Berlin, Deutsche Oper Berlin, DOB Spielzeit 2018/19 – Eröffnungsfest, IOCO Aktuell, 01.09.2018

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

1.9.2018:  Spielzeiteröffnung der Deutschen Oper Berlin

„Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest“

Von Kerstin Schweiger

Ein Haus und 666 Gastgeber: Die Deutsche Oper Berlin und das Staatsballett Berlin luden zur Spielzeiteröffnung in die Deutsche Oper Berlin ein und feierten an einem hellen Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Fest mit tausenden Besuchern. Doch eigentlich kam das Opernhaus seinem Publikum – und gerade auch denen entgegen -, die aus verschiedenen Gründen noch keinen Zugang zu diesem Haus nicht gefunden haben, um den Beginn der Spielzeit 2018/2019 gemeinsam zu feiern.

„Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
(…) Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus“

Das Kraftwerk Oper brummte und klang. Auf dem Vorplatz, im Restaurant, in den Foyers, auf den Probebühnen, in Probensälen, Musikzimmern und in der Tischlerei, der kleinen Spielstätte der Oper, zeigten die gut gelaunten, engagierten Spielmacher, was Oper kann, und vor allem, wie viel Spaß Oper machen kann: Vom „Bügeln wie die Profis“ der Ankleideabteilung bis zu individuellen, aus Wunschstoffen genähten Tütüs für kleine Prinzessinnen war das Foyer ein Mitmach-Parcours für kleine und erwachsene Kinder. Das Orchester der Deutschen Oper erwies sich als wahrhaft musikalisches Chamäleon: Salonorchester, Tango- oder Big Band. Stipendiaten des Förderkreises gaben erste gesangliche Kostproben.

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 © Kerstin Schweiger

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 © Kerstin Schweiger

Einblicke in musikalische und szenische Ausschnitte aus den Produktionen der aktuellen Spielzeit fanden sich überall, auf kleinsten Podesten wie auf der Hauptbühne. Besonders schön und begehrt: die vielen Angebote für Kinder. Schminken, Mittanzen und jede Menge gelber Luftballons, die beim Zerplatzen zahlreiche musikalische Akzente setzten. Das Musikinstrumentenmuseum im Foyer des ersten Ranges bebte von wunderbar hingepupsten Trompeten- und Posaunenklängen kleiner Musiker.

„Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen“

In einer Technikshow präsentierte sich die neue Bühnenmaschinerie, nach der Wasserhavarie, die Anfang des Jahres die Technik fast außer Betrieb setzte und monatelange, großartige ersonnene, Notfallmaschinerie und –Beleuchtung erforderte, ein glücklicher Moment. Was kein Zuscahuerauge sonst zu sehen bekommt, entdeckten Besucher bei den sehr begehrten Rundgängen hinter der Bühne. Kabel und Scheinwerfer, Inspizientenpult und hohe Kulissenmagazine waren als überraschende, verborgene Orte zu erkunden.

Durch die Foyers flanierten Ritter in schimmernden Rüstungen, das Publikum genoss selbst Verkleidungen und wählte dafür unter rund 300 Kostümen und Kostümteilen von Biedermeier bis Mittelalter, von der Königskrone bis zum Zylinder. 200 Bärte und 60 Perücken hat die Maske hervor- und interessierten Besuchern angezaubert.

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 _ Ein Hinweisschild © Kerstin Schweiger

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 – Ein Hinweisschild © Kerstin Schweiger

Selbst die neuen T-Shirts der Deutschen Oper, gestaltet von dem Zeichner und Illustrator Christoph Niemann, dessen Bilder und Zeichnungen die Spielzeit im Foyer porträtieren, tragen die Oper nach draußen. Sie enthalten Stilelemente der markanten Fassade des Hauses und machen so alle T-Shirt-Träger zum Botschafter des Opernhauses.

Ergänzend strahlte die graue Außenmauer des Parkhauses der Deutschen Oper als Pop Up-Paste Streetart-Galerie. In Zusammenarbeit mit dem Kunstprojekt „Wandelism“ rufen hier phantasievolle Paste-Collagen – mit Leim aufgeklebte Plakate – noch bis Ende Oktober ein interessiertes, smart fotografierendes, Publikum in die Oper als Ort, an dem noch mehr Überraschungen lauern.

„Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen“

Dietmar Schwarz © IOCO

Dietmar Schwarz © IOCO

Die stärkste Chorbesetzung an diesem Ort ließ den vollbesetzten Zuschauerraum zum Extrachor werden. Die smarteste Geste machte Intendant Dietmar Schwarz selbst: zusammen mit Ensemblemitglied Alexandra Hutton las er pointiert und augenzwinkernd aus „fiesen Kritiken“ zu den Produktionen der vergangenen Spielzeit und versenkte den „Inszenierungsmüll“ anschließend galant in der Abfalltonne.

Der Theaterdirektor und seine 665 Mitstreiter können also gespannt der kommenden Spielzeit entgegen sehen.

 


„Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht“

 

https://deutscheoperberlin.de/de_DE/calendar/premiere

Paste-Up Festival bis 31. Oktober 2018

—| IOCO Aktuell Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Premiere IL VIAGGIO A REIMS, 15.06.2018

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Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

IL VIAGGIO A REIMS  – Gioacchino Rossini

Premiere am 15. Juni 2018, weitere Vorstellungen am 22., 24. und 30. Juni sowie 5. Juli 2018

Die Uraufführung von Gioacchino Rossinis letzter italienischer Oper am 19. Juni 1825 in Paris war in mehrfacher Hinsicht ein besonderes Ereignis: Zum einen stellte sich der Kompositionsstar Italiens endlich mit einem eigens für Paris komponierten Stück in der Seine-Metropole vor. Seit über einem Jahr schon leitete er das Théâtre royal Italien, in dem zahlreiche seiner Opern gespielt worden waren – das anspruchsvolle und überaus kritische Pariser Publikum verlangte aber nach einem neuen Werk der italienischen Schule und fieberte der Uraufführung entgegen. Zum anderen komponierte Rossini …

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

IL VIAGGIO A REIMS für die Krönungsfeierlichkeiten Karl X. Schon 1824 ließ sich der König nach dem Tod seines Bruders Ludwig XVIII. im alten Ritus der vorrevolutionären Monarchen in der Kathedrale zu Reims mit großem Pomp krönen. Im Frühsommer des folgenden Jahres fanden in Paris dann die offiziellen Feierlichkeiten statt, zu denen alle Theater und Opernhäuser Programmpunkte beisteuerten. Rossini und sein Librettist Luigi Balocchi entschieden sich in ihrer Krönungsoper, den Anlass selbst zum Thema zu machen: Aus verschiedenen europäischen Ländern wollen Adelige mit ihren Bediensteten zur Krönung nach Reims fahren, sie stranden aber im Hotel „Zur goldenen Lilie“ und kommen mangels Pferden und Kutschen nicht weiter – kurzerhand entschließen sie sich, nach Paris zu fahren und dort den neuen König zu feiern, nicht ohne zuvor noch ein Festdiner im Hotel selbst zu organisieren. Diese Nicht-Handlung, der äußere Stillstand und das Warten werden garniert mit Flirts, Eifersüchteleien und reichlich nationalen Klischees. Rossini war sich der kurzen Haltbarkeitsdauer der Oper als Anlassstück durchaus bewusst: Einen Großteil der Nummern nutzte er für seine nächste Oper, LE COMTE ORY. Nach wenigen Aufführungen verschwand IL VIAGGIO A REIMS von der Bühne – erst in den 1980er Jahren wurde das Werk wiederentdeckt.

IL VIAGGIO A REIMS ist Rossinis letzte italienische Oper und es scheint fast, als fasse er hier alle Variationen der opera buffa und des dramma giocosa noch einmal lustvoll zusammen: Gleich einer Revue reiht er die unterschiedlichsten Arien- und Ensembleformen der Zeit aneinander. Regisseur Jan Bosse kommt diese Nummerndramaturgie sehr entgegen: „Der Ensemblegedanke dieser Oper scheint mir sehr modern. Eine Gruppe von Menschen sitzt fest – und ergeht sich in absurden Aktionen. Es gibt keine dramatische Story für einige wenige Solisten, sondern eine revueartige Abfolge von kontrastierenden, sehr unterhaltsamen ‚Nummern‘. Diese Nummern arbeiten dann mit klischeehaften Grundsituationen der Oper an sich: der unglücklich Liebende, die leidende Diva, das eifersüchtig sich umkreisende Paar, der komische Kauz. Diese große Nummernshow, aber auch das gemeinsame Erzählen eines Ensembles ist für einen Regisseur, der vom Schauspiel kommt, äußerst reizvoll! Der zunächst äußerliche Stillstand der Handlung ist dabei unsere absurde Triebfeder. Wir sehen einen Schlafsaal: Ist es eine Kurklinik? Ein Sterbehospiz? Das Asyl des todmüden Europäers? Allabendlich schwingen sich die Insassen zur großen Reise auf – um endlich die Krönung des neuen Königs zu feiern – und bleiben in abstrusen Ritualen stecken.“

Giacomo Sagripanti übernimmt die musikalische Leitung dieser Neuproduktion. Als veritabler Belcanto- und Rossini-Spezialist gastierte er schon beim Glyndebourne Festival, am Teatro La Fenice, an der Hamburgischen Staatsoper, der Opéra National de Paris und der Bayerischen Staatsoper. Nun studiert er erstmals – nachdem er in der aktuellen Saison schon Verdis IL TROVATORE musikalisch leitete – eine Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin ein.

Das aus Gästen und Ensemblemitgliedern zusammengesetzte junge Sängerensemble wird angeführt von Elena Tsallagova, die in der laufenden Saison u. a. als Berthe in Meyerbeers LE PROPHETE großen Erfolg in Berlin feierte und die Rolle der Corinna schon beim Rossini-Festival in Pesaro interpretierte. Neben ihr sind u. a. Siobhan Stagg, Vasilisa Berzhanskaya, Hulkar Sabirova, Gideon Poppe, David Portillo, Davide Luciano und Mikheil Kiria zu erleben.

Aus dem Hinterhalt: IL VIAGGIO A REIMS
Late-Night-Performance am 7. Juli um 21 Uhr in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin Europa trifft sich auf dem Weg zum gesellschaftlichen Höhepunkt der Saison – und bleibt hängen, weil nichts weitergeht. Das bildet den Rahmen für eine der brillantesten Schöpfungen des Belcanto aus der Feder von dessen Großmeister Gioacchino Rossini. Und es ist zugleich das Material für die beiden Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth – durch ihr Musiktheater-Kollektiv HAUEN UND STECHEN inzwischen einer der Geheimtipps der Berliner Szene – und die Sängerinnen und Sänger des Ensembles für einen verrückten, virtuosen, europäischen Opernabend im Rahmen der Tischlerei-Reihe „Aus dem Hinterhalt“, in der Gastkünstler verschiedenster Sparten mit ihrem Blick „von außen“ auf das jeweilige Werk reagieren und Neues entstehen lassen.

BESETZUNG:  Musikalische Leitung : Giacomo Sagripanti, Inszenierung : Jan Bosse, Bühne : Stéphane Laimé, Kostüme : Kathrin Plath, Licht : Kevin Sock, Video : Meika Dresenkamp, Dramaturgie : Lars Gebhardt

MIT: Corinna : Elena Tsallagova, Marchesa Melibea :Vasilisa Berzhanskaya, Contessa di Folleville : Siobhan Stagg, Madama Cortese :Hulkar Sabirova, Cavaliere Belfiore : Gideon Poppe, Il Conte di Libenskof : David Portillo, Lord Sidney : Mikheil Kiria, Don Profondo : Davide Luciano, Barone di Trombonok : Philipp Jekal, Don Alvaro : Dong-Hwan Lee, Don Prudenzio : Sam Roberts-Smith, Zefirino : Juan de Dios Mateos, Maddalena : Alexandra Ionis, Modestina : Meechot Marrero, Delia : Davia Bouley, Antonio : Byung Gil Kim, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Maria Stuarda, konzertant – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 02.06.2018

Juni 1, 2018  
Veröffentlicht unter Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Konzert, Kritiken

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Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

MARIA STUARDA, konzertant – Gaetano Donizetti

Diana Damrau – Königin des Belcanto und Starbesetzung

Von Patrik Klein

Diana Damrau ist mittlerweile unumstritten die „Königin des Belcanto“. Dies stellte sie vor ein paar Wochen an der Oper Zürich unter Beweis. In der Inszenierung von David Alden debutierte sie in der Rolle der „Maria Stuarda“ mit überaus großem Erfolg.

Ob als wahnsinnige Lucia in Lucia di Lammermoor, als dem Tod geweihte Violetta in La Traviata, als sterbende Antonia in Hoffmanns Erzählungen oder als aufopfernde Gilda in Rigoletto; etliche Operntode ist Diana Damrau bereits überzeugend und das Publikum in ihren Bann ziehend gestorben. Nun kam an der Deutschen Oper Berlin nach Sängerinnen wie Joan Sutherland, Montserrat Caballé und zuletzt  Joyce DiDonato der blutige und hochdramatische Hinrichtungstod der Maria Stuarda, ein Meisterwerk des Belcanto und ein Höhepunkt für jeden Donizetti- Liebhaber in die Palette der einzigartigen Diva hinzu.

Das Berliner Publikum lag ihr wie dem gesamten Ensemble zu Füßen.

Deutsche Oper Berlin / Maria Stuarda - konzertant hier Schlussapplaus © Patrik Klein

Deutsche Oper Berlin / Maria Stuarda – konzertant hier Schlussapplaus © Patrik Klein

 Maria Stuarda von Gaetano Donizetti  –  Entstehung

Das Teatro San Carlo in Neapel beauftragte Donizetti 1834, Giuseppe Bardaris Libretto angelehnt an Schillers Drama Maria Stuarda zu vertonen. Bei der Generalprobe tauchte ganz überraschend die Königin  Maria Christina von Neapel im Theater auf und wollte sich die Oper schon vor der Uraufführung ansehen. Während des letzten Aktes geschah das Verhängnis: Die Monarchin war von der Beichtszene so ergriffen, dass sie in Ohnmacht fiel. Hinzu kam, dass eine Königin, die am Ende hingerichtet wird, nach offizieller Lesart keine geeignete Opern-Heldin war. Als Folge verbot die Zensur die Aufführung des Werkes von nun an.

Donizetti hielt seine Musik für zu wertvoll, als sie einfach in der Versenkung verschwinden zu lassen. In Gemeinschaftsarbeit mit einem neapolitanischen Librettisten verfasste er einen neuen Text, den er seiner Musik unterlegte. Am 18. Oktober 1834 erlebte dann die neue Oper unter dem Titel  Buondelmonte eine völlig glanzlose Uraufführung.

Als die Mailänder Scala für die Premiere zum Jahreswechsel 1835/1836 nach einer geeigneten Oper Ausschau hielt, schlug die damals schon sehr berühmte Sängerin Maria Malibran Donizettis „verbotene“ Oper Maria Stuarda vor. Nach heftiger Diskussion wurde das Werk angenommen. Donizetti erhielt den Segen, seine lyrische Tragödie im Original herauszubringen. Aber wieder hatte es das Schicksal nicht gut mit der Oper gemeint. Beide Sängerinnen, die Maria und Elisabetta verkörpern sollten, waren indisponiert. Die Sängerinnen wollten jedoch so kurz vor dem Jahreswechsel nicht auf ihre Gage verzichten und bestanden darauf, dass das Werk über die Bühne ging. Der Erfolg war wiederum nur sehr mäßig. Daraufhin wollte Donizetti nie mehr etwas mit der Mailänder Scala zu tun haben.

Erst 123 Jahre später wurde Maria Stuarda wiederentdeckt. Die Aufführung nach einer solch langen Pause erfolgte 1958 in Donizettis Geburtsort Bergamo, und dieses Mal blieb ihr der verdiente Erfolg nicht versagt.

 

Deutsche Oper Berlin / Maria Stuarda - konzertant hier Schlussapplaus mit vlnr Jana Kurocová, Francesco Ivan Ciampa, Diana Damrau, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin © Patrik Klein

Deutsche Oper Berlin / Maria Stuarda – konzertant hier Schlussapplaus mit vlnr Jana Kurocová, Francesco Ivan Ciampa, Diana Damrau, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin © Patrik Klein

 Maria Stuarda – Die Handlung

Die Oper spielt im Palast zu Westminster sowie im Schloss und dem angrenzenden Park zu Fotheringhay 1587 während der letzten Lebenstage Maria Stuardas.

Erster Akt (Erster Teil): Galerie im Palast von Westminster

Ein französischer Diplomat überbringt der englischen Monarchin ein Schreiben seines Königs, in dem dieser um ihre Hand anhält. Gleichzeitig bittet er Elisabetta, Maria Stuarda wieder die Freiheit zu schenken. (Die Königin von Schottland wurde vor 18 Jahren von ihrem Volk vertrieben, weil sie ihren Gatten ermorden ließ. Sie suchte daraufhin bei ihrer englischen Cousine Schutz. Elisabetta selbst fürchtete jedoch um ihren Thron und ließ Maria gefangen nehmen.) Auch die beim Königshof versammelte Gesellschaft unterstützt den Wunsch des französischen Königs. Einzig und allein Cecil, der Baron von Burleigh, fordert den Tod Marias. Er war früher selbst einmal in die schöne Königin von Schottland verliebt. Als sie ihn aber abgewiesen hatte, wandelte sich seine Liebe in Hass.

Der Graf von Shrewsbury, Giorgio Talbot, überbringt Graf Leicester ein Schreiben der inhaftierten Königin, in dem sie darum bittet, er möge sich doch bei Elisabetta für sie einsetzen. Leicester genießt die hohe Gunst seiner Herrscherin. Weil sein Herz aber für die schöne Maria entbrannt ist, ist er allzu gerne geneigt, bei Elisabetta ein gutes Wort für die Schottin einzulegen. Nach langem Zureden erklärt sich Elisabetta bereit, sich mit Maria zu treffen.

Zweiter Akt (Zweiter Teil): Park des Schlosses zu Fotheringhay

Maria ist froh, nach langer Kerkerhaft endlich wieder einen Sonnentag an der frischen Luft genießen zu können. Als aus der Ferne Hörner ertönen, schlägt ihr Herz höher. Sie ist sich bewusst, dass Elisabetta mit ihrer Jagdgesellschaft auf dem Weg nach Fotheringhay ist. Plötzlich steht Graf Leicester vor ihr. Er ist der Jagdgesellschaft vorausgeeilt, um sich unter vier Augen mit ihr unterhalten zu können. Er fleht die von ihm so geschätzte Maria an, sich demütig vor Elisabetta niederzuwerfen. Dies sei der einzige Ausweg, um ihr Leben zu retten. In Sorge um Leicesters persönliches Geschick erklärt sie sich schließlich dazu bereit.

Beim Zusammentreffen der beiden Königinnen kommt alles anders, als von Maria erhofft. Die stolze Engländerin hat für ihre Verwandte nur Hohn und Spott übrig. Sie erinnert sie an ihre früheren Amouren und an ihren Mann, den sie verraten hatte und anschließend töten ließ. Maria hält die Schmach nicht lange aus und schleudert Elisabetta die Verachtung über ihre Herkunft ins Gesicht: Tief geschändet sei Englands Thron durch den Bastard, der sie sei. Wachen führen Maria ab.

Dritter Akt (Dritter Teil): Galerie im Palast von Westminster

Cecil drängt Elisabetta, endlich Marias Todesurteil zu unterschreiben. Zunächst zögert sie; doch als sie Leicester erblickt und ihr bewusst wird, welch hinterhältiges Spiel er mit ihr getrieben hat, setzt sie ihren Namen unter das Dokument. Cecil triumphiert und fordert seinen Widersacher Leicester auf, sich freiwillig gefangen nehmen zu lassen. Er gesteht ihm auch, selbst dafür gesorgt zu haben, dass Marias Brief ihm zugespielt worden sei. Er habe dies alles so geschickt eingefädelt, um ihn als Verschwörer gegen Elisabetta überführen zu können.

Vierter Teil: Gemach im Gefängnis von Maria Stuarda

Maria ist sich bewusst, dass sie bald dem Henker zugeführt wird. Talbot und Cecil überbringen ihr das Urteil. Sie lässt ihr Leben Revue passieren. Dabei denkt sie vor allem an ihren Ehemann, dessen Tod sie zu verantworten hat. Sie ist so mitgenommen, dass sie Wahnvorstellungen bekommt. Talbot, der unter seiner Kleidung ein Priestergewand trägt, kann sie wieder in die Realität zurückzuführen. Bei ihm legt sie ihre letzte Beichte ab. Als Akt letzter Gnade erlaubt Elisabetta Maria, dass ihre Dienerin Anna sie auf das Schafott begleiten darf. Maria verzeiht Elisabetta und betritt gefasst die Hinrichtungsstätte.

Deutsche Oper Berlin / Maria Sturda - hier Schlussapplaus mit Diana Damrau und Javier Camarena © Patrik Klein

Deutsche Oper Berlin / Maria Sturda – hier Schlussapplaus mit Diana Damrau und Javier Camarena © Patrik Klein

Die musikalische Interpretation an der Deutschen Oper Berlin

Konzertante Opern erfreuen sich größer werdender Beliebtheit, da sie oft innere Widerstände zu schlechten oder unverständlichen Inszenierung auflösen und allein die Komposition den Fokus des Besuchers prägt. Zudem genießt man auch die Superstars der Opernwelt persönlicher, emotionaler.

Orchestergraben und erste Reihe im Parkett sind in der Deutschen Oper Berlin überbaut, der Chor aufsteigend im Hintergrund der Bühne positioniert, davor das riesige Orchester; ein Meter über die gesamte Breite der Bühne sind Spielfläche der Solisten des Abends. Der Kontakt des Publikums zu den Protagonisten ist maximal; Emotionen und Konflikte erspürt, erlebt man hautnah. Es wird gezickt, gekniet, Machtlust und Rache ausgeübt, gefleht, geflucht und gehofft; die Musik Donizettis dringt tief ein in die gebannte Zuhörerschaft.

An der Deutschen Oper Berlin darf man die ganz besondere Zusammenkunft mehrerer Gesangskünstler und -innen größten Formats wahrnehmen. Die musikalischen Spitzen, die Koloratur-Dramatik lässt Jana Kurucová  (Ensemblemitglied an der Deutschen Oper Berlin) als Elisabetta regelrecht aufblitzen. Sie überzeugte mit herrischer Präsenz und Autorität einer britischen Monarchin. Wunderbar gestaltet sie die Partie mit feinster italienischer Diktion besonders in den schweren Koloraturpassagen. Ihr herrlich abgedunkelter Mezzosopran beherrscht die Tücken dieser Rolle vollkommen. Man kann ihre absolut sichere Intonation auch in den allerhöchsten Tönen mit großer emotionaler Betroffenheit vernehmen. Mit großartiger Dynamik in der Stimme unterstreicht sie die zahlreichen emotionalen Regungen der englischen Monarchin. Ob liebevoll, Giftspritzen verteilend, Machtgelüste genießend oder rasend vor Eifersucht; man nimmt ihr die Partie ab.  Ganz besonders überzeugt sie in der Cavatine im ersten Akt: Ah! quando all’ara sorgemi – Ah dal ciel discenda un raggio“ und in der „Trost-“ oder „Beleidigungs-Szene“ von Maria und Elisabetta im zweiten Akt: Morta al mondo, morta al trono“. Das war Weltklasse!

Deutsche Oper Berlin / Maria Sturda - hier :Schlussapplaus mit Jana Kurucová, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin © Patrik Klein

Deutsche Oper Berlin / Maria Sturda – hier :Schlussapplaus mit Jana Kurucová, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin © Patrik Klein

(Schlussapplaus Jana Kurucová, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin; Foto Patrik Klein)

Mit ihrer nach Zürich zweiten Maria Stuarda erhärtet Diana Damrau aufs Neue, dass sie wie z.B. Jonas Kaufmann zu den wenigen Deutschen gehört, die auch im nicht deutschen Fach Weltruhm erreichen können. Diana Damrau schließt hier nahtlos an die langjährige Ära der Edita Gruberova an und markiert buchstäblich eine gesangliche Zeitenwende. Es ist ein zeitgemäßes Singen auf allerhöchstem stimmlichen Niveau. Es ist ein Triumph. Diana Damrau besticht mit glasklarem wunderschönen Sopran, bei dem die Koloraturen gestochen scharf herausgearbeitet sind. Sowohl im Forte, als auch im Pianissimo ist ihre Stimmtechnik einzigartig, die Phrasierungen und das Legato gelingen ihr in hohem Maße. In ihrer einzigartigen Weise, ob leise flüsternd oder dramatisch aufbrausend, wirkt sie völlig frei jedweder Verstelltheit oder jedweden Manierismus. Es hat den Anschein, dass sie wie ein Michelangelo die Töne mit federleichtem Pinselstrich geschmeidig auf die Leinwand tupft. In ihrer Stimme erklingt eine innere Wucht und eine Entschiedenheit, wie man sie bisher bei ihr noch nicht kannte. Im Finale Anna! Qui più sommessi … Deh! Tu di un’umile preghiera il suono Anna!“ schließlich wandelt sie sich von einer von Qual durchdrungenen zu einer mit sich und der Welt ins Reine gekommen Frau. Sie singt mit schlafwandlerischer Sicherheit jeden Ton. Es klingt alles so leicht und ist doch so schwer. Das Pianissimo in der Höhe füllt das riesige Haus. Von inniger Liebe bis reiner Angriffslust. Vom „zartesten Ton“ bis zur „hochdramatischen Eruption“, man hört seelenverloren zu und spürt, dass kein einziger Moment der Unsicherheit folgen wird. Das ist es, was nicht bange werden lässt bei ihrem Weg vom hohen Koloratursopran zur tragischen Belcanto-Königin. Nach ihrem letzten Gebet: Ovationen. Man nimmt auch ihr die Rolle der unglücklichen schottischen Königin ganz einfach ab: Diana Damrau ist eine glaubhafte Maria Stuarda. Im nächsten Jahr wird sie in Hamlet von Ambroise Thomas an der Deutschen Oper Berlin zu hören sein.

Javier Camarena beeindruckte uneingeschränkt als Graf Leicester. Er gestaltete seine Partie mit großer Leidenschaft und doch viel Zärtlichkeit ohne Rückgriff auf extravagante Gesten. Seine Stimme klang einzigartig und so verführerisch,  dass man es ihm leicht abnahm, die Eifersucht der Königin von England zu wecken. Besonders in der Cavatine und dem anschließenden Duett mit Talbot im ersten Akt: Ah! rimiro il bel sembiante“, ließ er die Stärken seiner Stimme zum ungebremsten Jubel seiner Zuhörerschaft erklingen.

Bass-Bariton Nicolas Testé, der Ehemann und Bühnenpartner von Diana Damrau, gestaltete einen geerdeten, väterlichen Talbot in etwas zurückhaltender wenig Schwärze aufzeigender Manier. Der Bass Dong-Hwan Lee, der die Partie des Sir William Cecil gab, sang sehr schön und angemessen dramatisch zurückhaltend. Als überkorrekter und bürokratischer Lord fiel es ihm leicht, Elisabetta zu überzeugen, das Todesurteil für Maria Stuarda zu unterzeichnen. Die Mezzosopranistin Amira Elmadfa gestaltete die Partie der Anna Kennedy erdig und sehr sicher.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin nach ganz kleinen anfänglichen Orientierungsunsicherheiten wieder einmal mit großartiger Präzision, Formschönheit und Wohlklang, für die sich alleine schon die Reise in die Hauptstadt lohnt. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter dem Gastdirigenten Francesco Ivan Ciampa bot rhythmisch und dynamisch flexiblen Donizettiklang, besonders im ersten Teil sehr wuchtig. Manchmal hätte hier ein wenig Zurücknahme die Sänger an der Rampe noch mehr zur Geltung gebracht.

Das Publikum unterbrach die Vorstellung häufig nach zahlreichen gelungenen Arien, Duetten und besonders eindringlich geratenen Passagen mit ungebremsten Jubelstürmen. Der Schlussapplaus war entsprechend gewaltig. Da Diana Damrau an diesem Tag ihren Geburtstag feierte, trat Javier Camarena als Dirigent hervor und forderte das Publikum zum Ständchen für die Jubilarin auf.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin|—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Saimir Pirgu – Tenor, IOCO Interview, 24.05.2018

Deutsche Oper Berlin © IOCO

Deutsche Oper Berlin © IOCO

IM PORTRÄT:  SAIMIR PIRGU – TENOR

Von Kerstin Schweiger

Im Rahmen der Verdi-Wochen an der Deutschen Oper Berlin gestaltet der albanische Tenor Saimir Pirgu am 25. Mai 2018 gemeinsam mit drei Sopranistinnen und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin eine große Verdi-Gala. IOCO-Korrespondentin Kerstin Schweiger sprach mit dem Sänger, dessen Weltkarriere im Jahr 2003 begann, als er mit nur 23 Jahren als Ferrando in Così fan tutte als jüngster Sänger in einer Hauptpartie bei den Salzburger Festspielen debütierte.

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

Saimir Pirgu singt heute an den großen Opernhäusern der Welt, an der Metropolitan Opera New York ebenso wie an der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala oder London’s Royal Opera House Covent Garden, in Paris, Zürich. In Berlin war er an der Staatsoper Unter den Linden und an der Deutschen Oper Berlin zu hören.

1981 in Elbasan, Albanien geboren, erhielt Pirgu bereits sehr früh eine musikalische Ausbildung, studierte zunächst Violine und schloss die Gesangsausbildung am Konservatorium Claudio Monteverdi in Bozen, Italien ab. Durch einen Zufall traf er noch als Student Luciano Pavarotti, der zu seiner Mentoren wurde und mit ihm die wichtigsten Partien seines Repertoires erarbeitete. Nach einem frühen Debüt bei den Salzburger Festspielen wurde die Wiener Staatsoper auf Pirgu aufmerksam, dort debütierte er als Nemorino in Donizettis Liebestrank und ist seither dem Haus besonders verbunden. 2008 wirkte er als Rinuccio in Woody Allens Operninszenierung von Puccinis Gianni Schicchi an der Los Angeles Opera mit. Nach seinem Debüt an der MET titelte die New York Times in einem doppelseitigen ihm gewidmeten Artikel: „Tenor from the Dark Side of the Moon”.    Saimir Pirgu engagiert sich seit 2013 als Botschafter für  die Stiftung Down Syndrome Albania.

Das Verdi-Konzert an der Deutschen Oper wird für Saimir Pirgu eine gute Gelegenheit sein, sich mit Werken zu präsentieren, mit denen ihn Opernkenner und Fans bisher noch nicht in Verbindung gebracht haben. Pirgu hat in den letzten Jahren sein lyrisches Kernrepertoire (Nemorino, Don Ottavio, Traviata, Rigoletto) langsam und vorsichtig um etwas dramatischere Partien. Dazu zählen auch Riccardo in Un ballo in maschera und Gabriele Adorno in Simon Boccanegra, die er in der Verdi-Gala vorstellt.

Die Rolle des Riccardo hat er bereits im Jahr 2015 mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta einem seiner wichtigen Mentoren, gesungen. Als Gabriele Adorno war er 2017 am Teatro San Carlo in Neapel zu hören. Als Macduff in Verdis Macbeth wurde Pirgu am Teatro Liceo in Barcelona und in Florenz gefeiert.

Kerstin Schweiger (KS): Ihre Karriere begann sehr früh in einem Land, das auf der Opern-Landkarte was die Aufführungsdichte betrifft, noch nicht komplett erschlossen ist, jedoch als Talentschmiede für Musiker und Sänger gilt. Albanien ist ein sehr musikalisches Land mit exzellenter Ausbildung und einer besonderen folkloristischen musikalischen Tradition, die Förderung junger Talente wird traditionell groß geschrieben. Was ist das Besondere an der albanischen Gesangstradition?

Saimir Pirgu (SP): Die Geschichte des Musiktheaters in Albanien ist nicht Jahrhunderte alt, sondern beginnt in den ersten Jahren der Nachkriegszeit. In diesen ersten Jahren wuchs eine Generation von Musikern heran, die fast alle vom russischen Stil geprägt waren, denn das ehemals kommunistische Land Albanien war Teil der Sowjetunion war. Albanien hat auch eine große folkloristische Musiktradition, die auch das Musiktheater beeinflusst hat mit den ersten Opern aus der Feder albanischer Komponisten. Die albanische Volksmusik hat die Entwicklung der Oper sehr gefördert, denn die Albaner, ein mediterranes Volk mit schöner Stimmfarbe, lieben es, zu singen. Albanien hat in den letzten Jahren viele exzellente Sänger hervorgebracht, aber auch Musiker, vor allem Streicher.

 KS: War Ihnen klar, was es bedeutet, dem Berufswunsch Tenor/Sänger zu folgen und wer hat Sie unterstützt?

Saimir Pirgu © Paul Scala

Saimir Pirgu © Paul Scala

SP: Das war mir absolut klar, ja. Die Leidenschaft für den Gesang war schon immer in mir. Schon als kleines Kind habe ich es geliebt, Volkslieder für Freunde und Bekannte zum Besten zu geben. Ich bezeichne mich gerne als ein „Produkt der Drei Tenöre“. Als ich ca. 13 oder 14 Jahre alt war, sah ich das berühmte Konzert der Drei Tenöre aus den Caracalla-Thermen im Fernsehen. Ich war fasziniert davon, nahm das Konzert auf und schaute es mir unzählige Male an. Danach fiel meine Entscheidung, dass Gesang mein Lebensinhalt werden sollte. Mit gerade einmal 18 Jahren entschloss ich mich dazu, Albanien zu verlassen und nach Italien, in die Heimat der Oper, zu gehen, um Gesang zu studieren. Ich bestand die Aufnahmeprüfung am Konservatorium von Bozen, wo ich Maestro Vito Brunetti kennenlernte. Er nahm mich in seine Gesangsklasse auf und glaubte an mich. Ihm verdanke ich, dass ich das Konservatorium nach nur 2 Jahren abschließen und sehr früh meine Karriere beginnen konnen. Als ich 20 Jahre alt war, hatte ich bereits zwei wichtige internationale Wettbewerbe gewonnen. Claudio Abbado hörte davon, lud mich zu einem Vorsingen ein, so dass ich erstmals unter seiner musikalischen Leitung singen konnte. Im April 2004 debütierte ich dann an der Wiener Staatsoper und im August desselben Jahres bei den Salzburger Festspielen.

 KS:  Im Jahr 2013 gaben Sie an der Seite Plácido Domingos ihr Debüt als Alfredo in La Traviata an der MET.  Wie eng ist der Bezug zu einem Mentor wie Domingo oder Pavarotti und wie bedingungslos muss/kann man sich darauf einlassen, wie viel Vertrauen erfordert es?

 SP: Für einen jungen Sänger wie mich war es natürlich ein großes Glück, mit jemandem wie Pavarotti, den ich aus dem Fernsehen kannte und der dann zu meinem Mentor wurde, studieren zu können und mehrmals mit Domingo auftreten zu dürfen, bis hin zur besagten Traviata an der MET. Ich wollte einfach nur von diesen beiden großen Künstlern lernen. Sowohl Pavarotti als auch Domingo haben sich beide ja wie man weiß nie geschont, was die Förderung junger Talente angeht.

KS: Sie singen inzwischen an den großen internationalen Häusern große Partien. Engagieren Sie sich selbst in der Ausbildung junger Sängerinnen und Sänger in Ihrem Heimatland, können Sie sich vorstellen, später selbst zu unterrichten?

SP: Im Moment fühle ich mich nicht bereit, zu unterrichten. Nicht, weil ich es nicht könnte, sondern weil ich sehr anspruchsvoll bin und junge Sänger eine konstante Zusammenarbeit und viel Zeit mit dem Gesangslehrer brauchen. Zeit, die ich im Moment nicht habe. Ich denke, dass es andere gibt, die gut Unterrichten können und im Moment habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht darüber nachgedacht, zu unterrichten.

KS: Am 25. Mai geben Sie ein Verdi-Konzert an der Deutschen Oper Berlin. Vier Protagonisten, ein Orchester, ein Dirigent und eine Bühne. Wer hat den Hut auf? Wie läuft die Abstimmung von Repertoire, Konzertgarderobe, Medienarbeit und weiteren Rahmenbedingungen zwischen allen Beteiligten ab? 

SP: Das alles muss nicht bis auf die kleinsten Details aufeinander abgestimmt werden. Es ist zum Glück einfacher. Die hauptsächliche Verantwortung liegt beim Theater, das das Konzert organisiert, den Dirigenten verpflichtet und kontaktiert. Auf Basis der Wünsche des Theaters tauscht man mit dem Dirigenten Ratschläge aus bzgl. des Repertoires. Auch was das Marketing und die Pressearbeit angelangt ist das Theater verantwortlich. Und was die Konzertgarderobe anbelangt, gibt es einen typischen Dresscode für diese Konzerte, der aber nicht wirklich von irgendjemandem vorgegeben wird. Wir Männer tragen meist einen Frack oder Smoking, während die Frauen eine größere Bandbreite an Wahlmöglichkeiten haben.

KS: Wie kam die musikalische Auswahl für das Konzert zustande? Was ist das Besondere an diesem Konzert?

SP: Das Konzert kam auf Wunsch der Deutschen Oper zustande, die im Moment verschiedene Verdi-Opern im Programm hat, und passend zum derzeitigen Spielplan dieses Verdikonzert geplant hat. Was das Programm des Abends betrifft, war es uns bei der Planung wichtig, die beiden Teile ausgewogen zu gestalten. Wir haben die besten Arien Verdis ausgewählt und jeder von uns wird die Verdi-Arien aus seinem Repertoire singen, die ihm am besten liegen.

KS: Was ist macht für Sie den Vorteil an der institutionalisierten Musiktheaterdichte in Deutschland und im deutschsprachigen Umfeld aus?

SP: Ich muss sagen, dass die große Musiktheaterdichte, die Liebe zu dieser Kunstform und zur Musik im Allgemeinen die Deutschen und die Menschen in den deutschsprachigen Nachbarländern wie Österreich und der Schweiz sehr ehrt. Das ist wirklich etwas Einzigartiges und ein Modell für andere europäische Länder. Man kann natürlich immer darüber diskutieren, wie man das bestehende Modell noch weiter verbessern kann, aber in den heutigen Zeiten und den der allgemein angespannten finanziellen Situation bin ich glücklich, dass die Theater in Deutschland noch für ein Publikum, welches das auch zu schätzen weiß, geöffnet sind.

KS: Was ist der Vorteil an dem Stagione-System der internationalen Häuser, an denen Sie tätig sind?

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

SP: Das Stagione-System macht es möglich, mehr und vielleicht auch mit höherer Qualität zu proben. Hier kann ich als Beispiel Covent Garden in London oder die Oper von Amsterdam anführen, wo weniger gespielt, aber mehr geprobt wird und die Anzahl der Vorstellungen der jeweiligen Produktionen höher ist. Das deutsche Repertoirehaus legt Wert auf die Vielfalt des Spielplans, aber verfügt in so gut wie allen Fällen auch über ein eigenes Ensemble. Somit kommen dort in vielen Fällen lokale bekannte Interpreten bzw die Sänger des Theaters zum Einsatz.

KS: Was verbinden Sie musikalisch besonders mit Berlin?

SP: An der Berliner Staatsoper habe ich sehr jung debütiert, im Jahr 2006 in Peter Mussbachs Inszenierung von La Traviata, übrigens dirigiert von Maestro Paolo Arrivabeni, der ja auch das Verdi-Konzert am Freitag leiten wird. Dem Debüt an der Staatsoper folgte dann mein Debüt an der Deutschen Oper. Berlin ist eine Stadt, die ich sehr liebe, sehr offen und modern. Man kann hier regelrecht in Kunst versinken. Für mich wäre Berlin eine Alternative zu der Stadt, in der ich im Moment lebe. Ich könnte sicherlich gut hier leben.

KS: Was hat Verdi als Komponist und Melodien-Füllhorn für Sie für eine Bedeutung in der Auswahl ihrer Partien?

SP: Unter den Opernkomponisten nimmt Verdi einen der ersten Plätze ein, sicherlich sowohl aufgrund der brillanten Theatralik seiner Werke, als auch weil seine Opern musikalische Meisterwerke sind. Nur wenige Komponisten haben es verstanden, das Theater gut mit der Musik zu verbinden. Bei Verdi ist die Handlung genauso stark wie in Werken Shakespeares. Meiner Meinung nach hat Verdi im Vergleich zu anderen Komponisten keine Konkurrenten unter seinen Zeitgenossen. Die einzigen Komponisten, die sich in ihrer theatralischen Mentalität Verdi nähern, sind das Genie Mozart mit Da Ponte und natürlich Wagner.

KS: Wie wichtig ist es für Sie in einer durchinszenierten Aufführung aufzutreten bzw. wie gewichten Sie Ihre Auftritte zwischen Konzerttätigkeit und Bühnentätigkeit?

SP: Durchinszenierte Vorstellungen sind für mich die wichtigsten. Ein Sänger kann meiner Meinung nach maximalen Ausdruck in durchinszenierten Aufführungen im Kostüm zeigen. Was Konzerte anbelangt ist es manchmal nicht leicht, diese mit durchinszenierten Produktionen zu verbinden. Ich versuche immer beides in meinem Kalender unterzubringen, aber mit genug Zeit zwischen Konzerten und Opernproduktionen, um immer die bestmögliche Leistung bringen zu können. Es ist klar, dass ein Konzert sehr viel anstrengender ist als eine Oper – man singt insgesamt mehr, man hat mehr Arien zu singen und muss sich noch stärker konzentrieren als in einer Opernvorstellung.

KS: Früher gab es analog zur Trennung von Bühne und Zuschauerraum auch eine separierende Rollenverteilung zwischen Künstlern und Publikum: am Bühneneingang wurde versucht einen Blick auf den Künstler zu erhaschen, oder ein Autogramm zu ergattern. Heute kommuniziert man auf Augenhöhe in den sozialen Netzwerken. Was ist der und ist es ein Vorteil?

SP: Ich finde es toll, nach der Vorstellung Fans zu sehen, mir gefällt das sehr und es ist immer eine große Freude. Was die sozialen Netzwerke anbelangt, muss man sich dem Lauf der Zeit anpassen. Heutzutage haben die Fans sehr viel größere Möglichkeiten, in Kontakt zu den Künstlern zu treten. Bei der Geschwindigkeit, in der sich heutzutage Informationen verbreiten, kommt es sogar vor, dass die Fans früher als die Künstler wissen, wo und wann genau diese auftreten!

KS: Worauf dürfen sich Opern-Besucher in Deutschland in den kommenden Monaten bzw. in der kommenden Spielzeit freuen?

SP: Nach dem Konzert an der Deutschen Oper werde ich im Juni bei den Münchner Opernfestspielen in Rigoletto an der Bayerischen Staatsoper auftreten. Was die kommende Spielzeiten anbelangt, kann ich noch nichts verraten, das wird eine Überraschung sein!

Redaktioneller Hinweis:  Nach Redaktionsschluss meldete die Deutsche Oper Berlin: Im Sonderkonzert: Giuseppe Verdi am 25.5.2018 werden Nicole Car, Irina Churilova und Seyoung Park an Stelle der erkrankten Angela Gheorghiu auftreten.

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