Osnabrück, emma-theater, Götz von Berlichingen – Johann W. von Goethe, IOCO Kritik, 06.01.2021

emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

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Theater Osnabrück

 Götz von Berlichingen  –   in die Gegenwart gezerrt

– Die Lust am Untergang oder  „Fuck You, Goethe“  –

von Hanns Butterhof

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Corona ist an Vielem Schuld. Dazu gehört, dass Johann Wolfgang Goethes 1773er Jugenddrama Götz von Berlichingen statt auf der Bühne des emma-theater in Osnabrück (zum Theater Osnabrück gehörig) nun online Premiere als Theater-Film herauskam. Unschuldig ist Corona aber daran, dass der junge Regisseur Daniel Foerster Goethes Schauspiel um Ritter-Freiheit mit Lust an deren Untergang zu einer trash-Komödie dekonstruiert hat.

Die Frage nach der Handlung in Foersters Götz von Berlichingen, nach Goethe kann man sich getrost schenken. Sie ist im herkömmlichen Sinn unverständlich. Denn was die Figuren sagen, sind und tun, bildet keinerlei sinnvollen Zusammenhang. Nicht ihr Handeln bestimmt ihr Schicksal, sondern ihr Geschlecht.

Götz von Berlichingen am emma-theater
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Das Regiekonzept, „Götz“ radikal und auch mit allen möglichen technischen filmischen Mitteln (Simon Baucks) in die Gegenwart zu zerren, ist nicht reine Willkür. Auch Goethes „Götz“ spielt in einer Umbruchs- und Untergangs-Zeit und kreist um den Gedanken der Freiheit, um die man sich aktuell durchaus Sorgen machen kann.

So wohnt die Prekariats-Sippe der Götzens, die gut in eine Reality-Soap-Serie passen würde, in einer etwa 80 m2 großen Wohnküche mit Bad (Ausstattung: Lydia Huller). Da geht es laut und etwas sexualisiert zu. Hausherr Götz (Oliver Meskendahl) ist ein großsprecherischer Raufbold mit wirrem Langhaar, der viel trinkt, behaarte Brust zeigt und sich gerne mal ans Geschlecht fasst. Den nicht ernst zu nehmenden Macho könnte man sich gut in einem illegalen Autorennen mit seinem Gegner Weislingen (Viet Anh Alexander Tran) vorstellen. Der ist ein haltloser Weichling, überschätzt sich in allem und wird schließlich von Adelheid (Juliane Böttger), die er zu beherrschen meint, mittels Gift aus ihrem Weg geräumt. Götzens etwas kleinformatigerer Freund Sickingen (Philippe Thelen) wird von dessen Schwester Maria (Magdalena Kosch) in einer langdauernden brutalen Sequenz mit schwerem Küchengerät erschlagen.

Den Männern, die ordentlich der Reihe nach zu Tode kommen, weint die Regie keine Träne nach, zelebriert vielmehr freudig deren Untergang.

Anders hält sie es mit den Frauen. Sie überleben wohl alle, selbst Elisabeth, Götzens Frau (Hannah Walter). Die blonde, sinnliche Kettenraucherin ist schon etwas fascho: in ihrer Welt haben Schwache keinen Platz. Maria, die nach einer herben Enttäuschung durch Weislingen von Sickingen zur Frau genommen wurde, wird unbesehen jeder Grund für ihren Gattenmord zugebilligt. Doch richtig gefeiert wird die planerisch überlegene, kluge Adelheid: Wenn sie am Ende mit dem androgynen Franz (Magdalena Kosch) zärtlich im Bett zusammen ist, kommt die Schlachterei an ihr Ende, ist endlich Friede. Nach dem Untergang der bösen Männerwelt geht, wenn auch mit einigen Kollateralschäden, die Sonne der neuen, weiblichen Welt der Freiheit auf.

Theater Osnabrück / Götz von Berlichingen - hier : mit Juliane Böttger als kluger Adelheit bricht die Zeit der Freiheit an. Film-Still © Theater Osnabrück

Theater Osnabrück / Götz von Berlichingen – hier : mit Juliane Böttger als kluger Adelheit bricht die Zeit der Freiheit an. Film-Still © Theater Osnabrück

Diese Idee trägt auch Carl (Katharina Kessler), der weiche Sohn Berlichingens, in die Zukunft. Schon von Beginn an will er sich von jeder geschlechtlichen und sonstigen Zuschreibung frei machen. Am Ende schminkt er sich Schwarz und entsorgt die Waffen der Männer.

Die sieben Schauspieler agieren in ihren dreizehn Rollen ganz famos, der Spaß am komödiantischen Überdrehen, das ihnen Regie und das Format Theater-Film mit Zitaten aus dem Stummfilmrepertoire, dem Western und Kriegsfilm gestatten, ist ihnen durchgängig anzumerken und springt auch auf die Betrachter über.

Zwar macht es Sinn, die Entartung der frühbürgerlichen Freiheit zu ökonomischer, sexueller und sonstiger Schrankenlosigkeit zu geißeln und sich deren Untergang herbeizuwünschen. Aber das Prekariat, das Foerster in diesem „Götz“ zeigt, zur Allgemeinheit der alten, weißen heterosexuellen etc. Männer aufzublasen, die an allem Schlechten in der Welt Schuld haben sollen, ist etwas zu billig. Dieser „Götz“ geht nur als Spaß durch und an Goethe meilenweit vorbei: „Fuck You, Goethe“ 

Der Theater-Film steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de – link HIER! –  zur Verfügung.

München, Münchner Musikseminar e.V., Beethoven – Chopin – Adventskonzert, IOCO Kritik, 26.12.2020

 Münchner Musikseminar e V / die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchner Musikseminar e V / die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchener Musikseminar e.V.

Beethoven – Chopin – Adventskonzert direkt ins Wohnzimmer

Münchener Musikseminar e.V.Urakawa Stiftung   Festliches Livestream-Konzert zur Adventszeit

von Oxana Arkaeva

„Sehr geehrte Damen und Herren! Ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu unserem online Adventskonzert. Die Adventszeit in diesem Jahr ist in der Tat besonders nachdenklich, obschon auch ungewollt. So möchten wir dazu beitragen, dass diese Zeit auch wirklich besinnlich wird.”

Münchner Musikseminar e.V. / Vorstand Nadja Preißler © Münchner Musikseminar

Münchner Musikseminar e.V. / Vorstand Nadja Preißler © Münchner Musikseminar

Mit diesen Worten eröffnete Nadja Preissler, Vorstand des Fördervereins Münchener Musikseminar e.V. die festliche online Liveübertragung des Beethoven – Chopin Klavierkonzertes mit dem Pianisten Dmitry Mayboroda. Plötzlich und unerwartet gefährdete Corona die Durchführung dieses Konzerts; aufgrund des erneuten Corona-Lockdowns konnte der ursprünglich vorgesehene italienische Pianist Alberto Ferro nicht einreisen. Nadja Preissler handelte energisch und kreativ: kurzfristig entschied sie mit der Urakawa Stiftung, die dies Konzert ebenfalls unterstützt, die Veranstaltung nicht ausfallen zu lassen sondern online als Livestream – Konzert durchzuführen. Der folgende technische und personelle Aufwand lohnte sich: Das Livestream-Konzert-Experiment des Münchener Musikseminar e.V. wurde zu einem großen Erfolg. Zuschauer und Zuhörer wurden von Beginn an von dem stimmungsvollen Ambiente des Mastermix Studios in München und dem kurzweiligen wie anspruchsvollen Programm angezogen. Bild- und Klangqualität und Gestaltung des Studios war hervorragend; mit der legeren Kleidung des Künstlers wurde dem Konzert auch optisch die ansprechende Atmosphäre eines modernen Events verliehen.

Der Künstler des Abends, der russische Pianist Dmirty Mayboroda, wohnt in München, ist seit 2020 als Pianist an der Bayerischen Staatsoper tätig. Mayboroda ist Preisträger zahlreicher internationaler Klavierwettbewerbe. Er studierte in Moskau am Tschaikowsky-Konservatorium und an der Hochschule für Musik und Theater München bei Professor Adrian Oetiker. Die Schweizer Sergej-Rachmaninow-Stiftung unterstützt den jungen Pianisten seit 2010. Für einen BBC-Film über Rachmaninow spielte Mayboroda sogar am legendären Flügel des großen Komponisten.

Festlicher Klavierabend mit Dmitry Mayboroda – Meisterwerke von Beethoven und Chopin
youtube Trailer Münchner Musikseminar
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„Heute, vor 250 Jahren“ führte Preissler weiter, „wurde in der damaligen Bonner St. Remigiuskirche das zweite Kind der Familie Beethoven getauft und wahrscheinlich vorgestern vor 250 Jahren, man weiß ja nicht genau, wurde einer der größten Musikgenies der Geschichte, und erlauben Sie mir bitte die ganz großen Worte der Menschheit geboren.“

Dieser Aussage gemäß erklang am Anfang des Abends Beethovens Klaviersonate Nr. 14 Sonata quasi una Fantasia, zumeist als Mondscheinsonate bekannt, welche Mayboroda ruhig, stets in flüssiger Bewegung, mit feiner Differenzierung aller Stimmen gespielt hat. Die schlichte Aufmachung und Haltung des Künstlers spiegelten sich in der Schlichtheit seines Spiels wider in einer stimmungsvollen Harmonie. Technische Leichtigkeit vs. Virtuosität, dynamisch fein differenziert und artikuliert, kamen zum Vorschein im zweiten Teil des Konzertes. Es folgten dann Werke von Frédéric Chopin. Man lauschte dem präzisem, klarem Spiel Mayboroda´s und fast durchsichtigen Tönen im Grande Valse Brillante, Op. 34 Nr. 1 As-Dur. Die Prélude Op. 28 Nr. 15 erklang wie ein gesungenes Cantabile, aber mit dem düsteren Touch voll der fragenden Töne. Die Andante Spianato et Grande Polonaise Brillante Op. 22 Es-Dur rundeten den gelungenen Abend mit meditativer Stimmung und technische Brillanz.

Zum Ende des Konzertabends bedankte sich Preissler auch bei der Urakawa Stiftung, die es ermöglicht hat, diesen Livestream für alle kostenlos zur Verfügung zu stellen. Sie rief auf, für das Münchener Musikseminar e.V. zu spenden, damit besonders in der schweren Corona-Gegenwart bedürftige Künstler unterstützt werden können. Außerdem will der Verein in diesem langen Winter gerne weiteren Livestream-Konzerte organisieren. Damit sich die Idee verbreiten könnte, bleibt die Aufnahme des Konzerts während der nächsten drei Wochen bis zum ca. 15. Januar 2021 unter dem YouTube Link frei verfügbar. Spenden können auf das Konto Münchener Musikseminar, Stadtsparkasse München, DE91 7015 0000 0013 1172 96, BIC: SSKMDEMMXXX oder an das PayPal Konto des Vereines: mail@musikseminar.eu überwiesen werden.

„Ich wünsche ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit. Fühlen Sie sich nicht einsam. Es gibt keine Einsamkeit, solange wir Kunst und Musik haben“, beschloss Nadja Preissler ihre Ansprache. Wie lange auch dieser eigenartige Kulturwinter 2020/21 andauern mag, an diesem Abend ist keiner der Zuhörer einsam geblieben

—| IOCO Kritik Münchner Musikseminar |—

Nationaltheater-Orchester Mannheim, Musikalische Akademie – WAGNER / MOZART / STRAUSS, IOCO DVD-Rezension, 02.12.2020

 Nationaltheater-Orchester Mannheim - Musikalische Akademie - ARTHAUS MUSIK -  Bestellnummer 10330975

Nationaltheater-Orchester Mannheim – Musikalische Akademie – ARTHAUS MUSIK – Bestellnummer 10330975

Musikalische Akademie – Nationaltheater-Orchester Mannheim

WAGNER /  MOZART / STRAUSS
ARTHAUS MUSIK – DVD – Bestellnummer: 10330975

von Uschi Reifenberg

Der erste Lockdown im Frühjahr traf die gesamte Branche aller Kulturschaffenden mit unvorbereiteter Härte. Durch die erneute Schließung aller Kulturinstitutionen im November werden Künstler nun endgültig zu den traurigen Verlierern der Pandemie mit unvorhersehbaren Folgen. Auch die Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchester Mannheim musste in dieser Zeit drei ihrer geplanten Akademiekonzerte absagen, der Probenbetrieb wurde komplett eingestellt, was „eine singuläre Situation in 242 Jahre Akademiegeschichte“ darstellt, erklärte Marc Sickel, der geschäftsführende Intendant des Nationaltheater Mannheim.

Keine gemeinsamen Projekte entwickeln zu können, sich nicht zum Proben zu treffen, das „bedeutet den Entzug unserer Arbeitsgrundlage: (… ) es fehlt die direkte Kommunikation mit dem Publikum, mit dem man sich über die Kunst verständigen will“, so Generalmusikdirektor Alexander Soddy.

Alexander Soddy, Dirigent – Nikola Hillebrand, Sopran – Musikalische Akademie

Fritjof von Gagern, 1.Vorsitzender der Musikalischen Akademie ergänzt: „Ein großes, ein künstlerisch wertvolles Projekt war unbedingt erforderlich, um die Qualitäten des Nationaltheater-Orchesters nicht zu gefährden.“ Dies ist in einem beeindruckenden Konzertfilm, der nun als DVD erschienen ist, in höchstem Maße gelungen.

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Die Aufnahme erfolgte Im Studio des Rhein-Neckar Fernsehen, es wurde selbstverständlich ein spezielles Hygiene- und Abstandskonzept erarbeitet, welches allen beteiligten Musikern und Beschäftigten im Studio höchste Sicherheit garantierte. Alexander Soddy und das Nationaltheater-Orchester stellten mit Werken der Komponisten Richard Wagner, Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Strauss ein exemplarisches Programm zusammen, welches die herausragende Qualität aller Beteiligten eindrucksvoll unter Beweis stellt. „Mit dem Fernsehkonzert wollen wir uns aber vor allem auch bei unserem Publikum bedanken, ohne dessen Unterstützung unsere Akademiekonzerte wahrscheinlich vor dem Aus stünden,“ erklärte Fritjof von Gagern. Er hoffe, (…) neben Klassik-Liebhabern auch neue Publikumsschichten zu erreichen und für klassische Musik begeistern zu können.

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Richard Wagners Siegfried Idyll, seine wohl persönlichste und intimste Komposition, ist aufs engste mit seinem Leben verflochten und gilt als musikalisches Bekenntnis jener glücklichen Zeit, die Wagner mit seiner Familie in seinem Haus in Tribschen am Vierwaldstätter See bei Luzern verbrachte. Wagner hatte das Werk heimlich komponiert, sowohl als Geburtstagsgeschenk für seine Frau Cosima als auch aus Dankbarkeit über die Geburt seines Sohnes Siegfried, der 1869 das Licht der Welt erblickte. Uraufgeführt wurde dieses einsätzige Instrumentalstück am 25. Dezember 1870 als „Ständchen“ in kammermusikalischer Besetzung mit 13 Musikern im Treppenhaus von Wagners Villa unter seiner Leitung.

Aus dem Tribschener Familien Idyll wurde das Siegfried Idyll, das im doppelten Sinn auf seinen Sohn Siegfried, genannt Fidi, verweist wie auf das Musikdrama Siegfried, den 3.Teil des Ring des Nibelungen, an welchem Wagner zeitgleich arbeitete.

„Tribschener Idyll mit Fidi- Vogelgesang und Orange -Sonnenaufgang, als Symphonischer Geburtstagsgruss. Seiner Cosima dargebracht von ihrem Richard“, lautet der vollständige Titel der Handschrift und ist eine sinfonische Dichtung mit Anleihen thematischen Materials aus der Partitur des Siegfried. In Wagners musikalische Liebeserklärung an Cosima fliessen hauptsächlich Motive aus dem 3. Akt des Siegfried ein, in dem die Feier der Liebe von Siegfried und Brünnhildezum alles überragenden Thema wird. Motive aus dem „Waldweben“, ein Wiegenliedchen für den kleinen Siegfried, Vogel-, und beziehungsreiche Hornrufe verwebt Wagner in kontrapunktischer Kunstfertigkeit zu einem verinnerlichten, impressionistisch angehauchten musikalischen Kleinod.

Später erweiterte Wagner die Streicherbesetzung des Siegfried-Idyll und führte diese Fassung für größeres Orchester 1871 in Mannheim auf, organisiert von Emil Heckel, dem Gründer des ersten Wagner.Verbandes weltweit.

Musikalische Akademie - GMD Alexander Soddy © Gerard Collett

Musikalische Akademie – GMD Alexander Soddy © Gerard Collett

GMD Alexander Soddy und seine 13 hervorragend disponierten Musiker lassen in Richard Wagners  Siegfried-Idyll die Klangwelt zwischen Kammermusik und Sinfonik ideal verschmelzen. Mit sattem, dunklem Klang der Streicher beginnt die Einleitung, darüber spinnt die erste Violine mit fast klagendem Tonfall eine lange melodische Linie, die übergeht in das Hauptthema, dem „Reinheits-Motiv“ aus dem Musikdrama Siegfried. Vorherrschend ist hier in weiten Teilen eine elegische, vielleicht etwas zu dunkel timbrierte Farbgebung, die Soddy aber zunehmend aufhellt und damit zu jener Freude und positiven Grundstimmung findet, die Wagner in diesem sinfonischen Naturgemälde zum Ausdruck brachte. Soddy setzt auf Klarheit und kammermusikalische Transparenz. Er gestaltet mit großer Sensibilität feine Linien, welche bis in kleinste Verästelungen der Soloinstrumente wunderbar ausmusiziert werden. Die Farbpalette der einzelnen Instrumente wird differenziert ausgeleuchtet, gekonnt spürt er den Spannungsverläufen der wagnerischen Endlosbögen nach, die sich nach emphatischen Aufschwüngen in erlösender Ruhe entladen. Beglückend präzise und fein artikuliert geraten die Bläsereinsätze, vor allem im zart getupften Wiegenliedchen-Thema in der Oboe, oder den Vogelrufen der Flöte. Piano Passagen in lyrischer Verinnerlichung verdichten sich in lang angelegten Steigerungen zum jubilierenden Höhepunkt wie beim „Liebesbund-Motiv“ eindrucksvoll gelungen. Soddy erweist sich auch in diesem filigranen Werk als vorzüglicher Wagner Dirigent.

Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchester Mannheim

WAGNER /  MOZART / STRAUSS
ARTHAUS MUSIK – DVD – Bestellnummer: 10330975

Mit zwei Konzertarien von Wolfgang Amadeus Mozart „Mia speranza adorata“ und „No,no, che non sei capace“, die Mozart für die „geläufige Gurgel“ von Aloysia Weber komponiert hatte, bietet die junge Sopranistin Nikola Hillebrand eine beeindruckende Kostprobe ihrer virtuosen Gesangskunst. Von 2016 bis 2020 war sie Mitglied im Ensemble des Nationaltheater Mannheim, wo sie u.a. in Partien wie Königin der Nacht, Gilda oder Sophie im Rosenkavalier zu hören war. 2020 wechselte sie an die Dresdner Semperoper.

Nikola Hillebrand © Guido Werner

Nikola Hillebrand © Guido Werner

Nikola Hillebrand ist als Konzertsängerin international unterwegs, 2019 gewann sie den internationalen Wettbewerb Das Lied. Für Nikola Hillebrand „… verbindet sich in Mozarts Konzertarien alles miteinander“, was auch in seinen Opern zu finden ist. „… Dramatik, Lyrik, Koloratur. Es ist ein bisschen wie ein Gemisch aus verschiedenen Partien meines Repertoires- quasi eine Begegnung von Konstanze und Königin der Nacht. Eine Herausforderung, der ich mich nur zu gern stelle!

Dieser Herausforderung wird die anmutige Sängerin mit der starken Bühnenpräsenz in den immens schwierigen Arien fast durchweg gerecht. Ihr absolut höhensicherer lyrischer Sopran verfügt über eine breite Ausdrucksskala und wird in allen Lagen klangschön geführt. Mit viel Sensibilität spürt sie Mozarts Gefühlstiefe nach und weiß jeden Stimmungswechsel glaubhaft zu färben. Ihre Koloraturen perlen brillant und mühelos, Verzierungen geraten intonationssicher und leicht. Ihre Spitzentöne gelingen unforciert, kommen mit großer Leuchtkraft und melodische Bögen werden klug phrasiert. Alexander Soddy und die Musiker des Nationaltheater-Orchester begleiteten die Sopranistin höchst einfühlsam mit perfektem „Mozart-Sound“.

 Richard Strauss - hier :  Büste in Walhalla © IOCO / HGallee

Richard Strauss – hier : Büste in Walhalla © IOCO / HGallee

Richard StraussMetamorphosen für 23 Solostreicher“ ist ein Werk der Verinnerlichung, der Trauer und des Abschieds. Die Katastrophe des 2. Weltkrieges und die damit verbundenen persönlichen Erfahrungen des alternden Tondichters, insbesondere die Verzweiflung über die Zerstörung der von Strauss innig geliebten Kulturstätten wie dem Goethehaus oder der Münchner Oper, fließen in erschütternder Weise in dieses Werk ein.
Strauss notierte: „Am 1.Mai endete die schrecklichste Zeit der Menschheit. 12 Jahre lang regierten Bestialität, Ignoranz und das Analphabetentum unter der Leitung der größten Verbrecher. Gleichzeitig wurden die Früchte der deutschen kulturellen Entwicklung, die sich in 2000 Jahren entwickelten, dem Aussterben ausgeliefert und unersetzliche Gebäude und Kunstwerke durch kriminellen Soldatenpöbel zerstört. (…)“.

Fertiggestellt wurden die „Metamorphosen“ in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs, im April 1945 in seiner Villa in Garmisch Partenkirchen, 1946 wurden das Werk in Zürich uraufgeführt. Strauss schreibt: „Der Brand des Münchner Hoftheaters (…), wo mein guter Vater 49 Jahre im Orchester am 1.Horn saß (…), es war die größte Katastrophe, die je in mein Leben eingebrochen ist (…)“.

Es ist sein letztes Orchesterwerk, eine Trauerarbeit, rätselhaft und voller Bezüge, Assoziationen und Verweise. Strauss nimmt Abschied von der alten Welt, der untergegangenen abendländischen Kultur und wohl auch von seinem eigenen Schaffen. Der Titel „Metamorphosen“, Verwandlungen, also das Prinzip stetiger Veränderung, lässt vielfältige Deutungen zu. Das Thema der Verwandlung zieht sich leitmotivartig durch Strauss‘ Opernschaffen, seine damalige Beschäftigung mit Goethes Metamorphosenlehre hatte wohl auch entscheidenden Einfluss auf den Titel des Werkes.

Die 23 mit Hingabe musizierenden Streicher entwickeln unter Alexander Soddys suggestivem Dirigat hohes spieltechnisches Niveau, bestechen mit Synchronität und makelloser Intonation. Soddy bewegt sich gekonnt zwischen kammermusikalischer Intimität und opulentem sinfonischem Streicherklang und breitet über den expansiven Adagio-Satz düstere Schleier der Melancholie. In einem endlosen Lamentoso spüren die ausgezeichneten Streichersolisten durch verschlungene harmonische Pfade den Abgründen von Strauss‘ hochexpressiver Komposition nach.

Der Vielgestaltigkeit der Motive, ihrer Veränderungen und Entwicklungen entspricht eine differenzierte Ausdrucks- und Farbpalette, jede einzelne Stimme trägt zum ideal austarierten und abgerundeten Klangbild bei. Alle zusammen finden sich in kollektiver Verschmelzung der Wehmut vereint. Leise Anklänge der Hoffnung scheinen im bewegteren Mittelteil auf, der Klangstrom wird gebündelt, das motivische Geflecht verdichtet. Mit sinnlich betörenden Streicherwogen führt Soddy in einer groß angelegten vorwärtsdrängenden Steigerung das emphatisch aufspielender Orchester zu einem dramatischen Höhepunkt, um danach bruchlos und mit großer Ruhe wieder den langsamen Anfangsduktus des Adagio aufzunehmen.

Das eigentliche Thema, das immer wieder aufscheint, aber erst am Schluss in seiner Vollständigkeit vom Kontrabass zitiert wird, ist ein Hauptbezugspunkt des Werkes: Beethovens Trauermarschthema aus dem 2. Satz der 3. Sinfonie, der Eroica. Strauss schreibt an dieser Stelle in der Partitur: „IN MEMORIAM“. Mit Beethovens Heldenthema wird hier von Strauss symbolisch die klassisch- romantische Kompositionsweise zu Grabe getragen wie auch ihre Entwicklung bis 1945.

—| IOCO DVD-Rezension |—

Münster, Theater Münster, Das Tagebuch der Anne Frank – Grigori Frid, IOCO Kritik, 30.11.2020

November 28, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Münster

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Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

Das Tagebuch der Anne Frank – Monooper von Grigori Frid

Angst und Lebenshunger in der Isolation
Kathrin Filip ist Anne Frank

>von Hanns Butterhof

Mit der Monooper Das Tagebuch der Anne Frank ist dem russischen Komponisten Grigori Frid (1915 – 2012) gelungen, was kaum vorstellbar ist. Er hat zu einer Handvoll Seiten aus dem Tagebuch des jüdischen, im KZ Bergen-Belsen gestorbenen Mädchens eine unerwartet menschliche Oper geschaffen. In der puristischen Klavierfassung beeindruckt Kathrin Filip tief am Kleinen Haus des Theater Münster.

Das Tagebuch der Anne Frank – Monooper von Grigori Frid
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Aus einem Seiteneingang wie von draußen kommt Kathrin Filip in den Zuschauerraum. Sie kommt in ihrem offenen Mantel und den weißen Schnürschuhen mit dem Rucksack (Bühne und Kostüme: Melanie Walter) wie aus der Schule. Auf der grau verhangenen Bühne stimmt sie wortlos das Publikum zum Mitsummen ein: „Viel Glück und viel Segen…“, denn sie hat als Anne Frank 13. Geburtstag. Zu diesem Anlass hat sie das Tagebuch von ihren Eltern bekommen, das sie bis zu ihrer Deportation im August 1944 führen wird.

Es ist ein besonderes Merkmal der Regie von Jan Holtappels, dass er Anne Frank nicht als heldenhaftes Idol oder mahnendes Opfer inszeniert. Er führt sie kammerspielartig nah an das Publikum, zeigt sie als ein heranwachsendes Mädchen in ihrer langwierigen Isolation mit ihren Ängsten, ihrer Kraft und ihrem Lebenshunger.

Dass dies gelingt ist fast ein Wunder, denn die Musik Grigori Frids ist sperrig. Fabian Liesenfeld am Klavier biedert sich nicht an mit den Klang-Clustern und wuchtig angeschlagenen Einzeltönen auf tiefen Akkorden. Sie halten das Gefühl für die Isolation Anne Franks und ihr schreckliches Ende durchgängig aufrecht. Selten sind Klangmalereien vernehmlich wie der Glockenschlag des Westerturms, den Anne in ihrem Versteck hört, oder der Marschtritt der alliierten Soldaten bei der Invasion Italiens, von der sie aus den BBC-Nachrichten erfährt. Nur bei ihrer Erinnerung an die Zeit der Freiheit klingt ganz kurz Melodisches auf, und wenn sie einfach nur ein heranwachsendes Mädchen ist, das auch Liebes- und Glücksgefühle kennt, dann swingt die Musik, jazzt der Pianist ausgelassen, und Anne tanzt dazu.

Theater Münster / Das Tagebuch der Anne Frank - hier: Kathrin Filip als Anne Frank sieht ihr Ende voraus © Oliver Berg

Theater Münster / Das Tagebuch der Anne Frank – hier: Kathrin Filip als Anne Frank sieht ihr Ende voraus © Oliver Berg

Das Tagebuch, aus dem Frid fast wortgetreu das Libretto verfasst hat, fordert zwingend viel Sprechgesang. Kathrin Filip gestaltet ihn in durchgängig hoher Sopranlage beeindruckend variabel. Sie nimmt das Publikum mit in ihre Ängste und Träume, in ihr Alleinsein trotz der Anwesenheit ihrer Eltern und der Familie Daans, deren Dialoge sie überschäumend in einem Sketch parodiert. Im von vielen schwach glimmenden Lämpchen kaum erhellten Dachboden träumt sie von Liebe, vom Frau-Werden einen ergreifend konservativen Traum von Ausschließlichkeit und lebenslanger Treue. Doch am Ende sieht sie sich selber (Lucia Hasenburg mit Anne Frank – Maske), wie sie ihr Tagebuch liest und Asche aus Eimern auf den Boden schüttet – eine ergreifend vorahnende Geste der Hoffnungslosigkeit.

Dann verstummt die Musik und das Licht verlöscht. Nach fünfundsiebzig Minuten des in aller Schmerzlichkeit bewegenden Opernabends und einer außerordentlich langen Pause der Betroffenheit langer Beifall für eine fesselnde Kathrin Filip und ihren beeindruckenden Begleiter am Klavier, Fabian Liesenfeld.

Ds Tagebuch der Anne Frank im Theater Münster: angekündigt nächster Termin nach dem November-Lockdown war 13.12.2020; doch auch dieser Termin ist inzwischen nicht mehr aktuell. Bitte informieren Sie sich zu aktuellen Terminen direkt:  Theater Münster


Amsterdam / Das Haus der Anne Frank - Amsterdam Prinsengracht 263  © IOCO

Amsterdam / Das Haus der Anne Frank – Amsterdam Prinsengracht 263  © IOCO

Das Anne-Frank-Haus heute – Amsterdam – Prinsengracht 263

Im Vorderhaus dieses Gebäudes hatten damals mehrere Firmen ihren Sitz; auch Anne Franks Vater, Otto Frank, als Unternehmer. Anne Frank zog mit ihrer Familie und Angestellten in dieses Gebäude, Prinsengracht 263. Das Hinterhaus dieses Gebäudes war von der Strasse her nicht einsichtig; es wurde für mehrere jüdische Personen, so von Vater Otto Frank, Mutter Frau Edith Frank-Holländer und deren Kinder Margot und Anne (Annelies Marie „Anne“ Frank, * 12. Juni 1929 in Frankfurt)  zum „Schutzraum“. Am 4. August 1944 wurden die Otto Frank, Edith Frank-Holländer, Margot, Anne und andere Bewohner verraten,  von der Gestapo verhaftet und zunächst nach Auschwitz deportiert. Anne und Margot starben vermutlich im KZ Bergen-Belsen im Februar 1945. Otto Frank überlebte als einziger der Familie die Grauen der NAZI-Diktatur; er starb 1980. Das Tagebuch der Anne Frank retteten Mitbewohner der Prinsengracht vor Räumung des Gebäudes.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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