Theaterschule COBI: Theaterluft – auch für reales Leben, IOCO Interview, 27.02.2021

Februar 27, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Interview, Schauspiel

Theaterschule COBI / Jugendliche üben Theaterspiel © Theaterschule COBI

Theaterschule COBI / Jugendliche üben Theaterspiel © Theaterschule COBI

Theaterschule COBI – Theaterluft für Kinder, Jugendliche, Erwachsene

– Improvisation – Bewegung – Sprache –

von Viktor Jarosch

Theaterschule COBI / hier Nicole Strehl © Nicole Strehl

Theaterschule COBI / hier Nicole Strehl © Nicole Strehl

IOCO besuchte Nicole Strehl, Leiterin der privaten Theaterschule COBI im oberfränkischen Coburg, um über die Ziele ihrer Theaterschule, über Theater AGs, integratives Klassentheater, Kulturwerkstätten zu hören. Nach Strehls Motto „Theater macht Spaß“ werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene für das Theaterspielen begeistert. Doch die vielseitigen Übungen in Schauspiel, Theater, Tanz in der  Theaterschule COBI sollen nicht nur auf der Bühne wirken, sie sollen auch in unserem Alltag zu „freundlichen“ Lebenshelfern werden.

Menschliche Kommunikation findet von Geburt an in der gesprochenen Sprache, der Körpersprache und deren „Zusammenspiel“ statt: „Persönliche Einstellungen und „Lebens“-Erfahrungen„, so Nicole Strehl, „zeigen sich hier ebenso wie die Einflüsse der in Corona-Zeiten zunehmenden Digitalisierung. Kinder, Jugendliche wie Erwachsene: alle suchen ihr persönliches Selbstverständnis in Ausdruck und Sprache; sensibilisieren so ihre Wahrnehmung und üben soziale Kompetenz“.

Theater, Bewegung, Sprache, Tanz, Gesang kann einseitiger, ungewollter Entwicklung entgegenwirken. Sensorik, Koordination, Körper- und Sinneswahrnehmung werden in der Theaterschule COBI spielerisch gefördert. Rollenspiele wirken gezielt sprachunterstützend und vertiefen zugleich  kommunikative Fähigkeiten. Kinder wie Erwachsene lernen, ihre Sinne zu sensibilisieren, Wahrnehmungen zu verbalisieren, auf andere zuzugehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Mehr als eine Liebesgeschichte – Albert und Victoria der Theaterschule COBI
youtube Trailer ITV Coburg
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Bereits im Alter ab 4 Jahren können die Kleinsten in der  Theaterschule COBI  Theaterluft schnuppern und unter professioneller Anleitung das Theaterspielen erlernen. Neben dem Spaßfaktor werden menschliche Kompetenzen und Soft Skills gefördert.

Nicole Strehl studierte zunächst Theaterwissenschaften und Pädagogik bevor sie als Betriebswirtin und Marketingplanerin abschloss. In ihrer Diplomarbeit „Relationship Theater Marketing“ beschäftigt sie sich intensiv mit dem Kinder- und Jugendtheater. Sie arbeitete an verschiedenen Theatern und unterrichtete an einer Schweizer Privatschule. Nach fast zehnjährigem Aufenthalt in der Schweiz erfüllte sich die gebürtige Coburgerin im April 2012 mit der Theaterschule COBI ihren persönlichen Traum.

Das anfänglich reine Kindertheater entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer erfolgreichen Theaterschule, die weit über Coburgs Grenzen bekannt ist. In normalen Zeiten spielen über 250 Kinder, Jugendliche und mittlerweile auch Erwachsene jede Woche in den eigenen Theaterräumen sowie in Schulen und Kindergärten begeistert Theater. Das Angebot umfasst Theater AGs, integratives Klassentheater, Kulturwerkstätten sowie zahlreiche Workshops. Im Laufe der Zeit hat die Theaterschule ein umfangreiches Repertoire an Stücken aufgebaut und kann bei deren Ausstattung auf einen eigenen Kostüm- und Requisitenfundus zurückgreifen. Dabei schreibt Nicole Strehl die Theaterstücke entweder selbst oder passt sie individuell und altersgerecht an. So führte sie u.a. mit Grundschülern eine Fassung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ auf.

Theaterworkshop im Museum: Martin Luther der Theaterschule COBI
youtube Trailer Kunstsammlungen der Veste Coburg
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Im Frühjahr 2015 übernahm Nicole Strehl zusätzlich die künstlerische Leitung für „Theater ohne Grenzen“, ein integratives Großprojekt des Kultur- und Schulservices der Stadt und des Landkreises Coburg.

Die private Theaterschule ist Kooperationspartner der Veste Coburg, siehe Trailer oben, und des Naturkundemuseums Coburg sowie der Kantorei Evangelische-Lutherische Kirchengemeinde Coburg St.Moritz. Als mehrfacher Finalist von „Kinder zum Olymp“ ist die Theaterschule COBI zudem bundesweit Praxisbeispiel für vorbildliche Kooperationsprojekte zwischen Schule und Kultur.

„Es ist wunderbar zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln. Anfangs überwiegt die Schüchternheit, viele kommen noch nicht aus sich heraus, können eine Rolle noch nicht annehmen. Im Laufe der Zeit können sie sich dann richtig in eine Rolle hineinversetzten,“ erklärt Nicole Strehl gegenüber IOCO stolz und ergänzt: “Die Fortgeschrittenen können sich richtig in eine Rolle fallen lassen.“ Dazu braucht es natürlich viel Vertrauen in sich selbst, aber auch in die Arbeit von Strehl und ihrem Team, zu dem neben ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern auch Alexandra Kraft als Mitarbeiterin und „Mädchen für alles“ gehört. „Zudem helfen geeignete Personen aus meinem persönlichen Umfeld  oft mit“, verrät Strehl, „anders würden wir die umfangreiche Arbeit wohl gar nicht bewerkstelligen können.“ Dabei geht es um die ganzheitliche Theaterarbeit mit Schauspiel, Inspizienz, Technik, Kostüme und Maske sowie Dramaturgie. „Da steckt sehr viel Zeit und noch mehr Liebe drin, das muss man leben“, ergänzt Strehl und lacht: „Wir haben zu fünft auch schon mal über 15 Stunden die Wartburg als detailgetreues Modell für einen zehn Sekunden Auftritt in unserem Martin Luther Stück gebaut.“

Natürlich trifft auch die Corona-Krise die Theaterschule hart: viele Kurse und Auftritte konnten nicht stattfinden. Die Theaterschule COBI befindet sich zeitweise in einer Art Dornröschenschlaf, den sie mit Filmprojekten unter strengen Hygieneauflagen und Online-Kursen überbrückt. Dazu gehört auch das Projekt COltur (Coburgs Kulturszene im Netz). „Die wertvollen Filmerfahrungen, die wir in dieser Zeit gemacht haben, möchten wir auch zukünftig mitnehmen“, erklärt Nicole Strehl, die „ihr“ Theater vermisst und sich über die aktuelle Kultursituation sehr besorgt zeigt: „Fast 260`000 Unternehmen mit 1,2 Mio. Kernerwerbstätigen sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig und leisten einen wichtigen Beitrag zur deutschen Volkswirtschaft! Wir alle brauchen zum Überleben Unterstützung, ansonsten wird die Kulturlandschaft auseinanderfallen!“

Ihr Lieblingszitat hat Nicole Strehl von Max Reinhardt: „Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.“

„Und so wird die Theaterschule COBI hoffentlich noch lange für das Leben wie die Bühne bereichern“, hofft Nicole Strehl

—| IOCO Interview |—

München, Münchner Kammerspiele, Flüstern in stehenden Zügen – Live-Film, IOCO Kritk, 11.02.2021

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Flüstern in stehenden Zügen – Theater-Live-Film von Visar Morina

– Notrufe ins All –

von Hans-Günter Melchior

Kahlköpfe haben es gut. Denn die Friseure sind allenthalben im Gespräch, die sie, die Kahlköpfe, nicht brauchen.

Wenn nur die Friseure wieder öffnen könnten, heißt es landauf landab und manche nehmen eine Reise von 140 km in Kauf. nur der Haartracht wegen. Und dann kommen sie zurück und man sieht ohnehin nur die Haare, darunter die Maske im Seeräubergesicht und das wars wieder einmal. War ja auch Zeit. Als hätte die Welt allein oder vor allem auf diese Zu-richtung des Kopfes gewartet.

Verdammt – wo leben wir eigentlich? In welcher Scheinwelt der Scheinwichtigkeiten?
Und die armen Theater?!   Die Theater, die wir brauchen.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Da rennt eine einsamer Mann (Bekim Lahiti) in diesem Behelfsstück, das sich Theater-Live-Film nennt, Flüstern in stehenden Zügen in einem dürftig beleuchteten Bühnenraum, einem Zimmer, von einer Ecke in die andere, hakelt sich turnerisch an einer Art Deckenlampe (?) in die Höhe und redet und redet wie nur Einsame reden: unzusammenhängend, sich selbst mit gutturalen Lauten unterbrechend und man versteht: der Typ sucht Anschluss. Telefonisch. Hallo, hallo, ist da jemand? Ein Notruf in der Not. Der Theaternot. Und manchmal antwortet ihm eine stilisierte Puppe, die eigentlich eine Frau ist (Leoni Schulz), aus einer Plastikhülle heraus mit gestanzten Sprüchen.

Und so geht es immer weiter, der Mann ruft an und bittet um Antwort, und manchmal wird ein Passwort von irgendwoher von ihm verlangt. In einer gestanzten Welt mit gestanzten Wichtigkeiten braucht man Passwörter. Und Sicherheitscodes, die sich vor die persönliche Kontaktaufnahme stürzen, als gelte es, sie zu verhindern.

Und ganz am Ende, o Wunder, tritt die Frau als lebendige Person auf und redet ein wenig mit ihm –, aber das Stück schon zu Ende. Gerade hat der Mann noch Zeit zu fragen, ob man das bemerkt habe: in stehenden Zügen fangen die Leute auf einmal an, miteinander zu flüstern.

Da ist richtig beobachtet. Und richtig ist auch, dass der Mann die Not des Theaters in Corona-Zeiten verkörpert: den Wegfall der Kommunikation. Denn Theater ist ein lebendiger Organismus. Autor, Schauspieler und Zuschauer sind eine Einheit.. Die einen sagen etwas und die anderen nehmen es in sich auf, denken darüber nach und überdenken es und atmen schneller oder belästigt, dass der Darsteller sich bald bestätigt fühlt, bald abgelehnt und in einen stummen Dialog gezwungen wird.

Corona lässt das nicht zu. Und so ist der einsame Telefonierer in diesem Stück die Verkörperung des gegenwärtigen Notfalls. Und man leidet mit ihm, freilich nur ein wenig, weil man nicht bei ihm ist im Theater, sondern nur bei ihm im Live-Film, und deshalb leidet man so wenig, wie man beim Anschauen eines alten traurigen Films leidet. Denn Theater ist leibliche Gegenwart, man muss dabei sein, lachen oder das Gesicht verziehen können, immer ist Theater auch ein Versuch der Überredung, der sugges-tiven Beeinflussung.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Ach ja, die Zeiten sind nicht so. Der Soziologe Armin Nassehi, der an LMU in München lehrt, sagt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung: „Und die Belastung für viele Gruppen der Gesellschaft, Eltern, Kinder, psychisch Kranke, Hilfsbedürftige, ist dramatisch. Aber diese Diag-nose sagt ja nicht gleichzeitig, dass das Virus dadurch ungefährlicher ist.“

Das ist so richtig wie verhängnisvoll. Er hat die Theater vergessen. Sicher aber auch gemeint. Er vertritt ein „systemtheoretisches Gesellschaftsmodell“, wohl in Anspielung auf Niklas Luhmann, nach dessen Theorie jede gesellschaftliche Gruppe ein spezifisches, in sich geschlos-senes System darstellt und Gesellschaft erst durch die Interaktion zwi-schen den Systemen entsteht. Der junge und recht forsche Philosoph Markus Gabriel zeichnet in seinem Werk „Fiktionen“ nicht unähnlich eine Wirklichkeit, die lediglich aus sogenannten „Sinnfeldern“ besteht, die Welt an sich, das heißt als Ganzes, gibt es für ihn gar nicht.

Gerade sie aber will das Theater wiederherstellen. Den Kosmos der An-schauungen und Gefühle in der unmittelbaren Gegenwart der Zeugenschaft durch anwesende Zuschauer Die Welt als Ganzes, mag sie auch eine Fiktion sein. Weil wir gerade in dieser Welt leben. Ein wenig hat die ersatzweise gebotene Konfektionsware etwas von einer Speise, die vor sich hin verdirbt.

Dennoch: es ist der Versuch, den Kopf oben zu behalten. Im stehenden Zug ist das Flüstern ein Lebenszeichen. Immerhin.

—| IOCO Kritik Münchner Kammerspiele |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Willkommen – Komödie zur Wilkommenskultur, IOCO Kritik, 11.02.2021

Februar 10, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Willkommen – Spritzige Komödie zur selbstgefälligen Willkommenskultur

Theater-Film – Stress für die Gemeinschaft der Egoisten

von Hanns Butterhof

Die Premiere von Willkommen, der Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, fiel dem ersten Lockdown im März zum Opfer und verschwand rasch im zweiten, nachdem sie im Theater am Domhof nur unter merklich strengen Hygiene- und Abstandsbedingungen stattgefunden hatte. Jetzt ist die Hauptprobe der Komödie als Video on demand zu sehen. In der Regie von Elina Finkel kratzt die Komödie unterhaltsam den gutmenschlichen Lack von der Willkommenskultur und legt darunter Egoismus und Ausgrenzung bloß.

Willkommen – Theater Osnabrück
youtube Trailer Theater Osnabrück
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In dem WILLKOMMEN – Video gibt es statt der coronabedingt steifen Pressekonferenz–Aufreihung im live-Theater einen richtigen Bühnenraum für beziehungsreich lebendiges Spiel, wenn sich in ihrem Gemeinschaftsraum vor einer Kunst-Tapete mit beziehungsreich blauem Aquarium-Muster (Ausstattung: Vesna Hiltmann) eine bürgerliche Wohngemeinschaft zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen trifft. Bei reichlich Alkohol werden unter allgemeinem Wohlwollen auch anliegende Probleme besprochen. Dabei überrascht der smarte Dozent Benny (Andreas Möckel) mit der Nachricht, er werde für ein Jahr nach New York gehen und könnte sein Zimmer während dieser Zeit syrischen Flüchtlingen überlassen. Sein mit hohen Worten wie „Weltverantwortung“ und „umfassende Hilfe“ gespickter Vorschlag schreddert die schöne Harmonie in einer heftigen emotionalen Diskussion über die Haltung zu Fremden. Zusätzliche Reibung liefert der Anspruch der schwangeren Anna (Hannah Walther), Bennys Zimmer Hassan zu überlassen, dem türkischstämmigen Vater ihres Kindes.

Regisseurin Elina Finkel hat die Komödie als psychologisches Kammerspiel inszeniert. Lustvoll arbeitet sie in witzigen Szenen die Ich-Bezogenheit der sechs Charaktere und ihre verlogenen Beziehungen zueinander heraus. Benny ist ein intellektueller Schönredner, der hinten und vorne nicht hält, was er verspricht, und so wenig zu seinem Flüchtlings-Vorschlag steht wie zu seinen Liebschaften. Der biedere Bank-Betriebswirt Jonas (Stefan Haschke), den alle gern als Laufburschen benützen, will nur seine Ruhe und hält sich schön verdruckst möglichst aus allem heraus; wenn er erst fest angestellt ist, wird er sowieso in eine eigene Wohnung ziehen.

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN - die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN – die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Die trinkfreudige WG-Älteste Doro (Christina Dom) lehnt die Flüchtlingsidee rundweg ab. Mit ihrem ganzkörperlichen Einsatz und kompromissloser Aufrichtigkeit für ihr Wohlbefinden ruft sie die helle Empörung der Mitbewohner hervor, die ihr den Mund mit Sprühsahne stopfen. Hannah Walther als verwirrte Studentin Anna bietet mit ihrem verheulten Hin und Her, ob Kind oder Mann oder keines von beiden, wie als Verkörperung der in der Migranten-Frage zerrissenen Mehrheitsgesellschaft Klamotte pur. Und Sophie (Josefine Raschke), hinter deren Rücken sich alle über ihre künstlerischen Ambitionen als Fotografin lustig machen, verbirgt unter ihrem weltoffenen Eintreten für Flüchtlinge unsichere Selbstsuche und fehlenden Realitätsbezug. Sie leistet sich ihre Sensibilität noch auf Kosten ihres Vaters, der ihr als Eigentümer der Wohnung rasch am Telefon die Flausen austreibt.

Kindsvater Achmed (Oliver Meskendahl) erfreut mit lockeren Sprüchen jenseits der verdrucksten politischen Korrektheit der Wohngemeinschaft, deren uneingestandene Vorurteile er durch sein bloßes Auftreten hervorruft. Ohne dass es jemand offen ausspricht, passt er nicht in die Gruppe hinein, und die gründlich zerrüttete Wohngemeinschaft der Egoisten findet über die Ausgrenzung auch dieses Fremden zu ihrer falschen Harmonie zurück.

Willkommen spielt satirisch die Abstufungen der Willkommenskultur durch, von der substanzlosen Großsprecherei über gutmenschliches Engagement bis zur glatten Ablehnung. Elina Finkels spritzige Inszenierung wirbt angenehm unaufdringlich und nur indirekt für weniger Egoismus und mehr aufrichtiges Willkommen. Mit klarer Filmsprache, dynamischem Spiel des Ensembles und seiner präzisen, dem pointierten Text angemessenen Sprechweise bietet Willkommen als Video fünfundachtzig fesselnde Minuten Vor-Corona-Theater, in denen jeder Zuschauer etwas von sich finden kann.

Willkommen steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

München, Residenztheater, Niemand wartet auf Dich – Schauspiel Lot Vekemans, IOCO Kritik, 04.02.2021

Februar 3, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Vorwort von Intendant Andreas Beck

Vor 70 Jahren wurde das Residenztheater wiedereröffnet.Das war am 28. Januar 1951, begonnen hatte man mit den Bauarbeiten im Jahr 1948. Es ist fast schon eine Ironie des Schicksals, dass dieser Geburtstag mit einem anderen Jahrestag zusammenfällt: Vor einem Jahr gab es im Schwabinger Krankenhaus den ersten Patienten in Deutschland, der an COVID19 erkrankt war. Nun ist schon die zweite Schließung innerhalb eines Jahres unsere Realität.

Aber wie das nach Hause gelieferte Essen keinen Restaurantbesuch ersetzt, so warten wir auf bessere, glücklichere Tage. Oder wie wir in großen Lettern an unser Theater geschrieben haben: Wir vermissen Sie – denn was wären wir ohne Sie «Freund Publikum. All mein Empfinden Selbstgespräch, all meine Freude stumm». Goethe bringt es auf den Punkt.

Wir haben für Februar viele neue Online-Projekte (wie unten das von H-G Melchior beschriebene Live-Stream Schauspiel „Niemand wartet auf Dich“ Live-Stream für Sie erdacht und bieten noch mehr Publikumsgespräche. Klicken Sie durch, empfehlen Sie uns weiter und vor allem bleiben Sie uns gewogen. Wir freuen uns schon heute auf Sie in Ihrem Residenztheater.  Bleiben Sie gesund, alles Gute, Ihr Andreas Beck  

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Niemand wartet auf dich  –  Schauspiel von Lot Vekemans

Live-Stream im Resi Zoom  –  Regie: Daniela Kranz

 von Hans-Günter Melchior

Betrachtungen einer einsamen Frau

Juliane Köhler spielt drei Rollen und sie verwandelt sich vor aller Augen auf der Bühne. Sie ist die 85-jährige Gerda Ackermann, danach eine Politikerin, die ihren Rücktritt vom Parteivorsitz erklärt, schließlich sie selbst als Schauspielerin oder auch nur als Bürgerin, die sich so ihre Ge-danken über alles Mögliche macht.

Jedesmal verändert die Protagonistin auf der Bühne eigenhändig ihr Äußeres. Verwandelt sich mit kurzen Handgriffen, die vor allem der Haartracht gelten, in die andere Frau. Die alte, resignierte Dame schminkt sich zur smarten, langhaarigen Politikerin um und diese wird zur Schau-spielerin Juliane Köhler.

Es handelt sich im Grunde nicht um ein Theaterstück. Weder formal noch inhaltlich. Eine eigentliche Handlung gibt es nicht. Der 85-Jährigen geht es um die Verantwortung in der Welt. Sie unterscheidet die eigenen Angelegenheiten von denjenigen anderer und von den Angelegenheiten Gottes (was immer das auch sein mag). Sie empört sich über einen Ju-gendlichen, der eine Zigarettenschachtel auf die Straße wirft. Sie berichtet: als sie ihn zur Rede stellen wollte, postierte er sich vor ihr auf, ging gleichsam auf Tuchfühlung und erklärte, er diene der Arbeitsbeschaffung. Denn ohne Müll keine Müllabfuhr. Na dann… Ohne Verbrechen keine Polizei, keine Staatsanwälte und keine Richter. Ohne Krankheiten keine Ärzte. Und so weiter. Ohne Krieg keine Soldaten. So hat jedes Schlechte sein Gutes. Die alte Dame scheint irritiert zu sein. Jedenfalls widerspricht sie nicht ausdrücklich der schwierigen Welt, sondern wirkt ratlos.

Sie weiß nicht, was sie machen soll gegen die Umstände, die sich im Raum stoßen. Sie erzählt von ihrer unglücklichen ältesten Tochter und fragt sich, ob deren Unglück ihre Angelegenheit ist. Sie verneint das. Warum eigentlich? Sie könnte der Tochter doch helfen.

Niemand wartet auf dich – Residenztheater
youtube Trailer Esidenztheater München
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Und so weiter. Das Stück holpert über Pseudotiefsinn zu Allgemeinplätzen und manche Schlüsse sind nicht überzeugend. Schon die Trennung von persönlichen und allgemeinen Angelegenheiten ist falsch, weil die Trennlinien unscharf sind und das Persönliche oft ins Allgemei-ne/Öffentliche übergeht. Das ist sogar im Beruflichen nahezu regelmäßig so. Aber um derlei Unschärfen kümmert sich das Stückchen, das keines ist, wenig. Die Dame räsoniert über Gott und die Welt und lässt alles an seinem Platz stehen..

Die Politikerin schmeißt hin. Sie hat genug von dem Parteiengeklüngel, dem Taktieren und dem allenthalben zur Gewohnheit gewordenen Selbst-lob. Warum geben Politiker eigentlich Fehler erst zu, wenn sie nicht mehr politisch tätig sind?, fragt sie sich.

Fragen wir uns eigentlich selbst schon lange. Besonders jetzt in der Corona-Krise, in der wider besseres Wissen behauptet wird, alles „Menschenmögliche! getan zu haben“ (Merkel). Dass man Politiker mit dem Wahlzettel zum Teufel jagen kann, darauf kommt die enttäuschte Dame nicht.

Lieber zieht sie, die Schauspielerin, der Mensch, der keine Kunstfigur mehr ist, sich auf sich selbst zurück. Redet über Schlaflosigkeit und die Mühen des Alltags. Irgendwie so dahin.

Nein –, das alles ist nicht gerade eine Offenbarung. Es sind keine „Aphorismen zur Lebensweisheit“ (Schopenhauer), eher ziemlich populäre Ansichten und Betrachtungen, einfach mal so dahingeredet.

Dennoch ist es keine verlorene Stunde. Das liegt an Juliane Köhler. Eine wunderbare Schauspielerin. Sie wirkt so menschlich und authentisch, dass man sich wünscht, sie möge aus Bildschirm heraustreten und einen in den Arm nehmen. Man kann sich an ihrem bald nachdenklichen, bald grüblerischen, bald hilflosen Gesicht nicht sattsehen. Sie ist im Moment des Spielens das, was sie spielt. Das ist mehr als Glaubwürdigkeit. Es ist das Ereignis selbst.

So macht allein die Schauspielkunst aus dem harmlosen „Stückchen“ eben doch ein erhebendes Erlebnis.

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—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

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