München, Münchner Kammerspiele, Die Attentäterin – Yasmina Khadra, IOCO Kritik, 1.12.2018

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

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Münchner Kammerspiele

Die Attentäterin  –  Yasmina Khadra

– Wahrheiten statt Wahrheit –

Von Hans-Günter Melchior

Der im Iran geborene Regisseur Amir Reza Koohestani hat sich eines bemerkenswerten Buches angenommen und daraus ein Theaterstück gemacht: Die Attentäterin von Yasmina Khadra (Pseudonym des in Frankreich lebenden, in Algerien im Jahre 1955 geborenen Autors Mohammed Moulessehoul).

Man tut gut daran, vor dem Besuch des Stücks den Roman zu lesen. Man hat mehr von dem streckenweise leider allzu hastig und im akustisch schwer verständlichen Umgangstonfall heruntergesprochenen hochbrisanten Text, der letztlich deutlich hinter dem Roman zurückbleibt. Dabei geht es gleichsam um alles: um den Frieden – und man greift nicht zu hoch, wenn man sich für das Wort Weltfrieden entscheidet

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Amin Jaafari (Thomas Wodianka) ist Araber. Er besitzt die israelische Staatsangehörigkeit und arbeitet als erfolgreicher Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Er ist mit Sihem (Mahin Sadri), einer Palästinenserin, verheiratet. Die Ehe ist – jedenfalls aus der Sicht Amins – sehr glücklich, Amin liebt Sihem und diese, folgt man seiner Darstellung des Ehelebens, kann sich nicht genug tun, ihn auch ihrer Liebe zu versichern. Das Ehepaar lebt im Wohlstand, Amin erhielt Auszeichnungen für seine ärztlichen Leistungen, genießt stadtweit Anerkennung. Die Eheleute bewohnen ein eigenes Haus, sie bewegen sich in einem stadtbekannten Freundeskreis der oberen Schicht.

Zu dem Zeitpunkt, in dem das Stück spielt, ist Amin allein. Sihem ist vor drei Tagen verreist, angeblich will sie ihre Großmutter besuchen. Amin erwartet stündlich ihre Rückkehr, ruft zu Hause an. Sihem meldet sich nicht. Amin wird von seiner Freundin und Kollegin Kim (Maja Beckmann) beruhigt: die Verkehrsverhältnisse, Ferienbeginn und so weiter (In Wahrheit war Sihem, wie sich freilich erst später herausstellt, nicht bei der Großmutter).

In der Klinik trifft eine Alarmmeldung ein: in einem nahegelegenen Restaurant wurde ein Selbstmordattentat verübt: mindestens 11 Tote (später erhöht sich die Zahl auf 17), zahlreiche Verletzte, zum Teil schwer. Unter den Opfern sind mehrere Kinder, die sich zu einer Geburtstagsfeier im Restaurant befanden. Die noch lebenden Opfer werden in der Klinik eingeliefert. Amin operiert bis zur Erschöpfung, fährt in der Nacht, mit den Kräften am Ende, nach Hause. Sihem ist immer noch nicht zurück. Kaum hat er sich zum Schlafen niedergelegt, als ein Anruf aus der Klinik kommt: er müsse unbedingt sofort erscheinen, es sei sehr wichtig. In der Klinik wird ihm kaum mehr als ein fast unversehrter Kopf einer toten Frau zur Identifizierung vorgelegt. Es ist der Kopf seiner Ehefrau Sihem, der Körper ist völlig zerfetzt.

Die ersten Untersuchungen führen zu einem Ergebnis, das Amins Leben fundamental verändern wird, ihn gleichsam aus der Bahn wirft: dem Zustandsbild des Körpers nach muss es sich bei Sihem um die Attentäterin handeln, die einen Sprengstoffsatz gezündet hat. Amin steht am Anfang einer langen Reise, die dem Ziel dienen soll, die wahre Identität seiner Ehefrau zu erforschen…

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Das Stück beginnt in den Minuten, die der Attentatsmeldung vorausgehen. Amin führt an einem langen Tisch eine eher etwas läppische Diskussion mit seiner Kollegin Kim über die Länge der Penisse in verschiedenen Ethnien, wobei die Araber im Vorteil sein sollen. Über dem Tisch flimmer in Videoaufnahmen die übergroßen Köpfe der Protagonisten. Dann trifft die Attentatsmeldung ein. Amin zählt Sihem zunächst zu den unschuldigen Opfern des Attentats. Erst als ihm ein Brief Sehims, in dem diese sich zu dem Attentat bekennt, übergeben wird, fällt er aus seiner bisherigen Ordnung. Es beginnt die Odyssee, die zu der Sihem führen soll, die sie wirklich war.

Es ist zugleich die Konfrontation mit verschiedenen Wahrheiten und Lebenseinstellungen. Palästinensische Wahrheit gegen israelisch-westliche Wahrheit. Opfertod und pathetische Verklärung des Freiheitskampfes auf der einen Seite, Lebensglück, Lebensfeier, westliche Hedonie auf der anderen.

Zunächst aber wird Amin vom Kommissar Moshe (Samouil Stoyanow) inhaftiert, weil er dem palästinensischen Terrorismus zugerechnet wird. Sein jüdischer Freund und Polizeichef Naveed (Benjamin Radjaipur) erreicht seine Freilassung. Amin zieht vorübergehend zu Kim, weil seine Nachbarn die Fensterscheiben seines Hauses einwerfen und die Hauswände mit Zeitungsartikeln und Fotos der Attentäterin drapieren.

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Eindrucksvoll der lange Monolog von Kims jüdischem Großvater Yehuda (Walter Hess), dessen Vater ein reicher Arzt in Berlin war als Opfer der nazistischen Judenverfolgung ermordet wurde.

Amin sucht Verwandte in Bethlehem auf, reist nach Jerusalem, immer mit dem Ziel: Sihems wahre Identität zu erforschen, zu jenen arabischen Kreisen vorzudringen, die ihm Aufschluss über die Hintergründe von Sihems Tat verschaffen können. Schließlich fährt er auch nach Palästina, trifft seinen Neffen Adel (in einer Doppelrolle Benjamin Radjaipour; wie überhaupt außer Amin und Sihem jede Rolle doppelt besetzt ist, was offenbar der großen Verwandtenzahl geschuldet ist), der ihm die ganze Wahrheit offenbart: sein Haus in Tel Aviv war ein konspirativer Treffpunkt des palästinensischen Widerstands. Als Handwerker verkleidet kamen Palästinenser dorthin und trafen dort ohne Wissen Amins mit Sihem zusammen, von der sie heimlich finanziell unterstützt wurden.

Der lange Tisch. Er wird in jedem neuen Schauplatz geschwenkt, mal am Strand, mal dient er als Esstisch in der Familienrunde, mal steht er längs, mal quer. Mehr Requisiten gibt es nicht, braucht es auch nicht. Und immer wieder taucht Sihem (Mahin Sadri) in Videos über dem Geschehen oder als durch die Szene wandelndes Phantom auf. Über die Videos erklärt sie auf Farsi (Übersetzung in Übertiteln) ihren Standpunkt: sie hat sich entschlossen, ihr Leben in den Dienst einer höheren Sache zu stellen – der Gerechtigkeit und Freiheit, die jedes Opfer wert sind.

Während der Roman die verschiedenen Lebenshaltungen als unvereinbare Wahrheiten gegenüberstellt und sich konsequenterweise unentschieden verhält (weil eben Wahrheiten nicht austauschbar sind und es die eine Wahrheit nicht gibt), tendiert das Stück am Ende deutlich zum arabisch-palästinensischen Standpunkt. Amin, der Arzt, der sich als Lebenserhalter, ja Lebensretter versteht, wird er von den Verwandten geradezu niedergeredet. Die Israelis stehen als Landräuber da, die ein unterlegenes Volk mit Panzern und unschlagbaren Waffen (Steinschleuder gegen hochmoderne waffentechnische Ausrüstung) niederwalzen. Das verstimmt dann doch in seiner Einseitigkeit. Die politische Wirklichkeit ist viel komplexer.

Und die allzu hastig vorgetragenen Diskussionen ermüden. Als wolle man keine Gelegenheit zur Erwiderung zulassen. Es wird zum Schluss zuviel geredet und zu wenig Ambivalenz zugelassen. Der Regie fällt außer dem Austausch von Meinungen leider nicht mehr viel ein. So rettet sich der Abend zum Schluss doch etwas mühsam über die Runden. Ganz im Gegensatz zum Roman.

Aber es ist ein Abend, der danach unter den Besuchern zu heißen Diskussionen führt. Immerhin.

Die Attentäterin an den Münchner Kammerspielen; weitere Vorstellungen 22.12.2018

 

Hof, Theater Hof, Max und Moritz – Musikalische Lausbubengeschichte, 23.11.2018

Theater Hof

Theater Hof © Foto: Thomann

Theater Hof © Foto: Thomann

Max und Moritz  – Wilhelm Busch

– Vom Bilderbuch auf die Bühne –

Premiere Freitag, 23. November – 8.45 Uhr Vormittags

Es wird gestohlen, geneckt, gesungen und gesprungen, geprügelt und gebügelt – ein kunterbuntes Bühnenspektakel erwartet die Zuschauer beim diesjährigen Weihnachtsmärchen am Theater Hof. Die Streiche von Max und Moritz  haben ihren «Vater» Wilhelm Busch berühmt gemacht. Das Theater Hof bringt den Kinderbuchklassiker erstmals als kunterbuntes Tanztheater für Kinder und Erwachsene auf die Bühne. Die Musik stammt von dem bekannten Komponisten Gisbert Näther, der auch zur Premiere am Freitag, 23. November, um 8.45 Uhr  im Großen Haus erwartet wird. Die Musik, die er komponiert hat, charakterisiert die jeweiligen Figuren : eine temperamentvolle Witwe Bolte, ein schrulliger Meister Böck oder ein strenger Lehrer Hämpel.

Theater Hof / Max und Moritz - Carla Wieden Dobón (Max) und Lucas Correa (Moritz) © Theater Hof

Theater Hof / Max und Moritz – Carla Wieden Dobón (Max) und Lucas Correa (Moritz) © Theater Hof

In der originalgetreuen Inszenierung von Torsten Händler hat man das Gefühl, die Figuren würden direkt aus dem Bilderbuch von Wilhelm Busch steigen.  Die Zuschauer sind hautnah dabei, wenn die Lausbuben die Hühner der Witwe Bolte klauen, dem Onkel Fritz die Maikäfer ins Bett setzen oder dem Schneidermeister Böck die Brücke ansägen. Auf der Bühne im Großen Haus geht es also rund; begleitet wird das Ballett-Ensemble von einem Erzähler, der die Streiche von Max und Moritz kommentiert. Ein actionreiches und witziges Spektakel rund um zwei freche Kerle, das sich hervorragend als Ballett eignet. Choreograph und Tänzer haben das künstlerische Potenzial, das in dieser sympathischen Lausbubengeschichte steckt, dabei voll ausgeschöpft. Das Theater Hof bietet Vormittagsvorstellungen und am Nachmittag Familienvorstellungen mit anschließendem Weihnachtsbasteln an.

Max und Moritz. Eine musikalische Lausbubengeschichte nach Wilhelm Busch von Gisbert Näther, Choreographie: Torsten Händler, Bühne und Kostüm: Herbert Buckmiller, Erzähler: Thomas Hary

Karten gibt es unter der Telefonnummer 09281/7070-290 oder der E-Mail-Adresse kasse@theater-hof.de

VORMITTAGSVORSTELLUNGEN:
Freitag, 23.11.2018 – 08:45 Uhr (Premiere) und 10:45 Uhr, Hof, Großes Haus (Premiere)
Dienstag, 27.11.2018 – 08:45 Uhr und 10:45 Uhr, Hof, Großes Haus
Freitag, 30.11.2018 – 08:45 Uhr und 10:45 Uhr, Hof, Großes Haus
Mittwoch, 05.12.2018 – 08:30 Uhr und 10:30 Uhr, Selb, Rosenthal Theater
Donnerstag, 06.12.2018 – 10:00 Uhr, Selb, Rosental Theater
Dienstag, 18.12.2018 – 08:45 Uhr und 10:45 Uhr, Hof, Großes Haus
Mittwoch, 19.12.2018 – 08:45 Uhr und 10:45 Uhr, Hof, Großes Haus
Donnerstag, 20.12.2018 – 08:45 Uhr und 10:45 Uhr, Hof, Großes Haus
FAMILIENVORSTELLUNGEN mit anschließendem Weihnachtsbasteln:
Samstag, 01.12.2018 – 16:00 Uhr, Hof, Großes Haus
Sonntag, 09.12.2018 – 16:00 Uhr (2. Advent), Hof, Großes Haus
Mittwoch, 26.12.2018 – 16:00 Uhr (2. Weihnachtsfeiertag), Hof, Großes Haus

—| Pressemeldung Theater Hof |—

München, Residenztheater, Endspiel – Samuel Beckett, IOCO Kritik, 18.11.2018

November 19, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

ENDSPIEL  –  Samuel Beckett

„Irgend etwas geht seinen Gang“

 Von Hans-Günter Melchior

An diesem Stück kann man nur mehr oder weniger scheitern. Selbst Beckett, der sich jedem Ansinnen, sein Stück zu interpretieren, widersetzte, war mit der eigenen Regiearbeit am Berliner Schillertheater 1967 nicht ganz zufrieden. „Ich möchte, dass in diesem Stück viel gelacht wird. Es ist ein Spielstück“, sagte er.

Aber womit wird gespielt? Diese Frage muss, wenn nicht gelöst, so jedenfalls angegangen werden. Auch die Aufführung am Residenztheater lässt Fragen offen. Sie ist, lässt man das Wort überhaupt zu, zumindest ehrenvoll gescheitert.

Wurde das Endzeit-Atmosphärische getroffen? Kam das Grauenvoll-Gähnende der im Nichts gestrandeten Gegenwartsexistenz und des in der Leere angekommenen Subjekts adäquat zum Ausdruck?   Nicht ganz. Die Aufführung kam nicht in der Angst an, die im Clownesk-Absurden herumirrt und nach einem Halt sucht.

Die Geschichte ist so einfach wie kompliziert: der erblindete Hamm (patriarchalisch-nörgelnd, autoritär und raumfüllend: Oliver Nägele) sitzt auf einer hell erleuchteten Bühne, die eine Art Dach wie eine Abzugshaube abschließt, im Rollstuhl. Er wird von Clov (brillant, lebhaft verwirrt herumgeisternd Franz Pätzold), der sein Sohn sein könnte (oder ist?), bedient. Clov humpelt, ist gehbehindert, kann aber immerhin laufen. Er ist Hamms Diener, vielleicht auch so etwas wie sein Sklave, auf jeden Fall von Hamm abhängig, da nur dieser den „Speiseschrank“ öffnen kann. Clov müsste ohne Hamm verhungern. Und Hamm bekäme ohne Clov nicht seine Medikamente.

Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett -  hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov), Ulrike Willenbacher (Nell), Manfred Zapatka (Nagg) © Thomas Aurin

Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett – hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov), Ulrike Willenbacher (Nell), Manfred Zapatka (Nagg) © Thomas Aurin

Schneeartiges rieselt über die Bühne – vernebelt sie kurz. Der Hintergrund ist schwarz. Die beiden, Hamm und Clov, unterhalten sich über Gott und die Welt. Philosophieren. Vor allem über das Ende.  Clov: „Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende. (Pause). Ein Körnchen kommt zum anderen…“ usw. Dann bricht das Gespräch ab. Clov: „Ich gehe in die Küche…“  Eine bald offene, bald versteckte Aggression beherrscht das Verhältnis der beiden. Manchmal kommt so etwas wie Reue in Hamm hoch: „Ich habe dich zuviel leiden lassen. Pause. Nicht wahr?Clov:Das ist es nicht.“

Leere und Hoffnungslosigkeit. Hamm erzählt den abgedroschenen Witz vom Schneider, der es über Monate nicht fertigbringt, eine Hose zu nähen. Der Kunde, „ein Engländer“, hält ihm vor, Gott habe in nur sechs Tagen die Welt, die W e l t ! erschaffen. Und er, der Schneider, brauche für diese lächerliche Hose Monate?! Darauf der Schneider selbstgefällig: „Aber Milord! Milord! Sehen Sie sich mal die Welt an… und sehen Sie da meine H o s e !“

Anekdotisches, Erzählungen durchziehen die bleierne Handlungsarmut wie Kondensstreifen. So geht es dahin, Hochproblematisches ins Geplänkel gestreut, plötzlich der harte Kern.  Clov schaut mit einem Fernglas nach draußen. Hamm fragt ihn, was er sieht. Clov:Nichts“. Er sieht „nichts mehr“. Nichts am Horizont. Wogen aus Blei. Er weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist. Es ist draußen „Hellschwarz, allüberall.“ Jeden Tag die selbe Komödie, der alte Schlendrian. Und dennoch: „Irgend etwas geht seinen Gang.“

Der träge Gang des Weltgeschehens. Darüberhinaus nichts. Oder irgendwas. Jedenfalls ohne Belang. Hamm: „Ich bin nie dagewesen.“ Clov: „Du hast Schwein gehabt.“ …Hamm: “Weißt du was geschehen ist?“… Clov: „Das ist doch ganz wurscht.“  Sie reden über den Tod. Hamm: „Du stinkst jetzt schon. Das ganze Haus stinkt nach Kadaver.“ Clov: „Die ganze Welt.“

Und ständig Clovs Drohung: „Ich werde dich verlassen.“ „Ich verlasse dich.“ Wie ein Rondo-Thema. Oder fugierend, die Endzeitthemen überschneiden sich, Banales, das Nächstliegende und Alltägliche mischt sich mit dem Philosophischen, das einem gegen den Kopf prallt wie ein geworfener Stein.

Was gespielt wird, spielt sich ab.   Das Spiel ist die Wirklichkeit.

Aus Mülleimern, in der Inszenierung von Anne Lenk aus der Versenkung, gleichsam aus dem Bühnenboden herauswachsend, tauchen die Eheleute Nagg (Manfred Zapatka, grell komödiantisch) und Nell (Ulrike Willenbacher, was für eine großartige Schauspielerin, milde, ergreifend ihre Fürsorge für Nagg) auf, Hamms Eltern, beide nach einem Unfall verkrüppelt, ohne Beine. Nagg verlangt zeternd nach „seinem Brei“. Hamm erklärt kategorisch: es gibt keinen Brei. Er hat nur einen Zwieback.

Zwiegespräche zwischen Nagg und Nell, hilflose, nicht zuletzt körperlich behinderte Liebesversuche. Das ist traurige Komik. So geht es weiter zum Ende hin. Hamm: „Das Ende ist im Anfang, und doch macht man weiter.“     Ist das nicht eigene Erfahrung? Immer wieder immer noch kündigt Clov an, Hamm verlassen zu wollen, ohne ihn zu verlassen. Am Ende steht er reisefertig angezogen auf der Bühne. Da ist das Stück jedoch aus.

Die Inszenierung hat große Augenblicke. So zum Beispiel, wenn Hamm vom Kindischen, dem Spiel mit einem dreibeinigen Stoffhund, ins Philosophische wechselt und vor allem, wenn Clov halb nackt umherwuselt und die Armseligkeit seiner und Hamms Existenzen versinnbildlicht.

Auch der Versuchung, das Stück in nichts als der Clownerie verschleifen zu lassen, hat die Regisseurin widerstanden. Freilich liegt gerade darin aber auch eine Schwäche, richtig ist: bloße Clownerie ist albern und verschenkt den Sinn an den äußerlichen Effekt. Clownerie aber, die den Sinn von Sein (Heidegger) aufgreift und ins Leere laufen lässt, erzeugt jenes Grauen, das von der Ausweglosigkeit kommt. Von dieser Art Clownerie sah man zu wenig.

Und: nicht ganz einsichtig ist, warum Anne Lenk die ohnehin im Stück angelegte szenische Kargheit noch einmal ausdünnte. Warum nur wird die eindrucksvolle Szene, in der Clov auf eine Leiter steigt und mit einem Fernglas verrenkt und umständlich die Welt oder das Nichts der Außenwelt beobachtet, an die Pantomime verschenkt? So dass sie fast in Vergessenheit gerät?

 Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett - hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov) © Thomas Aurin

Residenztheater München / ENDSPIEL von Samuel Beckett – hier : Oliver Nägele (Hamm), Franz Pätzold (Clov) © Thomas Aurin

Der größte Einwand muss allerdings gegen die Vernachlässigung der Pausen vorgebracht werden. Es gibt sie zwar, doch nicht ausreichend und nicht ausreichend lange. Man muss die Pausen in diesem Stück aushalten, sie dehnen und bis an die Schmerzgrenze ertragen. Beckett hat den Text mit Pausen geradezu überschwemmt. Nicht ohne Grund. Erst durch die bewusst langen Pausen entsteht die beklemmende Ratlosigkeit, das Fahle des Nichts einer ans Ende gekommenen Welt.

Das laute Schweigen Becketts.

Zugegeben: im Grunde ist der Stoff kaum weder abschließend zu deuten noch vollkommen im Gemeinten aufgehend zu inszenieren. Es geht um das Subjekt, seine Weglosigkeit, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Unfähigkeit, einen Sinn zu finden. Um die erdrückende Größe des Nichts. Der Mensch ist nunmal in der Welt, eben da und nicht woanders –, und die Welt ist, wie sie ist. Basta.

Das Individuum will in der Wahrheit leben und verfehlt sich dennoch selbst, verzweifelt sucht es sich in sich selbst Rat und findet nichts als die Leere. Das Endspiel spielt die Endzeit durch.  Letztlich ist also jeder Ansatz verfehlt, umsonst. Die sogenannte Subjektphilosophie, der Traum vom Subjekt, das sich die Welt untertan zu machen vermag, ist nicht mehr glaubwürdig. Vernunft kehrt sich gegen sich selbst, durchstößt das Loch der Ratio und verflüchtigt sich im Nichts..

Und selbst das Heilsversprechen der Kunst erweist sich am Ende als Illusion. Wo der Mensch sich selbst und der Welt fremd geworden ist, ist alles nur noch, wie es eben ist und nichts weiter, bloßer Schein – „irgend etwas geht seinen Gang“, das ist schon alles. Leerlauf als reine Bewegung.

Adorno hat seine große und äußerst tiefe Interpretation des Endspiels bescheiden „Versuch“ genannt (Theodor W. Adorno: Versuch, das Endspiel zu verstehen, Suhrkamp Taschenbuch S. 167 ff): „Die Position des absoluten Subjekts, einmal aufgeknackt als Erscheinung eines übergreifenden und sie überhaupt erst zeitigenden Ganzen, ist nicht zu halten: der Expressionismus veraltet. Aber der Übergang in die verpflichtende Allgemeinheit gegenständlicher Realität, die dem Schein der Individuation Einhalt geböte, ist der Kunst verwehrt. Denn anders als die diskursive Erkenntnis des Wirklichen, von der sie nicht generell, sondern kategorisch getrennt ist, gilt in ihr nur das, was in den Stand von Subjektivität eingebracht, was dieser kommensurabel ist. Versöhnung, ihre Idee, vermag sie zu konzipieren einzig als die zwischen dem Entfremdeten.  Fingierte sie den Stand der Versöhnung, indem sie zur bloßen Dingwelt überlief, so negierte sie sich selbst.“

In der Tat. Quod erat demonstrandum. Immerhin. Das ist schon viel.

Ein schwieriger Abend. Der Beifall klang nach Selbstbefreiung, das Lachen verkrampft.

ENDSPIEL am Residenztheater München; die weiteren Vorstellungen am 23.11.; 29.11.; 1.12.; 6.12.; 12.12.2018

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Meiningen, Meininger Staatstheater, Weihnachtsmärchen – DIE SCHNEEKÖNIGIN, 18.11.2018

Meininger Staatstheater 

Meininger Staatstheater  © Marie Liebig

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

  Weihnachtsmärchen

DIE SCHNEEKÖNIGIN – Hans Christian Andersen

Premiere. Ab Sonntag, 18.11. bis 26.12.2018 im Großen Haus

Meininger Staatstheater / Die Schneekönigin - : Evelyn Fuchs, Matthias Herold © Marie Liebig

Meininger Staatstheater / Die Schneekönigin – : Evelyn Fuchs, Matthias Herold © Marie Liebig

Vertraut doch eurem Herzen!

Hans Christian Andersens berühmtes Märchen aus dem Jahr 1844 über die zwei Kinder Kai und Gerda, die sich innig lieben und alles füreinander riskieren würden kommt in einer Fassung von Lars Wernecke auf die Meininger Bühne.

Der Kuss der Schneekönigin ist eiskalt und lässt Kais Herz gefrieren. Aber er ist nicht nur frostig, sondern auch verführerisch, wie ein Versprechen auf eine neue Welt. Kai darf nun keine Zeit verlieren: Er will der wundersamen Schneekönigin mit den eiskalten Lippen folgen, um ihr Reich in weiter Ferne kennenzulernen. Ganz im Bann der faszinierenden Königin, vergisst er die Großmutter und seine beste Freundin Gerda.
Gerda ahnt sofort, dass Kais Verschwinden mit dieser merkwürdigen Frau zusammenhängen muss. Seit seiner ersten Begegnung mit der Schneekönigin war Kai wie verwandelt, fand auf einmal alles nur noch langweilig, hässlich und klein. Kai muss ins Reich der Schneekönigin gelockt worden sein, in einen prunkvollen Palast aus Eis und Schnee mit vielen Hunderten von Dienern. Bliebe er dort im ewigen Eis und Schnee, wäre dies sein Ende. So begibt sich Gerda auf die Reise. Sie muss Kai zurückholen – koste es, was es wolle. Auf dem langen Weg ins Reich der Schneekönigin begegnen ihr viele sonderbare Kreaturen.

Meininger Staatstheater  © Marie Liebig

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

Lars Wernecke war jahrelang Oberspielleiter am Meininger Staatstheater. Es entstanden zahlreiche Erfolgsinszenierungen wie das Kult-Musical The Rocky Horror Show, das 2014 zur „Inszenierung des Jahres” gekürte Schauspiel Rose Bernd, die turbulente Komödie Der nackte Wahnsinn oder Humperdincks Oper Hänsel und Gretel. Ab Sommer 2019 ist Lars Wernecke Intendant der Frankenfestspiele Röttingen.

Im Anschluss gibt es eine kleine Premierenfeier, bei nicht nur die kleinen Gäste voll auf ihre Kosten kommen!

Es wird im Foyer eine Autogrammstunde mit den Darstellern, Kinderschminken und eine Überraschung auf der Großen Bühne geben.

—| Pressemeldung Meininger Staatstheater |—

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