Münster, Theater Münster, Amphitryon – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 15.05.2018

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Amphitryon  von  Heinrich von Kleist

– Götter der Klamotte –

Von Hanns Butterhof

Am Kleinen Haus des Theaters Münster hat Caroline Stolz Heinrich von Kleists Lustspiel Amphitryon als lustiges Spiel inszeniert. Der Slapstick-Stil alter Schwarzweiß-Stummfilme macht diesen extrem ausgedünnten Amphitryon mit Göttern der Klamotte recht kurzweilig.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Die sonst leere Bühne des Kleinen Hauses beherrscht eine überdimensionierte Drehtür, edel in Holz gehalten wie für ein Nobelhotel (Bühne und Kostüme: Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert). Sie ist der Eingang zum Palast des Amphitryon, des Fürsten von Theben, der wegen einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Athen seit Monaten von Theben abwesend sowie von Tisch und Bett seiner jungen Frau Alkmene getrennt ist.

Amphitryon – Caroline Stolz vergagt Kleists Lustspiel

Das Stücks beginnt unmittelbar als Verwirrspiel, als Amphitryons Diener Sosias (Garry Fischmann) an die Drehtüre kommt, um Alkmene mitzuteilen, dass ihr Gatte sie nach siegreicher Schlacht anderntags besuchen werde: Sosias selber in vierfacher Ausführung (Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Christoph Rinke und Bálint Tóth) stellt sich ihm in den Weg, gekleidet wie er in zu kurze Hosen, bräunlich kariertes Sakko und schwarzer Melone auf dem Kopf. Die Hiebe, durch die sie ihn nötigen, anzuerkennen, dass sie und nicht er Sosias sind, sind göttlich choreographiert. Sosias wird durch ein einfaches Fingerschnippen der Vierfachen, begleitet von Comic-Geräuschen wie Zoing! oder Zack! vom Band, durch die Luft geschleudert. Der Witz der gleichförmigen Bewegungen der Viererbande, in die sich der Gott Merkur verwandelt hat, ihr Spiegeln dessen, was Sosias an Bewegungen ausführt, wirkt viel schneller, als der Wortwitz Kleists, der einen langen Atem und deutliche Artikulation benötigt.

Als einer der vier Sosiasse stellt sich dann der Göttervater Jupiter (Christoph Rinke) heraus, der sich eigentlich in Amphitryons Palast befinden müsste, wo er in dessen Gestalt Alkmene (Claudia Hübschmann) verführt; warum das noch immer die Gestalt des Sosias ist, bleibt eines der Rätsel der Regie. Aber Rinke macht das recht lustig in der sich boulevardesk munter drehenden Türe.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Die Verwirrung des Sosias wiederholt sich verschärft, als Amphitryon (Jonas Riemer) anderntags tatsächlich nach Hause kommt, dort aber auf den ihm zum Verwechseln ähnlichen Jupiter (Christoph Rinke) trifft, der ihm sein Amphitryon-Sein bestreitet. Als Alkmene entscheiden soll, wer von beiden ihr Gatte ist, kommt erstmals etwas von Kleists Tiefsinn zum Tragen, sprechen Jonas Riemer und Christoph Rinke dessen Jamben angemessen deutlich. Doch Alkmene, die auch in dem Gott nur ihren Gatten geliebt hat, von Claudia Hübschmann aber mehr als laszives Objekt göttlicher und menschlicher Begierde gegeben wird, weiß nicht mehr, wer nun wer ist. Zu den zwischen Jupiter und Amphitryon verhandelten theologischen Spitzfindigkeiten, die alle Unklarheiten beseitigen sollten, entweicht ihr nur ein finales Ach!

Das könnte auch der gesamten vergagten Inszenierung gelten, mit der es Caroline Stolz mehr gelingt, Verwirrung in den Zuschauern zu erzeugen, als an deren eigene Identitäts-Erfahrungen im Sinne von Wer bin ich und wie viele? zu rühren. Aber das Publikum hat viel gelacht und nach eineinviertel kurzweiligen Stunden dem hinreißend spielenden Ensemble herzlichen Beifall gespendet.

Amphitryon am Theater Münster: Die nächsten Termine: 24.5., 1., 14. und 15.6 um 19.30 Uhr, 24.6. 2018 um 19.00 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

 

Retz – Niederösterreich, Der Hexer im Erlebniskeller Retz, IOCO Kritik, 12.05.2018

Mai 12, 2018  
Veröffentlicht unter IOCO Aktuell, Schauspiel

Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Erlebniskeller Retz

 Erlebniskeller Retz  in  Niederösterreich

Der Hexer  –  Edgar Wallace

Von Marcus Haimerl

Eine Besonderheit der niederösterreichischen Weinstadt Retz ist der Retzer Erlebniskeller, ein Jahrhunderte altes Bauwerk aus Röhren, Nischen und Stollen. Mit einer Gesamtlänge von 20 km wesentlich dichter und weiter ausgebaut als das oberirdische Straßenverkehrsnetz. Diese Keller sind bis zu 20 Meter tief in reinen Meeressand gegraben und bis zu dreigeschossig angelegt.

Die Stadt Retz wurde Ende des 13. Jhdt. am Kreuzungspunkt zweier mittelalterlicher Handelswege, im Norden Niederösterreichs, drei Kilometer von der Grenze zu Tschechien (Mähren) entfernt, gegründet. Die Stadt wurde 1425 durch Hussiten (Taboriten) eingeäschert. Überbrachte Berichte sagen, daß die Hussiten die südliche Stadtmauer untergruben und so die Stadt eroberten. Das sagt auch, daß damals schon ausgedehnte Kelleranlagen unter der Stadt waren, die bis in die Nähe der Stadtbefestigung reichten. Es muß somit damals auch schon einen weitreichenden Weinhandel gegeben haben.

Seit 2013 dient der Erlebniskeller Retz aber auch als Spielort für Theaterstücke, unter anderem für Der Name der Rose, Jack the Ripper und Führerbunker.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner © Matthias Karasek

Der Hexer von Edgar Wallace, die erste Produktion des Theaterkollektiv handikapped unicorns im Erlebniskeller Retz, schlägt eine neue, humorvolle Richtung ein. Bekannter noch als die Romane des britischen Schriftstellers sind im deutschsprachigen Raum wohl die in Deutschland produzierten Verfilmungen der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Stile dieser Filme begibt sich der Zuschauer in diesem Kellerlabyrinth auf die Straßen Londons der 60er Jahre und wird von den Schauspielern von einem Schauplatz zum nächsten geführt. Der Hexer, ein Meister der Verkleidung, kehrt nach London zurück, um Rache am zwielichtigen Rechtsanwalt Maurice Messer zu nehmen, jenem Mann, dem er seine Schwester anvertraut hatte, die jüngst tot in der Themse gefunden wurde. Inspektor Wembury wird mit der Suche nach dem Hexer betraut und Mary Lenley befindet sich als Sekretärin des Rechtsanwalts mitten in der Gefahrenzone. Bald schon stellt sich der Zuschauer die Frage, wer der Hexer denn nun ist. Der undurchsichtige Hauptkriminalkommissar Bliss oder der allzu freundliche Polizeiarzt Dr. Lomond?  Welche Rollen spielen Cora Ann Milton, die Ehefrau des Hexers oder Marys Bruder Johnny Lenley? Fragen, die erst beim großen Showdown beantwortet werden.

Mit leicht psychedelischen Wandverkleidungen, Straßenlaternen und einigen wenigen Requisiten wird der Besucher in das London der 60er Jahre versetzt. Musik dieser Periode (u.a. „Paint it black“ der Rolling Stones, „As tears go by“ von Marianne Faithfull und „This boots are made for walking“ von Nancy Sinatra) oder beispielsweise die Geräusche einer fahrenden U-Bahn, welche das Publikum am Londoner Embankment – authentische Beschilderung inklusive – für die weitere Reise benutzt, machen diese Krimikomödie zu einem ganz speziellen Erlebnis. Mit dieser unglaublichen Detailverliebtheit sorgt das Produktionsteam (Bühnenbild: Kristof und Florian Kepler, Technik: Martin Kerschbaum, Patrick Wildhofner-Schmidt) für eine unglaubliche Stimmung.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger  und Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger und Ursula Leitner © Matthias Karasek

Die Regisseure Ursula Leitner und Nikolaus Stich beweisen, dass man auch auf engstem Raum spannendes und überzeugendes Theater zur Aufführung bringen kann, müssen doch die Akteure sich auch immer wieder durch das Publikum kämpfen um auf verschlungenen Gängen an anderen Handlungsorten wieder auftauchen zu können. Neben der hervorragenden Personenführung zeichnen sich die beiden für die vorliegende Fassung verantwortlich und überzeugen außerdem auch als Darsteller. Ursula Leitner überzeugt als an der Schreibmaschine etwas unbeholfene Sekretärin Mary Lenley und überrascht durch raschen Kostümwechsel. Hervorragend aber auch das restliche Ensemble: Großartig Leopold Selinger als Maurice Messer und J-D Schwarzmann als Dr. Lomond. Claudia Marold als respekteinflößende Cora Ann Milton, Régis Mainka (Inspektor Wembury), Johannes Sautner (Johnny Lenley), Max Kolodej (Inspektor Bliss), Matti Melchinger (Sir John) und Daniel Ghidel (Sam Hackitt) komplettieren das mit Leidenschaft und hoher Professionalität agierende Ensemble.

Die spannende Krimikomödie erfreut sich nicht nur bei den Einheimischen größter Beliebtheit und die Leistung aller Darsteller wurde vom Publikum verdient bejubelt.

Der Hexer im Erlebniskeller Retz: Weitere Aufführungen 11., 12., 13., 17.-.21. und 24.-27. Mai 2018 im Erlebniskeller Retz.

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Rudolstadt, Theater Rudolstadt, Premiere Iphigenie auf Tauris, 12.05.2018

April 27, 2018  
Veröffentlicht unter Premieren, Pressemeldung, Schauspiel, Theater Rudolstadt

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Theater Rudolstadt

Theater Rudolstadt / Iphigenie auf Tauris © Lisa Sterna

Theater Rudolstadt / Iphigenie auf Tauris © Lisa Sterna

Iphigenie auf Tauris
Premiere am 12. Mai 2018, Theater im Stadthaus

Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Maya Fanke
Bühne und Kostüme: Isabel Graf
Dramaturgie: Johannes Frohnsdorf
Musik: Jürgen Heimüller

Es spielen: Marie Luise Stahl (Iphigenie) / Matthias Winde (Thoas) / Oliver Baesler (Orest) / Benjamin Petschke (Pylades) / Ute Schmidt (Arkas)

Kämpferin wider Willen

Goethes „Iphigenie auf Tauris“ feiert am Theater Rudolstadt Premiere

Rudolstadt/Saalfeld. Eine junge Frau kämpft gegen sinnloses Blutvergießen einer Gesellschaft, in der Fremde zum Tode verurteilt sind. Überzeugt von ihren eigenen moralischen Werten, bietet sie dem Herrscher die Stirn und setzt dabei nicht zuletzt ihr eigenes Leben aufs Spiel. „Iphigenie auf Tauris“, ein Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe über Mitmenschlichkeit, Verantwortung und Toleranz, ist aktueller denn je. Es feiert am Samstag, dem 12. Mai, um 19.30 Uhr am Theater Rudolstadt in der Regie von Maya Fanke Premiere.

Dem griechischen Mythos nach ist Iphigenie selbst Kind einer fluchbeladenen Familie und dem Opfertod nur knapp entkommen. Als Priesterin auf Tauris hat sie König Thoas dazu gebracht, den barbarischen Opferkult auszusetzen, bei dem jeder Fremde, der auf der Insel strandet, getötet wird. Doch als sie seinen Heiratswunsch zurückweist, demonstriert er seine Macht. Das Blut der beiden Neuankömmlinge soll fließen – einer ist ausgerechnet ihr Bruder Orest, der andere dessen Freund. Innerlich zerrissen, entscheidet sich Iphigenie, für ihre Überzeugungen in aller Konsequenz einzustehen und wirft ihr eigenes Leben in die Waagschale …

Der männlichen Gewalt setzt Goethe in schönstem Versmaß die kraftvollen Worte seiner Protagonistin entgehen, die er selbst als „verteufelt human“ beschrieb. Sie sind Iphigenies einzige Waffe. Regisseurin Maya Fanke, in Rudolstadt u. a. bekannt durch die Inszenierung von „Staatsfeind Kohlhaas“, lässt ihre Darsteller in gläsernen Räumen spielen (Ausstattung: Isabel Graf), die auf Überbleibseln der Zivilisation gebaut wurden. Zu erleben sind Marie Luise Stahl als Iphigenie sowie in weiteren Rollen Ute Schmidt, Oliver Baesler, Benjamin Petschke und Matthias Winde. Ihnen zur Seite steht als Musiker Jürgen Heimüller mit atmosphärischen Sounds und Kompositionen.

Restkarten für Premiere am 12. Mai, um 19.30 Uhr im Theater im Stadthaus sind noch an den üblichen Vorverkaufsstellen sowie telefonisch unter 03672/422766 erhältlich. Die nächsten Aufführungen finden am 18. Mai, um 19.30 Uhr sowie am 3. Juni, um 15 Uhr statt.

Pressemeldung Theater Rudolstadt

München, Residenztheater, Junk – Schauspiel Ayad Akhtar, IOCO Kritik, 27.04.2018

April 27, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Junk  – Schauspiel von Ayad Akhtar

Die Geldreligion

Von Hans-Günter Melchior

Da wuseln und wimmeln sie im Höchsttempo aus einem meist dunklen Hintergrund und einem aus Stahlverstrebungen, Längs- und Querkonstruktionen wie symbolische Verwirrungen bestehenden Raum, ein aufgebrochenes Schwein hängt von der Decke, die Bühne dreht sich, Wörter fliegen vorbei. Die geschlachtete und ausgeweidete Kreatur (die Opfer der Börse?, des Systems?), quiekt und schreit in der Gestalt von ihrer Gier ausgelieferten Maklern und Managern und Spekulanten, du meine Güte, wer will hier wen betören oder überreden? Wow, möchte man neudeutsch ausrufen, wenn ich da nur irgendwie hinterherkomme, hinter all den Gedankenkonstrukten und Einfällen.

Was läuft hier, was läuft sich hier selbst davon, fragt man sich. Die Handelnden reden und stolpern fast über die eigenen Worte und Gedanken, gestikulieren und argumentieren, verhaspeln sich wie unter Drogeneinfluss und wissen kaum wohin mit der Profitsucht. Selbst ein Gericht brauchte da mehr als zwei Stunden.

Gott ist tot, es lebe der neue Gott, das Geld, das große Geld, das hier auch noch bewusst in Widersprüche verwickelt wird – vom Autor, der Regisseurin, den konstruierten Umständen – und gar nicht mehr herausfinden will aus dem Urwald von Spitzfindigkeiten.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Aber von vorne: Robert Merkin (Till Firit), Jude mit Identitätsproblemen, eine Figur, die an den König der sogenannten Junk-Bonds Michael Milken erinnert, betreibt das zweifelhafte Geschäft der feindlichen Übernahmen (ein Geschäft übrigens, das völlig „legal“ im deutschen Wirtschaftsleben Karriere machte: UniCredit/ HypoVereinsbank, Vadofone/ Mannesmann u.v.a.) Er bietet im Verein mit hektischen Investoren – nicht anders als weiland Michael Milken, der daraus ein System entwickelte und sagenhaft reich wurde – den Aktionären seines Widersachers Thomas Everson Jr. (Oliver Nägele), Firmeneigner mit Familientradition, Traumkurse auf die Aktien und Anleihen an, um sie auf seine Seite zu ziehen. Hat er auf diese Weise die Firma an sich gerissen und ist hochverschuldet, kümmert ihn das wenig, denn Schulden sind gut, weil die Schuldner von den Gläubigern gehätschelt werden, um irgendwann doch noch zahlen zu können. Die Firma wird, ebenso irgendwann, nach bewährtem Rezept verscherbelt, zur Kreditschöpfung verwendet, demontiert, was auch immer. Jedenfalls rentiert es sich am Ende, man braucht nur einen langen Atem, 50 Jahre etwa, irgendwann ermüden selbst die gläubigsten Gläubiger. Flankiert wird die Heuschrecke im Stück von seiner rührigen Frau Any Merkin (Katrin Röver), die noch weniger Skrupel als er hat. Trump hat das angeblich so gemacht und macht es noch immer, und er ist dabei reich und mächtig geworden. Ein bißchen Lieschen Müller, vielleicht Dr. Lieschen Müller ist dabei anwesend, sie flüstert den Zuschauern Märchen ins ungläubige Ohr.

Der Firmeneigner jedoch, ein Konservativer, der an die Verantwortung der Eigentümer und deren Initiative glaubt, bleibt verzweifelt zurück: auf dem Müllhaufen der ökonomischen Vernunft, die sich als neue Religion etabliert hat. Er erschießt sich, von allen guten Geistern der alten ausbeuterischen, kapitalistischen Ordnung verlassen. Mitleid muss man mit ihm nicht haben. Hat er doch seinen Reibach gemacht.

Residenztheater München / Junk  - hier:  vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Wie das alles aber ganz genau vor sich geht? So differenziert aufgedröselt, dass man die Methoden etwa zur Grundlage eines Strafprozesses machen könnte? Oder auch nur einigermaßen mit juristischer Akribie verstehen, nachvollziehen könnte? So, dass ein Staatsanwalt einen Akt mit der Überschrift Betrug anlegt?

Ach was. Darum schert sich dieses Stück wenig. Es wird eine beträchtliche Menge an Personal aufgeboten (unter ihnen solche Könner wie Manfred Zapatka als Leo Tresler, als vorteilsanfälliger Finanzfachmann, Philipp Dechamps als Kevin Walsh u.a.), die vom feindlichen Übernehmer angeworbenen oder vom Profit angelockten Investoren und Spekulanten treten in hektischen Diskussionen auf, sie gieren nach Anleihen wie am Verhungern.

Es wird viel geredet in Akhtars und Tina Laniks Stück, furchtbar schnell, die Stimmen überschlagen sich, dass man als Zuhörer und Zuschauer kaum mitkommt vor lauter Geschwurbel und findiger Argumentation. Listen und Finten, die von hinten durch die Brust ins linke Auge gehen sollen, auf Aha-Effekte zielen. Man weiß schließlich nur: da ist etwas faul, furchtbar faul und verdammungswürdig und es kennzeichnet den Zustand einer, unserer, Gesellschaft, eines Systems, das moralisch verkommen dem Untergang zutreiben muss.

Auf der Strecke bleiben dabei – nicht zu Unrecht – die alten und ausbeuterischen Firmeneigentümer, vor allem aber – diese freilich zu Unrecht – die Arbeiter (Arnulf Schumacher, als Gewerkschafter Jerry, der die bittere Klage der Benachteiligten vorträgt), die Malocher, die in die Röhre schauen und schäbig genung scheinentschädigt werden. Dass sich der Everson, Eigentümer des von den Heuschrecken zerfledderten Unternehmens, am Ende erschießt, nimmt man noch hin, nicht aber die Niederlage der unschuldigen Beschäftigten.

Residenztheater München / Junk - hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Junk – hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Ein Staatsanwalt (Michele Cuciuffo als Guiseppe Addesso) greift immerhin den Falles auf, wie ja auch Milken ein lauwarmer Prozess ohne eigentliche Folgen gemacht wurde. Im Stück bleibt höchst unbestimmt die Frage offen, was eigentlich von strafrechtlicher Relevanz sein soll, weswegen genau ermittelt wird, das, was jedenfalls in atemberaubendem Tempo dahergeschwätzt wird, reicht nicht einmal zur Eröffnung irgendeines Hauptverfahrens aus. So ist die Inhaftierung Merkins nicht mehr als eine Behauptung. Herauskommen wird nichts, das weiß man von vornherein.

Die Journalistin Judy Chen (Cynthia Micas) will aus dem turbulenten Geschehen eine spannende und erhellende Geschichte machen. Aber sie wird gekauft, von einem Millionenbetrag korrumpiert, verzichtet sie auf ihre hochfliegenden Pläne.

Leider erkennt man den zu Recht hochgeschätzten Autor von „Geächtet“ kaum wieder. Dieses mehrfach ausgezeichnete Stück entwickelte dramaturgisch überzeugend einen Konflikt mit logischer Konsequenz. In Junk aber hat alles Dahergesagte etwas Deklamatorisches, sich Überschlagendes, es wird so eilig und überhitzt vorgetragen, als fürchteten Autor und Regisseurin die Einwände der Zuschauer, als wollten sie für Nachfragen erst gar keine Zeit lassen, Gegenargumente abwürgen, wo es gar keine gibt. Das Thema ist hochkomplex, es handelt von einem Kapitel der Wirtschaftskriminalität und ist pure Systemkritik, ihm ist nur mit der kalten Analyse einer strafrechtlichen und gesellschaftsrelevanten Beurteilung kompetent beizukommen.

Der Kopf schwirrt einem nach diesem Abend. Aber keine Klarheit vertreibt die Wortwolken. Das Thema ist einfach zu schwierig, man hat sich überhoben. In zwei Stunden lässt sich so ein Thema nicht über die Bühne jagen.

Junk – Residenztheater München, weitere Termine: 28.4.; 2.5.; 13.5.; 22.5.; 3.6.; 17.6.2018

 

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