Münster, Theater Münster, BRD-Trilogie – Rainer Werner Fassbinder, IOCO Kritik, 12.10.2019

Oktober 12, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

BRD-Trilogie _  Schauspiel von Rainer Werner Fassbinder

– Geld frisst die Liebe auf –

von Hanns Butterhof

Die jüngere deutsche Vergangenheit vom Nachkrieg bis zum Wirtschaftswunder hat Rainer Werner Fassbinder, ein Großer des Neuen Deutschen Films, in drei seiner Filme grell beleuchtet. Seine BRD-Trilogie mit Die Ehe der Maria Braun (1978), Lola (1981) und Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982) hat das Theater Münster als vierstündiges Schauspiel auf die Bühne gestemmt, um darüber die deutsche Gegenwart besser zu verstehen.

Für das Stück hat Peter Scior einen abstrakten Einheitsraum um das Rund der Drehbühne geschaffen, die sich mit zwei weißen Schalen halb oder ganz umschließen lässt. Was sich dann in dessen Innenraum abspielt, wird per Direkt-Kamera auf die Außenwand übertragen, die als Leinwand auch für Filmzitate aller Art dient. Es wird viel und schön gesungen, live auf der Bühne begleitet von Dominik Hahn, Jürgen Knautz und Martin Speight.

Theater Münster / BRD Trilogie von Rainer Werner Fassbinder - hier :  Maria Braun wird Unternehmerin © Marion Bührle

Theater Münster / BRD Trilogie von Rainer Werner Fassbinder – hier : Maria Braun wird Unternehmerin © Marion Bührle

Die wesentlichen Szenen aus den Filmen finden meist auf dem schmalen Streifen vor der Drehbühne statt. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen, die Liebe und das Geld. Rose Lohmann entwickelt sich als Maria Braun überzeugend von der liebenden Braut ihres gefallen geglaubten Manns Hermann (Ilja Harjes) zur einer harten Geschäftsfrau, die ihre Liebe in sich verschließt. Ihren GI-Lover erschlägt sie, als Hermann überraschend zurückkehrt. Während er diese Tat auf sich nimmt und dafür ins Gefängnis geht, macht sich Maria für einen Unternehmer und sein Geschäft unentbehrlich. Bei seinem Tod erbt sie die Hälfte seines Besitzes. Als sie erfährt, dass Hermann die andere Hälfte erbt, weil er Maria vertraglich an den Unternehmer abgetreten hatte, erfährt sich die selbstbestimmte Maria als verkauftes Objekt männlicher Verfügung. Die Zeit der Trümmerfrauen-Power ist vorbei.

An dieser Zeit hat Ufa-Star Veronika Voss gar keinen Anteil. Carola von Seckendorff verleiht ihr in schwarzweiß-Optik und Silberkleid (Kostüme: Lili Wanner) eine anrührende Künstlichkeit. Die Enttäuschung über das Ende ihrer Karriere nach den Erfolgen im III. Reich betäubt sie mit Alkohol und Morphium und stirbt schließlich, von einer zynischen Ärztin ausgebeutet, filmreif an ein Hakenkreuz genagelt.

 Theater Münster / BRD-Trilogie von Rainer Werner Fassbinder - hier : Lola, die Bordell-Sängerin, wird zum Wirtschaftswunderkind © Marion Bührle

Theater Münster / BRD-Trilogie von Rainer Werner Fassbinder – hier : Lola, die Bordell-Sängerin, wird zum Wirtschaftswunderkind © Marion Bührle

Als erste der drei Frauen springt die Bordell-Sängerin Lola kopfüber in den Strudel der neuen Zeit des Wirtschaftswunders. Sandra Schreiber spielt sie mitreißend als pfiffige Göre, die nicht auf ihr Herz hört. Sie benützt die Liebe des Baudezernenten von Bohm (Ilja Harjes) bedenkenlos als Hebel, um ihn korrumpierbar zu machen und als seine Frau in die verkommenen „besseren Kreise“ aufzusteigen. Die Gier nach Geld hat das Herz völlig aufgefressen.

Regisseur Frank Behnke entfaltet viel technischen Aufwand, um den Textmengen Leben und dem Ensemble, das sich mit Elan in die vielen Rollen stürzt, Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Viele Szenen haben den Charme von Comic-Zeichnungen mit Sprechblasen und werden bei mancher Länge den Eindruck nicht los, dass Film nachgespielt wird.

Das bessere Verständnis der deutschen Gegenwart hält sich nach dem langen Rückblick auf die frühe Bundesrepublik in Grenzen, doch sein nostalgischer Wert ist beträchtlich.

Nach vier Stunden viel Beifall für die dreizehn Schauspieler aller Rollen und die Band.

BRD-Trilogie am Theater Münster; die nächsten Termine: 17., 19. und 22., jeweils um 19.00 Uhr, am 20. um 18.00 und am 27. um 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Linz, Landestheater Linz, The rape of Lucretia – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 12.10.2019

Oktober 11, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Landestheater Linz, Oper


Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 The rape of Lucretia – Benjamin Britten

– Too late, Lucretia, too late! – or –  I refuse! –

von  Elisabeth König

 Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Gedenkmuschel für Benjamin Britten am Strand seines Heimatorts Snape Maltings © IOCO

Benjamin Brittens dritte Oper, die Kammeroper rund um Ehre und Vernichtung einer treuen Frau wurde 1946 in Glyndebourne mit Kathleen Ferrier in der Titelrolle uraufgeführt. Das Libretto der Oper in zwei Akten schrieb Ronald Duncan nach dem Schauspiel Le Viol de Lucrèce von André Obey. Die Kammeroper arbeitet mit minimalen Mitteln zu großem Effekt; der griechische Chor ist auf zwei Erzähler reduziert und auch das nur 14 Instrumente umfassende Kammerorchester erzielt überraschend volle große Klangmomente.

Dennoch sollte der Oper historisch nur geringer Erfolg beschieden sein. Die Abstraktion der Handlung, die hochkomplexe Tonwelt, in die nur selten melodische Stimmführung einbricht, und die Bezugnahme auf christliche Mythologie und Erlösungsmetaphern (in einer Handlung ca 500 Jahre vor Christi Geburt), schaffen ein höchst vielschichtiges Werk, in welchem Britten nicht nur die Geschichte einer Vergewaltigung erzählt, sondern auch anschließt an den Gründungsmythos der römischen Republik und des christlichen Abendlandes.

In der in der Black Box des Landestheater Linz zur Aufführung gebrachten Produktion der Oberösterreichischen Opernstudios gelingt es der Inszenierung von Opernstudiochef Gregor Horres, mit simplen Mitteln szenenweise ungeheuer starke Momente auf die Bühne zu bringen.

The rape of Lucretia – Benjamin Britten
youtube Trailer des Landestheater Linz
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Auf der als Laufsteg zwischen zwei Publikumstribünen konzipierten Bühne mit dem Orchester an der einen Längsseite und einem simplen Bühnenbild bestehend aus drei Zugtüren auf der anderen, spielten die SängerInnen mehr oder minder von allen Seiten umzingelt. Dies ermöglichte gewisse szenische Freiheiten und band das Publikum gelungen in das Stück mit ein, ließ es sozusagen zu Mitleidenden und Mittätern werden. Es erschwerte jedoch auch in manchen Momenten die emotionale und dramatische Steigerung. Die schauspielerische Stringenz war stellenweise unterbrochen durch Momente nicht inszenierten Stillstands bzw. Spannungsabfalls. In den Momenten der inszenierten Paralyse jedoch beginnt das Stück zu atmen und die SängerInnen schaffen große emotionale Momente, die sich auf das Publikum übertragen.

Die jungen SängerInnen waren durchweg von hohem Niveau, und meisterten akustische Herausforderungen des nicht unkomplizierten und trockenen Raumes ebenso mit Bravour wie mit musikalischer Präzision.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Timothy Connor und Svenja Isabella Kallweit © Petra Moser

Rafael Helbig-Kostka in der Rolle des Erzähler /Männerchores beeindruckte mit perfekter nahezu britisch-klarer Diktion, eleganter Phrasierung und einem schönen, weichen Tenor, den man sich sowohl als Rodolfo in La Bohème als auch auf einer Lied-Bühne überzeugend vorstellen kann. Obgleich nur Beobachter und Berichterstatter, vermochte er es doch, mit emotionaler Tiefe und berührender Empathie mit den handelnden Personen auch dem Publikum als emotionaler Haltepunkt im Stück zu dienen.

Svenja Isabella Kallweit als sein weiblicher Gegenpart in der Rolle der Erzählerin /Frauenchores, zeigte nach einer kurzen Einsingphase einen klaren Sopran mit runder dramatischer Mittellage. Ihre perfekte Umsetzung der anfänglich unemotional beobachtenden und kommentierenden „Nachrichtenlady“ wich mit den Gräueln gegen die weiblichen Charaktere immer mehr einem Mitleiden und empathischer Identifikation.

Generell war die Verbindung von Erzähler und Erzählerin mit den handelnden Charakteren ihres jeweiligen Geschlechtes, die ja auch von Britten so komponiert ist, szenisch gelungen umgesetzt; besonders, wenn der Erzähler zum Sprachrohr der inneren Vorgänge des Tarquinius wird, und auch im Außen als sein szenischer Spiegel dient.

Als Prinz Tarquinius wusste Timothy Connor mit einer reifen und erwachsen-profunden Stimme zu überzeugen. Er vermochte es, von Anfang an eine gewaltbereite Virilität zu präsentieren, die in ihrer Aggression jeden Augenblick hervorzubrechen droht. Hieraus seine geifernd-lechzende Anziehung zu Lucrezia zu entspinnen, setzte das Publikum von Anfang an gekonnt unter psychologischen Druck und warf die Schatten der Tat voraus.

Philipp Kranjc in der Rolle des Collatinus, des mit Lucretia verheirateten römischen Generals, besticht mit schöner, weicher Stimme, und überzeugender und eleganter schauspielerischer Leistung. Der koreanische Bariton Seunggyeong Lee überzeugte in der Rolle des moralisch unambizionierten und maliziös stichelnden römischen Generals Junius.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble © Petra Moser

Florence Losseau in der Titelpartie der keuschen Lucretia begeistert mit schönem, warmen Alt, der sich stückbedingt nur selten zu dramatischen Ausbrüchen aufschwingen darf, jedoch mit klar verständlicher Diktion und Emotionalität punktet. Ihre großartige schauspielerische Leistung geht Hand in Hand mit Verständnis für die Menschlichkeit Lucretias und berührt in ihrer würdevollen Verzweiflung umso mehr. In der Rolle ihrer Amme Bianca weiß Sinja Maschke zu überzeugen und Etelka Sellei als Dienerin Lucia zeigt flötende Höhen und zierliche Piani.

Die feinfühlige und dynamische musikalische Leitung des Abends oblag Leslie Suganandarajah, dem neuen musikalischen Leiter des Salzburger Landestheaters, der mit seinem klaren, verständlichen Dirigat und hoher Energie Orchester wie Sänger sicher durch die trügerischen Klippen von Brittens Musik führte und dabei auch sichtbar gute Laune hatte und verbreitete. Das Linzer Bruckner Orchester spielte an diesem Abend souverän, wenn auch leider mit ein, zwei kleinen „Verstimmungen“. Sehr gelungen war auch das Wechselspiel von Orchestern und Sängern, das durch die räumliche Aufteilung entstand und das Publikum in das Bühnengeschehen miteinzubinden vermochte.

Die Bühnengestaltung von Jan Bammes, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, war schlicht, aber effektvoll: drei Türen, die Einblicke in das Leben der Charaktere ermöglichen, wie auch Brittens Oper in ihrer periodenhaften Behandlung des Stoffes Einblicke in deren Seelen bietet. Das Bühnenbild dient zusätzlich als Projektionsfläche für zwei Schlüsselszenen der Oper und wird von Regisseur Gregor Horres multifunktionell eingesetzt.

Landestheater Linz / The rape of Lucretia - hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Landestheater Linz / The rape of Lucretia – hier : Ensemble hier Philipp Kranjc und Florence Losseau © Petra Moser

Hervorzuheben sind zwei Momente dieser Oper, die notorisch schwierig darzustellen sind  und vom Regisseur meisterhaft gelöst wurden. Tarquinius‘ lustgeifernder nächtlicher Ritt nach Rom ist als projizierte Autofahrt durch die reizüberflutenden Straßen Roms dargestellt, deren stilisierte Bilder mehr und mehr den Fokus verlieren, bis er schließlich bei Lucretia ankommt.

Die Vergewaltigungsszene fand – entgegen befürchteter Gewaltexzesse im Stil des deutschen Regietheaters – hinter verschlossenen Türen statt. Lucretia wird an den Haaren von der Bühne geschleift, und die Türe schließt sich, um einer Projektion eines eine Gazelle jagenden Geparden Platz zu machen. Die Gleichsetzung der Vergewaltigung mit einem Tötungsakt im Tierreich ist ein eindrucksvolles Bild und kann als Metapher für den ganzen Abend dienen.

Männer werden hier mit Raubtieren gleichgesetzt, die in ihrem Egoismus über Leben und Ehre, Frauenschicksale und Tod verfügen. Die Tyrannei der etruskischen Regierung Tarquinius über das wehrlose römische Volk ist widergespiegelt in der Tyrannei seines Sohnes über die wehrlose und schuldlose Frau.

Vergewaltigung ist nicht nur körperlicher Besitz, es ist Besitzergreifung der Identität und Seele des Opfers und absolute Macht über dieses. Lucretias Integrität und Charakter muss nicht nur in Frage gestellt werden, sie muss vernichtet und ausgelöscht werden durch private Schmach und öffentlich-politische Demütigung. Auch die Liebe ihres Gatten vermag den traumatischen Übergriff nicht auszulöschen. Die Vergewaltigung bedeutet für sie nicht nur Schande, sie bedeutet die komplette Eradikation alles Guten in ihrer Welt, und angesichts dieser Auslöschung ist ihr einziger Weg der Tod.

Generell hervorzuheben ist die szenische Eleganz, mit der das schwierige Thema behandelt war. In einer Zeit, in der #metoo aus dem Theatergeschehen auf vielfältige Weise nicht wegzudenken ist, versetzte der Regisseur den Gewaltakt in die Vorstellung und Fantasie des Publikums, anstatt ihn tatsächlich auf der Bühne stattfinden zu lassen.

So dankbar das Publikums schien, nicht mit der rohen Brutalität einer aktiv sichtbaren Vergewaltigung umgehen zu müssen, und so gelungen die Bilder Ersatz und Erklärung boten, so erstaunlich wenig Schockwirkung schien die Szene tatsächlich auszulösen. Erst das Erwachen Lucretias am Morgen danach und ihre Reaktion lösten diese aus. Ob dies genug Appell gegen die Schändung und Auslöschung einer Frau war, möge sich jeder in den kommenden Vorstellungen selbst beantworten.

Das Nachspiel, in welchem die menschliche und drückende Hoffnungslosigkeit der Figuren durch die Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz gelindert und überhöht wird, scheint angesichts der weltweiten Realität nahezu zynisch zu klingen. Und doch kann der Mensch angesichts der erschütternden Tragödie nur mit dem Glauben und der Hoffnung auf ein besseres Morgen weiterleben.

Mit diesem Hoffnungsschimmer endete ein aufwühlender und doch toller Opern-Abend

The rape of Lucretia am Landestheater Linz; die weiteren Vorstellungen 12.10.; 17.10.2019

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Wien, Neue Oper Wien, MuseumsQuartier, Angels in America – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 10, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Musical, Neue Oper Wien

Neue Oper Wien

Museumsquartier Wien © Marcus Haimerl

Museumsquartier Wien © Marcus Haimerl

Angels in America  –  Peter Eötvös

– Endzeitängste begegnen den Bürger eines Landes –

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung von Peter Eötvös´ Oper Angels in America nach dem 1991 uraufgeführten Theaterstück von Tony Kushner bleibt die Neue Oper Wien ihrem Prinzip treu, Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert aufzuführen und damit eine Lücke in der Wiener Kulturlandschaft zu schließen.

Tony Kushners mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück beschäftigt sich mit dem Amerika der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts und drückt die Endzeitängste einer Nation im Angesicht der Aids-Epidemie sowie der politischen und ökologischen Bedrohungen (Ozonloch, Reaktorkatastrophe von Tschernobyl) und der gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit aus. Dazu Tony Kushner, 1992: „Aids zeigt uns die Grenzen der Toleranz (…) und, dass unterhalb der Toleranz ein intensiver, leidenschaftlicher Hass liegt.“

Anders als in Kushners Stück, wird in Eötvös´ Oper Angels of America der politischen Ära der Präsidentschaft Ronald Reagans weniger Platz eingeräumt.

 Museumsquartier Wien / Angels in America - hier : Caroline Melzer als Engel von Amerika © Armin Bardel

Museumsquartier Wien / Angels in America – hier : Caroline Melzer als Engel von Amerika © Armin Bardel

Dazu schreibt Peter Eötvös über seine Komposition: „Halluzination und Realität gehen in diesem Stück nahtlos ineinander über. In der Opernversion lege ich weniger Akzent auf die politische Linie als Kushner, vielmehr konzentriere ich mich auf die leidenschaftlichen Beziehungen, auf die hochdramatische Spannung des wunderbaren Textes, auf den permanent schwebenden Zustand der Visionen.“

Tony Kushners zweiteiliges Theaterstück (Teil 1 Millenium Approaches und Teil 2 Perestroika) mit einer Gesamtspielzeit von knapp 7 ½ Stunden wurde von Mari Mezei, Ehefrau und kreative Partnerin von Peter Eötvös, in ein knapp dreistündiges Libretto zusammengefasst. Das Stück wurde für acht Schauspieler geschrieben, die zwei oder mehrere Rollen übernehmen, was von der Librettistin beibehalten wurde. Anders als beispielsweise Peter Eötvös Oper „Tri sestri“, die am aktuellen Spielplan der Wiener Staatsoper steht, integriert Eötvös in Angels in America Jazz-, Rock- und Musicalelemente im Zusammenklang mit Alltagsgeräuschen, aus denen sich viele Formen des Gesangs ergeben: Von freiem Sprechen bis hin zu opernhaften Koloraturgesängen.

Die Handlung spielt in New York und beginnt im Oktober 1985, sie endet mit dem Epilog im Januar 1990. Prior Walter gesteht seinem Lebensgefährten Louis Ironson nach der jüdischen Trauerfeier von Louis Großmutter, an Aids erkrankt zu sein. Louis verlässt ihn. Im Krankenhaus kümmert sich der Transvestit Belize um Prior, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Er erhält in Visionen Besuch von einem Engel, der ihn als Propheten anspricht und ihn mit den „großen Werk“ der Rettung der Erde beauftragen will, denn Gott habe die Engel und den Himmel schon lange verlassen. Harper und ihr Ehemann, der mormonische Rechtsanwalt Joe Pitt, entfremden sich zunehmend. Joe entdeckt seine Homosexualität und verbirgt dies seiner Frau gegenüber, offenbart sich aber seiner Mutter Hannah, die das als strenggläubige Mormonin nicht akzeptieren kann und umgehend nach New York reist, um ihren Sohn wieder auf den rechten Weg zu führen. Auf der Suche nach anonymen Sexkontakten im Central Park trifft Joe auf Louis, mit dem er auch später zusammenziehen wird. Harper, von Valium abhängig, spaziert mit dem von ihr imaginierten Reiseagenten Mr. Lies durch die Straßen Brooklyns und glaubt, in der Antarktis zu sein. Joe arbeitet für den Rechtsanwalt Roy Cohn, einen der beiden historischen Figuren des Dramas. Roy Cohn, ein vehementer Schwulenhasser, der mit Männern schläft, erfährt von seinem Arzt, er habe Aids. Cohn beharrt jedoch darauf, nicht schwul zu sein und an Leberkrebs erkrankt zu sein. Seinen Aids-Tod begleitet ein besonderer Racheengel: Ethel Rosenberg, die zweite historische Figur dieses Dramas, die er 1953 als Staatsanwalt mit falscher Anklage auf den elektrischen Stuhl gebracht hatte. Priors Engelsvisionen gipfeln in einem Treffen mit den Engeln, die im Himmel Radioberichte über die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verfolgen. Prior lehnt es ab, das „große Werk“ fortzusetzen, er möchte vielmehr nur gesegnet werden und mehr Zeit bekommen. Er legt das Buch des Propheten nieder und kehrt zu Erde zurück. Fünf Jahre später treffen er, Louis, Belize und Hannah sich am Bethseda-Brunnen im New Yorker Central Park wieder.

Das Bühnenbild von Nikolaus Webern (der auch die Kostüme schuf) zeigt auf drei Seiten die New Yorker Skyline, der Hintergrund dient dabei aber auch für Projektionen, von der amerikanischen Flagge, über den Central Park bis hin zur ersten Erscheinung von Ethel Rosenberg. Der Bühnenboden bleibt während des ganzen Stücks schneebedeckt.

Der deutsche Regisseur Matthias Oldag sorgt mit seiner packenden und zutiefst berührenden Regiearbeit auch für rasche Szenenwechsel durch schnell hereingeschobene Requisiten: ein Schreibtisch für den machthungrigen Roy Cohn, einen Schminktisch für Harper und Prior, eine Parkbank für heimliche Treffen im Central Park zwischen Joseph und Louis oder des Krankenbettes in dem Prior seine Visionen durchlebt und Roy Cohn stirbt.

MuseumsQuartier Wien / Angels in America - hier : I Savchenko T Severloh © Armin Bardel

MuseumsQuartier Wien / Angels in America – hier : I Savchenko T Severloh © Armin Bardel

Großartig auch die musikalische Seite. David Adam Moore ist ein eindringlicher Prior Walter mit wunderbar sonorem Bariton und berührendem Spiel. Franz Gürtelschmied verleiht mit der Strahlkraft seines wohlklingenden Tenors der Figur des Louis Ironson Tiefgang und überzeugt als innerlich Zerrissener. Bewegend Sophie Rennert als agoraphobische und Valium abhängige Harper Pitt (auch als Ethel Rosenberg) mit wunderschönem Mezzosopran. Intensiv auch Bariton Wolfgang Resch als zwischen Ehefrau, Glauben, politischer Überzeugung und Homosexualität hin- und hergerissener Joseph Pitt. Imponierend der gebürtige Australier Karl Huml, der mit dröhnendem Bass der Figur des Roy Cohn Stimme verleiht. Eine Höchstleistung von Caroline Melzer als Engel von Amerika, die mit himmlischen Koloraturen zutiefst zu beeindrucken vermag. Inna Savchenko überzeugt nicht nur als Joe’s Mutter Hannah, sondern beweist auch ihre Vielseitigkeit als Rabbi Chemelwitz mit ihrem vollen, warmen Mezzosopran. Eine hervorragende Leistung auch vom deutschen Countertenor Tim Severloh als Belize (oder auch als Mr. Lies), sowie dem im Orchestergraben agierenden Vokaltrios Momoko Nakajima (Sopran), Johanna Zachhuber (Alt) und Jorge Alberto Martinez (Bassbariton).

Das amadeus-ensemble-wien unter der Leitung von Walter Kobéra leistet Großartiges zwischen Untermalung und intensivsten musikalischen Höhepunkten.

Jubel und verdienter, langanhaltender Applaus in Beisein des Komponisten zeugen von einem erneuten Erfolg der Neuen Oper Wien, der es gemeinsam mit Peter Eötvös und Mari Mezei gelungen ist, dem Publikum ein Gefühl von Tony Kushners Meisterwerk zu vermitteln.

—| IOCO Kritik Neue Oper Wien |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Britain Calling – Double Feature, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 9, 2019  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Britain Calling – Double Feature
City of Birmingham Symphony Orchestra  –  Mirga Gražinyte-Tyla

von Andreas Witzig

Britain Calling, so lautet der Titel eines einwöchigen Festivals der Elbphilharmonie Hamburg rund um Mirga Gražinyte-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra. Bereits vor dem Eingang zum Großen Saal ist themengerecht gleich eine originale englische Telefonzelle aufgestellt. IOCO hat die ersten beiden Konzerte im Großen Saal besucht. Und dies vorweg: Die sehr hohen Erwartungen wurden mehr als erfüllt!

Montag 7. Oktober  –  „Mitten im Zweiten Weltkrieg“

Zunächst betritt Elphi Intendant, Christoph-Lieben-Seutter die Bühne und teilt dem Publikum mit, dass zwecks Erstellung einer CD ein Mittschnitt erfolge. Mit viel Wiener Schmäh bittet er daher darum, das sonst üblich gewordene Husten zwischen den Sätzen soweit möglich zu unterlassen. Das führt beim Publikum zu einer gewissen Heiterkeit, hat aber dann doch im Verlauf des Konzerts den gewünschten Effekt.

Die Sinfonia da Requiem op. 20 von Benjamin Britten wurde inmitten des Zweiten Weltkriegs in den USA komponiert. Anders als der Name erwarten lässt, kommt der Chor hier noch nicht zum Einsatz. Dafür tritt das Orchester in sehr großer Besetzung an, unter anderem mit sechs Schlagwerkern. Diese sind in dem Stück viel beschäftigt, so beginnt es mit donnernden Paukenschlägen, gefolgt von einem sanften Piano der Celli und Bratschen. Bereits hier begeistert Mirga Gražinyte-Tyla (für die selbst im offiziellen Programm der Elbphilharmonie überwiegend nur ihr Vorname verwendet wird) mit ihrem präzisen Dirigat. Niemals – und das zieht sich durch beide Abende – entsteht der Eindruck, dass das Orchester einfach vor sich hinspielen darf, Gražinyte-Tyla weist stets alles detailliert an, begleitet und unterstützt. Und das Orchester bedankt sich dafür mit einer ungeheuren Präzision des Spiels. Besonders erwähnenswert sind die mühelosen Einsätze der sieben Hörner. Nachdem die Sinfonia verklingt, folgen fünf Sekunden andächtiger Stille vor dem Applaus. Nicht nur das Publikum, auch Gražinyte-Tyla ist sichtlich sehr zufrieden mit der Leistung ihres Orchesters.

Elbphilharmonie Hamburg / City of Birmingham Symphony Ochestra und Solisten © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / City of Birmingham Symphony Ochestra und Solisten © Daniel Dittus

Es folgt das Oratorium A Child of Our Time von Michael Tippett. Auch dieses Werk wurde im Zweiten Weltkrieg komponiert, es verarbeitet die Ereignisse rund um die Reichskristallnacht 1938. Ein ergreifendes Stück,für das Tippet auch fünf Spirituals in Choralform umgeschrieben hat. Das Orchester tritt nun in kleinerer Besetzung auf, dafür wird es unterstützt vom über 100 Personen starken Chor und vier Solisten. Der Chor ist im Block G hinter dem Orchester platziert und singt über dieses hinweg. Damit entfallen auch die sonst in der Elbphilharmonie manchmal angemerkten Akustikprobleme bei Singstimmen.

Überhaupt die Akustik der Elbphilharmonie: sie ist an beiden Abenden mit diesem Orchester überragend! Selbst das Aufstehen des Chors ist als leichtes Flüstern vernehmbar. Und Dank des hervorragenden Dirigats durch Gražinyte-Tyla kein einziger Klatscher des Publikums zwischen den Teilen des Stücks, sondern gebannte Stille.

Auch in diesem Stück überlässt die Dirigentin nichts dem Zufall, die Lautstärke wird stets präzise eingesteuert. Herausragend sind das Pianissimo der Streicher im Spiritual Nobody knows und im Kontrast dazu das Fortissimo der Hörner und Posaunen bei Go down, Moses. Bei letzterem Spiritual klingt – vom Chor perfekt gesungen – die komplette Verzweiflung über die Verfolgungen mit. Das Publikum ist sichtlich ergriffen.

Das abschließende Spiritual Deep River klingt eher wie ein Schlusschoral, am Ende nur noch begleitet von wenigen Streichern – dann wieder Stille, bevor der Schlussapplaus einsetzt.

Dienstag, 8. Oktober  –  „Frauenpower“

Der Abend wird er von der Elbphilharmonie angekündigt als Frauenpower – neben der Dirigentin tritt die Startrompeterin Alison Balsom auf, außerdem wurden zwei der drei Stücke des Abends von Frauen komponiert.

Elbphilharmonie Hamburg / Britain Calling - hier : Alison Balsom © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Britain Calling – hier : Alison Balsom © Daniel Dittus

Wieder zeigt Gražinyte-Tyla ihr hervorragendes Dirigat. Wieder wird nichts dem Zufall überlassen. Stets präsent gibt die Dirigentin präziseste Anweisungen an das Orchester, das auch die kleinsten Hinweise umsetzt. Schon im ersten Stück, der Sinfonie Nr. 2 von Ruth Gipps, begeistern die weichen Holzbläser, die präzisen Blechbläser und die Streicher mit einem wundervollen Piano.

Im nachfolgenden Konzert für Trompete und Orchester von Thea Musgrave zeigt Alison Balsom, für die das Stück komponiert wurde, was mit der Trompete alles möglich ist. Mit größter Leichtigkeit werden auch schnellste und höchste Passagen mühelos wirkend gespielt. Beim Wechselspiel mit dem Orchester wendet sich die Trompeterin jeweils dem führenden Gegenpart zu, darunter dem hervorragenden Klarinettisten und dem von der Seite eintretenden Trompeter. Der unglaublich hohe Abschlusston des Konzerts wird von Alison Balsom perfekt und leicht gehalten.

Den Abschluss bildet die Troilus and Cassina Suite von William Walton. Und wieder das gleiche Bild: perfektes Dirigat und hervorragendes Orchester. Besonders herauszustellen sind in diesem Stück die wunderbaren Soloteile der ersten Geigerin und des ersten Cellisten sowie der ersten Flötistin. Und auch hier wieder gebannte Stille des Publikums in den Pausen zwischen den vier Teilen des Werks.

Nach dem Schlussakkord möchte das begeisterte Publikum nicht enden mit seinem Applaus. Gražinyte-Tyla bedankt sich dafür beim Publikum in sehr gutem Deutsch und entschuldigt sich für das Ausbleiben einer Zugabe mit dem Hinweis auf die im weiteren Verlauf des Abends vom Orchester noch aufzunehmenden Teile für die CD. Auf dieser CD sei dann vom kaufenden Besucher neben dem Orchester vielleicht sogar das eigene Atmen zu hören. Charmanter geht Marketing wohl kaum.

Nach zwei begeisternden Abenden freut sich IOCO bereits jetzt auf den nächsten Auftritt von Mirga Gražinyte-Tyla und dem City of Birmingham Symphony Orchestra in der Elbphilharmonie.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

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