Berlin, Staatsoper Unter den Linden, BAROCKTAGE – Scarlatti – Purcell, IOCO Aktuell, 22.10.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

BAROCKTAGE – Alessandro Scarlatti _ Henry Purcell

1. – 10. November 2019

1. bis 10. November 2019: Die zweiten BAROCKTAGE an der Staatsoper Unter den Linden im Zeichen von Scarlatti und Purcell – mit der Premiere von IL PRIMO OMICIDIO, der Stückentwicklung LOVE, YOU SON OF A BITCH sowie mit zwei Wiederaufnahmen, 16 Konzerten und Sonderveranstaltungen

Am 1. November, beginnen die BAROCKTAGE an der Staatsoper Unter den Linden. Das Festival wurde mit der Intendanz von Matthias Schulz eingeführt und findet in diesem Jahr vom 1. bis 10. November zum zweiten Mal statt. Das Programm umfasst innerhalb von zehn Tagen eine Premiere und zwei Wiederaufnahmen im Großen Saal, eine Musiktheaterperformance im Alten Orchesterprobensaal, 16 Konzerte sowie zahlreiche Sonderveranstaltungen. Mit Alessandro Scarlatti und Henry Purcell stehen zwei Komponisten im Zentrum, die das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert musikalisch entscheidend geprägt haben. Die BAROCKTAGE finden parallel zur Tournee von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin statt, die am 2. und 3. November mit dem Zyklus der vier Brahms-Sinfonien an der Philharmonie de Paris gastieren.

 

Il Primo Omicidio – Alessandro Scarlatti
youtube Trailer der Opéra national de Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

 IL PRIMO OMICIDIO  – Premiere am 1. November 2019

Herzstück der BAROCKTAGE ist die Premiere von IL PRIMO OMICIDIO, die ab dem 1. November 2019 an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben ist. Regie führt Romeo Castellucci, der mit dieser Produktion sein Berliner Operndebüt gibt. Die musikalische Leitung hat René Jacobs inne, diesmal dirigiert er das belgische Originalklang-Ensemble B’Rock Orchestra, das erstmals an der Staatsoper Unter den Linden zu Gast ist. In den solistischen Partien sind Kristina Hammarström, Olivia Vermeulen, Birgitte Christensen, Thomas Walker, Benno Schachtner und Arttu Kataja zu erleben. Die Premiere ist eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris und dem Teatro Massimo, Palermo.

Bereits am 25. Oktober wird im Alten Orchesterprobensaal LOVE, YOU SON OF A BITCH, eine Musiktheaterperformance der italienischen Regisseurin und Videokünstlerin Letizia Renzini mit Musik von Alessandro und Domenico Scarlatti uraufgeführt (weitere Vorstellungen bis 3. November). Mit dieser Produktion wird ein Bogen geschlagen zwischen den BAROCKTAGEN und dem Format LINDEN 21, das alle jene Produktionen und Projekte des Spielplans umfasst, die sich als Labor für neue Aufführungsformen des zeitgenössischen Musiktheaters verstehen.

King Arthur – Henry Purcell – auch zu den BAROCKTAGEN der Staatsoper
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Als Wiederaufnahmen sind im Rahmen der BAROCKTAGE zwei Musiktheaterwerke von Henry Purcell zu erleben: KING ARTHUR, inszeniert von Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch, unter der musikalischen Leitung von René Jacobs (ab 2. November) sowie DIDO & AENEAS in der Regie und Choreographie von Sasha Waltz, dirigiert von Christopher Moulds (wieder ab 3. November).

Die 16 Konzerte im Rahmen der BAROCKTAGE umfassen Auftritte einer Reihe von herausragenden Orchestern und Ensembles wie Le Concert des Nations unter Jordi Savall, die Akademie für Alte Musik unter Fabio Biondi (mit dem selten zu hörenden Scarlatti-Oratorium La Vergine addolorata), die Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone, The Tallis Scholar unter Peter Phillips, der RIAS Kammerchor unter Robert Hollingworth, Mitglieder des B’Rock Orchestra sowie Preußens Hofmusik, bestehend aus Mitgliedern der Staatskapelle Berlin, und Auftritte von Solistinnen und Solisten wie Christian Zacharias, Dorothee Oberlinger, Margret Köll, Jean Rondeau, Raffaella Milanesi, Roberta Invernizzi, Sonia Prina, Aaron Sheehan, Serena Sáenz und Delphine Galou. Es erklingen Werke von Alessandro und Domenico Scarlatti, Henry Purcell und vielen weiteren Komponisten, die in Bezug zu ihnen stehen. Darüber hinaus wird es drei Kinderkonzerte mit Mitgliedern der Akademie für Alte Musik Berlin geben. Als Spielstätten dienen der Große Saal der Staatsoper Unter den Linden, der Apollosaal und der Pierre Boulez Saal.

Zur Eröffnung der BAROCKTAGE findet am 1. November ein Roundtable zum Thema »Die Welt um 1700: Denk- und Gestaltungsweisen im Zeitalter des Barock« im Apollosaal statt. Eine Gesprächsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kunst und Wissenschaft, in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin. Begleitend zum musikalischen Programm der BAROCKTAGE finden in diesem Zeitraum zahlreiche Führungen durch die Staatsoper Unter den Linden statt sowie Stadtspaziergänge durch die historische Mitte Berlins rund um das Opernhaus.

—| IOCO AktuellStaatsoper unter den Linden |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Die lustigen Weiber von Windsor – Otto Nicolai, IOCO Kritik, 18.10.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Die lustigen Weiber von Windsor  –  Otto Nicolai

Gefangen in Suburbia ?  Brexit – Unter den Linden ?

von Kerstin Schweiger

An der Staatsoper Unter den Linden in Berlin scheint der Brexit fast schon vorweg genommen. Die Neu-Produktion der Spieloper Die lustigen Weiber von Windsor zeichnet zumindest szenisch ein ebenso buntes wie tristes, in die 1980er Jahre zurückgeworfenes englisches Vorstadtszenario. Was sich hier bewegt, sind zuerst einmal die Wäschespinnen in den Vorgärten.

Die lustigen Weiber von Windsor –  Otto Nicolai
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In der komisch-phantastischen Opern-Komödie von Otto Nicolai nach der Vorlage von William Shakespeare führt ein gealterter abgestürzter Sir John Falstaff (Boris Johnson nach dem No-Deal-Brexit?) in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwunden als Außenseiter eine Art Sozialhilfe-Dasein, das er durch MeToo-Attacken monetär und amourös aufzupeppen versucht. Dies wäre eine Lesart der Spielzeit-Eröffnungsproduktion, die am 3. Oktober2019  unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim in der Regie von David Bösch Premiere feierte. Die andere wäre z.B. eine überdrehte Sozialkomödie in einer bürgerlichen Vorort-Siedlung. Die aktuelle Produktion hat von beidem etwas, doch wird sie damit der Vorlage gerecht?

Das Stück, von Salomon Hermann Mosenthal und Otto Nicolai nach Shakespeares The Merry Wives of Windsor adaptiert, führt den gesellschaftlich abgestürzten füllig gewordenen und dem Wein zugeneigten adeligen Sir John Falstaff vor, der gleich zwei verheirateten Bürgerfrauen – Frau Fluth und Frau Reich – ein Rendezvous verspricht, um sie anschließend um ihr Geld zu betrügen. Die beiden sind nicht auf die Nase gefallen und stellen Falstaff gleich mehrere Fallen, ihrerseits verfolgt von den eigenen eifersüchtigen Ehemännern, die den prekär auffälligen Nebenbuhler und Schnorrer unschädlich machen wollen, und flankiert von den Bemühungen mehrerer Bewerber um die Hand der Tochter Anna aus dem Hause Reich, die ihrerseits nur den nicht wohlhabenden Fenton liebt und geschickt auf ein persönliches Happyend zusteuert, unabhängig von Stand oder Konvention. Nachdem Falstaff ordentlich vorgeführt wurde, bietet die verzauberte Sommernacht, in der die Dinge kulminieren, Ausflucht und Happyend für eine friedliche Co-Existenz, die Ursprungsfamilien ziehen sich jeweils auf ihre Terrain zurück. Demokratisches Fazit: es gibt kein Recht der ersten Nacht für Adlige, egal wie tief sie gesunken sind, die bürgerliche Form der Ehe bleibt gültiger Standard. Und Otto Nicolai konterkariert schließlich mit leichter Hand auch das, indem sich schließlich in den Verwirrungen der Sommernacht die beiden unerwünschten Verehrer Annas versehentlich in die Arme schließen.

Gleich vorweg: Der Star des Abends ist Otto Nicolai und der war musikalisch gesehen  Europäer! Welch ein Melodienreichtum, mühelos wechselnd zwischen der italienischen Opera Buffa und der deutschen romantischen Musik in der Tradition eines Carl Maria von Weber. Nicolai dirigierte die Uraufführung seiner Oper vor 170 Jahren im damaligen Königlichen Opernhaus Unter den Linden auf Wunsch des Königs, der ihn ein Jahr zuvor zum Hofkapellmeister ernannt hatte. Wer weiß, was Nicolais früher Tod 1849, nur wenige Wochen nach der Uraufführung verstarb er überraschend, für eine Weiterentwicklung des so leichten wie anmutigen und humorbegabten Genres verhindert hat, wie viel wunderbare Musik noch dazu! Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor sind bis heute sein bekanntestes Werk geblieben. Wie Mozarts Entführung aus dem Serail und Zauberflöte, später Albert Lortzings Wildschütz oder Zar und Zimmermann, Friedrich von Flothos Martha oder Carl Maria von Webers Abu Hassan entspringt das Stück der deutschen Spielopertradition, die nach Mitte 19. Jahrhunderts jedoch von Wagners Dramen und der italienischen Oper in der Tradition Verdis überstimmt wurde.

Im Unterschied zur Opera Buffa enthalten Spieloper und Singspiel keine Rezitative, sondern gesprochene Dialoge. Spielopern wurden oft von Wanderbühnen gegeben, in deren Repertoire es keine scharfe Abgrenzung zwischen Schauspiel und Oper gab.

Nicolais Verdienst ist es, dass er mit seiner Oper zugleich auch ein Gegengewicht gegen die Grand Opéra im französischen Stil und die italienische Oper sowie gegen die Bestrebungen einer deutschen Nationaloper setzte, wie Wagner sie in Angriff nahm. Bereits 1837 notierte er Gedanken zu einem Operngenre, das die guten Seiten der italienischen Oper mit denen des deutschen romantischen Repertoires verknüpfen sollte: „Die deutsche Opernmusik enthält demnach Philosophie genug – aber nicht Musik genug: die italienische dagegen enthält Musik genug, aber nicht Philosophie genug. Sollte es denn ganz unmöglich sein, einer Vereinigung beider Anforderungen zu genügen?“

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor - hier : Mandy Fredrich als Frau Fluth und Michaela Schuster als Frau Reich © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor – hier : Mandy Fredrich als Frau Fluth und Michaela Schuster als Frau Reich © Monika Rittershaus

Als musikalischer Wanderarbeiter durch das Europa seiner Zeit (Wien, Berlin, Rom, Mailand) ziehend, konnte sich Nicolai mühelos in alle gängigen Opernformen einarbeiten und dieser europäischen Fähigkeit zur Aneignung ließ er den Lustigen Weibern mit Witz und parodistischem Talent freien Lauf. Shakespeare bot den perfekten Nährboden dafür. Schon die Ouvertüre, eine schwungvolle Angelegenheit, nimmt die Melodien des Stückes in einem Potpourri vorweg: Lyrische Arien wie die des Fenton „Horch die Lerche“, atemlos-rossiniesken witzigen Ensembles, die beiden großen Nachtchorstücke mit Mondanbetung und Elfentrick, die Eifersuchtstöne der Herren Fluth und Reich und die unbekümmerten spitzfindigen leichten Koloraturen der Frau Fluth.

So spielerisch die Form anmutet, umso politischer erscheint jedoch die Entstehungsgeschichte des Stücks. Otto Nicolai hatte die Musik bereits 1846 in groben Zügen skizziert als er noch erster Kapellmeister an der Wiener Hofoper war und dort mit einem Akademiekonzert 1842 die heutigen Wiener Philharmoniker aus der Taufe gehoben hatte. In Wien wurde jedoch die Uraufführung der Lustigen Weiber abgelehnt und Nicolai folgt dem Ruf des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Dort trat er 1848 seine Stelle als Hofkapellmeister und Leiter des königlichen Domchores an. Die geplante Uraufführung fiel jedoch den 1848 ausbrechenden Märzunruhen zum Opfer, die junge demokratische Bewegung ging auf die nahe der Oper aufgerichteten Barrikaden und dem König gelang erst in den folgenden Monaten die Konsolidierung der Monarchie und damit auch seines Hoftheaters. Erst am 9. März 1849 gelangten die Lustigen Weiber zur Uraufführung und fanden in den folgenden Jahren Eingang in das deutschsprachige und europäische Opernrepertoire.

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : René Pape als Sir John Falstaff, Chor und Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : René Pape als Sir John Falstaff, Chor und Ensemble © Monika Rittershaus

Überhaupt steht an diesem Abend die Form der Deutschen Spieloper der Staatsoper Unter den Linden gut zu Gesicht und dringend in den Startlöchern zur Wiederentdeckung eines ganzen Genres. Dies gilt ganz besonders für die musikalische Seite des Stückes. Und hier setzt der etwas schwieriger einzuordnende Teil des Abends an. Die auf der Kante zwischen stellenweise übertrieben wirkendem, Comedy getriebenem Slapstick- und Brechstange-Humor und ernstgenommener Empathie für die Nöte der handelnden Figuren angelegte Inszenierung balanciert das Kreativteam stellenweise zu flach aus.

Denn so unpolitisch der Inhalt der Oper ist, hat sie doch nicht nur eine vordergründigen vergnügliche Seite. Insbesondere die zentrale Figur des verarmten Ritters John Falstaff, immerhin mit einem Sir geadelt, hat durchaus tragische Züge von Einsamkeit, Alter und gesellschaftlichem Absturz, einer Selbstentäußerung mit Flirts um Geld, und das wirtschaftliche Überleben. Eine Außenseiterrolle, die durchaus auch das Zeug zum Mobbingopfer hat. Die saturierte Langeweile der gut situierten bürgerlichen Damen, deren Jammern auf hohem Niveau einzig der Eifersucht der Ehegatten gilt und auch die romantische Versponnenheit deren behüteter Kinder ist durchaus mokante Gesellschaftskritik von Nicolais komödiantischem Geist in Noten gefasst.

Doch die als Konzeptansatz der Inszenierung explizit zugrunde gelegte nostalgische Erinnerungswelt des Kreativteams an das eigene Aufwachsen in den 1970er und 80er Jahren, die sich in einer stilistisch entsprechenden Ausstattungs- und Requisitenschlacht Bahn bricht, macht diese Gratwanderung stellenweise arg platt. So erscheint Falstaff (René Pape) in einem gigantischen Fatsuit, Hängebauch über der Hose, Billigsandalen mit Tennissocken und strähnigen langen Haaren eher als bedauernswertes Opfer der Ausstattungsabteilung, denn seiner eigenen durchaus charmanten Schwachstellen. Der Rest eigener Würde verschwindet in einer Art Adelsprekariat. Dieser arme Ritter ist nicht auf Hartz IV, sondern – zumindest optisch – schon auf Hartz VIII angekommen.

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : Linard Vrielink als Junker Spärlich, Anna Prohaska als Jungfer Anna Reich, Pavol Breslik als Fenton, David Oštrek als Dr. Cajus © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Die lustigen Weiber von Windsor- hier : Linard Vrielink als Junker Spärlich, Anna Prohaska als Jungfer Anna Reich, Pavol Breslik als Fenton, David Oštrek als Dr. Cajus © Monika Rittershaus

Die Requisitenabteilung der Staatsoper hatte gut zu tun. Vom Gymnastikball bis zum Knochenhandy, der Alarmanlage an der Einheitsbetonbungalowhälfte bis zu Plastikgartenstühlen, eine Orgie in Suburbia-Vorstadt-Tristesse. Für in Puschelhaus-schuhen schon vormittags gegen die Langeweile ein Sektchen pichelnde Hausfrauen liegen Maniküreset und Hornhauthobel auf dem Gartentisch bereit. Die junge Generation erscheint in zerrissenen Jeansshorts, Springerboots und Schlabber-T-Shirts, den Walkman am Gürtel eingeklinkt. Swimmingpool hinterm Haus, akkurate Hecken nebst Gartenschere, der Garten-Grill und schließlich ein Meer von Wäschespinnen bieten jede Menge Aktionseinsatz. Schließlich macht Herr Fluth im Wäschetrog mit der Kettensäge Jagd auf Falstaff. Man fragt sich ab und zu schon, wo sind die armen „Jungs“ David Bösch (Regie), Patrick Bannwart (Bühne) und Falko Herold (Kostüme) nur aufgewachsen?

In diesem Über-Spaß-Kontext bleibt die Regie jedoch recht konventionell. In der einleitenden Briefszene zum Beispiel wird die kompromittierende Doppel-Post brav abgelesen. Ansonsten agiert die gesamte Besetzung in bestens gestimmter Spiellaune. Hier liegt das Glück in einer durchweg grandiosen Besetzung, die jeder Wagner-Oper angemessen wäre.

Allen voran Michael Volle als vor mühsam unterdrückter Eifersucht kochender und umso beherrschter herrlich schlank akzentuiert bassbaritönend singender Herr Fluth. Mandy Fredrich als seine schwangere Ehefrau geht die koloraturreiche Partie mit Leichtigkeit und durchaus bestimmt an, altstimmlich sehr angenehm co-kuratiert von ihrer „Sister in Crime“ Michaela Schuster als Frau Reich, die mit dem Habitus einer Zarah Leander der Vorstadt stets mit einem Glas zur Hand über den Rasen schreitet. Wilhelm Schwinghammer ist ihr resoluter Ehemann mit stimmstarkem Bass. Anna Prohaska und Pavol Breslik zaubern beide dem jungen Paar jugendlich strahlende, höhensichere Töne in die Kehlen. Erfrischend komisch und stimmlich mit Schmackes gestalten Linard Vrielink (Tenor) und David Ostrek (Bariton) das Verehrerpaar Spärlich und Dr. Cajus. Schade, dass sie eine eher platte Travestienummer am Ende als Paar zusammenführt.

Dreh- und Angelpunkt der Oper ist Sir John Falstaff, dem René Pape mit geschmeidigem Bass und profund Ausdruck verleiht – ganz im Gegensatz zu seinem dermaßen prekären Erscheinungsbild, das die Figur –anders als bei Shakespeare – hier szenisch und optisch etwas zu sehr reduziert.

Der Chor des Hauses begleitet im ersten der beiden großen Chorstücke das Aufgehen eines riesigen Mondes über den selbständig rotierenden Wäschespinnen der Vorstadt wunderbar uptempo gesungen aus dem Off.

Und was machen Daniel Barenboim und die Staatskapelle? In der – zum Glück szenisch unbespielten – Ouvertüre schon werfen sie mit flirrenden Streichern, volltönenden Bläsern und Schlagwerk einen verheißungsvollen transparenten sommernachtstraumhaften Blick auf das alles klärende Finale. In breiten Bögen herrscht hier allerseits „Witz, heit‘re Laune“, wie es Frau Fluth später in ihrer großen Arie benennt. Es steht Nicolais Musik nach 170 Jahren absolut zu, auf diesem hohen Niveau zu erklingen.

Die lustigen Weiber von Windsor; 19.10.2019; weitere Termine sind noch nicht festgelegt,  voraussichtlich in der kommenden Spielzeit

Besuchte Vorstellung 11. Oktober 2019

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Uraufführung LOVE, YOU SON OF A BITCH, 25.10.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Die Uraufführung von LOVE, YOU SON OF A BITCH, eine Musiktheaterperformance von Letizia Renzini, am 25. Oktober bildet den Saisonstart von LINDEN 21

Am 25. Oktober erlebt LOVE, YOU SON OF A BITCH, eine Musiktheaterperformance von Letizia Renzini mit Musik von Alessandro und Domenico Scarlatti, seine Uraufführung im Alten Orchesterprobensaal. Neben dem Konzept und der Inszenierung stammen auch das Kostüm- und das Videodesign von Letizia Renzini. Für die Choreographie zeichnet Marina Giovannini, die auch als Tänzerin auftritt, verantwortlich, für die elektronische Komposition Giuseppe Ielasi. Die Produktion findet im Rahmen des Formats LINDEN 21 statt und schlägt zugleich einen Bogen zu den BAROCKTAGEN, die am 1. November beginnen.

Mit der Liebe und ihren Abgründen rechnet Alessandro Scarlatti in einer seiner Kantaten ab, in der er Amor als »brutto figlio de pottana« bezeichnet. Diese Zuschreibung bildet den Titel von Letizia Renzinis Performance rund um die Wechselwirkung von Liebe, beruflichen Erfolg, Frustration und Verzweiflung als gegenwärtiges Phänomen des flexiblen Menschen. Als Grundlage der Stückentwicklung dienen ausgewählte Kantaten von Alessandro und Domenico Scarlatti in barocker Besetzung, die mit Elektronik verschmelzen.

Die italienische Sound- und Videokünstlerin Letizia Renzini erforscht mit einem interdisziplinären Ansatz die Möglichkeiten des neuen Musiktheaters, wobei sie verschiedene Medien und Kunstformen miteinander verschmilzt. Als Regisseurin, Musikerin, Performerin und DJane entwickelte sie Musiktheaterproduktionen wie Multimedia-Installationen. Sie arbeitete mit Größen der zeitgenössischen Theaterszene Italiens wie Romeo Castellucci (Socìetas Raffello Sanzio) und Virgilio Sieni (Biennale Venedig) zusammen, außerdem wirkte sie als Sprecherin und DJane beim Sender RAI Radio 3, als Musikkritikerin für Zeitschriften und Magazine (Alias, Il Manifesto, Musica Jazz), und unterrichtete Multimedia und Filmgeschichte am Istituto Marangoni für Mode, Kunst und Design in Florenz.

Ihre Musiktheaterproduktionen wurden auf internationalen Theater- und Kunstfestivals wie der Biennale in Venedig, dem Festival Romaeuropa, den Operadagen Rotterdam und Fabbrica Europa gezeigt, außerdem an Häusern wie dem Muziekgebouw Amsterdam, dem Mozarteum in Salzburg, dem Radialsystem Berlin, dem Auditorium Parco della Musica in Rom, dem Centro Cultural de Belém, dem South African State Theatre Pretoria, The Place London, der Opéra de Lille, dem Tanzeshus Stockholm, dem Royal Opera House Covent Garden, dem Centro di Cultura Contemporanea Strozzina in Florenz, der Elbphilharmonie und der Pariser Philharmonie. 2018 gab sie mit ihrem Musiktheaterprojekt »Decameron 2.0« ihr Debüt beim Festival dei Due Mondi in Spoleto.

Zum Ensemble gehören Lore Binon (Sopran), Thomas Lichtenecker (Countertenor), Marina Giovannini (Tanz), Thomas Baeté (Viola da gamba), Okkyung Lee (Violoncello), Luise Enzian (Harfe) und Franziska Fleischanderl (Salterio).


Die zweite Ausgabe der BAROCKTAGE findet vom 1. bis 10. November statt und stellt die unmittelbaren Zeitgenossen Henry Purcell und Alessandro Scarlatti in den Fokus. Am 1. November feiert Alessandro Scarlattis IL PRIMO OMICIDIO in der Regie von Romeo Castellucci und unter der musikalischen Leitung von René Jacobs, der das B’Rock Orchestra dirigiert, Premiere. Darüber hinaus werden Henry Purcells DIDO & AENEAS und KING ARTHUR wiederaufgenommen. Das weitere Programm umfasst zahlreiche Konzerte, einen Roundtable sowie Führungen durch das Opernhaus und durch das barocke Berlin.

LINDEN 21 umfasst die Produktionen und Projekte des Spielplans, die den vielfältigen Formen zeitgenössischen Musiktheaters nachspüren. Den Saisonstart bildet LOVE, YOU SON OF A BITCH. Im weiteren Verlauf der Saison werden noch vier weitere Produktionen gezeigt: LA PICCOLA CUBANA, eine kammermusikalische Fassung von Hans Werner Henzes und Hans Magnus Enzensbergers 1974 uraufgeführter Fernsehoper LA CUBANA, in einer Einrichtung von Jobst Liebrecht, unter der musikalischen Leitung von Peter Ruzicka und in der Regie von Pauline Beaulieu feiert am 28. April im Alten Orchesterprobensaal ihre Deutsche Erstaufführung. Am 19. Juni wird im Apollosaal WERCKMEISTER HARMONIEN von Thom Luz und Mathias Weibel uraufgeführt. Die 1682 von dem Musiker und Musiktheoretiker Andreas Werckmeister formulierten Grundlagen zur wohltemperierten Klavierstimmung sind der Ausgangspunkt des Projekts, das sich mit dem Schaffen und der Auflösung von Ordnungen beschäftigt und nach einer Wahrheit im Zweifel sucht, im Raum zwischen den schwarzen und weißen Tasten. Darüber hinaus werden im Rahmen von LINDEN 21 zwei Produktionen wiederaufgenommen – USHER von Claude Debussy / Annelies Van Parys in der Regie von Philipp Quesne (ab 16. Januar) sowie HIMMELERDE, ein Maskenmusiktheater von Familie Flöz und der Musicbanda Franui (ab 3. April).


LOVE, YOU SON OF A BITCH
A Scarlatti Project
Musiktheaterperformance von Letizia Renzini

Mit Musik von Alessandro und Domenico Scarlatti
Uraufführung am Freitag, den 25. Oktober 2019 um 19:30 Uhr
Weitere Vorstellungen am 27., 28., 30. und 31. Oktober sowie 2. und 3. November 2019
Staatsoper Unter den Linden – Alter Orchesterprobensaal

Eine Werkeinführung findet jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn statt.

Die Produktion wird unterstützt durch den Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper Unter den Linden

Tickets sowie weitere Informationen unter Telefon 030 20 35 45 55 und www.staatsoper-berlin.de

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR – Otto Nicolai, 03.10.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

  DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR – Otto Nicolai

  Regie  David Bösch, musikalische Leitung Daniel Barenboim

Eröffnungspremiere 3. Oktober 2019

Am 3. Oktober findet mit Otto Nicolais DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR in der Regie von David Bösch, der mit dieser Produktion sein Hausdebüt gibt, die Eröffnungspremiere der Saison 2019/20 an der Staatsoper Unter den Linden statt. Im März 1849 an der Berliner Staatsoper (der damaligen Königlichen Hofoper Berlin) unter dem Dirigat des Komponisten uraufgeführt, kehrt das Werk nun mehr als 30 Jahre nach der letzten Inszenierung wieder ans Haus zurück. Die musikalische Leitung übernimmt Daniel Barenboim, es spielt die Staatskapelle Berlin. Das Bühnenbild hat Patrick Bannwart entworfen, die Kostüme stammen von Falko Herold. René Pape gibt als Sir John Falstaff sein Rollendebüt, daneben sind u. a. Michael Volle (Herr Fluth), Pavol Breslik (Fenton), Mandy Fredrich (Frau Fluth), Michaela Schuster (Frau Reich) sowie Anna Prohaska (Anna Reich) zu erleben.

Als Vorlage diente Otto Nicolai die Shakespeare Komödie THE MERRY WIVES OF WINDSOR. Regisseur David Bösch verlegt diese Oper, an der Grenze zwischen Ordnung und Chaos, in eine bürgerliche Vorgartenszenerie. Die vermeintliche Idylle droht durch das Auftauchen von Falstaff zu kippen, der Unordnung und damit auch Freiheit in die Bürgerwelt bringt. Das führt für ihn zu Abenteuern, aber auch zu großer Einsamkeit und Melancholie.

Das Falstaff-Thema ist auch im weiteren Programm der Staatsoper Unter den Linden präsent, mit der Wiederaufnahme von Verdis FALSTAFF (ab 26. Januar 2020) sowie mit dem I. Abonnementkonzert der Staatskapelle Berlin am 14. und 15. Oktober (Staatsoper / Philharmonie), bei dem u. a. Elgars Symphonische Studie »Falstaff« erklingt.

David Bösch, geboren 1978, gehört zu den führenden Regisseuren seiner Generation. Nach seinem Studium der Theater- und Filmregie inszenierte er bei den Salzburger Festspielen 2004 im Rahmen des Young Directors Special. Seitdem arbeitet er an bedeutenden deutschsprachigen Bühnen, u. a. am Burgtheater Wien, am Hamburger Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin, am Bayerischen Staatsschauspiel München sowie am Berliner Ensemble. Von 2010 bis 2013 war Leitender Regisseur am Theater Bochum, von 2013 bis 2016 Hausregisseur am Burgtheater. 2010 begann er mit einer Inszenierung von Donizettis L’ELISIR D’AMORE an der Bayerischen Staatsoper München seine Tätigkeit als Opernregisseur. In den folgenden Jahren inszenierte er u. a. Wagners DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG in München, Humperdincks KÖNIGSKINDER an der Oper Frankfurt, LE NOZZE DI FIGARO in Amsterdam, ELEKTRA in Antwerpen, IL TROVATORE am Royal Opera House Covent Garden London, Schrekers DIE GEZEICHNETEN in Lyon sowie Korngolds DIE TOTE STADT und Verdis NABUCCO an der Dresdner Semperoper. Mit Nicolais DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR debütiert er an der Staatsoper Unter den Linden.

Zum weiteren Ensemble gehören Wilhelm Schwinghammer (Herr Reich), Linard Vrielink (Junker Spärlich) sowie David Oštrek (Dr. Cajus). Darüber hinaus singt der Staatsopernchor, einstudiert von Martin Wright.

Zur Vorbereitung auf die Premiere findet am Sonntag, dem 29. September um 11 Uhr im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden eine Einführungsmatinee mit Prof. Dr. Ulrich Konrad von der Universität Würzburg statt, einem der besten Kenner der Musik Otto Nicolais. Der Eintritt ist frei.


DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR
Komisch-phantastische Oper in drei Akten (1849)
Musik von Otto Nicolai
Text von Salomon Hermann Mosenthal nach William Shakespeares »The Merry Wives of Windsor«
Premiere am Donnerstag, den 3. Oktober 2019 um 18:00 Uhr
Weitere Vorstellungen am 5., 9., 11., 13. und 19. Oktober 2019
Staatsoper Unter den Linden

Eine Werkeinführung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Apollosaal statt.

Die Produktion wird unterstützt durch den Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper Unter den Linden

Tickets sowie weitere Informationen unter Telefon 030 20 35 45 55 und www.staatsoper-berlin.de

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

Nächste Seite »