Bayreuth, Reichshof Kulturbühne, Sonnenflammen – Oper von Siegfried Wagner, IOCO Kritik, 13.09.2020

September 13, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Reichshof Kulturbühne

Reichshof Bayreuth @ Hasenstein

Reichshof Bayreuth @ Hasenstein

Reichshof Kulturbühne

Sonnenflammen – Szenische Vision einer Oper von Siegfried Wagner

– Ein Tanz auf dem Vulkan –

von  Karin Hasenstein

Bayreuth im August – das heißt für die Rezensentin normalerweise Richard-Wagner-Festspiele. So sollte es auch 2020 sein, jedoch machte ein kleines Virus diese Pläne jäh zunichte.

Nach Oberfranken sollte es trotzdem gehen, denn eine Saison ohne Bayreuth ist zwar möglich, aber irgendwie sinnlos. Die Stadt hat ja auch neben Richard Wagner und den Festspielen einiges mehr zu bieten. Dafür sollte nun endlich einmal genug Zeit sein.
Umso größer die Freude, als durch einen Mitwirkenden, Steven Scheschareg, die Aufführung von Siegfried Wagners Oper Sonnenflammen angekündigt wurde. Also doch, auch 2020 Wagner live in Bayreuth!

Im Gegensatz zum Vater Richard Wagner hatte sich die Rezensentin mit dem Oeuvre des Sohnes Siegfried noch nicht näher auseinandergesetzt. Warum also nicht jetzt? Der Vorstellungstermin passte perfekt in den geplanten Aufenthalt und so wurde kurzerhand ein Besuch für IOCO daraus.

Am 15.08.2020 war es also soweit. Eine herkömmliche Einführung konnte Corona bedingt ebenfalls nicht stattfinden. Die Internationale Siegfried-Wagner-Gesellschaft e.V. Bayreuth hat jedoch eine umfangreiche und sehr detaillierte Ausstellung erarbeitet, die in der Stadtbibliothek Bayreuth gezeigt wird. Hiermit können sich die Besucher schon einen sehr guten ersten Überblick über das Werk und seine Entstehung verschaffen. Weitere Informationen sind dem ansprechend gestalteten großformatigen Programmheft zu entnehmen.
Da die Werke des Wagner-Sohnes Siegfried doch eher selten auf deutschen Bühnen zu erleben sind, muss zunächst etwas zum Inhalt gesagt werden.

Handlung/ Synopse

Die Handlung der Oper Sonnenflammen spielt in Byzanz zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Erzählt wird die Geschichte des Ritter Fridolin. Die Handlung beginnt am Hofe des Kaisers von Byzanz. Der Text entstammt dem „Siegfried Wagner Opernführer, Internationale Siegfried-Wagner-Gesellschaft, Bayreuth“.

Kulturbühne Reichshof Bayreuth / Sonnenflammen von Siegfried Wagner @ Martin Modes

Kulturbühne Reichshof Bayreuth / Sonnenflammen von Siegfried Wagner @ Martin Modes

Erster Akt

1. Die byzantinische Hofgesellschaft amüsiert sich über die Armut des Volkes. Die Hungrigen raufen sich um Almosen. Kaiser Alexios entreisst einem lahmen Bettler die Krücken. Der Bettler flucht den Frevlern und selbst Fridolin, der ihm aufhelfen will, da der Ritter als Gast des Hofes zu den Herrschenden gehört.
Fridolins Liebe zu Iris bleibt unerfüllt. Iris stört es, dass der Ritter sein Kreuzzuggelübde nicht einhält; ihre Liebe kann nur Bewunderung für einen Mann sein; wäre Fridolin fort, so würde sie ihn lieben.
2. Der Hofnarr Gomella hat beim Diebstahl versehentlich eine Vase mit Rosenöl zerbrochen. Der Duft verrät den Dieb, der sich vor Alexios jedoch geschickt zu verteidigen weiß. Wenn der Narr ihm seine Tochter Iris gefügig macht, will der Kaiser auf die Bestrafung Gomellas verzichten.
Gomella sucht nach einem Ausweg. Er schreibt einen Brief an die Kaiserin, den Iris ihr übergeben soll.
So erfährt die Kaiserin vom Vorhaben ihres Gatten.
3. Ein Kreuzritterheer aus Franken macht am Hofe Station. Gottfried, einer der Ritter, versucht Fridolin den Kreuzzug als »Raufen-Taufen-Saufen« schmackhaft zu machen.
4. Gomella ist skeptisch; er befürchtet, Brandstiftung sei die eigentliche Absicht des Besuchs der Kreuzritter. Anstelle von Iris will er dem Kaiser die Dirne Eunoe unterschieben.
5. Eunoe wird für das Rendezvous verlarvt und im Park versteckt, um im entscheidenden Moment Iris‘ Rolle einzunehmen. Eustachia, die alte Dienerin der Kaiserin Irene, beobachtet verborgen das Geschehen.
6. Alexios wünscht sich von Iris einen Erben, da der Thronfolger ein krankes, degeneriertes Kind ist. Er schenkt Iris eine Halskette, die Iris Eunoe zunächst verweigert, als die Sklavin im Dunkeln ihre Stelle einnimmt. Die Leidenschaft des Kaisers hat in Iris ungeahnte Empfindungen geweckt, und einen Moment lang ist sie bereit, sich selbst Alexios hinzugeben. Im Abgehen fühlt sie sich beobachtet und glaubt, im Gebüsch Fridolins Augen zu entdecken.

Zweiter Akt

1. Eustachia berichtet der Kaiserin, was sie gesehen und belauscht hat. Irene befallen in ihrer unerwiderten Liebe zum Kaiser Selbstmord-Gedanken. Entgegen klerikaler Doktrin glaubt auch Eustachia an das Recht des Individuums, über sein Leben frei entscheiden zu dürfen.
2. Iris sucht Schutz bei der Kaiserin: Alexios hat offensichtlich mit Eunoe ein neues Treffen vereinbart, und Iris flieht nun gleichermaßen vor dem Kaiser wie vor Fridolins wilder Eifersucht. Sie gesteht der Kaiserin ihre Liebe zu dem Traumbild eines die Dekadenz vernichtenden Draufgängers – der Fridolin leider nicht ist.
3. Fridolin will Iris zur Rede stellen. Die Kaiserin fordert ihn auf, ihr und Iris beim Sticken zu helfen.
4. Auch der hinzukommende Kaiser hilft beim Aufwickeln der Fäden, um so mit Iris sprechen zu können. Er verlangt, sie solle beim Fest die ihr geschenkte Halskette tragen.
5. Iris verweigert Fridolin die Antwort auf seine Fragen nach Alexios.
6. Beim Festakt lässt Alexios Iris auf der linken Seite seines Thrones Platz nehmen. Mit Hohn empfängt er den venezianischen Gesandten, und die Hofgesellschaft stimmt in den Spott mit ein. Als der Gesandte mit Krieg droht, ernennt Alexios Fridolin gegen dessen Willen zum Feldherrn. Der Bruder des Kaisers plant ein Attentat auf Alexios, das während eines Tanzspieles (»Die Rache von Artemis an Iphis«) ausgeführt werden soll. Gomella, zwar bestochen, um zu schweigen, hat den Kaiser über den Putsch-Versuch informiert. So misslingt das Attentat, über dessen vermeintliches Gelingen sich Fridolin zu früh offen freut. Der Konspirateur soll mit den Attentätern hingerichtet werden, doch die Kaiserin lässt ihm den Tipp geben, sich wahnsinnig zu stellen. Alexios durchschaut Fridolins Wahnsinn, aber er geht darauf ein, ihn als zweiten Hofnarren zu akzeptieren. Zum Zeichen seiner neuen Stellung wird Fridolin das Haupt geschoren.

Kulturbühne Reichshof Bayreuth / Sonnenflammen von Siegfried Wagner @ Martin Modes

Kulturbühne Reichshof Bayreuth / Sonnenflammen von Siegfried Wagner @ Martin Modes

Dritter Akt

1. Die Narren Gomella und Fridolin müssen gemeinsam Alexios schmeicheln und ihn belustigen.
2. Eustachia meldet Alexios, dass sich die Kaiserin mitsamt dem Kind ertränkt hat. Der Kaiser befiehlt, diese Nachricht bis zum Ende der Festlichkeiten geheim zu halten und ein Unwohlsein der Herrscherin vorzutäuschen.
3. Ein Wahrsager kündet den Weltuntergang an. Fridolin lässt sich aus der Hand lesen, er werde sich noch vor dem Ende selbst umbringen. Albrecht, Fridolins Vater, ist dem Sohn nachgereist, um ihn heimzuholen: Fridolins Frau hat dem untreuen Ritter verziehen. Fridolin gesteht, dass er den Kreuzzug noch gar nicht angetreten, sein Gelübde gebrochen hat. Gomella reißt ihm den Turban vom Kopf, mit dem Fridolin sein geschorenes Haupt vor dem Vater verbergen wollte, und verrät Albrecht die Zusammenhänge. Der Vater verflucht Fridolin.
4. Das Treffen mit dem Vater hat in Fridolin die Erinnerung an die Heimat geweckt. Er will nicht länger ehrlos im Dienst des Hofes stehen: der Tod scheint ihm der einzige Ausweg.
5. Auf der Terrasse des Schlosses werden im Zuge des Festes Puppen des französischen Königs, des deutschen Kaisers, des Papstes und des venezianischen Dogen Dandolo verbrannt. Die tote Kaiserin erscheint Alexios und weckt in ihm die Ahnung, dass sich ihm nicht Iris, sondern Eunoe hingegeben habe. Fridolin ersticht sich auf dem Höhepunkt des Festes. Ein Bote meldet Brandstiftung und den Angriff der Kreuzritter. Alexios zieht den Feinden entgegen. Alles sucht entsetzt zu fliehen, und auch Gomella kann entkommen. Iris legt dem sterbenden Fridolin eine seiner abgeschnittenen Locken aufs Haupt. Dem Sterbenden gesteht sie ihre Liebe. Die ohnmächtige Iris wird aus den Flammen gerettet; Fridolins Leiche liegt verlassen in den Trümmern des untergehenden Kaiserreiches.

Beim ersten Lesen die Handlung nicht verstanden? Macht nichts! Vieles erschließt sich im Verlauf der Oper; manches auch nicht.

Die beiden Vorstellungen von Sonnenflammen fanden in Bayreuth am 15. und 16. August 2020 leider nicht wie geplant im Weltkulturerbe Markgräfliches Opernhaus statt, sondern, bedingt durch die Corona-Auflagen, im Reichshof Kulturbühne, einem ehemaligen Konzert- und Lichtspielhaus. https://www.reichshof-bayreuth.de/

Dabei haben die Veranstalter sehr charmant für die Einhaltung der Auflagen gesorgt. So waren z.B. die freien Reihen mit aufgespannten Regenschirmchen blockiert, die freizuhaltenden Sitze mit gelben Schleifen zugebunden.
Die obligatorischen Mund-Nasen-Schutze durften am Platz abgenommen werden und Zuschauer und Mitwirkende durften einander nicht begegnen.
So hätten in dem großzügigen Zuschauerraum 100 Besucher Platz; die waren es am Abend des 15. August jedoch nicht einmal. Die Auslastung lag vielleicht bei 60 bis 70 %, was angesichts der moderaten Preise und des geringen Angebotes an Live-Opern-Aufführungen mehr als schade ist, zumal bei einem so selten gespielten Bühnenwerk.
Auf der linken Saalseite war eine große Projektionsfläche für die deutschen und englischen Übertitel angebracht, die leider auch nur von Besuchern auf der linken Seite gelesen werden konnten, ohne eine Genickstarre zu riskieren. Hier wäre eine Lösung in der Saalmitte bzw. über der Bühne erquicklicher gewesen.

Die Bühne selbst bot ausreichend Spielfläche für die 13 Solisten. Über Traversen war ein Beleuchtungssystem angebracht worden, das die Szene gut ausgeleuchtet hat. Ein leistungsstarkes Soundsystem verbreitete den Klang des (ebenfalls Corona bedingten) Digitalen Orchesters gut im Raum. Dadurch, dass der Dirigent Ulrich Leykam dieses digitale Orchester vor einer virtuellen Partitur dirigierte, funktionierte dieser Aspekt der Vorstellung erstaunlich gut. Die Klangqualität war gut und sauber, so dass das Digitale Orchester eine akzeptable Lösung in Coronazeiten darstellt. Natürlich kann es niemals an ein live spielendes Orchester aus „echten“ Musikern herankommen, geschweige denn eine Live-Atmosphäre vermitteln. Es bildete jedoch eine sehr gute Klanggrundlage für die Solistinnen und Solisten.

Kulturbühne Reichshof Bayreuth / Sonnenflammen von Siegfried Wagner @ Martin Modes

Kulturbühne Reichshof Bayreuth / Sonnenflammen von Siegfried Wagner @ Martin Modes

Welche Musik hat also der Siegfried Wagner da geschrieben?
Die Sonnenflammen (Siegfried Wagners achte Oper) sind 1912 entstanden und 1918 in Darmstadt uraufgeführt worden.
Die Oper erzählt die Geschichte eines gestrandeten Deserteurs im untergehenden Kaiserreich Byzanz. Der Stoff spiegelt die Stimmung in Deutschland zur Entstehungszeit als Tanz auf dem Vulkan wider. Hierbei sind Parallelen zur Gegenwart durchaus beabsichtigt. Irisierende Klangflächen, rhythmisch packende und anspruchsvolle Ensembles und Kantilenen voller Leidenschaft sind kennzeichnend für die Tonsprache Siegfried Wagners.

Es steht außer Zweifel, dass das handwerklich sehr gute Arbeit ist, dass Siegfried Wagner ein fähiger Komponist war. Aber obwohl er zahlenmäßig mit 17 Bühnenwerken den Vater überholt hat, erreicht er ihn kompositorisch in seinem Genie nicht. Vieles erinnert dennoch an den berühmten Vater, z.B. die Art, wie Siegfried seine Ensembles anlegt. Da ist ein bisschen Meistersinger zu hören, ein bisschen Tannhäuser, aber auch vom Stil her ein bisschen Mozart, dann wilde Anklänge an Strauss, Schreker oder Zemlinsky. Es ist eine ganz und gar spannungsreiche, harmonische, melodische Musik, ausgesprochen lautmalerisch und bebildernd. Manchmal denkt man, dass er für die Entstehungszeit fast etwas konservativ, gar rückschrittig gearbeitet hat. Ihm fehlte es ein bisschen an Mut oder Experimentierfreude, vieles bleibt im Ansatz stecken, wird nicht konsequent weiterentwickelt. Dennoch erfreut die Musik über große Strecken, ist schwelgerisch, üppig und hochromantisch, ein typisches Produkt des fin-de-siècle.
Die Orchestrierung ist wieder stark romantisch geprägt.

Eine große Streicherbesetzung bildet die Basis, dazu viel tiefes Blech. Das nachromantische Orchester entfaltet dabei eine impressionistische Klangfarbenpalette.
Die Musik ist nie sinfonisch, sondern immer szenisch konzipiert. Dennoch gibt es, wie bei Richard Wagner, keine Nummern, sondern eine Art endlose Melodie. Die Oper läuft zweieinhalb Stunden (hier ohne Pause) von der Ouvertüre bis zur letzten Szene durch. Es gibt auch eine Reihe von Leitmotiven, die den handelnden Figuren zugeordnet werden können und bereits in der etwa 10-minütigen Ouvertüre vorgestellt werden, der Schwerpunkt liegt jedoch in der musikalischen Beschwörung der byzantinischen Welt, der die raue Tonsprache des Ritters Fridolin entgegenstellt wird.

Das Bühnenbild (Robert Pflanz) ist sehr reduziert. Das einzige Element auf der Bühne sind portable Säulen aus farbigen Poolnudeln, die mal seitlich stehend platziert sind und den Palast andeuten, in anderen Szenen von den Darstellern umgestellt oder hingelegt werden. Diese Aktionen sind nicht immer ganz nachvollziehbar, können aber auch als eine Art Choreographie verstanden werden. Den vorgesehenen Ballettpart übernehmen jeweils sechs der Sängerinnen und Sänger. Wichtiger als die „Möblierung“ der Bühne ist hier ohnehin die Videoprojektion (ebenfalls Robert Pflanz).

Zu Beginn sehen wir eine Stummfilm-Projektion mit Szenen aus den eingeblendeten Jahren 1048 – 1423 – 1920. Das Jahr 1048 fällt in die Amtszeit von Kaiser Konstantin IX (1042 bis 1055), 1423 besetzte Murad II das venezianisch dominierte Tessaloniki und (1918 bis) 1920 wurde Konstantinopel (oder Istanbul) von den militärischen Truppen des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland, der Französischen Republik und des Königreichs Italien besetzt. In Darmstadt wurde 1920 Siegfried Wagners Oper Sonnenflammen uraufgeführt.

Zur Ouvertüre wird ein Wald auf die Leinwand projiziert. Das passt zum Streicherteppich und zum tiefen Blech.
Wir sind in Byzanz, das Video zeigt ein Paar, einen Ring, offenbar wird gerade ein Antrag gemacht. Die Musik steigert sich, das Tempo zieht an, die Stimmung wird dramatischer. Es sind der Ritter Fridolin und Iris (auf der Leinwand wird ein Auge, eine Iris, dargestellt.) Die Dramatik der Situation wird mit dem „Tanz auf dem Vulkan“ angedeutet. Allmählich wird die Musik wieder ruhiger.
Die tiefen Bläser werden durch eine Flöte und sanftere Streicherlinien abgelöst. Wir sehen auf der Leinwand eine Seeschlacht mit vielen Toten, anscheinend eine Vision des Kaisers. Dementsprechend ändert sich die Stimmung der Musik, sie wird düsterer, bedrohlicher.
Es schließen sich Naturbilder an und die Musik wird ruhiger. Über allem erscheint das dreifache Bild der Geliebten.

Die nächste Szene ist mit „Byzanz“ übertitelt.
Ein Bettler erscheint auf der Szene (großartig mit viel Spielfreude dargestellt von Steven Scheschareg). Ein Bild von Byzanz überlagert das Porträt von Iris.
Es entspinnt sich ein Dialog zwischen Iris und Fridolin über den Kaiser, er nennt sie „Ehefrau des Mörders“. Der Hofnarr Gomella kommt hinzu. Aufgrund des tragischen Todes des ursprünglich vorgesehenen Darstellers teilten sich Dirk Mestmacher (Spiel) und William Wallace (Gesang) die Rolle des Gomella. Dieses gelang beiden so gut, dass das Publikum dadurch keinen Nachteil erlitten hat. Mestmacher bewegte komplett textsynchron die Lippen, sein engagiertes Spiel auf der Bühne und Wallace‘ ausdruckstarker Gesang (mit minimalem Akzent) von der Seite vereinten sich so zu einem runden Ganzen.
Der Narr hat eine Flasche Rosenöl gestohlen, was der Kaiser kommentiert: „Zu mir aus Liebe wird er zum Diebe“. Da sind sie wieder, die wagnerschen Libretti. Die Musik zur Rede des Kaisers ist schwelgerisch, pompös, eben kaiserlich, mit viel Schlagwerk unterlegt.

Die nächste Projektion zeigt den „Sensenmann“ zum Text „Geripp“.
Die Projektion wechselt wieder zum Schriftzug „Byzanz“, kombiniert mit einem Atommodell-Symbol. Das Atommodell ist die Idee vom Aufbau und der Form der Atome. Bereits im Altertum gab es die Atomhypothese, nach welcher die Atome als die unteilbaren und unveränderlichen Grundbausteine aller materiellen Stoffe angesehen wurden.
Dazu singt der Kaiser die Worte „Saugt euch nur Wonne aus dieser Sonne“.
Weiter geht es mit dem Bild einer Friedenstaube vor dem Hintergrund Byzanz.
Zum kurzen Zwischenspiel erscheinen drei Frauen und die Kaiserin auf der Bühne.
Die Kaiserin liest einen Brief und die ganze Szene sowie die Musik erinnern ein wenig an Richard Strauss.

Sonnenflammen zur Uraufführung 1920 @ Hasenstein

Sonnenflammen zur Uraufführung 1920 @ Hasenstein

Der wegen der Corona-Auflagen auf sechs Damen und sechs Herren reduzierte Chor tritt auf, zum Teil noch hinter dem Vorhang verborgen. Dieser Auftritt hat etwas vom Griechischen Chor. Der Chor war in der griechischen Antike zunächst die Bezeichnung für einen umgrenzten Tanzplatz. Später war es das Wort für den Rundtanz selbst, vor allem den mit Gesang verbundenen und bei festlichen Anlässen zu Ehren einer Gottheit aufgeführten Reigen. Später ging dann die Bezeichnung auf die Gruppe der Tanzenden und Singenden über, die im Drama als Begleiter der Handlung mitwirken. Der Griechische Chor hat mithin immer kommentierende Wirkung.

Eine neue Projektion in Form eines Kreuzfahrtschiffes erscheint. Hier liegt die Analogie des Kreuzzuges zur Kreuzfahrt nahe. Fridolin soll ja mit den Kreuzfahrern ziehen. Sechs Soldaten (Herrenchor) verdeutlichen Fridolin, was er da tun soll: „Raufen, Taufen, Saufen!“
Eunoe erscheint mit einer Larve, hier fast unvermeidbar mit einer Mund-Nasen-Bedeckung. „Der Tod“ wird hier als Coronavirus-Projektion dargestellt. Hoffentlich kommt’s nicht so schlimm…
Der Kaiser (Uli Bützer mit warmem, schön timbrierten Bariton) beklagt, dass seine Frau ihm keinen gesunden Erben schenken kann. Er liebt Iris. Diese ist entschlossen, ihren Vater zu retten.
Die Larve soll ihr Gesicht verhüllen und er soll sie nicht lüften. So soll die List nicht auffallen, dass in Wahrheit Eunoe als Iris zum Kaiser geht. Was in den Gemächern des Kaisers geschieht, wird durch Kopulationsbilder angedeutet. Damit sind wir nach ca. 65 Minuten am Ende des Ersten Teils angekommen.

Den Zweiten Teil eröffnet die Figur des Winzers, der seine Reben anpreist.
Alexander Geiger erfreut mit seinem lyrischen schlank geführten Tenor. Gerne hätte man noch mehr von ihm gehört. Die Stimme ist hell timbriert und doch kraftvoll über dem Orchester.
Die Kaiserin beklagt ihr Schicksal, das Kind robbt auf die Bühne (Kinderdarsteller, leider nicht namentlich genannt). Der Klagegesang der Kaiserin ist reich instrumentiert, mit großem romantischen Orchester. Auch hier wird wieder deutlich, wie gekonnt Siegfried Wagner die Instrumentengruppen einsetzt, was für ein fähiger Komponist er war und wie er mit Stimmungen spielen konnte.
Die nächste Projektion lässt erahnen, dass es zu einer dramatischen Wendung kommen wird, wir sehen wieder Byzanz, das Kind der Kaiserin und Blut…
Dier Schaffnerin Eustachia (eindrucksvoll mit großer dramatischer Stimme: Maarja Purga) erscheint und berichtet, die Kaiserin habe sich mit ihrem Kind ertränkt. Iris klagt daraufhin den Kaiser an. Der fragt sie, ob sie Fridolin liebt, ihre Antwort fällt nicht klar aus, „Ja!“ und „Nein!“.
Die Kaiserin strickt, Iris wickelt ihr Knäuel ab. Fridolin verlangt „Iris, steh mir Rede!“
Es folgt ein Terzett im Dreiertakt zwischen der Kaiserin, Iris und Fridolin. Dieser hilft Iris, die Wolle zu wickeln. Auf der Leinwand erscheint die Projektion eines Spinnentiers. Jetzt wickelt auch der Kaiser mit am Knäuel. Es entwickeln sich auch musikalisch Parallelen zwischen Fridolin, der Kaiserin, dem Kaiser und Iris. Dieses musikalische Ensemble steht denen des Richard Wagner in nichts nach, Erinnerungen an das Quintett in der Schusterstube der Meistersinger oder an den Tannhäuser werden wach. Da wird klar, wo Siegfried Wagner gelernt hat.

Fridolin stellt Iris drei Fragen, aber sie antwortet nicht.
An dieser Stelle denkt man, Giorgio Valenta könnte auch einen guten Siegfried abgeben. Seine dynamische Stimme hat etwas strahlend Heldentenorales.
Fridolin schaut durch eine Videobrille, als könne er dort die Antworten auf seine Fragen finden.
Nun erscheint wieder der Hofnarr Gomella und beklagt die zerbrochene Flasche, „Verflixtes Rosenöl!“. Die Konstellation Hofnarr – Tochter erinnert etwas an Rigoletto.
Der Gesandte Venedigs tritt auf und das „Ensemble Dandolo“ erklingt, leider nicht immer ganz zusammen.
Fridolin erhält ein Schwert, der Kaiser fragt „Wo bleibt der Tanz?“ und das hier eigentlich vorgesehene Ballett wird durch die Sänger mit einer kleinen Choreografie angedeutet. Die Tänzerinnen tragen Kostüme im Leopardenmuster, was dem Ganzen eine leicht absurde Note verleiht. Eunoe und Fridolin werden gefesselt. Ein Joker wird auf die Leinwand projiziert. Es läuft einfach nicht gut für Fridolin: „Oder singen Te Deum die Schwarzbeschwanzten? Sterben soll ich? Wonne am Leben, am Leben, am Licht!“
Auf die Frage „Schere oder Schwert?“ lautet seine Antwort „Ich wähle Schere!“, worauf ein Tanz der Scheren folgt. Schließlich schneiden diese Fridolin seine langen Locken ab. Fridolin ist nun der neue Narr, erniedrigt mit blutig kahlgeschorenem Kopf. Der Kaiser fragt ihn „Mein neues Närrchen, wie fühlst du dich?“ Der Narr antwortet „Leben, nur leben, denn tot kann man lang genug sein!“
Der Winzer singt von der Seite kommentierend „Fern von ihr. Ach weh!“
Damit endet der Zweite TAkt.

Zum Zwischenspiel erfolgt der Umbau auf offener Bühne.

Dritter Teil

Auf der Leinwand erscheint wieder eine Scherenprojektion sowie eine Guillotine, dazu ein Joker, der Narr.  Als Kontrast dazu erstrahlt die Sonne über Byzanz.

Narr, Kaiser und Fridolin treten auf. Der Narr singt „List, Lust und Laster-lüsternes lockendes Leuchten“ – ja, da ist er wieder, die Wagner’sche Alliteration. Diese Textzeile könnte so auch im Rheingold stehen. Im Video sehen wir kämpfende Widder, sie stehen wohl für den Narr und den „neuen“ Narr, Fridolin. Der Kaiser liest einen Brief. Die Schaffnerin bringt die Nachricht, dass sich die Kaiserin mit dem Kind ertränkt hat.
Die Schaffnerin singt weiter: „Wie lange vergönnst du Strenger denn uns, das süße Sonnenlicht noch zu sehen?“
Der Wahrsager prognostiziert daraufhin den bevorstehenden Weltuntergang. (Sehr ausdruckstark mit guter Bühnenpräsenz und schön timbrierter Stimme: Steven Scheschareg).
Eine Projektion zeigt das Kreuzfahrtschiff AIDA. Fridolin mit Turban und Albrecht, sein Vater, singen „Leicht segelnd glitt unser Schiff…“ und das Bild wechselt zu einem Atomkraftwerk mit dem Aufkleber „Atomkraft Ja bitte!“ Scheschareg deklamiert mit warmem wohlklingenden Baritontimbre, untermalt von Bläser-Triolen, die auch wieder von Richard Wagner stammen könnten, „Gepriesen sei die Sonne“. Auf die Frage nach der Kreuzfahrt, „die du gelobtest“ antwortet er „Ich brach das Gelübde. Ich war nicht dort. Ich säumte hier.“
Daraufhin reißt ihm der Narr den Turban herunter. Hier offenbart sich nun ein Vater-Sohn-Konflikt (Richard – Siegfried?) und zu einer erneuten Scheren-Projektion erklingt „Locken lockernde Schere“ und Albrecht verkündet „So nimm deines Vaters Fluch!“ Die Scheren verschwinden, dafür sehen wir Flammen über einem Scheiterhaufen. Der Vater legt ihm nahe „Drein stürze dich und rette deine Ehre. Sonst Weh dir! Weh!“

Im Angesicht einer neuen Byzanz-Projektion beklagt der Narr erneut „Verdammtes Rosenöl, an allem bist du Schuld.“ Er beteuert gegenüber Fridolin: „Iris liebt dich, nur dich!“ Es erscheinen Naturbilder, ein Wald.
„Heimat entrückte, seh ich dich wieder!“ Heimat, süße Klänge, Wehmut weichende Klänge. Weckt ihr die Reue tief aus der Brust? Mit einer Virtual-Reality-Brille hat er eine Vision seiner Heimat. Bambi, Kühe, Wald.
Fast schon zynisch muten diese an angesichts des Elends, das Fridolin durchlebt. „Oh Bilder zarten Entzückens…“ seine Visionen entschwinden.

Endgültig absurd wird es, als der BärenmarkeBär erscheint und Iris als Pop-Art-Ikone im Stile Andy Warhols eingeblendet wird. Diese wird wiederum von Bildern des Vaters überblendet. Zu „Eitles Sonnenstreben“ wird wieder das Atommodell eingeblendet.

Mitglieder des Chores tanzen um Fridolin. Auf der Bühne steht eine große Kiste, im Hintergrund erblüht ein Atompilz, dazu riesige Sonneneruptionen. Sechs Tänzer bewegen sich dazu in grotesken Kostümen zu einer wilden Choreographie. Die begleitende Projektion zeigt eine Art Tanz auf dem Vulkan, ein wildes Weltuntergangs-Szenario. Nicht mit letzter Sicherheit ist zu sagen, ob auch Szenen einer Bücherverbrennung gezeigt werden.
Der Chor singt „Auf, ins Feuer, ihn auch wälzt!“
„Das Autodafé, mein Papst, tu weh.“
König, Kaiser und Duce brennen im Feuer.
Der Kaiser fragt „Wer entsteigt der Flut?“
Die Kaiserin antwortet „Kennst du mich nicht? Tanz doch, oder bist du krank?“ Sie klagt ihn an „Eunoe hast du beglückt. Kennst du nicht dein Weib?“
Zu den Worten „Heil, Fridolin, Heil!“ werden weitere Weltuntergangsszenen gezeigt. „Zeit! Wie wollt ihr sie nutzen? Jubelnd und tanzend!“
„Und wie haltet ihr’s mit Gott?“
„Seht her, wie ein Franke sie ehrt!“ Zu diesen Worten tötet er sich selbst.

Ein Tagesschausprecher wird eingeblendet. Der Narr flieht. Fridolin sing „Gottfried, Du? Geh hin, grüß den Vater! Heil im Tode!“  Alles geht in Flammen auf, erneute Explosionen und Atompilze künden von der Apokalypse.  Iris beteuert dennoch „Treu ohne Wanken“ (eine Anspielung an Senta?), Fridolin fleht sie an „Rette dich, entflieh dem Feuer!“

Doch es ist zu spät. „Die Sonne, ihre Flammen, sie haben mich versengt! Vater! Vater! Verzeih deinem Sohn. Rettet Iris! Du erstickst! Weh, weh…“

Die letzten Eindrücke:  Byzanz, das Atom, das Weltall… ..Ende.

Die Sonnenflammen sind für die Rezensentin durchaus eine Entdeckung, auf jeden Fall in musikalischer Hinsicht. Die zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer werden zu keiner Zeit lang. Die Musik ist angenehm, gefällig, sehr lautmalerisch, erzählend, die Komposition ist handwerklich gut gemacht, die Orchestrierung nachromantisch schwelgerisch. Die Geschichte hingegen ist schon sehr gewöhnungsbedürftig und schwer in einen anderen Kontext zu übersetzen. Dennoch lassen sich Parallelen zu untergehenden Kulturen oder Reichen ziehen, wie hier ja immer wieder in Form der Video-Einspielungen geschehen.
Die Sänger zeigen an diesem Abend durchgängig gute bis sehr gute und überzeugende Leistungen.

Es ist dieser Oper zu wünschen, dass sich auch andere Bühnen ihrer annehmen und sie etwas aus ihrem Schattendasein befreien. Hierfür gilt dem Regieteam um Peter P. Pachl und dem ppp Musiktheater sowie der Siegfried-Wagner-Gesellschaft der ausdrückliche Dank der Rezensentin.

Sonnenflammen – Oper von Siegfried Wagner

aufgeführt am 15.8.2020 in Bayreuth, Reichshof Kulturbühne

Musikalische Leitung  (digitales Orchester) Ulrich Leykam
Inszenierung Peter P. Pachl
Bühnenbild, Videos Robert Pflanz
Kostüm Design Christian Bruns
Licht Design Günther Neumann
Dramaturgie, Organisation Achim Bahr

Kaiser Alexios –  Uli Bützer
Kaiserin Irene –  Rebecca Broberg
Fridolin, ein fränkischer Ritter –  Giorgio Valenta
Albrecht, dessen Vater –  Steven Scheschareg
Gomella – Dirk Mestmacher (Spiel)  –  William Wallace (Gesang)
Iris, dessen Tochter –   Julia Reznik
Eustachia, Schaffnerin  –   Maarja Purga

Ritter Gottfried –  Robert Fendl
Ein Bettler, Ein Wahrsager –  Steven Scheschareg
Der Gesandte Venedigs –  Robert Fendl
Eunoe-   Xenia Galanova
Ein Bote –  Reuben Scott
Ein Winzer –  Alexander Geiger
Erste Tanz-Deuterin / Artemis –  Rafaela Fernandes
Zweite Tanz-Deuterin / Phila –  Xenia Galanova
Dritte Tanz-Deuterin / Iphis –  Angelika Muchitsch
Hofdame, Mänade –  Anna Ihrig

Erster Verschwörer/ Apollon-Priester 1 Reuben Scott
Zweiter Verschwörer/ Apollon-Priester 2 Di Guan
Ein Sklave Reuben Scott
Ein Diener Luca Micheli
Der behinderte Infant NN (Kinderdarsteller)

Das Digitale Orchester
Ein Solo-Vokalsextett Damen
Ein Solo-Vokalsextett Herren

—| IOCO Kritik Reichshof Kulturbühne |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2020 – Konzert in Haus Wahnfried, IOCO Aktuell, 25.07.2020

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

25. Juli 2020  –  Konzert im Haus Wahnfried

Public Viewing / BR Klassik

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Trotz der coronabedingt schwierigen Umstände werden die Stadt Bayreuth und die Bayreuther Festspiele am traditionellen Eröffnungstag der Festspiele, Samstag, 25. Juli 2020, um 16.00 Uhr ein Konzert im Haus Wahnfriedveranstalten. Unter Leitung von Christian Thielemann führen die Solisten Camilla Nylund, Sopran, und Klaus Florian Vogt, Tenor, sowie Jobst Schneiderat am Wahnfried-Flügel Richard Wagners Ausschnitte aus Die Meistersinger von Nürnberg, das Siegfried-Idyllund die Wesendonck-Liederauf. Das Konzert wird live vom Bayerischen Rundfunk auf BR Klassik (www.br-klassik.de/programm/radio/ausstrahlung-2207268.html) und zudem vor Ort auf Videowänden als Public Viewing für bis zu 400 Personen nach außen übertragen. Das Café Wahnfried sorgt für Erfrischungen.

IOCO  Besprechungen aller Werke, die für die Bayreuther Festspiele 2020 geplant waren und mehr, sind – unten folgend – in diesem Artikel verlinkt
 IOCO
  Korrespondenten/innen beschreiben – DORT – die Details besuchter Produktionen der Bayreuther Festspiele

Kooperation mit BR-Klassik / 3 Sat

Für alle Wagner-Fans inszenieren die Bayreuther Festspiele gemeinsam mit BR-KLASSIK und 3sat ab dem 25. Juli – dem ursprünglichen Eröffnungstag der Bayreuther Festspiele – die Werke Wagners als Gesamtkunstwerk. Mit Corona-verträglichen Live-Veranstaltungen, exklusiven Archivschätzen und Sondersendungen wird das älteste Musikfestival Deutschlands in diesem Kultursommer adäquat gefeiert. Ein Highlight des Programms: drei historisch maßstabsetzende Inszenierungen des Ring des Nibelungenauf unterschiedlichen Ausspielwegen. Es sind die Ring-Inszenierungen von Frank Castorf (Premiere 2013), Harry Kupfer (Premiere 1988) und Patrice Chéreau (Premiere 1976).BR-KLASSIK wartet im Hörfunk vom 25. bis 28. Juli täglich um 18.05 Uhr exklusiv mit der bisher unveröffentlichten Aufnahme der hochgelobten und intensiv diskutierten Ringproduktion von Frank Castorf und Kirill Petrenko am Pult (Aufnahme von 2015) auf, die auch Teil des diesjährigen ARD Radiofestivals (ab 18. Juli) sein wird.ARD-alpha und das Streaming-Angebot „BR-KLASSIK Concert“ präsentieren gemeinsam mit den Bayreuther Festspielen den Jahrhundertring von Patrice Chéreau und Pierre Boulez. Erstmals ist diese Inszenierung am 7. August ab 20.15 Uhr in der großen Ring-Nachtwieder im Free-TV zu erleben.

Tristan und Isolde – die Fanfaren erklingen
youtube Trailer von Claas Rohmeyer
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Die Bayreuther Festspiele in 3sat

3sat feiert die Bayreuther Festspiele mit dem Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Harry Kupfer. Am Pult steht Daniel Barenboim, der die Bayreuther Festspiele 18 Jahre lang maßgeblich geprägt hatte. Mit Rheingold, dem Vorabend der Ring-Tetralogie, und anschließend einer Dokumentation über den Sänger Günther Groissböck steht der Fernsehabend am 25. Juli ab 20.15 Uhr ganz im Zeichen Wotans. Die weiteren Teile dieses Rings von Harry Kupfer werden in der Mediathek von 3sat, auf br-klassik.de und im Webauftritt der Bayreuther Festspiele zu sehen sein.Trotz Corona-bedingten, schwierigen Umständen werden die Stadt Bayreuth und die Bayreuther Festspiele am 25. Juli ganz im Zeichen der Festspieleröffnung ein Konzert veranstalten. Musikdirektor Christian Thielemann und Mitglieder des Festspielorchesters  werden mit den Bayreuther Sängerstars Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt Werke von Wagner aufführen. BR-KLASSIKüberträgt das Konzert ab 16 Uhr live im Radio. Einblicke ins Festspielhaus gibt in diesem Sommer die Videoarbeit The Loop of the Nibelungvon Simon Steen-Andersen. Der vielfach ausgezeichnete dänische Komponist und Performance-Künstler geht mit Sängern und Musikern des Festspielorchesters auf audiovisuelle Erkundung des mythischen Bayreuther Festspielhauses und des Werks von Wagner. Die Video-Arbeit ist ab dem 28. Juli im Streaming-Angebot BR-KLASSIK Concert und auf der Website der Festspiele zu erleben.

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

In „Hier gilt’s der Kunst“ widmen sich u. a. Daniel Barenboim, Barrie Kosky, András Schiff, Martina Gedeck und Thea Dorn in einer Gesprächsreihe aus dem Pierre Boulez-Saal in Berlin dem Thema „Wagner, Musik und Politik“. Die Gespräche der Reihe „Diskurs Bayreuth“ werden ab dem 7. August auf BR-KLASSIK Concert veröffentlicht.Archivperlen und Video-Extras

BR-KLASSIKwird außerdem zwei besondere Archivschätze im Radio senden: André Cluytens „Lohengrin“ aus dem Jahr 1958 am 29.7. um 18.05 Uhr sowie Tristan und Isolde unter der Leitung von Herbert von Karajan aus dem Jahr 1952 am 30.7. um 18.05 Uhr. Der Interpretationsvergleich bietet Hörerinnen und Hörern am 31. Juli um 18.05 Uhr einen spannenden und kompakten Einblick in eine Auswahl an Interpretationen zum Fliegenden Holländer. .Auf den Webseiten von BR-KLASSIK und den Bayreuther Festspielen laden spannende Video-Formate wie der „Operncrashkurs Wagner“, die „klassik shorts“, die „Ring-Steckbriefe“ und das „Wagner-ABC“ dazu ein, mehr über die Kraft von Wagners Musik zu erfahren und in die mythischen Welten des „Rings“ einzutauchen.Weitere Informationen zu den Programmhighlights auf bayreuther-festspiele.de, br-klassik.de/bayreuther-festspiele und 3sat.de/kultur/festspielsommer/bayreuther-festspiele-2020

Die Meistersinger von Nürnberg – Barrie Kosky Inszenierung
youtube Trailer von Bayreuth en Vinilo
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Kooperation mit der Deutschen Grammophon

Die vier Werke, die für die Bayreuther Festspiele 2020 geplant waren – alle Werke sind HIER! mit der Besprechung eines IOCO-KollegIn verlinkt – Die Meistersinger von Nürnberg – IOCO / Dr. Schneider Besprechung HIER!, IOCO / Uschi Reifenberg Besprechung HIER!,Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf der Wartburg – IOCO / Patrik Klein Besprechung HIER!, Lohengrin – IOCO / Ingrid Freiberg Besprechung HIER! und Der Ring des Nibelungen – IOCO / Hanns Butterhof Besprechung HIER!, werden online in jüngsten oder legendären Produktionen aus dem Archiv der Festspiele übertragen. Jedes Werk wird gemäß des ursprünglichen Spielplans des 2020 Wagner-Sommers gezeigt und ist danach weitere 48 Stunden zugänglich.

Kartenbesitzer von DG Stage können an den eigentlich freien Tagen des Bayreuther Festspielkalenders 2020 außerdem erfolgreiche Inszenierungen von Tristan und IsoldeIOCO / Julian Führer Besprechung HIER! – und Parsifal – IOCO / Karin Hasenstein Besprechung HIER! sehen. Als Ersatz für die Neuproduktion des Rings zeigt DG Stage Frank Castorfs viel diskutierte Inszenierung des Zyklus von 2013 (in einer Aufzeichnung von 2016 unter Leitung von Marek Janowski) sowie Patrice Chéreaus gefeierten Jahrhundert-Ring, die wegweisende Produktion aus dem Jahr 1976 mit Pierre Boulez am Pult (in einer Aufzeichnung von 1980).

Die Bayreuther Festspiele auf DG Stagebeginnen am Sonnabend, dem 25. Juli 2020, mit Barrie Koskys Inszenierung von Die Meistersinger von Nürnberg (IOCO / Marcus Haimerl Besprechung HIER!)
Die Saison wird am Sonntag, dem 26. Juli, fortgesetzt mit Tobias Kratzers provokativer und spannender Inszenierung von Tannhäuser aus dem Jahr 2019.
Am Sonntag, dem 2. August, folgt Lohengrin in Yuval Sharons Inszenierung von 2018, der ersten eines amerikanischen Regisseurs seit Gründung der Festspiele 1876.

Deutsche Grammophon und die Bayreuther Festspiele haben gleich zwei Ring-Zyklen ausgewählt (8., 9., 12. & 13. August und 24., 25., 27. & 29. August): Zum einen Frank Castorfs Inszenierung. Zum anderen – unter dem Dirigat von Pierre Boulez – die legendäre Ring-Produktion von Patrice Chéreau, die 1976 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der ersten Gesamtaufführung des Zyklus und der Bayreuther Festspiele auf die Bühne kam.

Interview Christian Thielemann – Bayreuther Festspiele 2016
youtube Trailer BR-KLASSIK
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Katharina Wagners Inszenierung von Tristan und Isolde(IOCO Besprechungs HIER!) aus dem Jahr 2015 und Uwe Eric LaufenbergsParsifal von den Festspielen 2016,  (IOCO / Karin HasensteinBesprechung HIER!) erscheinen auf DG Stage am Dienstag, dem 4. bzw. Freitag, dem 28. August. Christian Thielemann dirigiert Tristan und Isolde,der vielseitige deutsche Dirigent Hartmut Haenchen gibt mit Parsifal sein spätes Bayreuth-Debüt  (IOCO Besprechungs  HIER!)

Tickets für die Aufführungen von DG Stage Bayreuthkosten 4,90 € und lassen sich in sicheren Transaktionen online per Kreditkarte und durch die üblichen Zahlungsdienste erwerben. Festspielbesucher erhalten Zugang zu einmaligen Veranstaltungen in modernster Audio- und Videoqualität.

BAYREUTHER FESTSPIELE 2020

25. Juli          Die Meistersinger von Nürnberg (Kosky/Jordan)
26. Juli          Tannhäuser (Kratzer/Gergiev)
02. August    Lohengrin (Sharon/Thielemann)
04. August    Tristan und Isolde (K. Wagner/Thielemann)
08. August    Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold (Castorf/Janowski)
09. August    Der Ring des Nibelungen: Die Walküre (Castorf/Janowski)
12. August    Der Ring des Nibelungen: Siegfried(Castorf/Janowski)
13. August    Der Ring des Nibelungen: Götterdämmerung (Castorf/Janowski)
15. August    Lohengrin (Sharon/Thielemann)
19. August    Die Meistersinger von Nürnberg(Kosky/Jordan)
20. August    Tannhäuser (Kratzer/Gergiev)
24. August    Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold(Chéreau/Boulez)
25. August    Der Ring des Nibelungen: Die Walküre(Chéreau /Boulez)
27. August    Der Ring des Nibelungen: Siegfried(Chéreau /Boulez)
28. August    Parsifal (Laufenberg/Haenchen)
29. August    Der Ring des Nibelungen: Götterdämmerung (Chéreau/Boulez)

https://bayreuth.dg-stage.com
www.dg-premium.com
www.dg-stage.com

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Aktuelles – Festspiele – Katharina Wagner, IOCO Aktuell, 01.05.2020

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele – Aktuelles – Festspielzeiten 2020 / 2021

Sorgen um Katharina Wagner

von Viktor Jarosch

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Ende März 2020 erklärten die Bayreuther Festspiele in einer Mitteilung, dass angesichts der Corona Krise die Festspiele 2020 abgesagt werden müssen:

„Angesichts der bereits jetzt eingetretenen  Auswirkungen der Corona Krise auf dem Betrieb der Bayreuther Festspiele GmbH bedauern Geschäftsführer und Gesellschafter der Bayreuther Festspiele GmbH, daß die Bayreuther Festspiele im kommenden Sommer 2020 ausgesetzt werden müssen. Dadurch müssen die nachfolgenden Festspieljahrgänge umdisponiert werden. In der Saison 2021 werden neben der vorgesehenen  Neuproduktion Der fliegende Holländer  die Wiederaufnahmen Tannhäuser  und  der Sängerkrieg auf der Wartburg, Lohengrin und drei konzertante Aufführungen der Walküre  auf dem Spielplan stehen. Die für diese Saison geplante Neuproduktion Der Ring des Nibelungen kann aus Gründen der Probenplanung voraussichtlich erst im Jahr 2022 Premiere feiern.

Grundsätzlich bleiben die bereits für 2020 gekauften Karten  für die Festspiele 2022 gültig. Zur Klärung der Modalitäten bezüglich konkreter Termine wird das Kartenbüro in den kommenden Wochen alle Kartenkäufer der Festspiele 2020 kontaktieren.

Bayern Kunstminister Bernd Sibler betont hierzu: „Als begeisterter Anhänger der Bayreuther Festspiele und der ausdrucksstarken Musik Richard Wagners bedauere ich es sehr, daß wir in dieser Jahr nicht mehr in den Genuss der Aufführungen auf dem Grünen Hügel kommen. Für das kulturelle Leben ist der Ausfall ein herber Verlust. Die lange Festspieltradition hat im bayerischen Kulturstaat einen hohen Stellenwert.“.

Bayreuth / Festspiele Bayreuth - Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuth / Festspiele Bayreuth – Katharina Wagner © Matthias Balk

 2020 – Ein schlechtes Jahr für Katharina Wagner

Das Jahr 2020 trifft Katharina Wagner zusätzlich zum Ausfall der Festspiele sehr hart:   Am 19. März 2020 sollte am Gran Teatro del Liceu im Barcelona die Premiere der von ihr inszenierten Lohengrin – Produktion stattfinden: die geplante Besetzung: Klaus Florian Vogt als Lohengrin, Günther Groissböck als Heinrich der Vogler, Erin Wall als Elsa von Brabant; Evelyn Herlitzius als Ortrud   IOCO-Korrespondent  Dr. Julian Führer wäre ebenfalls zur Premiere in Barcelona gewesen: Katharina Wagner hatte Julian Führer / IOCO, auch aufgrund der Besprechung ihrer Tristan und Isolde Inszenierung in Bayreuth, link HIER, persönlich nach Barcelona eingeladen. Wegen der  Ausbreitung des Corona Virus in Spanien wurde die  Lohengrin – Premiere  abgesagt; der IOCO Besuch fiel damit leider ebenfalls aus .

Bayreuther Festspiele 2017 – hier die lebensfrohe Eröffnung mit viel Prominenz
youtube Trailer Bayreuther Festspiele
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Ende April 2020 kommt vom Grünen Hügel eine weitere schlechte Nachricht: Katharina Wagner, 42, ist längerfristig erkrankt (nicht am Corona-Virus) und zurzeit nicht geschäftsfähig. Wann sie ihre Arbeit wieder aufnimmt,  kann  zurzeit ebenfalls nicht gesagt werden.  Die Tochter von Wolfgang Wagner (1919 – 2010) und  Urenkelin Richard Wagners (1813-1883)  leitet die Bayreuther Festspiele seit 2015; der Vertrag mit ihr wurde 2019 bis 2025 verlängert.

Der Betrieb der Bayreuther Festspiele wird zurzeit neben Holger von Berg auch von Heinz-Dieter Sense geleitet. Sense, 81, wurde vom Verwaltungsrat und der Gesellschafterversammlung zum weiteren Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele bestellt; er vertritt Katharina Wagner kommissarisch. Sense ist mit dem Grünen Hügel und seinen Gepflogenheiten seit Jahren bestens vertraut.

So wünschen auch  IOCO und alle Kollegen hier und heute Katharina Wagner wie den Bayreuther Festspielen von ganzem Herzen baldige Genesung.

—| IOCO Aktuell Bayreuther Festspiele |—

Bayreuth, Siegfried Wagner – sein Leben und seine Werke, IOCO Interview, 24.03.2020

März 24, 2020  
Veröffentlicht unter Bayreuther Festspiele, Hervorheben, IOCO Interview, Portraits

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Siegfried Wagner  – Leben und  Werke

 IOCO Interview  mit  Peter P. Pachl – Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., ISWG, Bayreuth

von Christian Biskup

Wahn! Wahn! Überall Wahn!  –  Und eine Leidenschaft…

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Am 6. Juni 1869 ging ein großer Wunsch von Richard und Cosima Wagner in Erfüllung: sie bekamen als drittes Kind endlich den lang ersehnten männlichen Erben: Siegfried Helferich Richard Wagner, der Sohn des Meisters Richard Wagner ward geboren, die Bayreuther Festspiele für eine weitere Generation gesichert. Doch Siegfried war viel mehr als Fortführer der Festspieltradition. Vierzehn Opern, darunter Der Bärenhäuter – erfolgreichste Oper des Jahres 1899 – eine langsame Abkehr der Cosima-Wagner-Tradition, zahlreiche Dirigate in der ganzen Welt zeichneten das künstlerisch reiche Leben von  Siegfried Wagner als er am 4. August 1930 in Bayreuth starb – inmitten von mit Arturo Toscanini betriebenen Tannhäuser Proben. Siegfried, Frau  Winifred Wagner (*1897 in Hastings, England – 1980 in Überlingen) und die enge Verbindung beider zu Adolf Hitler, blockierte nach dem Tod von Siegfried Wagner die Aufführung seiner Werke. Heute, jedoch nur langsam, werden die Werke Siegfried Wagner – Manifeste für Weltoffenheit und Toleranz – wiederentdeckt.

Peter P Pachl - Siegfried Wagner Gesellschaft Bayreuth © Peter P Pachl

Peter P Pachl – Siegfried Wagner Gesellschaft Bayreuth © Peter P Pachl

Peter P. Pachl ist Mitbegründer und Vize-Präsident.der Internationalen Siegfried Wagner-Gesellschaft (ISWG).  Geboren 1953 in Bayreuth, ist er großer Verfechter für das Werk des Meistersohns. IOCO-Korrespondent Christian Biskup (CB) sprach mit Peter P. Pachl (PPP) über die ISWG, Siegfried Wagner und Schwierigkeiten, die mit dem Einsatz für dessen Werke verbunden waren.

CB: Herr Pachl, Sie sind Regisseur, Publizist, Universitätsdozent, Professor und Autor – sie schrieben – abgesehen von Zdenko von Krafts tendenziöser Biografie – die erste Biografie von Siegfried Wagner nach 1945. Und wenn man Ihre Aktivitäten für den Komponisten, den Meistersohn Siegfried Wagner betrachtet, so kommt man schnell zu der Frage: warum denn ausgerechnet er?

PPP: Das ist die Frage, ja? Das ist natürlich eine sehr individuelle Frage und liegt sehr an mir. Ich denke, das Schöne bei großen Kunstwerken und bei großen Künstlern ist, dass es viele Zugänge, unterschiedliche Ambitionen und Verwandtschaften gibt. Bei mir ist tatsächlich der Punkt, dass ich mich von Klein-auf immer sehr für die Outlaws interessiert habe, für jene, die aus irgendwelchen Gründen verfemt sind, in der Schublade gehalten wurden. Besonders auch dann, als ich die Möglichkeit hatte, diese bisherige Schwärmerei des Heranwachsenden, tatsächlich beruflich in die Tat umzusetzen. Und das habe ich dann auch gemacht. Für verfemte Komponisten wie Alexander Zemlinsky, Franz Schreker, Anton Urspruch, Erich Jaques Wolff um nur einige Komponisten zu nennen, setzte ich mich und habe ich mich nachhaltig immer wieder eingesetzt. In diese Kategorie gehört auch Siegfried Wagner, der von der eigenen Familie unterdrückt wurde. Zunächst dadurch, dass die Werke nicht gespielt werden durften, wie auch dadurch – was ich am eigenen Leib wahrnehmen musste – dass man überhaupt nicht an diese Werke herankam. Es bedeutete ein großes Glück, den einen oder anderen Klavierauszug in einem Antiquariat, die eine oder andere Partitur in einer Universitätsbibliothek zu entdecken. Aber an den Großteil der Kompositionen kam man gar nicht heran. Und eine weiterer Punkt der Verfemung Siegfried Wagners war, dass bereits in dessen Jugend und im weiteren Leben des Komponisten die Unterdrückung, das Zurechtbiegen, das ihn In-einem-anderen-Licht-erscheinen-lassen begonnen hat.

Siegfried Wagner, Bayreuth © Christian Biskup

Siegfried Wagner, Bayreuth © Christian Biskup

CB: Ich nehme aber auch an, dass Sie die Musik von Siegfried Wagner sehr schätzen?

PPP: Ja, das ist richtig. Aber erstmal gab es keine Musik, es gab zum Anfang meiner Interesses schlicht keine Noten.. Wie kam ich dann darauf? Ich bin ich Bayreuth geboren. Mein Vater hat mir ermöglicht, schon als Zehnjähriger die Bayreuther Festspiele zu besuchen. Das waren Zeiten, in denen es im Festspielhaus nicht nur freie Plätze, sondern bei den damals nicht so goutierten Werken wie bei Der fliegende Holländer oder Parsifal sogar freie Reihen gab.

Ich hatte das große Glück, von meinen Eltern jedes Jahr mit in die Festspielaufführungen genommen zu werden. Und dabei besuchte ich mit meinen Eltern mal die Eule, die Lieblingskünstlerkneipe Siegfried Wagners. Damals hingen dort noch sehr viele der Stassen-Pastellzeichnungen zu seinen Opern. Ich konnte diese Szenen damals in Bayreuth, welches auch einseitig auf Richard Wagner fixiert war, nicht zuordnen und fragte meinen Vater, was das denn sei. Er antwortete: „Das sind die Opern Siegfried Wagners, die spielt man jetzt nicht, aber das kommt auch mal wieder.“ Und das war für mich der Schlüsselsatz.

Ich hatte ziemlich schnell alle Werke Richard Wagners von Rienzi, später auch von den Feen und der Hochzeit auswendig gelernt und dachte mir: Gott-bewahre, wenn ich jetzt noch so einen Kosmos auswendig lernen muss. Ich beruhigte mich selbst, indem ich mir sagte, ich würde mich informieren und mir zunächst einmal etwas von Siegfried Wagner anhören muss. Im Jahr 1969, seinem 100. Geburtstag, würde es ja mehrere Theater geben, die Opern von ihm spielen werden – und da fahr ich dann hin und mache mir selbst ein Bild und einen Klangeindruck: dachte ich! Ich hatte damals, als Gymnasiast, die Zeitschrift Oper und Konzert abonniert und jeden Monat gesucht: nichts von Siegfried Wagner. Und dann wollte es der Zufall, dass es doch das ein oder andere Konzert gab, in der Zeitschrift nicht verzeichnet. Eines dieser Konzerte war in Hof in Nordbayern, wohin meine Eltern – mit mir im alter von drei Jahren – hinzogen. Dort stand am 14. Februar 1969 das Violinkonzert von Siegfried Wagner auf dem Programm – und von diesem Klangerlebnis war ich richtiggehend hin und weg.

Siegfried Wagner – Violinkonzert
youtube Video von gioiellidellamusica
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CB: Tatsächlich scheinen ihre positiven Ansichten auch immer mehr in der Musikwelt anzukommen. Die Aufführungen von Werken Siegfried Wagners mehren sich, längst vergriffene Notenausgaben erfahren einen Neusatz, so seine teils unveröffentlichten Lieder aber auch seine Erfolgsoper Der Bärenhäuter.

PPP: Die Partitur des Bärenhäuter ist ein Reprint. Jedoch seit dem vergangenen Jahr – von der Öffentlichkeit noch kaum bemerkt – begann die Arbeit an einer kritischen Gesamtausgabe der Werke Siegfried Wagners. Angefangen wurde und wird mit jenen Werken, die nachfolgend zur Aufführung anstehen. Der erste Band An Allem ist Hütchen Schuld! ist eine sehr gute und insbesondere fehlerfreie Edition von Ulrich Leykam. Das Aufführungsmaterial war für die Orchestermusiker sehr gut spielbar, was auch der Dirigent David Robert Coleman bestätigte. Diese Neu-Edition soll das Gesamtwerk umfassen. Der nächste, schon fertig gesetzte Band ist Sonnenflammen für kommenden Sommer und dann folgt eine Neuausgabe der Oper Rainulf und Adelasia, obgleich diese vor knapp zwei Dezennien überhaupt zum ersten Mal erschienen war.

CB: Wie ging das Ganze überhaupt los, die Sache mit Siegfried Wagner und der ISWG?

PPP: Es war und ist das erklärte Ziel der ISWG, Siegfried Wagner populär zu machen, die Werke zur Aufführung zu bringen. Das ist – und zwar in der erste Linie die Bühnenwerke – auch das in der Satzung festgeschriebene Ziel. Nun war es aber so: 1972 gründeten sieben für eine Vereinsgründung erforderliche Mitglieder – vor allem junge Studenten in meinem Alter und ein paar ältere Bayreuth-Besucher, die zwar Siegfried Wagner auch nicht mehr persönlich erlebt hatten, aber denen er als Komponist noch ein Begriff war – die Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft als eingetragenen Verein. Gleich darauf erfolgte von Winifred Wagner ein Brief an alle Wagner-Verbände, es möge niemand diesem Verein beitreten, denn es sei eine Gesellschaft, die von der Familie nicht gewünscht würde.

Für Winifred Wagner war Hauptstein des Anstoßes das Wort „Internationale“. Und entsprechend willfährig reagierte ihr Klientel und wir hatten es entsprechend schwer. Gleichwohl hat uns das nicht gekümmert. Es wäre natürlich schön, eine große Mitgliederzahl zu erreichen, aber darum ging es der ISWG nie, sondern darum, möglichst effektiv etwas zu erschaffen, etwas zu bewegen. Eine besondere Schwierigkeit stellte die Tatsache dar, dass Winifred Wagner – als Rechte-Inhaberin – keine Aufführungserlaubnis erteilen wollte. Dann gab es aber doch eine glückliche Entwicklung: Otto Daube, ein junger Freund Siegfried Wagners und zu dessen Lebzeiten auch einer der ersten Siegfried-Wagner Biografen, hatte uns empfohlen, uns an Friedelind Wagner zu wenden, denn diese sei die erklärte Lieblingstochter Siegfried Wagners gewesen. Tatsächlich war Friedelind bereit, Mitglied und Präsidentin zu werden – und so erfolgte ein erster Aufschwung für die ISWG. Friedelind Wagner stand jedoch vor demselben Problem, was Opernaufführungen angeht, wie auch wir. Aber sie hat als Erste das Aufführungsverbot durchbrochen, und zwar mit dem englischen Dirigenten Leslie Head, der – wie so Viele vor ihm, auf die Idee gekommen war, Siegfried Wagner zu spielen.

Hätte Wieland Wagner 1969 noch gelebt, so hätte er seinen Plan, zum hundertsten Geburtstag seines Vaters eine Oper von ihm auf ganz neue Weise zu inszenieren – er hatte ja eine ganze Reihe von Siegfried Wagner bereits als ganz junger Künstler realisiert – wahrgemacht, aber da war er ja schon drei Jahre tot. Häufiger wollten Dirigenten und Regisseure gern eine Oper Siegfried Wagners realisieren. Weil Winifred Wagner vom Verlag Max Brockhaus mit Ende des Krieges das gesamte Aufführungsmaterial nach Bayreuth geholt hatte, mussten sich alle Interessenten an Winifred wenden. Und Winifred Wagner schrieb stets zurück: „Lassen Sie das, Sie tun uns und sich damit keinen Gefallen“. Und dann haben es die meisten schon gelassen. Und wer dann aber zäher war und weiterfragte, dem schrieb sie, es sei ja eine ehrenvolle Absicht, aber das Aufführungsmaterial sei im Krieg verloren gegangen. Das war eine Lüge, denn sie hatte das gesamte Notenmaterial in Stellagen ordentlich sortiert, in einem eigenen Trakt des Siegfried-Wagner-Hauses untergebracht. So erging es auch als Leslie Head bei seiner Anfrage für London. Da Friedelind die Rolle der Mita als eine Idealpartie für ihre Freundin Hanne Lore Kuhse empfand, hatte sie Leslie Head empfohlen, er solle den Friedensengel machen. Und Der Friedensengel war jenes Werk, über welches der ansonsten zu wenig Aussagen geneigte Biograph Zdenko von Kraft berichtet, dass Winifred Wagner es am wenigsten mochte.

Leslie Head erhielt, wie immer, die Antwort: „Sie tun uns und sich damit keinen Gefallen, lassen Sie das!“ Doch sie schrieb – immer in Absprache mit Friedelind Wagner – dass er die Oper trotzdem gerne einstudieren und aufführen würde. „Kein Material mehr vorhanden!“, so die Antwort Winifreds. Und dann ein Trick, wie er wohl nur Friedelind Wagner einfallen konnte. Head schrieb: „Das macht nichts, wir haben eine Partitur, wir stellen das Material eben selbst neu her.“ Darüber hat Winifred einen solchen Schreck bekommen, denn sie dachte: „Um Gottes Willen, wenn die das tatsächlich drucken, dann verbreiten sie es, und dann haben sie die Rechte, und so weiter.“ Deshalb antwortete sie, sie hätte das Aufführungsmaterial doch gefunden und sie wäre bereit, es für eine einmalige Aufführung – aber nur konzertant – bereitzustellen. So kam es immerhin zu dieser Aufführung, und damit war das Eis ein allererstes Mal gebrochen. Und wenn man das Eis einmal bricht, dann kann man es auch ein anderes Mal brechen. Während ich in London nicht so aktiv in die Vorbereitungen involviert war, haben wir es auf dieser Schiene dann in Deutschland fortgeführt und die Opern Sternengebot und Sonnenflammen in Wiesbaden konzertant zur Aufführung gebracht, später auch Schwarzschwanenreich in Solingen und Herzog Wildfang in München.

Sonneflammen - Oper von Siegfried Wagner © Christian Biskup

Sonneflammen – Oper von Siegfried Wagner © Christian Biskup

CB: Wenn man auf die umfassende Homepage der Gesellschaft blickt, so fallen zwei große Termine ins Auge. Am 30. Juli und 2. August sowie 15. und 16. August sollen die SW Opern Sonnenflammen (Foto oben, 1918 in Darmstadt uraufgeführt. Konzertante  Wiederaufführung 1979 in Wiesbaden und 2002 im Opernhaus Halle) und Rainulf und Adelasia szenisch in Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth während der Festspielzeit aufgeführt werden. Kommen neben den Richard-Wagner-Festspielen nun auch Siegfried-Wagner-Festspiele nach Bayreuth?

PPP: Das ist sicherlich Ansichtssache. Eigentlich kann man sagen, sie sind schon da. 2014 kam Katharina Wagner auf mich zu und sagte, man müsse doch über den Schatten der Eltern springen, und wir sollten in Bayreuth auf einer zweiten Schiene die Opern Siegfried Wagners vorstellen – so wie sie bereits im Richard Wagner-Gedenkjahr die drei Jugendopern Richard Wagners in Bayreuth als Gastspiele realisiert hat. Damals stand allerdings die Idee an, dass die Stadthalle in Bayreuth umgebaut würde, und das Markgräfliche Opernhaus war bereits im Zuge der Restaurierungen geschlossen. Dessen Wiedereröffnung hat sich dann jedoch einige Jahre länger hingezogen, mit Wasserschaden und all den Verzögerungen, die bei öffentlichen Bauten so gerne passieren.

Und so wurde der für uns erstmögliche Termin das Jahr 2019, was eben auch – leider muss man sagen – das Gedenkjahr des 150. Geburtstages von Siegfried Wagners war. Denn für viele war damit das Thema Siegfried Wagner sozusagen abgehakt: „Jaja, jetzt hatte er einen runden Geburtstag, da gab mal eine Oper von Siegfried Wagner“. Und das war eben von vornherein nicht so geplant! Es war – bereits fünf Jahre früher – gedacht, dass es jedes Jahr zwei Opern geben sollte, die in Zusammenarbeit mit Opernhäusern produziert werden, so wie das für die Jugendopern Richard Wagners zusammen mit der Oper Leipzig realisiert worden war; und diese Opern sollten dann sowohl in Bayreuth als auch im jeweiligen Opernhaus weiter gespielt werden. Auf dieser Schiene erfolgt nun spät, aber doch die szenische Uraufführung von Rainulf und Adelasia an jenem Ort, an dem Siegfried Wagner im Jahre 1194, die Handlung lokalisiert hat, nämlich in Reggio Calabria. Reggio Calabria produziert diese Oper und bringt sie dort open-air zur Uraufführung. Diese Produktion geht dann auch für zwei Gastspiele nach Bayreuth, am 30.7 und 2.8. – das sind die von Katharina Wagner gewählten Nicht-Premieren-Tage im ersten großen Zyklus. Mitte August folgt Sonnenflammen, was im tschechischen Karlovy Vary mit den Karlsbader Symphonikern erarbeitet wird, die im Vorjahr – zu unserer großen Freude – An Allem ist Hütchen Schuld! so schön begleitet haben, dass jene Besucher, die den Vergleich hatte sagten, es sei noch besser gewesen als zuvor mit den Bochumer Symphonikern.

CB: Sonnenflammen hat mit irisierenden Klängen und dem weltzerstörenden Feuer am Ende schon ein wenig Schrekersche Fin de siecle-Stimmung. Rainulf und Adelasia hingegen ist eine historische Tragödie zur Zeit Kaiser Heinrich VI. Warum ausgerechnet diese beiden Opern?

PPP: Wie soll man mit der neuen Reihe in Bayreuth beginnen – mit Opus 1 anfangen oder mit Opus 18, oder man kombiniert zwei Werke aus unterschiedlichen Entstehungsphasen? Das Spannende ist, dass die Opern Siegfried Wagners ja alle miteinander verzahnt sind, auf einander Bezug nehmen. Die beiden Werke dieses Sommers haben mit den 20er Jahren zu tun, deren Retrospektive ein Säkulum später, mit dem Jahr 2020 eingeläutet werden. Genau vor 100 Jahren, im Jahre 1920, begann Siegfried Wagner Rainulf und Adelasia zu komponieren, und noch bevor Arnold Schönberg seine Zwölftontheorie veröffentlicht hatte, hat Siegfried Wagner hier ganz bewusst – in einem Stück das von Hypnose und neuen Erkenntniswegen handelt – mit Zwölftonreihen gearbeitet, wie Eckart Kröplin dies anlässlich eines Symposiums in Bad Urach erstmals nachgewiesen hat. Kein Wunder also, dass Arnold Schönberg Siegfried Wagner so hoch geschätzt hat; denn das bekannte er ja 1913 schon mit den Ausspruch, dass Siegfried Wagner ein größerer und bedeutenderer Künstler sei, als viele, die jetzt sehr berühmt sind. Dies ist einer der Gründe für die Fokussierung auf Rainulf und Adelasia. Der andere ist, dass ebenfalls im Jahre 1920 Siegfried Wagner erstmals eine Oper von sich selbst inszeniert hat. Das war Sonnenflammen in Dresden an der Sächsischen Staatsoper; Franz Stassen war sein Ausstatter, Richard Tauber sang den Fridolin und Heldentenor Fritz Vogelstrom den Gomella. Eine damals äußerst ungewöhnliche Aufführung bis in jene Besetzung hinein, die der Komponist als sein eigener Regiesseur gewählt hat. 1920 ist der Angelpunkt – und natürlich gibt es auch diverse innere Zusammenhänge zwischen diesen beiden Opern.

CB: Wie werden die Aufführungen denn finanziert? Ist die Siegfried-Wagner-Gesellschaft so erfolgreich, dass die Opern, die nicht nur ein großes Orchester sondern auch erstklassige Sänger benötigen, nur aus Mitgliedsbeiträgen finanziert werden kann?

PPP: Ja, das wäre schön, da wären wir bei jenem Punkt, den wir früher angesprochen haben: wenn wir so viele Mitglieder hätten… Die Finanzierung ist natürlich genau der schwierige und problematische Punkt – wie kann man etwas realisieren ohne dazu die Mittel zu haben? Natürlich nur mit Hilfe von Förderung, die wir ja im Vorjahr von der Stadt Bayreuth, der Oberfranken-Stiftung und vom Kulturfonds Bayern bekommen haben, wenn auch in geringerem Umfang als beantragt und eigentlich geplant. Deshalb gabs Vorjahr statt einem Sinfoniekonzert ein Konzert mit Klavierbegleitung und ein paar Kammermusikwerken, als ein Überbnlick über das Schaffen, das wir in den kommenden Sommern vorstellen wollen. Die Finanzierung erscheint in diesem Jahr noch schwieriger. Unser Vorhaben steht, was die Finanzierung angeht, in der Tat auf sehr wackeligen Beinen. Selbstredend sind Anträge gestellt sind, aber die Zusage wird teilweise erst relativ spät im Jahr entschieden. Das ist natürlich die Crux solcher Anträge im Kunstbereich. Wenn man erst anfangen würde, zu planen wenn die Anträge genehmigt sind, dann gäbe es keine Sänger und keine Räumlichkeiten mehr und man müsste es aus diesen Gründen lassen.

Also gilt es, sozusagen ins kalte Wasser zu springen und den Glauben nicht zu verlieren. Wir wollen bis 2025 alle Opern Siegfried Wagners in Bayreuth in dieser Reihe einmal vorgestellt haben und Siegfried Wagner in Bayreuth so zu einem Faktum machen. Dazu braucht man langen Atem. Realisieren können wir diese Aufführungen – so auch im Vorjahr – nur, indem wir mit dem pianopianissimo-musiktheater zusammenarbeiten. Dieses wurde 1980 auf Empfehlung von August Everding in München gegründet um jenseits gewerkschaftlicher Zwänge und jenseits großer Budgets im Opernbereich Unmögliches doch möglich zu machen. Und das pianopianissimo-musiktheater-ensemble hat – das kann man an den CD- und DVD-Aufnahmen mehrerer Opern Siegfried Wagners auch überprüfen – immer wieder bewiesen, dass man auch großartige (und sonst viel teurerer) Künstler gewinnen kann, die hier aus künstlerischer Begeisterung und Freude an der Sache nur für eine Aufwandsentschädigung arbeiten – jenseits der Gagen, die sie sonst an Opernhäusern zurecht erhalten.

Festspielleiter Siegfried Wagner, links, in Bayreuth © Chrisitan Biskup

Festspielleiter Siegfried Wagner, mittig, in Bayreuth © Chrisitan Biskup

CB: Ist das auch der Grund, weshalb keine Deutschen Orchester, sondern das Karlsbader Sinfonieorchester und das Orchestra Filharmonica della Calabria die Ausführenden sind?

PPP:  Jein. Es waren lange Zeit die Nürnberger Sinfoniker im Gespräch und sogar bereits in der Planung. Diese haben u.a. auch schon den „Kobold“ gespielt. Und sie standen auch in der Diskussion für die im vergangenem Jahr erfolgte Aufführung von An Allem ist Hütchen Schuld!. Die Italiener wollten ursprünglich mit diesem Siegfried Wagner -erfahrenen Orchester aus Deutschland zusammenarbeiten, und es gab bereits konkrete Planungen. Aber es ist auch spannend, wenn dieses Werk nicht nur vom Chor aus Reggio Calabria und einer vornehmlich italienischen Sänger*innen-Mannschaft, sondern eben auch vom dortigen Orchester interpretiert wird – zumal es ein sehr gutes Orchester ist, das Filippo Arlia dort leitet.

CB: Für die Aufführungen wurde das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth ausgewählt. Warum ausgerechnet das Haus, das Richard Wagner aufgrund seiner geringen Größe abgelehnt hat? Wie kann man sich die Inszenierung vorstellen und wo wird insbesondere das Orchester untergebracht?

PPP: Letzteres wird von Fall zu Fall unterschiedlich gelöst werden. Die ISWG wartet natürlich auch auf den Umbau der Stadthalle, die dann Friedrichsforum heißen und als weitere Bühne zur Verfügung stehen wird. Daneben wird vielleicht auch immer wieder das Markgräfliche Opernhaus eine Bühne sein, wie sie es schon zu Lebzeiten des Komponisten bei Gastspielen war. Das berühmteste dieser Gastspiele mit Opern Siegfried Wagners dort war 1944 Wieland Wagners Inszenierung von An Allem ist Hütchen Schuld!, aus Altenburg. Für die Positionierung des Orchesters kann man letztlich verschiedene Lösungen wählen. Wir haben bei An Allem ist Hütchen Schuld!, (siehe Video unten) das Orchester hinter die Bühne gesetzt. Wir haben das in Bochum in einer viel größeren Location, dem Auditorium Maximum der Ruhr-Universität, so praktiziert. Die Bühne war zu ebener Erde, und dann dahinter das Orchester. Deshalb haben wir in Bayreuth das Orchester ebenfalls auf der Bühne gesetzt und haben davor, auf Bühne und Vorbühne, also auf zwei Ebenen, gespielt. Und in diesem Jahr wird es so sein, dass das Orchester vor der Bühne sitzt.

iswg,

An Allem ist ein Hütchen Schuld – Märchenoper von Siegfried Wagner
youtube Video von Peter P Pachl – Siegfried Wagner Gesellschaft
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CB: Im August 2019 wurde im Markgräflichen Opernhaus von Bayreuth Siegfried Wagners Märchenoper An Allem ist Hütchen Schuld!  anlässlich den Jubiläumsjahres aufgeführt. Wie waren die Resonanzen?

PPP: Die Resonanzen kann man im Pressespiegel des nächsten ISWG-Mitteilungsblatts im nächsten Sommer nachlesen. Bei Kritiken geht es doch darum, dass sie ein Werk zur Diskussion stellen und das Gespräch darüber evozieren. Die berühmte Anekdote von Bertolt Brecht, der nach der Uraufführung seiner Mutter Courage das Telegramm erhalten hatte, Mutter Courage – großer Erfolg“ und daraufhin zurücktelegrafierte, man möge es sofort absetzen, zeigt, wie wichtig die Reibung/Auseinandersetzung des Publikums mit der aktualisierten Spielvorlage ist. Ein Pro und Contra hat es seltsamerweise in Bayreuth sehr viel stärker als für die zugrunde liegende Bochumer Produktion gegeben. In Hagen hingegen hat die Produktion von An Allem ist Hütchen Schuld! den erstaunlichen Fall ausgelöst, dass wirklich ein halbes Hundert ausschließlich begeisterte Kritiken erschienen sind. Doch das hat der Oper letztlich auch nicht geholfen. Vielleicht hat Brecht recht, dass die Spaltung des Publikums, die der Meinungen und der Medien, einfach die bessere Ausgangslage für einen Autor und für sein Werk sind.

CB: Aus der Vergangenheit ist bekannt, dass die Familie Wagner nicht sehr bestrebt war, das Werk Siegfried Wagners aufzuführen. Winifred, seine Frau, sprach ein Aufführungsverbot un sprach sich mit Sohn Wolfgang gegen die Gründung der ISWG aus. Nur Tochter Friedelind war angetan und wurde sogar Präsidentin der Gesellschaft. Wie erklären Sie sich diese starke Abneigung der Familie?

PPP: Die Zu- und Abneigung auf Seiten der Familie Wagner kann man nicht über einen Kamm scheren. Bei Winifred ist da ein sehr starker psychologische Ansatz zur Deutung nötig, aber auch wichtig und erforderlich. Ich denke, es war eine Art von Revanche an ihrem toten Ehemann, insbesondere dafür, dass sie Leitung der Festspiele nur für so lange erhalten hat, bis sie sich wieder verheiraten würde. Zwar hat sie dieses Testament mitunterschrieben. Aber erst dann ist ihr klar geworden, sie darf nicht wieder heiraten, wenn sie Festspielleiterin sein will. Und das wollte sie sein! Wie kann man sich an Einem rächen, der tot ist? Eigentlich nur, indem man versucht dessen Werk verstummen zu lassen. Dies war aber sehr schwierig, denn in den Dreißigerjahren gab es sehr viele Regie- und Dirigierschüler von Siegfried Wagner, die es sich nicht haben nehmen lassen, Siegfried Wagners Werke aufzuführen. Deshalb blieb Winifred nur die Möglichkeit, die Noten zu sich zu holen, damit niemand mehr sie aufführen konnte. Bei den Söhnen: Wieland Wagner hat sich immer in erster Linie als Sohn eines Komponisten verstanden und dann erst als Enkel. Aber er kam an die Leitung der Festspiele in einer Zeit, wo es galt, erst einmal Richard Wagner wieder durchzusetzen, zu „entnazifizieren“.

Bei Wolfgang Wagner war es wiederum anders. Er hat in der Zeit des Dritten Reichs sehr viel Negatives, auch Dinge, die nur unter vorgehaltener Hand über seinen Vater erzählt wurden, aufgenommen. Er hatte ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinem Vater und das offenbarte sich dann auch in seinem erklärten Desinteresse für dessen Werk. Denn dieses ist ein Manifest ist für eine liberale und antimilitaristische Haltung, ein Bekenntnis zum Außenseitertum und zu ungewöhnlichen gesellschaftlichen Lösungen, bis zur Forderung der Beseitigung gängiger Moral und Gesetzgebung. Und dann kam bei Wolfgang Wagner eine weitere Überzeugung hinzu: „Es ist schlimm genug, dass es Beethoven und Mozart gibt, für die Geld ausgegeben wird, das Geld sollte alles für Richard Wagner ausgegeben werden. Wir können uns doch in der eigenen Familie keine Konkurrenz machen!“ Das war seine ehrliche Meinung.

CB: Aber heute steht die Familie Wagner den Plänen der ISWG offen gegenüber?

PPP: Die Familie ist groß… Festspielleiterin Prof. Katharina Wagner ist wirklich sehr offen. Zu meiner großen Freude hat sie sich sehr begeistert über die von ihr besuchte Bayreuther Aufführung des „Hütchen“ geäußert, nicht nur uns gegenüber sondern auch in der Öffentlichkeit.

CB: Wissen Sie schon, wie es in den nächsten Jahren weitergehen soll?

PPP: Auch da haben wir natürlich schon Pläne geschmiedet. Wir wollen erneut eine ausländische Bühne, ein ausländisches Orchester, die diese Oper dann im Repertoire weiterspielt, gewinnen. Wir wollen wieder zwei Werke haben, die offen miteinander korrespondieren (denn in einer versteckteren Weise tun sie dies ohnehin immer durch die identischen musikalischen Themen), die aber darüber hinaus auch thematische Zusammenhänge aufweisen, wie in diesem Jahr Fremdheit vs. Integration.

Es gibt hierfür schon Vorgespräche, einen Plan A und einen Plan B – aber noch in der Werkstatt.

CB: Das klingt spannend! Vielen Dank für dieses hochinteressante Interview!

—| IOCO Interview |—

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