Bonn, Theater Bonn, Fidelio – realer Befreiungsaufruf – für Kurden, IOCO, 04.01.2020

Januar 5, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bonn

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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

Fidelio – Ludwig van Beethoven

 Beethoven-Jahr – Beginn mit real politischer Befreiungsoper

von Viktor Jarosch

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Der Weltgeist Ludwig van Beethoven, wurde vor 250 Jahren, am 17.12.1770 in Bonn geboren. Zu dieser Zeit pulsierte in Bonn das Musikleben in allen Ausprägungen; in der Hofkapelle, in Kirchen, in der Oper. Maximilian Franz (1756-1801), musikaffiner Sohn von Maria Theresia von Habsburg, kam 1784 in seine neue Residenzstadt Bonn, um dort als Kurfürst von Köln und Fürstbischof von Münster die Regierungs-geschäfte seiner Bistümer zu leiten. Beethovens Vater Vater war zu dieser Zeit Sänger am Bonner Hof, sein Großvater zuvor Kapellmeister. So wuchs Ludwig van Beethoven in eine blühende Musikkultur hinein: Orgel spielte er bereits mit 11 Jahren Orgel in Kirchen, Klavier bei den Kammermusikern des Kurfürsten, Bratsche im Hoftheater. Auch der Kurfürst lernte Beethoven früh schätzen: er sendet ihn nach Wien, um bei Joseph Haydn für die Bonner Hofkapelle musikalisch weiter ausgebildet zu werden. Doch Wien wurde für Beethoven zu seiner neuen Heimat: von persönlichen Krisen und Hörbeschwerden stark behindert, wuchs er dort zu jenem musikalischen Weltgeist, der in der Europahymne der Europäischen Gemeinschaft (Vertonung von Schillers Ode an die Freude) täglich hörbar und spürbar ist.

Fidelio am Theater Bonn – Hochpolitischer Fokus auf Kurden in der Türkei

Das Theater Bonn beginnt das Beethoven-Jahr am 1. Januar 2020 mit der Premiere dessen „Befreiungsoper“ Fidelio. Befreiungsopern waren Anfang des 19. Jahrhunderts populär. So hatte Intendant des Theater an der Wien, Peter Freiherr von Braun, hatte Beethoven den Auftrag für eine solche Oper erteilt. Die 1798 uraufgeführte französische Oper Léonore, ou L‘amour conjugal, in welcher eine Frau ihren Mann aus der Herrschaft der Jakobiner befreit, inspirierte Beethoven zu Fidelio. Die Uraufführung der ersten Fidelio-Version, 1805 im Theater an der Wien war wenig erfolgreich. Erheblich überarbeitet wurde 1814, neun Jahre später, die im Kärntnertortheater uraufgeführte dritte Fidelio-Version zum großen Erfolg: Das Allgemein-Menschliche des Handelns wird überhöht und kompositorisch herausgestellt: die große Befreiungsoper der Menschheit war geschaffen, war Grundlage für die hochpolitische Inszenierung im Theater Bonn.

Theater Bonn / Fidelio - hier : Marzelline und Jaquino auf der Bühne, unten, im Media-Markt oben © Thilo Beu

Theater Bonn / Fidelio – hier : Marzelline und Jaquino auf der Bühne, unten, im Media-Markt oben © Thilo Beu

Filmset – Moderne Videotechnik verbindet die Bühne mit Weltgeschehen

Regisseur Volker Lösch ergänzt auf der Bühne die dramaturgische Authentizität von Beethovens Fidelio um die Befreiung des in Isolationshaft gehaltenen politischen Gefangenen Florestan mit einer Dokumentation über verfolgte Kurden in der Türkei. Die Bühne (Carola Reuther) ist als Nachrichtenstudio / Filmset gehalten, ohne alle Kulissen, vollständig grün ausgekleidet. Diese Greenscreen-Technik (Videodesign Chris Kondek und Ruth Stofer) verbindet im Theater Bonn Beethovens bekannte Oper über zahlreiche Videos und Zeitzeugen auf der Bühne (beständig gefilmt von zwei Live-Kameras) mit der Kurdenproblematik in der Türkei. Unruhen, kriegerische Gewalt, aktuelle Hintergründen oder Filmaufnahmen aus Istanbul, Ankara werden auf eine 10 x 5 Meter große Leinwand projiziert. Das beständige Zusammenspiel von Beethovens Komposition mit Badestrand, Krieg und Elend in der Türkei geben dem Besucher das ungewohnte Gefühl, das moderne Werk eines zeitgenössischen Komponisten zu erleben. Das komplexe Regie-Konzept fordert Besucher, Darsteller, Orchester und Regie gleichermaßen: Doch Volker Lösch und sein Team beschreiten mit dieser Inszenierung neue Wege: ein ernsthaftes Experiment, welches mitreißt und gelungen ist.

Beethoven Haus in Bonn © IOCO

Beethoven Haus in Bonn © IOCO

Beethovens Komposition wird im Theater Bonn ungestrichen gespielt; die offene Struktur der Fidelio-Handlung wird jedoch von fünf in Deutschland lebenden kurdischen ZeitzeugInnen immer wieder aufgebrochen; auf der Bühne oder an einem Tisch neben dem Filmstudio sitzend, wird von konkret Erlebtem erzählt, von grausamer Folter, von Frauen, die an den Haaren aufgehängt wurden, von Zerstörung, Krieg, Gefängnissen; befragt werden dabei die ZeitzeugInnen von „Filmregisseur“ Matthias Kelle. Prominentester Zeitzeuge auf der Bühne war der in Köln lebende Schriftsteller Dogan Akhanli, der in einem Buch seine Verhaftung und Folter in der Türkei beschrieben hatte. Differenzierende, allgemeine Betrachtungen greift in diesen Darstellungen nicht!  Aktuelles, von den Individuen auf der Bühne konkret erlebtes und deren Sehnsucht nach einem friedvollen Leben sind Fokus der Inszenierung.. Der Mut der Darsteller auf der Bühne, ihre persönlichen Erfahrungen in der Türkei mit den Besuchern des Theater Bonn zu teilen, sich deshalb,außerhalb des Theaters vielleicht mit der Aggressivität radikaler Andersdenkender auseinanderzusetzen zu müssen, ist allein beeindruckend.

Theater Bonn / Fidelio - hier : Der Gefangenenchor, unten, auf der Leinwand Fotos Gefangener, Misshandelter © Thilo Beu

Theater Bonn / Fidelio – hier : Der Gefangenenchor, unten, auf der Leinwand Fotos Gefangener, Misshandelter © Thilo Beu

Zur kurzen Ouvertüre des hochgefahrenen Orchesters leuchtet auf der Leinwand auf der Bühne in großen plakativen Lettern: KOMMANDO BEETHOVEN „zur Sichtbar-machung von politischen Gefangenen in der Türkei“. Es folgen Videos über die Stadt Istanbul, politischen Massenjubelfeiern dort, Flüchtlingstrecks, der Pegida in Leipzig, Merkels umstrittenes „Wir schaffen das“ und Erdogans drohendes „Hey, Europäische Union, reißt euch zusammen…“. In den folgenden Szenen werden die Darsteller auf der Bühne von Video-Sequenzen auf der Leinwand begleitet, das Orchester ist heruntergefahren. Marzelline (Marie Heeschen in hellem, frischem Sopran) und ihr Jaquino (Kieran Carrel) laufen streitend und ,eingespielt, wie sie mit Einkaufstüten durch den Media Markt (Foto oben). Die „angenehme“ friedliche Seite der Türkei erscheint: Badestrände, Yachten, spielende Kinder.

In späteren Videos reißt Leonore (Martina Welschenbach (weich, wohl timbrierten Sopran) in ihrer Arie „Komm, o Hoffnung“, als Racheengel mit gestrecktem Arm und geballter Faust durch die Luft fliegend, die Mauern aller Gefängnisse niederreißt, während Marzelline auf rotem Sofa vom geordneten bürgerlichen Leben träumt. Zur mächtigen Gold-Arie des Rocco („Hat man nicht auch Gold beineben, Kann man nicht ganz glücklich sein..“,  Karl-Heinz Lehner kraftvoll und gut verständlich) fliegen er und Marzelline auf der Leinwand auf einem Euro-Schein dahin: Live-Kameras filmen die Darsteller beständig auf der Bühne, hinter der Bühne werden diese Aufnahmen mit anderen Filmen „gemischt“ und auf die große Leinwand projiziert.

 Theater Bonn / Fidelio - hier : Aufruf zum Ende der Vorstellung  © Thilo Beu

Theater Bonn / Fidelio – hier : Aufruf zum Ende der Vorstellung  © Thilo Beu

Der Gefangenenchor ist ein Höhepunkt jeder Fidelio-Inszenierung. Im Greenscreen-Studio des Theater Bonn erscheinen die Gefangenen als grün verhüllte Wesen, in gesucht überhöhtem Ausdruck menschlichen Leids und Elend, als unterdrückte seelenlose Masse; als nicht-menschliche Wesen. Dieser optisch quälende Anblick wandelt sich ergreifend zu dem sich von sanfter Wehmut in kraftvolle Emphase wandelndem Chor „O welche Lust, in freier Luft, den Atem leicht zu heben! Nur hier, nur hier ist Leben..“; (Einstudierung Marco Medved); die nicht-menschlichen Wesen werden  zu Individuen, Menschen, wenn sie sich langsam ihre grünen Hüllen entledigen. Während-dessen die Leinwand über ihnen beständig Fotos zahlreicher in der Türkei Gefangener zeigt. Florestans Arie „Gott, welch Dunkel hier…“, von Thomas Mohr zu Beginn nahezu unsichtbar in einer Kiste liegend lyrisch ausdrucksstark vorgetragen, spiegelt die Qualen des Individuums, des Einzelnen: Beethovens Postulat an die Menschheit.

So endet Fidelio am Theater Bonn mit dem Freiheitsruf auf der Leinwand: FREE THEM ALL und dem am Bühnenrand stehenden Ensemble, welches auf Plakaten die Freiheit in der Türkei inhaftierter fordert.

Beethoven Grab in Wien © IOCO

Beethoven Grab in Wien © IOCO

Der große Erfolg der vielschichtig polarisierenden Inszenierung hängt maßgeblich auch „in den Händen“ von GMD Dirk Kaftan und dem Beethoven Orchester Bonn. Die beständige Abstimmung von Beethovens Komposition mit den vielen Facetten von Volker Löschs spezieller Regie, den Erzählern und der Video-Flut auf der Leinwand ist für Dirigent und Orchester äußerst anspruchsvoll. Zwar reduziert die Inszenierung Beethovens Komposition ein wenig in ihrer Größe. Umso größer ist unsere Referenz vor Dirk Kaftan Ditigat und dem Beethoven Orchester für ihr sängerfreundliches und ausdrucksvolles Klangfestival.

Der Beifall für die auffällige, kontroverse, Widersprüche herausfordernde Fidelio-Inszenierung am Theater Bonn war überraschend positiv, frenetisch. Orchester, Ensemble und Chor wurden ebenfalls gleichermaßen anhaltend und begeistert gefeiert.

Aufforderung an Alle: Nehmt Teil an dem Befreiungs-Postulat

Postkarten, nach der Vorstellung im Theater – Eingang für die Besucher ausgelegt: gerichtet an Politiker und Inhaftierte, so auch an: „Lieber Selahattin Demirtas, wir sind tief besorgt, daß Sie und Tausende von Menschen in der Türkei inhaftiert sind, weil Sie von Pressefreiheit Gebrauch machen wollten…“.

Fidelio am Theater Bonn; die weiteren Vorstellungen 4.1.; 16.1.; 24.1.; 2.2.; 9.2.; 15.2.; 14.3.; 27.3.2020

—| IOCO Kritik Theater Bonn |—

Bonn, Theater Bonn, Fidelio – Ludwig van Beethoven, 01.01.2020

Dezember 29, 2019  
Veröffentlicht unter Oper, Pressemeldung, Theater Bonn

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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

Fidelio – Ludwig van Beethoven

Freiheit für Ahmet Altan, Hozan Canê, Gönül Örs, Soydan Akay, Selahattin Demirtac

Premiere am 1. Januar 2020 –    IOCO wird berichten

Die erste FIDELIO-Inszenierung am 1. Januar des Kalenderjahres 2020 wird durch ihr Erscheinen in der Geburtsstadt des Komponisten mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden. Das Theater Bonn und das Inszenierungsteam um Regisseur Volker Lösch gehen mit Beethoven über Beethoven hinaus, indem sie FIDELIO mit aktuellen Geschichten von politischen Gefangenen in der Türkei und deren Angehörigen aufladen!

Beethoven war der erste wirklich politische Komponist der Musikgeschichte, wofür seine FIDELIO das eindringlichste Beispiel ist. FIDELIO handelt von einem Mann, der die Wahrheit über die undemokratischen Verhältnisse in seinem Land sagt und deshalb im Gefängnis verschwindet. Im Zentrum der Oper steht seine Frau Leonore, durch deren Mut nicht nur die Befreiung ihres geliebten Mannes gelingt, sondern auch die Absetzung des Gewaltherrschers.

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

In FIDELIO macht Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) ein musikalisch-politisches Experiment. Seine Ausgangsfrage lautet: Was muss man tun, um das schier Unmögliche zu erreichen? Seine Antwort: Man muss sein Leben riskieren und bereit sein, eine ungeheure Zerreißprobe auszuhalten. Leonore alias Fidelio gelingt dies, und sie löst letztendlich einen gesellschaftlichen Umsturz aus. Hoffnung ist das Hauptmotiv in jeder Szene und Beethovens Musik eine Inspiration für die Verwirklichung von Utopien.

Die modellhafte Welt von FIDELIO ist ein einziges, großes Gefängnis. Die Türkei ist das aktuelle, europäische Beispiel für einen Staat, in dem Regimegegner verhaftet werden und durch eine Willkürjustiz im Gefängnis verschwinden. Mit dieser Inszenierung wird sich konkret für die Freilassung von Ahmet Altan, Hozan Canê, Gönül Örs, Soydan Akay und Selahattin Demirtac eingesetzt. Als Zeitzeugen treten u.a. Dogan Akhanli, der drei Mal in türkischen Gefängnissen war und mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wurde, sowie Süleyman Demirtac auf, dessen Bruder Selahattin als wichtigster politischer Herausforderer des türkischen Staatspräsidenten Erdogan gilt und wegen angeblicher Terrorunterstützung seit über drei Jahren im Hochsicherheitstrakt in Edirne unrechtmäßig, so 2018 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geurteilt, inhaftiert ist.

—| Pressemeldung Theater Bonn |—

Bonn, Theater Bonn, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 12.11.2018

November 13, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bonn

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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 – Gescheiterte Hoffnungen oder des Mädchens Traum –

Von Uschi Reifenberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die mit großer Spannung erwartete Premiere von Richard Wagners Lohengrin am Theater Bonn übertraf in der Tat sämtliche Erwartungen sowohl in musikalischer Hinsicht als auch in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli und vereinte das Publikum an diesem besonderen Abend in kollektiver Begeisterung.

Der renommierte Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli kehrte nach langjähriger Abstinenz an das Theater Bonn zurück, wo er bereits ab 1989 mit einer Reihe spektakulärer Inszenierungen seine internationale Karriere begonnen hatte.

Wagners Lohengrin, seine romantischste und vielleicht seine populärste Oper ist in mehrfacher Hinsicht ein Grenzfall. Kompositorisch beendet der Lohengrin die Reihe von Wagners romantischen Opern. Er weist keine für sich stehenden Formteile auf, Arien, Emsembles und Chorszenen werden bereits in den dramatischen Zusammenhang integriert und verweisen auf das durchkomponierte Musikdrama der späteren Jahre.

Lohengrin – Richard Wagner
Youtube Trailer des Theater Bonn
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1848 beendete Wagner die Komposition des Lohengrin kurz vor Ausbruch der Märzrevolution und erlebte das Scheitern der bürgerlichen Hoffnungen zugleich als Ausweglosigkeit seiner eigenen Lebenssituation. Denn wie so oft sind bei Wagner Leben und Werk untrennbar miteinander verbunden. Als politischer Emigrant musste er – steckbrieflich  gesucht- in die Schweiz fliehen. Dort schrieb er seine entscheidenden theoretischen Hauptwerke, „Die Kunst und die Revolution“, „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“, in denen sich Wagners persönliche revolutionäre Erfahrungen spiegeln und er seine Hoffnungen auf eine durch Kunst veränderten besseren Welt formulierte.

Auch das Leitmotiv von Wagners Lebensthema, die Erlösung durch Liebe, nimmt hier eine zentrale Stellung ein. Im Lohengrin als „allertragischstem Gedicht“ (Wagner) gelingt diese Erlösung nicht und ist zum Scheitern verurteilt.

Marelli beleuchtet in seiner Deutung des Werkes die Widersprüche der Lohengrin Tragödie, die – wie er im Programmheft erläutert- immer wieder Fragen aufwerfen und den vielschichtigen Stoff so reizvoll machen. In der Dialektik von Utopie und Realität, Liebe und Macht, Kunst und Politik liegt der unauflösbare Widerspruch und das Scheitern der Utopie einer Erlösung durch Liebe.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Im Zentrum von Marellis Sicht steht die weibliche Hauptfigur Elsa von Brabant. Während des Vorspiels blickt man auf einen geöffneten Bühnenraum mit ansteigenden Holzelementen, die neben- und  übereinander gestapelt sind (Bühnenbild und Lichtregie: Marco Arturo Marelli). In der Mitte befindet sich auf einer quadratischen Ebene Elsas  Mädchenzimmer mit Stuhl und Bett, in welches sich Elsa je nach Bedarf zurückzieht. Man sieht Elsa und ihren jüngeren Bruder Gottfried zunächst ins Gebet versunken. Elsa, fast noch ein Teenager, im weißem Nachthemd und langen Löckchen, rührend in ihrer Unschuld, ist nicht nur stark im religiösen Glauben, sie imaginiert zugleich einen Heilsbringer mittels ihrer visionären Kraft, der dann auch tatsächlich erscheint. Eine erhöhte runde Plattform im Hintergrund wird sichtbar, auf welcher eine Ritterrüstung mit Mantel und Schwanenmotiv sowie ein Flügel stehen, an welchem Wagner / Lohengrin sitzt und komponiert. Der Künstler höchstselbst als Erlöser. Beide Ebenen – die reale des Mädchenzimmers wie die überirdische Sphäre des Kunstraums – bleiben als Einheitsbühnenbild die ganzen drei Akte über präsent. Auch geometrisch werden die beiden Welten streng voneinander abgesetzt.

Der kleine Gottfried liest in einem Bilderbuch, währenddessen erscheint Ortrud aus dem Bühnenboden und entführt ihn aus dem Zimmer, Schwanenfedern verweisen auf seine Verwandlung. Später bei Lohengrins Ankunft nimmt dieser den Jungen in seine Obhut und lässt  ihn im Flügel verschwinden. Dort kann er schon mal fleißig üben …

Der Heerrufer in Uniform und Brieftasche ist ein treuer Untertan und versieht seine Aufgabe mit Disziplin und Hingabe. Er verrichtet seine Tätigkeit nicht nur auf der Bühne, sondern wird auch an wechselnden Standorten im Zuschauerraum positioniert, die die Wirkung seiner Proklamationen unterstreichen. Ein empathischer Herrscher ist König Heinrich, mit viel Verständnis für seine Untergebenen,  der sich auch mal mitfühlend auf Elsas Bett setzt und, wenn er sich seiner royalen Verantwortung bewusst wird, den bunt bedruckten Königsmantel umlegt.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Für deutsches Land das deutsche Schwert

Der Chor trägt bedrohliche überdimensionale Speere, die sich im 3. Akt wie Blitze von der Bühnendecke in den Boden spiessen, wenn sich die Einheiten der Wehrmacht kriegslüstern zur Mobilmachung zusammenfinden. Beim Bekenntnis „Für deutsches Land das deutsche Schwert“ recken sie reflexartig den rechten Arm in die Höhe, was in diesem Kontext nachvollziehbar ist. Telramund in militärischem Outfit entpuppt sich in seiner Anklage gegen Elsa selbstgefällig und großspurig, und legt dem König zum Beweis ein Papier vor.

Elsas ausweglose Situation stärkt ihren Glauben an einen Retter, das Wunder erscheint tatsächlich, eine sympathische Persönlichkeit im weißen Pyjama, glücklich über seine Mission, ein  Einsamer auf der Suche nach Liebe, zu dem Elsa sofort Vertrauen fasst. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn Lohengrin sein Frageverbot ausspricht und Elsa, fassungslos vor Glück, seine Worte immer wieder nachspricht, um sie ja nicht zu vergessen. Scheu berührt sie ihren Erlöser, die fleischgewordene Inkarnation ihres Traums. Marelli blickt hier mit viel Sensibilität in die Jungmädchenseele.

Das subversive Duo Ortrud und Telramund kauern in ihrem Dialog im 2.Akt am Bühnenrand. Nach Telramunds Schuldzuweisungen zunächst in herzlicher Abneigung vereint, finden sie dann aber als Paar wieder zusammen. Zwei Ausgestoßene, die von der Hochzeitsgesellschaft verspottet werden. Telramund outet sich als ausgemachter Angeber, der nach seiner blamablen Niederlage im Zweikampf mit Lohengrin jetzt in Selbstmitleid badet und sich als Weichei entpuppt, ein Vorläufer Gunthers. –

Seine Gattin, eine fanatische Reaktionärin mit viel erotischer Ausstrahlung, in rotem Gewand (Kostüme: Ingeborg Bernerth), erinnert in ihrem Stolz und ihrer Unbeugsamkeit an eine antike Statue, wenn sie sich in ihren langen Mantel  hüllt und längst vergangene Zeiten beschwört. Ihre Intrigen spinnt sie in Elsas Zimmer beim Kaffeekränzchen in vordergründiger Zweisamkeit. Die beiden hätten eigentlich Freundinnen werden können, wäre da nicht Ortruds erpresserische Androhung ihres Selbstmordes und ihr manipulatives Vorgehen als „wilde Seherin“, wenn sie Elsa das kommende Unheil aus der Hand liest. Hochzeitsvorbereitungen scheuchen die Männer in Schlafanzügen in aller Frühe aus den Betten vor das Münster, wo sie sich – unterstützt von ihren Frauen- in Ihre Festgarderobe werfen. Eine  amüsante Szene.

Elsa ist hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zweifel, Ortruds Gift beginnt bereits zu wirken und Lohengrin muss sie fast gewaltsam zum Altar ziehen, denn „der Rache Werk hat nun begonnen“. Zum Brautgemach werden Elsa und Lohengrin mit verbundenen Augen geführt, es warten jede Menge Überraschungen auf das Paar. Sie werden mit Geschenken überhäuft, unter anderem auch mit einer kleinen Wiege, die bürgerliche Idylle könnte perfekt sein.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Lohengrin verhält sich in der intimen Zweisamkeit mit seiner Ehefrau zunächst noch etwas unbeholfen, aber je mehr sich Elsa wahnhaft in ihre Angst hineinsteigert, desto klarer verweist er  auf seine Sendung. Als Elsa wie unter Zwang die verhängnisvolle Frage nach der Identität Lohengrins stellt, erschlägt dieser den  hereinbrechende Telramund. Damit wird er unfreiwillig zum Mörder, immer wieder schaut er ungläubig auf seine blutige Hand. Im Bewusstsein des Scheiterns aller Utopien nimmt er Abschied von seiner Liebeshoffnung, aber auch von seiner Unversehrtheit. Bevor er seine letzte traurige Fahrt antritt, muss er auch die in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuschen und seine Identität enthüllen. Die Gralserzählung singt er wieder am Flügel, die Gesellschaft verharrt wie erstarrt zwischen Truppenaufmarsch und Kriegsbeflaggung.

Ortruds letztes ekstatisches Aufbäumen für die Wiederherstellung der alten Ordnung zitiert den kleinen Gottfried aus dem Untergrund, dem Lohengrin die Symbole der Herrschaft übergibt. Dass er damit etwas anfangen kann, bleibt zu bezweifeln. Elsa bricht unter den Trümmern ihrer vernichteten Welt zusammen; Lohengrin entschwindet auf seiner Wolke zurück in den Elfenbeinturm seiner Einsamkeit. Ob die Kunst ihn rettet ?

Über die musikalische Seite der Aufführung lässt sich fast ausnahmslos in höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizierten auf beeindruckendem Niveau und verbanden sich zu einer zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf.

Das Lohengrin Debüt von Mirko Roschkowski kann man wohl als rundum gelungen bezeichnen. Der sympathische Tenor besticht mit seiner warmen innigen, leicht dunkel mattierten Stimme und viel Belcanto-Schmelz. Die a capella Stellen des liedhaft zarten Schwanenliedes formt er mit  traumwandlerischer Intonationssicherheit wunderbar sensibel aus. Seine Höhe ist mühelos und glänzt eher bronzefarben als heldisch- strahlend, was seiner Gestaltung jenen leicht gebrochenen Grundton verleiht, der die tragische Aura dieser Figur umgibt. Sehr berührend und klug aufgebaut singt er die Gralserzählung, in der er auch mit metallischer Strenge aufzutrumpfen versteht.  Auf die weitere Entwicklung dieses vielversprechenden Tenors darf man sehr gespannt sein.

Die Elsa von Anna Princeva darf man ebenfalls als Glücksfall bezeichnen. Die zierliche Sängerin  mit der berührend kindlichen Ausstrahlung verfügt über einen substanzreichen lyrischen Sopran, der sich in allen Lagen mühelos behauptet und über genug Potenzial für die großen dramatischen Steigerungen verfügt, was sie in der Brautgemachszene eindrucksvoll unter Beweis stellt. Ihre Hinwendung zur Innerlichkeit unterstreicht sie mit tragfähigen Piani und weicher Legatokultur.

Dshamilja Kaiser ist als Ortrud eine Offenbarung. Selten hört man eine so kultiviert singende, perfekt phrasierende Ortrud, die mit ihrem Mezzo alle dynamischen Facetten dieser Partie auslotet. Ihre dramatischen Ausbrüche sorgen für Gänsehauteffekt, wirken dabei nie forciert, die Spitzentöne werden unangestrengt in den musikalischen Kontext integriert. Ein beeindruckendes Rollenportrait!

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Tómas Tómasson zeigt den innerlich zerrissenen Telramund mit großer gestalterischer Intensität, deklamatorischer Klarheit und psychologischer Tiefenschärfe. Sein kerniger Bariton verfügt über ein weites Spektrum an Charakterisierungsmöglichkeiten, die er differenziert einzusetzen versteht.

Paul Kudinov verfügt als König über einen angenehm hell timbrierten Bass, dessen exponierte Höhenlagen sich wie selbstverständlich über das Orchester hinwegsetzen und nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum viel Freude bereiten. Den Heerrufer gibt Ivan Krutinov souverän und mit königlich auftrumpfender Noblesse. Mit seiner vollen und tragfähigen Baritonstimme komplettiert er die fulminante Sängerriege.

Der Dirigent Dirk Kaftan und das Bonner Beethovenorchester sind ohne Zweifel mit höchstem Einsatz und glühendem Eifer bei der Sache. Dirk Kaftan führt das Orchester mit liebevoller Achtsamkeit durch die Partitur, besticht nicht nur mit poetischer Klangzauberei und weit atmenden Bögen, sondern auch mit perfekter Klangbalance und umsichtiger Sängerführung. Als Wagner-Dirigent versteht er, dramatische Spannungsabläufe und orchestrale Wucht unter Kontrolle zu halten und mit imposanten Steigerungen die Energien zu entfesseln. Beeindruckend gerät der Höhepunkt des gesamten Ensemble im 1. Akt.

Es wird beglückend präzise musiziert, herausragend hört man die Trompeten im 3.Akt, die seitlich der Bühne und auch im Zuschauerraum positioniert sind, was eine faszinierende Raumwirkung entfaltet.

Wunderbar anzuhören Chor und Extrachor ( Leitung: Marco Medved), sowie der Kinder- und Jugendchor ( Einstudierung: Ekaterina Klewitz).

Stehende  Ovationen beendeten einen außergewöhnlichen Abend

Lohengrin am Theater Bonn, weitere Vorstellungen 24.11.; 21.12.; 26.12.2018; 6.1.; 17.1.; 1.2.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Bonn |—

Dortmund, Theater Dortmund, DIE SCHNEEKÖNIGIN von Hans Christian Andersen, 08.04.2018

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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

DIE SCHNEEKÖNIGIN von Marius Felix Lange

Premiere Sonntag, 8. April 2018, um 16 Uhr

Die Premiere der Familienoper DIE SCHNEEKÖNIGIN von Marius Felix Lange nach der literarischen Vorlage von Hans Christian Andersen findet am Sonntag, 8. April 2018, um 16 Uhr in der Oper Dortmund statt. Unter der musikalischen Leitung von Ingo Martin Stadtmüller und der Regie von Johannes Schmid werden Marie-Pierre Roy als Schneekönigin, Marie Smolka als Gerda und Marvin Zobel als Kay zu sehen sein. DIE SCHNEEKÖNIGIN ist eine Koproduktion mit der Deutschen Oper am Rhein und dem Theater Bonn im Rahmen Junge Oper Rhein-Ruhr.

Theater Dortmund / Marie-Pierre Roy © MabumaDesign

Theater Dortmund / Marie-Pierre Roy © MabumaDesign

Immer wieder fragt sich Gerda durch, fragt die Blumenfrau, die Krähe, den Prinzen und die Prinzessin; sie wird vom Räubermädchen eingesperrt und vom Rentier begleitet: Gerda sucht Kay, ihren Kinderfreund, der sich von einem Tag auf den anderen vollkommen verändert und von ihr abgewandt hatte. Splitter eines gewaltigen Spiegels waren ihm ins Auge und ins Herz gelangt, wodurch er nichts Schönes mehr sehen und fühlen konnte. Und im Winter ist er dann verschwunden, der Schneekönigin in ihr kaltes Eisreich gefolgt. Doch davon weiß Gerda noch nichts, sie weiß nur, dass sie Kay finden muss.

Hans Christian Andersens bekanntes Märchen von der Schneekönigin erzählt von der Kraft der Freundschaft und der Liebe, der es gelingt, den kalten Blick der Vernunft zu bezwingen. Marius Felix Lange hat das Märchen als Familienoper vertont und im April 2016 am Theater Duisburg uraufgeführt. „Lange orientiert sich recht genau an der Vorlage und erzählt eine Geschichte von zarter Poesie und feinem Humor ohne plakativen Klamauk und verkrampft naive Betulichkeit“, schrieb die WAZ nach der Uraufführung. „Alles eingehüllt in ein Klangbad von filmreifer Schönheit, angereichert mit dissonanten Akzenten: musikalisch eine gelungene Gratwanderung zwischen romantischer Traumwelt und harter Realität.“ Im Rahmen der Jungen Oper Rhein/Ruhr kommt DIE SCHNEEKÖNIGIN in der Regie von Johannes Schmid und der Ausstattung von Tatjana Ivschina („Bühnenlandschaften von schillernder Illusionskraft“) nun an das Theater Dortmund.

Die Familienoper für Kinder ab 8 Jahren wird von der DSW21 sowie der Gelsenwasser AG gefördert.

—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

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