München, Bayerische Staatsoper, Der Rosenkavalier – Regie Barrie Kosky, IOCO Kritik, 25.03.2021

März 25, 2021  
Veröffentlicht unter Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Der Rosenkavalier   –  Richard Strauss

– Der kleine Tod –

Musikalische Leitung: VladimirJurowski,  Inszenierung: Barrie Kosky, Video- on-Demand

von Hans-Günter Melchior

 Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Barrie Kosky Regisseur © IOCO

Er schleicht immer wieder über die Bühne, ein uralter Cupido auf wackeligen, altersschwachen Beinen und mit zerfurchtem Gesicht, ach ja, die Liebe, und alles hat seine Zeit und die Feldmarschallin (großartig, eindringlich, melancholisch Marlies Petersen) darf sich noch einmal hin-legen und bereit sein für ihren jungen Liebhaber (Octavian Samantha Hankey), bevor der Baron Ochs (Christoph Fischesser) hereinpoltert und von seiner bevorstehenden Hochzeit mit der Tochter des neureichen Faninal (Johannes Martin Kränzle), dieser kapriziösen und modernen Sophie (Katharina Konradi) schwärmt. Ohne dabei zu vergessen, der attraktiven Kammerzofe Avancen zu machen und der nicht minder attraktiven Feldmarschallin auf dem Sofa immer näher zu rücken, während diese ihm auf dem engen Sitzmöbel auszuweichen sucht. Denn der Kerl ist zweifellos ein Blödmann, der hinter dem Geld her ist und auf dummdreiste Art die neue Zeit dumpf begreift, ohne den Ansehensverlust seiner Klasse akzeptieren zu können.

Der Rosenkavalier – Bayerische Staatsoper
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Die neue Zeit und die Melancholie des Alters, der Neureiche und der dünkelhafte, faktisch bereits abgedankte Adel – politisch und vor allem finanziell –, bleibt doch dem Ochs, der den richtigen Namen hat, nichts weiter als der ständige Hinweis auf seine hohe Geburt, die freilich nicht ausreicht, dem Tölpel standesgemäße Manieren beizubringen.

Das alles ist großartig gemacht, Rokoko-Einlagen wechseln fast übergangslos ins Moderne über, die Zeitgrenzen verwischen, während die Musik unter der selbstbewussten Leitung von Vladimir Jurowski alles Süßliche und die allzu verschnörkelte Walzerseligkeit meidet und mit klaren Konturen, die zuweilen dann, wenn sie ins Hochdifferenzierte und nahezu Fahle übergehen, an Wagner erinnern, und die eine eigene und höchst eigenwillige Handlung neben dem Gesang der Akteure auf der Bühne vorantreibt. Und dennoch bringt Jurowski dies alles zusammen, schafft die Einheit in der Vielfalt. So, dass man von dem künftigen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper einiges erwarten darf.

Hochkompliziert ist diese Oper in solcher Auffassung, geradezu hinweisend ausgestellt in ihrer Komplexität, so dass man Richard Strauss den so oft beklagten Rückfall ins Konventionelle und Bürgerlich-Verträgliche nach der aufrüttelnden Elektra, die mit ihren vertrackten Harmonien die Atonalität streift, kaum noch anmerkt.

Der Rosenkavalier – Barrie Kosky und … führen ein
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Über vier Jahrzehnte lange glaubte man in München, außer der Inszenierung von Otto Schenk gebe es gar keine andere Auffassung dieses bissigen Stücks, über das Hugo von Hofmannsthals Text wie Streusel eine Unmenge französischer Floskeln und stehender Ausdrücke schüttet, die die Affektiertheit einer Klasse verdeutlichen, die sich nur noch in Sprüchen erschöpft.

Und immer wieder dieser altersschwache Cupido oder Amor, der mit hämischer Grimasse über die Bühne schleicht und die Uhr zurückdreht oder zum Stehen bringt und endlich darin oder hinter ihr verschwindet, die Zeit, ja, die Zeit ist ein seltsam Ding, ein seidiger, nicht fassbarer Stoff ohne Anfang und Ende und doch eine das Leben langsam vernichtende Macht, da alles nunmal seine Zeit hat.

So vielleicht auch diese Pandemie, die die Anwesenheit eines Publikums ausschloss. Was für ein kaum zu behebender Mangel bei dieser so erfrischend neuen Produktion des Rosenkavalier in der Regie von Barrie Kosky.

Immerhin sendet die

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—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Winterthur, Musikkollegium Winterthur, Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 3 in d-Moll, IOCO Kritik, 09.03.2021

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

GUSTAV MAHLER – Sinfonie Nr. 3 in d-Moll

Musikkollegium Winterthur  – Pierre-Alain Monot

von Julian Führer

Das Musikkollegium Winterthur ist eine Institution, die vor Ablauf dieses Jahrzehnts ihr sage und schreibe 400. Gründungsjubiläum feiern wird. Seit bald 150 Jahren spielt in Winterthur ein Berufsorchester. Die etwa 50 Mitglieder konzentrieren sich üblicherweise auf ein Repertoire, das der Größe des Klangkörpers angemessen ist. Die Konzerte des Musikkollegium Winterthur finden üblicherweise (so auch hier) im Stadthaus Winterthur statt, einem von Gottfried Semper konzipierten Bau von 1869. Das Orchester spielt auf einer Empore, das Publikum in geraden Reihen davor, eine klassische „Schuhschachtel“ also. An der Bühnenrückwand befindet sich ein klangmuschelartiger Anbau, der die akustischen Verhältnisse noch etwas verbessert.

 Mahler – Symphonie mit verkleinertem Orchester – nicht wegen, sondern in der Pandemie

 Gustav Mahler Gedenkplakette in Hamburg © IOCO

Gustav Mahler Gedenkplakette in Hamburg © IOCO

Im Jahr 2019, also deutlich bevor der Konzertbetrieb zum Erliegen gebracht wurde, stellte nun Klaus Simon eine auf diese Dimensionen zugeschnittene Version von Gustav Mahlers 1896 vollendeter und 1902 uraufgeführter dritter Symphonie d-Moll her, die nun erstmalig, aufgrund der Umstände ohne Publikum, gespielt und über einen Stream übertragen wurde. Aufgrund der aktuell in der Schweiz geltenden Vorschriften musste auf Damen- und Knabenchor verzichtet werden. Das Musikkollegium Winterthur macht seine Konzerte für Abonnenten kostenlos zugänglich, andere Interessenten können Einzeltickets für den Zugang erwerben. Die Konzerte sind live zu erleben und bleiben einen weiteren Tag lang abrufbar.

Dirigiert wurde das Orchester von einem seiner Mitglieder: Seit 1984 ist Pierre-Alain Monot als Solotrompeter in Winterthur tätig, doch hat er im Laufe der Jahre auch eine beachtliche Dirigiertätigkeit entfaltet und konnte nun ein Werk präsentieren, das sonst mit diesem Orchester kaum zu hören wäre. Die vom Komponisten eigentlich geforderte Besetzung ist riesig: fünf Klarinetten, vier Fagotte, acht Hörner, sechs Glocken, … In Winterthur war das Blech stark reduziert, ein Fagott, eine Harfe, nur zwei Kontrabässe, jeweils fünf erste und zweite Violinen stellten sich der Aufgabe, Mahlersche Klangwucht wiederzugeben. Klavier und Akkordeon übernahmen weitere Orchesterparts. Glücklicherweise wurde die fehlende Masse nicht durch ein Übermaß in der Dynamik substituiert. Pierre-Alain Monot dirigierte mit sparsamen Gesten sehr gezielt und konnte sich offensichtlich darauf verlassen, von seinen Kollegen unmittelbar verstanden zu werden.

„Kräftig, entschieden“ wie von Gustav Mahler gefordert erfolgte der erste Einsatz. Mahler hatte den Sätzen der Symphonie zunächst Titel gegeben (für den ersten Satz: „Pan erwacht“), diese aber später wieder gestrichen. Der erste Satz ist mit einer Dauer von über einer halben Stunde so lang wie Beethovens komplette „Fünfte“. Zunächst hört sich der Satz so an, als wäre das Orchester vollständig besetzt, doch merkt man an den Streichern und den schnell erfolgenden Einsätzen von Klavier und Akkordeon an, dass hier eine andere Zusammenstellung zu hören ist. Mahler arbeitet sich durch sein motivisches Material, manches lässt an Musik seiner Zeit oder seiner Vorgänger denken (etwa nach wenigen Minuten das Blech, das an Tristans Auftritt im ersten Akt von Tristan und Isolde denken lässt). Die kleine Besetzung lässt bei den zahlreichen Streichertremoli aufhorchen. Die dann hereinbrechenden Rhythmen lassen zunächst offen, ob wir es mit einem aufblitzenden Militärmotiv oder mit Klangfetzen von einem Rummelplatz zu tun haben – Kniffe, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch bei Engelbert Humperdinck zu finden sind und die später (auf Mahler basierend) bei Dmitri Schostakowitsch zu einem häufig genutzten Stilmittel wurden. Fast wie ein angeklebter Fremdkörper wirkt der triumphalblecherne Satzschluss.

 Musikkollegium Winterthur / hier das Orchester zu Füßen des Stadthauses © Paolo Dutto

Musikkollegium Winterthur / hier das Orchester zu Füßen des Stadthauses © Paolo Dutto

Der zweite Satz (Tempo di Menuetto. Sehr mäßig) beginnt mit einem Motiv in der Oboe, das von leisen Pizzicati der Streicher begleitet wird und dann weitgehend zart weiterentwickelt wird, unter anderem mit sehr melodiöser Führung der Solovioline. Im dritten Satz (Comodo. Scherzando) sind von den Holzbläsern erst Vogelstimmen zu hören, dann aus der Ferne ein Posthorn (hier vom Trompeter übernommen, der das Podium verlässt und sein Solo im Foyer spielt, bevor er wieder seinen Platz zwischen seinen weiterspielenden Kollegen einnimmt). Gustav Mahler war ein Meister der Übernahme von Naturtönen und ihrer Einarbeitung in seine Partituren (vgl. auch die Herdenglocken in der sechsten Symphonie). Wie so oft, ist der Einbruch der verzerrten menschlichen Welt in die Naturklänge auch hier nicht weit.

Mit einem reduzierten Orchester „sehr langsam“ spielen, ist kein Problem, „durchaus ppp“ ebenfalls nicht. „Misterioso“ gelingt sicher leichter mit einem großen Apparat, der sich in extremer Zurückhaltung übt. Der so betitelte vierte Satz enthält die Vertonung von Friedrich Nietzsches „Oh Mensch! Gib Acht!“. Die begleitenden Hörner spielten korrekt und klangschön, für ein Misterioso jedoch eine Spur zu diesseitig und etwas zu laut. Isabel Pfefferkorn als Solistin meisterte die kurze, aber nicht leichte Partie, wobei ihr die mittlere Lage noch mehr zu liegen schien als die ganz tiefen Töne. Ganz so „Lustig im Tempo und keck im Ausdruck“ wie mit Knabenchor und vollem Orchester konnte der fünfte Satz dann nicht geraten; das „Bimm-bamm“ der Kinderstimmen blieb den Röhrenglocken überlassen. Der Gedichttext „Es sungen drei Engel einen süßen Gesang“ aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn konnte in Winterthur nicht als Wechsel von Damenchor und Solistin gegeben werden, und so sang Isabel Pfefferkorn den gesamten Text alleine. Die Phrasierung dieses Textes ist insgesamt sängerfreundlicher und wurde von ihr überzeugend gestaltet. Erstaunlich sind die Parallelen dieser Liedkomposition innerhalb der dritten Symphonie zu Hans Pfitzners bereits 1888/1889 komponiertem Lied „Ist der Himmel darum im Lenz so blau“ Op. 2,2. Da der Orchestersatz auch in der hier vorliegenden Fassung mit einem Chor rechnet und das Stadthaus Winterthur auch kein überaus großer Konzertsaal ist, waren die Glocken im Verhältnis zur Solistin stellenweise etwas dominant.

Hans Pfitzner Wien © IOCO

Hans Pfitzner Wien © IOCO

Der sechste und letzte Satz der Symphonie ist ein etwa 25 Minuten währendes Adagio, das zunächst ein Beethoven-Zitat enthält (das zweite Thema des zweiten Satzes der dritten Symphonie, also der Eroica). Weiterhin sind in den tiefen Streichern Anklänge an das Vorspiel zum dritten Aufzug von Wagners Parsifal und an Die Meistersinger von Nürnberg (ebenfalls Vorspiel zum dritten Aufzug) zu ahnen, vor allem aber nutzte Hans Pfitzner in Palestrina (Vorspiel erster Akt) ähnliche Klangmischungen in den hohen Streichern. Eine sich anbahnende musikalische Katastrophe lässt wieder an Mahlers spätere sechste Symphonie denken, doch der Schluss seiner Dritten ist sehr diesseitig. Die Streicher (etwas zu breit für die gegebenen Klangverhältnisse) lassen die Symphonie in ein Jubelfinale münden. Dieser letzte Satz hatte ebenso wie der Einleitungssatz eine große musikalische Intensität, und mit ihm endete dieses Konzert, denn diese Symphonie dauert über anderthalb Stunden, und es ist schwer vorstellbar, ihr ein anderes Werk folgen zu lassen.

Welche Funktion können solche „abgespeckten“ Versionen großer Orchesterwerke haben, wenn eines hoffentlich nicht mehr weit entfernten Tages auch im Kulturbereich wieder ein Leben ohne die derzeit geltenden Verbote sein wird? Oft geht vergessen, dass reduzierte Versionen lange Zeit eine sehr gängige Art der Musikvermittlung waren. In Musikantiquariaten, wo es sie noch gibt, stapeln sich heute noch Drucke des 19. Jahrhunderts mit Klavierauszügen von Opern, aber auch von Symphonien, oft auch für vier Hände, mit denen viele Werke einem breiten Publikum bekannt gemacht wurden. Nicht zuletzt aus Geldgründen stellten Komponisten wie Richard Strauss Fassungen großer Werke wie der Elektra für kleine(re)s Orchester her, um auch auf kleineren Bühnen präsent zu sein und die damit einhergehenden Tantiemen zu erhalten.

Mahlers dritte Symphonie ist aufgrund der geforderten Orchesterbesetzung nur für die größten Orchester überhaupt spielbar. Viel ist in den letzten Monaten über die möglichen positiven Folgen der aktuellen Lage philosophiert worden – vielleicht wäre darunter die Möglichkeit zu rechnen, dass auch kleinere oder mittelgroße Formationen Werke des ganz großen Repertoires wie die Symphonien Gustav Mahlers ins Programm nehmen, etwa in der hier vorgestellten Version von Klaus Simon, und natürlich stets im Bewusstsein, dass es sich bei reduzierten Versionen eben um eine Reduktion handelt, an die in bezug auf Klangvolumen und Reichtum der Schattierungen andere Maßstäbe zu legen sind als an eine Aufführung in Originalbesetzung. Mitunter aber legt die Reduktion auch den Blick auf Wesentliches frei, was sonst im Klangrausch untergeht. Für das Musikkollegium Winterthur war diese Aufführung ein Wagnis, das gelungen ist. Allen Beteiligten, ganz besonders Pierre-Alain Monot als Dirigent, Isabel Pfefferkorn und Klaus Simon als Arrangeur der Partitur, gebührt großer Dank.

—| IOCO Kritik Stadttheater Winterthur |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Trouble in Tahiti – Leonard Bernstein, IOCO Kritik, 06.03.2021

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Trouble in Tahiti – Leonard Bernstein

– Berührende Szenen einer Mittelschichts-Ehe –

von Hanns Butterhof

Knapp vier Wochen nach der geplanten Premiere im Theater am Domhof war jetzt coronabedingt Leonard Bernsteins einaktige Oper Trouble in Tahiti von 1952 im Digitalen Theater zu sehen. Entgegen den Erwartungen, die der eher auf schmalzige Melodramatik hinweisende Titel weckt, berührt die Handlung durch die schier trostlosen Szenen einer Mittelschichts-Ehe und fesselt durch ein breites musikalisches Spektrum von arienartigen Melodien bis hin zum Broadway-Jazz.

Die karge Einheitsbühne von Jörg Zysik ist mit einigen Tischen und Stühlen möbliert, die von den beiden Protagonisten Dinah (Susann Vent-Wunderlich) und ihrem Ehemann Sam (Jan Friedrich Eggers) für die sieben Szenen der Oper jeweils neu arrangiert werden. Hinter einer Galerie mit drei Kammern für die Auftritte des Jazztrios (Erika Simons, Mario Lee und Mark Hamman) ist das dahinter postierte Orchester mit An-Hoon Song am Pult zu erahnen.

Trouble in Tahiti – Leonard Bernstein
youtube Trailer Theater Osnabrück
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Das in einfarbige Anzüge gekleidete Jazztrio (Kostüme: Natalie Himpel) beschreibt dynamisch swingend die Ausgangslage, eine Vorstadtidylle mit dem weißem Eigenheim von Dinah und Sam. Deren Liebe ist irgendwann zerronnen, vielleicht weil sich Dinah nach der Geburt ihres Sohnes in die Mutter- und Hausfrauenrolle und Sam in seine Geschäfte verloren hat: Dinah mit biederem Krägelchen am Kleid schaukelt ihr Baby, während Sam sich in Unterwäsche mit Liegestützen für das Arbeitsleben stählt und dabei irgendwie auf die Liebe seines Lebens wartet.

Jedes ihrer Gespräche selbst um Banalitäten endet in Streit, aus dem es keine Lösung gibt, weil jeder den ersten Schritt zur Versöhnung vom anderen erwartet. So weichen beide dem konfliktträchtigen Zusammensein aus, indem sie einander dringende Termine vortäuschen. Sam bestätigt sich im Job als smarter Gewinnertyp, während Dinah beim Psychiater ein düsteres Bild ihres Innern zeichnet. Ihre verlorene Hoffnung, dass die Liebe zu Harmonie und Anstand führt, lässt der Musical-Film Trouble in Tahiti noch einmal kurz aufflammen, in dessen falsche Idylle sie träumerisch mit Blumenkranz und Federboa eintaucht.

Auch wenn das Jazztrio jetzt noch so eindringlich mahnt, dass es Zeit für eine Aussprache wäre, erreicht es weder Dinah noch Sam. Beide decken ihr wunschloses Unglück mit einem Kinobesuch, ausgerechnet von Trouble in Tahiti, zu.

Theater Osnabrück / Trouble in Tahiti hier nur im Film träumt Dinah, Susann Vent-Wunderlich, vom Glück © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Trouble in Tahiti – Hier: Nur im Film träumt Dinah, Susann Vent-Wunderlich, vom Glück © Jörg Landsberg

Susann Vent-Wunderlich zeichnet mit ihrem kräftigen Sopran im Konflikt mit Sam eine äußerlich starke Frau, die nur in Erinnerungen und Träumen ihre Schwäche berührend zulässt. Jan Friedrich Eggers überzeugt mit hartem Bariton im Streit mit Dinah auf Augenhöhe, lässt aber auch nur, wenn er einmal nachdenkt, seine Stimme weich werden.

Die unaufdringlich den Hygienevorschriften angepasste Regie Guillermo Amayas und das kleine Osnabrücker Symphonieorchester unter An-Hoon Song setzen Bernsteins Oper präzise um. Sie leuchten mit dem modernen, aber nirgends provokanten Klangmaterial die verschiedenen Seelenlagen aus. So versinkt Trouble in Tahiti nicht im Trübsal trostloser Szenen einer Ehe, sondern bietet über eine gute Stunde fesselndes Musiktheater.

Der Theater-Film Trouble in Tahiti  steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) mit englischem Text und deutschen Untertiteln

HIER! –  Theater  www.theater-osnabrueck.de – HIER!

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Winterthur, José Cura – Argentinische Lieder – Liederabend, IOCO Kritik 24.02.2021

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Stadthaus Winterthur © Musikkollegium Winterthur

José Cura – Argentinische Lieder
 Musikkollegium Winterthur  –  Barbora Kubiková, Gitarre

Klanggewordene Passion   –  9. Februar 2021

 von Renate Publig

Es sind sowohl für kunstaffine wie für kunstschaffende Menschen herausfordernde Zeiten. Für beide Seiten ein kompletter Lockdown … quasi der „geistigen Gastronomie“. Streaming muss uns darüber hinweghelfen, auch wenn es, wenn mir ein Verweilen in diesen Analogien gestattet sei, dem Abholen der lukullischen Genüsse aus dem Lieblingsrestaurant gleicht. Und dennoch: Sich an derartigen Genüssen zu erfreuen, ist Balsam für die Sinne – hier für die Geschmacksknospen, da für die Musikseele.

José Cura © Musikkollegium Winterthur

José Cura © Musikkollegium Winterthur

Reisebeschränkungen, Lockdown, müßig zu erwähnen, was diese Einschränkungen für einen Künstler bedeuten. Nicht nur in finanzieller Hinsicht. Verheerend, Musik nicht ausüben zu dürfen und der Kontakte zum Publikum beraubt zu sein. So war es – pandemiebedingt – das erste Konzert seit März letzten Jahres, das José Cura geben durfte. Und welches Programm könnte diese spezielle Stimmung besser transportieren als Lieder aus Curas Heimat Argentinien? Die Werke von Hilda Herrera, Carlos Guastavino, Felipe Boero, Carlos Lopez Buchardo und Alberto Ginastera sind der Inbegriff von Wehmut und Melancholie. Eine Erklärung dafür hat Cura sofort parat: „Bei diesen Stücken sprechen wir von einer Generation Argentinier, die entweder selbst noch Emigranten oder deren erste Nachkommen waren. Die Mentalität der heutigen Bevölkerung hat sich verändert, aber die Menschen damals waren von einer großen Sehnsucht nach ihrer ursprünglichen Heimat geprägt. Sie empfanden Traurigkeit, ihr Land zu verlassen, geliebte Menschen zurücklassen zu müssen und gleichzeitig versuchten sie einen Neubeginn in einem fremden Land. Das erklärt, warum die Nation sehr nostalgisch gestimmt war, was sich in der Musik widerspiegelt.“

José Cura – Argentinischer Abend in Winterthur – LIVE Link HIER!

In all den Melodien schwang jedoch auch etwas Versöhnliches, ja, manchmal sogar ein Augenzwinkern mit. Das lag nicht zuletzt an Curas luxuriösem Samt-Timbre, mit dem er dieses Kaleidoskop an Emotionen selbst via Bildschirm vermitteln konnte. Zudem war der unbändige Wille regelrecht greifbar, aus der kulturellen Lage nicht nur das Beste zu machen, sondern an diesem Abend etwas Einzigartiges entstehen zu lassen. Kein Publikum? Doch, freilich! Sich gegenseitig Zuzuhören, miteinander Klänge zu verschmelzen, Gleichklang und Einklang, und wo nötig, etwas Würze durch Rhythmen – darum geht es in der Musik. Schließlich leitet sich das Wort „Komposition“ aus dem Lateinischen „componere“ ab, was so viel bedeutet wie „zusammenstellen, -setzen, -bringen.“ Es gelang Cura gemeinsam mit dem Musikkollegium Winterthur, der Pianistin   Elaine Fukunaga und der Gitarristin Barbora Kubiková vortrefflich, die Menschen „da draußen“ an ihrer Passion für Musik teilhaben zu lassen – und somit alle zusammenzubringen.

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Cura führte charmant durchs Programm, erzählte von Carlos Guastavinos Faible für Zyklen – und sang fünf Lieder aus dessen Blumenzyklus. Er berührte mit seinen Interpretationen von u.a. „Postal de Guerra“ von Maria Elena Walsh oder mit „Canción al arbol del olvido“ (vom Baum des Vergessens / Alberto Ginastera), La rosa y el sauce (Die Rose und die Weide) und Se equivocó la paloma – von der Taube, die sich täuschte (beides Carlos Guastavino). Und Vertonungen von José Cura selbst, die auf Texten von Pablo Neruda basieren, „klassische Lieder mit einem folkloristischen Touch“, so der auch in Komposition ausgebildete Sänger.

Die Bearbeitungen für Kammerorchester stammen von Cura selbst, verständlich daher, dass er dem hervorragend disponierten Musikkollegium Winterthur nuancierte Klangfarben in mal tröstenden, mal schmunzelnden, mal tieftraurigen Schattierungen entlocken konnte. Trotz der enormen akustischen Herausforderung, war doch das rund 20köpfige Kollektiv auf einer Fläche verteilt, auf der sonst ein volles Symphonieorchester Platz findet.

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Musikkollegium Winterthur © Musikkollegium Winterthur

Es sind sowohl für kunstaffine wie für kunstschaffende Menschen herausfordernde Zeiten. Für beide Seiten ein kompletter Lockdown … quasi der „geistigen Gastronomie“. Streaming muss uns darüber hinweghelfen, auch wenn es, wenn mir ein Verweilen in diesen Analogien gestattet sei, dem Abholen der lukullischen Genüsse aus dem Lieblingsrestaurant gleicht. Und dennoch: Sich an derartigen Genüssen zu erfreuen, ist Balsam für die Sinne – hier für die Geschmacksknospen, da für die Musikseele.

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