Berlin, Deutsche Oper Berlin, La Sonnambula – Ein Alpentraum, IOCO Kritik, 15.02.2019

Februar 15, 2019  
Veröffentlicht unter Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Kritiken, Oper

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

La Sonnambula  im  Zauberberg

– Ein Alb/p-Traum nach Vincenzo Bellini  –

von Kerstin Schweiger

„Ich steh mitten auf ‚ner Alm, Heugabel in der Hand,
mir ist das neu, weil ich mich gerade noch im Bett befand.
Ich träume offenbar im Tiefschlaf vor mich hin,
guck mich erstmal verschlafen um, wo ich wohl bin.
Dunkle Tannen, grüne Wiesen und Sonnenschein.
Ach, nee, bloß nicht, ich muss in den Alpen sein.
Oh, Gott, ich hab ‘nen Alpentraum, es ist alles so furchtbar, ich hab ‘nen Alpentraum.
Weck mich auf, weck mich auf, Weck mich auf!“

Songtext von Weber-Beckmann „Alpentraum“

Die majestätische Weite der Bergwelt ist als hermetischer literarischer Ort bekannt. Thomas Manns Zauberberg versammelt in den Schweizer Alpen 1924 eine geschlossene Gesellschaft als Zwangsgemeinschaft in erhobener Lage, in einem Sanatorium. Johanna Spyris Welterfolg Heidi von 1883 setzt Stadtleben in Frankfurt und das entlegene Landleben in den Schweizer Alpen gegeneinander und thematisiert dabei sogar Heidis Schlafwandelsymptome aus Heimweh nach den Bergen.

Vincenzo Bellini - Père Lachaise - Paris © IOCO

Vincenzo Bellini – Père Lachaise – Paris © IOCO

Knapp 50 Jahre zuvor siedelte Bellini zusammen mit seinem Librettisten Felice Romani LA SONNAMBULA in einer entlegenen Bergwelt an, in deren verschlossenen Grenzen seltsame Dinge vor sich gehen.

Worum geht es? Amina, mittellose Waise, ist verlobt, hat gar schon den Ehevertrag unterschrieben, ist aber noch nicht mit ihrem Elvino vor den Altar getreten. Aus einfachen Verhältnissen kommend, wird sie den reichsten Bauern im Dorf heiraten. Als sie nachts im Schlafzimmer des inkognito heimgekehrten Grafen Rodolfo aufwacht, zerbricht die trügerische Idylle: Amina ist sich keiner Schuld bewusst, doch Elvino löst die Verlobung auf und kehrt zu seiner verflossenen Geliebten Lisa zurück. Erst als Amina der versammelten Dorfgemeinschaft wie ein Geist erscheint, wird ihre Unschuld offenbar: die Dorfgemeinschaft realisiert, was passiert ist: Schlafwandelnd war sie nicht Herrin ihrer Sinne. Aus der Trance erwacht, findet sich Amina als Braut Elvinos wieder.

Als Bellini eine ganze Handlung um eine Schlafwandlerin herum entwarf, war der Sonnambulismus – das Schlafwandeln als pathologischer Befund jedoch noch nicht erforscht. Erst 1843 wurde eine erste medizinische Aufzeichnung zu diesem Thema veröffentlicht: „Mittheilungen über die Sonnambüle Auguste K.“ von Johann Karl Bähr in Dresden veröffentlicht. Zuvor wurde das Schlafwandeln als Geistererscheinung oder Wahnsinn gesehen. Eine psychologisch gestützte Betrachtungsweise entwickelte sich erst Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts.

La Sonnambula – Vincenzo Bellini
youtube Video der Deutschen Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Geschichte wirft jedoch weitere Fragen auf: das Verhältnis zwischen Adel und Volk, eventuell sogar die überkommene Tradition eines ius primae noctis, ist der Figaro-Graf ein Verwandter im Geiste des Grafen Rodolfo, sind die die pragmatischen Frauenfiguren in LA SONNAMBULA Schwestern von Gräfin und Susanna? 1831 lag die Französische Revolution noch nicht lange zurück. In dieser Zeitenwende zogen sich die Bürger ins Private zurück. Der Eskapismus machte auch bei den erdachten Figuren und Schauplätzen in Theater und Oper nicht halt. Angesichts privater und politischer Widrigkeiten flüchteten sich auch Opernfiguren in andere Geisteszustände: Es wimmelte von Geistern, Untoten, Wahnsinnigen und Somnambulen. In Bellinis LA SONNAMBULA verunsichert ein Gespenst die Einwohner im Schweizer Bergdorf. Erst im Laufe der Handlung wird sich herausstellen, dass es die junge Amina ist, die nachts durch das Bergdorf irrt.

Vincenzo Bellini schrieb die Oper 1831, im gleichen Jahr wie auch seine berühmteste Oper NORMA. In der Aufführungstradition dieser Werke aus der Belcanto-Epoche legten Publikum und Produzenten lange einen starken Fokus auf die musikalische Seite dieser Werke, mit einer Konzentration auf die Stimme und das Können der Sängerinnen und Sänger im Interesse eine sogenannten Belcanto-Tradition, die als Schöngesangoper zu wörtlich genommen wird. Denn die Schönheit der Melodien verstellt den Blick auf Konflikte und tieferliegende Schichten der Handlung. Das Drama findet im Mikrokosmos der Vorstellungswelt der handelnden Figuren statt. Diese persönlichen Dramen in der und mit der Musik sichtbar zu machen, ist das Anliegen des Regie-Duos Jossi Wieler und Sergio Morabito.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula - hier : Verena Gimadieva als Amina, Helene Schneidermann als Teresa, Alexandra Hutton als Lisa © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula – hier : Verena Gimadieva als Amina, Helene Schneidermann als Teresa, Alexandra Hutton als Lisa © Bernd Uhlig

Die dünne (Berg-)Luft, wenn es um vermeintliche Untreue, Überschreiten von Standesgrenzen und weitere Grenzgänge in einem abgelegenen streng gestrickten dörflichen Mikrokosmos und die Enge einer solchen traditierten Gemeinschaft geht, bekommen die Protagonisten in deutlich zu spüren. Wieler und Co-Regisseur Morabito legen das Unausgesprochene, das hinter dem Stück schlummernde frei, befördern das akzeptiert Unausgesprochene hinter der verschlafenen Bergdorffassade ans Tageslicht.

Sie erzählen die Geschichte mit einer fundierten dramaturgischen Begleitung durch Lars Gebhardt handfest und heutig so: Mit schlafwandlerischer Sicherheit landet die allseits geschätzte junge Frau Amina, ein Waisenkind, durch eine pathologische Besonderheit im bisher größten Fettnäpfchen ihres Lebens. Kurz vor der Hochzeit mit ihrem Traummann Elvino, dem reichsten und attraktivsten Junggesellen weit und breit, vermasselt Amina sich und ihrer ehrgeizigen Ziehmutter Teresa in einem nächtlichen Alleingang wider Willen erstmal die gute Partie. Sie schlafwandelt zielsicher in das Gästebett des regionalen Grafen, der nach langer Abwesenheit zurückkehrt und in Lisas Gasthaus Quartier genommen hat. Obwohl dort nichts passiert ist, was ihre Hochzeit mit Elvino in Frage stellen könnte, interpretiert die Dorfgemeinschaft einen Fehltritt mit dem Grafen, ein gefundenes Fressen und interessante Abwechslung für alle. Dorfbewohner.

Aminas größte Neiderin, die proletenhafte Wirtshausbesitzerin Lisa, mit Pullover und Hirn aus Mohair-Wolle, herauswachsendem Haaransatz, prekären Manieren und einem sonnigen Herzen mit Schnauze, nutzt die Gunst der Stunde und macht sich prompt mit Elvino auf den Weg zum Altar. Nicht ohne ihrem Dauer-Verehrer, dem smarten Alessio, mit einem kräftigen Tritt vor das Macho-Schienbein endgültig den Laufpass zu geben.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula - hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula – hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Alles vor den Augen der plump-schlauen Dorfgemeinschaft, die sich im Dorfgasthaus das Leben der anderen auf der Lästerzunge zergehen lässt. Grenzen verschieben sich, Strukturen, die Halt geben, brechen auf. Alles vollzieht sich vor der Augen und Ohren der größten Instanz vor Ort: der Dorfgemeinschaft, die in dumpfer Eintönigkeit stehengeblieben ist. Amina steht an der Schwelle zum Erwachsensein, ihr bisheriges Leben als Ziehtochter einer umtriebigen Mutter würde sich mit der Heirat in eine andere soziale Ebene komplett ändern. Die Gastwirtin Lisa versinkt im tristen Alltag, sie verzweifelt an der Eintönigkeit des Seins. Teresa, Aminas Ziehmutter, wittert den Karrieresprung zur reichen Schwiegermutter. Der Graf kehrt aus der Stadt zurück in die Berge, um alte Geschichten oder Beziehungen aufzuarbeiten.

Graf Rodolfo, der Amina gern wach in seinem Bett gesehen hätte, jedoch die pathologische Seite ihres Ausflugs erkennt, bleibt fair und klärt die Gemeinde über Aminas Sonnambulismus auf. Elvino springt über seinen Schatten und bekennt sich zu Amira als sie erneut schlafwandelnd im Gastraum erscheint. Amina erwacht und findet sich dort wieder, wo die Geschichte anfing. Doch an die Unbeschwertheit des Anfangs kann keiner der Protagonisten anknüpfen, das Happy End schmeckt schal, ein Alpentraum – für alle Beteiligten.

Kongenial wirkt der von Anna Viebrock entworfene Bühnenraum. Ein herunter gekommener Landgasthof. Der riesige hallenartige gewölbte Gastraum lässt an Trostlosigkeit kaum zu wünschen übrig. Schwere Holzschränke, Stromzähler, kahle Glühbirnen und vollgestopfte und nicht geleerte Briefkästen lassen ahnen, dass sich das Dorfleben komplett an diesem Ort abspielt, Fenster oder Alpenpanorama gibt es nicht. Hier wird das Äußere nach innen gekehrt.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula - hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula – hier : Verena Gimadieva als Amina, Ante Jerkunica als Graf Rodolfo © Bernd Uhlig

Bellini gibt dieser Sichtweise recht. Der Komponist setzte Koloraturen und Verzierungen sparsamer ein als in seinen anderen Opern. Selbst in den Nachtwandelszenen Aminas – die durchaus als „kleine Schwestern“ der großen Wahnsinnsszenen wie z.B. in Donizettis LUCIA DI LAMMERMOOR zu verstehen sind – wird die Koloratur nie zum Selbstzweck eingesetzt: Der Komponist konzentriert sich hier ganz darauf, den Gefühlen der Protagonistin nachzuspüren.

Die Mezzosopranistin Helene Schneiderman gibt ein furioses Hausdebüt an der Deutschen Oper Berlin. Sie zeichnet eine scharfe Charakterstudie von Aminas Ziehmutter Teresa, hält die Fäden in Richtung Heirat mit Elvino gegen alle Widrigkeiten zielgerichtet in der Hand. Ihre Ziele liegen symbolisch in der Handtasche, an der sie sich fast das ganze Stück hindurch festhält. Jede Geste sitzt, sie beherrscht in präsenter Unauffälligkeit die Szene. Was Teresa und den Grafen möglicherweise früher verbunden hat, bleibt in Blicken und szenischen Andeutungen unklar.

Venera Gimadieva in der Titelpartie der Amina vereint innigen Schmelz, zartes Piano und großzügige Geläufigkeit in der an Koloraturen reichen Titelpartie. Fragil in der Darstellung, ist sie von klarer Präsenz in sich ruhend, aber nicht fatalistisch dem Geschehen ergeben.

Der mexikanische Tenor Jesús León als Elvino beherrscht alle Belcanto-Techniken. Mit elegantem hellem Tenor präsentiert er ein differenziertes Rollenverständnis des in tiefe Verwirrung fallenden Elvino, der mit einem Herz aus Gold aber wenig Standhaftigkeit gegenüber der fordernden Gemeinschaft und vor allem gegenüber Amina zeigt.

Alexandra Hutton als Gastwirtin Lisa ist der große Gegenentwurf zur fragilen zögerlichen Gestalt Aminas. Sie signalisiert einen kommenden selbstbewussten Frauentypus. Ihr heller Sopran lässt die vielen Verzierungen in den Gesangslinien der Rolle mühelos leuchten. Sie ist eine durch und durch heutige Figur, Prekariat pur, Herz mit Schnauze. Andrew Harris als ihr Liebhaber Alessio gestaltet einen Hipster mit geschmeidigem und durchsetzungsstarkem Bass.

Als Graf Rodolfo glänzt der kroatische Bass Ante Jerkunica. Er zeichnet mit Eleganz einen belesenen und differenzierenden Adligen an der Schwelle zur Bürgerlichkeit, mit Handkoffern ohne Dienerschaft reisend, Bücher im Gepäck, ein Kämpfer zwischen Verlangen und Anstand. Mit profundem, schönem Bass und müheloser Höhe, ergänzt er eine Ensembleleistung die nicht in Schöngesang zum Selbstzweck verfällt, sondern diesem ein spannendes Psychodrama selbstverständlich an die Seite stellt.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin zeigt die Dorfgemeinschaft musikalisch wie szenisch als vielseitiges Charakterbild, Individuen, die in der Gruppe stark sind, inklusive Polizist und Person mit Handicap. In der Zeit eingefrorene Sonderlinge, die Druck auf Außenseiter wie Lisa und Amina ausüben, eine Instanz, an der kein Individuum vorbei kommt.

In Stephan Zilias, der in der Endprobenphase als Musikalischer Leiter einsprang, haben Chor und Ensemble einen einfühlsamen Begleiter, der mit moderaten Tempi Raum für ausführliche Gesangslinien bietet. Fein abgestimmt mit der Regie, gewährt er sogar Generalpausen für Schockmomente oder Umbauten.

Ein Alpentraum aus einem Guss. Wer daraus aufwacht fragt sich, wie es wohl nach dieser Nacht weitergehen wird

Besucherstimmen  –  Zur Premiere von La Sonnambula 
youtube Video der Deutschen Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Deutsche Oper Berlin hat das Thema Belcanto begleitend in einem öffentlichen dreitägigen Symposium im Februar 2019 zu einem aktuellen Thema gemacht und in Vorträgen und Diskussionen unterschiedlicher Referenten die Gültigkeit des Belcanto—Begriffs ausgelotet.

Als Ideal einer Verschmelzung von Klangschönheit, Ausdruck und Virtuosität steht der Begriff „Belcanto“ seit Claudio Monteverdis L’ORFEO, also seit über 400 Jahren, für die Faszinationskraft, die vom Einsatz der menschlichen Stimme auf der Opernbühne ausgehen kann. Was „schön“ ist, entscheidet jede Generation aufs Neue. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Oper mit einem realistischeren Musikstil einen anderen Weg einschlug, änderte sich auch der Begriff des Belcanto zuletzt erneut gravierend.

LA SONNAMBULA von Vincenzo Bellini, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 26.1.2019,  weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit am 19. und 25. Mai 2019

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, La Sonnambula – Vincenzo Bellini, IOCO Aktuell, 26.01.2018

Januar 23, 2019  
Veröffentlicht unter Deutsche Oper Berlin, Pressemeldung

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Von Weltflucht, Traum und Trance … und dem Erwachen in der Realität

La Sonnambula – Vincenzo Bellini

Premiere: 26. Januar 2019, weitere Vorstellungen: 2., 7., 10. Februar, 19., 25. Mai 2019

Vincenzo Bellini - Père Lachaise - Paris © IOCO

Vincenzo Bellini – Père Lachaise – Paris © IOCO

Immer noch sind die Opern des romantischen Belcanto eines Donizetti (1797-1848) und Bellini (1801-1835) als „Schönsangopern“ ohne inhaltliche Tiefe verschrien. Die Schönheit der Melodien, die Konzentration auf die Stimme und das Können der Sängerinnen und Sänger verstellen gerade bei Bellini immer wieder den Blick auf Konflikte und tieferliegende Schichten. Insbesondere LA SONNAMBULA wird gern als letztes Aufflackern eines naiven Pastoralspiels rezipiert. Es stimmt, die großen Herrschaftskonflikte und der absolute Wahnsinn fehlen hier, doch auch im Kleinen gibt es große Dramen:

HANDLUNG: In einem abgelegenen Dorf in den Schweizer Alpen spielt sich eine Tragödie mit gutem Ausgang zwischen einfachen Menschen ab. Amina ist verlobt, hat gar schon den Ehevertrag unterschrieben, ist aber noch nicht mit ihrem Elvino vor den Altar getreten. Aus einfachen Verhältnissen kommend, wird sie den reichsten Bauern im Dorf heiraten. Als sie des Nachts im Schlafzimmer des inkognito heimgekehrten Grafen Rodolfo aufwacht, zerbricht die trügerische Idylle: Elvino löst die Verlobung auf und kehrt zurück zu seiner verflossenen Geliebten Lisa. Erst als Amina, in schwindelerregender Höhe und dem Tode nah, der versammelten Dorfgemeinschaft wie ein Geist erscheint, wird ihre Unschuld offenbar: Schlafwandelnd ist sie nicht Herrin ihrer Sinne – aus der Trance erwacht, findet sich Amina als Braut Elvinos wieder.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula - hier : Verena Gimadieva, Helene Schneidermann, Alexandra Hutton © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula – hier : Verena Gimadieva, Helene Schneidermann, Alexandra Hutton © Bernd Uhlig

Das Regieduo Jossi Wieler (ehemaliger Intendant der Oper Stuttgart) und Sergio Morabito hat in den letzten Jahren immer wieder eine Lanze für die Opern Bellinis gebrochen: Ihre Produktionen von NORMA, IL PIRATA und eben auch LA SONNAMBULA legen bei genauer Analyse die tieferen Schichten der vermeintlich so oberflächlichen Figuren frei. Dabei greifen sie bei LA SONNAMBULA auf verworfenes Material von Romani und Bellini zurück: Libretto-Skizzen zeigen sehr deutlich, dass die im finalen Libretto nur angedeutete Vaterschaft Rodolfos für Amina von den Autoren durchaus intendiert war. Damit eröffnen sich natürlich neue Perspektiven für die Interpretation. Amina fällt mit ihrer naiven Gutgläubigkeit aus der misstrauisch-dumpfen Dorfgesellschaft heraus, aber auch Lisa – die Konkurrentin um das Herz Elvinos – ist eine durchaus selbstbestimmte Außenseiterin. Und auch der Blick auf das Gespenst, das die ganze Dorfbevölkerung, inklusive Amina, glaubt, immer wieder zu sehen, wird bei Wieler / Morabito geschärft.

Bellini setzt Koloraturen und Verzierungen sparsamer ein als sein Kollege Donizetti, und in LA SONNAMBULA gezielter noch als in seinen anderen Opern. Selbst in den Nachtwandelszenen Aminas – die durchaus als „kleine Schwestern“ der großen Wahnsinnsszenen der Belcanto-Opern zu verstehen sind – wird die Koloratur nie zum Selbstzweck eingesetzt: Der Komponist konzentriert sich hier ganz darauf, den Gefühlen der Protagonistin nachzuspüren. Wieler und Morabito machen diese Gefühle und die psychologischen Dimensionen der Musik erfahrbar.

Die Produktion entstand 2012 für die Staatsoper Stuttgart und wurde in einer Kritikerumfrage zur „Inszenierung des Jahres“ gekürt. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben sie nun für die Deutsche Oper Berlin einstudiert – gemeinsam mit den Solisten erarbeiten sie die Figuren neu.

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / La Sonnambula © Bernd Uhlig

Anna Viebrocks realistisch-überzeichneter Bühnenraum und die detailgenauen Kostüme, die auch jeden Chorsänger zum Individuum machen, tragen wie so oft bei den Arbeiten von Wieler und Morabito zum Erfolg bei.

Die musikalische Leitung übernimmt Diego Fasolis, der längst nicht mehr nur Spezialist für Alte Musik ist, sondern sich – nicht zuletzt in der historisch-kritischen Einspielung von Bellinis NORMA mit Cecilia Bartoli – auch im Belcanto-Fach einen Namen gemacht hat.

Wir freuen uns auf Venera Gimadieva in der Titelpartie, die mit ihrem lyrischen Koloratursopran zu einer der gefragtesten Interpretinnen ihres Fachs gehört. An der Deutschen Oper Berlin stand sie im Februar 2016 als Giulietta in Bellinis I CAPULETI E I MONTECCHI an der Seite von Joyce DiDonato und war auch bereits als Violetta Valéry (LA TRAVIATA) hier zu erleben. Noch in dieser Saison wird  sie an der Semperoper Marguerite von Valois in der Neuproduktion von LES HUGUENOTS interpretieren.

Der mexikanische Tenor Jesús León übernimmt die Partie des Elvino, der nach Vorstellungen an der Staatsoper Stuttgart kein Neuling mehr in der Rolle ist. Als Graf Rodolfo ist der kroatische Bass Ante Jerkunica zu erleben, dessen Präsenz als Pimen in BORIS GODUNOW und alsMarcel in LES HUGUENOTS in den Neuproduktionen der Deutschen Oper Berlin von Publikum und Presse einhelligen Beifall erhielt. Und als Teresa gibt die Mezzosopranistin Helene Schneiderman endlich ihr  Debüt an unserem Haus.

—| IOCO Atuell Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, LA SONNAMBULA – Vincenzo Bellini, 26.01.2019

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

 LA SONNAMBULA – Vincenzo Bellini

Premiere 26. Januar; 2., 7., 10. Februar 2019

Von Weltflucht, Traum und Trance … und dem Erwachen in der Realität

Libretto von Felice Romani; Uraufführung: 6. März 1831 am Teatro Carcano in Mailand
Eine Übernahme der Oper Stuttgart; Premiere am 22. Januar 2012 in Stuttgart. Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 26. Januar 2019, In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.

Amina, mittellose Waise, und Elvino, der reichste Bauer im Dorf, wollen heiraten. Doch als Amina nachts im Zimmer des nach langer Abwesenheit zurückgekehrten Grafen Rodolfo gefunden wird, zerbricht die trügerische Idylle in den Schweizer Alpen: Elvino löst die Verlobung auf und kehrt zurück zu seiner verflossenen Geliebten Lisa. Erst als Amina in Schwindel erregender Höhe wie ein Geist der Dorfgemeinschaft erscheint, wird ihre Unschuld offenbar: Schlafwandelnd war sie nicht Herrin ihrer Sinne – aus der Trance erwacht, findet sie sich als Braut Elvinos wieder.

Jossi Wieler und Sergio Morabito erarbeiten ihre für die Staatsoper Stuttgart entstandene Inszenierung, die 2012 zur „Aufführung des Jahres“ in der Kritikerumfrage der „Opernwelt“ gekürt wurde, für die Deutsche Oper Berlin neu. Sie verlegen darin die romantische Idylle eines Schweizer Bergdorfes in eine Gastwirtschaft auf dem Lande. Mit liebevoller ironischer Brechung gelingt dem Regieteam ein Psychodrama von tiefer Wahrhaftigkeit, das den Charakteren ungeahnte Dimensionen verleiht. Unter der musikalischen Leitung von Diego Fasolis singen u. a. Venera Gimadieva, Alexandra Hutton, Helene Schneiderman, Ante Jerkunica und Jesús León.

BESETZUNG  –  Musikalische Leitung : Diego Fasolis, Regie und Dramaturgie : Jossi Wieler – Sergio Morabito, Bühne, Kostüme : Anna Viebrock, Licht : Reinhard Traub, Chöre : Jeremy Bines, Dramaturgische Betreuung : Lars Gebhardt

MIT:  Graf Rodolfo : Ante Jerkunica, Teresa : Helene Schneiderman, Amina : Venera Gimadieva, Elvino : Jesús León, Lisa : Alexandra Hutton, Alessio : Andrew Harris, Ein Notar: Jörg Schörner

Chöre: Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Les Contes d`Hoffmann – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 07.12.2018

Dezember 7, 2018  
Veröffentlicht unter Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Kritiken, Oper

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

LES CONTES D’HOFFMANN – Jacques Offenbach

Libretto Jules Barbier, nach dem drame fantastique von Jules Barbier und Michel Carré, herausgegeben von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck; Uraufführung am 10. Februar 1881 in Paris; eine Produktion der Opéra de Lyon, Premiere am 19. November 2005 in Lyon; Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 1. Dezember 2018

Von Kerstin Schweiger

– Der Stadtneurotiker – lost in Berlin –

„(—) beschrieben wird der Weg eines Träumers und geborenen Verlierers, der am Ende dennoch durch die Kraft der eigenen Kreativität sein Überleben sichert.“

Sie lesen hier keine Zusammenfassung von Jacques Offenbachs einziger Oper Hoffmanns Erzählungen, obwohl der Eintrag im Lexikon des Internationalen Films zu Woody Allens Spielfilm „Der Stadtneurotiker“ von 1977 genauso auch auf die knapp 100 Jahre zuvor entstandene Oper passt. Warum? Woody Allen hat seine Stadt New York City als Projektionsfläche für die Beziehungsgeschichte eines Großstadtpaares gewählt. Die pulsierende Stadt ist Teil des psychologischen Geflechts, durch das die Protagonisten navigieren. Die Stadt spiegelt Stimmungen wider, die Stadt erzeugt Stimmungen.

Auch E. T. A. Hoffmann, auf dessen Erzählungen Jacques Offenbachs einzige Oper beruht, und Offenbach selbst, waren zu ihrer Zeit Metropolenbewohner. „Das lebendige Leben der großen Stadt, der Residenz wirkt doch nun einmal wunderbar“. E. T. A. Hoffmann (24. Januar 1776 – 25. Juni 1822), Jurist, Schriftsteller, Komponist, lebte von 1815 bis 1822 durchgehend in Berlin und war zum überzeugten Berliner und Großstadtbürger geworden. Hoffmann wohnte zuletzt vis a vis vom Gendarmenmarkt und dem Vorgängertheatergebäude des heutigen Konzerthauses.

Deutsche Oper Berlin / Les Contes d´Hoffmann - hier : Cristina Pasaroiu als Olympia © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Les Contes d´Hoffmann – hier : Cristina Pasaroiu als Olympia © Bettina Stoess

Berlin war damals mit rund 150.000 Einwohnern tatsächlich eine Metropole und wie keine andere deutsche Stadt ein Zentrum von Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern geworden. Besonders die Salons, die Lese- und Tischgesellschaften, die Clubs und die Logen um 1800 förderten einen Kulturaustausch zwischen Vertretern verschiedener sozialer Schichten und Religionen.

Dank der aktiven Teilnahme Hoffmanns am Berliner Gesellschafts- und Kulturleben und dessen Dokumentation ist die Oper Hoffmanns Erzählungen auch ein Sittengemälde Berlins aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Hoffmann schuf mit seinen in Berlin entstandenen bzw. angelegten Erzählungen Metropolenliteratur, Berlin selbst wurde zum Star. Und nur ein Jahrhundert später hat sich das Bild von der Stadt als Star in der aufkommenden Cinematographie (Das Kabinett des Dr. Caligari), in der Literatur (wie z.B. in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“) und der Kunst (George Grosz u.a.) mit anderen Mitteln fortgesetzt.

„Warum denke ich schlafend oder wachend so oft an den Wahnsinn?“ schrieb Hoffmann in seinem Tagebuch. Vom Alkohol animiert, transferierte er in seinen spätromantischen Romanen, Märchen und Geschichten die Gespenster seiner Nächte in seine Erzählungen. Als Säufer, Alchimisten, Verirrte tauchten sie dort wieder auf. Seine Streifzüge durch die Weinlokale der Stadt aber auch das genaue beobachten des Metropolenlebens boten ihm vielfachen literarischen Stoff. So waren Automaten – wie in der Oper die Puppe Olympia (Foto unten) – Ausdruck einer Technik-Begeisterung in einer Zeit, in der es beispielsweise noch keine Eisenbahnen gab.

Jacques Offenbach surfte nur wenige Jahrzehnte nach Hoffmann als ungekrönter König des Esprits und der Operette durch das 585-000 Einwohner zählende Paris des Zweiten Kaiserreichs. Der jüdische deutsche, aus Köln eingewanderte, „Franzose“ Jacques Offenbach hatte nur ein Streben: eine Oper zu schreiben. Stattdessen waren es die Bouffes (komische satirische Revuen, Operetten), die ihn berühmt machten und ihm eine einzigartige Stimme als Komponist und Theaterunternehmer in Paris verschafften.

Jacques Offenbach - Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach – Montmartre © IOCO

1835 begann Offenbach als Cellist an der Opéra-Comique in Paris zu arbeiten. Die Kunstform Opera Comique sah damals im Gegensatz zur Grande Opera Opernaufführungen von Stücken vor, in denen sich Arien und Ensembles mit gesprochenen Zwischentexten abwechselten. Seine Erfahrungen dort waren vermutlich Inspiration, diese Theaterform für seine Oper LES CONTES D’HOFFMANN aufzugreifen. Doch als selbständiger Theaterunternehmer führte er ab 1855 zunächst erfolgreich seine „Offenbachiaden“ auf. Diese satirischen Musiktheaterstücke mit witzigen, pointierten gesprochenen Dialogen machten das Theater nach seinem Erfolgsstück Orpheus in der Unterwelt 1858 zu einer Art Flüsterkneipe des Musiktheaters. Als scharfzüngiger Beobachter und Maitre de Plaisier im französischen zweiten Kaiserreich unter Kaiser Napoleon III. hatte er seinen Platz und einen Weg gefunden, der allgegenwärtigen Zensur ein Schnäppchen zu schlagen. Offenbach karikierte Sitten, Ereignisse und Personen seiner Zeit und hielt der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und konkret Kaiser Napoleon III. den Spiegel vor – ein musikalischer Cartoonist. Sein Theaterkonzept erlaubte unter dem Deckmantel der Parodie politische und erotische Freizügigkeit in Zeiten strenger Zensur. Mit seiner Operette La Vie Parisienne setzte er 1866 der Stadt und dem Lebensgefühl dieser Zeit ein musikalisches Denkmal.

In LES CONTES D’HOFFMANN schlug Jacques Offenbach ernstere Töne an. Die geschickt zur Opernhandlung verwobenen Erzählungen E.T.A. Hoffmanns spiegeln bald grotesk, bald tragisch Glanz und Elend der Welt der Kunst und ihrer Protagonisten. Offenbach plante spätestens seit Anfang der 1870er Jahre, das gleichnamige Drama von Barbier und Carré zu vertonen. Die bei Offenbachs Tod 1880 unfertige Oper fand nach verschiedenen Bearbeitungen schließlich im Laufe des 20. Jahrhunderts in der Bearbeitung von Michale Kaye und Jean-Christophe Keck zu ihrer hier gespielten Fassung mit gesprochenen Dialogen.

Erster Akt

In der Weinstube von Lutter & Wegner trinkt der Dichter Hoffmann mit Studenten, um sich von seinem komplizierten Liebesverhältnis zur Sängerin Stella abzulenken, die als Donna Anna in Mozarts Don Giovanni auftritt. Seine Muse reflektiert über die Wirkungen von Alkohol und Rausch im künstlerischen Prozess und verwandelt sich dann in einen jungen Mann, Nicklausse, der Hoffmann in seinem unsteten Treiben durch die Stadt in dieser Gestalt stets folgen kann. Hoffmanns Rivale Lindorf fängt einen Brief Stellas an Hoffmann ab mit dem Schlüssel zu ihrer Garderobe.

Für die Studenten singt Hoffmann das Lied von Zwerg Kleinzack, gerät mittendrin unversehens in eine schwärmerische Stimmung und erzählt schließlich von seinen zahlreichen unglücklichen Liebschaften.

Zweiter Akt

Hoffmanns große Liebe zu Olympia nach E. T. A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann vollzieht sich im Haus von Spalanzani, der die mechanische lebensgroße Puppe geschaffen hat. Mit Ausnahme ihrer Augen, die er von Coppelius erwarb, jedoch nicht dafür bezahlte. Spalanzani hat eine Gesellschaft skurriler Gäste geladen, denen er Olympia vorstellen möchte. Auch Hoffmann will Spalanzanis sogenannte „Tochter“ Olympia kennenlernen. Coppelius verkauft Hoffmann zunächst eine Brille mit magischen Fähigkeiten, die alles in idealem Licht erscheinen lässt. Als Coppelius von Spalanzani den Kaufpreis für Olympias Augen einfordert, stellt ihm dieser einen Scheck aus. Hoffmann mit der magischen Brille erkennt nicht, dass Olympia eine Puppe ist, und verliebt sich in sie. Nicklausse setzt alles daran, ihn von diesem Irrglauben abzubringen. Doch Hoffmann verkennt die Situation und gesteht der Puppe seine Liebe. Er tanzt mit ihr, bis die Puppe die Szene verlässt. Coppelius entdeckt, dass der Scheck nicht gedeckt ist und zerstört deshalb die Puppe. Hoffmann ist außer sich und setzt sich mit Nicklausse ab.

 Deutsche Oper Berlin / Les Contes d´Hoffmann hier Daniel Johannson als Hoffmann und Cristina Pasaroiu als Muse © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Les Contes d´Hoffmann hier Daniel Johannson als Hoffmann und  Cristina Pasaroiu als Muse © Bettina Stoess

Dritter Akt

Hoffmanns Liebe zu Antonia beruht auf E.T.A. Hoffmanns Novelle Rat Krespel. Antonia ist die Tochter des Rats Crespel, dessen Frau verstorben ist, weil sie an einer seltenen Krankheit litt, die durch das Singen ausgelöst wurde. Crespel sieht mit Sorge, dass die musikliebende, sängerisch begabte Antonia das gleiche Schicksal ereilen könnte. Hoffmann hat Antonias Herz gewonnen, und sie ist bereit, für ihn auf eine Karriere als Sängerin zu verzichten. Ein düsterer Doktor Mirakel, der für den Tod von Antonias Mutter verantwortlich ist, lässt Antonias Mutter aus dem Jenseits zu ihr sprechen und sie zum Singen auffordern. Antonia kann sich nicht widersetzen, singt und stirbt.

Vierter Akt

In Venedig sucht Hoffmann desillusioniert vergesen beim Spuiel. Nicklausse mahnt ihm sich nicht wieder zu verlieben. Dapertutto besticht die Kurtisane Giulietta mit einem Diamanten, Hoffmann zu verführen und ihm sein Spiegelbild zu entwenden. Als Beispiel führt sie Schlemihl an, dem Giulietta den Schatten raubt. Giulietta erweckt erfolgreich Hoffmanns Liebe zu ihr, als Schlemihl erscheint, eifersüchtig auf alle, die Giuliettas Nähe suchen. In einem Duell tötet Hoffmann Schlemihl mit Dapertuttos Waffe. Nicklausse drängt zur Flucht, doch Hoffmann will zu Giulietta, die ihn um sein Spiegelbild bringt. Giulietta verrät Hoffmann als Mörder Schlemihls an die Obrigkeit und Hoffmann ersticht auch sie. Er flieht mit Nicklausse.

Fünfter Akt

Hoffmann ist wieder bei Lutter & Wegner und betrunken. Nach einer Vorstellung der Oper Don Giovanni erscheint die Sängerin Stella, doch Hoffmann weist sie ab und verspottet Lindorf, der seinerseits Stella für sich gewinnen möchte, mit einer letzten Strophe des Liedes vom Kleinzack. Die Muse hat ihre Verkleidung abgelegt und tröstet Hoffmann, er fände seine Bestimmung in der Kunst.

Die Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin ist eine Koproduktion mit der Opéra de Lyon, dem Grand Teatre del Liceu in Barcelona und der San Francisco Opera. Die Ursprünge reichen sogar zurück bis ins Jahr 2003, wo der französische Regisseur und Kostümbildner Laurent Pelly das Stück erstmals in dieser Serie auf die Bühne brachte. Premiere der aktuellen Fassung in Lyon war bereits im Jahr 2005. Die Einstudierung der Berliner Premiere übernahm Christian Räth.

Pelly zeichnet in fantasievollen Bühnenwelten und bewegten Chorbildern in dieser Inszenierung das Abgleiten des Dichters Hoffmann in Wahn und Rausch psychologisch nach. Am Pult steht Enrique Mazzola, der erste ständige Gastdirigent des Hauses, der dem Publikum der Deutschen Oper Berlin bereits als herausragender Interpret des französischen Repertoires bekannt ist.

Laurent Pelly und Enrique Mazzola präsentieren einen Opernabend, in der der Dichter Hoffmann als Prototyp eines übernächtigten Großstadthipsters durch die Schattenseiten der Großstadt irrt. Blau und grau gestaltet sich die Innenwelt des Dichters, die Farben finden sich im gesamten Bühnenbild (Chantal Thomas) wieder, das durch Passepartouts, Soffitten, Bühnenwägen und der ausgeklügelten Choreografie der Stagehands in ständiger Bewegung befindet. Die vielen Verwandlungen versetzen den Zuschauer in die Gedankenräume der Person Hoffmanns und der Personen seiner Episoden, das musikalische Gedankenkarussell eines angegriffenen Geistes. Psychologisch ist die Inszenierung so durchdacht wie düster.

Ein labyrinthisches Treppenhaus, in dem die Liebenden nicht zueinander finden, trennt Antonia und Hoffmann. Die flatterhafte Giulietta empfängt ihn in einem Salon mit auf Venedigs Wellen schaukelnden Sitzgruppen und im Wind wehenden Vorhängen. Höhepunkt ist die schräge Erfinderwerkstatt Spalanzanis mit der Automatenpuppe Olympia.

Deutsche Oper Berlin / Les Contes d´Hoffmann - hier : Alex Esposito als Dapertuto  © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Les Contes d´Hoffmann – hier : Alex Esposito als Dapertuto  © Bettina Stoess

Ab hier nimmt die Inszenierung dann Fahrt auf. Pelly treibt das Spiel der Illusionen beständig fort. Er löst Verwandlungssituationen auf, in dem die Bühnentechniker plötzlich sichtbar sind und offene Umbauten vornehmen. Illusion und Desillusion sind in der Figur Hoffmanns angelegt und finden ihre Fortsetzung im Szenischen. Hoffmann macht seine Gedankenwelt öffentlich.
Beide Schöpfer, der Dichter Hoffmann und auch der Komponisten Jacques Offenbach waren gespaltene Personen. Hoffmann im Spagat zwischen nächtlichem Rausch und seinem Brotberuf, Offenbach gefangen zwischen so genannter E- Und U-Musik. Dieser Zwiespalt setzt sich fort in der Aufsplittung der weiblichen Hauptfigur, der Geliebten Hoffmanns, in vier verschiedene Frauen, dargestellt von einer Sängerin. Auch die wichtigste Person im Stück, der Spieltreiber in Gestalt von Hoffmanns Muse hat eine zweite Identität. Als junger Nicklausse begleitet sie Hoffmann durch die amourösen Abenteuer, zu denen sie ihn inspiriert. Ein Master of Ceremonies.

Der ganze Abend stellt sich wie ein Buch dar, dem man erst nach dem zähen Ringen um die ersten 100 Seiten nachgibt. Dann jedoch verfolgt man atemlos den Fortgang der Handlung. Hier ist der erste der fünf Akte dieser Fassung der sprödeste. Lutters Keller in tristem Alkoholgraublau, der angeschlagene Hoffmann allein unter grauen in Kleidung der Gründerzeit gewandeten Männern auf der Suche nach sich selbst, der Sinnhaftigkeit seiner Dichtung und der großen, nicht greifbaren Liebe. So dunkel wie diese Bilder im kargen grau-blau und fahl dominierten abstrakten Bühnenaufbau sind, die nur durch scharfkantige kleine Lichträume (Lichtdesign: Joël Adam) erhellt, Schlaglichter auf den Protagonisten werfen, so depressiv gibt sich Hoffmann in Auftreten und Äußerem.

Auf der Habenseite dieser Produktion steht ganz klar die musikalische Qualität an erster Stelle. Enrique Mazzola, ständiger Gastdirigent an der Deutschen Oper Berlin hält über knapp dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer die Spannung im Orchestergraben und auf der Bühne auf höchstem Niveau.

Daniel Johannsson findet mit seinem sehr lyrisch ausgerichteten Tenor zu einer eher introvertierten Interpretation des Titelhelden. Ein Tenor in the Dark analog zu Kurt Weills Broadwayshow Lady in the Dark, die in den 1940er Jahren erstmals das Thema Depression und Psychoamnalyse als Musiktheaterthema aufgriff.

An seiner Seite mit agiler Spielfreude und stimmlicher wie szenischer Hochspannung als Muse und Begleiter Nicklausse ist Irene Roberts mit vollem Mezzosopran. Cristina Pasaroiu gibt ihren vier so verschiedenen Rollen mit klarem, schlank geführtem höhensicheren Sopran mit ganz eigenen Farben und wunderbaren Pianissimi. Eine stimmliche wie darstellerische Höchstleistung. Ihr akrobatisches Kabinettstückchen als Olympia auf Rollschuhen ist hinreißend komisch. Zu Beginn der Olympiaarie steuert sie mit Koloraturen ein sogenanntes Dolly, eine Art Hebesitzkran, der Kameraleuten ermöglicht aus unterschiedlichsten Höhen und Perspektiven zu filmen, ein Sketch in Loriot’schem Geist.

Im Quartett der Bösewichte Lindorf, Coppelius, und Dapertutto setzt Alex Esposito mit profundem wandelbarem Bass alles auf eine Karte. Das Herzass unter den italienischen Bässen, ein Pfund dieser Produktion. Jörg Schörners pointerter Charaktertenor liefert eine herrliche Skizze des zerstreuten Erfinders Spalanzani. Gideon Poppe hat die skurrilen Dienercharaktere von Franz bis Pitichinaccio tenoral-komödiantisch fest in Stimme und Griff.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin zeigt sich bestens bei Stimme mit differenzierten Tempi und Betonungen. Mit absoluter Spiellust setzen die Chormitglieder dem szenischen Kabinettstück in Spalanzanis Erfinderkabinett an individuellem Witz und Ausdruck noch eines drauf. Eine tolle Ensembleleistung.

Mazzola spornt das groß besetzte Orchester der Deutschen Oper Berlin zu höchster Intensität, differenzierter glasklarer Sprache, jede Instrumentengruppe perlt aus dem Graben auf. Mit straffem Tempo treibt er Offenbachs Klangorgien voran und reißt Solisten und Chor auf dem Bühne mit in einen wunderbaren Tontaumel, dem man bis zum letzten Finale atemlos folgt.
Und das Ende bleibt offen so wie die Oper unvollendet blieb. Hoffmann liegt in einer Ohnmacht in Lutters Keller, die Muse verspricht ihm Erfüllung in der Kunst. Ob er sie hört? Für Dirigent Enrique Mazzola ist dieser Prozess die verschiedenen Bearbeitungen und Fassungen dieses Werkes ohne Ende mit jeder neuen Inszenierung weiter zu hinterfragen, weiterzuführen sehr spannend. Er ist sicher: „Das Finale dieser Oper liegt in der Zukunft.“ Vielleicht ja im bald beginnenden Offenbachjahr 2019 zu Offenbachs 200. Geburtstag.

Les Contes d`Hoffmann an der Deutschen Oper Berlin; die weiteren Termine 15.12.2018, 5., 9., 12. Januar 2019.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Nächste Seite »