Rostock, Volkstheater Rostock, Die Schändung der Lukrezia – Benjamin Britten, Kritik, 28.10.2020

Oktober 28, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Volkstheater Rostock

rostock Logo_2

Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

DIE SCHÄNDUNG DER LUKREZIA –  Benjamin Britten

Britten, der Pazifist zeigt – Moral ist das erste Opfer im Krieg –

von Thomas Kunzmann

Rostock macht von sich Reden. Unter der Ägide von Marcus Bosch, seit der Spielzeit 20/21 Chefdirigent der Norddeutschen Philharmonie, war der Rostocker Klangkörper der erste in Deutschland, der in Abstimmung mit allen notwendigen Gesundheitsbehörden und in Zusammenarbeit mit Centogene in voller Besetzung reguläre philharmonische Konzerte aufführen konnte. Was auf der Bühne möglich war – im Publikum ist es noch nicht. Wie überall in Deutschland müssen Plätze frei bleiben. Nur jede zweite Reihe wird besetzt, zwischen den Haushalten jeweils drei Plätze Abstand: bei 500 Sitzen im Haus und drei Konzerten pro Turnus gibt es nur Karten für insgesamt ca. 400 Gäste … und das Haus hat etwa 800 Konzert-Abonnenten. Rostock hat eine salomonische Entscheidung getroffen: alle Abonnements werden für die aktuelle Saison ausgesetzt, aber es gibt für diese Gäste ein Vorkaufsrecht. Zudem werden Haupt- und Generalproben ebenfalls zum Kauf angeboten. Ein Konzept, das aufgeht. Gäste, denen trotz der ausgeklügelten Hygienekonzepte der Besuch erst einmal zu riskant erscheint und aktuell doch abwarten wollen, verlieren weder den Anspruch auf ihr Abonnement noch auf den daraus resultierenden Vorteilspreis. Zudem werden alle Besucher nach einer Vorstellung befragt, ob sie lieber mit reduzierter Zuschauerzahl ohne Maske oder mit Maske während der Vorstellung und mehr Publikum einverstanden sind – die Begeisterung für die bereits stattgefundenen Vorstellungen scheint so groß, dass ein Großteil des Publikums sich für die Maske und damit für die Chance, dass mehr Gäste die exzellenten Vorstellungen erleben können, zu entscheiden scheint.

 Gedenkmuschel an Benjamin Britten im Meer von Aldeburgh, England © IOCO

Gedenkmuschel an Benjamin Britten im Meer von Aldeburgh, England © IOCO

Saisonauftakt 2020. Geplant war ein fulminanter Einstieg mit Tosca, doch wie an vielen Theatern entschied man sich auch in Rostock, auf Opern mit kleinem oder gar keinen Chor zu setzen, Werke, die ohne Pause gespielt werden und eventuell sogar mit den eigenen Solisten besetzt werden können. Ohne großes Orchester. Das Sänger-Ensemble war bereits in der vergangenen Saison wieder aufgestockt worden, sodass nun zumindest 8 feste Solisten zur Verfügung stehen. Nicht viel, aber gegen die vergangenen Jahre ein großer Fortschritt. Womöglich wurde die Haben-Seite als Blaupause genutzt, um zu schauen, was man unter Einsatz aller Kräfte tatsächlich aufführen kann. Vor sehr vielen Jahren lief mal ein erfolgreicher Peter Grimes in Rostock, in größeren Abständen war Britten zumindest in den Philharmonischen Konzerten zu hören. Nun also Lukrezia. Die Kammeroper mit nur 13 Musikern entstand 1946 im Folgejahr von Brittens Durchbruch als Opernkomponist mit Peter Grimes (1945) und ist maßgeblich unter dem Eindruck des Krieges entstanden. Der bekennende Pazifist Britten, der sich sogar sein Kriegsdienstverweigerungsrecht gerichtlich erstritt, zeichnet in der anfänglich äußerst spröde wirkenden Musik dennoch fein ziselierte Figuren im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Position und Machtanspruch; und wie die Moral zum ersten Opfer des Krieges wird.

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia - hier :  Katarzyna Wlodarcyks als Lucrezia © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia – hier : Katarzyna Wlodarcyks als Lucrezia © Dorit Gaetjen

Im römischen Nachtlager, auf dem Feldzug gegen die Griechen, haben sich Tarquinius, der Sohn des etruskischen Regenten und seine römischen Generäle Collatinus und Junius versammelt. Junius’ Gattin nutzt dessen Abwesenheit für hedonistische Ausschweifungen, was ihn zum Gespött der Römer macht und Tarquinius ist bekannt für seine Eskapaden in den einschlägigen römischen Etablissements. Lediglich Collatinus’ Frau Lukrezia gilt als Maßstab für Treue. Ihre Unerreichbarkeit reizt Tarquinius. Von Junius angestachelt begibt sich der Thronfolger zu ihr. Da seine Verführungskünste scheitern, nimmt er sie mit Gewalt. Als Collatinus zurückkehrt und von den Geschehnissen erfährt, will er, um sich seine Liebe zu erhalten, ihr ihre Unschuld an den Geschehnissen beweisen. Doch Lukrezia kann und will mit dieser Schande nicht leben und begeht Selbstmord. Die Römer sind entrüstet, die Herrschaft der Etrusker wankt und Junius erhebt sich zum Kaiser einer neuen römischen Republik.

Gesungen wird auf Deutsch mit einer neuen Übersetzung. Die Konstellation mit dem Orchester im Bühnenhintergrund sorgt für ausgezeichnete Textverständlichkeit, die die Übertitel fast obsolet macht.

 Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Benjamin Britten Büste in Aldeburgh © IOCO

Gerahmt wird die Geschichte durch zwei Erzähler inhaltlich als auch optisch, oftmals von den Seiten gesungen. Nornenartig dokumentieren sie das Geschehen und projizieren sie auf die erst etwa 500 Jahre später stattfindende Christus-Geschichte: das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Anderen. Sie ziehen Parallelen und lassen im Zuschauer den Zeitstrahl weiterfolgen bis in die Gegenwart.

Das Bühnenbild von Wiebke Horn, bestehend aus monolithischen Quadern, diagonal gespalten, versetzt, gekippt – ein Sinnbild der darauf agierenden Figuren. Jeder der drei Männer eine Institution mit festem Platz in der Gesellschaft, durch den Krieg, die Frauen, den Eigenanspruch und die Beurteilung der Gesellschaft ins Wanken gebracht. Dazwischen ein toter Schwan – die verlorene Reinheit, ein ewig flackernder Monitor – die permanente „öffentliche Meinung“, ein Einkaufswagen – die Käuflichkeit. Ein Sandkasten für die Kriegsspiele, ein quadratisches Bretterpaneel als Bühne auf der Bühne für die Selbstdarstellung. Und in der Summe ein unvollständiges Schachbrett. Auf jedem Feld nur eine Person, wie Spielfiguren, die einer einmal angestoßenen Logik folgen.

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia - hier : Grzegorz Sobszak als Prinz Tarquinius © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia – hier : Grzegorz Sobszak als Prinz Tarquinius © Dorit Gaetjen

Wie zeitgemäß ist die 2500 Jahre alte Geschichte auch heute noch? Nun, auch ohne blonde Fönfrisur und rote Krawatte drängt sich das me-too-Thema mit Politikern oder Künstlern auf, das Öffentlichmachen von Fehlleistungen und dass, ganz neben der verabscheuungswürdigen Tat, noch immer jemand daraus Kapital zu schlagen vermag – da scheint sich die Menschheit bis heute kaum weiterentwickelt zu haben. Lediglich die Konsequenzen sind nun andere, aber in der Kunst macht die Übertreibung eben anschaulich.

Václav Vallon, seit drei Jahren als lyrischer Tenor am Haus, und Alyona Rostovskaya, eigentlich als Tatjana für Eugen Onegin verpflichtet (eine der ersten Opern, die dem Corona-Lockdown zum Opfer fiel), bilden das kongeniale Erzähler-Duo. Sie, das moralische Regulativ, er, der durchaus von Macht und Möglichkeit Verführbare mit voyeuristisch-männlichem Blick auf die Geschichte. Wie er selbst mit dem Dolch im Sand sitzend über die Macht einer Waffe sinniert und von ihr zurück in die Realität geholt wird – nur ein Beispiel der vielen puzzleartigen Sinnfragen, die die Oper nicht nur an ihre Charaktere, sondern unterschwellig auch an das Publikum stellt. Stimmlich sind beide ein Genuss: ebenbürtig in Klangschönheit und Kraft führen sie traumwandlerisch sicher durch die Geschichte.

Jussi Joula als Collatinus ist gänzlich neu in Rostock und bisher ein weitgehend Unbekannter, NOCH! muss man sagen. Der sympathische Finne, dessen ausgleichendes Wesen zwischen den Streithähnen Tarquinius und Junius zu vermitteln sucht, könnte mit seinem balsamischen Bassbariton die geborstenen Monolithen wieder schweißen. Seine vornehmliche Stärke liegt eher im lyrischen Liedgesang, was er hier noch nicht ganz ausspielen konnte – dennoch fügt er dieser hochangespannten Situation eine so konterkarierend beruhigende Note bei, als wolle er mit einem einzigen, sonoren Einsatz die Gemüter herunterfahren.

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia - hier :  Alyona Rostovskays © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock/ Die Schändung der Lucrezia – hier : Alyona Rostovskays © Dorit Gaetjen

James J. Kee ist Junius, der mit intrigantem Spott Tarquinius in seine Tat und damit ins Verderben führt. In seiner Schlussproklamation kann er seinen heldenhaften Tenor voll ausspielen.
Geschmeidig und kraftvoll wie eine Wildkatze bewegt, schleicht, springt Grzegorz Sobczak als Prinz Tarquinius über die Bühne und strahlt mit der vielschichtigen Nutzung seiner baritonalen Kraft eine hypnotische Wirkung aus, die ihn niemals als rein böse, sondern immer auch als wild-verführerisch erscheinen lässt. Der universale Bariton, der sich seit seines 2014er Gianni Schicchi an der Hochschule für Musik und Theater in die Herzen der Rostocker sang, als Zar Peter in Lortzings Zar und Zimmermann ebenso überzeugte wie als Dandini in La Cenerentola oder als Belcore im Liebestrank, vermag es, der Rolle des Tarquinius nicht nur das verabscheuenswürdige Täterprofil zu verleihen. Ja, Lukrezia ist eine Herausforderung in seinem Beuteschema. Seine durch nichts zu entschuldigende Tat, ist sie nicht dennoch eine Folge seines ihm durch die Gesellschaft ermöglichten Lebensstils, seiner zur Herrschaft über alles und jeden, der gesellschaftlich verliehenen und für ihn selbstverständlichen Macht?

Katarzyna Wlodarczyks keusche Lukrezia lässt sowohl darstellerisch als auch stimmlich keine Wünsche offen. Von der warmherzigen Halbschlaf-Arie, das Betttuch, das auf der einen Seite sie, auf der anderen einen Marmor-Torso ihres Gatten umhüllt, bis zu den spitzen Tönen im Duett mit ihrem Bedränger kann sie binnen kürzester Zeit ihr umfangreiches Klangrepertoir präsentieren und bleibt in jeder Stimm(ungs)lage glaubhaft und im Spiel ausdrucksstark. Ihr zur Seite als biedere Amme Bianca, Takako Onodera.

Als Dauergast der letzten Jahre ist sie nun festes Ensemblemitglied. Den sonst nur so vor Spielwitz sprühenden Mezzo in der gebremst-altjüngferlichen Rolle zu erleben ist schon eine ungewöhnliche Erfahrung. Ihr gegenüber Lucia, Katharina Kühn: warum um alles in der Welt musste sie ausgerechnet in dem scheinbar einzigen römischen Haushalt eine Anstellung finden, in dem Sitte und Ordnung oberstes Gebot scheinen?

Martin Hannus erzeugt aus der Hinterbühne mit den lediglich 13 Musikern einen effektvollen Raumklang, der schnell vergessen lässt, dass das Werk lediglich als Kammeroper deklariert ist und bietet den Sängern im Vordergrund den nötigen Platz, sich zu entfalten. Britten als Komponist des 20. Jahrhunderts mag nicht das Harmoniebedürfnis des üblichen Klassik-Konsumenten befriedigen, aber wer sich darauf einlässt, wird seinen künstlerischen Horizont deutlich erweitern können. Und mit den Bildern dieser Inszenierung im Kopf kann man selbst die Musik mit völlig anderen Augen … hören.

Vermisst man die körperlichen Interaktionen auf der Bühne? Nein! Die Erbarmungslosigkeit steckt bereits tief im Libretto, in der lautmalerischen Musik, im intensiven Vortrag und entwickelt gerade durch das Fehlen von Berührungen eine so unglaubliche Wirkung, dass es keiner greifbaren Gewaltdarstellung bedarf, den Zuschauer in die Abgründe der (un)menschlichen Natur zu ziehen. Psychische Verletzungen überdauern die physischen.

Diese „kleine“ Oper scheint groß für Rostock und es bleibt zu hoffen, dass sie die Anerkennung erfährt, die ihr gebührt. Gemessen am Applaus des Premierenpublikums, der die geringe Verkaufsmöglichkeit unter Corona-Bedingungen mehr als ausglich, sollte sie sich allerdings wirklich zu einer Erfolgsproduktion entwickeln.


Besprochene Vorstellung:   Premiere: vom 26.09.2020

———————————————-

Musikalische Leitung – Martin Hannus, Inszenierung – Christian Poewe,  Bühne & Kostüme – Wiebke Horn

Erzähler (Male Chorus) – Václav Vallon, Erzählerin (Female Chorus) – Alyona Rostovskaya
Collatinus – Jussi Juola, Junius – James J. Kee, Prinz Tarquinius – Grzegorz Sobczak, Lukrezia – Katarzyna Wlodarczyk, Bianca – Takako Onodera, Lucia – Katharina Kühn

Die Schändung der Lucrezia am Volkstheater Rostock; die weiteren Vorstellungen am 1.11.; 13.11.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere DER BARBIER VON SEVILLA, 01.11.2020

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

DER BARBIER VON SEVILLA
Komische Oper in zwei Akten von Gioacchino Rossini

Premiere am 01.11.2020
WHITE-WALL-OPER

Aufgrund unseres ausgefeilten Sicherheits- und Hygienekonzeptes ist es uns möglich, den Spielbetrieb bis auf Weiteres wie geplant fortzusetzen. Denn wie sagte eine Zuschauerin unlängst: »Man kann sich nirgends sicherer fühlen als im Theater!« Dennoch beobachten wir die Pandemieentwicklungen genau und aktuell mit großer Sorge. Gleichzeitig sind wir aber dank der positiven Resonanz unseres Publikums auch voller Zuversicht und freuen uns, an dieser Stelle auf die Premiere der dritten White-Wall-Oper am Sonntag, den 1. November 2020 hinzuweisen.

Schließlich handelt es sich bei »Der Barbier von Sevilla« um eine der erfolgreichsten Musikkomödien der Operngeschichte. Nicht zuletzt dank ihres Tempos, ihres subtilen Humors und ihren überraschenden Wendungen ist die Oper bis heute aus dem Repertoire nicht mehr wegzudenken.

Unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy erklingt die reduzierte Orchesterfassung von Gerardo Colella. Die von Ernesto Lucas handgezeichneten Illustrationen aus Tuschezeichnung und Aquarell erwecken das bunte Treiben in Sevilla zum Leben. Die junge Regisseurin Maren Schäfer bedient sich in ihrer ersten Regiearbeit für das Nationaltheater Mannheim bei den Charakteren und Typen der italienischen Komödie. Zudem stellt sie Rosina in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung, die sich aus ihrer Gefangenschaft befreit und beginnt, ihr eigenes Leben zu leben.

Musikalische Leitung: Alexander Soddy | Nachdirigat: Elias Corrinth | Regie: Maren Schäfer | Illustration: Ernesto Lucas | Animation und Videoproduktion: Eric Guémise | Videotechnik: Carl-John Hoffmann | Bühne: Anna-Sofia Kirsch | Kostüme: Charlotte Werkmeister | Licht: Nicole Berry | Chor: Dani Juris | Choreografische Mitarbeit: Luches Huddleston jr. | Dramaturgie: Deborah Maier

Besetzung: Graf Almaviva: Juraj Hollý | Bartolo, Doktor der Medizin: Bartosz Urbanowicz | Rosina, dessen reiches Mündel: Shachar Lavi | Figaro, Barbier: Ilya Lapich | Basilio, Rosinas | Musiklehrer: Sung Ha | Berta, Bartolos alte Dienerin: Estelle Kruger | Ein Offizier: Hyun-Seok Kim

Mit dem Nationaltheater-Orchester und den Herren des Opernchor

 

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Mainz, Staatstheater Mainz, HÄNSEL UND GRETEL – Premiere, 07.11.2020

staatstheater-mainz-logo_30

Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

HÄNSEL UND GRETEL –   Engelbert Humperdinck

Premiere am 7. November um 19.30 Uhr – halbszenisch

Eigentlich sollte Engelbert Humperdinck nur einige Textpassagen des Märchenspiels Hänsel und Gretel, das seine Schwester Adelheid Wette – basierend auf dem Märchen der Brüder Grimm – für eine Vorführung in der Familie geschrieben hatte, vertonen. Auf begeistertes Anraten der Verwandten aber entwickelte sich das kleine Projekt in der Folge zuerst zu einem Singspiel und schließlich zu einer abendfüllenden Oper über die Geschichte der Geschwister Hänsel und Gretel.

In ärmlichen Verhältnissen aufwachsend, werden sie aus Not von ihrer Mutter in den Wald zum Beerenpflücken geschickt. Dort begegnen sie allerdings nicht nur Sand- und Taumännchen, sondern auch der Hexe, die unzähligen Kindern bereits einen Schauer über den Rücken gejagt hat.

In spätromantischem Gestus komponierte Humperdinck eine Märchenoper, die sich voller Klangreichtum immer wieder hin zu Volksliedern wie Brüderlein, komm tanz mit mir!, Ein Männlein steht im Walde oder Suse, liebe Suse verjüngt, um danach das Orchester erneut in allen seinen Farben aufblühen zu lassen und Alt und Jung zum Träumen verleitet.

Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Szenische Einrichtung und Ausstattung: Erik Raskopf
Licht: Stefan Bauer
Kinderchor: Jutta Hörl und Karsten Storck
Dramaturgie: Christin Hagemann
Peter, Besenbinder (Vater): Peter Felix Bauer
Gertrud (Mutter): Linda Sommerhage
Hänsel: Solenn´ Lavanant-Linke
Gretel: Maren Schwier
Knusperhexe: Alexander Spemann
Sandmännchen: Yuuki Tamai
Taumännchen: Heejoo Kwon
Mainzer Domchor und Mädchenchor am Dom und St. Quintin
Philharmonisches Staatsorchester Mainz
weitere Vorstellungen: 16., 20.11. sowie 10., 18. und 27.12.2020

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Erfurt, Theater Erfurt, Der Schauspieldirektor – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 25.10.2020

Oktober 24, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Erfurt

erfurt.jpg

Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Der Schauspieldirektor – Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart

„Der Schauspieldirektor“ in Erfurt kommt vom Bauhaus in Weimar

von Hanns Butterhof

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

In Corona-Zeiten mit hygienebedingt kurzer Aufführungsdauer schlägt die Stunde für kleinere, sonst eher selten auf der Bühne erlebbarer Stücke. Der Schauspieldirektor, das einaktige Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart von 1786 gehört unbedingt in diese Kategorie. Musikalisch bis auf die Ouvertüre wenig ergiebig, mit nur vier Gesangsnummern von insgesamt zwanzig Minuten und einem von Gottlob Stephanie d.J. erstellten, heute bestenfalls noch museal verwendbaren Text gilt Der Schauspieldirektor als minderes Werk Mozarts und nicht unbedingt als ein Publikumsmagnet. Dass dem nicht notwendig so sein muss, zeigt die glänzende Aufführung am Theater Erfurt. Die Spielfassung durch Regisseur Cristiano Fioravanti und Dramaturgin Larissa Wieczorek spannt zwanglos Corona, Regietheater, die prekäre Lage der Schauspieler sowie Kritik an der Moderne witzig zusammen und hat allen Beifall verdient, den das Premierenpublikum langanhaltend spendete.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt
youtube Trailer Theater Erfurt
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Aus dem Einakter ist in Erfurt wie auch schon anderswo ein zweiaktiges Werk geworden. Sein erster Teil besteht aus der Probe zu Der Schauspieldirektor, der dann im zweiten Teil zur Aufführung kommt. Für den Musikanteil des ersten Aktes, für den das Orchester mit Myron Michailidis am Pult den hinteren Bühnenraum einnimmt, werden andere Opernwerke Mozarts bemüht. Düster und überraschend erklingt als Ouvertüre eine Partie aus Don Giovanni, die erste Arie des Baritons (Juri Batukov) ist aus Figaros Hochzeit, wobei er beim „Fünfe, zehne, zwanzig“ -Zählen mit ausgestreckten Armen und ausgeklappten Metermaß-Stäben urkomisch die amtlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstände demonstriert. Wenn die Soprane (Leonor Amaral und Daniela Gerstenmeyer) Arien aus Così fan tutte und La finta semplice, der Tenor (Brett Sprague) aus Mitridate singen, ruft das schon keine Verwunderung mehr hervor.

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht der titelgebende Schauspieldirektor Frank (Stefan Wey). Wenn er zur Ouvertüre wie ein vom Storch gebrachtes Neugeborenes ganz in Weiß (Ausstattung: Anja Wandt) aus einem großen Wickeltuch steigt, ist von ihm absolut Neues, vielleicht auch etwas an der Grenze zum Unbedarften zu erwarten.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier - Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier – Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Für die Probe räumt die – von der Regie dazuerfundene – Regie-Assistentin Cristina (Bettina Brezinski) zwei gestufte Podest-Gerüste für die Sänger auf die Bühne. Der nun in die existenzialistisch-schwarze Lieblingsuniform des Theaterschaffenden gekleidete Regisseur Frank führt sich am Regiepult davor als mieser Regie-Despot auf. Er versucht dem Ensemble seine Idee vom Theater als Raum-Bewegungs-Musik-und-Licht-Gesamtkunstwerk nahezubringen. Klingt gut, ist allerdings so leer und abstrakt, dass ihn keiner versteht. Vielmehr setzen die Sänger seine Anweisungen umwerfend komisch in puren Unfug um, woraufhin er sie übel als faul und unfähig beschimpft. Schließlich entlässt er rüde die überforderte Cristina, die auch nicht weiß, was seine Ideen meinen oder gar, wie sie dem Ensemble zu vermitteln wären. Dem folgt eine deutlich utopisch-zukunftsweisende Aktion: Alle solidarisieren sich mit der gefeuerten Cristina und brechen die Probe, vielleicht auch die Zusammenarbeit mit Frank ab; er taucht nicht wieder auf.

Die Probe erweist sich als Kritik des real existierenden Theaterbetriebs mit cholerischen Regisseuren, prekären Arbeitsverhältnissen und dadurch angestacheltem Konkurrenzdruck der Künstler. Die eine Sopranistin (Daniela Gerstenmeyer) buhlt mit Anpassung an den Regisseur, die andere (Leonor Amaral) kämpft mit Verve um ihr Engagement; das Terzett „Ich bin die erste Sängerin“, in dem sich die beiden in Stellung bringen, ist psychologisch und mit seiner überschäumenden Flut von Koloraturen das Glanzstück der Aufführung.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Der zweite Teil spielt nach fünf Wochen. Überraschend erklingt jetzt das Original der Ouvertüre zu Der Schauspieldirektor, der dann noch die dazugehörigen Gesangsnummern folgen. Erstaunlicher ist aber, dass Frank sein Regiekonzept anscheinend doch durchgesetzt hat. Die beiden abstrakten Bühnenpodeste der Probe sind jetzt weiße Kuben, und das Gesangsensemble ist kostümiert. In den bonbonbunten, geometrischen Figuren wie Kreis, Quadrat oder Dreieck entlehnten Kostümen singen und bewegen sich alle mechanisch wie Spielzeug-Blechfiguren auf geraden Linien oder in rechten Winkeln nach dem Muster des 1928 uraufgeführten Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer. Das moderne Neue, das Franks Auftritt versprach, erweist sich als Entseelung und Mechanisierung und findet im Umgang des Regisseurs mit seinen Schauspielern die genaue Entsprechung. Der Schauspieldirektor Frank kommt deutlich vom Bauhaus in Weimar.

Alles passt sauber zusammen als Kritik an einer das Menschliche hintansetzenden Moderne, auf die Corona ein grelles Schlaglicht wirft. Das ist von Cristiano Fioravanti ohne erhobenen Zeigefinger rein sinnlich erlebbar inszeniert, vom Ensemble überzeugend gespielt und gesungen und vom Philharmonischen Orchester Erfurt unter Myron Michailidis in einen gefälligen Mozart -Ton eingebettet. Dieser Schauspieldirektor ist mit seinen siebzig Minuten Spieldauer, in deutscher und italienischer Sprache mit Übertitelung, umfassend sehens- und hörenswert und wurde vom Premierenpublikum ausgiebig und mit Bravos gefeiert.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt; die weiteren Vorstellungen 24.10.; 20.11.; 13.12.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Erfurt |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung