Wien, Volksoper Wien, Sweet Charity – Musical von Cy Colemann, IOCO Kritik, 29.09.2020

September 30, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Musical, Volksoper Wien

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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Sweet Charity – Musical von Cy Coleman

 – Charity Hope Valentine – Tänzerin in einem Nachtclub – bleibt bei allen Enttäuschungen ein optimistisch frohes Wesen –

von Marcus Haimerl

Die erste Premiere der aktuellen Saison an der Wiener Volksoper galt dem eher selten gespielten Musical Sweet Charity von Cy Coleman. Grundlage des Buchs von Neil Simon bildete Federico Fellinis Meisterwerk Die Nächte der Cabiria aus dem Jahr 1957 über die Prostituierte Maria Ceccarelli (genannt Cabiria) die trotz ständiger Demütigungen und lebensbedrohlichen Situationen durch Männer nie die Hoffnung verliert. Wie könnte man eine Saison in Corona-Zeiten besser beginnen als mit einem Stück über eine optimistische in die Zukunft blickende Frau.

Für das Musical verlegten Cy Coleman und Neil Simon die eher tragische Handlung der Filmvorlage von Rom nach New York, wo Charity Hope Valentine als Tänzerin im Nachtclub-Milieu ihr bescheidenes Leben fristet. Sie trifft auf den Filmstar Vittorio Vidal und auf den ebenso biederen wie neurotischen Oscar Lindquist, mit dem sie beinahe ihr Glück findet. Auch wenn Charity am Ende wieder positiv in die Zukunft sieht, ist ihr dennoch kein Happy End vergönnt.

SWEET CHARITY – Musical von Cy Coleman
youtube Trailer Volksoper Wien
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Der Wiener Volksoper gelingt mit dem inhaltlich doch recht gewichtigen Stück eine perfekte Umsetzung mit der Neuübersetzung von Alexander Kuchinka. Regisseur Johannes von Matuschka setzt dabei auf eine Drehbühne, bestückt mit Leuchtbuchstaben, die an die Lichter einer Großstadt erinnern sollen und auch als Möbel (ein umgelegtes „H“ als Doppelbett oder ein aufgestelltes „E“ oder „C“ als Sitzgelegenheit) oder Spielfläche dienen. Gemeinsam mit den Kostümen von Tanja Liebermann erinnern manche Szenen in ihrer Skurrilität an weitere Filme Fellinis wie „8 ½“ oder Die Stadt der Frauen. In dem eher spartanischen Bühnenbild gelingen immer wieder starke Bilder und originelle Szenen, wie die Szene im Aufzug oder in der U-Bahn. Aber auch im tristen Umfeld des Nachtclubs wird der Fokus auf die Hauptfigur der Charity Hope Valentine gelenkt.

In der Titelpartie der Charity ist die herausragende Lisa Habermann mit ihrer stimmlichen und darstellerischen Leistung perfekt besetzt. Fast möchte man meinen, dass sie diese innige Liebende optimistische Charity nicht spielt, vielmehr ist Lisa Habermann diese Charity

SWEET CHARITY – in the making of the production
youtube Trailer Volksoper Wien
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Als ihre große Liebe Oscar Lindquist, für den sie sogar ihren Job im Nachtclub aufgibt, brilliert Peter Lesiak. Äußerst glaubhaft gelingt ihm die Wandlung seines Charakters durch Charitys positiven Einfluss vom schüchternen Tollpatsch zum innigen Liebhaber, der am Ende an Charitys Vergangenheit doch verzweifelt. Eine ebenso großartige Leistung auch von Axel Herrig als italienischer Schauspieler Vittorio Vidal zwischen Charity und Ursula March (Ines Hengl-Pirker). Ein besonders beeindruckender und skurriler Auftritt ist jener von Drew Sarich als Daddy Brubeck als Oberhaupt der neuen „Puls des Lebens-Kirche“. Eine ebenso herausragende Leistung erlebt man von Julia Koci und Caroline Frank als Nickie und Helene, zwei Kolleginnen Charitys aus dem Nachtclub.

Möchte man auch kleinen Partien Format verleihen, braucht es den großartigen Christian Graf, dem ebendies bei der Partie des Geschäftsführers des Fandango-Ballhaus mehr als gelungen ist und bei dem Song „Ich heul auf jeder Hochzeit“ (I Love To Cry At Weddings) zur Höchstform aufläuft. Auch Jakob Semotan, Oliver Liebl, Kudra Owens und der Rest des Ensembles wissen das Publikum zu überzeugen.

Lorenz C. Aichner und dem hervorragenden Orchester der Wiener Volksoper gelingt eine optimale und brillante Umsetzung von Cy Colemans Musik. Der Jubel des Publikums am Ende beweist, dass die Volksoper Wien auch in der Sparte Musical internationalen Vergleichen durchaus standhalten kann.

Sweet Charity an der Volksoper Wien; die nächsten Vorstellungen 30.09.; 12.10.; 18.10.; 23.10.; 28.10.; 27.11.; 30.11.; 4.12.; 7.12.; 12.12.2020

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Münster, GOP Varieté-Theater, CAMPING – Varieté um Zelt und Wohnwagen, IOCO Kritik, 30.09.2020

September 30, 2020  
Veröffentlicht unter GOP Variete Theater, Hervorheben, Kritiken, Revue

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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

CAMPING – musikalisches Varieté um Zelt und Wohnwagen

–  Show des GOP Varieté-Theater inspiriert mit Musik, Comedy und Artistik –

von Hanns Butterhof

In Corona-Zeiten wird wieder vermehrt in der Heimat geurlaubt, und auch das gute alte Camping feiert eine Renaissance. Diesen Trend nimmt nun das GOP Varieté-Theater Münster auf und bietet mit der neuen Show Camping eine bunte Mischung aus Musik, Comedy und Artistik.

Der Campingplatz auf der Bühne des GOP sieht zu Beginn der Show noch recht idyllisch aus. Ein Zelt und ein Wohnwagen stehen verschlafen links, einer rechts. Ferngesteuert saust zwischen ihnen ein Igel durch, der sich nicht an der Oma stört, die mühsam am Stock vorbeiwackelt. Doch dann wird es munter. Unter komödiantischen Komplikationen und einigem artistischen Aufwand hängt der Platzwart das Schild auf, das den Campingplatz für eröffnet erklärt.

CAMPING – GOP Münster
youtube Trailer des GOP Varieté-Theater
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Und es wird lauter. Auf Rollschuhen fährt, Akkordeon spielend, die erste Camperin herein, aufgekratzt trommelt ein zweiter Naturfreund auf einem Fass herum. Was immer bei CAMPING passiert, es wird ausdauernd von Musik begleitet, so dass entschieden der Eindruck entsteht, sie stünde bei der Show im Vordergrund; fünfzig Prozent der Artisten sind auch Musiker.

Mit tollem musikalischen Drive schieben der dreadlockige Florian Grobéty am swingenden Kontrabass und der lagerfeuertauglichen Gitarre, die rollschuhfahrende Laurence Petitpas mit ihrem schwermütigen Akkordeon und die verträumte Geigerin Érika Hagen-Veilleux das Bühnengeschehen an.

GOP Varieté Theater Münster / CAMPING - hier : Érika Hagen-Veilleux träumt mit dem Cyr © GOP Münster

GOP Varieté Theater Münster / CAMPING – hier : Érika Hagen-Veilleux träumt mit dem Cyr © GOP Münster

Das entwickelt sich ohne besondere Höhepunkte als eine Reihung einzelner Darbietungen. Wenn Colin André-Heriaud bedingt halsbrecherisch auf einem dicken Tau schaukelt, kommt damit das selten gezeigte Escarpolette zum Einsatz. Die Jonglagen Aaron DeWitts auf dem Skateboard und seines etwas belämmerten Partners Nate Armour, der bei einer sich wie spontan entwickelnden fetzigen Session des Ensembles auch beachtliche sängerische Fähigkeiten zeigt, haben ihren Schwerpunkt bei der Comedy.

Publio Alberto Rabago gibt den Macho mit einer starken Kür an den Strapaten und dem Chinesischen Pfahl, dem Érika Hagen-Veilleux eine sanfte weibliche Träumerei mit dem Cyr und einem Reifen als Schaukel entgegensetzt. Und immer wieder tanzt mit überschäumender Lebensfreude Thomas Blacharz und erinnert begeisternd mit seiner Partnerin Marion Bayle an das klassische Film-Tanzpaar Fred Astaire und Ginger Roberts. Nach neunzig Minuten ohne Pause wird wieder nicht komplikationslos, aber mit vollem partnerakrobatischem Einsatz, der Campingplatz für geschlossen erklärt. Damit endet eine familienfreundliche, etwas unentschieden zwischen Musik, Comedy und Artistik angesiedelte Show.

Manche Camper wünschten sich ihren Aufenthalt vielleicht idyllischer, doch auf der Varieté-Bühne unterhält solch buntes Treiben erfreulich

Camping im GOP-Varieté-Theater Münster ist bis zum 10. Januar 2021 immer Mittwoch bis Sonntag.   –   Karten unter ?0251- 4909090 oder variete.de.

—| IOCO Kritik GOP Variete Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, DIS-TANZ – in den Klauen des Virus, IOCO Kritik, 29.09.2020

September 29, 2020  
Veröffentlicht unter Ballett - Tanz, Hervorheben, Kritiken, Theater Münster

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Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

DIS-TANZ – In den Klauen des Virus
Tanztheater:  Corona-Folgen im Alltag, der Schrecken von Quarantäne ….

von Hanns Butterhof

Die Hygiene-Konzepte für das Theater haben mit ihren Distanz-Vorschriften besonders für das Tanztheater erhebliche Einschränkungen zur Folge. In seinem vom Publikum begeistert aufgenommenen Tanzabend Dis-Tanz im Großen Haus des Theaters Münster zeigt Tanz-Chef Hans Henning Paar darüber hinaus in eindringlichen Szenen die Einschränkungen durch Corona in der Gesellschaft.

Zu Beginn des Tanzabends windet und wälzt sich, mit Spinnenarmen um sich greifend, ein beunruhigend unbekanntes Wesen auf einem schmalen Streifen Lichts auf das Publikum zu. Auf seinem weißen Körper flimmern Pixel wie bei einem gestörten Fernsehbild: das Virus als bedrohlicher Störfall.

DIS-TANZ – Tanzabend zur Verzweiflung in der Corona Zeit
youtube Trailer Theater Münster
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Der anfangs schmale Lichtstreifen verbreitert sich dann über die ganze Bühne, wie das Virus über die Welt, und entfaltet seine zerstärerische Wirkung. Wer von ihm berührt wird, sinkt, begleitet von einem kurzen Erzittern der Musik, zu Boden.

Tastend erkundet dann Paare, wie sich Beziehung und Selbstschutz vertragen. Mit überlangen Armen – da werden die Abstands-Regeln kostümbildend – versucht ein Tänzer (Keelan Whitmore), seinen Partner (Ilario Frigione) mit den Klauen des Virus‘ zu packen, dann ein nächster, an seine in mehrfache Folienhüllen gewickelte Partnerin heranzukommen. Andere ganzkörperlich in durchsichtige Folie Verpackte gehen beziehungslos aneinander vorbei, eine hadert mit ihrer übergroßen schwarzen Schutzhülle, in der sie sich ständig wie in einer lästig mitgezerrten Schleppe verheddert.
Die wohl berührendsten Szenen entfalten den Schrecken der Quarantäne.

Ein hell beleuchtetes Viereck auf dem Bühnenboden markiert den engen Raum, aus dem eine einzelne Tänzerin (Maria Bayarri Pérez) nicht heraus darf. Mit ihren Händen tastet sie die nur aus Dunkelheit bestehenden Wände ab, drückt verzweifelt ihre Wange an sie und sinkt dann resigniert zusammen.

 Theater Münster / DIS-TANZ - Verzweiflung und Resignation in der Quarantäne Maria Bayarri Pérez © Oliver Berg

Theater Münster / DIS-TANZ – Verzweiflung und Resignation in der Quarantäne Maria Bayarri Pérez © Oliver Berg

Glücklicher scheint ein Paar (Fátima Lòpez Garcia und Leander Veizi) zu sein, für das – da sie auch im Privatleben ein Paar bilden – die Abstandsregeln nicht gelten. Ineinander verschlungen rollen sie herein, beneidenswert. Doch die Bekundungen ihrer Liebe werden zunehmend zwanghaft und enden schließlich im Konflikt; sie halten die verordnete Nähe nicht aus.

Die vielen ineinander übergehenden Szenen beschreiben überzeugend zerstörerische Folgen des Virus‘ und der Versuche, sich dagegen zu wappnen. Am Ende trennt ein durchsichtiger, verpixelter Vorhang das Ensemble in die davor und die dahinter. Wenn dann eine Tänzerin unter ihm hindurch auf die andere Seite gezogen wird, bleibt offen, ob das zu ihrer Rettung führt.

Dass im Elend von Corona auch positive Hinweise auf dringend nötige Veränderungen unseres gesellschaftlichen Lebens enthalten sind, kommt in Paars düsterer Bestandsaufnahme nicht vor. Doch gibt DIS-TANZ tänzerisch und szenisch ein überzeugendes, berührendes Bild unserer Gesellschaft in den Klauen des Virus‘ und seiner zerstörerischen Kraft.

Das begeisterte Premierenpublikum applaudierte nach sechzig spannenden Minuten stehend Hans Henning Paar und seinem ausdrucksstarken Ensemble, das es mehrfach vor den Vorhang rief.

DIS-TANZ am Theater Münster; Die nächsten Termine: 27., 29. und 31.10.2020, jeweils 19.30 Uhr

 

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Wolfsburg, Scharoun Theater, Staatsorchester Braunschweig – „Verklärte Nacht“, IOCO Kritik, 29.09.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Staatsorchester Braunschweig –  Verklärte Nacht

Prachtvolle Streicherklänge schweben im Scharoun Theater

von Christian Biskup

Die Corona-Krise macht den Theatern zu schaffen. So auch dem Scharoun Theater Wolfsburg, welches am 18.09.2020 nach langen Monaten als beliebtes Gastspieltheater wieder geöffnet ist:  offen für Künstler  und Produktionen aus aller Welt. Traditionell finden jährlich in dem Haus zehn Sinfoniekonzerte statt, welche die stets gut verkaufte Konzertreihe des Hauses begründen. Das Staatsorchester Braunschweig eröffnet im Scharoun Theater die Spielzeit 2020/21: ein reich-buntes Kultur-Angebot, zu dem auch Stummfilmkonzerte und hochkarätige Solistenkonzerte gehören.

Dass die Corona-Krise auch eine Chance sein kann, bewies das Staatsorchester Braunschweig am 25.09 bei seinem Gastspiel im Wolfsburger Theater. Denn wann sonst, außer jetzt, hat man in Volkswagen-Stadt Musik nur für Streichorchester gehört?  Es dürfte lange her sein. Und wenn dann auch noch ein unbekanntes wie hochinteressantes Konzert, wie das für Altsaxophon und Streichorchester von Alexander Glasunow auf dem Programm steht, ist der Abend auch in dieser Weise als besonders zu betiteln.

Das Staatsorchester Braunschweig und das Scharoun Theater Wolfsburg verbindet schon eine lange Freundschaft. Ob mit Opernproduktionen oder mit Konzerten – das Braunschweiger Ensemble ist häufig zu Gast im bekannten Scharoun Theater. So auch in dieser Spielzeit 2020/21, wo sie die Konzertsaison mit Werken von Schönberg, Glasunow und Dvorak eröffnen.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

„Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; der Mond läuft mit, sie schaun hinein“ – diese berühmten Zeilen des Dehmel-Gedichtes Verklärte Nacht inspirierten Arnold Schönberg zu einem seiner bekanntesten Werke. Das Werk um eine Frau, die ihrem Liebhaber gesteht, dass sie von jemand anderem ein Kind erwartet und dessen Verständnis erhält, war – wie so vieles von Schönberg – am Beginn unverständlich, sinnlos und schlichtweg nicht relevant. Heute ist das Werk längst akzeptiert und eines der meistgespielten Werke des Avandgardisten. So manch einer mag verwirrt fragen warum Schönberg eine Abkehr von der süffigen, expressiven Spätromantik genommen hat, dies sei ja viel verträglicher für die Ohren – doch wenn man genau hinhört stellt man schnell fest, das Schönberg auch schon hier sehr stark an den tonalen Grenzen komponiert. Das Werk, welches wie eine Stummfilmmusik über das Geschehen berichtet, eckt stets an und rüttelt an dem Zuhörer; besonders wenn die Ausführung so expressiv, detailliert und klangvoll wie mit dem Staatsorchester unter der Leitung von Srba Dinic gelingt. Flirrende Soli, irrisierende Klangschichten – es gab Musik in bester Fin de siécle Manier.

Ein Kontrast dazu bildete das Konzert für Altsaxophon und Streichorchester des russischen Komponisten Alexander Glasunow. Zu Lebzeiten einer der berühmtesten Komponisten seines Landes, ist er – wie zum Beispiel auch Anton Rubinstein – fast gänzlich von den Konzertprogrammen verschwunden. Zu unrecht, wie die Ausgrabung des Abends zeigte. Das Saxophonkonzert, ist das letzte größere Werk des Komponisten, der zwei Jahre nach dessen Entstehung 1934 verstarb. Nachdem ein Saxophonquartett als Vorgängerwerk zur Erprobung des, damals in Russland noch relativ unbekannten, Instrumentes gelten kann, sollte dem ein richtiges Konzert folgen. Unverhohlen romantisch, russisch melancholisch, überzeugt das Werk nicht nur durch seine melodischen und rhythmischen Raffinessen, sondern auch durch den wirklich gelungenen Saxophon-Part, den Maike Krullmann (Foto unten) bestens gestalten konnte. Von schwelgenden breiten Phrasen hin zu aberwitzig schnellen Läufen und Tonsprüngen – alles meisterte die Solistin mit Bravour.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig - hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig – hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Besonders beeindruckend gelang der langsame zweite Satz, der zum Teil pianissimo in höchster Lage erfordert und von intimer Schönheit ist. Insgesamt war das Werk ein großes Plädoyer für das Instrument Altsaxophon, welches in seiner ganzen Klangschönheit selten so zu hören ist. Obgleich das Werk mit seinen zahlreichen Rubati sicherlich nicht leicht zu begleiten ist, erwies sich das Staatsorchester unter Srba Dinic jedoch als idealer Partner. Viel Applaus!

Am Schluss des rund 90-minütigen Konzertabends stand die Streicherserenade in E-Dur von Antonin Dvorak. Die Legende berichtet, er habe das Werk innerhalb von nur 12 Tagen komponiert, was angesichts des fruchtbaren Jahres 1875 eventuell gar nicht so weit hergeholt ist. Letztlich ist dies auch nicht relevant, herausgekommen ist jedenfalls ein lebensbejahendes, vitales Werk voller Schönheiten. Herrlich ist der erste Satz mit seinem, aus dem Nichts entstehenden, dahinfließenden Hauptthema, welches sich lyrisch breit entfaltet. Nicht minder schön ist der zweite Satz. Der melancholischer Walzer voll slawischer Schwermut und heiter-volkstümlichen Anklängen ist eine der bekanntesten Melodien Dvoraks und wird elegant wie sehnsuchtsvoll vom Staatsorchester interpretiert. Auch die scheinbar von böhmischen Volkstänzen inspirierten Sätze drei und fünf gelangen äußerst mitreißend und beschlossen den Konzertabend. Obgleich man teils recht deutlich merkte, dass besonders der Glasunow und Schönbergs Verklärte Nacht geprobt wurde, gelang eine musikalische packende Interpretation:

… die dem Wolfsburger Publikum teils auch sichtbar Freude bereitete. Viel Applaus für den gelungenen Auftakt der Konzertsaison.2020/21 im Scharoun Theater

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