Cottbus, Staatstheater Cottbus, Eröffnungswochenende – Mazeppa und mehr, 23. bis 25.10.2020

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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus zum Premierenauftakt

Ballett, Schauspiel, Musiktheater und Philharmonisches Orchester präsentieren drei Premieren, davon zwei Uraufführungen

Vom 23. bis 25. Oktober 2020 lädt das Staatstheater Cottbus zum Premierenauftakt für die Saison 20.21 ein. Ballett, Schauspiel, Musiktheater und Philharmonisches Orchester präsentieren sich in drei Premieren, davon zwei Uraufführungen. Nach der langen, pandemiebedingten Theaterpause ist dieses Premierenwochenende für alle Mitarbeiter*in-nen des Staatstheaters ein lange erwarteter Startschuss: endlich kann das künstlerische Team um den neuen Intendanten Stephan Märki seine Vision für das Haus in konkreten Inszenierungen vorstellen und können die Ensembles ihren Dialog mit dem Publikum aufs Neue beginnen.

Staatstheater Cottbus / NUR EIN WIMPERNSCHLAG ... - Ballettabend von Oliver Preiß | Uraufführung Szenenfoto mit Alyosa Forlini © Claudia Bernhard

Staatstheater Cottbus / NUR EIN WIMPERNSCHLAG … – Ballettabend von Oliver Preiß | Uraufführung Szenenfoto mit Alyosa Forlini © Claudia Bernhard

Im Ballett wendet sich Choreograf Oliver Preiß in der Kammerbühne mit der Urauffüh-rung „Nur ein Wimpernschlag …“ essentiellen menschlichen Empfindungen zu. In neun packenden Solos schnürt er gemeinsam mit dem Cottbuser Ballettensemble ein Bündel an Gefühlszuständen auf, mit dem sich Menschen konfrontiert sehen, wenn plötzlich Zeit zum Innehalten, zum Nachdenken und Nachspüren im Übermaß zur Verfügung steht. (Premiere 23. Oktober 2020, Kammerbühne)

Staatstheater Cottbus / UMKÄMPFTE ZONE Eine Bearbeitung des gleichnamigen Romans von Ines Geipel durch Armin Petras Uraufführung Szenenfoto mit: (oben v.l.n.r.) Susann Thiede und Lucie Luise Thiede (Schwester 1 und 2); (vorn) Johann Jürgens (Bruder) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / UMKÄMPFTE ZONE Eine Bearbeitung des gleichnamigen Romans von Ines Geipel durch Armin Petras Uraufführung Szenenfoto mit: (oben v.l.n.r.) Susann Thiede und Lucie Luise Thiede (Schwester 1 und 2); (vorn) Johann Jürgens (Bruder) © Marlies Kross

In der Regie von Armin Petras, seit dieser Spielzeit neuer Hausautor an der Cottbuser Bühne, bringt das Schauspiel im Großen Haus seine Bearbeitung von Ines Geipels Buch Umkämpfte Zone zur Uraufführung. Anhand ihrer Familiengeschichte reflektiert die Autorin Konflikte der (ost)deutschen Geschichte und schildert die Erfahrungen der Generation Mauer“. (Premiere 24. Oktober 2020, Großes Haus)

Staatstheater Cottbus / MAZEPPA Oper in drei Akten von Pjotr I. Tschaikowski Szenenfoto © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / MAZEPPA Oper in drei Akten von Pjotr I. Tschaikowski Szenenfoto © Marlies Kross

Im Musiktheater inszeniert die Regisseurin Andrea Moses mit Mazeppa eine selten gespielte Oper von Pjotr I. Tschaikowski. Die Geschichte um den opportunistischen Kosakenanführer Mazeppa wird in ihrer Lesart zur zeitlosen Fabel vom Zusammenbruch politischer Systeme, von Schock und Chance gesellschaftlicher Umwälzungen, alten Wunden und der Rolle der Massen. Die musikalische Leitung hat GMD Alexander Merzyn. (Premiere 25. Oktober 2020, Großes Haus)

Karten:
Die neuen Inszenierungen stehen in den nächsten Monaten regelmäßig auf dem Spiel-plan. Karten für alle Vorstellungen bis Ende Januar sowie Informationen über Zusatz-veranstaltungen gibt es im Besucherservice (Am Schillerplatz 1, 03046 Cottbus) und auf www.staatstheater-cottbus.de. Die Premieren sind ausgebucht.

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

München, Residenztheater, Das Erdbeben in Chili – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 21.10.2020

Oktober 20, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Das Erdbeben in Chili   –   nach Heinrich von Kleist

– Die „schöne Blume“ des „menschlichen Geistes“? –

von Hans-Günter Melchior

„Ach, Heinrich. Wäre er nicht um so Vieles größer, man wagte die Hybris, ihm das Du anzubieten.“  —–  Was hatte Heinrich von Kleist nicht alles uns vorausgelitten. In keinem Fach, in keinem Beruf hielt er es aus. Und bei keiner Philosophie und Überzeugung. Wie wir Heutigen im Dickicht der Meinungen herumirrend.

Was hat man ihm nicht alles angedichtet – und dichtet ihm immer noch an. Die sogenannte „Kant-Krise“. Als ob es bei seiner, Kleists, Zweifelsnatur überhaupt Kants bedurft hätte. Es ist ja richtig: wer bei Kant auf der Suche nach der Wahrheit ist, verirrt sich leicht in der Wüste der Ratlosigkeit. Da gibt es die analytischen Urteile und die synthetischen Urteile a priori und a posteriori, die zwar einen empirischen Halt haben, sich letztlich sich aber doch nur darauf stützen können, wie die Dinge uns erscheinen. Während uns die Erkenntnis, wie die Dinge an sich, wirklich, sind, verschlossen bleibt. Und die Ideen nun ja, die Ideen sind schön und gut, aber sie taugen allenfalls als gewisse Ordnungsprinzipien, mühsam windet sich Kant um die Frage herum, ob er sie für reine Hirngespinste hält.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili - hier:  vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili – hier: vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Und die Anhänger der Dekonstruktion reklamieren Kleist als einen ihrer Vorläufer. „Kein Sein ohne Seiendes“ hat Adorno in der „Negative Dialektik“ postuliert. Und Lyotard und Derrida teilen mit ihm das Misstrauen gegen die diktatorischen Begriffe/Ideale und rekurrieren auf das „Heterogene“, sie preisen die „Deligitimation des Universellen“ als Befreiung.

Und das alles soll Kleist vorbedacht haben. Mag sein, mag auch nicht sein. Was ihn zum Bruder uns Heutiger macht, ist das Oszillierende seines Denkens, das Hin- und Hergerissensein zwischen menschlicher Größe und menschlicher Niedertracht, zwischen einfacher, mitleidiger Zuwendung und fanatischer Geistesverbohrtheit, die vor Mord- und Totschlag nicht Halt macht.

Und damit hat unsere brüderliche Verbundenheit zu tun. Da wollen wir in einer freien und von mitmenschlicher Verbundenheit geprägten Gesellschaft leben und müssen es ertragen, dass ein Lehrer, der mit seinen Schülern über Meinungsfreiheit diskutiert und dabei Karikaturen der französischen Satirezeitschrift Charlie-Hebdo verwendet, von einem muslimischen Fanatiker enthauptet wird.

Und da muss es bei Kleist in der Novelle Das Erdbeben in Chili politisch, religiös und menschlich verarbeitet werden, dass ein Paar, welches sich wider die Konvention und die religiöse Doktrin in einem „zärtlichen Einverständnis“ befand und ein Kind hatte, am Ende der Lynchjustiz religiöser Eiferer zum Opfer fällt.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Nur kurz – der Inhalt wird im Wesentlichen vorausgesetzt, Kleist gehört nunmal zum Bildungskanon: Josephe liebt ihren Hauslehrer Jeronimo. Ihr Vater steckt sie zur Strafe in ein Kloster. Jeronimo findet durch einen Zufall dort Eingang, er wird Vater eines gemeinsamen Kindes. Josephe wird der Prozess gemacht, sie wird zum Tod durch Enthaupten verurteilt. Kurz vor der Exekution bricht das Erdbeben aus, die Klostermauern werden eingerissen, Josephe ist frei. Sie irrt mit dem Kind durch die unversehrt gebliebene, idyllische Landschaft (auch so ein Gegensatz zum Chaos), Jeronimo findet sie. Das Paar wird von einer hilfsbereiten Gesellschaft aufgenommen, die Don Fernando anführt. Josephe reicht dessen Sohn, einem Säugling, die Brust, da die Mutter, Fernandos Frau Donna Elvire, schwer verletzt ist. Man kommt im Laufe des Tages überein, die Dankesmesse in der Kirche der Dominikaner zu besuchen. Der Prediger, der älteste Domherr, prangert die „Sünden“ Josephes und Jeronimos an und macht die beiden für das Erdbeben, Gottes Strafe, verantwortlich. Die aufgeputschte Menge geht gegen die beiden vor, tötet sie und Fernandos Sohn Juan. Der Sohn von Josephe und Jeronimo wird gerettet und von Fernando und seiner Frau – ein Akt menschlicher Größe – an Kindes Statt aufgenommen…

Kleist feiert einerseits die Solidarität der durch das Erdbeben ihres Eigentums und ihrer Heimat beraubten Menschen („und in der Tat schien…, der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn“), schildet aber das Pogrom in der Kirche in drastischen Farben –; der religiöse Fanatismus, die andere der Gesellschaft als hässliche Ausdrucksform des menschlichen Geistes. Das ist es wieder, das schlechte Allgemeine, das sich am guten Besonderen vergeht.

Ulrich Rasche macht aus der Novelle ein höchst eindrucksvolles, ja zuweilen in seiner Intensität und Dynamik erschütterndes Theaterstück. Er hält sich dabei streng an den kleist´schen Text. Die Protagonisten (Mareike Beykirch, Linda Blümchen, Pia Händler, Barbara Horvath, Thomas Lettow, Nicola Mastroberardino, Antonia Münchow, Johannes Nussbaum, Noah Saavedra) stehn auf einer Scheibe, die mit geradezu unerbittlicher, marternder Stetigkeit den Weltenlauf andeutend rotiert, sich dreht und dreht, die Agierenden heranträgt und entfernt und die kreishafte Schicksalhaftigkeit des Geschehens symbolisierend nicht stillstehen will. Ein wunderbarer Einfall, hier mehr als angebracht und noch einmal neu, auch für den, der mit Rasches Stil bereits aus anderen Inszenierungen (Die Räuber u.a.) vertraut ist.

Gesprochen wird überwiegend im Chor, im abgehackten, die Prosa gleichsam in Strophen und Verse aufteilenden Stil einer griechischen Tragödie. Das hat etwas überwältigend Eindringliches, zumal die Sprechstimmen über einer zuweilen dröhnend lauten Musik– eher einer Geräuschkulisse – liegen und im wörtlichen Sinne unter die Haut gehen. Man beginnt vor Aufregung und Teilnahme zu schwitzen, freilich ohne dem Vorgetragenen auch nur ungefähr etwas „Verschwitztes“ anzulasten.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Mit der Zeit ist man ganz im Kosmos dieses Geschehens aufgenommen, verliert fast die Distanz zur Bühne, ist mittendrin, nicht eigentlich nur oberflächlich und geschmäcklerisch fasziniert (was Distanz voraussetzen würde), sondern man ist gefesselt, wird nicht losgelassen von dem, was da geschieht, wie wenn es einen selbst anginge. Wobei der besondere Duktus des Sprechens, dieses Deklamatorische, das die Prosa so gut wie verschwinden lässt, das Bühnengeschehen ins Unmittelbare des Mitdenkens und Mitfühlens zu transponiert, die Zuschauer nicht nur überredet, sondern hineinzieht in eine Kunst-Realität des Lebensvorgangs (Brecht hätte sich wohl im Hinblick auf sein Distanzpostulat die Haare gerauft, oder?). Hier wird das Tragische – und auch das reflektierte, gewollt in sich Widersprüchliche der Kleist´schen Erzählung (Feier des menschlichen Geistes einerseits, Verzweiflung an genau diesem Geist, dem Un-Geist des Fanatischen, andererseits) zum Ereignis. Nach etwas mehr als zwei Stunden wird man aus der Klammer dieser Inszenierung entlassen, nachdenklich und irgendwie um eine Last des Schicksalhaften erleichtert zugleich.

Ein großer Abend. Leider von der Pandemie beschädigt. Man hätte sich ein volles Haus gewünscht. So aber waren viel zu wenige Zuschauer da, die freilich begeistert Beifall spendeten.

Das Erdbeben in Chili – Residenztheater München; die weiteren Vorstellungen am 22.11.; 5.12.; 13.12.; 14.12.2020 und mehr ..

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Düsseldorf, Düsseldorfer Schauspielhaus, Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – Heinrich Heine, IOCO Kritik, 10.10.2020

Düsseldorfer Schauspielhaus © Sebastian Hoppe

Düsseldorfer Schauspielhaus © Sebastian Hoppe

Düsseldorfer Schauspielhaus

Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe!

 Heinrich Heine – erlebt in einem theatralischen Rundgang 

von Rainer Maass

 Heinrich Heine Grabmal in Montmartre Paris © IOCO

Heinrich Heine Grabmal in Montmartre Paris © IOCO

Das Düsseldorfer Schauspielhaus, kurz D’haus, im Zentrum der Stadt gelegen, ist eines der bedeutendsten Sprechtheater Deutschlands. Das modern inspirierende Theatergebäude wurde 1965 bis 1969 von dem Düsseldorfer Architekt Bernhard Pfau errichtet. Die auffällige Architektur beherbergt das ranglose Große Haus (738 Plätze) und das Kleine Haus; beide mit hohem akustischem und technischem Niveau.

Düsseldorfs geliebter, streitbarer Dichter, Poet, Journalist steht auf

Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe! – heißt das am 5.9.2020 uraufgeführte Stück über den 1797 in Düsseldorf geborenen und 1856 in Paris gestorbenen Dichter, Schriftsteller und Journalisten Heinrich Heine, welcher der deutschen Literatur und Sprache eine bis dahin nicht gekannte Leichtigkeit und Eleganz verlieh. Heinrich Heine verließ Deutschland, da er auch wegen seiner jüdischen Herkunft vielfach verfemt wurde. Seine Liebe zu Deutschland wie Düsseldorf war in Paris eine ständig blutende Wunde, wie sie auch in seinen Dichtungen oft durchscheint.

Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – Heinrich Heine
youtube Trailer Düsseldorfer Schauspielhaus
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Vor fast zwanzig Jahren schuf Bert Gerresheim in Düsseldorf ein Heinrich-Heine-Denkmal auf dem Schwanenmarkt: Ein in Stücke zerschnittenes Kunstwerk – Sinnbild der Zerrissenheit Heines und zum geliebt-gehassten Düsseldorf.

Mit dem Stück  LIEBER EIN LEBENDIGER HUND ALS EIN TOTER LÖWE!  hat das Schauspielhaus Düsseldorf, Regie Jan Philipp Gloger, Dramaturgie Felicitas Zürcher, auf eindrucksvolle Weise zusammen gefügt, was zusammen gehört. Das Schauspielhaus beschreibt das Stück in seinem Spielplan als einen theatralen Rundgang: „Im Foyer, auf den weit verzweigten Gängen im Keller  …. können sich die Zuschauer*innen auf die Spuren des berühmtesten Düsseldorfer Dichters begeben“.  Die Besucher erleben im Schauspielhaus auf ihrer Wanderung den Menschen Heinrich Heine in all seinen Facetten. Ein Weg mit vielen Etappen, beschwerlich, fast wie das Leben des Dichters. Wo immer der Besucher durch die Gänge und Bühnen des Hauses treppauf treppab zu Heine geleitet wird, Heine ist immer präsent. Immer glaubt man Heines Gedanken zu hören; mal meint man, seine Ängste spüren; an kahlen Wänden stehen oft Satzfragmente: Graffitis von Heines Hand?

Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe - hier Thomas Wittmann als Heinrich Heine in der Matrazengruft © Sandra Then

Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – hier Thomas Wittmann als Heinrich Heine in der Matrazengruft © Sandra Then

Bedingt durch die geltenden Corona-Beschränkungen werden die Besucher der Vorstellung in kleine Gruppen aufgeteilt. So bekommt jedes Treffen der kleinen Besuchergruppe mit dem „lebenden“ Heinrich Heine ein persönliches, fast privates Timbre. Das zeigt sich schon zu Beginn, beim Besuch an Heines Matrazengruft; die Regie will, dass der Besucher den Dichter diese Station zum Ende seines Lebens als erstes kennenlernt. Wie vor guten Freunden beklagt Heine aus seiner Matratzengruft in offenen Worten seine Leiden. Der Besucher spürt die verblühende Energie, aber auch die bis zu seinem Ende lebendige Kreativität.

Thomas Wittmann verkörpert dabei Heine in Paris in seiner Matrazengruft, wo er krank und unbeweglich sich über Krankheit und Isolation beschäftigt. Den dann folgenden, jungen, lebensfrohen, politischen Heine, seine Reisebilder stellt Josha Baltha dar. Judith Bohle trägt aus der Schrift „Französische Zustände“ einen seltsam aktuellen Zustand zur damals herrschenden Cholera vor

Höhepunkte der „Wanderung“ der Zuschauer im Schauspielhaus sind die ständigen Begegnungen mit Heinrich Heine, die Gefühlswelt des Dichters wird spürbar. Es folgt der Rückblick auf das wechselvolle Leben von Düsseldorfs berühmtestem Dichter. Die Zuschauer erleben, durch den Lyriker, den Reisedichter, den Dramatiker und immer wieder den politischen Kopf. Dargestellt durch die Schauspieler*innen führt die Reise zu Heinrich Heines vielen Talenten. Dabei springt Heine mit munterer Fröhlichkeit und beißender Ironie über Gattungsgrenzen hinweg. Jede dieser Facette bekommt ihre eigene Bühne. Jede wird überraschend inszeniert. Ein besonderes Highlight ist die Darstellung von Heines Tanzpoem Der Doktor Faust. Hier spürt der Zuschauer, wie viel Kraft ihn sein künstlerisches Schaffen kostete, wie er bei allen Erfolgen immer wieder mit Rückschlägen kämpfen muss.

Großen Raum nimmt seine Rolle als Bürger und politischer Mensch ein. Heinrich Heines Worte über das Pariser Leben zur Zeit der Cholera glaubt man erst gestern gehört zu haben. Er mokiert sich über die Unwissenheit der Pariser und spottet über den Leichtsinn seiner Mitmenschen. Man merkt schnell: Ob Cholera oder Corona-Pandemie, die Menschheit hat sich in dieser Hinsicht auch in zwei Jahrhunderten wenig geändert.

 Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe - hier : Josha Baltha als der Poet und Dichter Heinrich Heine © Sandra Then

Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – hier : Josha Baltha als der Poet und Dichter Heinrich Heine © Sandra Then

Für die Präsentation des politischen Menschen Heinrich Heine wählte man die größtmögliche Bühne, den vor dem Schauspielhaus liegenden Gustaf Gründgens Platz.  Per Megaphon verdammt Josha Baltha dort als der freiheitsliebende Emigrant Heine lautstark alle Formen von Zensur und Unterdrückung. Auch dieser historische Text klingt wie eine Kampfansage an die Populisten unserer Tage. Dass Heinrich Heines Worte zu dieser späten Stunde auf dem menschenleeren Platz ungehört verhallen, kann man durchaus symbolisch verstehen. Doch die Reise endet keineswegs mit Gebrüll.

Zum guten Schluss schließt Heine Frieden mit seiner Heimatstadt Düsseldorf. Die letzte Szene spielt in der lichtdurchfluteten Parklandschaft des Hofgartens, der unmittelbar an das Schauspielhaus grenzt. Alle Heine- Darsteller*innen  sind eins mit der Natur, sind eins mit Düsseldorf und natürlich mit Heinrich Heine. Was wünschte sich Bert Gerresheim von den Besuchern seines Denkmals? Sie sollten Heinrich Heine mit den Händen begreifen.

Dieser Abend im Düsseldorfer Schauspielhaus half den Besuchern, Heinrich Heine auch mit dem Kopf und Herzen zu begreifen.

 Düsseldorfer Schauspielhaus – Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe; die nächsten Vorstellungen am 11.10; 8.11.; 15.11.; 29.11.; 6.12.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Düsseldorfer Schauspielhaus |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque, IOCO Kritik, 25.09.2020

September 26, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die Nacht von Lissabon  –   zum 50. Todestag von Erich Maria Remarque

– Innenansicht eines Flüchtlings –

von Hanns Butterhof

Der Westfälische Frieden, der 1648 in den Osnabrücker und Münsteraner Rathäusern den Dreißigjährigen Krieg beendete, ist das herausragende Ereignis der Stadtgeschichte. Osnabrück identifiziert sich damit heute als „Friedensstadt“ mit dem Auftrag, sich friedenspolitisch nach außen und innerhalb der Stadtgesellschaft zu engagieren. Diesem Auftrag kommt es unter vielem anderen mit der besonderen Pflege der Erinnerung an Erich Maria Remarque nach, der am 22. 6. 1898 in Osnabrück geboren wurde und am 25.9. 1970 in Locarno starb; mit seinem Anti-Kriegs-Roman Im Westen nichts Neues von 1929 erzielte er einen Welterfolg.

Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque
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Auch das Theater Osnabrück und vor allem sein Schauspiel verstehen sich ausdrücklich als politisch in diesem Sinn und setzen sich mit Remarques Leben und Werk auseinander. So beginnt die neue Spielzeit im Theater am Domhof mit Die Nacht von Lissabon, Erich Maria Remarques Exilanten-Roman von 1962. Der regieführende Schauspieldirektor Dominique Schnizer hat eine Theaterfassung erarbeitet, die auf die Erzählperspektive und die turbulenten äußeren Geschehnisse der erzählten Nacht verzichtet, aber mit den Videos von Christoph Otto einen fesselnden Einblick in das Innenleben eines Flüchtlings erlaubt.

Das Stück ist mit einem Schauspieler auf der Bühne und allen weiteren Figuren nur auf eingespielten Videos absolut coronatauglich. Es spielt größtenteils in einem Container (Bühne und Kostüme: Christin Treunert), aus dessen Ecke ein Mann (Thomas Kienast), umgeben von einem Rucksack, einem Paar Stiefel und Essgeschirr, in videogestützten Rückblicken seine Geschichte erzählt.

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon - hier :  Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an seine Rückkehr nach Osnabrück © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon – hier : Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an seine Rückkehr nach Osnabrück © Uwe Lewandowski

Es ist die Geschichte eines Deutschen, der 1933 aufgrund einer Denunziation ins KZ kam und nach seiner Entlassung 1934 in die Schweiz emigrierte. 1939 kommt er mit den Papieren eines Österreichers, der sich im Exil umgebracht hatte, als Josef Schwarz in seine Heimatstadt Osnabrück und zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) zurück. Gemeinsam fliehen sie über die Schweiz nach Frankreich, wo sie eine glückliche Zeit zusammen verleben, Nach Kriegsbeginn 1939 werden dort beide als feindliche Ausländer interniert. Doch ihnen gelingt die Flucht über Spanien bis nach Lissabon, wo seine Frau am Tag vor der Überfahrt nach Amerika stirbt.

Thomas Kienast ist ein fesselnder Berichterstatter, dem überzeugend die verschiedensten, auch jäh wechselnden Gemütszustände gelingen, von zynischer Verzweiflung bis zu liebevollen Erinnerungen an die Glücksmomente mit seiner Frau. Sie ist nur in den Videos der Erinnerung präsent, aber Monika Vivell verleiht Helen die wohl interessanteste Statur im Stück. Trotz ihrer schließlich tödlichen Krebserkrankung ist sie unbedingt lebensvoll, sogar der Flucht kann sie Abenteuercharakter abgewinnen.

Dagegen bleibt die Figur des Josef Schwarz blass. Weder wird der Grund der Denunziation noch der seines Exils ausgeführt, seine gesamte Gesinnung bleibt im Dunklen, wodurch er auf den Flüchtling an sich reduziert wird, dem unbedingtes Wohlwollen zukommt. Es sind die Videos Christoph Ottos, die mit schnellen Schnitten die traumatischen Flashbacks oder die Zeit des gemeinsamen Glücks vor Augen führen und dem Publikum effektvoll das Innenleben Josef Schwarz‘ zeigen.

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon - hier: Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an die Rückkehr zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon – hier: Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an die Rückkehr zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) © Uwe Lewandowski

Bedauerlich sind die ungenauen Versuche einer Identifikation des Damals mit dem Heute. Funktionslose Videoeinspielungen der fiktiven Originalschauplätze Lissabon, Paris und Osnabrück, vor allem die oberflächliche Identifikation des Osnabrücker Publikums über einen Osnabrücker Protagonisten mit leibhaftigen Flüchtlingen, die im Abspann aus einem Erstaufnahmelager in der Nähe von Osnabrück zu Wort kommen, zeigen eine fatale Neigung der Regie zu erzwungener Unmittelbarkeit. Um des direkten politischen Zugriffs willen wird das Publikum entmündigt und die Aussage des Stücks unnötig plakativ auf die der Regie verengt.

Langanhaltender Beifall des coronabedingt ausgedünnten Publikums für Thomas Kienast nach einer langen Pause der Betroffenheit am Ende des Stücks, zustimmender Applaus für die Migranten. Sie scheinen am Ziel ihrer Flucht angekommen, einem Ziel, das Joseph Schwarz nach dem Tod seiner Frau dafür aufgegeben hat, in der Nacht von Lissabon seine Geschichte erzählen zu können.

Die Nacht von Lissabon am Theater Osnabrück; Die nächsten Termine: 16.,17. und 18.10.2020, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Domhof;  Karten auch unter: karten@theater-osnabrueck.de oder 0541-7600076

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

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