Flensburg, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, 2. SINFONIEKONZERT, 06. – 09.11.2018

Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

 

Drei Werke aus drei Jahrhunderten – im 2. SINFONIEKONZERT steht Musik aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert von Ludwig van Beethoven, Franz Schreker und Eduard Erdmann auf dem Programm. Als Gastsolisten begrüßt das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester diesmal den amerikanisch-türkischen Pianisten Özgür Aydin. Er tritt in vielen prestigeträchtigen Konzertsälen auf, beispielsweise in der New Yorker Carnegie Hall, der Londoner Wigmore Hall, dem Münchner Herkulessaal und der Suntory Hall in Tokyo.


2. SINFONIEKONZERT


Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur, op. 73 Franz Schreker: Vorspiel zu DIE GEZEICHNETEN Eduard Erdmann: Sinfonie Nr. 1, op. 10 Der facettenreiche Pianist Özgür Aydin eröffnet gemeinsam mit dem Sinfonieorchester das zweite Sinfoniekonzert unter der Leitung von GMD Peter Sommerer mit Ludwig van Beethovens fünftem und somit letztem Klavierkonzert. Beethovens energisch-heroisches Werk entstand zur Zeit der napoleonischen Besetzung Wiens. Es avancierte im 19. Jahrhundert zum Muster dessen, was ein kompositorisch anspruchsvolles Konzert leisten muss, und bildet einen Höhepunkt der klassischen Konzertliteratur.

Ihm schließt sich das Vorspiel zu Franz Schrekers Oper DIE GEZEICHNETEN, uraufgeführt 1918, an. Mit ausladenden Melodiebögen und experimentellen Harmonien vertonte der in Monaco geborene Österreicher in seinem Bühnenwerk erotische Exzesse, politische Machtspiele und abgründige Geheimnisse.

Der lange in Vergessenheit geratene Deutsch-Lette Eduard Erdmann gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den weltbesten Pianisten, trat aber auch als in die Zukunft weisender Komponist in Erscheinung. Seine 1920 fertiggestellte erste von vier Sinfonien ist Alban Berg gewidmet.

06.11.2018 | 19.30 Uhr | Schleswig, A.P. Moller Skolen 07.11.2018 | 19.30 Uhr | Flensburg, Deutsches Haus 08.11.2018 | 20.00 Uhr | Husum, Nordsee Congress Centrum 09.11.2018 | 19.30 Uhr |
Rendsburg, Stadttheater

—| Pressemeldung Schleswig-Holsteinisches Landestheater |—

Essen, Philharmonie Essen, Organistin Iveta Apkalna – Kremerata Baltica, 11.11.2018

November 5, 2018  
Veröffentlicht unter Konzert, Philharmonie Essen, Pressemeldung

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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Iveta Apkalna © Nils Vilnis

Philharmonie Essen / Iveta Apkalna © Nils Vilnis

Organistin Iveta Apkalna – Kremerata Baltica

Konzert am Sonntag, 11. November 2018  20 Uhr

Seit 2017 ist Iveta Apkalna Titularorganistin an der Hamburger Elbphilharmonie – und bekleidet damit wohl eines der begehrtesten Organistenämter weltweit. Am Sonntag, 11. November 2018, um 20 Uhr ist die Lettin nun an der großen Kuhn-Orgel der Philharmonie Essen zu Gast. Und sie kommt nicht allein: Mit dabei ist das vom weltbekannten Geiger Gidon Kremer gegründete Ensemble Kremerata Baltica. Gemeinsam präsentieren Apkalna ein Programm, das die Musik von Johann Sebastian Bach mit Werken baltischer Komponisten kombiniert. Zur Aufführung kommen das Konzert d-Moll für Orgel und Streicher (BWV 1052) und die Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Violine solo (arrangiert für Streichorchester) von Johann Sebastian Bach, die „Voices“- Sinfonie von Peteris Vasks, die Sinfonie für Streicher und Pauken von Lepo Sumera und das „Voice of the Ocean“- Konzert für Orgel und Streichorchester von Eriks Esenvalds.

Die in Berlin und Riga lebende Iveta Apkalna ist als Orgelvirtuosin weltweit gefragt. In der aktuellen Spielzeit tourt sie gemeinsam mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons in Europa und gastiert in München, Budapest, Luxemburg, Amsterdam, Paris und im Musikverein Wien. Im Juli 2018 gab sie ihr Debüt bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall in London. In der Philharmonie Essen war Iveta Apkalna schon mehrfach zu Gast.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Bremen, Theater Bremen, Ein Maskenball – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 03.11.2018

November 4, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bremen

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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Ein Maskenball – Giuseppe Verdi

 Opulenz, Liebe, Leidenschaft und Tod an der Weser

Von Michael Stange

Verdis Maskenball ist die typische Dreiecksgeschichte der Oper des 19. Jahrhunderts. Ein Graf (Gustavo) liebt die Frau (Amelia) seines besten Freundes und Sekretärs (Renato). Dies stürzt alle Beteiligten ins Unglück. Liebe, Hass und Leidenschaft, unauflösliche Emotionen und der musikalische Reichtum der Oper sind die Zutaten, die das Publikum auch heute fesseln können.

Theater Bremen / Ein Maskenball - hier : Olivares Sandoval als Gustavo, Dziashko als Oscar, Stephen Clark als Graf Ribbing und Ensemble © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Ein Maskenball – hier : Olivares Sandoval als Gustavo, Dziashko als Oscar, Stephen Clark als Graf Ribbing und Ensemble © Jörg Landsberg

Michael Talkes Inszenierung begreift den Gustavo als Spieler. Ihm gleiten im Verlauf des Dramas die Fäden aus der Hand und er wird Opfer seines eigenen Leichtsinns. Der Hofstaat Gustavos kämpft schon im Vorspiel weiß geschminkt und in höfischen Kostümen der Renaissance gekleidet mit den Verschwörern um eine schwarze Krone. Die weiteren Bilder bei der Wahrsagerin Ulrica und das Feld der Kräuter zeigen tiefes Schwarz. Grünes morbides Licht sowie ein Totenschädel prägen das Kabinett Renatos. So wird die Geschichte mit wirkungsvollen Bühnenbildern und packender Personenführung suggestiv erzählt. Talke paart Dramatik mit brillanten Einfällen uneitel und kundig im Dienst des Werks.

Verbundene wird diese plastische Ausleuchtung mit einer musikalischen Darbietung auf höchstem Niveau.

Theater Bremen / Ein Maskenball - hier : Iryna Dziashko, Luis Olivares Sandoval, Birger Radde © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Ein Maskenball – hier : Iryna Dziashko, Luis Olivares Sandoval, Birger Radde © Jörg Landsberg

Marco Comin ist Verdi-Dirigent der Extraklasse. Er leitet die Bremer Philharmonie mit schwebendem silbernem Klang. Sein Konzept beginnt mit er mit gleichsam tastenden Eintauchen im Vorspiel. Dies paart er später mit loderndem Feuer und lyrischer Innigkeit. Die Partitur ist bei ihm in den besten Händen und die Aufführung zeichnet sich insbesondere auch durch ihr exzellentes und akzentuiertes Klangbild aus. Die Bremer Philharmoniker folgen ihm mit phänomenaler Spielfreude und üppigen orchestralen Farben.

Gemeinsam mit den erlesenen Solisten und dem hervorragenden Chor gelingt eine musikalische Interpretation, die keine Wünsche offen lässt. Birger Radde ist ein Renato mit italienischem Timbre und vollendeter Gesangskunst. Von tiefer Schwärze bis zur glänzenden Höhe verbindet er mühelos alle Register seiner ausgeglichenen, klangschönen und mitreißenden Stimme. Ein ausgezeichneter Renato, wie er selten zu hören ist. Luis Olivares Sandoval ist ein Gustavo mit bronzenem Timbre, bestrickendem Piano und durchschlagskräftiger hoher Lage. Durch seine Gestaltungsfähigkeit liefert er ein glutvolles Portrait und entwickelt Gustavo mit stimmlicher Potenz und berührenden Momenten vom leichtsinnigen Lebemann zum fürsorglichen Landesvater im Angesicht des Todes.

Patricia Andress setzt als Amelia subtile Akzente. Höhepunkt ist ihre Arie im 3. Akt. Romina Boscolo erreicht mit ihrem Mezzosopran tiefste Altlagen. Mit abgründigen, tiefen schattigen Farben gestaltet sie eine furchteinflößende Wahrsagerin Ulrica. Iryna Dziashko ist als Oscar mit leuchtenden Koloraturen, präziser Geläufigkeit in den hohen Lagen und stetiger Spielfreude als Oscar ein fulminantes Pendant zu Gustavo.

Selbst die kleinen Rollen sind luxuriös besetzt. Herausragend singt Stephen Clark den Grafen Ribbing mit wohltönendem, profundem Bass und mächtiger Attacke in der Höhe. Dongfang Xie ist ein glänzender Christiano und Daniel Ratchev ein dämonischer Graf Horn.

Theater Bremen / Ein Maskenball - hier : Patricia Andress als Amelia, Luis Olivares Sandoval ist Gustavo © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Ein Maskenball – hier : Patricia Andress als Amelia, Luis Olivares Sandoval ist Gustavo © Jörg Landsberg

Eine derartig berückende und gelungene Vorstellung ist ein Glücksfall. Bremens Maskenball stellt mit theatralischem und musikalischem Feuer sowie opulenter Besetzung einen Verdi auf die Bühne, der in dieser Qualität sehr selten zu hören ist. Ein gebanntes Publikum aller Altersklassen von Schülerinnen bis Senioren bejubelte zu Recht frenetisch die hochkarätige Aufführung.

So ist Oper lebendig. Das Bremer Theater zeigt, dass musikalische Wunder nicht nur auf dem Papier sondern auch auf der Bühne möglich sind. Sie beginnen bei der kundigen und durchdachten Auswahl des Ensembles und sie gelingen mit gemeinschaftlichem, hingebungsvollem Zusammenwirken aller Beteiligten.

Ein Maskenball am Theater Bremen; weitere Vorstellungen am  07.11.2018, 19:30 – 22:00 Uhr,  17.11. 2018, 19:30 – 22:00 Uhr,  25. 11. 2018, 18:00 – 21:30 Uhr, 05. 12.2018, 19:30 – 22:00 Uhr, Sonntag, 23. 12. 2018, 15:30 – 18:00 Uhr,  25.12. 2018, 18:00 – 20:30  19.1.2019, 19:30 – 22:00 Uhr

 

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Detmold, Landestheater Detmold, Der Vetter aus Dingsda – Eduard Künneke, IOCO Kritik, 02.11.2018

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Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

 Der Vetter aus Dingsda  –  Eduard Künneke

 Operette des Exotismus –   Dingsda verballhornt die Stadt Batavia

Von Karin Hasenstein

Verwandtschaft: “In der Biologie die Bezeichnung für das Verhältnis zwischen Individuen, die blutsmäßig (durch gemeinsame Abstammung) miteinander verbunden sind und sich je nach Verwandtschaftsgrad mehr oder weniger ähneln…” (Bertelsmann Lexikon)

Dieses Zitat findet sich im Programmheft zu Eduard Künnekes Operette Der Vetter aus Dingsda und weist darauf hin, worum es in diesem Werk geht: um Verwandte und ihre Beziehungen untereinander und so ist denn auch gleich die erste Nummer eine herrliche Beschreibung dessen, was die weibliche Hauptrolle, Julia de Weert, auszustehen hat: “Onkel und Tante, ja, das sind Verwandte, die fallen einem Mädchen aufs Gemüt! Onkel und Tante, ja, das sind Verwandte, die man am liebsten nur von hinten sieht!”

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda - hier :  Simone Krampe als Julia de Weert © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Simone Krampe als Julia de Weert © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Die Handlung

1. Akt:   Das Mädchen Julia ist die reiche Erbin auf Schloss de Weert

Sehnsüchtig wartet sie auf ihre Volljährigkeit, damit sie endlich der Vormundschaft ihres Onkels Josef Kuhbrot, genannt Josse und seiner Frau, ihrer Tante Wilhelmine, genannt Wimpel, entfliehen kann. Wenn sie endlich volljährig ist, so ihr Plan, kann sie ihren Vetter Roderich heiraten, der vor sieben Jahren nach … Dingsda in Ostasien abreiste. Die beiden haben sich als Kinder ewige Treue geschworen und zum Zeichen dieser Treue hat sie Roderich einen Ring gegeben.

Ihr Onkel hat jedoch ganz andere Heiratspläne für Julia. Er möchte seine Nichte viel lieber mit seinem Neffen August Kuhbrot verheiraten – damit bliebe doch ihr Geld in der Familie! Dieselbe Idee verfolgt auch Julias zweiter Vormund, von Wildenhagen, weshalb dieser sie mit seinem Sohn Egon verheiraten will. Julia hingegen hat für all diese Bewerber nichts übrig, ihr Herz gehört nur dem fernen Vetter Roderich.

Aber der Mensch denkt und der Librettist lenkt und so steht am Abend von Julias Volljährigkeit rein zufällig ein geheimnisvoller Fremder vorm de Weert’schen Schloss, behauptet, sich verlaufen zu haben und wird von Julia prompt mit Kost und Logis versehen.

2. Akt:  Am anderen Morgen erwacht Julia glücklich…., auch der fremde Wandergesell scheint sich in der herrschaftlichen Umgebung gleich heimisch und sehr wohl zu fühlen und alles könnte ganz harmonisch und die Geschichte hier zu Ende sein – wenn, ja wenn Julia ihrem Roderich nicht ewige Treue geschworen hätte. Julias Freundin, das äußerst mitteilsame Hannchen, hat den Fremden mit allen Hintergrund-Informationen versorgt und so beschließt dieser kurzerhand, sich als Vetter Roderich auszugeben; er ist jedoch niemand anderes als der Neffe August Kuhbrot, den auf Anhieb sowieso keiner erkennt, da Onkel Josse ihn zuletzt als kleinen Knaben gesehen hat. Das ist natürlich nur in der Operette so, wird aber einfach so hingenommen, sonst würde ja die ganze schöne Verwechslungsgeschichte nicht aufgehen.

Dass Julia sich in den schönen Fremden verliebt, kann der zweite Heiratskandidat Egon von Wildenhagen natürlich nicht hinnehmen. Sein Vater hat inzwischen Nachforschungen angestellt und verkündet, dass der Fremde gar nicht Vetter Roderich sein kann – dieser war nämlich vor sechs Wochen noch in diesem “Dingsda”, in Batavia und kann noch gar nicht angekommen sein, weil sein Schiff erst morgen in Hamburg eintrifft!

Auf Julias Frage, ob er nun Roderich ist oder nicht gibt er zu “Ich bin nur ein armer Wandergesell, gute Nacht, liebes Mädel, gut’ Nacht”. Julia wendet sich enttäuscht ab, hat sie sich doch schon in den Fremden verliebt, aber sie kann und will den Treueschwur nicht brechen, den sie Roderich vor sieben Jahren gegeben hat.

3. Akt: Damit nun alles noch komplizierter wird und die Verwirrung komplett ist, taucht ein zweiter Fremder vor dem Schloss auf. Hannchen empfängt ihn und verliebt sich vom Fleck weg ohne weitere Umstände in ihn. Weil es eine Operette ist, verliebt sich -wie es sich doch fügt- der Fremde auch in sie. Das junge Glück währt jedoch nur kurz, denn der Fremde entpuppt sich als der echte Roderich de Weert. Hannchen ist bestürzt, da ihre Freundin doch Roderich liebt. Es stellt sich heraus, dass dieser jedoch all die Jahre überhaupt nicht an sie gedacht hat. So ersinnt Hannchen die List, er solle sich als August Kuhbrot vorstellen, damit Julia von vornherein nichts von ihm wissen will.

Onkel und Tante erfahren, dass Neffe August schon gestern angekommen ist. Er ist jedoch auf dem Schloss nie eingetroffen und so ist die einzig mögliche Erklärung, dass der geheimnisvolle Wandergesell den Neffen umgebracht hat, um so erstens Julias Herz und zweitens das Erbe an sich zu bringen. Man will den Schwindler festnehmen, doch da erscheint der echte Roderich als falscher August und erklärt, dass er lebt. Sogleich wird er von den beiden aufgefordert, zu Julia zu gehen, “was du dort sollst, das weißt du ja!”, um so den ursprünglichen Plan doch noch in die Tat umzusetzen.

Julia weist ihn natürlich zurück. Die ganze Verwicklung erfährt ihre Auflösung, als der vermeintliche August und echte Roderich ihr erzählt, dass er ihren Treueschwur aus Kindertagen nie ernst genommen hat und nun mit einer anderen verlobt ist. Zum Beweis, dass er es ist, zeigt er ihr den Ring, den sie ihm damals gab. Julia muss erkennen, dass Roderich nie an sie gedacht und sie nie geliebt hat. Und für ihn hat sie den geliebten Fremden fortgeschickt…

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda -  hier :  Kevin Dickmann (Karl), Simone Krampe (Julia de Weert), Nando Zickgraf (Egon von Wildenhagen), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Stefan Andelkovic (Hans) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Kevin Dickmann (Karl), Simone Krampe (Julia de Weert), Nando Zickgraf (Egon von Wildenhagen), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Stefan Andelkovic (Hans) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Da erscheint der Wandergesell, gibt sich als August Kuhbrot zu erkennen, doch Julia meint “Für mich bist du Roderich, mein Roderich!”, Hannchen bekommt den echten Roderich und für den armen Egon von Wildenhagen findet sich auch eine Lösung: “Sie gehen nach Batavia!”    –   Happy End

Wie setzt man nun eine so scheinbar banale Handlung um? Wie bringt man 2018 eine Operette auf die Bühne?   Regisseurin Guta G. N. Rau und ihr Team haben sich für eine Einheitsbühne entschieden, die im Verlauf des Stückes geringfügig verändert wird. Zu den kurzen Einleitungstakten öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf einen portalfüllenden barocken Bilderrahmen, der in verschiedenen Bühnenebenen mit übergroßen gemalten Frühlingsblumen wie Narzissen, Tulpen und Hyazinthen ausgefüllt ist.

Wir befinden uns im Schlossgarten des de Weert’schen Schlosses, irgendwo in Südholland

Die Kostüme sind in den 1950er Jahren angesiedelt, Julia (Emily Dorn) trägt hübsche mädchenhafte Kleider mit Pettycoat, Hannchen (Annina Olivia Battaglia) eine helle Kombination aus 7/8-Hose und ärmellosem Oberteil. Pferdeschwanz und breites Haarband über leicht toupierten Haaren unterstreichen die zeitliche Verortung in den Fünfzigern (Bühne und Kostüme: Markus Meyer, Maske: Kerstin Steinke)

Von Anfang an bedient sich Guta G. N. Rau der Komik, die der Verwechslungskomödie innewohnt, und macht sie sich zunutze. Onkel Jusse und Tante Wimpel erscheinen als putziges Pärchen, das sich beim Mündel im Schloss eingenistet hat und guten Speisen und Getränken fröhlich zuspricht. Dass der Onkel seiner Frau auf ihre Ermahnungen “Iss doch nicht so viel, trink doch nicht so viel” immer wieder entgegenhält “Ich esse, soviel ich will… ich trinke soviel ich will” etc. wird vom Libretto vielleicht etwas überstrapaziert, wird aber nichtsdestotrotz vom Publikum  stets bereitwillig mit wohlwollendem Lachen und Szenenapplaus kommentiert – vielleicht weil jeder insgeheim an die eigene lästige Verwandtschaft denkt?! Wer weiß das schon… Als der große Vollmond herabgesenkt wird (dafür muss ein Teil der Hyazinthen weichen) und Onkel Josse dies wiederholt mit einem “Ist das kitschig!” kommentiert, möchte man heftig nickend zustimmen.

Der Wandergesell (Stephen Chambers) erscheint – weil es das Libretto so will – passend in einem grünen Anzug, mit grünem Rucksack und einem grünen Hut. Bis er sich am nächsten Morgen in den weißen Sachen von Julias Bruder präsentiert und plötzlich doch ein ganz passables Bild abgibt. Ein weiteres komisches Element sind die beiden Diener Hans und Karl (Stefan Andelkovic und Kevin Dickmann), die – sichtlich angewidert von diesem “Individuum” etwas gelangweilt ihre Aufgaben versehen und immer wieder für große Begeisterung beim Publikum sorgen, sei es durch ihre Choreografie oder einfach nur durch die so wunderbar zur Schau getragene Überheblichkeit.

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda - hier :  Brigitte Bauma (Wilhelmine), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Andreas Jören (Josef Kuhbrot), Simone Krampe (Julia de Weert), Stephen Chambers (Ein Fremder) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Brigitte Bauma (Wilhelmine), Annina Olivia Battaglia (Hannchen), Andreas Jören (Josef Kuhbrot), Simone Krampe (Julia de Weert), Stephen Chambers (Ein Fremder) © Landestheater Detmold/Birgit Hupfeld

Die Choreografie von Kirsteen Mair begleitet witzig und schwungvoll alle bekannten Lieder und sorgt immer wieder für Lacher und viel Spaß im Publikum, sei es in den Duetten oder den größeren Ensembles. Insbesondere die Diener sowie Onkel und Tante, aber auch der arme abgeblitzte Egon (herrlich trottelig in kurzen Hosen, mit “Pottschnitt” und zentimeterdicken Brillengläsern: Nando Zickgraf) sorgen mit kleinen Tanzeinlagen für echtes Operetten-Feeling.

Exotismus war zu der Entstehungszeit des Vetter aus Dingsda ein großes Thema für alle Operetten- und einige Opernkomponisten. Die Menschen träumten von fernen Ländern mit wilden Tieren und exotischen Schönheiten, was sich natürlich verstärkt in der Musik ausdrückte.

Die große Zahl an exotischen Titeln und Inhalten zeigt, dass die Gattung Operette den Fremdreiz intensiv nutzte. Je nach den gegensätzlichen Möglichkeiten der Darstellung wählte man eine evasive, eine Ausbruchskonstruktion von Hier nach Dort, oder eine invasive, eine Einbruchskonstruktion von Dort nach Hier. Häufig gab es aber auch Mischformen aus beidem. Beim Vetter aus Dingsda handelt es sich eher um eine Ausbruchskonstruktion, Roderich verlässt seine Heimat und reist in ein fremdes Land und lernt dort fremde Lebensformen kennen.

Das, was man sich als fremdartig vorstellte in einer Zeit, als es keine Massenmedien gab, brachte man als Elemente in die bildende und darstellende Kunst ein. In der Musik, speziell in der Gattung Operette, ging es weniger um die Bewunderung und Darstellung des fremden Landes oder Lebens, sondern vielmehr um den bloßen Gebrauch des Exotismus, weil er eben gerade modern war. Und er brachte den Komponisten großen Erfolg. Die Menschen damals hatten noch nicht die Möglichkeit, sich über fremde Länder zu informieren, weil sie in der Regel nicht einfach dorthin reisen konnten. Der Exotismus in Oper oder Operette wurde aber auch genutzt, um gesellschaftskritische Botschaften darin zu verstecken. Im Vetter aus Dingsda ist es eigentlich nur das fremde Land, von dem keiner so richtig weiß, wo es eigentlich liegt und wie es richtig heißt, dieses…. Dingsda. Erst Roderich selber benennt es: “Sieben Jahre lebt’ ich in Batavia.”

Die Operette wurde 1921 uraufgeführt, also zu einem Zeitpunkt, als diese Kunstform eigentlich schon ihre ursprüngliche Unbekümmertheit verloren hatte. Auch der Exotismus wird hier schon selbst ironisiert, was sich bereits im Titel ausdrückt, in welchem der Name Batavia durch Dingsda verballhornt wird. Es kommt dem Onkel einfach nicht über die Lippen, weil alles Fremdartige erstmal verdächtig wirkt.

Künneke drückt den Exotismus mit verschiedenen musikalischen Mitteln aus. Das ist zum einen der scharf synkopisierte Foxtrott, welcher wiederum eine tänzerische Abwandlung des Ragtime ist. Dieser hätte damals im musikalischen Umfeld der Operette doch als zu befremdlich gewirkt, kannte man zu der Zeit doch überwiegend Polka und Marsch, Gavotte und Cancan neben Walzer und Ländler als musikalische Ausdrucksformen. Hinzu kommt Künnekes stark spätromantische Orchestrierung und Harmonik. Hier erscheint der Foxtrott als bewusst eingesetzter Fremdkörper, den der Komponist drastisch ausweitet. Der synkopische Wechsel von gestauten und gestreckten Takten musste ebenso befremdlich auf die Hörgewohnheiten der damaligen Zeit wirken. Das Fernöstliche im Klang entsteht auch durch leicht abgewandelte Jazzakkorde, wie sie in der nordamerikanischen Jazzmusik vorkamen.

Berühmte Beispiel für Exotismus in der Kunstform Operette sind auch Die Blume von Hawaii von Paul Abraham oder Franz Lehars Land des Lächelns. Als ein Beispiel für Exotismus sei auch Les Pêcheurs de Perles von Georges Bizet genannt.

Da man an so einer lustigen und bunten Verwechslungsgeschichte eigentlich nichts Bedeutungsschwangeres herauslesen oder hineindeuten kann, kann man sie eigentlich nur “schön” auf die Bühne bringen, und das hat Guta G. N. Rau mit ihrem Team wirklich überzeugend gemacht. Die bunten, zweidimensionalen übergroßen Blumen werden im Verlauf des Abends immer mal wieder ein bisschen verändert, mal wird der Mond herabgesenkt, mal taucht eine Palme auf oder ein riesiger Frosch auf, um den gesungenen Text zu illustrieren, z.B. im zweiten Akt, als es heißt “In Batavia, da gibt es Frösche und Kolibris”. Die Kolibris werden durch die beiden Diener dargestellt, zugegebenermaßen recht große und plumpe Koilibris, die eher in Zeitlupe mit den “Flügeln” schlagen und deren Schnäbel mehr an Pinguine erinnern, die aber wieder für großen Szenenapplaus sorgen. Überhaupt kommt die üppige und fröhlich-bunte Ausstattung mit viel Liebe zum Detail sehr gut an beim Publikum und wird am Ende mit entsprechend begeistertem Applaus belohnt. Die Personenführung ist logisch und konsequent und es gibt eigentlich nur liebenswerte Figuren, die allesamt die Herzen der Zuschauer gewinnen. Großartig auch die Szene, in der Julia und der Fremde Tennis spielen und der Tennisball vom Diener an einer Teleskopstange hin und hergetragen wird. Bei der herrlich trockenen und missmutigen Mine des Dieners blieb kein Auge trocken. Oder das Quintett mit Tanznummer im ersten Akt “Die Ehe, oh wehe, überleg’ dir, wen du freist”, zu der Onkel, Tante, Julia und Hannchen sowie Egon v. Wildenhagen alle mit Nudelholz hantieren (Choreografie: Kirsteen Mair). Dabei ist es nie ein Sicht-Lustig-Machen, sondern immer ein Augenzwinkern und deshalb so liebenswert. Die zahlreichen wirklich lustigen und komischen Szenen alle aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen; da bleibt nur nach Detmold fahren und sich eine Vorstellung anschauen!

Das Orchester wirkte (zumindest am Platz der Rezensentin) anfangs und auch im Verlauf des Abends stellenweise ein wenig zu laut, das mag am relativ kleinen Haus liegen oder am zu den Seiten offenen Bühnenbild, so wurden die eigentlich hervorragend agierenden Sänger teilweise überdeckt, was den musikalischen Genuss aber nur geringfügig schmälerte.

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda - hier :  Emily Dorn (Julia de Weert), Alexander Geller (Ein Fremder) © Landestheater Detmold / Jochen Quast

Landestheater Detmold / Der Vetter aus Dingsda – hier : Emily Dorn (Julia de Weert), Alexander Geller (Ein Fremder) © Landestheater Detmold / Jochen Quast

Insgesamt bot das Symphonische Orchester des Landestheaters Detmold unter György Mészáros jedoch ein überzeugendes Klangerlebnis. Die zahlreichen bekannten “Hits” wie die schon erwähnte Verwandten-Nummer, “Strahlender Mond”, “Sieben Jahre lebt’ ich in Batavia” oder “Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken” wurden genregerecht mal schmissig, mal verträumt überzeugend interpretiert und sorgten immer wieder für spontanen Szenenapplaus.

Den ersangen sich auch Emily Dorn (Julia), Annina Olivia Battaglia (Hannchen) und Stephen Chambers (Ein Fremder) immer wieder. Emily Dorn gestaltete die junge Julia mit überzeugendem jugendlichen Charme und strahlendem Sopran sowohl in den Solostücken als auch in den Duetten und Ensembles. Stephen Chambers begeisterte nicht nur mit dem bereits erwähnten Lied an Julia “Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken!” mit schlankem und angenehm timbrierten Tenor ebenso wie mit jugendlich-unbekümmertem Charme. Annina Olivia Battaglia bezauberte die Zuhörer mit großer Spielfreude und gut geführtem lyrischem Sopran. Erwähnung finden müssen hier auch die beiden Diener, gesungen und gespielt von Stefan Andelkovic und Kevin Diekmann, die mit ihrem großartigen komisch-trockenen Spiel viel zur Komik der Inszenierung beigetragen haben und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus gefeiert wurden.

Insgesamt wurde die hervorragende Ensembleleistung vom Premierenpublikum begeistert aufgenommen. Solisten, Orchester und Regie sowie Ausstattung erhielten lang anhaltenden Beifall und zahlreiche Bravi. Der Besuch im Landestheater Detmold oder an Gastspiel-Orten sei dem Freund der Operette herzlich empfohlen!

Der Vetter aus Dingsda am Landestheater Detmold, die weiteren Vorstellungen 3.11.; 6.11.; 23.11.; 20.12.; 31.12.2018; 26.1.2019; 22.2.2019 und mehr…

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

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