Osnabrück, Theater Osnabrück, Tanzabend – Die schöne Müllerin, IOCO Kritik, 22.05.2018

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die schöne Müllerin Tanzabend  – emma-theater 

– Tanz vom Verlust der Heimat –

Von Hanns Butterhof

Heimat ist das Motto der laufenden Spielzeit des Theaters Osnabrück. Der aus Brasilien stammende Choreograph Samir Calixto zeigt in seinem fesselnden Tanzabend Die schöne Müllerin nach der Komposition Franz Schuberts zu dem Text von Wilhelm Müller eine Heimat von bestürzender Aktualität.

In der Mitte der völlig in Weiß gehaltenen Bühne des emma-theaters steht ein kalkweißer, tot seine dürren Äste krümmender Baum. Calixto zeichnet damit krass das Bild einer verlorenen Heimat, in der einst noch die Mühle am rauschenden Bach klapperte und man sich zur Abendzeit wohl unter Linden fand.

emma - theater Osnabrück / Die schöne Müllerin - Tanzabend hier : Erinnerungen stürmen auf die Müllerin ein. mittig hinten: Sängerin Gabriella Guilfoil und Dance Company © Jörg Landsberg

emma – theater Osnabrück / Die schöne Müllerin – Tanzabend hier : Erinnerungen stürmen auf die Müllerin ein. mittig hinten: Sängerin Gabriella Guilfoil und Dance Company © Jörg Landsberg

An die Vergangenheit denkt auch die Frau zurück, die in weißem Kleid und grünen Schuhen zögernd ins Scheinwerferlicht tritt: Die Mezzosopranistin Gabriella Guilfoil beginnt den Tanzabend wie einen gewöhnlichen Solo-Liederabend, begleitet von dem einfühlsamen Florian Appel am Klavier. Doch ist sie als die einst schöne, nun vom Leben enttäuschte Müllerstochter in die Choreographie als ihr Zentrum eingebunden. Indem es die Erinnerungen und inneren Bilder der Müllerin sind, die Calixto von der zehnköpfigen Dance Company tanzen lässt, entgeht er der Gefahr, die von Müller so eindringlich geschilderte, von Schubert schon musikalisch ausgedeutete Geschichte mit Tanz nur zu verdoppeln.

Es sind schwankende Erinnerungen, tastend nach dem, was gewesen ist, wer sie und der Geselle damals waren. So kommt zu Beginn ein einzelner Tänzer unbeschwert jugendlich hüpfend auf die Bühne, dann jauchzend ein zweiter, bis schließlich der Müllergeselle in fünffacher Gestalt auf die Sängerin zustrebt, von dem sie noch nicht weiß, was er für sie sein wird, Verlockung oder Bedrohung.

emma - theater Osnabrück / Die schöne Müllerin - Tanzabend hier : Die Müllerin erinnert sich an ihre Jugend. (Sängerin Gabriella Guilfoil und Christina Commisso © Jörg Landsberg

emma – theater Osnabrück / Die schöne Müllerin – Tanzabend hier : Die Müllerin erinnert sich an ihre Jugend. (Sängerin Gabriella Guilfoil und Christina Commisso © Jörg Landsberg

Auch die Bilder der Müllerin von sich selber vervielfältigen sich, wenn fünf Tänzerinnen erst noch heiter beschwingt, aber alle in ihren eigenen Bewegungen ihre widersprüchlichen Gefühle auskosten. Ein wildes Jagen um den Baum herum lässt vermuten, dass der Geselle die Liebe der Müllerstochter errungen hat. Doch eine der Tänzerinnen schaut schon woanders hin, eine andere pflückt grüne Blätter von einem Zweig; die Beziehung zu dem bodenständigen Jäger deutet sich an. Grüne Augenbinden, die ihnen die Sicht darauf nehmen, hängen bald wie Schlingen um die Hälse der verschmähten, verletzten Männer. Die stampfen bockend noch einmal unisono auf, bevor sie nacheinander wie tot umfallen. Während alle in geknickter Haltung dem Geschehen den Rücken zuwenden, umarmt schließlich ein Tänzer, stöhnend und verzweifelt stammelnd, den Baum, den Tod. Erst in ihm findet der wanderlustige Geselle, der unbehauste Mensch von heute, seine alleinige Heimat.

Nach einer guten Stunde berührenden Gesangs und fesselnden Tanzes gab es lang anhaltenden, begeisterten Beifall für Gabriella Guilfoil und Florian Appel sowie das furiose Ensemble der Dance Company.

emma – Theater Osnabrück: Die schöne Müllerin – Tanzabend: Die nächsten Termine: 20.5. und 3.6.2018, jeweils 19.30 Uhr

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Münster, Theater Münster, Amphitryon – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 15.05.2018

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Amphitryon  von  Heinrich von Kleist

– Götter der Klamotte –

Von Hanns Butterhof

Am Kleinen Haus des Theaters Münster hat Caroline Stolz Heinrich von Kleists Lustspiel Amphitryon als lustiges Spiel inszeniert. Der Slapstick-Stil alter Schwarzweiß-Stummfilme macht diesen extrem ausgedünnten Amphitryon mit Göttern der Klamotte recht kurzweilig.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Die sonst leere Bühne des Kleinen Hauses beherrscht eine überdimensionierte Drehtür, edel in Holz gehalten wie für ein Nobelhotel (Bühne und Kostüme: Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert). Sie ist der Eingang zum Palast des Amphitryon, des Fürsten von Theben, der wegen einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Athen seit Monaten von Theben abwesend sowie von Tisch und Bett seiner jungen Frau Alkmene getrennt ist.

Amphitryon – Caroline Stolz vergagt Kleists Lustspiel

Das Stücks beginnt unmittelbar als Verwirrspiel, als Amphitryons Diener Sosias (Garry Fischmann) an die Drehtüre kommt, um Alkmene mitzuteilen, dass ihr Gatte sie nach siegreicher Schlacht anderntags besuchen werde: Sosias selber in vierfacher Ausführung (Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Christoph Rinke und Bálint Tóth) stellt sich ihm in den Weg, gekleidet wie er in zu kurze Hosen, bräunlich kariertes Sakko und schwarzer Melone auf dem Kopf. Die Hiebe, durch die sie ihn nötigen, anzuerkennen, dass sie und nicht er Sosias sind, sind göttlich choreographiert. Sosias wird durch ein einfaches Fingerschnippen der Vierfachen, begleitet von Comic-Geräuschen wie Zoing! oder Zack! vom Band, durch die Luft geschleudert. Der Witz der gleichförmigen Bewegungen der Viererbande, in die sich der Gott Merkur verwandelt hat, ihr Spiegeln dessen, was Sosias an Bewegungen ausführt, wirkt viel schneller, als der Wortwitz Kleists, der einen langen Atem und deutliche Artikulation benötigt.

Als einer der vier Sosiasse stellt sich dann der Göttervater Jupiter (Christoph Rinke) heraus, der sich eigentlich in Amphitryons Palast befinden müsste, wo er in dessen Gestalt Alkmene (Claudia Hübschmann) verführt; warum das noch immer die Gestalt des Sosias ist, bleibt eines der Rätsel der Regie. Aber Rinke macht das recht lustig in der sich boulevardesk munter drehenden Türe.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Die Verwirrung des Sosias wiederholt sich verschärft, als Amphitryon (Jonas Riemer) anderntags tatsächlich nach Hause kommt, dort aber auf den ihm zum Verwechseln ähnlichen Jupiter (Christoph Rinke) trifft, der ihm sein Amphitryon-Sein bestreitet. Als Alkmene entscheiden soll, wer von beiden ihr Gatte ist, kommt erstmals etwas von Kleists Tiefsinn zum Tragen, sprechen Jonas Riemer und Christoph Rinke dessen Jamben angemessen deutlich. Doch Alkmene, die auch in dem Gott nur ihren Gatten geliebt hat, von Claudia Hübschmann aber mehr als laszives Objekt göttlicher und menschlicher Begierde gegeben wird, weiß nicht mehr, wer nun wer ist. Zu den zwischen Jupiter und Amphitryon verhandelten theologischen Spitzfindigkeiten, die alle Unklarheiten beseitigen sollten, entweicht ihr nur ein finales Ach!

Das könnte auch der gesamten vergagten Inszenierung gelten, mit der es Caroline Stolz mehr gelingt, Verwirrung in den Zuschauern zu erzeugen, als an deren eigene Identitäts-Erfahrungen im Sinne von Wer bin ich und wie viele? zu rühren. Aber das Publikum hat viel gelacht und nach eineinviertel kurzweiligen Stunden dem hinreißend spielenden Ensemble herzlichen Beifall gespendet.

Amphitryon am Theater Münster: Die nächsten Termine: 24.5., 1., 14. und 15.6 um 19.30 Uhr, 24.6. 2018 um 19.00 Uhr

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Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Der Liebestrank – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 14.05.2018

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Der Liebestrank – Gaetano Donizetti

 Semperoper und MiR – Vereint im Liebestrank

Von Viktor Jarosch

Gaetano Donizetti (1797–1848) war ein ungewöhnlicher Viel-Komponist: In seiner Schaffenszeit von nur 25 Jahren komponierte er über 70 Opern, Messen, Kantaten, Sonaten. Er formte, in heftiger Konkurrenz mit Vincenco Bellini (1801–1835), eine musikalische Brücke zwischen Gioacchino Rossini und Giuseppe Verdi wie den Weg vom modischen Belcanto zur differenzierenden musikalischen Charakter-Dramatik. Im September 1830, mit seiner 32sten Oper Anna Bolena, Librettist Felice Romani, wurde Donizetti  bekannt. Weitere sechs Opern hatte Donizetti komponiert bis, im Mai 1832, die in drei Wochen entstandene Oper L´Elisir d´amore, Der Liebestrank den wahren Durchbruch brachte. Er wurde weltberühmt. Der Liebestrank gehört seither zu den meist gespielten Werken auf großen wie kleinen Bühnen des Globus. Der große Erfolg überraschte selbst Donizetti.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Nemorino und die Belcores © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Nemorino und die Belcores © Pedro Malinowski

„Meistermacher“ des Liebestrank war wie bei Anna Bolena, Librettist Felice Romani.  Romani suchte beständig nach neuen Sujets für Donizetti und den schon damals schnelllebigen italienischen Opernmarkt. Das spritzige Libretto des französischen Dramaturgen Augustin Eugène Scribe begegnete ihm; Daniel Auber hatte daraus die in Frankreich erfolgreiche Oper Le Philtre geschrieben. Romani übernahm das Libretto nahezu wörtlich ins italienische, füllte es mit „Buffo-Arien“, welche Donizetti filigran komponierte und instrumentierte: Fertig war L´Elisir d´amore! In einem Monat.  Der folgende große Erfolg überraschte selbst Donizetti.

Belcore, Dulcamara – Bereiter von Lebensvielfalt

Michael Schulz, Regisseur des Liebestrank (NB: Schulz ist auch Intendant des Musiktheater im Revier, MiR) schuf diese Inszenierung zuvor für die Semperoper Dresden; mit Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal. Schulz´ Paradigma der Inszenierung: Die Befreiung richtungsloser, mental gefangener Menschen, Charaktere aus der Einfalt des Lebens, aus selbst-gewählter Beschränkung in eine lebende, farbige, sich zum Besseren ändernde Welt. Nemorino, Belcore, Dulcamara sind in Schulz‘ Inszenierung die Katalysatoren der Veränderung: Facettenreichtum und farbige Kreativität in Choreographie, Bühnenbild und Kostümen schaffen eine mitreißende Inszenierung. Liebestrank in Gelsenkirchen ist so mehr als pausbackige Komische Oper, keine biedere  Opera Buffa, wenn ihn auch Belcanto und Frohsinn prägen.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Dulcamara und sein Rotwein alias Liebestrank © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Dulcamara und sein Rotwein alias Liebestrank © Pedro Malinowski

Dem Besucher begegnet zur Ouvertüre der der alt-keltischen Sage um Tristan und Isolde entstammende Liebestrank:  Mit wagnerianischen Alliterationen, projiziert auf dem Bühnen-vorhang: „Und Tristan trank den trüben Trunk…..“  , welche mit einem irritierenden „Ha?“ endeten. Das erste Bühnenbild beginnt verhalten; es zeigt einen etwas herunter gekommenen Ballsaal, Tische mit Nummernlämpchen, verriegelte Türen und Fenstern: Eine bunte aber richtungslose Gemeinschaft, tanzt, küsst, stolpert, fällt darin, doch merkwürdig ziellos. Es ist eine Gesellschaft, der Freude am Leben, an partnerschaftlichen Beziehungen, an der Farbe in ihrem Leben verloren ging.  Nur der schüchterne, wie verloren wirkende Nemorino wird noch von Gefühlen, Liebe geleitet und betet in seiner ersten  Arie Quanto è bella, quanto è cara !  Più la vedo, e più mi piace ..Welche Schönheit, welche Reize…“,  die  ebenfalls teilnahmslos, abwesend wirkende Adina an: Die gefühlsarme Gemeinschaft dreht Nemorino den Rücken zu, ignoriert ihn, buht ihn aus. Auch Adina nimmt Nemorino nicht wahr, erzählt stattdessen über den Liebestrank:  „Della crudele Isotta, il bel Tristano ardea…. Tief von Isoldens Reizen  war Tristans Herz getroffen“. Man lebt blutlos, freudlos, wie in Trance.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : die Belcores feiern Adina © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : die Belcores feiern Adina © Pedro Malinowski

Ein wunderbarer Regie-Clou leitet den Wandel der Gemeinschaft zu lebensfrohem, farbigem Leben sichtbar ein: Von magischer Hand geführt schneidet eine Säge eine Öffnung in den Boden. Dieser Öffnung entsteigen, noch in farbloser Malerkluft, Belcore (Michael Dahmen) und acht weiteren Belcores. Auf der Bühne reißen die Belcores ihre Kluft herunter, um mit Helmbusch, prachtvollen Uniformen und mitreißenden Choreographien  (Sebastian Schiller)   reales Leben im Farbe und Sprache zu zeigen: „Keine Frau widersteht dem Anblick eines Helmbusches!“. Ein verloren einsam wirkender Klavierspieler (Askan Geisler) schlurft immer wieder zur Bühnenmitte, um dort Träume in Form eines Luftballons in den Himmel steigen lässt, der kurz darauf zerplatzt auf die Bühne zurück fällt. Doch frohes, neues Leben ist unwiderruflich in die Gemeinschaft zurückgekehrt:  Die Belcores ziehen sich zur Ruhe in ein winziges Zelt zurück, welches beständig verräterisch schaukelt, aus welchem Hände Adinas Bein begrapschen.  Spektakulär verformt sich sodann das Bühnenbild mit dem Erscheinen des Quacksalbers Dulcamara:  Trommelwirbel; der riesige Bug eines Schiffes bricht sich durch die Seitenwand auf die Bühne; aus einer mit glitzernden Lichtern behangenen Türe am Boden des Bugs erscheint Dulcamara: „Kauft meine Medizin….Wollt ihr glatte Haut haben…“. Die noch seelenarme Gemeinschaft horcht…, Nemorino bittet Dulcamara um Tristan und Isoldes Liebestrank.., Belcore erhält einen Marschbefehl..  Ein spektakulär durch die Bühnendecke brechender riesiger Kronleuchter beendet den ersten Akt und zeigt auch, warum diese Produktion in Dresden erfolgreich war.

Der zweite Akt wird dann endgültig zum Stimmenfest, zur herrlichen Oprea Buffa: Ein langer gedeckter Tisch mit viel Spaghetti und Rotwein, an welchem die neun Belcores italienisch ausgelassen Hochzeit feiern während sich Adina sichtbar unwohl fühlt; Nemorino bettelt in seinen Liebesnöten Dulcamara erneut um den Liebestrank; verdingt sich bei den Belcores (abermals mit starker Choreographie)  als Soldat;  nebenan feiern die Frauen Nemorina als reichen Heiratskandidaten: „Ist eine gute Partie“. Pralles wie vielseitiges Leben ist nun allgegenwärtig, sichtbar, spürbar bis zum bekannt guten Ende: der Hochzeit von Nemorina und Adina.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Nemorino wird ob der Erbschaft von Frauen umschwärmt © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Nemorino wird ob der Erbschaft von Frauen umschwärmt © Pedro Malinowski

Das MiR überrascht erneut: Selbst höchst anspruchsvolle  Opern „stemmt“ das inmitten des Ruhrgebietes liegende, finanziell beschränkte MiR meist mit dem eigenen Ensemble; so auch diesen Liebestrank. Die Koreanerin Dongmin Lee kokettiert als Adina spielerisch mit perlenden, lyrisch sanften wie dramatischen Koloraturen; ist  stimmlicher Höhepunkt des Abends. Mit bleibend ungestresster Natürlichkeit in ihren anspruchsvollen Arien vermittelt Dongmin Lee farbiges italienischen Belcanto voller Menschlichkeit und Charme. Ibrahim Yesilay als Nemorino füllte seine große Partie – schüchtern oder mutig weil voll des Liebestranks – darstellerisch und mit wohl timbrierten lyrischem Tenor; einschließlich der großen romantischen Arie Una furtiva lagrima. Auch Michael Dahmen als Belcore wie Joachim Maaß als Dulcamara überzeugen in ihren Partien darstellerisch wie stimmlich. Lina Hoffmann ist in ihrer stimmlich eher kleinen Partie als Gianetta szenisch wie auffällig präsent. Der große wie viel beschäftigte Chor (Alexander Eberle) klingt stets homogen. Thomas Rimes führt die Neue Philharmonie Westfalen lebendig und mit den differenzierenden Pianos sehr sängerfreundlich.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Premierenapplaus © ioco

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Premierenapplaus hier von links Belcore, Adina, Nemorino, Dulcamara und Gianetta © ioco

Das Gelsenkirchener MiR-Publikum feierte Darsteller wie Inszenierung mit großem Beifall: Zum Ende der Vorstellung ohnehin; doch viel umfangreicher in der folgenden MiR-traditionellen Premierenfeier. Zu später Stunde beklatschten dort mehrere hundert Besucher die Ausführungen von Intendant / Regisseur Michael Schulz zu Darstellern und Inszenierung, bei Essen und guten Getränken. Es war deutlich spürbar: Die Besucher feierten nicht nur Darsteller und Inszenierung; sie feierten auch “ihr” MiR.

Der Liebestrank im Musiktheater im Revier: weitere Vorstellungen 19.5.; 27.5.; 1.6.; 3.6.; 23.6.; 24.6.; 7.7.2018

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 10.05.2018

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Der Freischütz von Carl Maria von Weber

 38 Jahre alte Inszenierung  – Doch zu schade fürs Museum

Von Peter Schlang

Am 12. Oktober 1980 erlebte an der Stuttgarter Staatsoper Carl Maria von Webers berühmteste und wohl auch die „deutschteste romantische Oper“ überhaupt, Der Freischütz, unter der konzeptionellen „Rundumbetreuung“ Achim Freyers ihre durchaus widersprüchlich aufgenommene Premiere. Dessen ungeachtet erlangte diese Inszenierung, für die wie angedeutet der damals 46-jährige Regisseur auch das Bühnenbild und  die Kostüme schuf, im Laufe der seitdem vergangenen fast vier Jahrzehnte in der Schwabenmetropole und darüber hinaus Kultstatus und wurde nun am 2. Mai – zum wiederholten Male – wieder ins Repertoire der Stuttgarter Oper genommen. So erlebte sie an diesem Mittwochabend ihre inzwischen 161. Vorstellung, was vermutlich rekordverdächtig sein dürfte.

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Michael Wilmering als Kilian, Daniel Kluge als Max, Karl-Friedrich Dürr als Kuno, Simon Bailey als Kaspar, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Michael Wilmering als Kilian, Daniel Kluge als Max, Karl-Friedrich Dürr als Kuno, Simon Bailey als Kaspar, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Um es vorweg zu  nehmen: Die Inszenierung hat seit ihrer ersten Vorstellung nichts an Frische, Faszination und Kraft verloren, und es bleibt nach wie vor einsichtig, dass und warum Freyers Arbeit damals die Anhänger der „reinen deutschen romantischen Operntradition“ erzürnt und auf die Barrikaden getrieben hatte, wie die in den Abend einführende Dramaturgin des Hauses an Hand von Zuschriften und Leserbriefen der damaligen Zeit anschaulich belegte: Mit gnadenloser Schärfe, grenzenloser Ironie, ja beißendem Spott entlarvt Freyer in allen Mitteln und Bereichen seiner Arbeit die angeblich heile Welt des romantischen deutschen Waldes und Wesens als Märchen und legt die Wunden einer Gesellschaft offen, die alles andere als vorbildlich, rein, heil und tugendhaft gewesen ist. So stellt der Künstler, dessen Herkunft von der Malerei man nach wie vor an allen Stellen der Inszenierung mit Händen greifen kann, zum einen die in der Oper angelegten und zweifellos vorhandenen, aber von den gesellschaftlich und politisch Verantwortlichen nicht wahrgenommenen und auch von der späteren Rezeption der Oper tapfer unterdrückten und verdrängten Konfliktfelder schonungslos bloß: Die Verquickung eines Teils der Dorfbevölkerung in frühere Gewalttaten und deren bisherige Verdrängung  wird genauso thematisiert wie der Konflikt zwischen Jägern und Bauern, der allenthalben herrschende Alkoholmissbrauch oder die vorhandene Brutalität und Gewaltanwendung der Dorfgemeinschaft – die beiden letzteren Missstände gerne getarnt als Folklore oder besondere Form des  fröhlichen Zusammenlebens.

Oper Stuttgart / Der Freischütz - hier : Lauryna Bendžiunaite als Ännchen © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Lauryna Bendžiunaite als Ännchen © Martin Sigmund

Die Entlarvung von Scheinwelten
Verzerrend geschmickte Gesichter – Verfremdete Kostüme

Zum anderen benutzt  Freyer zur Verdeutlichung seiner Kritik und zur Entlarvung der Idylle als Scheinwelt so eindeutige theatralische Mittel, dass auch dem letzten Theaterbesucher schon damals klar gewesen sein muss, was Freyer von solcher Traditionspflege hielt, nämlich rein gar nichts. Dazu tragen etwa die übertriebenen, deutlich verfremdeten Kostüme und die unwirklich, wie dem Kasperletheater entlehnten, verzerrend geschminkten Gesichter der Mitwirkenden genauso bei wie deren stark hervor gehobene Komik oder etwa die deutlich kommentierend eingesetzten Accessoires und zahlreiche andere theatralische Mittel.  Dabei muss man sich immer wieder klarmachen, wie neu und frech Ende der siebziger Jahre Vieles von dem war, was wir im zeitgenössischen en Regietheater der letzten 30 Jahre als normal, alltäglich und nicht mehr provokant hinzunehmen gelernt haben und dass dies nicht wenige Opernbesucher als zumindest befremdlich, wenn nicht sogar als  Unverschämtheit angesehen haben.

Eine solche Provokation empfindet in der Oper Stuttgart heute und vermutlich schon lange niemand mehr, obwohl der Regieansatz Freyers noch immer höchst aktuell ist, etwa wenn man die jüngsten politischen Entwicklungen bei uns und die durch rechte Politiker angeheizte Diskussion um den Begriff der Heimat  betrachtet. Ansonsten ist der Abend von großer Freude und Begeisterung geprägt und besitzt einen enormen Unterhaltungswert, etwa wenn der in seinen Szenen noch immer grandiose Männerchor der Staatsoper den Jägerchor zwar herrlich singt, aber darstellerisch und gestisch-mimisch gnadenlos parodiert oder wenn sieben Sängerinnen den Chor der Brautjungfern als längst überkommene Traditionspflege entzaubern. Solche und viele andere Stilmittel Achim Freyers zeugen noch immer von seiner großen Meisterschaft  und seiner Weigerung, Opernstoffe naturalistisch zu übernehmen und auszumalen. Vielmehr verfremdet er, wo es nur geht und hinterfragt auch so den Topos  einer deutschen Nationaloper. Dabei werden auch immer wieder die (damaligen oder heutigen?) Schwächen von Freyers Regie deutlich, etwa was seine Personenführung betrifft.  Die bewegt sich längt nicht auf dem Niveau, das für heutige Regisseure selbstverständlich ist, denn manche Bewegungen und Gesten der Protagonisten wirken recht hölzern, und die eine oder andere Szene gerät gar zur peinlichen  „Rampensteherei“. Dies mag allerdings auch daran liegen, dass sich  eine Wiedereinstudierung mit immer neuem Personal und nach so langer Zeit notgedrungen von der Originalvorlage entfernen muss.

Oper Stuttgart / Der Freischütz - hier : Simon Bailey als Kaspar, Daniel Kluge als Max, Ashley David Prewett als Ottokar, Mandy Fredrich als Agathe, Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Simon Bailey als Kaspar, Daniel Kluge als Max, Ashley David Prewett als Ottokar, Mandy Fredrich als Agathe, Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mitglieder des Staatsopernchores © Martin Sigmund

Musikalisch besitzt die Aufführung noch immer recht hohes Niveau, auch wenn sich der Rezensent zu erinnern glaubt, dass die kurz nach der seinerzeitigen Premiere von ihm besuchten Vorstellungen musikalisch fesselnder und ansprechender waren.

Die Hauptschuld daran ist dem musikalischen Leiter des Abends, dem jungen italienischen Dirigenten Daniele Rustioni zuzuschreiben, der das Staatsorchester an manchen Stellen mit allzu vibrato-sattem Streicherklang und zu undifferenziert durch die romantischen Klangfluten schaukelt. Hier wünschte man sich mehr Dynamik und Phrasierung und damit eine durchgehend einfühlsamere und differenziertere Begleitung der Sängerinnen und Sänger, deren Durchhörbarkeit an manchen Stellen  ziemlich zu wünschen lässt. Aber nicht nur deswegen, sondern auch wegen der nicht immer klaren Aussprache mancher Protagonisten vermisst man den sonst üblichen Bildschirm mit den Obertiteln schmerzhaft, der bei dieser Inszenierung wegen des großflächigen, in den Zuschauerraum hineinragenden Bühnenbildes nicht einsetzbar ist.

Gesungen wird bei dieser xten Wiederaufnahme und damit auch wiederholten Neubesetzung der Rollen sehr ansprechend, auch wenn einigen der Sängerinnen und Sänger, von denen fast die Hälfte ihr Rollendebüt geben, zu Beginn eine gewisse Nervosität anzumerken ist. Diese legt sich jedoch im Verlauf des Abends, so dass die verschiedenen Mitglieder der Solistenriege ihre jeweiligen Partien mit Sicherheit und stimmlicher Überzeugungskraft meistern.

Oper Stuttgart / Der Freischütz_ hier Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mandy Fredrich als Agathe, Mitglieder des Staatsopernchor, Kinderchor © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Der Freischütz – hier : Lauryna Bendziunaite als Ännchen, Mandy Fredrich als Agathe, Mitglieder des Staatsopernchor, Kinderchor © Martin Sigmund

Mandy Friedrich singt die Agathe mit viel Sinnlichkeit und Schmelz, ohne mit ihrer Interpretation in die Nähe von Rührseligkeit oder gar Kitsch zu geraten. Ihre gemeinsamen Szenen mit ihrer Zofe sind hübsche Bilder einer Mädchenfreundschaft und bezaubern durch die Verschmelzung zweier sehr angenehmer Stimmen. Dabei hinterlässt Lauryna Bendziunaite als Ännchen  sowohl darstellerisch als auch stimmlich den nachhaltigeren Eindruck und betört durch ihren klaren, auch in höchsten Lagen sicher und weich geführten schönen Sopran.

Daniel Kluge als Max deutet an vielen Stellen an, welch enormes Potential seine schöne Tenorstimme besitzt, auch wenn ihr, vor allem in der Höhe, noch etwas Glanz und Leichtigkeit fehlt. Der stimmlich souveräne Simon Bailey verleiht seinem Kaspar die nötige tiefe Grundierung und lässt mit stets sicher geführter Stimme das Dämonische, aber auch Zerrissene dieser Rolle spürbar werden, auch wenn wegen gewisser Ausspracheprobleme –  siehe oben – manch Gesungenes etwas unklar bleibt.

Für viel Begeisterung sorgen beim Publikum auch die drei weiteren männlichen  Darsteller: David Steffens als Eremit, Ashley David Prewett als Ottokar und Karl-Friedrich Dürr als Erbförster Kuno, deren Erfahrung in ihrer jeweiligen Rolle deutlich anzumerken ist.

Am Ende gab es großen Beifall, ja Jubel für alle Mitwirkenden, die wie das Publikum im ausverkauften Opernhaus die Gewissheit erhielten, dass der Kultstatus dieser alles anderen als musealen Stuttgarter Freischütz-Inszenierung ungebrochen ist Man kann daher wohl davon ausgehen, dass auch die künftige Leitung der Oper Stuttgart auf diesen Erfolgsgaranten setzen wird.

Der Freischütz an der Oper Stuttgart, weitere Vorstellungen am 12., 18., 22. und 30. Mai sowie am 8. und 14. Juni 2018

 

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