Aachen, Theater Aachen, Roméo et Juliette – Charles Gounod, IOCO Kritik, 12.12.201

Dezember 12, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Aachen

theater aachen.jpg

Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

  Roméo et Juliette – Charles Gounod

Von Ingo Hamacher

„Ich liebe Gounod! Und ich bin jedes mal froh, wenn ich eine seiner Opern aufgeführt sehe. Neben seinem berühmten Faust, in Deutschland in der Regel zur Vermeidung von Verwechslungen unter dem Titel Margarethe gezeigt, gehört das wesentlich seltener gespielte Stück Roméo et Juliette ebenfalls zum festen Bestandteil des Opernrepertoires.“

Aber auch seine anderen Stücke werden inzwischen wieder entdeckt. 2017 spielte die Oper Leipzig den Cinq Mars unter dem Titel: Der Rebell des Königs und in diesem Jahr hat die Opéra Comique, Paris, die zweite seiner zwölf Opern: La Nonne sanglante (Die blutige Nonne) erneut zur Diskussion gestellt.

Theater Aachen / Roméo et Juliette - hier : auch Soon-Wook Ka, Pawel Lawreszuk, Ensemble © Wil van Iersel

Theater Aachen / Roméo et Juliette – hier : auch Soon-Wook Ka, Pawel Lawreszuk, Ensemble © Wil van Iersel

Charles Gounod, der populärste Komponist der französischen Opernschule des 19. Jahrhunderts, kam am 17. Juni 1818 in Paris zu Welt (gestorben 1893). Sein musikalisches Talent und seine dramatische Begabung ließen ihn zum Hauptvertreter der französischen Romantik werden. Mit seinem Werk Roméo et Juliette, das sich mit großer Treue an Shakespeares Drama hält, – Libretto von Jules Barbier und Michel Carré – gelang ihm ein Erfolgsstück, mit dem viele Jahre regelmäßig die prunkvolle Saisoneröffnung der New Yorker Metropolitan-Oper erfolgte.

Die Regisseurin Ewa Teilmans erarbeitet mit ihrem Produktionsteam eine Inszenierung von so wunderbarer Schönheit, dass sich die für Gounod typische Süsse der Musik, mit teilweise ins kirchlich-religiöse übergehenden Klangbild in der liebevollen Aufführung wiederspiegelt, ohne jedoch die Härte und Brutalität des Stückes zu verwischen.

Giulietta Statue im berühmten Casa di Giulietta in Verona © IOCO

Giulietta Statue im berühmten Casa di Giulietta in Verona © IOCO

Gewalt, Streit und Kampf. Verfolgungsszenen und Schlägerreien sind unsere ersten Bilder, wenn sich zu Beginn der Ouvertüre der Vorhang öffnet und wir in die Lebenswelt der Familien Montaigu und Capulet blicken. Wir schauen auf eine kreisrund aufgerissene Fabrikwand, wie nach einem Bombeneinschlag, die ihre Standfestigkeit nur noch aus rostigen Gerüsten und Stützstreben erhält, und die in ihrer Zerborstenheit mehr Blicke freigibt, als dass sie sie noch verstellen kann. Marodes Industriegelände im hier und jetzt, Niemannsland und No-Go-Ärea für friedfertige Menschen.

In einem Prolog berichten die am Geschehen Beteiligten über das aus der Fehde zwischen den Capulets und den Montaigus erwachsene Schicksal Roméos und Juliettes.

1. Akt –  Im Palast der Capulets wird eine Maskenball veranstaltet.

Die Bühne dreht sich, und wir sehen auf der anderen Seite die prachtvolle Welt der Renaissance. Rot- und Gelbocker, Säulen mit goldenen Kapitelen, Bögen und Ornamenten. Auf der linken Seite ein kleiner Balkon, der im weiteren Verlauf große Bedeutung gewinnen wird.

Ein buntes Fastnachtstreiben mit schrillen Kostümen, halbnackten Menschen, strapsetragende Transvestiten und weiterem buntem Volk wird auf die Bühne gespült um tanzend in wildem Rausch das Leben zu genießen.

Roméo und Mercutio aus dem Haus der befeindeten Montaigus mischen sich unter die feiernden Gäste. Juliette, gerade 14 Jahre geworden, soll der Gesellschaft und ihrem zukünftigen Ehemann, dem vornehmen Pâris, vorgestellt werden. Und es ist höchste Zeit! Von ihrer Amme Gertrude, wunderbar gesungen und gespielt von Ariana Fucos als Ersatz für die erkrankte Julia Mintzer, erfahren wir, dass diese in dem Alter bereits lange verheiratet war.

Als Juliette ihren Auftrittswalzer „Je veux vivre“ (‚Ich will leben‘) singt, frieren alle Bewegungen des wilden Treibens ein, so dass wir diesen zeitlos-lyrischen Moment in aller Schönheit genießen können.

Juliette Capulet  –  Larisa Akbari

Der russische Sopran Larissa Akbari sang erstmalig im Frühling 2016 am Theater Aachen, und zwar die Partie der Blonde in der Produktion Entführung aus dem Serail. Seit dem ist sie immer wieder gerne gesehener und gehörter Gast des Hauses, wobei sie mit ihrer großen Lebendigkeit und Spielfreude genauso begeistert wie mit ihren großartigen Gesang.

Theater Aachen / Roméo et Juliette auf dem berühmten Balkon © Wil van Iersel

Theater Aachen / Roméo et Juliette auf dem berühmten Balkon © Wil van Iersel

Als Juliette für kurz unbeaufsichtigt ist, spricht Roméo sie an; beide sind sofort in Liebe entbrannt. In diesem ersten der vier großen Liebesduette gestehen sie sich gegenseitig mit „Ange adorable“ (‚Anbetungswürdiger Engel‘) ihre Liebe.

Roméo Montaigu  –  Alexey Sayapin

Der junge russische Tenor, in Aachen augenzwinkernd auf Grund der großen Ähnlichkeit auch gerne „Unser Jonas Kaufmann“ genannt, weiß neben seinem guten Aussehen auch mit seiner schönen Stimme zu überzeugen; eine Idealbesetzung für diese Partie. Tybalt, Juliettes Cousin (gesungen von Soon-Wook Ka), deckt die Herkunft des Fremden auf; nur das Eingreifen Capulets hält ihn davon ab, auf Roméo loszugehen.

2. Akt  –  Garten vor dem Haus Juliettes.

Balkonszene, Duett II: „Ô nuit divine“ (‚O göttliche Nacht‘).  Die Beiden genießen eine heimliche Liebesnacht; Juliette bittet Roméo, sie zu heiraten.

3. Akt  –  Pater Lorenzo verheiratet das Liebespaar

Es sind regelrechte Schnapsideen die Bruder Laurent den jungen Liebenden anträgt: Als wenn sich über Generationen bestehende Familienfehden durch die heimliche Heirat der jüngsten Familiensprosse besänftigen ließen!  Und wohin seine Idee mit dem Narkotikum am Ende führen wird, kann man ja getrost als bekannt voraus setzten.

Daher ist es nur folgerichtig, wenn Ewa Teilmans ihn als bekifften obdachlosen Ex-Rocker zeigt, auf einem Klappstühlchen neben einem Campingtisch sitzend. In einer Ecke einer an den betongrauen Charm eines Parkhauses erinnernden Wand hat er sich mittels Plakaten, Zeitungsausrissen und Ansichtskarten eine Insel des Dogenkonsums und des Gottesglaubens geschaffen.

Aber wenn der Einsiedler, wunderbar gesungen von Woong-jo Choi, dann seine „Klause“ verlässt und das Priestergewand anlegt, sind wir wieder zurück in der klassischen Handlung, und erleben die ergreifende Eheschließung Roméos und Juliettes.

In einer anschließenden Straßenszene entfacht Roméos Page (Hosenrolle: Fanny Lustaud) die Fehde erneut. Die in den vorhergehenden Szenen historisierenden Kostüme sind aktueller Mode junger Menschen gewichen und verdeutlichen damit das Zeitlose des Konfliktes. Der hinzukommende Roméo versucht, die Parteien zu beschwichtigen, doch als Tybalt Mercutio im Kampf verletzt, läßt er sich herausfordern und ersticht ihn. Daraufhin wird er vom Herzog aus der Stadt verbannt.

4. Akt

Trotz des Bannspruchs verbringt Roméo die Nacht bei Juliette und nimmt erst bei Tagesanbruch Abschied: Duett III: „Va! Je t‘ai pardonné“ (‚Geh, ich habe dir verziehen‘)

Vater Capulet drängt indessen auf die Hochzeit seiner Tochter mit Pâris. Bruder Laurent findet einen Ausweg und gibt Juliette ein Narkotikum, das sie in einen todesähnlichen Schlaf versetzen soll. Als der Vater Juliette zur Hochzeit mit Pâris führen will, bricht sie leblos zusammen.

5. Akt

Ein Brief Bruder Laurents an Roméo, der ihn über Juliettes fingierten Tod informieren sollte, hat den Empfänger nicht erreicht. So muß Roméo in der unterirdischen Gruft der Capulets glauben, am Grab seiner Frau zu stehen. Er umarmt Juliette ein letztes Mal, dann nimmt er einen Gifttrank. Noch ehe das Gift wirkt, erwacht Juliette. Ein letzter ergreifender Liebesgesang, Duett IV, „Dieu! quelle est cette voix“ (‚Gott! Was ist diese Stimme?‘) verabschiedet das unglückliche Paar. Dann sinkt Roméo tot nieder und Julia ersticht sich über seiner Leiche.

Theater Aachen / Roméo et Juliette - hier :  auch mit Pawel Lawreszuk, Larisa Akbari, Woong-jo Choi, Andranik Fatalov © Wil van Iersel

Theater Aachen / Roméo et Juliette – hier : auch mit Pawel Lawreszuk, Larisa Akbari, Woong-jo Choi, Andranik Fatalov © Wil van Iersel

Als romantische Nummernoper mit Arien, Duetten und Chorszenen bietet das Stück zahlreiche musikalische Höhepunkte. Eine Reihe von Melodien hat sich außerhalb des Werks verbreitet, so die Tenorarie Romeos „Ah, lève toi soleil!“ (‚Erhebe dich, Sonne‘), ein froher Walzer Julias „Je veux vivre dans le rêve“ (‚Ich will wie im Traume leben‘) und einiges aus den Liebesduetten.

Großer Applaus für die wunderbare stimmliche Leistung der Solisten und des gesamten Ensembles. Jubel für das Produktionsteam und Standing Ovations für die musikalische Leistung von Christopher Ward und dem Sinfonieorchesters Aachen.

Eine großartige Leistung aller Beteiligten, der man für die kommenden Aufführungen auch weiterhin ausverkaufte Reihen wünscht. Es wäre schade, die Aufführung zu verpassen.

Musikalische Leitung – Christopher Ward – Seit August 2018 ist Christopher Ward Generalmusikdirektor der Stadt Aachen und damit auch Leiter des Sinfonieorchesters Aachen.

Inszenierung: Ewa Teilmans –  Teilmans, eine Theaterfrau von der Pike auf, hat eine Vielzahl von Opern und Schauspielen am Theater Aachen inszeniert. In der laufenden Spielzeit sind sechs Arbeiten von ihr in Aachen zu sehen.

Bühne – Elisabeth Pedross (Mit Ewa Teilmans ist es nach den Opern Rigoletto und Rusalka und den Schauspielproduktionen Mein Kampf und Wassa Schelesnowa die fünfte gemeinsame Arbeit in Aachen.)

Kostüme –  Andreas Becker (In der laufenden Spielzeit mit vier Arbeiten in Aachen vertreten)

Romé et Juliette am Theater Aachen; weitere Termine: 15.12., 20.12., 25.12., 31.12.2018; 13.01., 20.01. (Nachmittags), 25.01.;17.02., 09.03., 24.03., 04.04., 13.04., 23.04.2019

—| IOCO Kritik Theater Aachen |—

Aachen, Aachener Bachtage 2018 – Feuer und Flamme, IOCO Kritik, 15.11.2018

November 16, 2018  
Veröffentlicht unter Aachener Bachverein, Hervorheben, Konzert

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein / Andreas Schmitter

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein / Andreas Schmitter

Bachverein Aachen

– 45. Aachener Bachtage – Feuer und Flamme  –

3. November – 26. November 2018

Von Ingo Hamacher

Bach-Recital am 13. November 2018 im Rahmen der 45. Aachener Bachtage in der Aachener Annakirche unter dem Motto: Feuer und Flamme.

Feuer und Flamme waren nicht nur das Barock-Ensemble des Sinfonieorchesters Aachen unter der Leitung von Justus Thorau, sondern auch die Besucher des Bach-Recitals, die die großartige Leistung der Vortragenden vor fast ausverkauftem Haus mit nicht enden wollendem Applaus und rythmischem Klatschen lobten.

Nach begrüßenden Worten des künstlerischen Leiters der Aachener Bachtage, Georg Hage, wurde das Publikum mit der feurig-lebendigen Ouvertüre der Orchestersuite C-Dur Bach Werkverzeichnis (BWV) 1066 auf den Abend eingestimmt.

Justus Thorau, seit Beginn der Spielzeit 2018/2019 als 1. Kapellmeister am Saarländischen Staatstheater engagiert, und in der letzten Spielzeit noch stellvertretender GMD in Aachen, dankte dem Aachener Bachverein für die nun zum zweiten mal stattfindende Teilnahme des Aachener Sinfonieorchesters an den Aachener Bachtagen und gab seiner Hoffnung auf eine zukünftig fortbestehende Zusammenarbeit Ausdruck.

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche / Bachkantate zum Mitsingen © Aachener Bachverein / Andreas Steindl

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche / Bachkantate zum Mitsingen © Aachener Bachverein / Andreas Steindl

Mit dem überregional bedeutenden Musikfestival Aachener Bachtage, initiiert 1974, setzt der Aachener Bachverein zusammen mit der Evangelischen Kirchengemeinde als Veranstalter einen künstlerischen Schwerpunkt. Mit Barock- und Kammermusik, Kantaten und Oratorien, Orgelmusik, Orchesterkonzerten und Jazz-Improvisation bieten die Aachener Bachtage alljährlich ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Musikprogramm.

Der Aachener Bachverein, seit 2008 unter der künstlerischen Leitung von Annakantor Georg Hage, ist der Oratorienchor der Evangelischen Kirchengemeinde Aachen. Als herausragende Institution mit Resonanz weit über die Grenzen der Stadt hinaus zählt der Aachener Bachverein mit seinen rund 120 Mitgliedern aller Altersgruppen und Konfessionen zu den traditionsreichsten (bestehend seit 105 Jahren) Kulturträgern der Region.

Es folgt die Kantate BWV 199: Mein Herze schwimmt im Blut aus dem Jahr 1714, geschrieben für Solo-Sopran, Oboe, zwei Violinen, Viola und Basso continuo.

Johann Sebastian Bach in Weimar © IOCO / Gallée

Johann Sebastian Bach in Weimar © IOCO / Gallée

Der Großteil des Textes ist Georg Christian Lehms‘ Sammlung Gottgefälliges Kirchen-Opfer entnommen; er handelt von der Erlösung eines Sünders durch Gott.

Die Kantate besteht aus acht Sätzen:
„Mein Herze schwimmt im Blut“
„Stumme Seufzer, stille Klagen“
„Doch Gott muss mir genädig sein“
„Tief gebückt und voller Reue“
„Auf diese Schmerzensreu“
„Ich, dein betrübtes Kind“
„Ich lege mich in diese Wunden“
„Wie freudig ist mein Herz“

Suzanne Jerosme – französischer Sopran und Ensemblemitglied am Theater Aachen – gestaltet mit ihrer klaren, ergreifenden Stimme die Leiden des sich zu Gott kehrenden Sünders zu einem sinnlich erfahrbaren und atemberaubenden Erlösungsereignis.

Johann Sebastian Bach (* 31. März 1685 in Eisenach; †28. Juli 1750 in Leipzig) war ein deutscher Komponist, Kantor sowie Orgel- und Chembalovirtuose des Barocks. In seiner Hauptschaffensperiode war er Thomaskantor zu Leipzig. Er ist der prominenteste Vertreter der Musikerfamilie Bach und gilt heute als einer der bekanntesten und bedeutendsten Musiker überhaupt.

Als zweite Kantate des Bach-Recitals – unter einem Recital versteht man ein Konzert, das entweder von einem einzigen Solisten dargeboten wird oder – wie hier – aus den Werken eines einzigen Komponisten besteht – hören wir die Kantate aus dem BWV 170: Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust, eine Solokantate für Alt, aus dem Jahr 1726.

Mit „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ beginnt Georg Christian Lehms ein Loblied auf den „wahren Seelenfrieden“ und auf die „Stille und Ruhe des Herzens“. Der Arientext ist jedoch nur ein ruhiges Vorspiel. Im ersten Recitativo, wettert er über die Schar der Sünder. Im zweiten Arientext wird der Irrweg des menschlichen Herzens beklagt. In der letzten Zeile dieser Arie heißt es wie schon zu Beginn: „Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen“. Damit kehrt Lehms wieder zum Anfang zurück. Das nächste Recitativo setzt dann das Klagen fort, bis es dann aber zu „Gottes Vorschrift“, auch den Feind wie einen Freund zu lieben, zurückkehrt. Die abschließende Arie vollendet den Gedankenkreis, indem sie mit der „vernügten Ruh“ wieder zum Beginn zurückkehrt.

Die Kantate gliedert sich in fünf Teile:
Arie: Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust
Recitativo: Die Welt, das Sündenhaus
Arie: Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen
Recitativo: Wer sollte sich demnach wohl hier zu leben wünschen
Arie: Mir ekelt mehr zu leben

 Aachener Bachverein © Aachener Bachverein / Andreas Hermann

Aachener Bachverein  © Aachener Bachverein / Andreas Hermann

Um der Forderung Bachs, der für diese Kantaten ein zweimanualiges Continuo fordert, nachzukommen teilt Justus Thorau sein Barock-Orchester, dass die Stücke auf zeitgenössischen Instrumenten vorträgt, auf. Während die restlichen Musikern weiterhin vom Altarraum der Kirche her spielen, zieht er sich mit 4 Streichern auf die Empore zurück, um dort an der großen Orgel das Stück wie gefordert begleiten zu können.

Durch die Teilung des Orchesters, wie auch durch Fanny Lustauds (großartiger Mezzosopran, Ensemble-Mitglied des Theaters Aachen) Positionswechsel vom Chorraum zur Empore im zweiten Teil der Kantate, entsteht ein spannungsgeladenes raumfüllendes Musikerlebnis, von ungewöhnlicher Intensität getragen von der besonderen Akustik des Kirchenraumes.

Die evangelische Annakirche ist eine ehemalige Klosterkirche in Aachen. Im Jahr 1511 wurde in Aachen zu dem bereits bestehenden umfangreiche Ordensleben der Stadt ein kleines Benediktinerinnenkloster gegründet und der hl. Anna geweiht. Als 200 Jahre später die Notwendigkeit und die Möglichkeit eines größeren Kirchenneubaus entstand, wurde diese Aufgabe dem für Aachen so bedeutenden Architekten und Sohn der Stadt Johann Joseph Couven übergeben. Es entstand ein einschiffiger Saalbau. Mit der französischen Besetzung Aachens 1794 wurde das Kloster aufgelöst. Die bald darauf eingeführte Religionsfreiheit führte dazu, dass den evangelischen Gemeinden eines der aufgelösten Klöster zur Verfügung gestellt wurde. So wurde die Annakirche 1802 evangelisch.

Als Abschluss dieser doch seelenschwerden Kantatentexte verabschiedet uns das Orchester mit Bachs 3. Brandenburgischen Konzert, BWV 1048, eine Komposition für neun Streichinstrumente und Basso Continuo, vermutlich aus dem Jahre 1714.

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein

Der erste Satz zieht seine Spannung vor allem aus der Gegenüberstellung der dreistimmigen Violinen gegen die ebenfalls dreistimmigen Violen. Das Konzert hat als Überleitung keinen ausgeführten langsamen Satz, sondern nur zwei gehaltene überleitende Akkorde, an die der Schlusssatz unmittelbar anschließt. Dieser Satz stellt einen lebhaften, heiteren Tanz dar. Wie für einen Tanz typisch besteht der Satz aus zwei Teilen, die in sich wiederholt werden.

Für das begeisterte Publikum und die spiel- und sangesfreudigen Künstler, die abschließend mit Präsenten eines ortsansässigen Schokoladenherstellers verwöhnt wurden, sind die 45. Aachener Bachtage aber noch nicht abgeschlossen.

Am Sonntag, 18. November 2018 gibt es am selben Ort ein Kammerkonzert mit Werken J.S. Bachs.

Sonntag, 25. November 2018 und Montag, 26. November 2018 ein Chorkonzert II von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Kirche St. Michael, Jesuitenstraße. Mendelssohn gilt als ‚Wiederentdecker‘ von Bachs Werken.

Über die Aachener Bachtage hinaus ist der Aachener Bachverein auch im kommenden Jahr aktiv. Folgende Termine sind bislang bekannt:

Samstag, 9. Februar 2019, Haus der Ev. Kirche: Bach Kantate zum Mitsingen und Mitspielen

Sonntag, 10 Februar 2019, Annakirche, Musikalischer Gottesdienst mit Bach-Kantate

Sonntag, 31. März 2019; Krönungssaal des Aachener Rathauses: Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem, vorgetragen vom Kammerchor Aachener Bachverein und dem Aachener Bachorchester

Palmsonntag, 14. April 2019, Kirche St. Michael, Jesuitenstraße: Johann Sebastian Bach: Markus Passion

Interessierte haben in den nächsten Monaten ebenfalls die Möglichkeit, das Sinfonieorchester Aachen-Barock unter der Leitung von Justus Thorau zu erleben. Bis Februar 2019 spielt das Theater Aachen das Oratorium Il Triumpho von Händel in einer musikalisch äußerst ansprechenden szenischen Inszenierung im Großen Haus. Auch dort wieder dabei: Suzanne Jerosme und Fanny Lustaud.

—| IOCO Kritik Aachener Bachverein |—

Aachen, Theater Aachen, 3. Sinfoniekonzert Debussy – Chausson – Ravel – Durufle, 18.+19.11.2018

November 13, 2018  
Veröffentlicht unter Konzert, Pressemeldung, Theater Aachen

theater aachen.jpg

 Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

3. Sinfoniekonzert mit Werken von Debussy // Chausson // Ravel // Duruflé

Von Liebe und Meer handeln die Werke beim 3. Sinfoniekonzert mit dem Sinfonieorchester Aachen am 18. und 19. November im Eurogress Aachen. Den Auftakt macht Claude Debussys zartes »Prélude à l’aprés-midi d’un faune«, das als Hauptwerk des Impressionismus gilt. Die Ballettmusik basiert auf einem fantastischen Gedicht von Stéphane Mallarmé, welches Debussy mit großem Gespür für Klanglichkeit vertonte. Im Programm folgt Ernest Chaussons »Poème de l’amour et de la mer« für Singstimme und Orchester.

Theater Aachen / Angela Brower © Birgit Hart

Theater Aachen / Angela Brower © Birgit Hart

Der in Deutschland in den Spielplänen vernachlässigte Chausson gehört zu den prägenden Komponistenpersönlichkeiten Frankreichs im 19. Jahrhundert. In seinem »Poème« vertont er in einer hochromantischen, bisweilen an Richard Wagner erinnernden Musiksprache zwei Gedichte eines befreundeten Dichters und trennt sie durch ein orchestrales Zwischenspiel. Ravels »Une barque sur l’océan« ist das dritte Stück aus der Reihe »Miroirs«, die fünf Werke für Klavier umfasst. Besonders an diesem erst später orchestrierten Satz ist, dass das Pedal in der Urfassung das gesamte Stück über gehalten werden sollte. Den Abschluss des Konzerts bildet Maurice Duruflés 1947 uraufgeführte lateinische Totenmesse, ein inniges »Requiem« für Sopran- und Baritonsoli, gemischtem Chor und Orchester. Angela Brower und Hrólfur Saemundsson sind als Solisten zu erleben. An Pult des Sinfonieorchester Aachen steht GMD Christopher Ward.

Karten für beide Konzerte sind an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich. Das Konzert am Sonntag beginnt um 18.00 Uhr und das am Montag um 20.00 Uhr.

—| Pressemeldung Theater Aachen |—

Aachen; Theater Aachen, Il trionfo del Tempo e del Disinganno – G. F. Händel, IOCO Kritik, 28.10.2018

Oktober 30, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Aachen

theater aachen.jpg

Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

Il trionfo del Tempo e del Disinganno   

Der Triumph der Zeit und der Ernüchterung

Oratorium von Georg Friedrich Händel – Libretto Benedetto Pamphili

 Von Ingo Hamacher

DER TRIUMPH von Händel ist ein wunderschönes, aber äußerst selten gespieltes Werk. Und das mag wohl auch daran liegen, dass niemand so richtig etwas mit dem Stück anzufangen weiß. Schon alleine der Titel: Der Triumph von Zeit und Enttäuschung. Seltsam! „Der Triumph der Zeit“, dazu mag man ja noch Bilder im Kopf haben. Aber „Triumph“ und „Enttäuschung“ wollen zusammen keinen Sinn ergeben. Enttäuschung ist kein Triumph. Es ist das Gegenteil davon.

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Sehen wir uns die Entstehungsgeschichte an: Georg Friedrich Händel reiste 1706 nach Rom. Die öffentliche Darbietung von Opern war zu dieser Zeit in der Heiligen Stadt verboten, weshalb die Komponisten auf Kantaten und Oratorien auswichen. Ein geistlicher Herr namens Kardinal Benedetto Pamphilj hatte ein moralisches Libretto geschrieben, in dem die Schönheit die Falschheit ihres Handelns erkennt, die Lust auf der Strecke bleibt und Zeit und Enttäuschung den Sieg davon tragen. Und dieses moralinsaure Traktätchen hat Händel dann mal eben 1707 in eine der schönsten Musiken seiner Zeit gekleidet. So die offizielle Geschichtsversion.

Für das Jahr 1700 hatte Papst Clemens IX. ein Opernverbot für Rom verhängt. Die wollüstigen Bühnenspektakel, die sich in ganz Italien immer weiter ausbreiteten, schienen für das anstehende Heilige Jahr nicht passend zu sein. Aufgrund der auch im römischen Klerus zunehmenden Sitten- und Zügellosigkeiten wurde auch in den nachfolgenden Jahren an diesem Verbot fest gehalten. Händel reiste also an keinen frömmlerischen Tugendort, sondern in eine Welt sprudelnder Lebens- und Sinnesfreude, die kaum zu bändigen war. Der ‚geistliche Herr‘, auf den er dort traf, war auch nicht irgendwer, sondern Kardinal Benedetto Pamphilj. Pamphilj war italienischer Kardinal, Librettist, Komponist und Musikmäzen. Er war bis zu seinem Tode zuständig für das Vatikanische Geheimarchiv und die Vatikanische Apostolische Bibliothek. Und außerdem war der zu diesem Zeitpunkt 50-jährige stattliche Mann ein leidenschaftlicher Verehrer junger Männer. Händel, 23, jung, schlank, bildschön und ebenfalls sein ganzes Leben lang nur an Männern interessiert, erhielt zahlreiche Liebesbriefe von Pamphilj, in denen dieser seinen „caro sassone“ (lieben Sachsen) zärtlich umgarnt.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno  © Wil van Iersel

Das Wort „Disinganno“ ist nicht ganz eindeutig. Es kann „Enttäuschung“ bedeuten, jedoch gibt es auch die Möglichkeit, es mit „Erkenntnis“ zu übersetzen. Und in diesem Fall ergibt sich ein völlig neuer Sinnzusammenhang: Es handelt sich bei dem Libretto offensichtlich um ein Werbelied des reiferen Mannes an seinen jungen Geliebten.

Schönheit und Lust (Attribute der Jugend) werden im ersten Teil des weltlichen Oratoriums kritisch hinterfragt. Im zweiten Teil hebt Pamphilj die Vorzüge der Zeit und der Erkenntnis hervor (die von ihm als reifem, gestandenen Mann in vorbildlicher Weise vertreten werden). Zeit und Erkenntnis triumphieren am Ende. Der junge Mann, der derzeit noch an so lästigen Vergänglichkeiten wie Schönheit und Lust leidet, wäre also dumm, wenn er sich nicht in die Arme des reifen Partners sinken ließe, der bereits den Triumph von Zeit und Erkenntnis genießt.

 Theater Aachen mit – Händel für Hipster 

Das Theater Aachen startet diese Inszenierung mit einem spannendem Experiment. Es stellt die Frage:   Lässt sich das Stück mit seinen verschiedenen Aspekten auch in die heutige Zeit übertragen?

Den mutigsten Vorstoß wagt Ric Schachtebeck (Bühne) mit einer völligen Veränderung der Sicht- und damit auch der Hörgewohnheiten. Er zerschneidet geradezu das klassische Setting einer Opernbühne. Barockgesang ist immer Rampensteherei; egal ob Oper oder Oratorium. Also verändert und verlängert er die Bühnenrampe derart, Foto oben, dass sie den Raum des Bühnengrabens überspannt, um sich dann S-förmig in den Zuschauerraum zu erstrecken. Die dadurch verlorenen Sitzplätze werden im Bereich des Orchestergrabens und im linken Teil der Bühne ausgeglichen. Jeder Besucher gerät dadurch in eine Doppelrolle zwischen Beobachter und Teilnehmer, spätestens dann, wenn eine der zahlreichen Kameras auf ihn gerichtet sind, und er auf einer der vielen großen Leinwand für alle sichtbar erscheint. Die Sänger stehen den ganzen Abend an der Rampe, aber diese Rampe ist überall, so dass ein sehr ansprechendes akustisches Raumerlebnis entsteht. Ein geglücktes interessantes Konzept.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Ebenfalls fantasievoll die Kostüme. Die völlig übersteigerte und lebensfremde Bühnenkostümierung der Barockzeit wird von Raphael Jacobs in einen catwalk-artigen Showlauf der Prêt-à-porter-Mode übersetzt, mit der die Protagonisten sich auf dem Laufsteg in Szene setzen. Bizarre Kombinationen aus Farben, Schnitten und Materialien, in der Wirkung wie ein Schaulaufen von Narzisten, prägt das Bühnengeschehen. Raschelplastik und Knisterfolie setzen nicht nur materialinteressante Akzente, sondern verhindern über weite Strecken hinweg ein Wahrnehmen der großartig komponierten und auf historischen Instrumenten gespielten wunderschönen Musik.

Meine Sitznachbarin, eine mittelalte Lehrerin, interpretierte das die Musik überdeckende Geraschel und Geknarze der Kostüme begeistert als das Rauschen des Windes im Wald der Vergänglichkeit. Die Inszenierung lässt also reichlich Raum für eigene Bilder des Betrachters.

Im zweiten Teil der Aufführung wechseln die geräuschintensiven Kleidungsstücke zugunsten farbenfrohem Irgendetwas, so dass die großartige Musik Händels wieder erlebbar wird.

Der Regisseur Ludger Engels hatte Händel = Handy assoziiert, Foto unten, und so filmt jeder Sänger sich, andere oder das Publikum, übertragen auf zahlreiche große Bildschirme, mittels eines Mobiltelefons. Auch bedeutungsschwangere Facebook-Posts, immer wieder in den Bildschirmen oder auf dem Bühnenhintergrund eingeblendet, sollen der Inszenierung einen doppelten Boden und eine entsprechende Tiefe vermitteln. Irgendwann springen irgendwoher irgendwelche jungen Tänzer auf die Bühne, tanzen schweißtreibend irgendetwas, und springen ins Publikum zurück. Konkret krass! Musiktheater für junge Leute.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Wie in der Einführungsveranstaltung bereits erfahrbar, hatte die junge Dramaturgin Pia-Rabia Vornholt zu dem Stück keinen Zugang gefunden. Um dem turbulenten Treiben auf der Bühne nicht im Wege zu sein, wurde das Orchester im Bühnenhintergrund platziert, worunter jedoch die Akustik deutlich leidet.

Das Theater Aachen führt mit diesem Oratorium seinen Barock-Schwerpunkt fort, bei dem jede Spielzeit ein Werk der Barockzeit auf historischen Instrumenten einstudiert wird. In besonderen Kursen wird den Musikern ermöglicht, mit den alten Instrumenten vertraut zu werden, um auf diesem Wege möglichst nah an den Originalklang der alten Musik heran zu kommen. Das unter der musikalischen Leitung von Justus Thorau, dem stellvertretenden GMD der letzten Spielzeit, stehende Orchester des Theaters Aachen, das bereits aus den Vorjahren große Erfahrung in diesem Bereich vorweisen kann, meistert diese Aufgabe mit Bravour.

Die Musik von Händel ist ausgesprochen abwechslungsreich. Stücke, die nur vom Continuo begleitet werden, wechseln sich mit Arien mit obligaten Soloinstrumenten ab, ruhigere Teile folgen auf hochvirtuose, rhythmisch angeschärfte Gesangsequilibristik. Immer dann, wenn die Aufmerksamkeit des Hörers nicht allzu sehr vom schrillen Treiben auf der Bühne, das in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem musikalischen Geschehen steht, abgelenkt wird, ist der Abend ein musikalischer Hochgenuss.

Unter den Arien vielleicht eine der berühmtesten Melodien Händels, die er mehrfach verwendet hat und die vielleicht mit dem Text „Lascia ch´io piango“ aus Händels Oper Rinaldo am bekanntesten geworden sein dürfte, gesungen von Fanny Lustaud. Wunderbar!

Die jungen Sänger auf der Bühne sind großartig.  La Belezza (Die Schönheit) wird vom Sopran Suzanne Jerosme gesungen, die das Ensemble des Theaters Aachen in ihrer zweiten Spielzeit bereichert. Kolloraturreich und stimmschön gestaltet sie die Partie. Il Piacere (Die Lust) ist von Händel eigentlich für einen Alt geschrieben. Fanny Lustaud, eher Mezzo, gefällt an diesem Abend ebenfalls mit einer großartigen gesanglichen Leistung.

Auch die männlichen Partien überzeugen: Il Disinganno (Die Erkenntnis) gesungen vom kanadischen Countertenor Cameron Shahbazi und Il Tempo (Die Zeit), dargestellt vom chilenischen Haustenor des Aachener Theaters Patricio Arroyo, beide eine perfekte Ergänzung des Ensembles.

Neben der gesanglichen Höchstleistung soll aber auch nicht die schauspielerische Leidenschaft und Begeisterung der Sänger unerwähnt bleiben, die zusammen mit dem Orchester einen turbulenten und ungewöhnlich interessanten Abend gestaltet haben.

Verdienter großer Applaus vor ausverkauftem Haus.

Um die eingangs gestellte Frage noch zu beantworten, ob sich das Stück mit seinen verschiedenen Aspekten auch in die heutige Zeit übertragen lässt: Eher nein. Auch bei großartiger musikalischer Leistung und farbenfrohem lebendigem Bühnengeschehen, beide Aspekte haben in dieser Aufführung leider nicht zusammen gefunden.

Il trionfo del Tempo e del Disinganno am Theater Aachen: Weitere Termine: 17.11.18; 22.11.18; 02.12.18; 14.12.18; 19.12.18; 29.12.18; 02.02.19; 14.02.19

—| IOCO Kritik Theater Hagen |—

Nächste Seite »