Kostüme der Beteiligten sind häufig in Pastellfarben getaucht. Wotan mit tiefem Ausschnitt im blauen, schweren Ledermantel mit aufgemaltem, schwarzen linken Auge. Hunding erscheint im wilden Fellmantel, kahlgeschoren und barbrüstig, Barbarossa ähnelnd. Siegmund kommt im ockerfarbenen Schlabbermantel. Die Damen tragen reifrockähnliche Gewänder mit Reiterhelmen und Walkürenbrustschilden. Die Führung der Personen mit ihren unterschiedlichen Charakteren findet in ganz hervorragender Weise statt. Auch wenn sich vieles direkt an der Rampe abspielt, so sind aber gerade deshalb die vielen Nuancen der Gefühle, der Machtbesessenheit, der Verzweiflung und der Liebe durch intensives Spiel der Protagonisten erkennbar und unter die Haut gehend.

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Foto oben; links – Siegmund Zoltán Nyári, Sieglinde Christiane Kohl; Foto Kirsten Nijhof

Die Musik:
Unter der Leitung des aus Halle stammenden ersten Kapellmeisters und stellv. Generalmusikdirektors Felix Bender kann das Orchester der Robert Schumann Philharmonie am Premierenabend einen wunderbar luftigen, imposanten mit meist moderaten bis gezügelten Tempi und vielschichtiger Klangschönheit versehenen Wagner präsentieren, für den es sich lohnt eine weite Anreise nach Chemnitz anzutreten. Winzige Unsauberkeiten im Blech trüben das Gesamtbild kaum.
Nicht oft genug kann man die Qualität und das Preis-Genussverhältnis der kleinen und mittleren Opernhäuser in Deutschland lobend erwähnen. Die Sängerinnen und Sänger am Premierenabend waren durchweg auf mehr als beachtlichem Niveau, ja vielleicht ganz ohne Enthusiasmus sogar auf Festspielniveau. Stimmschönheit, Textverständlichkeit und Klangfülle im Opernhaus in Chemnitz waren ein überragendes Vergnügen.
In der Sturmtonart D-Moll mit Verweisen auf das Rheingold mit dem Donnermotiv wird Siegmund musikalisch in die „Hütte“ gelenkt zu Sieglinde und Hunding. Das Orchester der Robert Schumann Philharmonie unter seinem jungen Dirigenten Felix Bender spielt die komplementäre Komposition mit dem Drama der Liebe von Sieglinde und Siegmund mit großer Sorgfalt und Empathie für die beteiligten Musiker, Sängerinnen und Sänger. Er führt bereits im Vorspiel mit dem Liebeslied des Lenzes, fast italienisch anmutend die beiden Liebenden zusammen.

Die Minneterzen funktionieren wunderbar als Kennzeichnung des Schicksals der beiden. Die unendlichen Gefühle der Sehnsucht mit der Komposition der unendlichen Melodie geraten ganz besonders „italienisch“ bei den „Winterstürmen wichen dem Wonnemond“, das sicher und mit viel Kern in der Stimme vom Siegmund des Zoltán Nyári gesungen wird. Der ungarische Tenor ist seit 1996 Mitglied des Operetta Theater Budapest, dessen Tourneen ihn unter anderem nach Deutschland, in die Niederlande, in die USA und nach Japan führten. Nachdem er zahlreiche Preise gewonnen hat, gastiert Zoltán Nyári an der Semperoper Dresden, der Oper Frankfurt, beim Budapester Frühlingsfestival und an der Oper Graz. Dort gab er u.a. sein Debüt als Tristan in Wagners Tristan und Isolde. In der neuen Spielzeit 2017/2018 debütiert Zoltán Nyári als Siegmund am Staatstheater Oldenburg sowie nun am Theater Chemnitz.

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Foto oben: links Fricka Monika Bohinec, Wotan Aris Argiris; Foto Kirsten Nijhof

„Ich weiß ein wildes Geschlecht“ erklingt von Hunding (Magnus Piontek) mit prachtvoller, mächtiger und rabenschwarzer Stimme. Der aus Bonn stammende Bass gehörte von 2013 bis 2015 zum Ensemble des Nationaltheaters Mannheim und wechselte dann an die Bühnen in Gera/Altenburg. An der Semperoper gastierte er in La Traviata und Eugen Onegin. Mit Beginn der Spielzeit 2016/2017 gehört er zum Solistenensemble der Oper Chemnitz.

Ohne die oft übliche Schwertziehung, Siegmund fleht mit offenen Armen seinen Vater an, folgt dem C-Dur der Schrei der Sieglinde. Christiane Kohl singt die Sieglinde zunächst mit fein dosierter lyrisch anmutender Stimme, die aber dann mühelos nach Belieben kraftvoll und mit tragender Substanz das Haus bis auf den letzten Winkel auslotet. Die aus Frankfurt stammende Sopranistin war engagiert am Opernhaus Zürich, Dortmund, Basel, Kiel, Klagenfurt, Frankfurt, Berlin, der Semperoper in Dresden sowie am Théâtre des Champs-Élysées Paris. 2009 gab sie als Woglinde und Waldvogel sowie als erstes Blumenmädchen ihr Debüt bei den Bayreuther Festspielen, an denen sie seitdem regelmäßig teilnimmt.

Im großartigen Finale des ersten Aufzugs ist die Musik eindeutig, denn hier wird von Sieglinde und Siegmund Siegfried gezeugt, wenn wie bei Wagner vorgeschrieben der Vorhang sehr schnell fällt.

Im zweiten Aufzug erklingt bereits im Vorspiel viel Wichtiges. Einprägsame und wuchtige Fluchtmusik erklingt mit dem Schwertmotiv, der Vorahnung der Walküre, die noch gar nicht erschienen ist, der Liebe in Not (wie bei Freia im Rheingold in Not vor den Riesen), mit ersten Hinweisen auf Brünnhildes „Hoiotoho“ und an eine „Leopard 2“ Geräuschkulisse erinnernde, erscheinende kämpfende Brünnhilde in C-Moll. In der Diskussion zwischen Fricka, der Hüterin des Vergangenen mit traditionsbewusster Weltsicht und ihrem Mann Wotan, wird der dramatische Konflikt, in dem die beiden stecken, besonders deutlich. Wotan verliert Siegmund, Fricka verlässt die Situation feierlich erhobenen Hauptes. Der Zwist endet in Es- Moll und führt musikalisch zum Untergang in der Götterdämmerung. Wotan will auch nicht mehr, weil er weiß, dass Alberich den Sohn Hagen zeugte. Die Frustration endet mit dem verstärkten, aber kaum erkennbaren Walhallmotiv in Moll. Monika Bohinec tritt mit feuerrotem langen Haar und einem reifrockähnlichen Gewand in Erscheinung und keift ihren Gatten an, gefälligst nach Recht und Ordnung zu handeln. Sie singt ihre Partie mühelos mit schön dunkel gefärbtem Timbre und kerniger Höhe. Die in Slowenien geborene Mezzosopranistin ist Mitglied des Ensembles der Wiener Staatsoper. Gastspiele führten sie zu den Salzburger Festspielen, in den Wiener Musikverein und ans Staatstheatertheater am Gärtnerplatz in München. Sie sang u.a. bereits die Ortrud in Wagners Lohengrin in Neuschwanstein und die Brangäne in Wagners Tristan und Isolde in Australien.

Bei der Todesverkündung durch Wotan erklingt wunderbar gespielt vom Orchester das Schicksalsmotiv mit schönen, offenen Dominantseptakkorden. Im Des-Dur des Wallhallmotives soll Siegmund dorthin gelangen. Brünnhilde zeigt ihr „menschliches“ Herz, da sie sich von Siegmund überzeugen lässt, dass es höhere Werte gibt, als in Walhall zu sitzen. Siegmund fällt und gibt die Kraft weiter an Siegfried.

Der dritte Aufzug nimmt in neun musikalischen Schleifen (eine für Brünnhilde und acht für die übrigen Walküren) im berühmten Ritt musikalisch Fahrt auf. Das H-Moll klingt als dämonische Tonart wie bei Klingsor im Parsifal und drückt die Wildheit und Kraft auf der Bühne aus. Es klingt, als ob die Hufe der Pferde nur ganz vorsichtig Land betreten. Erst allmählich kommen sie auf die Erde herunter. Das komponierte Pferdegewieher und die Verfolgung Wotans mit seinem achtfüßigen Pferd Sleibnir, dem schwächeren Pferd Grane der Brünnhilde hinterher hetzend, setzt das Orchester aufregend und unter die Haut gehend um. Die acht Walküren werden sehr schön gesungen und gespielt von Guibee Yang, Regine Sturm, Jana Büchner, Anne Schuldt, Susanne Müller-Kaden, Diana Selma Krauss, Nathalie Senf und Alexandra Sherman.

In der Begegnung der Brünnhilde mit Sieglinde hört man bereits das gut erkennbare Siegfriedmotiv, das mit strahlender, unschuldiger Zukunftshoffnung in G-Dur die Handlung weitertreibt. Das Göttliche in Brünnhilde wehrt sich gegen den Bann des Wotans mit ihrem Klagegesang. „Hier bin ich Vater“ und „War es so schmählich, was ich verbrach?“ erklingt in der Klagetonart E-Moll ohne Erfolg beim Gottvater und deshalb auch nicht ins Dur-Geschehen mündend. Dennoch hat sie es beinahe geschafft, ihren Vater zu überzeugen, um ihm die Liebe ins Herz zu hauchen und so zu tun, wie er es eigentlich selbst gerne wollte. Brünnhilde wird von Dara Hobbs in allen Belangen mit Bravour, schöner Stimmführung, kraftvollen Ausbrüchen sowie feinen, leisen Passagen höchst emotional gesungen. Die amerikanische Sopranistin war von 2007 bis 2012 Ensemblemitglied des Theaters Krefeld-Mönchengladbach. Seit 2012 ist sie freiberuflich tätig und sang u. a. an der Oper Leipzig, der Staatsoper Hannover, der Deutschen Oper am Rhein, der Oper Frankfurt, der Kieler Oper, am Theater Gera und am Fundação Calouste Gulbenkian in Lissabon. Bei den Bayreuther Festspielen sang sie 2013 und 2014 die Partie der Ortlinde (Die Walküre).

Wotan nimmt den Wunsch von Brünnhilde auf, denn sie fordert den Schutz und die Wahrung des Göttlichen, indem er den Feuerkreis in Form des beschriebenen transparenten Vorhangs um sie schließt. Loge entfacht das Feuerzaubermotiv. Der Schmerz über die Trennung lässt die Tragik des Gottes erkennen. In der Liebestonart E-Dur ganz nah an Bruckners siebenter Sinfonie steht Wotan als das größte Opfer dieser Trennung zwischen Vater und Tochter. Das Abschiedsthema erklingt macht- und schmerzvoll zugleich. Wotan schützt seine Tochter Brünnhilde mit dem Feuerkreis und beherrscht noch den Kosmos. Die alte Ordnung soll noch geschützt werden, bis Siegfried kommt und das Werk vollendet. Aris Argiris, der in Athen geborene Bassbariton, unterwegs auf den großen Bühnen in Europa und Nordamerika, gibt sein vollständiges, überragendes Debut des Wotans als erster Grieche überhaupt. Fragmentarisch sang er die Partie bereits mit großem Erfolg an dem Theater an der Wien, wo vor einigen Monaten eine Ringtrilogie in gekürzter und neustrukturierter Fassung gegeben wurde. Vom italienischen und französischen Fach kommend, ergänzte er bereits vor einiger Zeit sein Repertoire als Herrscher in Korngolds Wunder der Heliane in Freiburg mit dem deutsch-dramatischen Fach. Sein Wotan besticht in Chemnitz durch eine schier unglaubliche Energie, Spielfreude, eine tief berührende Zerrissenheit als Gatte und Göttervater mit Machtansprüchen und Liebesbedürfnis. Wunderbar die Text-verständlichkeit, die Fähigkeit zu modulieren und eine Spannweite zwischen „leisest“ und „lautest“ aufzuspannen, die einem den Atem rauben kann. Er gestaltet die Partie mit feinster Schwärze, kernigem Metall und berührt damit eindringlich das begeisterte und ihn besonders feiernde Publikum im Theater Chemnitz. Man darf gespannt sein auf die Weiterentwicklung seines Rollenportfolios.

Als der Vorhang fällt herrscht etliche Sekunden atemlose Stille. Doch dann erhebt sich ein  andauernder Orkan des Jubels im Theater Chemnitz. Der frenetische Applaus des Publikums gilt allen Beteiligten, eingeschlossen die wunderbare Interpretation durch das Regieteam um Monique Wagemakers.

 Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner hier Ensemble zum Applaus © Patrik Klein

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner hier Ensemble zum Applaus © Patrik Klein

Die Walküre am Theater Chemnitz; weitere Vorstellungen… 02.04.2018 | 22.04.2018 | 01.05.2018 | 27.05.2018 | 12.01.2019 | 19.04.2019 | 01.06.2019

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