Dalia Schaechter – YIDDISCH SONGS von MORDECHAI GEBIRTIG, IOCO CD-Rezension, 15.10.2020

Oktober 15, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Liederabend

ARS PRODUKTION - ARS 38 578 - CD Yiddish Songs von Dalia Schaechter dargestellt © ARS ProduKtion

ARS PRODUKTION – ARS 38 578 – CD Yiddish Songs von Dalia Schaechter dargestellt © ARS ProduKtion

NU GEY – IKH BLEYB  –  YIDDISCH SONGS  von  MORDECHAI GEBIRTIG

Dalia Schaechter Mezzosopran  –  Christian von Götz Gitarre
CD  –  ARS PRODUKTION ARS 38 578

von Albrecht Schneider   –    Verehrte Leserschaft von IOCO, Ihnen sei versichert: Weder bin ich mit den Künstlern dieser CD verschwistert noch verwandt, weder bin ich bestochen worden; noch werde ich erpresst oder kriege Provision, doch das hier ist einfach eine ganz wunderbare CD.

Dalia Schaechter und Christian von Götz, Sängerin und Gitarrist dieser Jiddisch Songs, werden sich gewiss nicht grämen, wenn ich deren Dichter und Komponisten, den polnischen Juden Mordechai Gebirtig (1877-1942), an den Anfang einer Besprechung stelle.

Der Name Mordechai Gebirtig: klingt er in seinem Miteinander von harten und weichen Konsonanten mit Vokalen nicht bereits so poetisch und musikalisch, wie es seine Lieder tun? Dieser Rhapsode des einfachen Lebens war in dem seinerzeit von Österreich annektierten Krakau zuhause, wohnte mit Frau und drei Töchtern ausschließlich hier, und das, wie damals der größte Teil der galizischen Juden, in äußerst be-scheidenen Verhältnissen. Tagsüber arbeitet er als Möbelrestaurator, des Abends an seinen Gedichten. Damit sie auch gesungen werden konnten, erfand er zugleich für viele eigene Melodien, die er, ohne Kenntnis der Notenschrift, Musikern vorstrug, die sie dann entsprechend notierten. Mit seinem Volk wurde er nach dem Überfall der Deutschen auf Polen von der Naziherrschaft drangsaliert, ins Ghetto “umgesiedelt“, wo ihn ein Deutscher Soldat erschoss. Was mit der Familie geschah, ist ungewiss, gewiss ist, dass sie gleich den meisten osteuropäischen Juden Opfer der Nazimordmaschinerie wurden.

Mit der Vernichtung des Judentums schwand dessen Sprache, das Jiddisch, dahin, und um dessen Überleben bemüht man sich heutzutage allenthalben. Jiddisch wurde vorherrschend in Osteuropa – Galizien gesprochen; mit der deutschen Sprache als Schwester ist ferner Hebräisch und Slawisch in dieses Idiom eingewandert, dessen Aufzeichnung in hebräischen Buchstaben geschieht. Jiddisch war die Muttersprache des Mordechai Gebirtig, und folglich hat er in Jiddisch seine Lieder verfasst wie gesungen.

Christian von Götz und Dalia Schaechter © Simin Kianmehr

Christian von Götz und Dalia Schaechter © Simin Kianmehr

Mit dem Lesen seiner Lieder, Songs, Gedichte, ­ jeder Begriff trifft zu ­ verstärkt sich das Gefühl, dass sie für die Musik nachgerade bestimmt sind. Oder, etwas anders und empha-tisch ausgedrückt, dass sogar die Musik selbst sie sich ob deren Prosodie gesucht haben könnte. Der Dichter hat ebenso empfunden und daher viele von ihnen “vertont“. In Deutschland sind sie bislang praktisch unbekannt, und dass jetzt die Mezzosopranistin Dalia Schaechter sie nicht allein hierhin gebracht, sondern sie uns in einer bewegenden, ganz und gar gelungenen Aufnahme vereint mit dem Gitarristen Christian von Götz sehr nahe gebracht hat, dafür sei sie im Fortissimo gepriesen.

Des Mordechai Gebirtigs Gedanken kreisen um die jüdische Existenz schlechthin, sie durchdringt seine Lyrik gleichermaßen, wie sie sich des Viertels Kazimierz, jenem von Juden bewohnten Stadtteil der Stadt Krakau annimmt. Des Dichters genauer Blick, der einer ganz und gar lauteren Natur, gilt all den Individuen, die in dieser Umgebung schuften, darben und sterben, die aber auch singen, trinken und sich des Daseins freuen, seien es Mütter, Kinder, Väter, Verliebte, Musikanten, Huren oder Gauner. Er selbst lebte ja über sechzig Jahre mitten unter ihnen, und das vielfach triste Schicksal der Mitbewohner war zudem sein eigenes.

Nicht die großen Dramen der menschlichen Existenz werden abgehandelt, es sind die traurigen und schmerzlichen Widrigkeiten und bescheidenen Vergnügungen im Alltag der für die normale Welt nahezu unsichtbaren allerkleinsten Leute. Zwar ein Poet, aber keineswegs ein unpolitischer, wissen seine Lieder von Krieg, Arbeitslosigkeit, Streik, von den Heimsuchungen derjenigen, die am Rande der Gesellschaft hausen. Aus alledem entstehen, ob ihrer Bildhaftigkeit ist man versucht zu sagen: sichtbare, jedenfalls der Wirklichkeit abgehörte und niemals Szenen aus dem Elfenbeinturm. Frei sind sie von Larmoyanz, von Rührseligkeit oder Überhöhung, wobei manche der Komik und Ironie nicht entraten.

Drei Lieder seien herausgegriffen zwecks Demonstration der Kunst des Mordechai Gebirtig gemeinsam mit der von Sängerin und Gitarrist.

A SELKHE TSVEY GOLDENE TSEP –  „Solche zwei goldenen Zöpfe“

Hier geht es hin und her. Zunächst bittet das Lyrische Ich um Verzeihung, weil es mächtig sauer, ja wütend gewesen ist auf die Geliebte, weil die ihre zwei Zöpfe abgeschnitten, sie also der Mode geopfert und hinterher gleich zwei Toten in der Kommode quasi eingesargt hat. Nach der Beschwerde über deren Verschwinden wird schließlich mit fast keifend kippender Stimme die Mode zum Teufel gewünscht, und dann gedämpft der verlorenen Haarpracht nachgetrauert.

Den eigenen fünfzigsten Geburtstag feiert Gebirtig mit einem von Melancholie verschatteten Jubelgesang, in dem das Bewusstwerdens des Alters, der Vergänglichkeit mitschwingt.

MAYN YOVL – „Mein Jubiläum“.

Spiel Klezmer, heißt es hier, spiel mir ein Lied, aber ebenso: Es ist vielleicht meine letzte Feier heut.  Die ersten zwei Zeilen, mit der Aufforderung des Jubilars an den Musikanten loszulegen, kommen daher wie ein getragenes Secco-, die nächsten zwei wie ein Accompagnatorezitiv, so als böte dieser Freudentag eher Grund zur Resignation. Indem er mit den nächsten vier Versen der Musik Freiheit von den Sorgen des Heute wie des Morgen abverlangt, beginnt diese gleichsam zu tanzen, Rhythmus und Dynamik von Stimme und Gitarre steigern sich jetzt in dem Schmerz ob der verlorenen Jugend und Jahre, die verflogen sind wie die Töne von des Klezmers Fidel.

MAIJNE YORN IS SHNEL FARFLOJGN, SHPIL KLEZMER, SHPIL

UNSER SHTETL BRENNT – Unser Städtchen brennt

ist des Dichters berühmtestes Lied, seine leise Klage wird zum Aufschrei, zum Appell, und mündet in Wehmut.

 Bildnis des Malers Felix Nussbaum - Selbstbildnis mit Judenpass - Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück / Fotograf Christian Grovermann

Bildnis des Malers Felix Nussbaum – Selbstbildnis mit Judenpass – Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück / Fotograf Christian Grovermann

S’BRENNT! BRIDERLECH. S’BRENNT!

singt die Stimme, denn die von Juden bewohnte Kleinstadt brennt. Warum? Wer hat den Brand gelegt? Ist es wieder einmal ein Pogrom? Das wird nicht gesagt, allein die vor Schreck erstarrten Männer sollen endlich die Hände rühren und löschen. Niemand wird ihnen dabei helfen. Wollen sie nicht in Ruinen leben, müssen sie sich selber helfen, und wenn das Wasser alle ist, dann mit eigenem Blut.

Mordechai Gebirtig schreibt dieses kleine Drama, als sei es nicht das erste brennende Schtetl, das er erlebt. Ist es doch bald zweitausend Jahren jüdisches Fatum und mithin das eigene, dass die Schtetl brennen. Und wenn das Wasser aus-geht, muss eben mit Blut gelöscht werden. Die klangliche Realisation dieser Szene durch Dalia Schaechter, als gebürtige Israelin wissend um die Geschichte des Volkes Israel, ist anfangs eine verhalten nüchterne Mitteilung, sie steigert sich, bis die Stimme eine Strophe lang selbst vor Verzweiflung zu brennen scheint, und verklingt dann so ergeben, als wisse sie um die Unabwendbarkeit des Feuers, in dem das Schtetl untergeht. Für sie ist ein solcher Brand kein seltenes Geschehen, es ist eines, das sich wohl bald irgendwo wiederholen wird.

Die CD  YIDDISCH SONGS von MORDECHAI GEBIRTIG  bietet noch 16 weitere Songs, sie erzählen von zärtli-chen Müttern, verliebten Paaren, mit Dieben, Huren, mit Vergnügen und Misere, die solchem Milieu eignen. Für deren musikalischer Inszenierung findet Dalia Schaechters, ­ solcher Vergleich sei gestattet ­ burgunderroter Mezzosopran, um es simpel zu formulieren, ausnahmslos den richtigen Ton. Oder, etwas genauer, aufgrund ihrer vokalen Meisterschaft charakterisiert die Stimme idiomatisch die jeweiligen Personen und beschwört die Stimmung der Ereignisse herauf. Getragen wird sie von dem formidablen Gitarrenspiel des Christian von Götz, das sich der Situation angepasst dem Mezzo zur Seite steht.

Beethovenjahr! Über seine Missa Solemnis schrieb der Komponist einst, sie möge zu Herzen gehen. Wer keines von Stein hat, dem wird diese CD zu Herzen gehen. Nehmen Sie Ihres in beide Hände, verehrte Leserschaft, und greifen Sie zu.

Eine Schlussbemerkung:   Dass die jüdische Gemeinschaft nicht in Sicherheit in einem Land leben kann, das sich vor achtzig Jahren die Vernichtung des Judentums auf die Fahnen schrieb, erscheint unbegreiflich. Ist schlicht eine Schande. Gefahr und Not einer Pandemie sind mittlerweile weitgehend bekannt, noch ist kein Kraut dagegen gewachsen. Ob hierzulande die endemische Seuche des Antisemitismus kurabel ist, bleibt ebenso offen. Vielleicht wird dieses kleine Wunderwerk von CD YIDDISCH SONGS von MORDECHAI GEBIRTIG  den Einen und die Andere zur Besinnung zu bringen.

NU GEY – IKH BLEYB  –  YIDDISCH SONGS  von  MORDECHAI GEBIRTIG

Dalia Schaechter Mezzosopran  –  Christian von Götz Gitarre
CD  –  ARS PRODUKTION ARS 38 578

—| IOCO CD-Rezension |—

Christian Miedl, Bariton – das Leben, die Nacht, die Lieder, IOCO Interview, 05.09.2020

September 5, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Interview, Liederabend

Christian Miedl / Sein Leben, die Nacht, die CD Songs of the night © Capriccio

Christian Miedl / Sein Leben, die Nacht, die CD Songs of the night © Capriccio

 Christian Miedl – das Leben, die Nacht, die Lieder

im Gespräch mit IOCO-Korrespondentin Merle Meron

Bariton Christian Miedl gastiert regelmäßig an international etablierten Konzert- und Opernhäusern. So am Concertgebouw in Amsterdam, dem Gewandhaus Leipzig, dem Auditorio della RAI Torino, an der Oper Frankfurt, der Oper Malmö, der Mailänder Scala, der Hamburgischen Staatsoper, der Bayerischen Staatsoper. Das Repertoire von Christian Miedl umfasst Partien des Guglielmo (Così fan tutte), des Papageno (Die Zauberflöte), des Figaro (Il barbiere di Siviglia) sowie unter anderem die Titelpartien in Eugen Onegin und Don Giovanni. Miedl wird für seine Interpretationen zeitgenössischer Rollen besonders gefeiert und sang in den Uraufführungen von Wolfgang Rihms Der Maler träumt sowie einer mit dem Komponisten Peter Eötvös‘ gemeinsam erarbeiteten Version von Atlantis.

Das Rheingold – hier Christian Miedl als Donner
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„Songs of the Night“, eine Capriccio CD,  DDD,  9652268, heißt das erste Solo-Album des in großen Musiktheatern etablierten Baritons. IOCO-Korrespondentin Merle Meron sprach mit Christian Miedl über seine Liedauswahl, darin die Bedeutung der Nacht, und seine zweite große Leidenschaft – das Reisen.

Merle Meron (MM): Lieber Herr Miedl, ihr erstes Solo-Album „Songs of  the  Night” erschien im März diesen Jahres bei Naxos/Capriccio.  Wie war es für Sie, eine erste ganz „eigene“ CD aufzunehmen?

Christian Miedl (CHM): Ich war ja schon in zahlreichen CD und DVD Aufnahmen involviert, sowohl im Konzert als auch im Opern Bereich, aber die erste eigene CD -überhaupt eine eigene CD aufzunehmen -und das mit einem namenhaften Label ist schon wirklich wunderbar! Ich hatte beim Programm freie Hand und da war für mich ziemlich klar was ich machen möchte. Vom Stil her wollte ich auf jeden Fall zur Hälfte Moderne aufnehmen, nicht nur das beginnende 20. Jahrhundert sondern auch zeitgenössische Musik und Avantgarde, und den Rest dann mit Stücken füllen, die ich einfach immer schon singen wollte und auch gesungen habe -wirkliche Herzensstücke!

Dadurch ist das Album im Grunde auch eine Visitenkarte von mir geworden, denn das ist ja genau das was ich mache. Ich bin vor allem dafür bekannt, dass ich zeitgenössische und moderne Musik singe und eben auch spätromantisches deutsches Fach. Toll war außerdem, dass ich einen so fantastischen Pianisten hatte. Jendrik Springer, der wirklich ein wunderbarer Pianist ist. Er entlockt dem Klavier wunderbare Klänge, ist ein großartigerBegleiter, der nicht nur in der Oper erfahren ist, sondern auch im Liedbereich. Auch in der Vorbereitung zu der CD war er eine große Unterstützung. Kennengelernt haben wir uns über einen Produzenten, aber ich kannte ihn auch durch meine Arbeit an der Wiener Staatsoper, wo er seit Jahren tätig ist.

MM: Es ist sicher spannend ein Programm zusammenzustellen. Was waren Inspirationen für Titel und Liedauswahl des Albums?

CHM:  Die Titelauswahl hat tatsächlich ein bisschen gedauert. Ich wollte auf jeden Fall etwas herausbringen, dass die Leute emotional anspricht. Und es sollten eben nicht nur einfach schöne Melodien sein und ich wollte auf keinen Fall die tausendste Winterreise einspielen (lacht). Ich habe ja eigentlich Lied studiert und habe mir im Studium und auch danach ein riesiges Repertoire an Liedern ersungen. Bei der CD wollte ich aber ein ganz neues Programm haben, was ich so noch nie aufgeführt habe. Mir war außerdem wichtig, dass ich das ganze Programm sehr persönlich halte. Bei den modernen Stücken sind es vor allem Komponisten, die ich entweder persönlich kennengelernt habe und von denen ich Stücke ur-oder erstaufgeführt habe, oder die in meiner Laufbahn wichtig waren. Beispielsweise habe ich am Amsterdamer Concertgebouw Wolfgang Rihms wunderschöne Kantate Der Maler träumt uraufgeführt oder die Italienische Erstaufführung von Salvatore Sciarrinos Oper Luci mie traditrici gesungen, mit der ich jetzt auch wieder in Stuttgart auf der Bühne stehen werde. Außerdem Ullmann-Lieder, das waren die ersten Lieder die ich auf einer „Profi-Bühne“ gesungen habe, bei der Expo Hannover vor sehr, sehr langer Zeit (lacht).

Victor Ullmann, von Nazis ermordet - Stolperstein © IOCO

Victor Ullmann, von Nazis ermordet – Stolperstein © IOCO

Danach kam auch der Kaiser von Atlantis von Victor Ullmann mehrere Male auf mich zu, an der Opéra National de Lyon und auch zusammen mit der Bayerischen Staatsoper. Das war eben auch etwas sehr Persönliches. Von Sciarrino ist auch ein Lied auf dem Album. Er hat ja vor allem Opern und Kammermusik komponiert, aber eben auch ein paar Lieder. Und bei den romantischen Liedern sind ein paar Wunschlieder dabei, die ich fantastisch finde. Zum Beispiel Liszts schrecklich schweres, schrecklich schönes „Oh! Quand je dors“. Das wollte ich mein ganzes Leben lang singen. Oder Die Nacht von Richard Strauss, was auch sehr schwer im Kern zu treffen ist, und natürlich auch die Eichendoff Lieder von Pfitzner. Pfitzner finde ich sowieso ganz toll, gerade für Männerstimmen.

MM: Ich war ein sehr großer Fan des letzten Liedes auf ihrer CD!

CHM: Ja! Ein ganz unbekanntes Stück von Jelinek! Es gibt davon nur eine einzige Einspielung. Das ist natürlich ein wahnsinnig lustiges Lied. Ich kannte das Gedicht und kannte eine andereVertonung, habe aber dann diese Noten entdeckt und wusste, wenn diese CD kommen sollte will ich das unbedingt machen! In der Nacht kann eben wahnsinnig viel passieren: es können Vögel zwitschern, man kann die schönsten Liebesfantasien haben, aber es kann auch jemand im Stillen umgebracht werden. Oder Leute werden von einer Lawine erwischt, weil sie im Gebirge zu laut und freizügig waren.

ALTLANTIS von Peter Eötvös mit Christian Miedl- hier Christian Miedl 
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MM: Was macht gerade die Nacht für Sie so reizvoll, Sie beschreiben ja, dass es sich für Sie nicht nur um eine Tageszeit handelt.

CHM: Genau. Wir haben in Europa ja das Glück, das wir die Nacht und auch die Jahreszeiten ganz anders erleben als Leute die beispielsweise am Äquator wohnen, oder die ganzim Norden oder Süden leben. Und die Nacht ist bei uns sehr verschieden. Im Sommer gibt es die wunderbaren, warmen Sommernächte mit wunderschönen, emotionalen Erlebnissen und dann gibt es natürlich eisige Winternächte, in denen alles in Todeskälte erstarrt. Und dann gibt es noch die Nächte im Frühling und Herbst, die vor allem unsere Romantiker beeinflusst haben. Wenn das Zwielicht einsetzt und man nicht genau weiß: fantasiert man, hat man Angst vor Dingen die es gibt oder auch nicht gibt. Ein Fluss kann wahnsinnig schön den Mond reflektieren, aber gleichzeitig kann es im Nebel in der gleichen Nacht neben einer Friedhofsmauer ganz anders sein. Das sind einfach viele Dinge die in der Nacht passieren können, obwohl man meistens nur an die Nacht als Tageszeit denkt. Und diese Sachen können eben auch im Inneren passieren. Es kann eine Geborgenheit entstehen, die Sorgen des Tages fallen ab. Oder es kann dunkel sein, Depression, Todessehnsucht herrschen. Gerade diese Übergänge sind sehr spannend. Wir haben das Glück, dass wir gerade auch in Deutschland Dichter wie Eichendorff und Mörike hatten, die genau das perfekt in Worte fassen konnten. Außerdem habe ich sehr viel Familie, die nicht in Europa lebt, sondern in Asien.

Deshalb weiß ich sehr gut was es heißt, wenn man keine Jahreszeiten hat. Da würden solche Gedichte nie entstehen. Da gibt es andere wunderschöne Gedichte mit anderem Kulturursprung. Aber diese Art von Lyrik ist dort unbekannt.

MM: Sie haben bewusst keine chronologische Liedfolge gewählt, beschreiten den Weg von Rihm zurück zu Liszt. Was verbindet in ihren Augen die romantische mit der modernen Musik?

CHM: Die Moderne würde nie existieren, ohne das, was davor war. Einen Schönberg und Berg hätte es ohne Bach in dieser Art nicht gegeben. Schon alleine von der Kompositionstechnik her. Die großen Komponisten der heutigen Zeit profitieren vom Wissen der Komponisten vor ihnen: Mozart, Beethoven, Bach. Ich bin da vielleicht etwas speziell, weil ich bereits in der 7. Klassefreiwillig ein Referat über Alban Bergs Wozzeck gehalten habe. Ich habe das Unangenehme in der Musik überhaupt nicht gehört. Natürlich war es kein normaler Dreiklang, aber es war nichts was ich nicht hören wollte. Ich habe mir das Zuhause auf der Schallplatte angehört, in Dauerschleife.

Dann kam der Erste Weltkrieg und ohne den gäbe es wahrscheinlich die Atonalität gar nicht. Ohne die beiden Weltkriege hätte sich die Kunst generell sowieso ganz anders entwickelt.

Ich finde, verbinden tun sich meistens gute Stücke. Deshalb bin ich sicher, dass die meisten Hörer kaum einen Bruch bemerken werden, wenn zwischen Liszt, Rihm und Pfitzner gewechselt wird. Das sind einfach richtig gute Komponisten die wissen, wie man für Stimme schreibt und wie Melodien funktionieren. Insofern fand ich es auch richtig, dass man die Komponisten miteinander sprechen lässt. Die alten Komponisten können natürlich nicht mit den Neuen kommunizieren aber die Neuen kommunizieren durchaus mit den Alten. Auch im Barock gab es Genies und weniger begabte Komponisten und das ist heute noch genauso.

Das Lied als Kunstform hat für Sie einen ersichtlich hohen Stellenwert. Was macht für Sie dessen Reiz aus? Lieder sind es ja im Grunde „one-man“ oder „one-woman-operas“. Mit dem Partner am Klavier „two-men“ oder „two-women-operas“. Das Tolle ist: in einem Abend kann man alles durchleben. Manche Lieder sind sehr intim, nach Innen orientiert. Dann wieder unglaublich extrovertierte Lieder. Man kann an einem Abend mit dem Publikum zusammen alle diese Gefühle, von äußerster Innigkeit bis hin zu höchster Verzweiflung, großer Freude und tiefster Trauer, in 60 -90 Minuten, erleben. Die Aufgabe ist, dass man dem Publikum jedes Mal von neuem Geschichten erzählt. Und das finde ich, ist das Besondere an einem Liederabend. Dass man, auch wenn man die Lieder wiederholt, sich auf keinen Fall wiederholt. Man muss jede Phrase von Neuem erzählen von Neuem erleben: möglichst ohne nur die schöne Stimme auszustellen. Die Stimme sollte als Instrument ein Mittel sein, nicht Fokus. Das gilt übrigens auch auf der Opernbühne. Wenn man es schafft, auch beim zehnten Mal eine Geschichte so zu erzählen, als würde sich gerade zum ersten Mal vor Augen sein, dann ist das Publikum auch wirklich dabei. Und ich will, dass mein Publikum das so erlebt.

PENTHESILEA von Othmar Schoeck- hier Christian Miedl  als Achilles
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MM: Sie haben sich vor allem als Interpret zeitgenössischer Musik einen Namen gemacht, proben gerade in Stuttgart Luci Mie Traditrici von Salvatore Sciarrino, ein „Opern-Thriller“, in welchem Sie die Hauptpartie des Il Malaspina verkörpern werden. Erzählen Sie uns von diesem Werk und gerne auch vom Probenablauf in der momentan doch sehr speziellen Phase.

CHM: Man muss sagen, dass ich früher auch alle Klassiker gesungen habe. Alle Mozart-/ Da-Ponte-Opern, viele Papagenos und Rossini rauf und runter. Aber es hat sich dann herauskristallisiert, dass die Moderne die Epoche ist, in der mich auch die Komponisten hören wollen, und das ist natürlich sehr schön.

Das Stück selbst, Luci mie traditrici, ist ein echter Opernthriller und wahnsinnig empfehlenswert. Es ist wirklich Avantgarde, alsoneueste Musik, auch wenn dieses Stück schon 20 Jahre alt ist. Die Musik ist toll komponiert und hat einen sehr hohen  Schwierigkeitsgrad. In meinem großen Repertoire von moderner Musik ist es mit Abstand das schwierigste Stück. Es fordert unglaublich hohe Konzentration auf der Bühne und ständige Vor-und Nachbereitung. Auch zwischen Vorstellungen muss man immer wieder von Neuem lernen, weil es so kompliziert geschrieben ist. Aber das Resultat sind 70 Minuten absolute Atemlosigkeit, auf der Bühnen wie beim Publikum. Man hört in diesem Stück Naturgeräusche, man hört wie Leute Liebe erhoffen und nicht bekommen, und dazwischen hört man sehr viel Schweigen. Leute werden ermordet, ohne dass es dabei ein großes Forte gibt. Es geht einfach kalt und sehr realistisch zu, in einer einzigartigen, fremdartig sinnlichen Musiksprache.

Die Geschichte dahinter ist die wirkliche Lebensgeschichte von Carlo Gesualdo, dem berühmten Madrigal-Komponisten. Er war gleichzeitig der Prinz von Venosa. Seine Frau hatte ein Liebhaber, und als er das herausfindet, tötet er den Liebhaber auf brutale Weise. Der Diener wird als Überbringer der Nachricht als erstes umgebracht und die Frau wird am Ende natürlich auch getötet. Zahlreiche Legenden ranken sich in der Nachzeit um dieses Eifersuchtsdrama.

Mit Barbara Frey haben wir in Stuttgart eine wunderbare Regisseurin, die weiß, wie sie mit Schweigen, Stille und der komplizierten Musik umgehen kann. Das Bühnenbild ist spektakulär. Es wird ein Doppelabend mit Cavalleria Rusticana sein. Der erste Teil also große italienische Oper und der zweite Teil ein ähnliches Drama, und doch komplett anders. Ein sehr kontrastreicher Abend, und übrigens perfekt an die Corona-Bedingungen angepasst.

MM: Auch Uraufführungen anderer zeitgenössischer Werke von Rihm, Eötvös und Zimmermann haben Sie in ihrer sängerischen Laufbahn begleitet.

CHM: Die Moderne ist manchmal etwas schwierig. Der Sänger hat natürlich seinen Körper als Instrument. Es gibt Stilrichtungen der Moderne, die sind nicht so gut für die Stimme und dann wiederum Richtungen oder Komponisten, die sehr gut für die Stimme sind. Ich hatte das große Glück mit Komponisten zu arbeiten, die wussten wie man mit Stimme umgeht. Wolfgang Rihm ist wie schon gesagt einer davon. Er schreibt wunderbar für die Stimme. Ich habeaußerdem das große Glück sehr viel mit Peter Eötvös gearbeitet zu haben, und zwischen uns ist ein schon freundschaftliches Verhältnis entstanden. Ich habe mit ihm gemeinsam an einigen seiner Werke gearbeitet, wie zum Beispiel Atlantis (Trailer oben), welches ich oft aufgeführt habe, oder auch der Neufassung von Angels in America.

Dann gibt es natürlich auch besondere Begegnungen wie etwa eine persönliche Zusammenarbeit mit dem berühmten Hollywood-Komponisten Ennio Morricone, der leider gerade verstorben ist. Ich habe mit dem Orchester des RAI Torino sein Werk Jerusalem für Bariton und riesiges Orchester uraufgeführt. Es klingt gar nicht nach Hollywood, sondern ist akademisch komponiert -sehr atonal, aber gut zu singen.

MM: Und zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Sie haben ihr Gesangsstudium mit einem internationalen Wirtschaftsstudium kombiniert. Wie vertragen sich diese beiden Welten –Musik und Wirtschaft? Und, wie ist ihre fachliche Meinung zur momentanen Krise in beiden Welten?

CHM Die beiden Welten vertragen sich total –oder auch gar nicht. Ich habe zunächst Wirtschaft studiert. Ich komme eigentlich aus einer Musiker Familie und ich war der Erste der gesagt hat: ich will kein Musiker werden, oder ich traue mich nicht. Und so habe ich an der Uni Passau Wirtschaft mit dem Spezialgebiet Süd-Ost-Asien studiert. Ich hatte dann auch Thai als Diplomsprache neben den europäischen Sprachen. Dazu muss man natürlich bemerken, dass wie schon erwähnt ein Großteil meiner Familie in Thailand lebt, weshalb ich einen Bezug dorthin habe. So habe ich also Wirtschaft studiert, aber auch an Jugend musiziert teilgenommen und einen ersten Bundespreis bekommen. Ich habe dann noch schnell das Thema meiner Diplomarbeit von der „Wirtschaftskrise in Thailand“ hin zu „Finanzierung von klassischer Musik in den USA“ geändert. Diese habe ich dann in der Finanzabteilung der Oper in Seattle geschrieben. Ich habe dort eine Regieassistenz in einer Produktion der Zauberflöte anschließen können, in welcher dann der erste Priester krank wurde, und so hatte ich dort mein Debüt (lacht)!

Mit dem Gesangsstudium habe ich dann mit 27 begonnen. Ich habe ein „Kurzstudium Lied“ gemacht, was es heute nicht mehr gibt. Damit hatte man nach nur drei Jahren das große Diplom, was heute dem Master entspricht. Ich finde es gut und wichtig, wenn man als Künstler auch mit Zahlen umgehen kann. Und auch mit einem Leben abseits der Bühne. Man muss wissen, dass die Bühne beendet ist, wenn man aus dem Künstlereingang raus geht.

MM: Das Reisen ist ein sehr wichtiger Teil ihres Lebens, erzählen Sie uns doch zum Abschluss von ihrer Leidenschaft!

CHM: Ich reise wirklich sehr gerne. Seit 10 Jahren bin ich freischaffend und war es vor meiner Ensemblezeit am Badischen Staatstheater auch schon. Ein wichtiger Bestandteil dessen ist, dass man reist. Man ist wirklich fast immer unterwegs, das bin ich auch und ich liebe es immer noch, als Sänger und privat, und ich habe nur sehr selten Heimweh. Ich habe eine schöne Wohnung in Köln, aber werde nervös, wenn ich dort länger als zwei Wochen bin.Und wenn ich nicht zu einer Produktion fahre, fahre ich Freunde besuchen oder auf eine schöne Reise. Seit einem guten Jahr habe ich auch einen Reise-VLOG auf YouTube namens „Travel Sing Fly“, auf welchem ich über Airlines und Reisedestinationen berichte, mit denen ich mich wirklich gut auskenne. Dort kann ich meine riesige Leidenschaft, für die ich nie ein Ventil hatte, endlich richtig ausleben (lacht). Andere haben sich mit 18 ein Auto gekauft, und ich eben Flugtickets.

Und, falls ich wieder ein Liedalbum machen sollte, dann wird es sicher ums Reisen gehen

MM:  Lieber Christian Miedl, für dies vielschichtige wie spannende Gespräch darf ich mich auch im Namen der großen IOCO-Community herzlichst bedanken. Wir wünschen Ihnen  alles Gute und große Erfolge mit Ihren Liedalben wie auf den Bühnen der Welt.

—| IOCO Interview |—

Laubach, Schloss Laubach, Opera meets nature – Benefizkonzert, IOCO Kritik, 03.09.2020

Opera meets nature in Schloss Laubach © Ingrid Freiberg

Opera meets nature in Schloss Laubach © Ingrid Freiberg

Opera meets nature

 Opera meets nature – Schloss Laubach

von Ingrid Freiberg

Unter dem Motto Bayreuth fällt 2020 Corona-bedingt aus – die Künstler kommen nach Laubach findet in der Herrenscheune des Grafenschlosses ein einzigartiges Konzert statt. Der bezaubernden Gräfin Celina und dem – wie sich nach dem Konzert zeigt – auch stimmlich präsenten Graf Karl Georg zu Solms-Laubach glückt ein Wunder: Sie können Andreas Schager, der im Bayreuther Ring des Nibelungen die Rolle des Siegfried singen sollte, sowie Michael Volle, in diesem Jahr in Bayreuth für die Rolle des Hans Sachs vorgesehen, Gabriela Scherer, Lidia Baich und Alexandra Goloubitskaia nach Laubach locken.

Nibelungenwald mit Eichen und Eschen

Das Schloss Laubach ist eine der wenigen Residenzen, die noch heute von der ursprünglichen Gräflichen Familie bewohnt, bewirtschaftet und erhalten wird. Die Familie der Grafen zu Solms-Laubach ist gleichermaßen in der heimischen Region tief verwurzelt, wie mit dem Adel und Hochadel in ganz Europa verbunden. Die Förderung künstlerischen Schaffens ist gelebte Tradition. Schon in vergangenen Jahrhunderten haben Vorfahren des heutigen Grafen kreatives Talent erkannt und unterstützt. Ob es ihnen aber gelungen wäre, Weltstars und Gäste an einem Sommerabend in einer derart liebevollen und perfekten Art und Weise zu begrüßen, ist zu bezweifeln, und ob es ihnen gelungen wäre, Kunst mit Nachhaltigkeit zu verbinden auch: Der weltberühmte Tenor Andreas Schager gründete mit Freunden den Verein Opera meets nature, der das Ziel verfolgt, geeignete Flächen mit möglichst robusten Laubhölzern aufzuforsten. In den kommenden Jahren sollen an verschiedenen Stellen sogenannte Nibelungenwälder entstehen. Nach Wiesbaden stellt nun Graf zu Solms-Laubach, Diplom-Forstwirt, 1,5 Hektar Waldfläche dafür zur Verfügung. Die Setzlinge sind bereits 1,20 bis 1,50 Meter groß und damit relativ widerstandsfähig. Der Erlös aus dem Konzert wird ausreichen, über 1.000 Eichen und Eschen zu pflanzen.

Opera meets nature in Schloss Laubach / © Ingrid Freiberg

Opera meets nature in Schloss Laubach / © Ingrid Freiberg

Musikalisches Feuerwerk aus Glanzleistungen

Das klug zusammengestellte Programm, das auf eine Pause eingeht, in der das Publikum bei bestem Wetter ein Picknick nach englischer Art im weitläufigen Schlosspark einnimmt, lässt schon beim Lesen aufhorchen! Bis zur Pause sind Arien aus Tannhäuser, Walküre, Lohengrin und Siegfried sowie das Albumblatt WWV 94, das Richard Wagner für Pauline Metternich geschrieben hat, zu hören. Es gibt Stimmen, so differenziert, so warm, dass man in ihnen versinkt: Michael Volle verfügt über eine solche. Seiner subtilen Körpersprache, seiner ausdrucksvollen Bariton-Stimme gelingt es, anrührend wie dramatisch aufwallend, flehend-innig und äußerst klug, auch bekannter Opernliteratur eine eigene Farbe zu verleihen (Blick ich umher in diesem edlen Kreise… / Wie Todesahnung / O Du mein holder Abendstern). Eindrucksvoll, einfach überwältigend!

Opera meets nature in Schloss Laubach / hier :  die Geigerin Lidia Baich © Ingrid Freiberg

Opera meets nature in Schloss Laubach / hier : die Geigerin Lidia Baich © Ingrid Freiberg

Von einer Glanzleistung zur anderen! Es ist kaum möglich, die Intensität dieses Abends zu beschreiben, zu erfassen: Der stimmgewaltige Andreas Schager überzeugt zunächst in anrührender Weise und trifft zweideutig und doch eindeutig mit der Arie Winterstürme wichen dem Wonnemond… mitten ins Herz. Ganz anders sein Hoho! Hohei! Schmiede mein Hammer…, wo sein unfassbar großer Tenor voll zum Erblühen kommt. Hemdsärmelig schlägt er auf den Amboss, schmiedet das Schwert Nothung, ein Siegfried mit ungebremster Urgewalt! Gabriela Scherer, lebendig, intensiv, lässt sich tief ein mit ihrem reinen Sopran (Dich, teure Halle, grüß‘ ich wieder / Einsam in trüben Tagen), der ebenso aus der Musik wie aus ihr selbst kommt. Kein Ton, kein Wort ist ohne Sinngebung gesungen! Einfach wunderbar! Gekrönt und ermöglicht wird die Sogwirkung dieses Konzertabends von den beiden Instrumentalistinnen, Alexandra Goloubitskaia am Flügel und Lidia Baich, die eine der Meisterwerke des Geigenbauers Jean Baptiste Vuillaume aus dem Jahr 1860 spielt. Ihr Zusammenspiel lässt keine Wünsche offen…

Unglaublich intensiv und wohltönend…

Nach dem leiblichen Genuss im als englischer Landschaftsgarten angelegten Schlosspark – umgeben von einer einzigartigen Schlosskulisse – eröffnet der Graf mit einem kurzen Waldhornstück den zweiten Programmteil des Konzertes: Puccini, Verdi, Tschaikowski, Léhar und Kálmán… Als Ehrerbietung an das Geburtstagskind Beethoven spielen Lidia Baich und Alexandra Goloubitskaia  die Sonata für Violine und Klavier op. 12 Nr. 1 und entsprechen dem Wunsch des Komponisten ein echtes Team ohne Haupt- und Nebenrolle zu bilden, eine echte Herausforderung. Mit Vissi d’arte… betört Gabriela Scherer – sie sendet ihren Gesang den Sternen am Himmel. Ich habe keine Angst vor der berühmten Arie Nessum dorma…, ich habe Panik, kokettiert Andreas Schager. Interpreten, deren Stimmen im Gedächtnis sind, lässt er an diesem Abend vergessen…

Opera meets nature in Schloss Laubach / hier :  die Künstler © Ingrid Freiberg

Opera meets nature in Schloss Laubach / hier : die Künstler © Ingrid Freiberg

Nach stürmischem Applaus betritt Michael Volle ebenso launisch die Bühne: Ein Bariton arbeitet den ganzen Abend, dann kommt ein Tenor, singt zweimal das hohe C und das Publikum rastet aus! Nicht wissend, dass das Publikum anderer Meinung ist. È sogno? O realtà? Pointiert haucht er dem prallen Bühnencharakter Ford Leben ein… ganz im Sinne von Verdi und Shakespeare. Mélodie op. 42 Nr. 3, Souvenir d’un lieu cher (Erinnerung an einen lieben Ort) von Tschaikowski ist kaum besser aufgehoben als bei den Künstlerinnen Lidia Baich und Alexandra Goloubitskaia. Die russische Seele der beiden schwingt sehnsuchtsvoll mit. Schmachtend und wunderschön erklingt Lippen schweigen…, das das Ehepaar Scherer und Volle auch in Corona-Zeiten sehr innig darbieten darf. Vor Komm, Zigan… verrät Lidia Baich (Foto oben) dem Publikum, dass Andreas Schager eine finstere Vergangenheit als Operettentenor habe. Er entgegnet, Wagner müsse so gesungen werden wie Operette, die sich nur dadurch unterscheide, dass sich die Protagonisten am Ende der Operette grundsätzlich in die Arme fallen und Champagner trinken. Immer wieder gibt es Überraschungen, künstlerische Glücksfälle: Ein operettenseeliger weltbekannter Wagner-Tenor und eine Europäische Musikerin des Jahres, der die Auszeichnung 1998 von Lord Yehudi Menuhin persönlich überreicht wurde, spielen hingebungsvoll eine feurige Zigeunerweise! Den gesamten Abend begleitet kongenial Alexandra Goloubitskaia, die bereits auf eine beachtliche Weltkarriere zurückblicken kann, am Flügel. Unfassbar, mit scheinbar tausenden von Händen ersetzt sie bravourös ein ganzes Orchester. Vor dieser Leistung gilt es, sich zu verneigen…

Der Überschwang des Publikums steigert sich, als Gräfin Celina zu Solms-Laubach bekannt gibt, dass sich ihr in vorderster Reihe mit seiner Braut sitzende Bruder verlobt habe und ihnen die Künstler*innen Dein ist mein ganzes Herz zueignen wollen. Danach schimmert so manches Tränchen… Der Beifall will kein Ende nehmen! Mit der Zugabe Im Feuerstrom der Reben sprüht ein himmlisch‘ Leben... Es lebe Champagner der Erste! wird das rauschhafte Konzert mit standing ovations beendet.

—| IOCO Kritik Opera meets nature |—

Dresden, Semperoper, Saisoneröffnung – Große Emotionen bei reduziertem Programm, IOCO Kritik, 31.08.2020

August 31, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Liederabend, SemperOper

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Saisoneröffnung – Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, Anja Kampe

Große Emotionen mit reduziertem Programm

von Thomas Thielemann

Für das erste „Variations-Symphoniekonzert“ der Sächsischen Staatskapelle Dresden der Saison 2020/21 ist die Thüringerin Anja Kampe in jene Stadt gekommen, in der sie den größeren Teil ihres Gesangsstudiums absolvierte, um unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner zu singen.

Nun ist die etwas verquirlte Geschichte um die Vertonung der Gedichte von Mathilde Wesendonck hinreichend publiziert worden, so dass ich mich auf die Konzerteindrücke konzentrieren möchte. Ursprünglich als eine Art Studie für eine Frauenstimme und Klavier komponiert, hatte der Wagner-Bewunderer Felix Mottl eine Fassung für großes Orchester geschaffen. Trotz der gegenüber einer „Tristan-Aufführung“ auf 54 Musiker reduzierten Orchesterbesetzung, gelingt es Christian Thielemann, musikalische Höhepunkte zu schaffen und endlich wieder einmal einen kompakten Eindruck von Wagner ins Haus zu zaubern. Auch wirken die Gedichte der Mathilde Wesendonck ohnehin, als seien sie aus den Texten der Musikdramen des Komponisten extrahiert. Dank der Orchesterbearbeitung Mottls gewannen die Lieder Struktur, und so konnte Anja Kampe mit ihrem von „Tristan-Harmonien“ ahnungsvoll durchzogenem Gesang die Zuhörer berühren und die Begabung und Leuchtkraft ihrer Stimme zur Geltung zu bringen. Ohne Forcieren und mit unaufdringlichem Charisma konnte sie ihre reichen Isolde-Erfahrungen einsetzen.

 Semperoper / Sächsische Staatskapelle mit Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Semperoper / Sächsische Staatskapelle mit Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Mit „Der Engel“ beginnen der einfühlsame Dirigent und die Sängerin den Zyklus zunächst geradlinig, schlicht, lassen Orchestermusik und Stimme lyrisch-sanft fließen. Mit dem „Stehe still“ durfte dann das Brausen der Zeit wilder aufrauschen, ohne dass sich der Gleichklang von Solistin und Orchester verlieren. Die als Studie für den Tristan ausgewiesene Komposition „Im Treibhaus“ vermittelte bereits mit leisen ahnungsvollen Tönen das hypnotisch, schwebende des Vorspiels zum dritten Akt des Musikdramas. Mit „Schmerzen“ ließen die Interpreten den Sonnenauf- und –untergang, die Beziehung von Leben und Tod aufklingen, während mit „Träume“ noch einmal die Visionen des Tristan herauf beschworen wurden.

Die emotional beeindrucken Wagner-Orchesterliederwurden, gewissermaßen als Auftakt des Richard-Strauss-Zyklus der Staatskapelle, von dessen Werken ein gerahmt. Zur Einstimmung hörten wir aus der Strauss-Oper Ariadne auf Naxos die Ouvertüre und eine für kleines Orchester bearbeitete Tanzszene, die bereits den Eindruck vermitteln, dass es für seine Musik nicht unbedingt der großen Orchesterbesetzung bedarf, um emotionale Wirkungen zu erzielen.

 Semperoper / Sächsische Staatskapelle mit dem Klarinettisten Wolfram Große (l) und dem Fagotistten Philipp Zeller, sowie Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Semperoper / Sächsische Staatskapelle mit dem Klarinettisten Wolfram Große (l) und dem Fagotistten Philipp Zeller, sowie Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Dem Ariadne-Auftakt folgte das „Duett Concertino für Klavier und Fagott“ mit Streichorchester und Harfe F-Dur Trenner-Verzeichnis 293; von Richard Strauss in den Jahren 1946 und 1947 geschrieben. Die Komposition ist Hugo Burghauser (1896-1982) gewidmet, der von 1919 bis 1938 Erster-Fagottist und ab 1932 etwas umstrittener gewählter Orchestervorstand der Wiener Philharmoniker war. Burghauser hatte sich zwar 1938 von seiner jüdischen Frau getrennt, verließ aber Österreich wegen seiner Nähe zum Austro-Faschismus. Mit Strauss war er befreundet, hatte gute Verbindungen zu Toscanini und galt als umgänglicher etwas brummiger Mensch.

Mit diesem letzten, im Dezember 1947 fertiggestellten Instrumentalwerk, schickte uns Strauss auf eine kurzweilige Reise in eine reine Welt von Märchenschönheiten, die der Altmeister mit musikalischem Augenzwinkern garnierte: ein Bär, das Fagott, umwirbt eine Prinzessin, nämlich die Klarinette. Zunächst vergeblich, aber erst als die Prinzessin mit dem Bären auch tanzt, verwandelt sich dieser in einen Prinzen. „Am Ende wirst auch du ein Prinz und lebst glücklich bis ans Ende…“ schrieb Strauss dem Widmungsträger.

Semperoper / Sächsische Staatskapelle mit Anja Kampe, Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Semperoper / Sächsische Staatskapelle mit Anja Kampe, Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Die virtuosen Solisten Wolfram Große, seit 1999 Soloklarinettist der Staatskapelle und Philipp Zeller, seit 2015 Solofagottist des Orchesters, packten mit herzhaftem Zugriff und betörendem Schmelz die Partitur und schufen, unterstützt von einem großartigen Orchester, eine schwelgerische Klangmalerei. Nicht zuletzt ihre Lust an technischen Spielereien machte die Darbietung des dreisätzigen Werkes zum besonderen Erlebnis.

Dem Lieder-Block schloss sich mit den „Metamorphosen für 23 Solostreicher“ aus dem Jahre 1945 ein weiteres Alterswerk des Komponisten an. Richard Strauss sah diese Arbeit als traurige Elegie für die Zerstörung der deutschen Kultur im Zweiten Weltkrieg. „Mein schönes Dresden-Weimar-München, alles dahin“ klagte der 81-jährige.

Vom Beginn der Metamorphosen an wurden wir von der spätromantischen üppigen Melodiensprache des Richard Strauss erfasst und von der intimen Interpretation eingefangen. Christian Thielemann führte den Bogen der Komposition nahtlos von der düsteren Eröffnung zu einem majestätischen Gipfel und wieder zurück. Die vielschichtigen Überlagerungen der Stimmen zauberten einen faszinierend-suggestiven dichten Klangteppich in den Raum, der Resignation und Niedergeschlagenheit eigentlich nicht aufkommen ließ. Präzise präsentierten sich die hervorragenden 23 Streicher, von denen sich jeder in einen Solopart zu bewähren hatte. Wieder einmal führte Christian Thielemann vor, über welches Potential hervorragender Streicher die Sächsische Staatskapelle verfügt.

Der heftige und langandauernde Applaus ließ fast vergessen, dass im Haus nur ein mäßiger Teil der Plätze besetzt war

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

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