Christian Miedl, Bariton – das Leben, die Nacht, die Lieder, IOCO Interview, 05.09.2020

September 5, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Interview, Liederabend

Christian Miedl / Sein Leben, die Nacht, die CD Songs of the night © Capriccio

Christian Miedl / Sein Leben, die Nacht, die CD Songs of the night © Capriccio

 Christian Miedl – das Leben, die Nacht, die Lieder

im Gespräch mit IOCO-Korrespondentin Merle Meron

Bariton Christian Miedl gastiert regelmäßig an international etablierten Konzert- und Opernhäusern. So am Concertgebouw in Amsterdam, dem Gewandhaus Leipzig, dem Auditorio della RAI Torino, an der Oper Frankfurt, der Oper Malmö, der Mailänder Scala, der Hamburgischen Staatsoper, der Bayerischen Staatsoper. Das Repertoire von Christian Miedl umfasst Partien des Guglielmo (Così fan tutte), des Papageno (Die Zauberflöte), des Figaro (Il barbiere di Siviglia) sowie unter anderem die Titelpartien in Eugen Onegin und Don Giovanni. Miedl wird für seine Interpretationen zeitgenössischer Rollen besonders gefeiert und sang in den Uraufführungen von Wolfgang Rihms Der Maler träumt sowie einer mit dem Komponisten Peter Eötvös‘ gemeinsam erarbeiteten Version von Atlantis.

Das Rheingold – hier Christian Miedl als Donner
youtube Trailer Miedl Music
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

„Songs of the Night“, eine Capriccio CD,  DDD,  9652268, heißt das erste Solo-Album des in großen Musiktheatern etablierten Baritons. IOCO-Korrespondentin Merle Meron sprach mit Christian Miedl über seine Liedauswahl, darin die Bedeutung der Nacht, und seine zweite große Leidenschaft – das Reisen.

Merle Meron (MM): Lieber Herr Miedl, ihr erstes Solo-Album „Songs of  the  Night” erschien im März diesen Jahres bei Naxos/Capriccio.  Wie war es für Sie, eine erste ganz „eigene“ CD aufzunehmen?

Christian Miedl (CHM): Ich war ja schon in zahlreichen CD und DVD Aufnahmen involviert, sowohl im Konzert als auch im Opern Bereich, aber die erste eigene CD -überhaupt eine eigene CD aufzunehmen -und das mit einem namenhaften Label ist schon wirklich wunderbar! Ich hatte beim Programm freie Hand und da war für mich ziemlich klar was ich machen möchte. Vom Stil her wollte ich auf jeden Fall zur Hälfte Moderne aufnehmen, nicht nur das beginnende 20. Jahrhundert sondern auch zeitgenössische Musik und Avantgarde, und den Rest dann mit Stücken füllen, die ich einfach immer schon singen wollte und auch gesungen habe -wirkliche Herzensstücke!

Dadurch ist das Album im Grunde auch eine Visitenkarte von mir geworden, denn das ist ja genau das was ich mache. Ich bin vor allem dafür bekannt, dass ich zeitgenössische und moderne Musik singe und eben auch spätromantisches deutsches Fach. Toll war außerdem, dass ich einen so fantastischen Pianisten hatte. Jendrik Springer, der wirklich ein wunderbarer Pianist ist. Er entlockt dem Klavier wunderbare Klänge, ist ein großartigerBegleiter, der nicht nur in der Oper erfahren ist, sondern auch im Liedbereich. Auch in der Vorbereitung zu der CD war er eine große Unterstützung. Kennengelernt haben wir uns über einen Produzenten, aber ich kannte ihn auch durch meine Arbeit an der Wiener Staatsoper, wo er seit Jahren tätig ist.

MM: Es ist sicher spannend ein Programm zusammenzustellen. Was waren Inspirationen für Titel und Liedauswahl des Albums?

CHM:  Die Titelauswahl hat tatsächlich ein bisschen gedauert. Ich wollte auf jeden Fall etwas herausbringen, dass die Leute emotional anspricht. Und es sollten eben nicht nur einfach schöne Melodien sein und ich wollte auf keinen Fall die tausendste Winterreise einspielen (lacht). Ich habe ja eigentlich Lied studiert und habe mir im Studium und auch danach ein riesiges Repertoire an Liedern ersungen. Bei der CD wollte ich aber ein ganz neues Programm haben, was ich so noch nie aufgeführt habe. Mir war außerdem wichtig, dass ich das ganze Programm sehr persönlich halte. Bei den modernen Stücken sind es vor allem Komponisten, die ich entweder persönlich kennengelernt habe und von denen ich Stücke ur-oder erstaufgeführt habe, oder die in meiner Laufbahn wichtig waren. Beispielsweise habe ich am Amsterdamer Concertgebouw Wolfgang Rihms wunderschöne Kantate Der Maler träumt uraufgeführt oder die Italienische Erstaufführung von Salvatore Sciarrinos Oper Luci mie traditrici gesungen, mit der ich jetzt auch wieder in Stuttgart auf der Bühne stehen werde. Außerdem Ullmann-Lieder, das waren die ersten Lieder die ich auf einer „Profi-Bühne“ gesungen habe, bei der Expo Hannover vor sehr, sehr langer Zeit (lacht).

Victor Ullmann, von Nazis ermordet - Stolperstein © IOCO

Victor Ullmann, von Nazis ermordet – Stolperstein © IOCO

Danach kam auch der Kaiser von Atlantis von Victor Ullmann mehrere Male auf mich zu, an der Opéra National de Lyon und auch zusammen mit der Bayerischen Staatsoper. Das war eben auch etwas sehr Persönliches. Von Sciarrino ist auch ein Lied auf dem Album. Er hat ja vor allem Opern und Kammermusik komponiert, aber eben auch ein paar Lieder. Und bei den romantischen Liedern sind ein paar Wunschlieder dabei, die ich fantastisch finde. Zum Beispiel Liszts schrecklich schweres, schrecklich schönes „Oh! Quand je dors“. Das wollte ich mein ganzes Leben lang singen. Oder Die Nacht von Richard Strauss, was auch sehr schwer im Kern zu treffen ist, und natürlich auch die Eichendoff Lieder von Pfitzner. Pfitzner finde ich sowieso ganz toll, gerade für Männerstimmen.

MM: Ich war ein sehr großer Fan des letzten Liedes auf ihrer CD!

CHM: Ja! Ein ganz unbekanntes Stück von Jelinek! Es gibt davon nur eine einzige Einspielung. Das ist natürlich ein wahnsinnig lustiges Lied. Ich kannte das Gedicht und kannte eine andereVertonung, habe aber dann diese Noten entdeckt und wusste, wenn diese CD kommen sollte will ich das unbedingt machen! In der Nacht kann eben wahnsinnig viel passieren: es können Vögel zwitschern, man kann die schönsten Liebesfantasien haben, aber es kann auch jemand im Stillen umgebracht werden. Oder Leute werden von einer Lawine erwischt, weil sie im Gebirge zu laut und freizügig waren.

ALTLANTIS von Peter Eötvös mit Christian Miedl- hier Christian Miedl 
youtube Trailer Miedl Music
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

MM: Was macht gerade die Nacht für Sie so reizvoll, Sie beschreiben ja, dass es sich für Sie nicht nur um eine Tageszeit handelt.

CHM: Genau. Wir haben in Europa ja das Glück, das wir die Nacht und auch die Jahreszeiten ganz anders erleben als Leute die beispielsweise am Äquator wohnen, oder die ganzim Norden oder Süden leben. Und die Nacht ist bei uns sehr verschieden. Im Sommer gibt es die wunderbaren, warmen Sommernächte mit wunderschönen, emotionalen Erlebnissen und dann gibt es natürlich eisige Winternächte, in denen alles in Todeskälte erstarrt. Und dann gibt es noch die Nächte im Frühling und Herbst, die vor allem unsere Romantiker beeinflusst haben. Wenn das Zwielicht einsetzt und man nicht genau weiß: fantasiert man, hat man Angst vor Dingen die es gibt oder auch nicht gibt. Ein Fluss kann wahnsinnig schön den Mond reflektieren, aber gleichzeitig kann es im Nebel in der gleichen Nacht neben einer Friedhofsmauer ganz anders sein. Das sind einfach viele Dinge die in der Nacht passieren können, obwohl man meistens nur an die Nacht als Tageszeit denkt. Und diese Sachen können eben auch im Inneren passieren. Es kann eine Geborgenheit entstehen, die Sorgen des Tages fallen ab. Oder es kann dunkel sein, Depression, Todessehnsucht herrschen. Gerade diese Übergänge sind sehr spannend. Wir haben das Glück, dass wir gerade auch in Deutschland Dichter wie Eichendorff und Mörike hatten, die genau das perfekt in Worte fassen konnten. Außerdem habe ich sehr viel Familie, die nicht in Europa lebt, sondern in Asien.

Deshalb weiß ich sehr gut was es heißt, wenn man keine Jahreszeiten hat. Da würden solche Gedichte nie entstehen. Da gibt es andere wunderschöne Gedichte mit anderem Kulturursprung. Aber diese Art von Lyrik ist dort unbekannt.

MM: Sie haben bewusst keine chronologische Liedfolge gewählt, beschreiten den Weg von Rihm zurück zu Liszt. Was verbindet in ihren Augen die romantische mit der modernen Musik?

CHM: Die Moderne würde nie existieren, ohne das, was davor war. Einen Schönberg und Berg hätte es ohne Bach in dieser Art nicht gegeben. Schon alleine von der Kompositionstechnik her. Die großen Komponisten der heutigen Zeit profitieren vom Wissen der Komponisten vor ihnen: Mozart, Beethoven, Bach. Ich bin da vielleicht etwas speziell, weil ich bereits in der 7. Klassefreiwillig ein Referat über Alban Bergs Wozzeck gehalten habe. Ich habe das Unangenehme in der Musik überhaupt nicht gehört. Natürlich war es kein normaler Dreiklang, aber es war nichts was ich nicht hören wollte. Ich habe mir das Zuhause auf der Schallplatte angehört, in Dauerschleife.

Dann kam der Erste Weltkrieg und ohne den gäbe es wahrscheinlich die Atonalität gar nicht. Ohne die beiden Weltkriege hätte sich die Kunst generell sowieso ganz anders entwickelt.

Ich finde, verbinden tun sich meistens gute Stücke. Deshalb bin ich sicher, dass die meisten Hörer kaum einen Bruch bemerken werden, wenn zwischen Liszt, Rihm und Pfitzner gewechselt wird. Das sind einfach richtig gute Komponisten die wissen, wie man für Stimme schreibt und wie Melodien funktionieren. Insofern fand ich es auch richtig, dass man die Komponisten miteinander sprechen lässt. Die alten Komponisten können natürlich nicht mit den Neuen kommunizieren aber die Neuen kommunizieren durchaus mit den Alten. Auch im Barock gab es Genies und weniger begabte Komponisten und das ist heute noch genauso.

Das Lied als Kunstform hat für Sie einen ersichtlich hohen Stellenwert. Was macht für Sie dessen Reiz aus? Lieder sind es ja im Grunde „one-man“ oder „one-woman-operas“. Mit dem Partner am Klavier „two-men“ oder „two-women-operas“. Das Tolle ist: in einem Abend kann man alles durchleben. Manche Lieder sind sehr intim, nach Innen orientiert. Dann wieder unglaublich extrovertierte Lieder. Man kann an einem Abend mit dem Publikum zusammen alle diese Gefühle, von äußerster Innigkeit bis hin zu höchster Verzweiflung, großer Freude und tiefster Trauer, in 60 -90 Minuten, erleben. Die Aufgabe ist, dass man dem Publikum jedes Mal von neuem Geschichten erzählt. Und das finde ich, ist das Besondere an einem Liederabend. Dass man, auch wenn man die Lieder wiederholt, sich auf keinen Fall wiederholt. Man muss jede Phrase von Neuem erzählen von Neuem erleben: möglichst ohne nur die schöne Stimme auszustellen. Die Stimme sollte als Instrument ein Mittel sein, nicht Fokus. Das gilt übrigens auch auf der Opernbühne. Wenn man es schafft, auch beim zehnten Mal eine Geschichte so zu erzählen, als würde sich gerade zum ersten Mal vor Augen sein, dann ist das Publikum auch wirklich dabei. Und ich will, dass mein Publikum das so erlebt.

PENTHESILEA von Othmar Schoeck- hier Christian Miedl  als Achilles
youtube Trailer Miedl Music
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

MM: Sie haben sich vor allem als Interpret zeitgenössischer Musik einen Namen gemacht, proben gerade in Stuttgart Luci Mie Traditrici von Salvatore Sciarrino, ein „Opern-Thriller“, in welchem Sie die Hauptpartie des Il Malaspina verkörpern werden. Erzählen Sie uns von diesem Werk und gerne auch vom Probenablauf in der momentan doch sehr speziellen Phase.

CHM: Man muss sagen, dass ich früher auch alle Klassiker gesungen habe. Alle Mozart-/ Da-Ponte-Opern, viele Papagenos und Rossini rauf und runter. Aber es hat sich dann herauskristallisiert, dass die Moderne die Epoche ist, in der mich auch die Komponisten hören wollen, und das ist natürlich sehr schön.

Das Stück selbst, Luci mie traditrici, ist ein echter Opernthriller und wahnsinnig empfehlenswert. Es ist wirklich Avantgarde, alsoneueste Musik, auch wenn dieses Stück schon 20 Jahre alt ist. Die Musik ist toll komponiert und hat einen sehr hohen  Schwierigkeitsgrad. In meinem großen Repertoire von moderner Musik ist es mit Abstand das schwierigste Stück. Es fordert unglaublich hohe Konzentration auf der Bühne und ständige Vor-und Nachbereitung. Auch zwischen Vorstellungen muss man immer wieder von Neuem lernen, weil es so kompliziert geschrieben ist. Aber das Resultat sind 70 Minuten absolute Atemlosigkeit, auf der Bühnen wie beim Publikum. Man hört in diesem Stück Naturgeräusche, man hört wie Leute Liebe erhoffen und nicht bekommen, und dazwischen hört man sehr viel Schweigen. Leute werden ermordet, ohne dass es dabei ein großes Forte gibt. Es geht einfach kalt und sehr realistisch zu, in einer einzigartigen, fremdartig sinnlichen Musiksprache.

Die Geschichte dahinter ist die wirkliche Lebensgeschichte von Carlo Gesualdo, dem berühmten Madrigal-Komponisten. Er war gleichzeitig der Prinz von Venosa. Seine Frau hatte ein Liebhaber, und als er das herausfindet, tötet er den Liebhaber auf brutale Weise. Der Diener wird als Überbringer der Nachricht als erstes umgebracht und die Frau wird am Ende natürlich auch getötet. Zahlreiche Legenden ranken sich in der Nachzeit um dieses Eifersuchtsdrama.

Mit Barbara Frey haben wir in Stuttgart eine wunderbare Regisseurin, die weiß, wie sie mit Schweigen, Stille und der komplizierten Musik umgehen kann. Das Bühnenbild ist spektakulär. Es wird ein Doppelabend mit Cavalleria Rusticana sein. Der erste Teil also große italienische Oper und der zweite Teil ein ähnliches Drama, und doch komplett anders. Ein sehr kontrastreicher Abend, und übrigens perfekt an die Corona-Bedingungen angepasst.

MM: Auch Uraufführungen anderer zeitgenössischer Werke von Rihm, Eötvös und Zimmermann haben Sie in ihrer sängerischen Laufbahn begleitet.

CHM: Die Moderne ist manchmal etwas schwierig. Der Sänger hat natürlich seinen Körper als Instrument. Es gibt Stilrichtungen der Moderne, die sind nicht so gut für die Stimme und dann wiederum Richtungen oder Komponisten, die sehr gut für die Stimme sind. Ich hatte das große Glück mit Komponisten zu arbeiten, die wussten wie man mit Stimme umgeht. Wolfgang Rihm ist wie schon gesagt einer davon. Er schreibt wunderbar für die Stimme. Ich habeaußerdem das große Glück sehr viel mit Peter Eötvös gearbeitet zu haben, und zwischen uns ist ein schon freundschaftliches Verhältnis entstanden. Ich habe mit ihm gemeinsam an einigen seiner Werke gearbeitet, wie zum Beispiel Atlantis (Trailer oben), welches ich oft aufgeführt habe, oder auch der Neufassung von Angels in America.

Dann gibt es natürlich auch besondere Begegnungen wie etwa eine persönliche Zusammenarbeit mit dem berühmten Hollywood-Komponisten Ennio Morricone, der leider gerade verstorben ist. Ich habe mit dem Orchester des RAI Torino sein Werk Jerusalem für Bariton und riesiges Orchester uraufgeführt. Es klingt gar nicht nach Hollywood, sondern ist akademisch komponiert -sehr atonal, aber gut zu singen.

MM: Und zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Sie haben ihr Gesangsstudium mit einem internationalen Wirtschaftsstudium kombiniert. Wie vertragen sich diese beiden Welten –Musik und Wirtschaft? Und, wie ist ihre fachliche Meinung zur momentanen Krise in beiden Welten?

CHM Die beiden Welten vertragen sich total –oder auch gar nicht. Ich habe zunächst Wirtschaft studiert. Ich komme eigentlich aus einer Musiker Familie und ich war der Erste der gesagt hat: ich will kein Musiker werden, oder ich traue mich nicht. Und so habe ich an der Uni Passau Wirtschaft mit dem Spezialgebiet Süd-Ost-Asien studiert. Ich hatte dann auch Thai als Diplomsprache neben den europäischen Sprachen. Dazu muss man natürlich bemerken, dass wie schon erwähnt ein Großteil meiner Familie in Thailand lebt, weshalb ich einen Bezug dorthin habe. So habe ich also Wirtschaft studiert, aber auch an Jugend musiziert teilgenommen und einen ersten Bundespreis bekommen. Ich habe dann noch schnell das Thema meiner Diplomarbeit von der „Wirtschaftskrise in Thailand“ hin zu „Finanzierung von klassischer Musik in den USA“ geändert. Diese habe ich dann in der Finanzabteilung der Oper in Seattle geschrieben. Ich habe dort eine Regieassistenz in einer Produktion der Zauberflöte anschließen können, in welcher dann der erste Priester krank wurde, und so hatte ich dort mein Debüt (lacht)!

Mit dem Gesangsstudium habe ich dann mit 27 begonnen. Ich habe ein „Kurzstudium Lied“ gemacht, was es heute nicht mehr gibt. Damit hatte man nach nur drei Jahren das große Diplom, was heute dem Master entspricht. Ich finde es gut und wichtig, wenn man als Künstler auch mit Zahlen umgehen kann. Und auch mit einem Leben abseits der Bühne. Man muss wissen, dass die Bühne beendet ist, wenn man aus dem Künstlereingang raus geht.

MM: Das Reisen ist ein sehr wichtiger Teil ihres Lebens, erzählen Sie uns doch zum Abschluss von ihrer Leidenschaft!

CHM: Ich reise wirklich sehr gerne. Seit 10 Jahren bin ich freischaffend und war es vor meiner Ensemblezeit am Badischen Staatstheater auch schon. Ein wichtiger Bestandteil dessen ist, dass man reist. Man ist wirklich fast immer unterwegs, das bin ich auch und ich liebe es immer noch, als Sänger und privat, und ich habe nur sehr selten Heimweh. Ich habe eine schöne Wohnung in Köln, aber werde nervös, wenn ich dort länger als zwei Wochen bin.Und wenn ich nicht zu einer Produktion fahre, fahre ich Freunde besuchen oder auf eine schöne Reise. Seit einem guten Jahr habe ich auch einen Reise-VLOG auf YouTube namens „Travel Sing Fly“, auf welchem ich über Airlines und Reisedestinationen berichte, mit denen ich mich wirklich gut auskenne. Dort kann ich meine riesige Leidenschaft, für die ich nie ein Ventil hatte, endlich richtig ausleben (lacht). Andere haben sich mit 18 ein Auto gekauft, und ich eben Flugtickets.

Und, falls ich wieder ein Liedalbum machen sollte, dann wird es sicher ums Reisen gehen

MM:  Lieber Christian Miedl, für dies vielschichtige wie spannende Gespräch darf ich mich auch im Namen der großen IOCO-Community herzlichst bedanken. Wir wünschen Ihnen  alles Gute und große Erfolge mit Ihren Liedalben wie auf den Bühnen der Welt.

—| IOCO Interview |—

Lini Gong: Sopranistin mit besonderem Weg – im Gespräch, IOCO Interview, 15.08.2020

August 15, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Interview, Oper, Portraits

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Jörn Kipping

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Jörn Kipping

Lini Gong – Sopranistin, im Gespräch mit Michael Stange, IOCO

wie sie, mitten in China aufwachsend, ihren Weg zur klassischen europäischen Musik findet ….

Lini Gong ist durch ihren Stimmklang und Ihre Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit eine der großen Soprane unserer Tage. In klassischen Opernpartien, moderner Musik und in ihren Liederabenden gelingen ihr ungemein berührende und suggestive Interpretationen. Sie vermittelt dem Publikum so nicht nur Seele und Mysterium der Kompositionen, sondern überträgt die Gefühle als auch Sinngehalt der Musik in sinnlich, betörender Kraft. Klockenhelle Koloraturtöne setzt sie nicht als Selbstzweck, sondern als musikalisches Ausdrucksmittel ein; mit warmer Mittellage artikuliert Lini Gong Freude, Trauer, Liebe und die tiefen Geheimnisse von Musik. Auch in populären Arien bannt das Publikum immer wieder mit ihren vielfältigen, ergreifenden Ausdrucksformen.

Seele und Leidenschaft für Romantik, für Moderne

Ihr Studium absolvierte sie in Hamburg; hier feierte sie 2018 in der Hamburgischen Staatsoper auch einen ihrer international beachteten Erfolge in der Oper Benjamin von Peter Ruzicka. Siehe hierzu unten den Trailer der Hamburgischen Staatsoper, in welchem auch Lini Gong singt, spielt.

Lini Gong ist durch ihren Stimmklang und Ihre Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit einer der großen Soprane unserer Tage. In klassischen Opernpartien, moderner Musik und in ihren Liederabenden gelingen ihr ungemein berührende und suggestive Interpretationen. Sie vermittelt dem Publikum nicht nur Seele und Mysterium der Kompositionen sondern überträgt die Gefühle als auch Sinngehalt der Musik in sinnlich, atemberaubender Weise. Mit glockenhelle Koloraturtöne, die sie nie als Selbstzweck, sondern als musikalisches Ausdrucksmittel einsetzt undr mit ihrer warme Mittellage transportiert sie Freude, Trauer, Liebe und alle Geheimnisse in der Musik. Sie vermittelt dadurch selbst bei bekannten Stücken immer neue Eindrücke und bannt das Publikum in Konzerten und auf Tonträgern.

Ihr Studium absolvierte sie in Hamburg; dort feierte sie 2018 an der Hamburgischen Staatsoper einen ihrer international beachteten Erfolge: in der Oper Benjamin von Peter Ruzicka.

Michael Stange, IOCO,  traf die humorvolle, von Energie sprühende Sängerin Lini Gong (LG) zu einem Gespräch über ihre Herkunft, die Gegenwart und Pläne.

IOCO: Frau Gong, wie haben Sie Ihre Jugendjahre und Ihr Gesangsstudium erlebt?

L.G.: Geboren wurde ich 1981 in Zhuzhou (NB: 600 KM nördlich von HongKong in der Mitte Chinas gelegen, über 4 Mio Einwohnern) in der Provinz Hunan. Mein Vater begeisterte sich immer schon sehr für Musik, spielte Geige und gründete in seinem Betrieb auch ein Orchester. Meine Mutter spielte Akkordeon.

Europäische Musik spielte bei uns damals (in den 80er Jahren) kaum eine Rolle, weil in meiner Jugend im Volksmusik und patriotische Musik gespielt wurde. Meine Mutter war Englischlehrerin. Dadurch wuchs in uns allen die Sehnsucht nach dem Ausland und fremden Kulturen.

Daher lernte ich Klavier. Ich wollte das zunächst nicht, aber ich entwickelte mich so gut, dass meine Eltern mit großer finanzieller Entbehrung und dreitägigem Warten vor einem Musikgeschäft ein Klavier kauften. Nun sagten sie natürlich, dass sie sich so viel Mühe gegeben haben, dass ich weitermachen müsste. Mit neun Jahren kann ich dann auch zur klassischen Musik, weil in China nach der „Russischen Klavierschule gelehrt wurde. So kam es zu den Etuden von Cerny und auch zu Bach, Mozart und Haydn.

Zunächst war Musik für mich ein Aspekt meine Eltern zu erfreuen. Meine Eltern sind sehr liebevoll, haben sich unglaublich über meine Erfolge gefreut und mich sehr gelobt. Zunächst war das Musizieren todlangweilig aber irgendwann kam die Freude, weil wir gemeinsam musiziert haben und uns allen dies unglaubliches Vergnügen gemacht hat. Durch meine guten Fortschritte kamen wir auf die Idee, dass ich eine Musikkonservatorium im acht Stunden entfernten Wuhan besuchen sollte. Grund war, dass ein Platz dort die Möglichkeit bot, aus Zhuzhou herauszukommen. Dies ist für alle jungen Leute ein Ziel, weil diese Industriestadt in China keine Perspektive bietet und das Leben dort wesentlich weniger interessant und abwechslungsreich ist als zum Beispiel in Peking.

Dort habe ich dann vorgespielt als ich zehn Jahre alt war und die Professorin sagte: „Du hast kein Talent.“ Natürlich war ich todtraurig und wollte nichts mehr mit Musik zu tun haben. Zu Hause haben wir immer weiter gesungen, ich habe intensiv Englisch gelernt.

Dann hörten wir 1993 im Fernsehen ein schönes Volkslied;  ich war zwölf Jahre alt. Meine Mutter war so begeistert, dass sie mich zu einer Lehrerin brachte. Eigentlich wollte ich nichts mehr mit Musik zu tun haben. Aber, nachdem ich vorgesungen hatte, hat mich die Lehrerin umarmt und mich für meine Stimme sehr gelobt. Dann habe ich chinesischen Volkgesang mit seinen vielen glockenhellen Obertönen studiert. Nach drei Monaten Lernen habe ich einen Preis bei Jugend musiziert“ der Provinz Hunan gewonnen. Wieder kam der Vorschlag, die Schule Internat in Wuhan zu besuchen, um dort nun Gesang zu lernen.

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Patrik Klein

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Patrik Klein

Dem Lehrer gefiel ich, aber geplant war nun eine klassische Gesangsausbildung. Der Lehrer wollte mich haben, weil sagte: „Du bist dick genug um zu singen, Du kannst hohe Töne singen und Du hast eine Stimmfarbe, die nach Europäischem Gesang klingt.“

Dorthin bin ich zweimal im Monat zum Unterricht gefahren; ich war hochmotiviert etwas zu schaffen. Erst als ich siebzehn Jahre alt war empfand ich volle Begeisterung für die Musik. Das war, als ich in Shanghai Conservatory of Music Gesang Studierte, mit meiner Lehrerin Mozarts „Veilchen“ einstudierte und sie mir den Text übersetzte und den Zusammenhang von Wort und Ton erklärte.

IOCO: Sie haben die große Gabe, sehr stark Ihre Stimmfarben zu verändern, Ausdruck und Farben zu variieren und technisch zum Beispiel durch Atemführung, Modulation und Wortdeutlichkeit zu beeindrucken. Wie haben Sie diese Fähigkeiten erlernt?

L.G.: Am Anfang haben wir nur Sprache und Technik nachgemacht. Phonetik haben wir gelernt. Die Konsonanten kamen erst später. Ich habe dann in Deutschland an der Deutsch-Kurse besucht und die Lehrerin hat dann kaum den Mund bewegt. Das habe ich nachgemacht und habe später die Schauspieler beobachtet beim Warm-Up und beim Sprechen. Das hat mir einen Kick gegeben und meine Entwicklung unglaublich beflügelt. Hinzu kam mein Lehrer William Workman, der lyrischer Bariton der früher in Hamburg und Frankfurt engagiert war und auch viele moderne Rollen gesungen hat. Er hat uns immer gefragt: „Was singst Du hier? Warum singst Du?“ und immer wenn ihm etwas nicht gefiel hieß es: „Es klingt langweilig mein Schatz. Du musst Ihnen Gedanken machen. Versuch nicht langweilig zu sein.“ Dazu kam eben, die richtige Betonung zu finden.

Wichtig war das Studium in der Liedklasse bei Burkhard Kehring und die Zusammenarbeit mit meiner wundervollen Pianistin Mariana Popova. Von ihnen habe ich viel gelernt, weil wir und Möglichkeiten aufzeigen und über Interpretationsvarianten diskutieren. Das erfordert auch viel Fleiß, den Text zu studieren, zu verstehen und dann den Gesang anzugehen. Man muss die Hintergründe einer Partie erkennen, um zu verstehen was man auf der Bühne tun muss. Ist man gut vorbereitet beherrscht man Bühne und Publikum; man muss letzlich „mit dem Publikum in einen Dialog“ treten.

Mein Ziel ist es immer,  auf der Bühne eine mitreißende Geschichte zu erzählen, meine eigene Stimme und Persönlichkeit zu zeigen und so einen Dialog zum Publikum aufzubauen, es mitzureißen und zu fesseln.

Solo Musica CD - SM300 - mit Lini Gong und Mariana Popova © Jörn Kipping

Solo Musica CD – SM300 – mit Lini Gong und Mariana Popova © Jörn Kipping

IOCO: Wie haben Sie den Einstieg in das Berufsleben und das erste Engagement erlebt?

L.G.: Ich war zuerst am Theater Freiburg engagiert. Mit meinen Dirigenten hatte ich sehr viel Glück und habe versucht die interpretatorischen Ansätze zu spüren und mit ihnen mitzugehen und ihnen im Rahmen meiner Möglichkeiten das anzubieten, was sie wollten. Theaterregisseure fordern oft körperlich zu viel. Oft geht es aber auch an persönliche Grenzen.

Als fünfte Magd in Elektra sollte ich am Ende der Oper wo ich nichts mehr zu singen im Finale auf einer Toilette stehen und so tun als, ob ich uriniere. Ich habe gesagt: „Ich will das nicht.“ Eine Kollegin sagte mir dann: „Denk an Deinen Vertrag. Wenn Du das nicht machst, ist Deine Karriere vorbei.“ Dann bin ich von der Probe weggelaufen, weil ich mich so geschämt habe.

Am nächsten Tag wurde ich zur Operndirektorin Dominica Volkert gerufen und sie sagte mir: „Es tut mir leid, dass ich bei dieser Konfrontation nicht dabei war. Erzähl mal.“ Ich habe ihr dann alles erzählt und sie sagte: „Alles ist ok. Du bist nicht gekündigt. Aber, es gibt ein aber. Du darfst schreien und schimpfen, aber darfst nicht von der Probe weglaufen. Du gehst da jetzt hin und entschuldigst Dich, dass Du weggelaufen bist. Alles andere muss geregelt werden.“

Ich habe mich dann bei der nächsten Probe vor alle Teilnehmern für das Weglaufen entschuldigt und der Regisseur sagte zu mir. „You are so young, you are so stupid. But I will never forget you. You are the first one, who run away.“ Dann sagte er: „You are Asian, you are crazy, you will run.“ Das Ende war dann, dass ich die letzten zwanzig Minuten der auf der Bühne herumrennen musste. Unvergesslich war der Applaus, den ich bekam, weil das Publikum von meinem Gerenne so begeistert war.

Daraus habe ich gelernt, dass immer wichtig ist, diplomatisch zu sein und einen gemeinsamen Weg zu suchen. Für derartige Machtspiele muss man psychisch gestärkt sein, aber diese Jahre im Festengagement sind für den Einstieg in den Beruf unglaublich wichtig.

Das hat sich natürlich später fortgesetzt bei Diskussionen mit Dirigenten und ihren Anforderungen, die oft die Stimme überfordert hätten, wenn ich mit dem Ihnen nicht gesprochen hätte. Das habe ich zitternd auch geschafft, wenn es zuvor bei der Probe zum Krach gekommen ist.

Im Hintergrund stand neben dem Wunsch, der Stimme beim Singen nicht zu schaden natürlich auch, dass ich das Engagement für die Aufenthaltserlaubnis brauchte. Insofern waren viele Kompromisse nötig. Ich habe dann Zerbinetta, Königin der Nacht, Lucia, Rosina, Oscar, Adina, Gilda und vieles mehr gesungen. Eine Grenzpartie war Wagners Woglinde. Mein Gesangslehrer hat mir zu diesen Partien dann viele wertvolle Tipps gegeben, welche ich nutzte. Aber, man muss aber seine genau Grenzen kennen und Gefahren erkennen. Natürlich wächst man in, mit seiner Partie; die größte Sicherheit findet man in seiner Partie in der Regel ab der dritten oder vierten Vorstellung.

Vielen Kolleginnen ist der Verbleib im Beruf nicht gelungen, weil sie sich früh und oft überfordert haben. Mein Vorteil war auch, dass ich immer auf der Suche nach Neuem war und ich in moderner Musik meine Persönlichkeit gut entfalten kann. Das Eisntudieren neuer Partien fiel mir leicht, weil ich mir durch meine Jahre „am Klavier“ viel Disziplin und Technik angeeignet habe.

IOCO: Wie ist es zur Berührung mit moderner Musik gekommen?

L.G.: Ich habe in großen Rollen an Uraufführungen mitgewirkt. Erwähnenswert sind insbesondere die Opern Koma von Georg Friedrich Haas und Wilde von Hèctor Parra. In der Elbphilharmonie Hamburg habe ich in einer konzertanten Aufführung von Arnold Schönbergs Oper Moses und Aaron unter Leitung von Ingo Metzmacher mitgewirkt. Viele Komponisten haben auch Stücke für meine Stimme komponiert. An der Münchner Biennale haben wir die bereits genannte Oper von Hèctor Parra für fünf Stimmen aufgeführt. Danach kam ein sehr eleganter Herr zu mir und lobte mich für meine Interpretation. Das war Peter Ruzicka, der Künstlerische Leiter der Biennale. Er bot mir dann eine Rolle in seiner neuen Oper Benjamin in Hamburg an. Darauf kam eine Einladung aus Hamburg zum Vorsingen.

Benjamin von Peter Rudzicka – und mit Lini Gong
youtube Trailer Hamburgische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Bezüglich der Gesangspartie kam, haben wir intensiv kommuniziert und er fragte oft, ob es vom Singen her geht oder nicht machbar war und wo die unangenehmen Stellen langen. In bestimmten Punkten hat er auch eine unverrückbare Auffassung. Man muss aber auch die Struktur der Kompositionen kennen, um zu wissen, wo man den Atem setzt und die Regie kann dabei unterstützen, indem sie den Sänger unterstützt. Diese Mitwirkung in Peter Ruzickas Oper Benjamin an der Hamburgischen Staatsoper (siehe hierzu den folgenden Trailer der Staatsoper Hamburg mit Lini Gong) war einer der Höhepunkte und eines der erfüllendsten Ereignisse meiner Karriere.

IOCO: Welche Rollen liegen Ihnen derzeit am Herzen?

L.G.: Meine Stimme hat sich gut entwickelt. Gern würde ich auch Lucia und Traviata machen, und einmal in meinem Leben auch Lulu! Für mich ist die Symbiose von Gesang und Ausdruck ungeheuer wichtig. Das Darstellen auf der Bühne und das Ausleben von Gefühlen sind gerade in dieser Rolle unglaublich vielfältig. Die Stimme ist das Kapital, aber in vielen Rollen ist eben die Interpretation und die Darstellung die riesige Herausforderung, um die Gesten zu machen und die Seele des Publikums zu treffen.

IOCO: Wie ist es zu Ihrem CD Projekt gekommen?   

L.G.: Ich wollte gern eine CD machen zu hinterlassen. Der Liedgesang bedeutet mir sehr viel, weil man losgelöst von der Bühne die Möglichkeit hat, seine eigene Persönlichkeit und die eigenen Empfindungen in Text und Musik zu legen. Meine Freundin die Pianistin Marina Popova hatte die Idee zu dem Projekt. Sie sagte zu mir: „Wir beide leben in Hamburg.“ Neben den bekannten Komponisten wie Brahms, Mendelssohn und Mahler hatte sie viele Ideen, mit welchen wir uns dann gemeinsam auseinandergesetzt haben.

Natürlich wollten wir Neues machen. Bei den Musiksprachen aus drei Jahrhunderten spielen wir mit Kontrasten wie mit Klangfarben, eben mit dem ganzen Reichtum des Kunstliedes, das wir sehr lieben.

Uns vereint auch die Leidenschaft für Neue Musik. Wir haben mit Elmar Lampson zusammengearbeitet und so entstand zum Beispiel eine Klavierfassung seiner drei Lieder nach Gedichten von Christian Morgenstern. Durch die Zusammenarbeit Peter Ruzickas, zuletzt 2018 in der Uraufführung von Benjamin an der Staatsoper Hamburg, haben wir auch sein Lied Nach dem Lichtverzicht aufgenommen.

IOCO: Wie empfindest Sie Ihre Arbeit als Lehrerin?

L.G.: Am wichtigsten ist es zu beobachten und zu begleiten. Dann findet sich was die Schüler brauchen. Warum sing sie zum Beispiel „o“ und nicht „a“? Gefällt Ihnen was Du singst? Man muss sich auch vorstellen, was aus dem Schüler werden kann und wo seine Schwierigkeiten liegen. Auf dieser Grundlage kann man ihn unterstützen, Hinweise geben, wie er seine technischen Möglichkeiten ausbaut und sich weiter entwickelt. Durch meinen langen Weg und die vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann ich gute Tipps geben, wie die eigene Entwicklung vorangebracht werden kann.

IOCO: Was sind die nächsten Pläne?

L.G.: Viele Kolleginnen und Kollegen und auch ich haben es derzeit ungeheuer schwer. Durch Corona hat sich vieles zerschlagen. Die Livestreams halte ich für problematisch. Das kann dann oft als Ersatz für das Live-Erlebnis gewertet werden, was es aber nicht ist und es fehlt für Künstler und Publikum die Begegnung. Auch so genannte Autokonzerte unter freiem Himmmel finde ich problematisch, weil Publikum und Künstler eine bestimmte Atmosphäre brauchen. In Brixen werde ich hoffentlch Ende August in einem Konzert mit dem Minguet Quartett auftreten und das Lied Erinnerung und Vergessen von Peter Ruzicka unter Verwendung eines Textes von Hölderlin singen. Darauf freue ich mich sehr. Es bleibt nur zu hoffen, dass trotz Corona bald weitere Projekte folgen.

IOCO:  Liebe Lini Gong, vielen herzlichen Dank für das Gespräch. Wir alle wünschen Ihnen viel Erfolg und Freude in Ihrem weiteren Lebensweg.

—| IOCO Interview |—

Montepulciano, Roland Böer – Cantiere Internazionale d’Arte, IOCO Interview, 08.08.2020

August 8, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Interview, Konzert, Oper

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano

Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano

VIVERE L’UTOPIA!

Roland Böer, künstlerischer Leiter des Cantiere di Montepulciano im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann

Das malerische Montepulicano in der Toskana @ Adrian Michael / Wikipedia Commons

Das malerische Montepulicano in der Toskana @ Adrian Michael / Wikipedia Commons

Roland Böer leitet das Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano seit sechs Jahren als künstlerischer und musikalischer Leiter. Montepulciano ist eine malerische, in der Toskana gelegene  Kleinstadt, nahe Siena. Bis 2019 war Roland Böer Erster Gastdirigent des Mikhailovsky-Theater Sankt Petersburg. Böer gastiert an führenden Opernhäusern, so am Teatro alla Scala, dem Royal Opera House London, der Deutschen Oper Berlin, dem New National Theatre Tokyo und mehr. Als Konzertdirigent leitete Böer das London Symphony, das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, das Orchester des Maggio Musicale Fiorentino, das hr-Sinfonieorchester, das Münchner Rundfunkorchester, die Deutsche Radiophilharmonie und auch die Staatsphilharmonie Nürnberg. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ihn mit der Opéra de Nice und der Oper Frankfurt, der er bis heute – nicht nur räumlich, denn Roland Böer lebt im Rhein-Main-Gebiet – besonders verbunden geblieben ist.

Ljerka Oreskovic Herrmann, IOCO, sprach mit Roland Böer über das Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano, dessen von Hans Werner Henze inspirierte Historie und mehr.

Ljerka Oreskovic Herrmann (LOH): Herr Böer,  das Festival Cantiere Internazionale d’Arte in dem schönen Ort Montepulciano, Toskana, wurde von Hans Werner Henze ins Leben gerufen und findet seit 1976 jährlich statt. Es bietet vor allem jungen angehenden Künstlern und Künstlerin die Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln. Ist der „Geist“ von Henze immer noch präsent bzw. spürbar?

 RNCM SYMPHONY ORCHESTRA / Roland Böer dirigiert @ Cantiere Montepulciano / Irene Trancossi

RNCM SYMPHONY ORCHESTRA / Roland Böer dirigiert @ Cantiere Montepulciano / Irene Trancossi

Roland Böer (RB): Henze und der Geist des Cantiere waren, sind und bleiben allgegenwärtig. Nach seinem Tod 2012 wurde das ‚Istituto di Musica di Montepulciano’, mit seiner etwa 300jährigen Geschichte eine der ältesten örtlichen Musikschule Italiens, nach seinem Namen benannt. In der ‚Sala Henze’, dem Raum, in dem 1980 die Proben zur Uraufführung von Pollicino stattfanden, sind die mittlerweile weit bekannten, schwarz-weißen Fotos aus der Produktionszeit ausgestellt. Nach wie vor bildet die Zusammenarbeit international renommierter Künstler mit den Schülern der Musikschule, jungen, herausragenden Talenten und musik-und kunstliebenden Laien einen zentralen Schwerpunkt der alljährlichen Programme. In den vergangenen 45 Jahren haben Tausende Mitwirkende an diesem völlig selbstorganisierten Festival mit großem Erfolg teilgenommen und seine Ziele in aller Welt verbreitet.

LOH: Welche Bedeutung hat das Konzept von Henze für Sie persönlich?
RB: Die Grundidee von Hans Werner Henze ist so einfach wie genial: da jeder von jedem etwas lernen kann, und jeder, wie es Henze selbst formulierte, „Lehrer und Schüler zugleich“ ist, arbeiten alle in einer beispielhaft solidarischen Atmosphäre ausschließlich für Kost und Logis. Keiner der Künstler erhält ein Honorar! Was den professionellen Mitwirkenden im Laufe ihrer Karriere an Erfahrung und Möglichkeiten geschenkt wurde, geben diese den nachfolgenden Generationen weiter, freiwillig, großzügig, um der Kunst willen. Belohnt werden alle gleichermaßen durch die Erfahrung eines besonderen künstlerischen und menschlichen Zusammenhalts, das gemeinsame Erleben von Begeisterung und Hingabe, und nicht zuletzt die Schönheit der Toskana. Damit unterscheidet sich das Cantiere Internazionale d’Arte grundsätzlich von einem typischen Festival kommerzieller Natur und stellt für mich als weltweit einzigartige soziokulturelle Initiative die gelebte Utopie einer besseren Welt dar.

Cantiere Internazionale d’Arte in Motepulciano -italienisch
youtube Trailer intoscana
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

LOH: Wie wichtig ist dabei der Austausch mit dem Publikum, mit den Menschen im und vor Ort?
RB: In Henzes Schriften zum Thema Musik und Politik findet sich das Kapitel „Die Kunstwerkstätten von Montepulcian“ aus dem Jahr 1984. Henze schreibt im Hinblick auf die ersten Jahre des Cantiere: ‚Ich meinte, man müsse nun verschiedene Maßnahmen ergreifen, um sicher zu gehen, dass Montepulciano in nächster Zukunft ein eigenes, bodenständiges Kulturleben haben würde, in dem alle, jung und alt, Leidenschaft, oder zumindest Interesse für eine der vielen Formen des künstlerischen Ausdrucks, die in der europäischen Kultur existieren, entwickeln zu können, wenn ihnen nur danach zumute war.’ Und er fährt später fort: ‚Ich hoffte, die Musik könne das wirtschaftliche und gesellschaftliche Niveau der Gemeinde verbessern und könne schließlich dazu beitragen, die Stadt für ihre Einwohner zu einem angenehmeren und lebhafteren Aufenthaltsort zu machen.’

Henze bezieht sich hier auf die Anfangsjahre um 1976, als der es an der Musikschule gerade mal drei Schüler gab. Im Rahmen seiner vielfältigen Projekte der künstlerisch-musikalischen Animation schrieb er 1980 die mittlerweile weltbekannte Oper Pollicino, für genau die Musikerinnen und Musiker, die in gerade dieser Zeit an der Musikschule Unterricht nahmen – was im Nachhinein auch die überaus merkwürdige Partitur erklärt, in der neben einigen Streichern eben auch Klavier, Harmonium, Blockflöten, Orff-Instrumente und Psalter besetzt sind. Die Vorbereitung der Uraufführung steht aber auch exemplarisch für die beispiellose Mitwirkung der örtlichen Bevölkerung, insbesondere derer, die nicht musikalisch aktiv waren, sondern Kostüme nähten, Bühnenbilder mit bauten, Plakate malten oder die Werbetrommel rührten.
Mittlerweile sind an der Musikschule über 1200 Schüler eingeschrieben, was angesichts der nur rund 14.000 Einwohner Montepulcianos eine erstaunlich hohe Zahl ist und ohne das Verständnis und die aktive Anteilnahme und Beteiligung des Publikums vor Ort nicht zu erklären wäre. Ich denke, dass es mittlerweile kaum einen Einwohner gibt, der nicht auf eine aktive Teilnahme beim Cantiere Internazionale zurückblicken kann. Viele derer, die damals als Kinder die Anfänge des Cantiere miterlebten, leben heute noch dort und haben ebenfalls Kinder oder sogar Enkel, die bereits mitgemacht haben.

Cantiere International D Arte Motepulciano @ Cantiere International Montepulciano

Cantiere International D Arte Motepulciano @ Cantiere International Montepulciano

LOH:  Was bedeutet das diesjährige Festival für den Ort? Zeigt sich angesichts der Pandemie-Situation nicht vielmehr, dass Musik (CD, Streaming etc.) zwar aufgenommen werden kann und damit jederzeit abrufbar wird, aber dass es Raum und Zeit braucht, in der sie sich richtig entfalten kann, weil der unmittelbare Kontakt zum Publikum da ist.
RB: Alles, was in den vergangenen Monaten an rührenden, tröstlichen und bemerkenswerten Versuchen unternommen wurde, trotz aller Widrigkeiten musikalisch aktiv zu kommunizieren, hatte letztlich den schalen Nachgeschmack des Surrogats und hinterließ viele Menschen im Gefühl der Abgeschiedenheit und Einsamkeit.
Musik ist wahrscheinlich die Kunst mit dem größten sozialen Anspruch, was deren Aufführung durch Orchester und Chöre und deren Aufnahme durch das Publikum in den Opernhäusern und Konzertsälen anbetrifft. Das gemeinsame, gleichzeitige Erleben von Musik mit allen Sinnen, das kollektive Verbundensein durch die in Tönen und Klängen schwingende Luft, das instinktive Teilen von Emotionen und nicht zuletzt der Austausch im spontanen Gespräch im Foyer ist durch nichts zu ersetzen.
Dass wir in diesem Jahr tatsächlich das 45. Cantiere veranstalten grenzt an ein Wunder, für das wir gar nicht genug dankbar sein können. Es stillt unsere unermessliche Sehnsucht nach menschlicher Nähe im gemeinsamen Schaffen und Musizieren und der direkten Begegnung mit unserem Publikum.

LOH: Inwiefern wurde Ihre Planung von den diesjährigen Bedingungen beeinflusst?
RB: Bereits im April zeichnete sich ab, dass viele der bereits engagierten ausländischen Künstler nicht kommen können würden – das Royal Northern College of Music in Manchester, dessen beste Studenten alljährlich unser Residenzorchester bilden, hatte seine Türen bis über den Sommer hinaus geschlossen, ein Ensemble aus Österreich, das eigentlich eine klassische Oper gespielt hätte, hatte abgesagt und viele weitere europäische und sonstige internationale Künstler schreckten vor den bestehenden Einreiseregelungen und der drohenden Quarantäne zurück.
Vor diesem Hintergrund war klar: es würde keine Opernproduktion, keine großen Sinfoniekonzerte und auch keine Theaterveranstaltungen mit Beteiligung einer größeren Gruppe örtlicher Laienschauspieler geben. Ich habe sofort, nachdem die aktuellen Dekrete der italienischen Regierung es ausdrücklich zuließen, ein neues Cantiere-Gesamtprogramm entwickelt und es geschafft, doch immerhin 35 von ursprünglich 50 Veranstaltungen zu retten. Um die Notwendigkeit der Abstandswahrung der Musiker zueinander in künstlerischen Ausdruck zu verwandeln, habe ich sogar ein neues Projekt erdacht und vier Komponisten beauftragt, sich mit den Themen ‚Verlust und Einsamkeit’, ‚Innerer Dialog’ sowie den Möglichkeiten der Kommunikation über weite Distanzen zu beschäftigen.
Insgesamt kamen uns zwei wesentliche und Cantiere-spezifische Gegebenheiten sehr entgegen. Zum einen hätten wir ohnehin einen Großteil der Konzerte open-air veranstaltet, so wie wir dies nun konsequent auf drei verschieden großen Bühnen tun werden, zum anderen sind wir, im Vergleich zu kommerziellen Festivals, nicht auf die Einnahmen an der Abendkasse angewiesen und können es uns sogar leisten, unsere Eintrittskarten als Zeichen der Solidarität zu stark reduzierten Preisen zu verkaufen.

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Cantiere Montepulciano auf dem Piazza Grande @ Cantiere Montepulciano / Marco Mazzolai

Da das Cantiere Internazionale d’Arte laut dem ‚Giornale della Musica’ seit Jahren zu den zehn wichtigsten Festivals in Italiens zählt, entsprach es auch ausdrücklich dem politischen Willen des Bürgermeisters und des Stadtparlaments, das Cantiere so reichhaltig und umfangreich zu veranstalten wie nur irgend möglich. Neben der langjährigen großzügigen Unterstützung seitens des Italienischen Kultusministeriums werden wir in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal auch durch das Deutsche Auswärtige Amt gefördert. Immerhin sind wir wie nur wenige Veranstalter in der Lage, Beethovens 250. Geburtstag gebührend, d.h. mit Orchester- und Kammerkonzerten und namhaften Solisten zu feiern. Weitere Bezüge zu Deutschland stellen wir im übrigen mit einer Hommage à Detlev Glanert, einem neuen Theaterprojekt des Regisseurs Marco Tullio Giordana auf der Grundlage des Briefwechsels Henze/Bachmann und dem Cantiere-Debüt des jungen Zeisig-Trios (Bundespreisträger ‚Jugend musiziert’) her.

LOH: Wofür steht das Motto Caos e Creazione – Scienca Arte Utopie oder anders gefragt, was ist darunter zu verstehen?
RB: Ursprünglich sollte der Titel etwas anders lauten, nämlich Scienza, Arte, Utopie – Prometheus reloaded. Er beschließt eine Trilogie, die vor drei Jahren mit Vita, Morte, Meraviglie begann und sich mit den Fragen der persönlichen Identität und der Rolle jedes einzelnen im ‚großen Welttheater’ befasste, dann im vergangenen Jahr in das Thema Amore, Passione, Follia mündete, in dem es um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Beziehungen zwischen mindestens zwei Menschen ging, und die schließlich hinführen sollte zu der Frage der sozialen und politischen Verantwortung des Individuums innerhalb der Gesellschaft und der Auslotung von Utopien einer besseren Welt.
Vor dem Hintergrund der allgemeinen Situation (und dem praktischen Umstand, dass einige bedeutende Orchesterwerke zum Thema Prometheus nicht mehr aufführbar waren), habe ich der diesjährigen Ausgabe den neuen Übertitel Caos e Creazione – Chaos und Schöpfung gegeben. Ich gehe dabei davon aus, dass wahre Kreativität ihren Ursprung in der Suche nach Ordnung und Sinn inmitten der Unordnung, des Chaos und damit der Formlosigkeit hat.
Das ‚Prometheus-Prinzip’ ist dabei, dass nur der durch Wissenschaft und Kunst sensibilisierte und gebildete Mensch in der Lage ist, neue Konzepte des Zusammenlebens zu entwickeln, Träume Wirklichkeit werden zu lassen und Utopien tatsächlich zu leben.
Vivere l’utopia! – das war und bleibt das Ur-Motto Henzes!

LOH: Seit zwölf Jahren leiten Sie das Festival als musikalischer Direktor, die letzten sechs Jahre als künstlerischer Gesamtleiter. Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?
RB: Schon als ich 2009 als musikalischer Leiter an der Seite von Detlev Glanert als künstlerischem Leiter anfing, war für uns beide wichtig, jedes Cantiere-Jahr unter ein bestimmtes Motto oder Thema zu stellen, das uns relevant für die Zeit erschien und uns einerseits zu bestimmten Projekten inspirierte, andererseits aber die Auswahl der unendlich scheinenden Möglichkeiten musikalischer Programme erleichterte.
Da die Verträge mit der Fondazione Cantiere immer auf drei Jahre beschränkt sind, habe ich gelernt, in Dreierschritten zu denken und zu planen. Für die ersten drei Jahre standen nach kürzester Zeit die Themenfelder Inferno, Purgatorio und Paradiso fest – frei nach Dante. Nach meiner Verlängerung und an der Seite des künstlerischen Leiters Vincent Monteil widmeten wir uns den Elementen Wasser, Luft und Feuer – im vollen Bewusstsein, dass das vierte Element, die ‚Erde’, fehlte.
Als ich dann ein weiteres Mal verlängert wurde und mir sogar die künstlerische Gesamtleitung angetragen wurde, beschloss ich, das Element ‚Erde’ zum neuen Ausgangspunkt meiner programmatorischen Überlegungen zu machen. So entstanden die Ausgaben Terra, Guerra e Pace, Natura e Tecnologia und schließlich Contemplazione ed Estasi.
Die sinfonischen und sonstigen musikalischen Programme standen jeweils in engem Zusammenhang mit den betreffenden Themen, so wie auch jedes Cantiere zu einem in sich geschlossenen kleinen Gesamtkunstwerk wurde. Es würde definitiv den Rahmen dieses Interviews sprengen, wollte ich auch nur eine Auswahl dessen erwähnen, was wir innerhalb der letzten zwölf Jahre auf die Bühne gebracht haben.
Wichtig erschien mir jedenfalls immer und ganz im Sinne Henzes, möglichst alle Genres vertreten zu sehen, Oper, Theater, Tanz, Sinfonik, Kammer- und Kirchenmusik, Recitals, Performance, Ausstellungen mit Musik und vieles mehr, dabei eine gute Balance zwischen traditionellem Repertoire, Vergessenem und Zeitgenössischem zu wahren, junge Menschen als neues, nachwachsendes Publikum zu begeistern und jungen Talenten die größtmögliche Unterstützung zu Teil werden zu lassen.

LOH: Nach zehn Jahren sind Sie zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden.
RB: Tatsächlich war dies eine der größten und auch schönsten Überraschungen während meiner Zeit in Montepulciano. Nachdem ich eigentlich schon längst zum ‚mezzo-Italiano’ geworden war, wurde ich vom damaligen Bürgermeister Andrea Rossi für ‚herausragende Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt Montepulciano’ öffentlich mit der Verleihung des Grifo Poliziano geehrt, was einer Ehrenbürgerschaft entspricht.

LOH: Nach zwölf Jahren äußerst erfolgreicher Arbeit hören Sie auf? Warum? Entsteht langsam Wehmut?
RB: Montepulciano ist ein magischer Ort, der Berg vielleicht, an dem Noahs Arche strandete, oder gar das Paradies. Niemand, der dort einmal war, möchte freiwillig so schnell wieder gehen.
Was das Cantiere anbetrifft, gehört eine ständige Erneuerung jedoch zu den Grundvoraussetzungen seines Weiterbestehens und seines Erfolges. Für mich war es von größter Bedeutung, den richtigen Zeitpunkt zu finden und vor allem meinem Nachfolger ein bestelltes Feld zu hinterlassen. Daher habe ich bereits vor drei Jahren meinen Rücktritt angekündigt und damit mir selbst und allen meinen fantastischen Mitarbeitern die Gelegenheit gegeben, wirklich vorzusorgen für die Zukunft nach meinem letzten Konzert am 2. August.
Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, die natürlich wie im Fluge vergangen ist, aber gleichzeitig mehr als ein Viertel der Geschichte des Cantiere ausmacht. Niemand unter meinen Vorgängern war so lange engagiert. Ich bin unendlich dankbar für all das, was ich erfahren und lernen und zum ‚großen Ganzen’ beitragen durfte und ich gehe erfüllt und glücklich, um eines Tages als Freund wiederzukommen.

LOH: Welche Projekte haben Sie für die Zukunft? Werden Sie auch in Frankfurt wieder am Pult stehen?
RB: Im Moment herrscht eine allgemeine Unsicherheit. In der Tat ist es ja leider so, dass keiner genau weiß, ob und wie es nach der Sommerpause weitergehen wird. Viele Engagements, gerade die im Ausland, sind noch in der Schwebe. Ich hege die große Hoffnung, dass ich (zusammen mit allen anderen ausübenden Künstlern) wieder anfangen können werde zu arbeiten. Die nächsten zukünftigen Engagements sind an der Oper Frankfurt, Opéra de Nice, Teatro Regio di Torino und bei den Tiroler Festspielen Erl.
Als Dirigent hat man natürlich immer zu tun, am Schreibtisch vor der Partitur und am Klavier, das ist oft mit soviel Muße wie jetzt gar nicht möglich. Außerdem: Seit einiger Zeit habe ich wieder angefangen, mit größter Freude und Hingabe zu komponieren, tue das aber im Moment (noch) unter einem (französischen) Pseudonym, mit geplanten Uraufführungen und einigem Erfolg im In- und Ausland – sehr spannend! Und als Komponist wüsste ich etwaige Lücken im Kalender sehr gut zu nützen.

LOH: Lieber Roland Böer, im Namen unserer IOCO Community wie unserer Leser möchte ich mich herzlich für dies so inhaltsreiche Gespräch bedanken. Natürlich wünschen wir Ihnen wie Ihren kunstschaffenden Kollege/nnen auch, daß die so belastenden derzeitigen Unsicherheiten bald enden.

———————————–

Roland Böer, Dirigent und künstlerischer Leiter in Montepulciano @ Marco Mazzolai

Roland Böer, Dirigent und künstlerischer Leiter in Montepulciano @ Marco Mazzolai

Roland Böer  ist ein international freischaffender Opern- und Konzertdirigent. Als erster Gastdirigent war er am Mikhailowsky-Theater in Sankt Petersburg bis 2019 engagiert. Seit sechs Jahren ist er künstlerischer und musikalischer Leiter des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano. Nachdem er 2009 an der Seite des Komponisten Detlev Glanert zunächst als musikalischer Leiter engagiert worden war, wurde ihm 2015 auch die künstlerische Gesamtleitung der 1976 von Hans Werner Henze gegründeten „Internationalen Kunstwerkstatt“ anvertraut; er ist für die Planung und Durchführung von rund fünfzig Veranstaltungen mit bis zu 400 Mitwirkenden pro Saison, darunter Oper, Musical, Theater, Performance und Ballet, sowie Sinfonie- und Chorkonzerte, Kammermusik, Recitals, Kurse und Ausstellungen verantwortlich

Nach seinem Studium bei Prof. Peter Falk und Prof. Günther Wich an der Staatlichen Hochschule für Musik Würzburg war Roland Böer von 1996 bis 1999 zunächst Solorepetitor an der Oper Frankfurt, von 1999 bis 2002 Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung an der Deutschen Oper am Rhein und gleichzeitig persönlicher Assistent von Antonio Pappano bei den Bayreuther Festspielen, am Théâtre de la Monnaie in Brüssel und am Royal Opera House Covent Garden in London, bevor er von 2002 bis 2008 als Kapellmeister an die Oper Frankfurt zurückkehrte. Während dieser Zeit erarbeitete er sich ein breitgefächertes Repertoire mit Werken, Verdi, Puccini, Strauss und Wagner, von Händel bis Henze, aber auch zeitgenössische Opern.

Seit seinem Debüt an der English National Opera London 2005 mit La Clemenza di Tito und beim Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom mit Così fan tutte ist Roland Böer einer der meist gefragten Mozart-Interpreten seiner Generation. So leitete er beispielsweise Produktionen von Die Zauberflöte am Teatro alla Scala, Milano, am Royal Opera House, London und der Deutschen Oper Berlin, Idomeneo und Die Entführung aus dem Serail an der Oper Frankfurt, Le Nozze di Figaro an der Opéra du Rhin in Straßburg, der Polnischen Staatsoper in Warschau, am Teatro dell’Opera di Roma, Don Giovanni mit dem Philharmonischen Orchester Bergen, Thamos mit dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino Così fan tutte an der Opera di Firenze.

Er gastierte an der Komischen Oper Berlin (Salome), dem Theater Bonn Der fliegende Holländer und der Wiener Volksoper Salome, Rusalka, Tiefland, dem Teatro Regio di Torino, dem Teatro Petruzzelli di Bari, dem Stadttheater Bern Hänsel und Gretel, an der Opéra National du Rhin Straßburg und der Opéra de Lyon, dem Théâtre de la Monnaie Brüssel L’Heure espagnole, L’enfant et les sortilèges, den Königlichen Opernhäusern Kopenhagen Albert Herring, Tannhäuser, dem Stockholm Manon Lescaut, Der Rosenkavalier, der Ungarischen Staatsoper Budapest und dem Tschechischen Nationaltheater Prag Elektra, sowie am New National Theatre Tokyo Die Zauberflöte.

Eine langfristige und besonders erfolgreiche Beziehung pflegt Roland Böer mit der Opéra de Nice. Hier leitete er ausschließlich Neuproduktionen. Im Bereich der zeitgenössischen Oper leitete er Produktionen von Pollicino (Hans Werner Henze), Tri Sestri (Peter Eötvös), Nacht (G. F. Haas) und Enrico (Manfred Trojahn), sowie die Uraufführung von Icarus (David Blake und Keith Warner). Auch an der Oper Frankfurt ist er regelmäßig  Gast, unter anderem für Arabella, Die verkaufte Braut, Hoffmanns Erzählungen und La Damnation de Faust. Für die Spielzeit 2021/22 ist die Uraufführung der neuen Oper von Hauke Berheide und Amy Stebbins, The People out there, im Auftrag der Oper Frankfurt und gemeinsam mit dem Ensemble Modern geplant.

Als Konzertdirigent leitete Roland Böer die Filarmonica della Scala, das London Symphony Orchestra, das Oslo Philharmonic Orchestra, das Radiosinfonieorchester Frankfurt und das Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks, die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken /Kaiserslautern, das Philharmonische Orchester Erfurt und die Staatsphilharmonie Nürnberg, das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und das Bournemouth Symphony Orchestra, das Orchestre Philharmonique de Luxembourg und das Sinfonieorchester des Mikhailovsky-Theater Sankt Petersburg. Er dirigierte außerdem das Ensemble Modern, Northern Sinfonia, das Scottish Chamber Orchestra und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Nach seinem erfolgreichen Debüt bei den Tiroler Festspielen Erl im Dezember 2019 wurde er für drei weitere Konzerte in den nächsten Spielzeiten engagiert.

Neben dem Hauptschwerpunkt seines symphonischen Repertoires, den Werken von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Gustav Mahler, Richard Strauss und Hans Werner Henze, widmet sich Roland Böer regelmäßig der Aufführung oder Uraufführung zeitgenössischer Werke, etwa von Kalevi Aho, Francesco Antonioni, Detlev Glanert, Moritz Eggert, Mauro Montalbetti, Hannes Pohlit, Rolf Rudin und Ludger Vollmer.

Roland Böer verbindet mit dem Royal Northern College of Music in Manchester (RNCM) eine nunmehr zwölfjährige, intensive Zusammenarbeit. Mit dem RNCM Symphony Orchestra, dem Orchestra-in-Residence des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano, erarbeitet er alljährlich zwei bis drei große sinfonische Programme, aber auch Opernproduktionen und Ensemblekonzerte. Mit der Verleihung des „Congregation Award“ und der offiziellen Aufnahme als Fellow RNCM wird sein langjähriger, erfolgreicher Beitrag zur Ausbildung dieses quasi professionellen Hochschulorchesters im Dezember 2020 eine besondere Würdigung erfahren. In Mailand arbeitete er mit dem Orchester der Accademia della Scala in Mailand und war Leiter eines großangelegten Gemeinschaftsprojekts mit ausgewählten Studierenden der Hochschulen Brüssel, Antwerpen und Maastricht. Er war außerdem mehrfach Vorsitzender der Jury internationaler Gesangswettbewerbe, wie Giulio Neri in Torrita di Siena und Lauritz Melchior in Aalborg, und dirigierte die Finalkonzerte der internationalen Gesangswettbewerbe Queen Sonia und Queen Elisabeth in Oslo und Brüssel.

—| IOCO Interview |—

Kiedrich, St. Valentinus Kirche, Willibald Bibo und die Kiedricher Orgel, IOCO Aktuell, 01.08.2020

August 1, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Interview, Konzert, Portraits

St Valentinus in Kiedrich @ Oreskovic Herrmann

St Valentinus in Kiedrich @ Oreskovic Herrmann

Kiedricher Orgel – Kiedricher Chorknaben

 Willibald Bibo, Organist – im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann, IOCO, über St. Valentinus, seine Orgel und einzigartige Kiedricher Chorgesänge

Wenn vom Rheingau die Rede ist, denken viele Menschen zuallererst an die ungemein schöne Kulturlandschaft am Rhein, die Weinberge und das üppige Grün an den Hügeln im Sommer, die Wirtshäuser und Weinschenken und das gesellige Zusammensein – was einfach nur für pure Lebensfreude steht. Wer es aber bei der genussvollen Sättigung allein nicht belassen möchte, für den bietet sich ein Spaziergang an, der alle Sinne beansprucht und herausfordert. Die Rede ist von Kiedrich. Der malerische Ort mit etwa 4.200 Einwohnern besitzt mit der alten Kirche St. Valentinus und Dionysius und ihrer im 15. Jahrhundert entstandenen Orgel ein in weltweiten Maßstäben bedeutendes Kultur-Wahrzeichen.

Der erste karolingisch-romanische Kirchenbau in Kiedrich stammt aus dem 11. Jahrhundert und wurde dem hl. Dionysius geweiht. Valentinus’ Reliquien – eine Schenkung des in der Nähe liegenden Kloster Eberbachs – befinden sich seit dem 14. Jahrhundert in der Kiedricher Kirche, die damit zur Pilgerstätte wurde. Ab 1490 erfolgte das Patronat und als Patron der sogenannten „fallenden Krankheiten“ (wie z.B. der Epilepsie) wird Valentinus verehrt – doch in aller Welt bekannt geworden ist er als Beschützer der Liebenden. Der Valentinstag, immer am 14. Februar, ist nicht nur ein Fest für Blumenhändler, er ist der fest im Kalender vermerkte Anlass, sich die gegenseitig Liebe mittels Blumen zu bekunden.. Früher – auch das sei erwähnt – war der Valentinstag der einzige Tag, an dem Männer mit Blumen beschenkt wurden.

Heute trägt das Gotteshaus auch den Ehrentitel Basilica minor (kleinere Basilica) eine Bezeichnung, die seit dem 18. Jahrhundert vom Papst herausragenden sakralen Bauwerk zugesprochen wird. Es war „unser“ Papst Benedikt XVI., der 2010 die St. Valentinus und Dionysius Kirche mit dem Titel Basilica minor auszeichnete. Heutzutage pilgern viele Menschen dorthin. Nicht allein wegen Valentinus – die Kirche zieht auch weniger gläubige Menschen an: Prächtige alte Kirchenbänke zeugen von Handwerkskunst und tief empfundenen Glauben, der Altar mit der Madonnenstatue, die lange Zeit – aus unbegreiflichen Gründen – ausgelagert und vergessen war und von einem englischen Baronet ihren rechtmäßigen Platz in der Kirche wieder erhielt – und natürlich die mächtig-prunkvolle Orgel. Dies ist der „Arbeitsplatz“ von Willibald Bibo, einem der Organisten in Kiedrich. Doch der Reihe nach.

 St Valentinus in Kiedrich @  J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich @  J. Herrmann

Sir John Sutton – Ein Wohltäter aus England

Wer den Haupteingang wählt, wird sofort die Kirchenbänke bestaunen, die 1510 von Erhart Falckener aus Abensberg in Bayern angefertigt wurden und mit zahlreichen Inschriften und floralen Darstellungen im Flachschnitt versehen sind – es ist ein äußerst selten so vollständig erhaltenes Chorgestühl. Der Mittelgang führt zur Kiedricher Madonna, die auf einer Stele mittig unter dem Lettner aufgestellt ist. Der Künstler ist unbekannt, aber ihre Entstehungszeit dürfte um 1330 gewesen sein. Irgendwann verschwand die Madonna, landete auf einem Speicher – bis ihr „Entdecker“, der eingangs schon erwähnte Baronet Sutton auf den Plan trat. Sir John Sutton (3rd Bt.), 1820 in Sudbrooke Holme, Lincolnshire geboren, kam 1857 während seiner – für englische wohlhabende Adlige üblichen – sogenannten Grand Tour durch Europa nach Kiedrich. Er war begeistert und blieb – nicht nur die Gegend, der Ort, sondern vor allem die Kirche hatte es ihm angetan. Bis heute gilt er als der „Wohltäter der Kirche“ und ganz Kiedrichs. Als Dank trägt die vor St. Valentinus verlaufende Straße seinen Namen. In der Kirche ist er im Chorraum in einem Kirchenfenster – nach seinem Tod verewigt kniend worden; Sutton trat 1855 zum katholischen Glauben über – Organist Bibo ist jedoch sicher, dass Baronet Sutton dies nicht gewollt hätte – er war als bescheidener Mann bekannt.

Damals erstrahlte die Kirche nicht mehr; die große Zeit der Orgelmusik war nicht nur im Rheingau vorbei; Mozart z.B. hat nicht ein einziges Orgelkonzert geschrieben. Zudem fehlte nach dem Dreißigjährigen Krieg Geld für Erneuerungen, so dass auch in Kiedrich die Entfernung der Orgel (um 1800) erwogen wurde. In vielen Kirchen finden sich tatsächlich, nach der Barockzeit, nicht mehr alte Orgeln, sie wurden nicht mehr benutzt und benötigt, waren ruinös und sind durch neue ersetzt worden. „Man hat etwas Gescheites reingestellt“ bringt es Bibo auf den Punkt. Auch der Kiedricher Orgel drohte das Schicksal, aber das mangelnde Geld verhinderte die Entfernung aus der Kirche. Zum Glück! Und ein fast noch größerer Glücksfall war die Ankunft des englischen Adligen. Baronet Sutton war sehr kunstsinnig und bewies einen Sinn für Gotik, war musikalisch talentiert und ein guter Klavier- bzw. Orgelspieler – und erkannte trotz Mängel und schlechtem Zustand die besondere Bedeutung von Kirche und Orgel. Und er scheute die enormen Kosten nicht: Die Restaurierung der alten defekten Orgel, deren Substanz größtenteils erhalten blieb, erforderte einen Gesamtaufwand von 6.000 Gulden!

 St Valentinus in Kiedrich / hier : Organist Willibald Bibo auf "seiner" Orgel spielend @  J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich / hier : Organist Willibald Bibo auf „seiner“ Orgel spielend @  J. Herrmann

Heute in Kiedrich –  Eine der ältesten spielbaren Orgeln der Welt

Willibald Bibo, einer der Organisten St. Valentinus Kirche ist mit „seiner“ Orgel bestens vertraut: „Das Besondere für mich ist, dass ich diese Orgel von Kindheit an kenne. Ich bin hier geboren, hier groß geworden. Als Kind hier in den Bänken gesessen, habe die Orgel gehört und dann auch schon im Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal die Orgel gespielt.“ Und Bibo führt weiter aus: „Ich habe das Glück und das Vergnügen auf dieser besonderen Orgel zu spielen – und das jetzt schon seit sechzig Jahren.“ Die Orgel entstand um oder nach 1500, lange Zeit galt sie als die älteste (gotische) spielbare Orgel Deutschlands, die heutige Sicht fällt differenzierter aus, ihre historische Bedeutung bleibt jedoch unbestritten. Und es mindert  nicht im geringsten den Wert dieses Instrument, im Gegenteil: Tatsache ist, so Bibo, dass es sich mit Sicherheit um eine der ältesten spielbaren Orgeln Deutschlands und Europas handelt. Die frühe Verbundenheit mit der Orgel dürfte aber seinem Berufswunsch befördert haben. Der damalige Organist war sein Cousin, der dem – noch – Schuljungen Willibald (Bibo) einfach sagte: „Ich bringe dir das bei, und dann kannst du mir helfen und mitspielen – so bin ich da reingewachsen.

Von ihm erhielt er den ersten Klavier- und Orgelunterricht, später studierte Willibald Bibo Schul- und Kirchenmusik an der Musikhochschule in Mainz; sein Staatsexamen schloss er in Orgel mit der Note „sehr gut“ ab. Nach seinem Examen übte er zeitweise auch die Lehrtätigkeit als Dozent für Tonsatz und Kontrapunkt (das sind die Grundlagen der Komposition) und für konzertantes Orgel- und Cembalospiel an seiner Heimatuniversität aus. Hauptberuflich war Bibo Gymnasiallehrer, als Oberstudienrat unterrichtete er die Fächer Musik, Deutsch und Latein.

Lateinisches Hochamt der Kiedricher Chorknaben
youtube Trailer mywayfilmproduktion
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Seit 1333 – Einzigartige Choralgesänge der Kiedricher Chorbuben

Wegbereiter für Andreas Scholl Elisabeth Scholl

Seine musikalische Laufbahn begann er, wie es sich für einen Kiedricher gehört, bei den Kiedricher Chorbuben – sie gestalten während des Choralhochamtes den Gottesdienst musikalisch mit und singen ihre lateinischen Gregorianischen Choralgesänge, daneben auch mehrstimmige Chormusik. Willibald Bibo hat das jahrzehntelang getan. Diese Chorgruppe setzt sich aus Knaben und Männern aus der Gemeinde Kiedrich zusammen und kann auf eine lange und einmalige Tradition zurückblicken. Seit etwa 40 Jahren gehören übrigens auch Mädchen dazu. Allerdings bezeugt Kiedrich auch in dieser Hinsicht Einzigartigkeit: Die Notation und Form des Chorals ist in „Gotisch-Germanischem Dialekt“Alt-Mainzer-Fassung – gehalten und wird heute nur noch dort gepflegt; nachweisen lässt sich diese Praxis aber seit dem Jahr 1333 erklingen am 2., 3. und 4. Sonntag. im Monat fast 700 Jahre Kirchen- und Musikgeschichte  „In dieser Form wird es weltweit nicht noch einmal gesungen!“ erklärt Bibo bewegt und stolz zugleich.

Auch der große Wohltäter Sutton war davon überwältigt und gründete eine Stiftung – die Choral-Schola und bewahrte die alten Choralcodices für die Nachwelt auf. Die Pflege des alten Chorals führte 1973 den ganzen Chor sogar nach England: Benjamin Britten hatte ihn zu einem Galakonzert eingeladen. Und bei dieser Gelegenheit konnte auch der Wohnort von Baronet Sutton besichtigt werden. „Aus Kiedrich und den Chorbuben sind eine ganze Reihe professioneller Musiker hervorgegangen.“ Hier seien stellvertretend Andreas Scholl (Countertenor), oder auch Elisabeth Scholl (Sopranistin) genannt. Musik „spielt“ im täglichen Leben des Ortes Kiedrich immer eine zentrale Rolle.

„Grundlage unseres Schaffens, darauf baut alles auf, sind die großen Komponisten – sei es Johannes Sebastian Bach oder Heinrich Schütz oder der große Buxtehude und all die anderen. Ohne sie wären wir nicht da, wo wir sind. Ohne Bach schon gar nicht. Ich bin zwar katholisch und in der Tradition aufgewachsen, aber ich bin mit der evangelischen Kirchenmusik und Liturgie genauso verbunden. Ich habe auch oft in evangelischen Gottesdiensten gespielt. Als Kirchenmusiker hat man keine Berührungsängste“, so Bibo.

St. Valentinus Kirche – 500 Jahre alte Orgel

Nebenberuflich ist Willibald Bibo seit 1974 Leiter der Kirchenmusik an St. Jakobus im nahe gelegenen Rüdesheim – es ist seine eigentliche Kirchenmusikstelle. Dort gibt es eine moderne große Orgel, die zwar schön, so Bibo, aber doch anders klingt. Mit der Kiedricher Orgel ist er geradezu – wie er es selbst beschreibt – verwachsen. Die „Liebe“ begann im Januar 1960, als er zum ersten Mal auf der historischen Orgel spielte, seitdem hilft er immer wieder als Organist auf „seiner“ Heimatorgel aus. Derzeit ist er auch „amtierender Organist“, weil die Stelle nicht besetzt ist. Seine Zuneigung ist mit jedem Satz zu spüren und so ähnlich dürfte auch Baronet Sutton empfunden haben: eine große, lebenslange und ansteckende Begeisterung für das alte Instrument mit seinen 1000 Pfeifen. Und auf die Frage, welche Fähigkeiten für diesen Beruf – in Bibos Fall ist es eher Berufung – notwendig sind, nennt er zwei wesentliche Aspekte: genaues Studium der Literatur und freies Spiel. „Zum einen, dass ist ganz, ganz wichtig, dass man sich sehr, sehr intensiv mit den Meistern der Musik, der Orgelmusik, der Komposition beschäftigt, sie spielen lernt und mit Bewusstsein liest. Sie lernen dabei alles für die Praxis im Gottesdienst. Der Organist muss sehr gut nach Noten spielen können, also Literatur spielen können, von Bach, Pachelbel bis Mendelssohn, César Franck und Max Reger, zum anderen muss er in der Improvisation sehr gut sein. Man kann dann quasi aus der Hand spielen, dass ist dann zwar kein Bach, kein Buxtehude, das ist dann eine „Eigenmarke“, aber das muss man auch sehr gut beherrschen – das ist sehr wichtig. Für den sonntäglichen Gottesdienst stimmen sich Zelebrant und Organist immer ab, die letzte Entscheidung trifft stets der Zelebrant.“ Und Bibo bereitet sich auch nach sechzig Jahren Orgelpraxis vor, weil auch etwas gefordert werden könnte, was er nicht so oft spielt.

 St Valentinus in Kiedrich / hier : der spät-gotische Altarraum @   J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich / hier : der spät-gotische Altarraum @   J. Herrmann

Die im 15. Jahrhundert um zwei Emporen erweiterte Kirche bot mit ihrem doppelt so hohen Deckengewölbe genügend Platz für eine Orgel, und es entsprach den Usancen der Zeit, (neuerrichtete) Kirchen mit Orgeln auszustatten. Deshalb dürfen die Jahre zwischen 1500 und 1520 als wahrscheinliches Einbaudatum für die Orgel gelten – gleichwohl gibt es keine schriftlichen Dokumente, die diesen Vorgang bezeugen. Aber eine Besoldungsordnung für einen Organisten und einen Calcanten (Balgtreter) von 1533 belegt die Existenz einer Orgel in St. Valentinus. Der Anstellungsvertrag für den Organisten Antonius Maius (Anton May) vom 3. Juni 1595 darf als erste Festanstellung eines Organisten in der Kirche gewertet werden. Willibald Bibo zeigt sich davon ergriffen, in welcher Reihe er sich weiß, dass er an derselben Orgel spielt wie 500 Jahre zuvor schon Anton May vor ihm: „Mir liegt immer viel daran klarzumachen, was auch das besondere an dieser Orgel ist. Sie ist ein kostbares altes Stück, und jedes Museum würde uns darum beneiden, aber sie ist kein Museumsstück. Sie ist bei jeder gottesdienstlichen Feier im Einsatz. So bleibt sie immer ein ‚junges Ding’.“

Die Kiedricher Orgel verfügt über 21 Register auf zwei Manualen und Pedal, die beiden Manuale können durch eine Schiebekoppel verbunden werden. Wie bei vielen alten Orgeln gibt es die sogenannte „Kurze Oktave“ auf den Manualen. Dies bedeutet, dass in der „Großen Oktave“ die Töne Cis, Dis, Fis und Gis nicht vorhanden sind, da man sie in den Stimmungen der früheren Zeit nicht benötigte und deshalb die Belegung der Tastatur veränderte: Die Tasten C, Cis, D und Dis fehlen, auf der E-Taste erklingt C, auf Fis ist es D und auf Gis E. Im Pedal fehlt das große Cis, da man dieses ebenfalls früher nicht einsetzen konnte. Der besonderen Klang, den Bibo hervorhebt, geht auf die Stimmung der Orgel zurück. Ihre Tonhöhe steht einen Halbton über der heutigen Normalstimmung. Und was ihr einen ganz eigenen individuellen und spezifisch-schönen Klang verleiht, ist die „Mitteltönige Stimmung“.

Bis ins 17. Jahrhundert war es Usus, die Orgel mitteltönig zu stimmen. Das hat bezüglich der die Spielpraxis zur Folge, dass Kreuz-Tonarten nur bis A-Dur (E-dur) und B-Tonarten nur bis B-dur (Es-dur) spielbar sind, alles andere darüber hinaus wird als „verstimmt“ wahrgenommen. Kurzgefasst heißt das, C-dur erklingt ganz rein, doch je weiter man sich von dieser Tonart entfernt, erzeugt es „Verstimmungen“ klanglicher Art. Aber die positiven Seiten dieser Stimmung sind, dass die Tonarten mit wenig Vorzeichen besonders schön, edel und unverwechselbar klingen. Bibo: „Diese Besonderheiten in der Stimmung geben der Orgel einen ganz eigenen charakteristischen Klang. Sie kann von zart bis äußerst brillant klingen. Was bei ihr auffällt, ist, dass sie einen sehr farbigen bis brillanten Klang hat. Aber man kann den Klang nicht beschreiben, man muss ihn hören.“

Die prächtig bemalten Flügel der Orgel werden nur noch selten geschlossen, da dieses eines gewissen Aufwands bedarf. Für die Malereien zeichnet der aus Groß-Umstadt stammende August Franz Konrad Martin verantwortlich. Martin wurde 1837 geboren, studierte an den Kunstakademien von Frankfurt am Main und Darmstadt und wurde von Baronet Sutton beauftragt, die Flügel zu bemalen. Sie entsprechen der kirchlichen Ikonographie der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, und in dem Künstler Martin, dessen Ambition es war, die mittelalterliche Kunst neu zu beleben, fand Sutton den idealen Partner. Eine Untersuchung von 2006 ergab, das sich keine Reste ursprünglicher Darstellungen unter Martins Malereien finden lassen, die von Sutton eingeleitete Orgelrestaurierung fand zwischen 1858 und 1860, so dass dieser Zeitraum auch für Martins Ausführungen zugrunde gelegt werden kann.

 St Valentinus in Kiedrich / hier : Altgotische Kirchenfenster @ J. Herrmann

St Valentinus in Kiedrich / hier : Altgotische Kirchenfenster @ J. Herrmann

St. Valentinus – Kiedrich –  Die „kleine“ Orgel

Neben der großen Orgel gibt es im Chorraum ein Orgelpositiv. Es ist eine einmanualige Orgel ohne Pedal und wird zumeist als Begleitung des Chorgesangs in den Choralhochämtern eingesetzt. Auch diese Errungenschaft geht auf Sir John Sutton zurück: 1860 schenkte er dem damaligen Pfarrer, Peter Zimmermann,  diese Kleinorgel. Wann sie gebaut wurde – wahrscheinlich um 1680 – ist jedoch nicht belegt. Da bei der damaligen Restauration der Orgel der belgische Orgelbauer Louis-Benoit Hooghuys aus Brügge von Sutton engagierte wurde, spricht vieles für eine Herkunft der kleinen Orgel aus Flandern. Auch in Brügge beschäftigte Sutton den zuvor erwähnten Maler Martin (St. Vivenkapelle und Schloss Lopem). Doch Sutton starb 1873 in Brügge, so dass sich Martin nach neuen Auftraggebern umsehen musste und 1886 endgültig mit seiner Familie nach Kiedrich zurückkehrte. Die Gebeine des Baronets wurden über ein Jahrhundert später, im November 1974, nach Kiedrich überführt. Im Kirchhof befindet sich die Gruft von Sir John Sutton.

Auch nach Suttons Tod waren die Orgel und die wunderbaren Glocken in Gefahr. In beiden Weltkriegen wollte man sie einschmelzen, doch glücklicherweise erkannte man auch in Berlin welch unwiederbringlicher Wert verloren gehen würde. Aber so Bibo: „Die Orgel muss immer wieder in Stand gehalten werden.“ Diesmal war es die Schweizer  Orgelbau Kuhn AG in Männedorf, die eine Sanierung in den Jahren 1985-1987 durchführte und die Wartung bis heute vornimmt. Ihre Arbeit ist der Garant dafür, dass die Orgel spielbar bleibt und ihr langjähriger Organist immer wieder mit Begeisterung die Empore zu seinem Arbeitsplatz hochsteigen kann. Der Klang der Orgel kann – Willibald Bibo hat wirklich Recht – nur unzulänglich mit Worten erfasst werden, man muss sie selbst hören – das Kleinod in St. Valentinus. Noch unter dem Eindruck der Klangfülle und verzaubert von seinem Spiel, zitiert er zum Schluss einen auf Latein und Deutsch verfassten „Spruch“ aus dem alten – von Sutton geretteten – Choralcodex von 1714:

„Si cor non orat, vane vaga lingua sonorat.
Hinc si numen amas Rhingave! corde canas“
„Mein Rheingauer liebst du Gott, treib im Singen nicht dein Spott,
denn umbsonst wendst an die Stund, wann viel singt und Hertz an Mund.“

—| IOCO Portrait |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung