München, Residenztheater, Don Karlos – Friedrich Schiller, IOCO Kritik, 20.06.2018

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

DON KARLOS  –  Friedrich Schiller

– Schiller beim Wort genommen –

von Hans-Günter Melchior

Die Bühne liegt überwiegend im nachtschwarzen Dunkel. Nur ganz vorne, von einer großen Deckenleuchte herausgeschnitten ein helles Viereck, auf dem die Weltpolitik verhandelt wird. Rechts davon eine Art Fallgrube, in die einige unbekannte Personen hinunterfahren und von einem bösen Rauschen verschlungen werden; Liquidation im Unrechtsstaat. Später werden Prominente folgen. Die Eboli etwa und Don Karlos.  Aber bis es soweit ist, geschieht noch einiges.

Mystisches ereignet sich. Einige Handelnde stehen vorne im Viereck der Verhandlungen. Andere sind zunächst nicht sichtbar, man hört sie reden und es ist wie ein langsamer aufklimmender Gedanke, eine sich vollendende Rede, wenn sich schließlich ins Licht treten.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Das ist sehr schlüssig, entspricht genau dem Duktus des teils philosophisch verschlüsselten schillerschen Textes, dessen Jamben anmuten als kämen sie erst mit der Zeit zu sich selbst. Schwer verständlich, warum gerade dies, das Wachsen aus der Dunkelheit auf negative Kritik stieß. Die streng geheimen Gespräche sind einem anderen Raum zugeordnet: hermetische, ganz in blau gehaltene, relativ kleine Zimmer, aus deren Wänden Schallschutzpyramiden auf die Anwesenden einzudringen scheinen.

Alle Darsteller sind schwarz gekleidet -, bis auf Don Karlos (Nils Strunk, bewegt, engagiert, leidenschaftlich), der manchmal mit entblößtem Oberkörper erscheint: als wolle er sein Seelenleben offenbaren.  Die Sprache hält sich genau an die literarische Vorlage. Was für ein Genuss. Regisseur Martin Kusej kommt ganz ohne den Performance-Nonsens so manchen  sich kühn dünkenden Neueres aus. Man atmet dankbar auf. Hier vertraut jemand dem dichterischen Genie des Autors.

Nahezu völliger Verzicht auf Dekorationen, keine buntscheckigen Ablenkungen. Der Zuschauer den hochkomplexen Inhalt gezwungen. wird ganz in die rationale Pflicht genommen, zur Konzentration auf den hochkomplexen Inhalt gezwungen.  Kusej verlangt jedoch nicht mehr  als Schiller, er beherrscht dieses schwierige Werk in jeder Hinsicht, arbeitet souverän mit den sparsamsten Mitteln.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Unerbittlich werden die handelnden Personen vorgeführt.  Die Macht- und politische Vernunftmaschine Philipp II (hervorragend Thomas Loibl, alle Nuancen  des Stücks perfekt beherrschend, mal zynisch, mal elegant-ironisch, mal souverän, mal verunsichert und gefühlig) steht stur und altersstarr in den Positionen des absolutistischen Herrschaftsdenkens verharrend gegen den Idealismus der Jugend, die von Don Karlos und seinem Freund , dem Marquis von Posa (überzeugend Franz Pätzold) repräsentiert wird. Freiheit für die Niederland im Namen einer neuen Humanität ist deren Parole. Posa hat für deren Verwirklichung Don Karlos  ausersehen. Er soll für die Niederländer kämpfen. Aber der König verweigert ihm das Kommando über die spanischen Truppen. Der Boden für die Intrige und den internen Machtkampf ist bereitet. Alte Machtvernunft gegen die neue Vernunft einer historischen Erneuerung.

Und allen, mögen sie sich noch so überzeugt auf die Vernunft und die Wahrheit berufen, redet das Gefühl hinein. Das Stück ist auch als ein Familiendrama zu verstehen Der Sohn kommt nicht darüber hinweg, dass der Vater ihm die Geliebte und Verlobte genommen hat, indem er aus machtpolitischem Kalkül Elisabeth von Valois (Lilith Häble, kühl, souverän, kantisches Pflichtgefühl verkörpernd) heiratete. Und der Reinste von allen, der Idealist und Freiheitskämpfe Posa kann sich seine Freundes Don Karlos nicht sicher sein, er verrät ihn aus taktischen Gründen, der eigentliche Kopf der Freiheitsbewegung.

Eindrucksvoll die Niederschlagung des Aufstands in Madrid: Leichen über Leichen in Plastiksäcke eingewickelt überfüllen die Bühne. Befriedigt verkünden die Herrschenden, dass Ruhe in der Stadt herrscht.

Gefühle, Verwirrungen, Grausamkeiten, Gewalt. Selbst der König, der unentwegt auf die eheliche Treue pocht, will eine außereheliche Beziehung zur Hofdame Prinzessin Eboli (sehr verführerisch Meike Droste) einfädeln. Briefe und abermals Briefe gehen hin und her…

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

„Kein Sein ohne Seiendes“ (Adorno Negative Dialektik) – das ist die Lehre. Das Menschlich-Allzumenschliche durchkreuzt allenthalben die rationalen Pläne, die Visionen der Vernunft.  Allenfalls der Beichtvaters  des Königs , der mit allen Wassern gewaschene Intrigant Domingo (Thomas Gräble) und Herzog Alba (Marcel Heuperman als eiskalter Feldherr und Machtpolitiker, der buchstäblich über Leichen zu gehen entschlossen ist). Auf der Seite der Aufrichtigen, der liebevoll Gezeichnete: Lerma  (Thomas Gräble)

Am Ende siegt der Zynismus der Kirche die alles unter dem Verdikt göttlicher Allmacht unter sich begräbt. Sie reklamiert Don Karlos für sich und der König fügt sich. Unter dem Bannblick des Großinquisitors (Manfred Zapatka) richtet sich der Königssohn Selbst, bevor er gerichtet wird. Er springt in die Grube…

Eine höchst gelungene und durchdachte Aufführung. Langer Beifall

Don Karlos am Residenztheater München; weitere Vorstellungen: 1.7.; 9.7.; 12.7.2018

 

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Wien, Oper in der Krypta, Die schöne Müllerin – Franz Schubert, IOCO Kritik, 20.06.2018

Juni 19, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Oper in der Krypta

 DIE schöne MÜLLERIN – Liederabend in der Krypta

Von Marcus Haimerl

Das etablierte Liedduo Matthias Spielvogel und Andreas Mersa präsentierte Anfang Mai mit Schuberts  Die schöne Müllerin sein bereits fünftes Liedprogramm in der Krypta der Wiener Peterskirche. Den deutschen Tenor und den Tiroler Pianisten verbindet eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit, in welcher sie vor allem das Repertoire des deutschen Kunstlieds pflegen (siehe Franz Schubert  Die Winterreise – link  HIER)

Zu den bekanntesten, im deutschsprachigen Volksliedtum erhalten gebliebenen Gedichten Wilhelm Müllers (1794-1827), zählen sicherlich „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Am Brunnen vor dem Tore“. Die schöne Müllerin ist, neben der Winterreise mit ihren 24 Gedichten, der zweite große Gedichtzyklus Müllers, den Franz Schubert vertonte.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel und Andreas Mersa an Flügel © Marcus Haimerl

Das Sujet der schönen Müllerstochter (italienisch – La molinara) war Anfang des 19. Jahrhunderts in Dichtung und Musik allgegenwertig. So widmete sich auch Wilhelm Müller diesem Thema und schuf 1821 den Gedichtzyklus Die schöne Müllerin, welchen er im Sammelband „Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten“ veröffentlichte. Müllers Zyklus umfasst, anders als bei Schubert, im Original 25 Gedichte. Durch Prolog und Epilog des Dichters erfährt die tragische Geschichte des Müllerburschen eine ironische Wendung, mit welcher Müller zu verstehen gibt, dass die ganze Geschichte nicht allzu ernst zu nehmen sei. Nicht so Franz Schubert. Dieser nahm sie sehr ernst; er strich fünf Gedichte und vertonte letztlich nur 20, um die Tragik nicht zu brechen.

Wilhelm Müller wirkte in seinem kurzen Leben vor allem im mitteldeutschen Raum und ist Franz Schubert nie begegnet. Auch ist nicht geklärt, ob Müller von Schuberts Vertonungen je erfahren hat.

1823 komponierte Schubert seine Fassung der literarischen Vorlage. Ein junger Müllersbursche auf Wanderschaft findet Arbeit in einer Mühle und verliebt sich in die Tochter des Müllers. Die anfängliche Romanze entpuppt sich bald als Wechselspiel aus tiefster Zuneigung, Eifersucht, Abweisung und Schmerz. In seiner starken Natur-verbundenheit wählt der Müllersbursche den Bach als seinen Vertrauten und sein Schicksal. Er spricht mit ihm und klagt ihm sein Leid, der Bach antwortet, tröstet und steht ihm zur Seite bis er den jungen Burschen, im tragisch-verklärten Schluss, in seinen Armen empfängt.

Manisch-depressive Verzweiflung und die Wiener Todessehnsucht durchziehen die Lieder gegen Ende des Zyklus auf eine Weise, wie nur Schubert sie auszudrücken vermochte. Kompositorisch finden sich in der Müllerin die typischen Charakteristika der Tonsprache Schuberts: bewusst gewählte Tonartenabfolgen, ausgefeilte motivische Arbeit im Klavierpart sowie Volksliedhaftigkeit auf höchstem Niveau. Wie auch in der späteren Winterreise hebt Schuberts Musik die schlichten Texte Müllers auf eine höhere, nahezu transzendente Ebene voller Subtext und Deutung. Dieser Meilenstein des deutschen Kunstlieds ist maßgebend für die Geschichte dieses Genres.

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Peterskirche Wien _ Oper in der Krypta / Die schöne Müllerin hier Matthias Spielvogel (rechts) und Andreas Mersa © Sophie Menegaldo

Als Kenner der Müllerin merkt man die Gründlichkeit, mit der sich die Künstler diesen Zyklus erarbeitet haben: Genauigkeit in Notentext und Wort sind Grundvoraussetzung für eine hochwertige Interpretation dieses Zyklus‘ – beides findet man an diesem Abend in Vollendung vor. Stimmlich überzeugt Matthias Spielvogel durch hervorragendes Gespür für Phrasierung und Artikulation. Selbst unter dicht geführten Legatobögen bleibt jedes Wort verständlich. Die Naivität, die dem Charakter des erzählenden Müllersburschen zu Grunde liegt, weiß der Sänger stimmlich authentisch und überzeugend umzusetzen. Umso überraschender die Stellen des Werks, an denen die zu Beginn überschwängliche Stimmung kippt. Plötzlich tauchen auch düstere Stimmfärbungen, eindringliche Pianostellen und dramatische Ausbrüche auf. Jetzt wird klar; die zu Beginn ungetrübte Liebesgeschichte wird kein gutes Ende nehmen.

Andreas Mersa zeigt sich an diesem Abend einmal mehr als einfühlsamer Pianist und Liedbegleiter. Klangliche Vielfalt, wohlüberlegte Phrasierung und technische Souveränität prägen sein Spiel. Beim letzten Stück „Des Baches Wiegenlied“ zeigt sich die Ergriffenheit des Publikums, ehe die Künstler beim langanhaltenden Applaus für diesen gelungenen und außergewöhnlichen Konzertabend belohnt wurden.

Freunde des deutschen Kunstlieds im Allgemeinen und Fans des Liedduos Spielvogel & Mersa im Speziellen kommen im Herbst erneut auf ihre Kosten: am 30. Oktober und  8. November 2018 präsentieren die beiden Künstler ausgewählte Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann und Hugo Wolf in der Krypta der Wiener Peterskirche.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Bern, Theater Bern, Katja Kabanowa – Leos Janacek, IOCO Kritik, 18.06.2018

Juni 19, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Bern

Konzert Theater Bern ©  P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

KATJA KABANOWA –  Leoš Janácek

– Frauen – Von Konventionen und Ängsten weggesperrt –

Von  Julian Führer

Das Konzert Theater Bern ist ein Dreispartenhaus – einerseits scheint dies für die Bundesstadt der Eidgenossenschaft selbstverständlich, doch andererseits ist Bern eine Stadt mit gerade einmal 130 000 Einwohnern und liegt damit in der Größenordnung von Fürth, Ingolstadt und Wolfsburg. Das innen wie außen sehr schöne Theater ist daher nicht überdimensioniert; es zählt nur 650 Sitzplätze. Für gewichtige Stücke des Musiktheaters kann das Parkett noch weiter verkleinert werden, so wie es auch bei der Oper Katja Kabanowa von Leoš Janácek geschah. Dies Stück wurde in dieser Saison auch in Freiburg herausgebracht (vgl. die IOCO Kritik – HIERDer Ansatz der Regie (Freiburg: Tilman Knabe, Bern: Florentine Klepper) unterscheidet sich erheblich.

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hiier Marionetten verwandeln sich in Menschen v.l.: Todd Boyce als Kuligin, Nazariy Sadivskyy als Wanja Kudrjasch, Alessandro Liberatore als Boris Grigorjewitsch und Toos van der Wal als Glascha © Annette Boutellier

Katerina (Katja) Kabanowa ist eine der vielen Frauengestalten auf der Opernbühne des beginnenden 20. Jahrhunderts, die aus Konventionen ausbricht, an gesellschaftliche Tabus rührt und daran zugrundegeht. Zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs publizierte Sigmund Freud zentrale Schriften, die auf lebhaftes Interesse stießen und auch künstlerische Auseinandersetzung mit den Tiefen und Abgründen menschlicher Seelenzustände anregten. Das Ergründen dieser Zustände gerade weiblicher Figuren auf der Bühne, musikalisch von Wagner bereits weit vorangebracht, war ein großes Thema der Zeit, man denke nur an Richard StraußSalome (1905) und Elektra (1909). Das von Janácek vertonte Drama Gewitter von Alexander Ostrowskij von 1860 wurde für die 1921 uraufgeführte Oper erheblich verdichtet und gestrafft, der Wortlaut dennoch meist beibehalten. Sehr viel schärfer als die Dramenvorlage schildert die Oper die psychische Disposition Katjas, die permanent in Angst lebt (hier in der Renata im fast zeitgleich entstandenen Werk Der feurige Engel von Sergej Prokofiew sehr nahe): Angst vor sich selbst, vor den eigenen Abgründen, vor der eigenen Schwäche, vor der Gesellschaft. Janácek liebt seine Figur und schenkt ihr als einziger lange ausgesungene Kantilenen, während die anderen Gestalten meist entweder grob daherpoltern oder drauflosschwatzen. Die Sympathien mit einer Ehebrecherin werden musikalisch subtil in raffinierten Klangfarben komponiert, so dass die teilweise durchaus schroffe Partitur viele abrupte Wechsel und damit ein sehr waches Orchester erfordert.

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha)© Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa v.l.: Johanni van Oostrum als Katerina (Katja) Kabanova, Andries Cloete als Tichon Ivanytsch Kananov, Todd Boyce als Kuligin und Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha) © Annette Boutellier

Wie wird diese Konstellation nun in Bern auf die Bühne gebracht? Wir sehen (Bühne: Martina Segna) ein Theater auf dem Theater; Zuschauer sind manchmal nur ein einzelner (Todd Boyce als Kuligin, der im Stück seit Jahrzehnten die Wolga betrachtet und hier wie in Brechts epischem Theater einen manchmal ironischen Kommentar liefert), manchmal auch der ganze Chor. Auf der Bühne tauchen Marionetten auf; überdimensionierte, unbewegliche Köpfe haben sie und singen. Großes Lob den Solisten für die choreographische Präzision, mit der die marionettenhaften Bewegungen umgesetzt wurden – ganz besonders an Toos van der Wal als Glascha. In der nächsten Szene schwingen sich die ersten Marionetten über den Rand ihrer Bühne und verwandeln sich in die einzelnen Menschen, um die das Drama kreist. Das namenlose Dorf an der Wolga ist ökonomisch vom boshaften Fabrikanten Dikoj (Andreas Daum, der die Riesenhände seiner Marionette lange anbehält) abhängig. Die Familie der Kabanows ist ihrerseits der herrischen Kabanicha unterworfen, deren Sohn Tichon mit Katja verheiratet ist. Tichon (stimmlich und szenisch stark von Andries Cloete gegeben) interessiert sich weniger für seine Frau als für den Alkohol. Als sich die Gelegenheit zu einer Reise ergibt, ist er froh, seiner Mutter zu entkommen und ohne seine Frau tagelang ungestört trinken zu können. Im Hause lebt noch die Pflegetochter der Kabanicha namens Warwara (Eleonora Vacchi), die zwar noch nicht verheiratet ist, aber doch eine Liebschaft mit Kudrjasch (Nazariy Sadivskyy) pflegt und Katja überhaupt erst auf die Idee bringt, die Abwesenheit des Ehemannes für ein Abenteuer zu nutzen. Die Dialoge zwischen Katja und Warwara leben vom charakterlichen Kontrast zweier junger Frauen mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben (wie Elektra und Chrysothemis bei Strauss oder später Blanche und Constance bei Poulenc in den Dialogues des Carmélites).

Die Abreise Tichons wird zu einem Demütigungsritual seitens der Kabanicha, wie es Dmitri Schostakowitsch 1934 in der Lady Macbeth von Mzensk zwischen Katerina Ismailova und ihrem Schwiegervater Boris ganz ähnlich zeigt: Die Frau muss dem eigentlich widerstrebenden Ehemann öffentlich Treue schwören. In beiden Stücken dauert es keine halbe Stunde, bis dieser Schwur gebrochen wird. Doch ist Katja hier selbst nicht unbeteiligt, denn sie möchte zunächst Tichon auf der Reise begleiten (was dieser sichtlich nicht will) und dann wenigstens ihm das Versprechen geben müssen, dass sie keinen anderen auch nur anschauen wird. Tichon findet seine Frau hier wohl etwas albern, die Kabanicha platzt in die Szene und nötigt ihren Sohn dazu, jetzt doch den Eid zu fordern. Die Musik macht die zerrütteten Zustände ebenfalls deutlich: Als das Muttersöhnchen Tichon genötigt ist, von Liebe zu sprechen, blitzt im Orchester das Motiv der Kabanicha auf.

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Theater Bern / Katja Kabanowa hier vorne: Ursula Füri-Bernhard als Marfa Ignatjevna Kabanova (Kabanicha), Andreas Daum als Savjol Prokofjewitsch Dikoj © Annette Boutellier

Ohne Tichon sehen wir Katja und Warwara mit ihren bunten Kopftüchern der Kabanicha folgen. Das nächtliche Treffen der Frauen mit ihren Liebhabern verläuft seltsam pragmatisch: Katja ist auf Boris aufmerksam geworden, einen Neffen des Dikoj, Warwara arrangiert das Treffen (jetzt ohne Kopftücher). Beide meinen, sie seien ineinander verliebt, Katja ringt mich sich, aber man wird sich „einig“, wie es heißt. Zehn Tage später kehrt Tichon zurück, unerwartet früh. Katja, in Angst vor dem niedergehenden Gewitter, gesteht vor der Gesellschaft ihren Fehltritt. Der Chor sitzt als Publikum vor der Puppenbühne, wir sehen Katjas Marionette (mit Kopftuch) und vorne Katja selbst (ohne Kopftuch). Psychologisch gesehen besonders interessant ist der Moment, als die Marionette ihrerseits ihre Bühne verlässt und mit Katja einen angedeuteten (inneren) Kampf ausficht. Katja, die sich ihre Sünde nicht verzeihen kann, stürzt sich in die Wolga und stirbt – hier verschwindet sie wenig spektakulär hinter der Marionettenbühne. Tichon trauert, die Kabanicha hingegen herrscht ihn an, er solle lieber erleichtert sein und dankt – auf einmal freundlich – den Umstehenden für ihre Hilfe beim Herausziehen der Leiche.

Katja kämpft nicht mit ihrem Mann. Sie sucht auch nicht die Konfrontation mit ihrer Schwiegermutter (ganz anders als Elektra, deren schrankenlose Aggression gegenüber Klytämnestra den Kern der Strauss’schen Oper bildet). Über Boris, ihren Liebhaber, erfahren wir so gut wie nichts, außer dass er nach der Entdeckung des Skandals von Dikoj nach Sibirien geschickt wird und sich nicht auflehnt. Gesanglich ist sein Part dennoch beachtlich, und Alessandro Liberatore absolviert die Rolle mit kraftvoller Stimme, die auch die Höhen gut meistert. Die zentralen Partien sind gleichwohl die der Kabanicha und der Katja: Ursula Füri-Bernhard verkörpert die garstige Schwiegermutter so, dass keine Wünsche offenbleiben. Die „Giftspritze“, die manche Inszenierungen aus ihr machen, ist sie nicht, eher eine ältere Dame, die die Konventionen der dörflichen Gesellschaft verkörpert und den Schein nach außen um jeden Preis wahren will. Die Hauptrolle liegt in den Händen eines Gastes, nämlich der Südafrikanerin Johanni van Oostrum, die in nächster Zeit in Deutschland und Österreich auch als Marschallin, Elsa und Salome zu erleben sein wird. Die musikalischen Anforderungen der Partie meistert sie scheinbar spielend, und auch szenisch wirkt sie glaubhaft. Eine Stimme, die man gerne häufiger in Bern hören möchte!

Im Vergleich zur Freiburger Lesart wird in Bern weniger auf die Verkommenheit der Gesellschaft fokussiert als auf den psychologischen Konflikt; auch ist der Einsatz szenischer Mittel deutlich reduziert. Der fast filmischen Bilderwelt in Freiburg steht in Bern eine innere Perspektive gegenüber. Die aus Buchstabentafeln zusammengesetzten Textkommentare, die Kuligin immer wieder neu arrangiert, sind hierbei meist verzichtbar; die Zahlen 23,1 und 69,1-33 deuten hingegen offensichtlich auf die Psalmen: Katja erzählt aus ihrer Kindheit, wie gerne sie in die Kirche ging (vgl. Ps. 23,1: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“) – und quält sich selbst ob ihrer Sünden, wie auch in Psalm 69 geklagt wird („Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“). Beide szenischen Varianten können als geglückt bezeichnet werden und beleuchten unterschiedliche Facetten eines komplexen Werks, das in Bern ohne Pause gegeben wurde (und mit etwa 80 Minuten Spieldauer auch problemlos ohne Unterbrechung gezeigt werden kann).

Im Graben war ein für die Dimensionen des Hauses großes Orchester am Werk. Das Berner Symphonieorchester wurde von seinem Chefdirigent Musiktheater geleitet, dem Bielefelder Kevin John Edusei. In einem eher kleinen Haus Janácek zu zeigen, ist ein Wagnis, und tatsächlich wurde es manchmal laut; auch hätte man sich in manchen Momenten eine stärkere Abstufung der Pianograde gewünscht. In der ersten Szene singen die Solisten von der etwas zurückgesetzten Marionettenbühne und durch ihre Pappmachéköpfe, wobei sie vom Orchester manchmal zugedeckt wurden. Dennoch überzeugte die Präzision im Zusammenspiel der Musiker, für die der Dirigent am Ende vom Publikum gefeiert wurde. Dem Berner Haus ist zu danken, dass es sich an Leoš Janáceks Katja Kabanowa gewagt hat, und man würde ihm wünschen, dass das Publikum bei den ausstehenden Vorstellungen noch zahlreicher strömt.

Katja Kabanowa am Theater Bern: Die folgenden Termine 19.6.; 27.6.2018

—| IOCO Kritik Stadttheater Bern |—

Wien, Volksoper Wien, Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 15.06.2018

Juni 16, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Volksoper Wien

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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN  –  Jacques Offenbach

 Offenbach und Teufel – In ewigem Kampf

Von Viktor Jarosch

Jacques Offenbach © IOCO

Jacques Offenbach in Paris © IOCO

Hoffmanns Erzählungen ist seit 2016 und ab April 2019 wieder auf dem Spielplan der Volksoper Wien. Regisseur und Choreograph Renaud Doucet integriert in Wien in das ohnehin komplexe Handlungsgefüge von Hoffmanns Erzählungen zusätzliche Facetten: Ein vermeintlicher Kampf von Jacques Offenbach mit dem Teufel, der Ausdruck des Bösen und Ursache  damaliger Katastrophen und Theaterbrände ist. Offenbach, so Regisseur Doucet, möchte in dieser Inszenierung den Teufel durch Vollendung seiner Oper Hoffmanns Erzählungen überwinden. So sind in dieser Inszenierung Jacques Offenbach und ein Teufel auf der Bühne stets präsent.

Gioacchino Rossini nannte Jacques Offenbach (1819 – 1888) den „Mozart der Champs-Elysées“; Giacomo Meyerbeer besuchte regelmäßig Offenbachs dessen Theatre des Bouffes Parisiennes. Zahlreiche satirische, modern frivole Operetten französischer Prägung persiflierten meist in Bezügen zur griechischen Antike die Mittelschicht, Neureiche oder Emporkömmlinge. Orpheus in der Unterwelt (1855) oder Die schöne Helena (1864) mit der umworbenen exzentrischen Diva, Hortense Schneider, machten Jacques Offenbach im damaligen französischen Kaiserreich zu einem Star. Der deutsch-französische Krieg 1870-71 und seine nun kritisch gesehene deutsche Herkunft beendeten die Popularität von Jacques Offenbach in Paris; er war nur noch berühmt. Doch schlimmer: In Paris gab es nach 1871 keinen Raum mehr für seine pralle Operetten.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So begann Offenbach 1877 aus dem 1851 in Frankreich entstandenen, fantastischen Drama Les Contes D´Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen) eine Oper zu komponieren. Mühsam gestaltete sich die Komposition der Oper. Offenbach war bereits krank, dürr, hinfällig; seinen baldigen Tod ahnend schreibt er Léon Carvalho, Direktor der Opéra-Comique, „Beeilen Sie sich, mein Stück heraus-zubringen; ich habe es eilig und hege nur den einzigen Wunsch, die Premiere zu sehen.“

Die Autoren von Les Contes D´Hoffmann, die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré, waren große Bewunderer von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) und dessen Karikaturen, Erzählungen, Satiren. In ihrem populären Drama Hoffmanns Erzählungen integrieren sie die Person E.T.A. Hoffmann in dessen Erzählungen, u.a. Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Serapionsbrüder.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper  erscheint der lebendige Teufel bereits zur kurzen Ouvertüre; leibhaftig unterbricht er nach wenigen Takten die Musik: „Nein, nicht schon wieder… seit 137 Jahren …. Ich als der Teufel…  nehmen Sie Orpheus in der Unterwelt…. der Offenbach raubt mir den Verstand…“. Der Teufel zündelt hier mit der Partitur von Hoffmanns Erzählungen, dessen Blätter vom Bühnenhimmel regnen. Auch in den folgenden Bildern ist der Teufel sichtbar, so als Doktor Mirakel im Antonia-Akt. Das aufwendige erste Bühnenbild bildet die Ruine eines abgebrannten Theaters, eine Skulptur zeigt Offenbachs Kopf, eine Höllenbar verweist allegorisch auf diesen Kampf des Teufels mit Offenbachs Geist. Offenbach ist als Abbild präsent; der Teufel bleibt in Lindorfs Person beständiger Widersacher Hoffmanns; oder doch Offenbachs?

So ist in dieser Inszenierung der gegen den Teufel/Lindorf kämpfende Hoffmann kein leidend, unglücklicher Liebender, kein von Alkohol geschwächter, sinnender Mensch ist. In ungewohnt modernem Anzug, mit kräftiger Stimme ist Hoffmann, Offenbach ein gestaltender, gelegentlich dirigierender, aufrecht wie selbstbewusst mitten im Leben stehender, kämpfender Mensch. Doch die sprachliche Linie der Inszenierung ist gebrochen: Es wird viel Deutsch gesungen, die vier Bösewichter Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel, Dapertutto – als Teufel; doch – man dankt – die großen Partien der Olympia, Guilietta, Antonia erklingen Französisch und unterstreichen das fantastische der Komposition. So steht Hoffmanns Erzählungen an der Volksoper für eine aufwendige, bilderreiche, komplexe Inszenierung, dessen Handlungsstränge, die Bezüge von Teufel und Offenbach sich nur schwer erschließen. Man folgt der Handlung insoweit etwas verloren, genießt jedoch wunderbare Stimmen im Charme der französischen Sprache, eine reiche Choreographie, herrliche Kostüme. Stete Fragen zu Offenbachs unvollendeter Oper, ist es ein romantisches Nachtstück, ein Künstlerdrama, ist es Offenbachs eigenes Lebenstrauma, bietet diese Inszenierung keine Antwort; sie ist nur eine weitere Interpretation.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Weinkeller  Luther  wird in Wien zur Höllenbar, in welcher Vincent Schirrmacher als Hoffmann nicht betrunken sondern selbstsicher in modernem Einreiher die Unberechenbarkeit seiner ehemaligen Geliebten beklagt; kraftvoll, höhensicher auf Deutsch: „Es war einmal am Hofe von Eisenack“.  Rührung, die im Text liegende, tiefe Melancholie ist nicht spürbar. Josef Wagner beherrscht seine Partien als Teufel respektive der vier Bösewichter ebenfalls stimmlich überzeugend ohne jedoch dämonisch zu wirken; seine Diamantarie verliert auf Deutsch das Beschwörende. Wunderbar und mitreißend dagegen Hoffmanns ehemalige Geliebten, wie Sophia Theodorides als Olympia. Brillierende Koloraturen und wohltimbrierter Mittellage färben  ihre große Arie „Les oiseaux dans la charmille“ (Die Vögel im Laubengesang); „Zusatzbeine“ auf ihrem großen Reifrock, freier Kunstoffbusen sind dabei beständig skurrile wie faszinierendes Spielzeug. Anja-Nina Bahrmann ist eine stimmlich mitnehmende und königlich wirkende Antonia. Ein in Schneemassen gehüllter Wohnraum, Eiszapfen hängen von der Decke. Nach deutsch rauem „Wo ist Antonia?“ erklingt ihr französisches „Lied von der Taube“ in zartem, lyrischem Timbre. Wellenspiegelungen und Tänzerinnen mit Federbüschen und Totenkopfmasken begleiten Kristiane Kaiser als Giulietta zu ihrer sensibel gespielten und hochromantisch gesungenen Barcarole „Belle nuit, ô nuit d’amour„. Gerrit Prießnitz lässt Offenbachs fantastische Oper leuchten, phrasiert dessen tiefe Melancholie, dirigiert sängerfreundlich.

Das Publikum der voll besetzten Volksoper feierte Ensemble und Orchester zur letzten Aufführung von Hoffmanns Erzählungen dieser Spielzeit. Wenn auch der unerwartete  Kampf Jacques OffenbachsTeufel und Sprachwechsel eher verwirrten, die Komposition Offenbachs, das aufwendige Bühnenbild, großartige Choreographie und wunderbare Stimmen  machen den Besuch dieser Produktion  empfehlenswert.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

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